Die erste erfolgreiche Besteigung des Mont Blanc gelang am 7. August 1786 Jacques Balmat und Michel Paccard. Beide waren aus Chamonix und wurden durch eine hohe Belohnung motiviert, die der Naturforscher Horace Bénédict de Saussure ausgesetzt hatte. Wenn du heute am Mont Blanc unterwegs bist, fragst du dich wahrscheinlich, wie die beiden mit ihrer damaligen Ausrüstung diese Tour meistern konnten.
Seit dieser historischen Erstbesteigung sind rund zweihundertfünfzig Jahre vergangen. Inzwischen wurden alle Gräte, Wände und Couloirs begangen und jedes Jahr versuchen mehrere tausend Bergsteiger den höchsten Punkt der Alpen zu erreichen. Die meisten entscheiden sich dafür für einen der bekannten Normalwege.
Die vier Normalwege am Mont Blanc
Wenn du selbst auf den Mont Blanc möchtest, hast du mehrere Routen zur Wahl, die sich in Charakter, Schwierigkeit und objektiven Gefahren deutlich unterscheiden. Hier bekommst du einen Überblick über die vier klassischen Normalwege:
1. Über Grandes Mulets auf den Mont Blanc
Eine vor allem im Winter gebräuchliche Route, im Sommer weniger empfehlenswert.
Christof Schellhammer — seit über 30 Jahren Berg- und Skiführer
Der Weg der Erstbesteiger führt über den Bossongletscher, die Grandes Mulets, das Grand Plateau und schlussendlich über den Bossongrat zum Gipfel. Heute steht auf der Felsinsel der Grandes Mulets mitten im Gletscher die gut 3.000 Metern hohe, gleichnamige Schutzhütte. Nicht erst seit dem Abschmelzen der Gletscher (noch in den 1980er Jahren reichte der Bossongletscher bis ins Tal von Chamonix herab) ist dieser Anstieg objektiv gefährlich. Riesige Eisblöcke hängen wie ein Damoklesschwert über der Route. Dabei musst du wissen, dass die Seracs einzig durch das stetige Schieben und Fließen des Gletschers zum Absturz gebracht werden und nicht etwa durch kalkulierbare tageszeitliche Erwärmung. Trotz der objektiven Gefahren bleibt dieser Anstieg nach wie vor der häufig begangene Skianstieg. Dann hat man wenigstens den Vorteil, dass man bei der Abfahrt den Gefahrenbereich schnell überwinden kann.
Höhenunterschiede:
- Tag 1: Plan d Aiguille (2.300 m) bis Grands Mulets Hütte (3.051 m); 800 Höhenmeter
- Tag 2: Grands Mulets Hütte (3.051 m) bis Mont Blanc (4.805 m); 1.800 Höhenmeter
- Abstieg: 2.500 Höhenmeter
Schwierigkeit: anspruchsvolle und objektiv gefährliche Gletscher- und Hochtour, schmaler Gipfelgrat, Fels bis II im Abstieg
2. Über die Goûter-Hütte auf den Mont Blanc
Die am häufigsten begangene Route auf den Mont Blanc.
Christoff Schellhammer — seit über 30 Jahren Berg- und Skiführer
Im Sommer gibt es noch drei weitere technisch „relativ“ einfache Routen. Da wäre zum ersten der eigentliche Normalweg und am häufigsten begangenen Anstieg über die Tête Rousse Hütte, das Grand Couloir, die Goûter-Hütte und den Dôme du Goûter. Kurz unterhalb der Vallot-Hütte (einer Notunterkunft auf 4.351 m Höhe) triffst du auf die Route der Erstbegeher. Auch die Goûter-Route hat ihre Tücken: Die Querung des Grand Couloir ist extrem steinschlaggefährlich. Zur Absicherung dieser ca. 100 m langen Traverse ist zwar in 2 m Höhe ein Drahtseil gespannt, dies dient aber nur zur Vermeidung von Seilschafsabstürzen bei Steinschlagtreffern. Das mag jetzt makaber klingen, aber in der Tat herrscht in dem Couloir bei entsprechender Erwärmung ein wahres Steinbombardement, das im Laufe der Jahre durch Klimawandel und Absinken des Permafrostes gefördert wurde.
In dem Couloir herrscht nur Ruhe, wenn der Berg gefroren ist und weder Sonne noch hohe Temperaturen Eis und Schnee auftauen. Da brauchst du eine gute Taktik. Viele Bergführer meiden inzwischen Juli und August und verlegen ihre Besteigungen auf die Zeiträume davor und danach bei entsprechenden Wetterlagen. Manche starten auch um Mitternacht von der Tête Rousse Hütte, dann ist das Couloir gefroren und es bleibt ruhig, nur für den Abstieg besteht das Steinschlagproblem weiterhin.
Nach dem Grand Couloir folgt eine ansprechende, einfache Kletterei bis zum Felsgrat der Aiguille du Goûter, auf dem die gleichnamige, hypermoderne Hütte thront. Von hier sind es noch 1.000 Höhenmeter über herrliche Schnee- und Firnhänge und den fantastischen Gipfelgrat. Und diese Höhenmeter haben es in sich, denn die wenigsten der Gipfelanwärter sind ausreichend akklimatisiert. Trotz der geringen Schwierigkeiten wird dann jeder Schritt zur Qual und das Tempo sinkt auf unter 200 Höhenmeter pro Stunde.

Höhenunterschiede:
- Tag 1: Nid d’Aigle (2.390 m) – Goûter-Hütte (3.835 m): 1.500 Höhenmeter
- Tag 2: Goûter-Hütte (3.835 m) – Mont Blanc (4.805 m): 1.000 Höhenmeter
- Abstieg: 2.500 Höhenmeter
Schwierigkeit: anspruchsvolle, objektiv gefährliche Hochtour, Fels bis II in Anstieg zur Goûter-Hütte, Gletscherbegehung und schmaler Gipfelgrat.
Alternative:
- Tag 1: Nid d’Aigle (2.390 m) bis Tête Rousse-Hütte (3.167 m): 800 Höhenmeter
- Tag 2: Tête Rousse-Hütte – Mont Blanc (4.805 m): 1.600 Höhenmeter
- Abstieg: 2.500 Höhenmeter
3. Die Mont Blanc Überschreitung von der Aiguille du Midi
Die klassische Mont Blanc Überschreitung.
Christof Schellhammer — Mitgründer der Ski- und Bergschule VIVALPIN
Diese Route als Normalweg zu beschreiben ist eigentlich eine Untertreibung. Denn du überschreitest zwei weitere Viertausender (auch wenn du die eigentlichen, nur wenige Meter höheren Gipfel nicht betrittst;) nämlich Mont Blanc du Tacul und Mont Maudit. Aber der Reihe nach.
Am ersten Tag wanderst du in einer guten Stunde von der Bergstation der Aiguille du Midi zur Cosmiques Hütte, vor deinen Augen die massive Eiswand des Mont Blanc du Tacul, die du am nächsten Tag auf der rechten Seite über steile Gletscher und wilde Spalten überwinden wirst. Der Aufbruch erfolgt in der Regel lange vor Sonnenaufgang, so dass du dieses durchaus anspruchsvolle und objektiv nicht ganz ungefährliche Gelände im Dunkeln hinter dich bringst. Den Gipfel des 4.248 m hohen Mont Blanc du Tacul lässt du links liegen und kannst du zunächst auf der leicht absteigenden Traverse etwas erholen.
Der nächst Gletscher- und Eishang zum 4.345 m hohen Col du Mont Maudit taucht bereits aus der Dämmerung auf. Dieser Part gilt als Schlüsselstelle, denn die Flanke ist bis zu 50° steil und vom Eisschlag bedroht. Hast du den Sattel erreicht, öffnet sich das Panorama mit der Eiskalotte des Mont Blanc in greifbarer Nähe. Du könntest den 80 m höheren Mont Maudit noch mitnehmen, aber in der Regel liegt der Focus auf dem Weiterweg zum Mont Blanc. Und hier gilt wie auch auf den anderen Anstiegen: die zwar nominell nur 500 Höhenmeter in einfachem Gelände zehren an den Kräften, umso mehr bei der üblicherweise ungenügenden Akklimatisation der Gipfelaspiranten.
Höhenunterschiede:
- Tag 1: Aiguille du Midi (3.842 m) – Cosmiques-Hütte (3.606 m); 80 Höhenmeter
- Tag 2: Cosmiques-Hütte (3.606 m) – Mont Blanc (4.805 m); 1.600 Höhenmeter
- Abstieg: 2.500 Höhenmeter
Schwierigkeit: anspruchsvolle und objektiv gefährliche Hochtour, Eis bis etwa 50°, Gletscherbegehung, im Abstieg Fels bis II, schmaler Gipfelgrat
4. Der Normalweg von Italien über das Rifugio Francesco Gonella
Mont Blanc by fair means – die Alternative
Christof Schellhammer — Mitgründer der Ski- und Bergschule VIVALPIN
Dieser Normalweg ist der einzige by fair means. Denn du benutzt (im Aufstieg) keine Bergbahn und startest direkt im Talgrund des Val Veny bei Courmayeur. Wie eine Riesenschlange liegt der Miage Gletscher vor dir. Der apere Gletscher fordert dich mit einem stetigen auf und ab, mit Moränengelände und Spalten, die umgangen werden wollen.
Nach vielen Kilometern Gletscherwandern führt dich ein schmaler Pfad durch steiles Schrofengelände zur Gonella-Hütte auf 3.071 m. Der Neubau von 2011 zählt zu den modernsten energieautarken Schutzhütte der Alpen. Die gemütliche Atmosphäre wirst du nur kurz genießen, denn üblicherweise scheucht dich der Hüttenart um Mitternacht aus den Federn. Das hat den Vorteil, dass du im Dunkeln über den Glacier du Dôme mit himalayesken Spalten und Abbrüchen wandelst. Knapp 2.000 Höhenmeter liegen vor dir, damit ist diese Route der konditionell anspruchsvollste Normalweg.
Oft erleichtern Metall-Leitern das Überqueren der größten Spalten, was dem Erlebnis aber keinen Abbruch tut. Das erste Ziel ist der Piton des Italiens, den du über einen bis zu 45° steilen Schnee- und Eishang erreichst, In den Ostalpen wäre dies eine veritable Eiswand, hier gilt es gleichzeitig am Seil zügig Höhe zu machen. Der 4.002m hohe Piton de Italiens ist eine eher unscheinbare Erhebung im Gratverlauf zwischen Aiguille du Bionasssey und Dôme du Goûter. Von hier folgst du einem scharfen, teilweise nur schuhbreiten Schneegrat bis zum 4.300 m hohen Dôme. Wenn du flott unterwegs bist, triffst du am Dôme auf die Lichterkette der Gouter-Kolonne. Und für die letzten 500 Höhenmeter gilt dasselbe wie für die anderen Normalwege: sie sind sehr, sehr anstrengend.
Höhenunterschiede:
- Tag 1: Val Veny (ca. 1.600 m) bis Gonella Hütte (3.072 m); 1.500 Höhenmeter
- Tag 2: Gonella Hütte (3.072 m) bis Mont Blanc (4.805 m); 1.900 Höhenmeter
- Abstieg: 2.500 Höhenmeter
Schwierigkeit: anspruchsvolle Hochtour, Eis bis 45°, spaltenreiche Gletscher, schmaler Firngrat ab dem Piton des Italiens (4.002 m), im Abstieg über die Goûter-Hütte, Fels bis II, schmaler Gipfelgrat, objektiv gefährlich
Der Abstieg vom Mont Blanc
Die Tour ist erst zu Ende, wenn du gesund und munter wieder im Tal angekommen bist. Das gilt beim Mont Blanc mehr als bei den meisten anderen Gipfeln. Üblicherweise steigt man über die Goûter-Hütte ab. Diese Route ist die technisch einfachste. Außerdem hast du zwei Schutzhütte auf dem Weg zur Bergstation der Tramway du Mont Blanc beim Adlernest ( Nid d’Aigle) auf 2.390 m. Knackpunkt des Abstiegs ist das Grand Couloir, das überquert werden muss (siehe oben).
Was du für eine Mont Blanc Besteigung benötigst
Die Besteigung des Mont Blanc erfordert Hochtourenerfahrung, eine hervorragende Kondition und Erfahrung im Steigeisengehen, auch im steilen Gelände. Du solltest auf den langen, fordernden Anstiegen alle Schwierigkeiten, das Seilhandling und die Sicherungstechnik souverän beherrschen.
Auch mit Bergführer benötigst du eine hervorragende Kondition und Erfahrung im Steigeisengehen. Für die mehrfach angesprochene Akklimatisation empfehlen sich Vorbereitungstouren z.B. auf den Gran Paradiso (4.061 m) oder auf einen der zahlreichen Monte Rosa Gipfel (bis ca. 4.500 m). In jedem Fall müssen die Hütten lange im Voraus reserviert werden!
Christof Schellhammer — Leiter der VIVALPIN Bergschule
* Die genanten Höhenmeter im Aufstieg entsprechen nicht der Differenz zwischen Ausgangs – und Zielort, da meist noch Abstiege und Gegenanstiege zu bewältigen sind.

