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Die traumhafte Seillänge 3. Foto: F. Miller

Klettern auf Korsika: Punta di u Corbu, „Jeef“

Inhaltsverzeichnis

Noch jemand auf der Suche nach dem nächsten Kletterziel? In den Bergen Korsikas findet sich eine Route wie aus einer anderen Welt. „Jeef“ ist ein Geschenk an uns Kletterer. Selten hat mich eine Kletterroute so begeistert und ich möchte sie euch gerne vorstellen.

Klettern auf Korsika

Der Gipfel des Capu d'Ortu bietet eine traumhafte Aussicht über Korsika.
Foto: F. Miller
Der Gipfel des Capu d’Ortu bietet eine traumhafte Aussicht über Korsika. Foto: F. Miller

Dieses Frühjahr kletterten Michaela und ich wieder einmal in den Kalkwänden des Sarcatals und zogen dann weiter nach Finale Ligure, wo es ebenfalls lohnende Mehrseillängenrouten gibt (am Bric Pianarella sogar bis zu 10 SL). So sehr ich mit diesen Gebieten verbunden bin: Spätestens am Meer war ich in Gedanken auf Korsika und bei den Abenteuern, die ich dort erlebte. Wie die Insel selbst hat auch das Klettern auf Korsika verschiedenste Gesichter. Im Herbst bei kaltem Wetter und starken Winden an den verwitterten Gipfeln der Bavella-Gruppe zu klettern, fühlte sich ein wenig an wie Patagonien. Der grobkörnige Granit mit all seinen Höhlungen und Rundungen weckte bei mir aber auch Erinnerungen an die Felsformationen des Joshua Tree Nationalparks im Süden Kaliforniens. Am Abend, nach einer langen, harten Abenteuerroute vom Gipfel zum Meer zu blicken, das kann man sicherlich in Norwegen oder Grönland erleben, oder eben am so viel einfacher zugänglichen Capu d’Ortu oberhalb des „Golfe de Porto“. Und dann zurück, vorbei an herrlichen Bergbächen, durch saftige Wälder (voller tierischer Überraschungen), hinunter zum Meer – um nur einen kleinen Ausschnitt dessen zu beschreiben, wofür das Klettern auf Korsika in meiner Wahrnehmung steht.

Die berühmte Nachbarroute

Eine Route hat es mir besonders angetan. In einer persönlichen Bestenliste würde sie weit vorne stehen, zusammen mit großen Alpen-Klassikern wie „Luna Nascente“ im Val di Mello, „Voyage selon Gulliver“ am Grand Capucin oder dem Salbit Westgrat. Zunächst aber zu ihrer Nachbarroute „Le Dos de l’éléphant“, die Catherine Destivelle angeblich als schönste Granitroute Frankreichs bezeichnete. Dazu muss man wissen, dass die französische Allroundalpinistin (Jg. 1960) zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Alpingeschichte zählt – 2020 erhielt sie einen Piolet d’Or für ihr Lebenswerk – und sicher weiß, wovon sie spricht. Ohne jede Frage stellt der „Elefantenrücken“ einen großartigen Anstieg dar (zumindest für Freunde der Plattenkletterei). Immer noch gilt die Route als bekannteste Klettertour der Insel. Doch konnte Destivelle zum Zeitpunkt ihrer Bewertung unmöglich wissen, welche Konkurrenz „Le Dos de l’éléphant“ einmal bekommen sollte.

Jeef

Die im Jahr 1992 vom bekannten französischen Profikletterer Arnaud Petit erschlossene Route „Jeef“ ist noch einmal eine ganze Nummer cooler als der klassische „Elefantenrücken“. Sie deutlich steiler, noch abwechslungsreicher, insgesamt wilder und spektakulärer. „Jeef“ ist auch deutlich schwerer, aber so groß wie auf dem Papier ist der Unterschied nicht. Am „Elefantenrücken“ fühlen sich die spärlich gesicherten Reibungsplatten recht schwer an, während die schwersten Stellen der Route „Jeef“ problemlos A0 geklettert werden können. Für beide Routen gilt, dass sich der Vorsteiger im 7. Grad UIAA entspannt bewegen können sollte. Aber Achtung: „Jeef“ verlangt wegen der vielen Quergänge und athletischen Passagen dem Nachsteiger deutlich mehr ab!

Kurz vorm Vorgipfel, welcher das Ende des „Elefantenrückens“ markiert, treffen sich beide Routen. Der Vorgipfel stellt einen guten Zielpunkt dar. Ein schöner, ebener Platz, der zum Verweilen einlädt. Den größten Teil der Route inklusiv der besten Seillängen hat man geschafft und man kann von hier bequem abseilen. Aber es ist eben nur der Vorgipfel…

Unwetter im Nacken

Die Punta di u Corbu mit der Linie von „Jeef“.
Die Punta di u Corbu mit der Linie von „Jeef“.

Es ist der Nachmittag des 31. August 2022, als wir erneut zur Punta di u Corbu zusteigen. Wegen der hohen Temperaturen sind wir spät unterwegs für eine doch recht anspruchsvolle Route mit zwölf Seillängen. Am späteren Nachmittag ist die Wand unterhalb des „Elefantenrückens“ endlich im Schatten, sodass die Bedingungen zum Klettern ganz passabel erscheinen, und wir steigen ein. Heute wollen wir „Jeef“ noch einmal klettern und es bis auf die Gipfelnadel schaffen. Wir fetzen durch die ersten acht Seillängen bis zum Vorgipfel. Mittlerweile ist es düster in den Bergen, was aber weniger an der Tageszeit liegt, sondern vielmehr an den dunklen Wolken, die aufgezogen sind. Jetzt abzuseilen, wäre vernünftig, aber wir haben das Gefühl, dass wir es noch vor dem Unwetter schaffen können…

Wen es weiterzieht zum Gipfel der Punta di u Corbu, der wird sich wahrscheinlich nicht so sehr daran stören, dass sich der Charakter des Anstiegs nun etwas ändert. Das Gelände wird alpiner, die Route folgt einem teilweise bröseligen Rücken mit mehreren plattigen Aufschwüngen inklusive Kletterstellen bis zum Grad 6b bis unter die Gipfelnadel. Wenig überraschend verläuft die letzte Seillänge entlang des breiten, bereits aus der Ferne gut sichtbaren Risses. Leider wurde der obere Teil der Route nicht saniert – es stecken noch die ursprünglichen, mittlerweile zweifelhaften 8er-Bolts mit Alu-Lasche.

Bald wird es dunkel, jeden Moment kann es anfangen zu regnen. Aber es fühlt sich nicht nach Gewitter an, zumindest nicht direkt bei uns, also weiter. Die letzte Seillänge im Grad 6c. Die heikle, plattige Schlüsselstelle, der Haken darunter alles andere als vertrauenserweckend… Cool bleiben! Im letzten Licht stehen wir oben, bald darauf erreicht uns das Unwetter…

Seillänge 2: Auf die Rissverschneidung folgt ein erstes Tafoni-Dach.
Foto: F. Miller
Seillänge 2: Auf die Rissverschneidung folgt ein erstes Tafoni-Dach.
Foto: F. Miller

Träume und Erinnerungen

Ein kleiner Zeitsprung in den Mai 2023. Fünfeinhalb Jahre standen die Berge mit all ihren Wänden und Graten im Mittelpunkt unseres gemeinsamen Lebens. Mit der Geburt unserer Tochter beginnt ein neues Kapitel. Unsere Berg- und Kletterträume rücken damit zunächst in den Hintergrund. Umso deutlicher wird für mich, wie immens hoch der Wert der vielen schönen Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit in der Vertikalen ist.

Welche Zutaten braucht es, um diese Erinnerungen zu schaffen? Ich denke, die Liste wäre etwas länger. Ganz vorne ständen starke Emotionen, während die perfekte Kletterroute natürlich nicht obligatorisch wäre. Doch kann eine Route wie „Jeef“ das ganze nochmals verfeinern und unseren Erinnerungen einen besonderen Glanz verleihen.

Punta di u Corbu, „Jeef“ – Routeninfos

Beste Zeit

Die traumhafte Seillänge 3.
Foto: F. Miller
Die traumhafte Seillänge 3.
Foto: F. Miller

Die beste Zeit fürs Klettern in der Bavella-Gruppe ist Frühjahr bis ca. Mitte Juni sowie September und Oktober. Im Hochsommer ist es meist zu heiß und die Insel ist insgesamt überfüllt.

Kletterführer für Klettern auf Korsika

Es gibt einen guten, recht neuen Kletterführer für’s Bavella-Gebiet in französischer und englischer Sprache: Bavella Corsica, Escalades choises, OmegaRoc.

Absicherung

Bis zum Vorgipfel ist die Route gut abgesichert mit M10-Expressankern, wobei es in den leichteren Abschnitten auch größere Runouts gibt. Vereinzelt können hier kleine bis mittlere Cams gelegt werden. Wer mit der Kletterei gut klar kommt, braucht keine Cams mitzunehmen. Der Weiterweg zum Hauptgipfel ist leider weniger gut eingerichtet. 2022 steckte hier noch altes Material (überwiegend 8er-Bolts mit Alu-Lasche). Leider ist eine ergänzende Absicherung mit Cams kaum sinnvoll möglich.

Empfohlenes Material für das Klettern auf Korsika

  • 50-m-Doppelseile
  • 10 Exen (teilweise lang/verlängerbar)
  • 1 Bandschlinge 180 cm für die Riesen-Sanduhr in der 6. Seillänge
  • 2 Schlingen für die Standplätze
  • Cams oder Keile haben wir nicht verwendet. Kleine bis mittlere Cams können vereinzelt ergänzend eingesetzt werden.
  • Risskletterhandschuhe braucht man nicht.
  • Dünne Lederhandschuhe fürs Abseilen sind angenehm.

Zustieg

Der Zustieg ist im Kletterführer gut beschrieben und dauert ca. 1 h. Dennoch ein paar Infos: Von unten kommend auf der D 268, welche zum Bavella-Pass führt, über die Brücke des Bachs „U Pulischellu“. Kurz darauf kommt ein größerer Parkplatz auf der linken Straßenseite (8,9 km vor der Passhöhe). Gegenüber, am hinteren Ende dieses Parkplatzes führt ein Pfad nach rechts in den Wald hinein. Dieser dient als Zugang zum Bach „U Pulischellu“ und wird im Sommer von geführten Canyoning-Gruppen genutzt. Der Pfad ist gut ausgetreten, freigeschnitten und dort, wo man eine kleine Felswand quert, mit Fixseilen ausgerüstet. Bei den Fixseilen kann man hinunter zum Bach, diesen überqueren und dann am anderen Ufer entlang (etwas exponiert, die Wege treffen sich dann bald wieder). Besser aber geht man hier nicht runter zum Bach, sondern bleibt noch kurz oben auf dem Pfad, bis man einen steilen Hang nach rechts absteigen kann (gut ausgetreten). Am Bach 20 m Flussaufwärts bis zu einem schönen Becken. Dort den Bach überqueren. Auf der anderen Seite geht es dann rechts- und später wieder linkshaltend steil und felsig hinauf (Fixseile). Danach wird der Hang etwas flacher und man folgt den Steinmännern. Die Wand ist derweil gut sichtbar und der Zustieg ist intuitiv. Am besten prägt man sich den Weg ein, denn am Rückweg kann man sich gut verlaufen, vor allem im Dunklen…

Die Route von „Jeef“ bis zu Vorgipfel.
Foto: F. Miller
Die Route von „Jeef“ bis zu Vorgipfel.
Foto: F. Miller

Abstieg

Der Abstieg erfolgt durch abseilen: Vom Vorgipfel seilt man bequem an perfekt eingerichteten Abseilständen über „Le Dos de l’éléphant“ ab bis zum 3. Stand der Route. Von dort direkt hinunter zu einem großen Baum und dann noch einmal abseilen bis zum Boden (gut dargestellt im Kletterführer). Dank der glatten Platten hatten wir nie Probleme mit dem Abziehen der Seile bzw. einem möglichen Verhaken der Seile – grundsätzlich kann das auf Korsika aber schnell passieren!

Vom Hauptgipfel ist es etwas komplizierter. Empfohlen wird das Abseilen über die Route „Delicatessen“ (siehe Kletterführer). Diese Route befindet sich an einer anderen, höher gelegenen Wand der Punta di u Corbu. Auch ist die Route teilweise stark überhängend.

Wir sind deshalb über „Jeef“ zurück zum Vorgipfel. Ich habe dies zweimal so gemacht und es ging gut, aber aufgrund des Routenverlaufs sollte klar sein, dass man nicht einfach gerade abseilen kann. Auch sind die Stände nicht so gut eingerichtet.

Beschreibung der einzelnen Seillängen

Anmerkung zu den Schwierigkeitsgraden: Je nach Wiederholer fallen die Bewertungen recht unterschiedlich aus. Die hier aufgeführten Bewertungen beziehen sich auf zwei Begehungen, bei denen ich in der 3. und 6. SL jeweils den ersten Haken zur Fortbewegung (A0) verwendet habe.

1. SL, 6a+, ca. 40 m: „Le Dos de l’éléphant“ und „Jeef“ verlaufen in der ersten SL recht nah beieinander in einer schönen Platte. Die Haken beider Routen sind von unten gut zu sehen. „Jeef“ folgt der rechten Bohrhakenreihe (bzw. der mittleren, denn etwas weiter rechts startet auch noch „La Danse de Ganesh“).

2. SL, 6b, ca. 30 m: Entlang der seichten Rissverschneidung hoch zum Tafoni-Dach und dieses linkshaltend überwinden. Stand direkt überm Dach.

3. SL, 6b+ 1pa oder 7b (?), ca. 30 m: Schwierige aber gut gesicherte Boulderstelle (gut A0 möglich), danach steil und henkelig zu genialer Piaz-Schuppe und weiter an ausgefallenen Strukturen nach rechts zum Stand.

4. SL, 6b, ca. 30 m: Schöner Plattenquergang nach rechts, dann steil und luftig entlang einer Art Rissverschneidung nach oben. Den darüberliegenden Stand erreicht man am besten in einem großen Bogen über links (größerer Runout in leichtem Gelände).

Seillänge 6: steil, wild, surreal! Foto: M. Miller
Seillänge 6: steil, wild, surreal! Foto: M. Miller

5. SL, 6a+, ca. 45 m: Zunächst dem breiten, abgerundeten Riss folgen, sobald möglich rechts abbiegen um die große Rampe zu erreichen. Zuletzt langer Runout in leichtem Gelände, bis die Rampe vollends abflacht. Dort Stand an kleinem Baum. Gemütlicher Platz unterm riesigen Tafoni-Dach!

6. SL, 6c 1pa, ca. 25 m: Vom kleinen Baum gerade hoch – A0-Stelle am ersten Bolt. Danach immer linkshaltend an kleinen Leisten zu den Strukturen am Rand des Riesen-Tafoni (ca. 6c). Empor zu Riesen-SU (180-cm-Bandschlinge empfehlenswert). Nun nicht nach links, sondern rechtshaltend empor, ein Dach überwinden (Bolt) zu großem Loch zwischen Riesen-Tafoni und Rampe. Wild! Gleich darüber, am rechten Rand der Rampe, befindet sich der Stand.

7. SL, Rampe, ca. 10 m: Wegen der starken Seilreibung macht es Sinn, diese Zwischenlänge einzubauen. Stand schön exponiert am linken Ende der Rampe.

8. SL, 6b, ca. 30 m: Vom Stand weg ein paar Meter eirige Plattenkletterei (gut abgesichert mit zwei Bohrhaken). Mit der Einmündung in „Le Dos de l’éléphant“ wird die Kletterei etwas einfacher. Zuletzt linkshaltend zum Stand unter einem kleinen Dachriegel.

9. SL, 5b, ca. 25 m: Den Dachriegel überwinden und rechtshaltend hoch zum Vorgipfel.

Weiterweg vom Vorgipfel zum Gipfel beim Klettern auf Korsika

Der Weiterweg ist lohnend, allerdings sind die Haken in die Jahre gekommen und der Rückweg vom Gipfel ist nicht ganz ohne!

10. SL, 5c und Gehgelände, ca. 50 m: Immer dem logischen Weg entlang des Rückens/Grates folgen.

11. SL, 6b und Gehgelände, ca. 50 m: Immer dem logischen Weg folgen. Wo es schwierig wird, stecken Haken.

12. SL, 6c, ca. 40 m + weitere 10 m auf geneigter Platte zum Gipfel: Nach rechts zum markanten Riss und entlang diesem empor, bis sich der Riss weitet. Hier verlässt man den Riss nach rechts. Es folgt eine schwierige Einzelstelle, danach ist der Weg frei zum Gipfel.

In der letzten Seillänge verlässt man den Riss nach rechts und hat „Jeef“ bezwungen.
Foto: M. Miller
In der letzten Seillänge verlässt man den Riss nach rechts und hat „Jeef“ bezwungen.
Foto: M. Miller


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Bergfreund Fritz

Zum Klettern und Bergsteigen kam ich, weil etwas wie eine große Faszination für die steile Welt in mir verankert ist (und durch ein paar Zufälle). Sicher ist es zu viel zu früh für ein Fazit. Aber wenn ich auf meine mittlerweile rund 25 Kletterjahre zurückblicke, denke ich, dass ich den Bergen und Wänden viel zu verdanken habe.

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