Ein Schirm beim Wandern – Modesünde oder echte Hilfe?

4. August 2020

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Schirm und Wandern – passt das?

Ein Sonnenschirm für unterwegs? Na, ich weiß nicht, das passt doch eher zu Picknick und Sommerfrische im 19. Jahrhundert als zu Bergtouren im 21. Jahrhundert. Anno dazumal passte es allerdings umso besser, denn es war auch am Berg durchaus üblich, ausgefallene Accessoires mitzuführen. Während der Herr in Frack und Gehrock noch relativ schlicht den Hang erklomm, balancierte die Dame nicht selten im gestützten Reifrock durchs Geröll.

Den Sonnenschirm und den ebenso unverzichtbaren Fächer trugen die mit etwas Glück vorhandenen Bediensteten. Nicht fehlen durfte auch die lange Alpenstange, die man heute eher zu Dekorationszwecken als zur Fortbewegung in Eis und Fels nehmen würde. Alles in allem: der Coolnessfaktor eines Sonnenschirms beim Wandern ist nicht berauschend. Doch wie sieht es mit der praktischen Relevanz aus? Kann der Sonnenschirm da punkten? 

Der Sonnenschirm im Praxistest

Da ich selbst leider keine Sonnenschirm-Outdoorerfahrung vorweisen kann, muss ich mich auf die Expertise der UserInnen des USA-Reiseforums verlassen. Die sind gern auch im Südwesten des Landes unterwegs, wo die Sonne bekanntlich brutal brutzeln kann. Hier einige Statements zum Sonnenschirm im Wilden Westen:

Seitdem mir im vorigen August der (leichte) Sommerhut ständig weg wehte und der neu gekaufte Stetson (mit Kordel) aufgrund meiner sehr dicken, langen Haare so richtig für Schweißbäche sorgte, bin ich zum Zabriskie Point mit Schirm marschiert – und was soll ich sagen? Das war einfach super!

Dieser berühmte und im Sommer unglaublich heiße Aussichtspunkt im Death Valley ist eine eher kurze Exkursion. Doch die Lösung für längere Wanderungen ist ebenfalls nicht schwer, wie eine andere Userin feststellt: „Schaun mer mal, ob’s nicht zu lästig wird – sonst wandert er eben in den Rucksack.“

Die besser sitzende Frisur und die allgemeine Kopffreiheit ohne enge Mützen und Kapuzen sind auf jeden Fall schonmal erste Pluspunkte für den Sonnenschirm. Wobei die Annehmlichkeit des freien Kopfes, der nicht durch zugezogene Jacken und Kapuzen in den Schwitzkasten genommen wird, für jede Art von Schirm gilt. Auch das unbeeinträchtigt freie Blickfeld ist ein netter Vorteil.

Viel Kritik, aber auch einen, nun ja, praktischen Verwendungszweck hat eine dritte Userin des Forums parat:

Abgesehen davon stelle ich mir einen Schirm bei Wind noch viel ekliger vor. Und bei uns hat es im April im Südwesten, auch zur Wave rauf, ständig mehr oder weniger stark gewindet. Und wenn ich mal strauchle, habe ich gern die Hände frei, um mich aufzufangen/abzustützen. Aber OK, mit dem Schirm hätten wir uns gegen die Klapperschlange verteidigen können  :lol:

Dieser Schirm hat eine reflektierende Oberfläche. Praktisch oder ein unnötiges Gadget?

Als „winddicht“ kann man den Sonnenschirm also nicht gerade bezeichnen. Schützt er denn wenigstens tatsächlich vor UV-Strahlung? Leider nur bedingt, es kommt hier wie bei der Bekleidung auf die Dichte des Gewebes an. Unter handelsüblichen Sonnenschirmen sind  empfindliche Hauttypen nur dürftig vor Sonnenbrand geschützt.

Weitere Kritikpunkte sind die fehlende Handfreiheit und das Zusatzgewicht:

Bei längeren Wanderungen über verschiedene Untergründe würde ich es eher lästig finden ständig etwas in der Hand zu haben. Ab und an braucht da schon mal ne Hand um sich abzustützen und im Rucksack bin ich froh wenn ich so wenig Balast wie möglich mit mit mir rumschleppe.

Fassen wir zusammen: der praktische Nutzen des Sonnenschirms ist eher strittig und auch bei der Haltungsnote, sprich Coolness und Vorzeigbarkeit, gibt es empfindliche Abzüge. Alles in allem scheint er eher für Nostalgiker mit Romantik-Einschlag als für Outdoorer und Bergsportler interessant.

Der Schirm an sich

Doch wie sieht es mit dem Schirm an sich unterwegs aus – also dem ganz normalen Regenschirm? Kann man den nicht auch so nebenbei als Sonnenschutz benutzen? Ja, kann man, denn es gibt UV-resistente Regenschirme. Das ist der herkömmliche Regenschirm natürlich nicht, abgesehen davon, dass er so schwer und unhandlich ist, dass ihn wohl kaum jemand freiwillig in den Rucksack packt. Deshalb wurden die Wander(regen)schirme bzw. Trekking(regen)schirme erfunden.

Trekkingschirme

Trekkingschirme sind kompakter und robuster konstruiert als Alltagsschirme. Doch auch bei diesen vielseitigen Sonnen- und Regenschirmen bleibt die Frage nach dem Mehrwert im Vergleich zum Standardwetterschutz durch die (Funktions)kleidung. Die Autorin des Blogs Etappen-wandern.de hat hierzu ein paar Erfahrungen gesammelt und interessante Überlegungen parat:

Meine gute, aber mit etwa 150 € nur mittelpreisige Regenjacke macht jedoch irgendwann, so nach vier Stunden Dauerregen, schlapp. Wenn man mitten in der Pampa unterwegs ist, gibt es für gewöhnlich kein Dach unter dem man sich mal unterstellen kann und nach sechs Stunden Regen etwas essen oder sich etwas Trockenes anziehen kann. Auf Mallorca sind wir daher immer durchmarschiert, klitschnass, ohne Pause und ohne etwas zu essen. Ein Regenschirm hätte uns da sehr geholfen. Gerade, wenn er groß ist und sich in den Baum hängen lässt.

Hier könnte man einwenden, dass sie sich halt mal ne gescheite Hardshelljacke kaufen soll. Doch selbst wenn das Kleingeld dafür übrig ist, bleibt ein Problem laut Autorin „immer gleich: Denn egal wie atmungsaktiv das gute Stück auch sein soll, Dichtigkeit und Atmungsaktivität schließen sich für mich nach logischem Menschenverstand einfach aus. Überhaupt kann es nur bei einem deutlichen Temperaturgefälle ein bisschen funktionieren. Am Ende bleibt, dass man – vor allem bei sommerlichen Temperaturen oder bei einem Aufstieg – unter einer Regenjacke einfach schwitzt. Und dann ist man trotzdem nass, auch wenn die Regenjacke das Wasser von außen abhält.

Da ist was dran, auch wenn sich Dichtigkeit und Atmungsaktivität durchaus nicht ausschließen und auch gewiss nicht alle Hardshelljacken ein derart schwaches Bild abgeben. Was dran ist auch an folgendem Komfortargument:

Während sich zwei andere Mitwanderer in ihre Regenjacken zwängten, spannte ich – sogar ein bisschen freudig – meinen Regenschirm auf. Und wirklich! Ich blieb trocken, kam überhaupt nicht ins Schwitzen und war heilfroh nicht in meine Regenjacke zu müssen. Ein Regencape oder Regenponcho kommt für mich übrigens ebenfalls nicht in Frage. Wenn man beim Bergwandern doch mal die Hände braucht, sind die mir einfach zu gefährlich. Zudem versperren sie bei Wind auch noch die Sicht auf den Untergrund.

Hände frei? Und was ist bei Wind?

Das Problem mit den Händen taucht doch bei Schirmen ebenfalls auf“, könnte hier der nächste Einwand lauten. Ja und nein, bei handelsüblichen Schirmen ist tatsächlich immer eine Hand belegt. Doch unter den Wander/Trekkingschirmen gibt es auch eine Handsfree-Variante. Zumindest bei den ausgewiesenen Spezialisten von Euroschirm, die wander- und bergtaugliche Regenschirme produzieren, von denen viele mit einem Handsfree-Befestigunsclip für den Rucksack geliefert werden. Diese Schirme schützen nebenbei auch zuverlässig vor UV-Strahlung.

Der Trekkingschirm punktet durch ein flexibles Gestell und eine praktische Befestigung.

Trekkingschirme haben im Unterschied zu herkömmlichen Regenschirmen ein flexibleres und bruchfestes Gestell, meist aus Glasfasern, sowie einen stabileren Schaft. Werden diese Schirme von starken Windböen erfasst, lassen sie sich einfach wieder zurückklappen, ohne beschädigt zu werden. Hochwertige Modelle schaffen all das bei einem Gesamtgewicht von nur 200 bis 400 Gramm. Auch Details wie Schieber, die mit Handschuhen bedient werden können oder Griffe mit starker Reibung machen den Unterschied zwischen Trekking- und Alltagsschirmen.

Und selbst wenn man den Schirm die ganze Zeit tragen muss – ist das wirklich ein so großes Problem? Denn abgesehen davon, dass es nicht immer stundenlang regnet, ist das Gewicht eines Trekkingschirms durchaus auch mal länger „stemmbar“. Und falls es doch ermüdend wird, kann man immer noch die Hand wechseln.

Und da wir jetzt den Regenschirm liebgewonnen haben, können wir ihn auch gleich als Sonnenschirm benutzen. Dafür gibt es zum Schluss nochmal ein paar richtig gute Argumente aus dem USA-Forum:

Das klingt zuerst vielleicht komisch, aber so ein Regenschirm hat unter heißer Sonne so viele Vorteile wie im Regen. Im Sommer wandern, das bedeutet oftmals stundenlang einer sengenden Sonne ausgesetzt zu sein. Das (…) hat vor allem Konsequenzen bezüglich der eigenen Leistungsfähigkeit, denn die ist auf jeden Fall eingeschränkt. Für den Wanderer ebenfalls negativ, der Wasserverbrauch. Das muss man mitschleppen und man hat nie genug davon. (…)

Der Regenschirm schützt zuverlässig vor dem Aufheizen des eigenen Körpers durch die Sonne. Ein beachtlicher Vorteil und der Grund, warum z.B. erfahrene Langstreckenwanderer in Nordamerika einen Schirm mittlerweile für unverzichtbar erachten. Er schützt, erhöht die Leistungsfähigkeit und spart Wasser. Favorisiert werden Regenschirme mit einer silbernen Beschichtung. (…) Man will ja jeden Vorteil nutzen, oder?

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