Klettersteigsets. Foto: Climbing Technology

Klettersteigsets – sein oder Schein?

25. Februar 2016

Sportart

Mit dem Klettersteig die Berge erkunden

Mit dem Klettersteig die Berge erkunden

Das Begehen von Klettersteigen wurde in den letzten Jahren enorm beliebt. Immer mehr „Nicht-Kletterer“ wagen sich in Gelände vor, das bisher Felskletterern vorbehalten war.

Aber was verbirgt sich eigentlich hinter der Bezeichnung, was sollte man wissen und was beim Kauf eines Klettersteigsets beachten?

Unser Kollege Johannes aus dem Kundenservice ist ein leidenschaftlicher Klettersteiggeher und hat die wichtigsten Informationen für Euch zusammengesucht.

Der italienische Begriff für Klettersteig ist „via ferrata“, was auf Deutsch Eisenweg heißt. Das deutet schon darauf hin, was die Philosophie hinter einem Klettersteig ist. Ein Kletterweg, der teils durch den Einsatz von Stiften, Tritten oder Leitern entschärft wird.

So können auch versierte Bergwanderer in steiles, teilweise senkrechtes oder gar überhängendes Felsgelände vordringen. Als Sicherung, aber auch als Steighilfe, dient meist ein Stahlseil, das nicht selten den gesamten Klettersteig hindurch verspannt ist. In dieses Stahlseil wird das Klettersteigset eingehängt und soll der Sicherung des Kletterers dienen. Man ist gesichert, also kann doch nichts passieren. Wirklich?

Das Klettersteigset – Habitus

Ein Klettersteigset in Y-Form, wie es heute ausnahmslos verwendet werden sollte (daher wird auf die veraltete V-Form hier gar nicht eingegangen), besteht aus den folgenden Teilen:

Der Fangstoßdämpfer

Das Kernstück eines jeden Klettersteigsets und die Versicherung des Berggehers. Der Bandfalldämpfer besteht im Wesentlichen aus miteinander vernähtem Bandmaterial. Im Falle eines Sturzes reißen die Nähte nach und nach auf und verringern auf diesem Wege die Energie, die auf den Stürzenden beim Abfangen des Sturzes wirkt. Meist ist der Bandfalldämpfer in einem Täschchen am Klettersteigset untergebracht.

Als Alternative zu den Bandfalldämpfern gab es lange Zeit auch die Seilbremse. Jedoch bietet diese Nachteile, was die Fehleranfälligkeit durch den Bediener sowie die Verwendung bei Nässe betrifft. Generell wurde diese Technik, aufgrund ihrer Schwachstellen in den letzten Jahren jedoch weitestgehend von den Bandfalldämpfern vom Markt verdrängt.

Der Karabiner

Der Karabiner muss zum einen die Sicherheit bieten, dass er im Falle eines Sturzes nicht bricht. Zum anderen muss er gut zu bedienen sein, da er an jeder Einhängung des Stahlseils geöffnet werden muss, um umgehängt zu werden. Wenn er dann im Stahlseil läuft, soll er sich natürlich auch nicht aus Versehen öffnen. Das bieten die aktuellen Klettersteigkarabiner, die sich mit Handballendruck öffnen lassen, sonst aber zuverlässig geschlossen bleiben. Die Karabiner werden meist in die Karabineräste eingenäht, was gegenüber der Verknotung als sicherer gilt.

Das Klettersteigset mit seinen Komponenten

Das Klettersteigset mit seinen Komponenten

Die Karabineräste oder Lastarme

Die Karabineräste verbinden den Fangstoßdämpfer mit den Karabinern. Wegen der Redundanz (Hintersicherung) sollten immer beide Äste ins Stahlseil eingehängt werden. Beim Umhängen darf immer nur ein Karabiner aus- und wieder eingehängt werden, dann erst der nächste. Nur so ist eine durchgehende Sicherung gewährleistet.

Die Äste sind entweder starr oder elastisch. Die starren Äste bestehen meist aus einem Schlauchband. Bei elastischen Ästen, die den Bedienungskomfort erheblich verbessern, sind elastische Komponenten verarbeitet. Diese befinden sich entweder im Inneren des Schlauchbandes oder sind direkt ins Außenmaterial eingewebt.

Die Anseilvorrichtung

Diese verbindet das Klettersteigset mit dem Hüftgurt. Früher bestand die Verbindung oft aus einem Karabiner. Allerdings kam es oft zu gefährlichen Querbelastungen. Daher ist von einem Anseilen mit Karabiner abzusehen. Heutige Klettersteigsets haben eine Anseilschlaufe, die mittels Ankerstich am Hüftgurt befestigt wird.

Rückrufe – ist mein Klettersteigset sicher?

In den Jahren 2012 und 2013 sorgten Rückrufeim Bereich der Klettersteigsets für Aufsehen. Zunächst gerieten auf Grund eines Unfalls elastische Lastarme in den Verdacht, im Ernstfall versagen zu können. Häufiges Dehnen konnte im Ernstfall dazu führen, dass die Äste versagten. Die Hersteller mussten nachrüsten. Bei den Tests wurde dann auch festgestellt, dass Klettersteigsets mit Seilbremse auf Grund von Alterungsprozessen des Bremsseils versagen konnten.

Umfangreiche Tests wurden durchgeführt und die Hersteller haben in der Zwischenzeit die Endfestigkeit sowie die Dauerfestigkeit der Lastarme stark erhöht. Mit diesem Hintergrund können wir zum jetzigen Stand davon ausgehen, dass Klettersteigsets sehr zuverlässig funktionieren.

Ganz wichtig ist allerdings, die maximale Lebensdauer, die die Hersteller jeweils zu ihren Sets herausgeben, zu beachten. Edelrid zum Beispiel sagt, dass man nach zehn Jahren ein Set austauschen soll, das nicht angewendet wurde. Bei häufiger Anwendung ist ein Set bereits nach fünf Jahren auszutauschen. Ein Set, das sehr häufig verwendet wird, z.B. in einem Verleih, sollte noch viel früher ausgetauscht werden.

Sollte Dein Set die vorgegebene Lebensdauer überschritten haben oder deutliche Abnutzungsspuren zeigen, ist es unbedingt auszutauschen, da sich aufgrund der normalen Alterungsprozesse, vor allem des Bandmaterials, die Belastbarkeit verringert. Auch rät es sich nach einem Sturz das Set zu tauschen, auch wenn der Fangstoßdämpfer unter Umständen nicht ausgelöst hat. Hat er ausgelöst, muss das Set in jedem Fall ausgetauscht werden.

Klettersteigsets und Kinder bzw. leichte Menschen

Die meisten Klettersteigsets sind für ein Gewicht (ACHTUNG: Körpergewicht plus Ausrüstung!!!) von 50 kg bis 100 kg, manchmal auch bis 120 kg, ausgelegt. Dies ist auch unbedingt zu beachten. Der Bandfalldämpfer wird erst bei einem Sturz einer 50 kg schweren Person aktiviert. Fällt daher ein Kletterer ins Set, der weniger als 50 kg wiegt, wird der Sturz nicht dynamisch abgefangen und der Fangstoß ist weit größer als 6 kN, was im schlimmsten Fall zum Tod führen kann. Vom Prinzip her kann das gleiche passieren, wenn zu schwere Kletterer ins Set fallen. In diesem Fall kann der Bandfalldämpfer die Sturzenergie nicht genug absorbieren, sodass auch dies einen statischen Sturz zur Folge hat.

Es gibt wenige Sets, die auch für leichtere Personen geeignet sind, z.B. das Edelrid Cable Vario, das für einen Gewichtsbereich von 30 bis 80 kg ausgelegt ist. Diese Sets empfehlen sich auch für Erwachsene, deren Gewicht um die 50kg liegt, da ein Erwachsenen-Set zwar rein theoretisch bei 50kg auslöst, angenehm wird das aber nicht. Daher lieber ein Set verwenden, bei dem sich das eigene Gewicht im Mittelbereich der Gewichtsangabe bewegt.

Um Gewissheit zu haben, welches Set zu welchem Gewicht passt, solltest Du in jedem Fall die Gebrauchsanweisung lesen. Das Set Buddy Ferrata von Skylotec z.B. wird vom Hersteller als Kinderset kommuniziert, fängt aber eigentlich erst bei 30kg an und ist somit nur für große oder schwere Kinder geeignet. Also lieber einmal die Gebrauchsanweisung lesen.

Generell wird aber empfohlen, leichtere Personen an schwierigen Stellen von oben zusätzlich nachzusichern. Sicher ist sicher, vor allem bei Kindern – damit dem sicheren Kletterspaß im Klettersteig nichts mehr im Wege steht.

Genauso so gibt es Sets für schwerere Personen, z.B. das Edelrid Cable Rent. Aber auch hier ist ggf. eine Nachsicherung von oben sinnvoll.

Zusätzliche Gimmicks

Es gibt Klettersteigsets, die mit einer zusätzlichen Klettersteigbremse versehen sind, z.B. das AustriAlpin Hydra. Auch Skylotec hat ein entsprechendes Set auf den Markt gebracht. Das kann in schwierigen Stellen zusätzliche Sicherheit bringen, da der Sturz nicht erst bei der nächsten Zwischensicherung aufgefangen wird, sondern die Klettersteigbremse sofort greift. Diese Bremse greift allerdings nur, wenn sie richtig herum eingehängt wird. Da es sich um einen zusätzlichen Arm handelt, ist das Set von Haus aus nicht unsicherer als andere, allerdings sollte man trotz der zusätzlichen Bremse nicht riskanter klettern. Auch bei solchen Klettersteigsets gilt der Leitspruch, dass man im Klettersteig nicht fällt.

Allerdings verbraucht man natürlich zusätzlich Armschmalz, da neben den zwei Fangarmen auch noch zusätzlich die Klettersteigbremse – in der richtigen Richtung – umgehängt werden muss.

Zudem gibt es Sets, die mit einem Wirbel versehen sind, z.B. beim Edelrid Cable Comfort 2.3. Dieser Wirbel soll ein Verdrehen der Äste verhindern. Aus eigener Anwendung kann ich sagen, dass es nur teilweise funktioniert. Wenn man nicht darauf achtet, muss man die Äste trotzdem entzwirbeln. Ein nettes Gimmick, aber bei Weitem kein Muss.

Was gibt es noch zu sagen?

Ein Klettersteigset ist ein absolutes Notfallgerät. Meist sind Stürze im Klettersteig, auch mit kompletter Klettersteigausrüstung, mit teils schweren Verletzungen verbunden. Ein Klettersteigset kann lediglich den finalen Absturz und einen zu harten Fangstoß verhindern. Das ist bei der Tourenauswahl unbedingt zu beachten, auch wenn die Werbebilder locker lachende Menschen im Klettersteig zeigen und somit ein unbeschwertes und sicheres Vergnügen versprechen.

Autor Johannes im Klettersteig

Autor Johannes im Klettersteig

Man sollte sich nicht durchgehend an der eigenen Grenze bewegen. Wenn Anfänger oder Kinder dabei sind, sollte man diese ggf. von oben nachsichern – und vor allem sollte man der Schwierigkeit himmelhoch überlegen sein, damit man sich um die Begleiter kümmern kann und nicht zu sehr mit sich selber beschäftigt ist.

Zusätzlich zum Klettersteigset gehört noch eine Bandschlinge samt Karabiner an den Gurt. Diese dient als Zwischensicherung, falls man sich im Absturzgelände mal ausruhen möchte oder schnellere Kletterer passieren lassen muss. In diesem Fall setzt man sich auf keinen Falls ins Klettersteigset. Das führt nur zu einer unnötigen Belastung der Arme und des Fallstoßdämpfers. Zumal das bei elastischen Lastarmen auch gar nicht so einfach wäre, da sie sich ggf. noch lang dehnen. Also, Bandschlinge mit Hilfe des Karabiners in die Sicherung des Eisenweges einhängen – und Pause!!

P.S.: Eine Bandschlinge mit Karabiner ist kein Ersatz für ein Klettersteigset. Eine Bandschlinge ist statisch und nicht in der Lage einen Sturz abzufedern. Ein Sturz in eine Bandschlinge kann lebengefährliche Verletzungen hervorrufen bzw. im schlimmsten Fall tödlich enden. Deshalb immer nur mit einem richtigen Klettersteigset in einen Klettersteig gehen!! Ach ja, und natürlich immer mit Helm!!

Wenn Du noch Fragen hast oder Dich nicht entscheiden kannst, hilft Dir unser Kundenservice gerne weiter. Johannes ist hier unser Fachmann in Sachen Klettersteig. Du erreichst ihn unter +49 (0)7121/70 12 0 oder per E-Mail.

Im Bereich Klettern und Outdoor tut sich viel. Neue Produkte werden erfunden, bestehende überarbeitet oder verbessert und auch wir lernen täglich viel dazu. Und natürlich wollen wir unser Wissen an unsere Kunden weitergeben. Daher überarbeiten wir regelmäßig unsere Artikel im Basislager. Wunder Dich also nicht, wenn nach ein paar Monaten ein paar Dinge anders sind. Dieser Artikel wurde zuletzt am 25.02.2016 überarbeitet.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Lukas sagte am 2. September 2014 um 16:22 Uhr

    Hi Johannes!
    einen schönen Artikel hast du da verfasst!
    Ich hätte noch eine Ergänzung zum Thema Nachsichern von Kindern/Einsteigern:
    Empfehlenswert ist das Sicherungsset von Edelrid (hatte es schon selbst im Einsatz und war begeistert – einfach zu installieren, gut im Handling und vergleichsweise leicht).
    Als Anschlagpunkt sollte NICHT nur die Verankerung des Stahlseils genommen werden – diese kann sich durch Blitzschlag o.ä. gelockert haben. Besser ist eine 30cm Dynemma-Schlinge (z.B. von Mammut), diese legt man um Verankerung und Stahlseil.
    Viele Grüße
    Lukas

  2. Alexander Becker - derklettersteiger.de sagte am 9. September 2014 um 14:05 Uhr

    Danke für den Tipp!
    Sieht schön aus!

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