Wasserdichte Kleidung. Foto: Bergans

Wasserdicht oder wasserabweisend? – also wie jetzt?

15. Dezember 2015

Unterschied zwischen guter und schlechter Regenkleidung

Wiebke im Dauerregen

Worst case scenario: Zweiter Tag einer zweiwöchigen Wanderung. Der Rucksack ist randvoll mit wichtigen Sachen und Deine einzige Kleidung trägst Du am Leib. Wechselwäsche wird ohnehin (von manchen) überbewertet. Dann zieht eine Schlechtwetterfront auf und deren Ende ist so gar nicht abzusehen. Das Schlimmste, was Dir jetzt noch passieren kann, sind nasse Klamotten, denn wechseln kannst Du nicht und wann Du sie das nächste Mal in die Sonne hängen kannst, weißt auch Du nicht. Eine der nervigsten Binsenweisheiten besagt ja, es gäbe kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Bekleidung. Leider ist der Spruch aber auch ziemlich wahr und in einer solchen Situation rettet Dich nur noch die richtige Regenschicht vor Nässe, Kälte, Druckstellen und Blasen. Aber woher weiß man, wo der Unterschied liegt zwischen guter und schlechter Regenkleidung? Was hält richtig dicht?

Eine Norm muss her

Sie bestimmt, nach welchen Kriterien die Wasserdurchlässigkeit eines Stoffes oder einer Membran gemessen wird. Oder verständlicher ausgedrückt: wie schnell ein Stoff oder eine Membran Wasser durchlässt.

Dabei wird der Stoff Wasser ausgesetzt, das mit einem konstanten Druck auf den zu testenden Stoff einwirkt. Dann wird gemessen, nach welcher Zeit sich drei Tropfen Wasser ihren Weg durch den Stoff gebahnt haben. Die Zeit kann aber auch in Druck umgerechnet werden. Dieser wird dann in Millimeter Wassersäule angegeben. Fragt mich nicht warum. Merkt Euch einfach nur die Maßeinheit.

Und immer wenn Normen ins Spiel kommen, wird es natürlich lustig. Achtung es geht los: Bei Bekleidung tritt die europäische Norm DIN EN 343:2010-05 (Schutzkleidung gegen Regen) in Kraft. Laut ihr ist ein Stoff ab 800 mm Wassersäule wasserdicht Klasse 2 und ab 1.300 mm Wassersäule wasserdicht Klasse 3. Und da das alle nur noch mehr verwirrt, lautet die Faustformel in Deutschland, dass ein Stoff ab 1.500 mm Wassersäule wasserdicht ist. So kann man eigentlich nichts falsch machen.

Unsere Freunde aus der Schweiz sind da noch etwas strenger. Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) in Sankt Gallen sagt, dass ein Stoff ab 4.000 mm Wassersäule wasserdicht ist. Soso.

Und wieviel Wassersäule braucht man nun wirklich?

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Das hängt wie immer ganz davon ab, was man im Regen unternimmt und was der Stoff während der Wassereinwirkung aushalten muss. Hierbei ist entscheidend, ob neben dem Wasser auch Druck auf den Stoff ausgeübt wird. Etwa ob wir mit einer Regenjacke einfach so im Regen stehen oder ob starker Wind auf das Wasser auf der Jacke drückt oder gar die Träger eines schweren Rucksacks Druck auf die von außen nassen Schulter- und Rückenpartien ausüben und das Wasser durch den Stoff drücken wollen.

Um Euch einen kleinen Eindruck der Kräfte zu vermitteln: Laut Wikipedia werden beim Sitzen auf feuchtem Untergrund rund 2.000 mm Wassersäule aufgebaut, geht man in die Hocke, sind es bereits 4.800 mm. Und das hängt dann wiederum davon ab, wie schwer der oder die Hockende ist.

Noch genauso schlau wie vorher

Mit anderen Worten, die Grenze zwischen wasserdicht und wasserabweisend ist fließend und von mehreren Faktoren abhängig: Art der Wassereinwirkung, Dauer der Einwirkung, Druck des Wassers auf den Stoff (etwa durch Wind, Rucksack oder den Träger selbst)…

Aber jetzt kommt die gute Nachricht. Eigentlich alle Hardshelljacken sind wasserdicht, zumindest alle in unserem Shop. Die meisten Hersteller beginnen mindestens mit einer Wassersäule von 10.000 mm und liegen somit weit über dem, was die Norm als wasserdicht definiert. Die meisten Hardshelljacken bewegen sich sogar in einem Bereich um die 20.000 mm und manche kratzen gar an den 30.000 mm.

Aber nie vergessen: Es hängt ganz wesentlich davon ab, was Ihr mit den Jacken (oder Hosen) unternehmen wollt. Außerdem beziehen sich diese Werte auf neue Jacken. Gebrauchte und abgenutzte Stoffe und Membranen verlieren schnell an Eigenschaften, die sie beim Neukauf noch vorweisen konnten.

Auch wesentlich entscheidend ist, seine Jacke regelmäßig zu imprägnieren. Auf einer gut imprägnierten Jacke bleibt das Wasser gar nicht lange genug liegen, um etwa vom Wind durchgedrückt zu werden.

Atmungsaktiv aber wasserdicht. Die 3-Lagen-Membran von Gore-Tex Pro

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Übrigens

Die Wassersäule bezieht sich lediglich auf die Werte des Stoffes. Andere Komponenten können sich auch entscheidend auf die Schutzfunktion einer Jacke auswirken. Durch einen schlechten Frontreißverschluss kann sehr viel Wasser in eine Jacke gelangen, besonders bei Gegenwind. Schlecht geschnittene Kapuzen sind auch so ein Punkt, den man nicht vernachlässigen sollte.

Und ganz ganz ganz entscheidend ist natürlich die Atmungsaktivität einer Jacke. Was bringt Dir eine Jacke, die von außen so dicht ist, dass sie den Schweiß, den Du produzierst, nicht abtransportieren kann? Dann wirst Du nämlich von innen nass und das ist kaum besser als von außen, außer, dass es anfangs noch wärmer ist. Hierzu hat Jascha mal einen sehr informativen Blogbeitrag geschrieben. Ihr könnt ihn hier im Basislager nachlesen.

Wie immer könnt Ihr Euch bei Fragen auch gerne an unsere Experten aus dem Kundenservice wenden. Daniel, unser Fachmann für Regenbekleidung, steht Euch unter der Woche täglich von 8.00 – 18.00 Uhr telefonisch unter +49 (0)7121/70 12 0 oder per E-Mail zur Verfügung.

Im Bereich Klettern und Outdoor tut sich viel. Neue Produkte werden erfunden, bestehende überarbeitet oder verbessert und auch wir lernen täglich viel dazu. Und natürlich wollen wir unser Wissen an unsere Kunden weitergeben. Daher überarbeiten wir regelmäßig unsere Artikel im Basislager. Wunder Dich also nicht, wenn nach ein paar Monaten ein paar Dinge anders sind. Dieser Artikel wurde zuletzt am 15.12.2015 überarbeitet.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. […] gemessenen Wassersäule ab. Eine gute Erläuterung hierzu wird von Wiebke bei Bergfreunde.de “Wasserdicht oder wasserabweisend? – also wie jetzt?” […]

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