Atmungsaktiv. Foto: The North Face

Was bedeutet atmungsaktiv? Eine kurze Einführung.

18. März 2015

Kategorie

Sportart

GORE-TEX Membran

Atmungsaktivität: ein wichtiges Thema bei Funktionsbekleidung

Im Outdoorbereich hört man das Wort gefühlt ständig und überhaupt scheint es das Ei des Kolumbus zu sein, beschäftigt man sich mit der Funktionalität von Outdoorklamotten.

Aber was steckt eigentlich hinter dem Begriff Atmungsaktivität? Atmet die Bekleidung tatsächlich? Und was genau? Die Außenluft oder etwa unsere Körperausdünstungen? Und warum ist das so wichtig?

Wir haben für Euch die wichtigsten Informationen zum Thema Atmungsaktivität zusammengetragen.

 

at·mungs·ak·tiv [ˈatmʊŋs|aktiːf] : luftdurchlässig; Beispiel: der Stoff ist atmungsaktiv.
Wortart: Adjektiv
Gebrauch: Werbesprache
Häufigkeit: 2 von 5

Viel mehr gibt ein Blick in den Duden nicht her – und das ist in der Regel mein erster Move, wenn ich nach der Bedeutung eines Wortes gefragt werde. So geschehen, als neulich das schöne Thema »Was bedeutet atmungsaktiv?« in meiner To-Do-Liste für das Bergfreunde Basislager aufpoppte. Natürlich ist es nicht so, dass mir der Begriff nicht vertraut wäre. Er begegnet einem ja vielmehr überall, immerhin kommt heute von der Socke bis zur Hardshelljacke keine Outdoor-Klamotte mehr ohne zumindest atmungsaktive Eigenschaften aus.

So oder so ähnlich geht es wohl jedem, der immer mal wieder zur Funktionstextilie greift: Man kennt den Begriff und auch seine Bedeutung, »das ist doch, wenn die Jacke beim Sport nicht am Körper klebt, oder?« Ja, schon richtig. Nichtsdestotrotz ist Atmungsaktivität eine irreführende Bezeichnung für dieses Phänomen, denn seit wann kann tote Materie aktiv atmen? Was steckt also dahinter?

Wer Sport macht schwitzt

Im Zusammenhang mit Atmungsaktivität geht es um die Frage, was mit dem Schweiß passiert

Wer Sport macht, schwitzt.

Eine Regel, so einfach wie allgemeingültig: Ein aktiver Mensch erzeugt Energie! Etwa 20% dieser Energie wandelt der Körper augenblicklich in mechanische Arbeitsleistung, der ganze große Rest aber wird in Form von Wärme abgegeben. Keine Frage, Energieeffizienz geht anders – und der Körper muss sich also dringend etwas einfallen lassen, um all‘ diese anfallende Wärme zu verarbeiten.

Die Lösung sind zwei bis drei Millionen Schweißdrüsen, untergebracht im größten Organ des Menschen, der Haut. An den Hand- und Fußflächen, in den Achselhöhlen, am Nacken, sowie an Kopf und Stirn sind sie besonders zahlreich vertreten. Bei einer durchschnittlichen, körperlichen Belastung produzieren die Drüsen täglich 200 bis 700 ml Schweiß. Bei extremer Anstrengung oder bei sehr hohen Temperaturen kann aber auch bis zu 1,5 Liter des salzigen Sekrets pro Stunde zusammenkommen.

Im Zusammenhang mit Atmungsaktivität geht es jetzt ganz einfach um die Frage, was mit diesem Schweiß passiert. Bleibt er nämlich auf der Haut, kann es unterwegs ganz schön unangenehm werden: Schweiß begünstigt die Entstehung eines Hitzestaus zwischen Körper und Kleidung, oder er kühlt unangenehm aus – und mit ihm auch der Körper. Mal ganz abgesehen davon, dass es sich einfach nicht besonders toll anfühlt, wenn die Klamotte feucht an der Haut klebt.

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Bei Atmungsaktivität geht es um die Wasserdampfdurchlässigkeit

Gerade beim Sport, also bei besonders schweißtreibenden Einsätzen, sollte Bekleidung daher in der Lage sein, Feuchtigkeit von der Haut weg nach außen zu leiten und zu transportieren. Geht die Rede von der Atmungsaktivität eines Kleidungsstücks, ist damit also eigentlich dessen Wasserdampfdurchlässigkeit gemeint. Natürlich lässt sich diese auch exakt messen, und zwar in Gramm (g) Wasserdampf je Quadratmeter (m²) Oberfläche über einen Zeitraum von 24 Stunden: bei einer Atmungsaktivität 5.000 können also innerhalb eines Tages 5.000g Wasserdampf über einen Quadratmeter der Textilie entweichen.

Atmungsaktivität, Wasserdampfdurchlässigkeit oder Feuchtigkeitsmanagement?

Um die Verwirrung perfekt zu machen, werfe ich jetzt noch einen dritten Begriff in die Runde: Feuchtigkeitsmanagement bzw. Wicking, wie es der dem-Englischen-nicht-abgeneigte Outdoorer auch gerne nennt. Beim Thema Wasserdampfdurchlässigkeit muss man nämlich zwischen zwei Varianten differenzieren:

  1. Materialien, die wasserdicht sind und dennoch Schweiß nach außen entweichen lassen
  2. Nicht wetterfeste Materialien, die aber einen aktiven Feuchtigkeitstransport ermöglichen

In Anlehnung an das englische Wort für den Kerzendocht wick spricht man bei den Textilien der zweiten Kategorie primär von Feuchtigkeitsmanagement. Dahinter steht die Idee, dass einzelne Gewebe Nässe aktiv vom Körper weg nach außen ziehen. Jetzt aber erstmal einen Blick auf jene der ersten Kategorie!

Membran, geschlossen oder offen

Regen- und Hardshelljacken kommen in der Regel mit einer technischen Membran. Diese soll es ermöglichen, dass die Jacke Wind und Wetter zwar zuverlässig ausschließt, dass sie gleichzeitig aber auch für eine hohe Atmungsaktivität sorgt. Eine Leistung, welche über zwei verschiedene Konstruktions- und Funktionsweisen erreicht werden kann: mikroporöse Membrane vs. geschlossenzellige Membrane.

Mikroporöse Membrane sind, wie es der Name schon sagt: porös, also mit mikroskopisch kleinen Löchern überzogen. Diese sind gerade groß genug, dass Wasserdampfmoleküle durch sie nach außen entweichen können. Für gewöhnliche Wassermoleküle sind die Löcher allerdings zu klein, das Material ist also nach wie vor absolut wasserdicht. In der Regel bestehen diese Membrane aus Polytetrafluorethylen, meist sind sie zudem mit einer schützenden, hauchdünnen Polyurethan-Schicht bezogen. Bekannte Vertreter sind zum Beispiel die Gore-Tex Membranen oder jene vom Gore-Konkurrenten eVent.YouTube Preview Image

Bei geschlossenzelligen Membranen hingegen lagert sich die Feuchtigkeit zunächst auf der Innenseite der Jacke an, bis die Membran leicht anquillt und die Wasserdampfmoleküle schließlich huckepack nach außen transportiert werden können – ähnlich dem Osmose-Prinzip. Gelten diese Membrane zwar als deutlich robuster, so funktionieren sie doch nur mit einer gewissen Zeitverzögerung. Gefertigt sind sie meist aus Polyester, wie zum Beispiel die umweltfreundliche Sympatex-Membran.

Baumwolle, Fleece, Merino und Co.

Regen- und Hardshelljacken bilden die äußere Schicht der Kleidung, sie sind sozusagen nur der Endverbraucher. Damit der Schweiß aber überhaupt bei der Membran ankommt, müssen die Base- und Midlayer mitziehen. Hier kommt es gar nicht so sehr darauf an, wie viel Feuchtigkeit das Material aufnimmt, als darauf, wie zügig es diese wieder abstößt. Baumwolle zum Beispiel zieht Schweiß zügig vom Körper weg, speichert ihn aber auch und verhindert so einen durchgehenden Feuchtigkeitstransport.

Besser funktionieren leichte Kunstfasern, wie Polyester, Polyacryl, Polypropylen oder Polyamid. Bei einem Normalklima von 20°C und 65% Luftfeuchtigkeit nimmt z.B. Polyester gerade einmal um die 7% des Eigengewichts an Feuchtigkeit auf. Außerdem trocknet es sehr schnell.

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Merino-Wolle ist atmungsaktiv und kann sehr viel Feuchtigkeit aufnehmen bis man sich durchgeschwitzt anfühlt

Ebenfalls allseits beliebt ist Merino-Wolle – ein natürliches Material, das nicht nur mit einem angenehm weichen Tragekomfort überzeugt, sondern auch mit klugen Funktionen: es nimmt Feuchtigkeit auf und leitet diese von der Haut weg nach außen, dabei trocknet es auch sehr schnell. Abgerundet um eine geruchshemmende Wirkung, behält man in Merino wirklich immer ein tolles Mikroklima.

Unterm Strich…

… geht es bei Atmungsaktivität also gar nicht um Luft, sondern um Wasser. Genau genommen: um Feuchtigkeit und darum, wie man diese am besten loswird. Die große Welt der Funktionstextilien bietet mittlerweile eine kaum überschaubare Anzahl an Lösungen und Lösungsvorschlägen, einige seit Jahren bewährt und andere sind seit Neuestem erst im Feld. Ein Universalrezept gibt es jedenfalls nicht, also ab nach draußen und mit der eigenen Feldforschung loslegen!

Wenn Du noch Fragen hast, hilft Dir unser Kundenservice gerne weiter. Hannes ist hier unser Fachmann in Sachen Textil und Bekleidung. Du erreichst ihn unter der Woche täglich von 8.00 bis 18.00 Uhr telefonisch unter +49 (0)7121/70 12 0 oder per E-Mail.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Roland Schönfelder sagte am 16. November 2015 um 10:19 Uhr

    Hallo ihr lieben Helfer,
    ich möchte mir eine gute atmungsaktive Funktionjacke kaufen mit 5000g/m²/24 Stunden.
    Ist dieser Wert hoch oder wenig. Was sind die besten atmungsaktiven Werte.
    Danke und viele Grüße

  2. Wiebke sagte am 17. November 2015 um 15:22 Uhr

    Hallo Roland, moderne Fabrikate im Hard- und Softshellbereich haben einen MVTR Wert von 4.000 bis über 30.000g/m²/24h. Der von Dir genannte Wert ist daher eher weniger atmungsaktiv. Allerdings hängt die Atmungsaktivität auch immer von den äußeren Faktoren wie Temperatur und Luftfeuchtigtkeit ab. Für eine ausführliche Beratung wäre es am besten Du wendest Dich direkt an unseren Kundenservice, die können dann mit Dir auch die einzelnen Modelle durchgehen. Lieben Gruß, Wiebke

  3. Phil sagte am 29. September 2016 um 14:07 Uhr

    Hallo,

    vielen Dank für den informativen Artikel. Ich hätte noch zwei Fragen. Ihr schreibe „Schweiß begünstigt die Entstehung eines Hitzestaus zwischen Körper und Kleidung, oder er kühlt unangenehm aus – und mit ihm auch der Körper. “ Könntet ihr vielleicht kurz darauf eingehen, wie das physikalisch begründet ist mit der Entstehung des Hitzestaus aufgrund des Schweißfilms?

    Außerdem schreibt ihr: „der Körper muss sich also dringend etwas einfallen lassen, um all‘ diese anfallende Wärme zu verarbeiten. Die Lösung sind zwei bis drei Millionen Schweißdrüsen…“. Könnten Ihr auch hier ein paar Hintergründe nennen? Warum gibt der Körper die Wärme denn nicht einfach nach außen ab? Wozu benötigt er denn Schweißdrüsen?

    Besten Dank.

  4. Jörn sagte am 29. September 2016 um 16:25 Uhr

    Hallo Phil,

    ich nehme die zweite Frage mal vorweg: Schweiß ist schlichtweg ein deutlich effizienteres Mittel um überschüssige Wärme abzugeben – nämlich über die Verdunstung. Das Gleiche passiert, wenn du Wasser kochst. Mit Deckel kocht das Wasser schneller, weil die Hitze nicht so gut abtransportiert wird. Ohne Deckel braucht das Wasser länger, weil viel Wärmeenergie durch den Dampf verloren geht. Der evolutionäre Vorteil war, dass der Mensch so deutlich leistungsfähiger weil ausdauernder bei der Jagd war als Tiere, die die Wärme nur direkt über die Haut – also ohne Schwitzen – abgeben konnten und so schneller „überhitzt“ sind.

    Hier wird auch schon deutlich, warum Schweiß der nicht verdunsten kann, zum Hitzestau führt. Die Energie, die eigentlich über den Schweiß abgegeben werden soll, verweilt an der Hautoberfläche, weil die Jacke/das Shirt (was auch immmer) nicht atmungsaktiv ist. Im Verlauf kann keine Wärmeenergie mehr abtransportiert werden und es kommt zum „Stau“.

    Auf der anderen Seite kann aber auch „zu viel“ Hitze abgegeben werden, nämlich immer dann, wenn die Schweißproduktion noch erhöht ist, aber die Verdunstung sehr schnell verläuft. Praktisches Beispiel: Wir haben gerade einen anstrengenden Anstieg hinter uns, stehen auf dem windigen Gipfel in leichtem Shirt und der Wind lässt uns frösteln. Hier wird nachgelagert viel Hitze, die durch die Anstrengung entstand, abgegeben, aber der Körper kann nicht so schnell auf den kalten Wind reagieren. Dieser Effekt ist im weitesten Sinne auch als Windchill bekannt. In dem Fall sollte man sich dann lieber schnell wieder eine Jacke anziehen.

    Ich hoffe, das erklärt deine Fragen. Falls nicht, tauche ich meine Nase auch gerne nochmal in die Physik-Bücher.

    Liebe Grüße,

    Jörn

  5. Phil sagte am 29. September 2016 um 17:33 Uhr

    Hallo Jörn, besten Dank für die schnelle und sehr verständliche Antwort. ;)

  6. Peter sagte am 5. November 2016 um 20:38 Uhr

    Hallo,
    vielen Dank für die Informationen. Leider hilft mir das neue Wissen nicht, eine passende sehr atmungsaktive Jacke zu kaufen, da dazu keinerlei Angaben gemacht wurden.
    Bitte gebt, soweit ihr es wisst, den Wert bei den Produktinfos mit an.
    (Gerne bitte auch, ob die wasserabweisende Ausrüstung fluorcarbonfrei ist)

  7. Jörn sagte am 7. November 2016 um 09:08 Uhr

    Hi Peter,

    danke für den Input. Ich gebe das gerne an unsere an unsere Online-Redaktion weiter. Sofern wir wissen, ob eine Imprägnierung fluorcarbonfrei ist, schreiben wir es normalerweise mit dazu.

    Viele Grüße,

    Jörn

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