Alle Artikel zum Thema ‘Ausrüstung’

Eine gute Ausrüstung ist goldwert. Wer schon mal im Regen durch die Wälder gestapft ist und am Ende trotz funktionaler Outdoor-Ausrüstung klatschnass am Ziel angekommen ist, weiß um was es geht. Es gibt einfach nichts nervigeres, als Funktionsbekleidung ohne Funktion.

Um Dir etwas Klarheit zu verschaffen, berichten wir in der Kategorie Ausrüstung, über neue Entwicklungen und auf was Du beim Kauf achten solltest. Außerdem findest Du hier interessante Hilfestellungen, wie Du Deine Ausrüstung richtig pflegst und wartest.

Nachhaltigkeitsportrait Arc’teryx

16. Juni 2020
Ausrüstung

Wie heißt dieser Ort, an dem kulturreiche Millionenmetropole und Outdoorparadies zusammentreffen? München? Naja, nicht ganz, die Berge sind da schon noch ein Stück weg.

Vancouver? Richtig! Das ist die quirlige Großstadt, an deren Nordrand unvermittelt das Gebirge mit den Tourenmöglichkeiten beginnt. Und genau dort, in North Vancouver, hat die Firma Arc’teryx ihr Basislager. In den umgebenden Skigebieten und schroffen Bergmassiven mit ihren harten Wetterbedingungen finden die Tüftler der als Edelschmiede bekannten Marke ideale Testbedingungen. Und schaffen so den „Schmelztiegel, der innovative, zielgerichtete Outdoor-Designs hervorbringt.“

Im Unterschied zu den meisten Konkurrenten unterhält das Unternehmen tatsächlich eine große Produktion am Heimatstandort. Ein Unterschied, der laut eigener Aussage bei der Produktentwicklung eine sehr große Rolle spielt. Und der sicherlich auch einen Nachhaltigkeitseffekt hat.

Firmenkurzportrait

Symbol und Namensgeber ist der Archaeopteryx Lithographica, das vermutlich erste Lebewesen jenseits des Insektenreichs, das Flugfähigkeit erlangt hat. Damals sicher eine unkonventionelle Idee der Evolution. Und wie wir wissen, führen unkonventionelle Ideen auch heute noch zu wirklich neuen Lösungen. Bei Arc’teryx begann das mit den ersten Klettergurten und Rucksäcken, die 1989 in der Garage des Firmengründers Dave Lane gefertigt wurden. Die Gurte konnten durch innovatives 3D-Design in einem bis dato nicht für möglich gehaltenen Maß auf Polsterung verzichten und Gewicht einsparen.

Innovatives Design ist bis heute der Identitätskern der Marke. Und es sind bis heute Kletterer aus der Region, die im hauseigenen „Design Centre“ das Design, die Materialauswahl und die Produktentwicklung übernehmen.

Nachhaltigkeitsstrategie

Innovatives Design ist für Arc’teryx allerdings nur in Verbindung mit einer sehr hohen Produktqualität und dementsprechend langer Lebensdauer vollständig: „Unsere Philosophie entspringt dem Glauben, dass Haltbarkeit der beste Weg zu mehr Nachhaltigkeit ist“.

Mit dieser Selbstauskunft wäre im Prinzip alles Wichtige über die Nachhaltigkeitsstrategie von Arc’teryx gesagt. Doch man begnügt sich natürlich nicht allein mit der hohen Haltbarkeit der Produkte. Im Gegenteil, das Thema Nachhaltigkeit wird auf der Firmenwebsite sehr umfangreich behandelt. Schauen wir uns nun die einzelnen Aspekte an.

Was sagt die Firma?

Zunächst einmal wirkt es sympathisch, dass man bei der Selbsteinschätzung durchaus ehrlich auftritt:

Obwohl wir immer eine perfekte Lösung anstreben, konnten wir diese in vielen Fällen noch nicht umsetzen – aber wir arbeiten daran. Wir sind motiviert, nicht nur nachhaltige Produkte herzustellen, sondern ein Unternehmen zu schaffen, das auf lange Sicht besteht und leistet.

Etwas weniger gefällt mir persönlich, dass daraufhin zwar jede Menge Text und Grafik zum Thema Nachhaltigkeit folgt, so manches davon sich aber als wohlklingender Allgemeinplatz entpuppt, den man gern auch etwas verschlanken könnte. Diese Aufgabe versuche ich folgend mal stellvertretend zu übernehmen. Wie bei allen Bergfreunde-Nachhaltigkeitsportraits wird das Ganze nach den Bereichen Umwelt und Soziales unterschieden.

Umweltaspekte der Nachhaltigkeit

Designs für eine lange Nutzungsdauer“ ist der erste auf der Firmenhomepage angesprochene Aspekt. Der entsprechende Absatz scheint mir allerdings wenig gehaltvoll.

Im nächsten Aspekt Produkte, Materialien, Technologien sieht es besser aus, dort findet sich auch das Eingangszitat mit der ehrlichen Selbsteinschätzung. Das Mehr an Gehalt und Aussagekraft zeigt sich auch in der Unterteilung nach folgenden Unteraspekten:

  • Produktlebenszyklus: Arc’teryx hat ein detailliertes „Monitoring“ über die Ökobilanz jedes Produktes eingerichtet. Es wird beispielhaft anhand der Alpha SV Jacke gezeigt. Bei der Erstellung der Ökobilanz „haben wir festgestellt, dass 65 % der durch eine unserer Jacken hervorgerufenen Umweltbelastungen bei der Produktion der Rohmaterialien und der Herstellung entstehen.“ Was man mit diesem Wissen konkret macht, ist (noch?) nicht nachzulesen.
  • Produktpflege und Reparatur: Arc’teryx weist auf seinen großen, weltweiten Reparaturservice hin. Allein in Vancouver hat man 2017 13.110 Produkte erfolgreich repariert.
  • Materialauswahl: Arc’teryx ist Bluesign-Systempartner und hat dessen Liste eingeschränkt nutzbarer Produkte (Restricted Substances List, RSL) übernommen. Man arbeitet eng mit den Zulieferern zusammen, um die RSL-Standards über die gesamte Lieferkette einzuhalten. Das Bluesign-System soll über die bloße Kontrolle des Endprodukts hinaus die Auswahl nachhaltiger Rohmaterialien ermöglichen.
  • PFCs: Arc’teryx verwendet ausschließlich kurzkettige PFCs, die kein PFOA enthalten (Näheres zu PFC und PFOA in diesem Basislager-Artikel). Es bleibt jedoch die umweltbelastende Wirkung kurzkettiger PFCs und man weiß, dass deren Verwendung „keine perfekte Lösung darstellt. Während sie die Lebensdauer eines Produkts erhöhen, bestehen sie auch in der Umwelt“.
    Deshalb testet man neue PFC-freie DWRs (Durable Water Repellency) und arbeitet an der Entwicklung neuer wasserdichter Ausrüstungen wie Silikone und modifiziertes Paraffin (Wachs). Arc’teryx sagt, ein Durchbruch stehe in der Industrie insgesamt noch aus, doch das stimmt mittlerweile nicht mehr  ganz. So hat beispielsweise Vaude mit seinem „Eco Finish“ eine funktionierende, komplett PFC-freie Imprägnierung im Angebot.
  • Geruchshemmende Behandlung: Das hauseigene „Durable Anti-Odour“ (DAO) besteht aus einer Spurenkonzentration Silbersalze, „die in ein nicht-toxisches Polymer eingebunden und mit der Materialoberfläche verbunden werden“. Es werden nur minimale Mengen an Silbersalz und kein Nano-Silber benötigt. Die größeren Partikel werden nicht so leicht von Organismen aufgenommen. Arct’eryx verweist auf Studien, die zeigen, dass herausgelöste Silberkonzentrationen aus den Produkten keine bedeutenden Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit haben. Der entsprechende Link führt allerdings nur auf die Startseite einer großen Studien-Datenbank.
  • Tierschutz: Arc’teryx verwendet nur RDS-zertifizierte Daunen (Responsible Down Standard), die von der Allied Feather and Down facility in Kalifornien weiterverarbeitet wurden. Allied ist ebenfalls Bluesign-Partner. Die verwendete Wolle stammt von Zulieferern, die entweder nach dem ZQ Merino Standard oder dem National Wool Declaration Integrity Program arbeiten und kein Mulesing betreiben (eine tierquälerische Praxis, um Larvenbefall einzudämmen). Die Lederlieferanten „halten sich an die Liste eingeschränkt nutzbarer Produkte (RSL) und verwenden nur Leder, das aus Tierhäuten gefertigt wurde, die als Abfallprodukt der Fleischindustrie entstehen. In Zusammenarbeit mit unseren Zulieferern stellen wir sicher, dass das Leder von Leather Working Group konformen Gerbereien stammt, die Umweltmaßnahmen durchführen.
  • Mikroplastik: In einem Forschungsprojekt des Ocean Pollution Research Programs werden bei 30 unterschiedlichen Stoffproben von Arc’teryx „Fingerabdrücke“ erstellt und der Materialabrieb gemessen. Die Daten werden in eine globale Datenbank eingespeist, die dabei hilft, die Quelle, den Transport und den Ort der Verschmutzung mit Mikroplastik in den Ozeanen besser zu verstehen. Das Ziel ist, „zu lösungsorientierten Designs, Praktiken und Produkten beizutragen.“

Als nächster Umweltaspekt folgt der Klimaschutz. Man ist dabei, „klimawissenschaftlich unterstützte Emissionsziele zu entwickeln“. Dafür will man die Effizienz der Lieferkette deutlich steigern und viele weitere Dinge tun, die ausführlich und sehr ambitioniert beschrieben werden, bislang aber noch den Status von Absichtserklärungen haben. Man hat die United Nations Fashion Climate Charter unterzeichnet und sich mit einer kanadischen Denkfabrik für Klimapolitik und Forschung zusammengeschlossen.

Eine tatsächlich konkrete Maßnahme wird eigenartigerweise auf der Firmenhomepage nicht bzw. nur sehr versteckt erwähnt: das Used Gear Rückkaufprogramm 2019. Über dieses berichtet stattdessen der Blog Gearjunkie. Arc’teryx kauft Ausrüstung in leicht getragenem bis ausgezeichnetem Zustand zurück, solange das Innenetikett noch angebracht ist. Man gibt dafür einen Gutschein im Wert von 20 Prozent des ursprünglichen UVP aus. Funktionsfähige Artikel, die nicht weiterverkauft werden können, gehen an Schulen und gemeinnützige Einrichtungen.

Analyse der eigenen Umweltauswirkungen

Arc’teryx hat bereits 2014 den sogenannten Higg Index eingeführt, ein freiwilliges Instrument, das von der Sustainable Apparel Coalition (SAC) entwickelt wurde. Der Name Higg geht auf das Higgs-Teilchen zurück, mit dem die Physik das Verständnis vom Universum vertiefen will. Der Higg Index sucht analog „nach dem Teil innerhalb der Wertschöpfungskette, der die Nachhaltigkeit verändert“. Die Produktionsstätte in Vancouver hat man demgemäß mit Geräten zur Steigerung der Energieeffizienz ausgestattet: Bewegungsmelder, Zeitschaltuhren für die Beleuchtung und programmierbare Thermostate. Zudem begrüßt man die in British Columbia erhobene Kohlenstoffsteuer als Anreiz für weitere Maßnahmen.

Soziale Nachhaltigkeit und Mitarbeiterführung

Wie eingangs erwähnt hat Arc’teryx einen relativ hohen Anteil an Eigenproduktion vor Ort, den man weiter ausbauen will. Dort gelten selbstverständlich hohe Arbeits- und Sozialstandards – die allerdings auch mit einem hohen Anforderungsniveau an Qualifikation und Kompetenz auf Seiten der Belegschaft einhergehen.

Globale Fertigung

Da das Volumen der Arc’teryx-Produktion die Kapazitäten der Heimatregion vor allem in Bezug auf fähige Arbeitskräfte bei weitem übersteigt, wird mittlerweile global produziert. Man arbeitet „mit den besten technischen Textilfabriken in neun Ländern zusammen“.

Fertigung in Kanada

Trotz Kapazitätsgrenzen und gegenläufigem Allgemeintrend gelingt es Arc’teryx, die Produktion des kanadischen Standorts ARC’One zu steigern. Das gelingt vor allem durch Investitionen in die Qualifizierung neuer Mitarbeiter, die in einem „Trainingscenter“ mithilfe lokaler Organisationen die technischen Fähigkeiten des Handwerks erlernen.

Dazu als persönliche Einschätzung: Wenn qualifizierte Arbeitsplätze in einem regional verwurzelten Unternehmen für mehr Bildung, Qualifikation und Wohlstand in der Umgebung sorgen, ist das eine pragmatische, effektive und ergo gelungene Art von sozialer Nachhaltigkeit.

Fertigung in anderen Ländern

Das Arc’teryx-Netzwerk besteht aus 19 Produktionsstätten in China, Vietnam, Bangladesch, Myanmar, den Philippinen, Indonesien, Kambodscha, El Salvador und Rumänien, die „unsere Produktions- und Qualitätsstandards“ einhalten, „unsere klaren und stringenten Arbeitspraktiken“ beachten und sich „zur Verringerung der Umweltauswirkungen“ verpflichten.

Arbeits- und Menschenrechte

Arc’teryx hat ein umfangreiches soziales Audit- und Überwachungsprogramm in allen Produktionsstätten eingeführt, um ethische Arbeitsbedingungen zu schaffen. Man vertraut dabei „der langjährigen Erfahrung unserer Muttergesellschaft AMER Sports, die für die Koordination unseres Audit-Programms verantwortlich ist“. Das Programm entspricht den Standards der Fair Labour Association und der Social Accountability International.

Gemeinschafts-Partnerschaften sind eine weitere Maßnahme auf der sozialen Ebene, durch die Arc’teryx Projekte und Partner unterstützt. Eine wichtige ist der Do right Day, an dem der Verkaufserlös gespendet wird.

Was sagen Beobachter und Kritiker?

Das ISPO-Magazin stellt General Manager Jon Hoerauf im Interview eine kritische Frage:

Viele sehen auch einen Innovationsschub in der Entwicklung nachhaltiger Kollektionen. Warum haben wir bisher nicht viel über Arc’teryx und Nachhaltigkeit gehört?

JH: „Sie werden bald immer mehr hören – wenn wir bereit sind. Im Grunde sind wir seit mehr als 25 Jahren auf Nachhaltigkeit fokussiert wenn man bedenkt, dass wir versuchen, Produkte zu bauen, die länger halten als alle anderen.

Damit fasst er zusammen, was – wie hier eingangs erwähnt – eine wichtige Säule der Nachhaltigkeit ist, ohne explizit mit diesem Label benannt zu sein: die hohe Qualität und Haltbarkeit der Produkte.

Ansonsten ist das Echo in den Medien und bei Nachhaltigkeitsportalen bislang sehr gering – was daran liegen dürfte, dass die Marke Arc’teryx im Vergleich zu Platzhirschen wie Jack Wolfskin oder Salewa etwas kleinere Kundenkreise anspricht und weniger massentaugliche Ware anbietet. Da man aber in Zukunft mehr in den Bereich Mode gehen möchte, könnte es sein, dass die mediale Aufmerksamkeit steigt.

Fazit

Auch wegen dieses geringen Medienechos musste ich hier größtenteils auf die firmeneigenen Infos zurückgreifen. Die „externen“ Artikel und Berichte klingen auffallend unisono und decken sich sehr mit den Inhalten der Firmenwebsite, weshalb sie womöglich „nur dort abgeschrieben“ sind. Was ich jedoch nicht weiter verwerflich finde, da man der Firma die Naturverbundenheit durchaus „abkaufen“ kann. Mir erscheinen die Selbstauskünfte von Arc’teryx zumindest als gesunde Mischung von PR und ehrlich-transparenter Information. Wenn hier und da nicht alles Gold ist was glänzt, wird das offen angesprochen. Als Gesamtbild zeigt sich eine Firma, die ambitioniert und konsequent am bestmöglichen Einklang von Funktionalität und Nachhaltigkeit arbeitet.

Der neue alte R-Wert-Standard für Isomatten

26. Mai 2020
Ausrüstung, Tipps und Tricks

Eine erholsame Nachtruhe gehört mit zum Wichtigsten auf einer Berg- oder Trekkingtour. Wenn der Körper nicht die Ruhe bekommt, die ihm durch die körperliche Anstrengung zusteht, werdet Ihr bei Euren Unternehmungen schnell wenig Freude haben. Nun nutzt einem aber der beste Schlafsack nichts, wenn die dazugehörende Isomatte die Kälte vom Boden nicht entsprechend abhält.

Dies liegt daran, dass man nicht umhin kommt im Schlafsack den Teil der Füllung mit seinem Körpergewicht zu komprimieren, auf dem man liegt. Hier kommt also die Wärme nicht mehr in erster Linie vom Schlafsack, sondern von der Isomatte, die verhindert, dass sich vom Boden her eine Kältebrücke bildet.

Woher weiß ich aber, bis zu welcher Temperatur eine Isomatte grob einsetzbar ist? Dies regelt der R-Wert, nur dass es im Unterschied zu Schlafsäcken kein normiertes Testverfahren für dessen Ermittlung gab.

Temperaturangaben ohne Wert? – Der bisherige R-Wert

Bislang war ein großes Problem an der Angabe des R-Wertes das Fehlen eines standardisierten Verfahrens. Der R-Wert misst den Wärmewiderstand einer Dämmung. Das bedeutet je besser der Widerstand gegenüber der Wärmeübertragung ist, desto effizienter die Isolation – oder einfacher ausgedrückt je höher der R-Wert desto wärmer die Isomatte.

Nun gab es im Jahr 2001 von den Schweizer Outdoor-Tüftlern Exped erstmals den Versuch einen R-Wert für Isomatten verlässlich zu ermitteln. Dies ließ Exped von der eidgenössischen Materialprüfungsanstalt in St. Gallen testen, die über die entsprechende technische Ausrüstung verfügten.

Einige Hersteller schlossen sich danach dieser so genannten EMPA-Methode an, andere führten auf einer sehr ähnlichen Basis eigene Tests durch, wieder andere entwickelten aber auch ganz eigene Testmethoden. Dies führte dazu, dass es letztlich erstens keine einheitliche Norm für die Ermittlung des R-Wertes gab und zweitens die Verlässlichkeit dieses Wertes insgesamt nicht gegeben war, weil die verschiedenen Methoden auch unterschiedliche Ergebnisse zeitigten.

Dies war natürlich kein dauerhaft zufriedenstellender Zustand für die Endkunden und so beschlossen die führenden Hersteller von Isomatten nun endlich ein einheitliches Testverfahren für die Wärmeleistung von Isomatten zu entwickeln. Dies geschah auf Basis einer ASTM-Norm. ASTM steht für American Society for Testing and Materials und firmiert seit 2001 kurz unter ASTM International.

Die ASTM-F3340 Norm für den R-Wert

Wie genau funktioniert nun dieses neue, standardisierte Verfahren? Sehr ähnlich, wie bei der ursprünglich von Exped genutzten EMPA-Methode wird die Isomatte zwischen zwei Platten gelegt. Die untere Platte bleibt hierbei kalt, während die oben liegende Platte auf eine konstante, die menschliche Körperwärme imitierende, Temperatur erwärmt wird. Im nächsten Schritt wird dann die Energie gemessen, die benötigt wird, um die Temperatur der oberen Platte gleichbleibend zu halten.

Diese Daten ergeben dann den jeweiligen R-Wert. Was hier nun immer noch eine Leerstelle bleibt, ist der Druck der von der oberen Platte auf die Matte ausgeübt wird, sowie welchen Einfluss der Aufblasdruck der Matte auf das Testergebnis hat.

Es wurde zudem auch die Anzahl der Tests noch nicht festgelegt, die der Norm zugrunde gelegt werden soll. Deshalb bietet auch der neue R-Wert „nur“ die Möglichkeit einer Vergleichbarkeit zwischen unterschiedlichen Herstellern, nicht aber eine konkrete Temperaturangabe. Will heißen ihr wisst jetzt, dass egal ob ihr eine Matte von beispielsweise Sea to Summit, Exped oder Therma A Rest erwerbt, alle Hersteller den R-Wert auf der gleichen Basis ermitteln.

Bis der R-Wert auch eine wirklich verlässliche und nachvollziehbare Temperaturangabe sein kann, bedarf es noch der genauen Definition obiger Parameter. Aber die neue Norm ist nichtsdestotrotz ein guter Schritt um Euch eine höhere Transparenz zu bieten und damit die Wahl der richtigen Isomatte doch deutlich zu erleichtern. Denn eine grobe Temperaturspanne bietet der R-Wert schon und durch die neue Einheitlichkeit mit der Norm ASTM F3340 ist er als Angabe sehr viel verlässlicher geworden.
In diesem Sinne, bleibt gesund und macht Euch draußen eine tolle Zeit, denn dort ist sie immer noch am Schönsten!

Die Nachhaltigkeit bei Icebreaker

5. Mai 2020
Ausrüstung

Wenn ich „Icebreaker“ lese, denke ich komischerweise nicht an gepanzerte Schiffe im Polarmeer, sondern an Merinoschafe und Funktionsunterwäsche. In Sachen Werbepsychologie hat die 1994 in Neuseeland gegründete Firma also alles richtig gemacht. Das könnte vielleicht auch daran liegen, dass Firmengründer Jeremy Moon zu dieser Zeit gerade ein Marketing-Studium beendet hatte.

Die entscheidende Idee lieferte ihm laut Icebreaker-Schöpfungsmythos eine Freundin, als sie ihm den Farmer Brian Brackenridge vorstellte. Der Schafzüchter hatte ein T-Shirt aus 100 Prozent Merinowolle anfertigen lassen und gab es dem 24 jährigen Moon. Der war begeistert, trug es fortan selbst bei seinen Outdooraktionen und überlegte, wie man die Leute von dem brandneuen und zugleich uralten Material überzeugen könnte.

Es hat nur wenige Jahre gedauert, bis das geschafft war und aus der Idee, Outdoorunterwäsche aus Naturmaterial zu bevorzugen, ein Unternehmen mit Sitz in Wellington und mehr als 350 Angestellten wurde. Wer weitere Eckdaten über die Firma erfahren möchte, kann auf der Bergfreunde-Shopseite nachschauen. Hier im Basislager wandert der Blick jetzt auf den Nachhaltigkeitsansatz von Icebreaker.

Der Nachhaltigkeitsansatz von Icebreaker

Das wohl wichtigste Stichwort in Sachen Nachhaltigkeit lautet Transparenz. Sie ist zusammen mit dem  Vertrauen, das daraus entstehen kann, der Kernaspekt der Nachhaltigkeitsstrategie. Es gibt wohl keinen anderen Hersteller, der das Ganze so weit treibt, dass es der Kundschaft sogar schon „zu weit ging“. Icebreaker hatte vor einigen Jahren eine Idee, die man als „Barcode zum Schaf“ zusammenfassen kann:

Mehrere Jahre lang ließ Icebreaker die Kunden nachverfolgen, aus welcher Charge die Wolle des jeweiligen Unterhemds oder Shirts stammte. So genau wollten das die Verbraucher aber gar nicht wissen, weshalb die Maßnahme wegen mangelnder Nachfrage längst eingestellt wurde. Statt mit einem Barcode schafft Icebreaker heute Transparenz mit einem umfangreichen Bericht.

Der erwähnte Bericht trägt den Titel „Made Different“, stammt aus dem Jahr 2017 und erklärt auf 123 Seiten diverse Schritte und Maßnahmen des Unternehmens. Doch nicht nur das, er gewährt auch umfassende Einblicke in die Wertschöpfungskette, die Belegschaftsstruktur, die Geschäftspartnerschaften, den Tierschutz und die Fertigungsmethoden. Kurz, in fast alle Aktivitäten.

Ein zweiter Kernaspekt ist die tiefe Verflechtung und weiträumige Verteilung der Nachhaltigkeit in den Aktivitäten und Strukturen der Firma. Das bedeutet, Nachhaltigkeit ist bei Icebreaker kein gesondertes Tätigkeitsfeld und somit auch nicht sauber getrennt darstellbar. Womöglich ist das auch der Grund, warum bei Icebreaker nur wenige der bekannten Siegel, Labels und Mitgliedschaften zu finden sind, die sofort als „offiziell gültige“ Nachhaltigkeit sichtbar sind. Man muss viele Angaben auch im Sinne von „Treu und Glauben“ nehmen – oder sie eben kritisch hinterfragen.

Ich versuche beides, indem ich die als Nachhaltigkeitsmaßnahmen erkennbaren Aspekte des Transparency-Berichtes von 2017 herausstelle, ohne sie abschließend zu bewerten und „validieren“.

Umweltschutzmaßnahmen

Hier betont Icebreaker den Fokus auf Naturfasern, die über 85 % des gegenwärtigen Rohmaterialeinsatzes ausmachen. Im Abschnitt „Unsere Philosophie“ klingt das so:

Icebreaker wurde mit einem höheren Zweck gegründet. Um Verbrauchern eine natürliche Alternative zu Synthetik zu bieten und in der Outdoor-Branche einen Wandel hin zu nachhaltigen Lösungen zu bewirken.

Der hohe Anteil Naturfaser ist in der von Kunstfasern dominierten Outdoorindustrie tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal. Die Merino-Wollfasern gelten als natürlich, biologisch abbaubar, umweltschonend und damit nachhaltig. Entscheidend ist allerdings die Herkunft, denn nachhaltig ist die Wolle nur, wenn sie aus Betrieben mit artgerechter Tierhaltung und umweltgerechter Weidewirtschaft stammt.

Beides will Icebreaker durch strenge vertragliche Verpflichtungen an die Auftragsfertiger garantieren. Im Gegenzug bietet man den Züchtern Sicherheit und Planbarkeit durch langfristige Verträge (mehr dazu im Report auf S.24 unter „Direkte Beziehungen mit den Schafzüchtern“).

Tierhaltung und Tierschutz

Details zur Tierhaltung und zum Tierschutz werden im Report über viele Seiten offengelegt (S.24 ff.). Im Jahr 2015 waren es um die 15.000 Schafe, die auf etwa 16.000 Hektar gehalten wurden. Sie leben auf den Weiden und werden in wuchsschwachen Zeiten mit Zusatzfutter versorgt. Zu den  Tierschutzauflagen zählen eine stressfreie Haltung mit den „4 Freiheiten“ und natürlich das Verbot von Mulesing (schmerzhaftes Entfernen von Haut am Schwanz des Tieres).

Technische Innovationen

Mit einem kurzen Sprung zurück auf Seite 16 sieht man eine Zeitleiste über die Firmengeschichte. Für das Jahr 2012 ist dort das Material Cool-Lite erwähnt – eine neue Mischung aus Merinowolle und der pflanzlichen Regeneratfaser Tencel. Im folgenden Jahr 2013 entwickelt Icebreaker „eine natürliche Alternative zu Entendaunen, die aus Merinowolle hergestellt wird.“ Beide Entwicklungen stehen für Funktionalität auf schonende und naturnahe Weise.

Freiwillige Größeneinschränkung

Ein wirklich bemerkenswerter Schritt ist die auf Seite 45 dargestellte Entscheidung, die Größe der globalen Herbst-Winter-Kollektion um 20 Prozent zu reduzieren.  Die Größe war „nicht mehr mit den Werten unseres Produkt-Designs vereinbar“.

Recyceltes Polyester

Polyester hat einen Anteil von fünf Prozent der verwendeten Fasern. Davon sind 72 Prozent hauptsächlich aus PET-Flaschen recycelt und man ist bestrebt, den Anteil zu erhöhen.

Öko-Tex Standard 100

92 % der Stoffe in der Herbst-/ Winterkollektion 2017 trugen das Siegel STANDARD 100 by OEKO-TEX. Der Standard ist ein weltweites, unabhängiges Test- und Zertifizierungssystem, das die Schadstofffreiheit von Stoffen oder Rohmaterialien bestätigt.

Verpackungen und Einkaufstaschen

Verpackungen sollen auf ein Minimum reduziert werden. Kunststoffe wurden komplett abgelöst von Recycling-Kartons und biologisch abbaubaren Hüllen. Es wird Druckertinte auf pflanzlicher Basis genutzt und die Waren werden soweit wie möglich als Schiffsfracht versendet.

Reduktion der Umweltbelastung durch Unternehmensaktivität

Mit einem Sprung auf Seite 82 des Berichts gelangt man zu den „internen“ Umweltschutzmaßnahmen. Diese betreffen neben dem Umgang mit Chemikalien und Abwasser auch die Logistik. Soweit möglich transportiert man Ware per Seefracht (76 % 2017) und versucht den Anteil an Luftfracht von 10 % weiter zu drücken.

Hierbei bleibt allerdings die Frage offen, ob Schiffsdiesel über globale Entfernungen wirklich so viel umweltfreundlicher ist. Um hier zu einer klaren Antwort zu kommen, müsste man wohl eine sehr große und komplexe Rechnung aufmachen.

Beim Umgang mit Chemikalien hält sich Icebreaker an das „Verzeichnis der Stoffe mit eingeschränkter Verwendung“ (Restricted Substance List, RSL) der American Apparel & Footwear Association (AAFA). Dieses Instrumentarium basiert auf den strengsten globalen Standards und Gesetzen. Auch alle Lieferanten akzeptieren die Liste ab Beginn einer Geschäftsbeziehung und erklären sich mit Kontrollen einverstanden.

Closed Loop Wasseraufbereitung

Beim Superwash-Verfahren, das Merino waschmaschinentauglich macht, entstehen Dämpfe, die eingefangen und in einem Entlüftungssystem behandelt werden. Gleichzeitig wird das Abwasser eingefangen und in einer Wasseraufbereitungsanlage am Standort aufbereitet.

Frei von PFC bis 2020

Perfluorierte Chemikalien (PFCs) werden in der Outdoor-Bekleidungsindustrie bekanntlich für wasserabweisende Beschichtungen eingesetzt. Von den relativ wenigen wasserdichten Jacken bei Icebreaker waren in der Herbst/ Winterkollektion 2016/17 37 Prozent PFC-frei und Icebreaker ist „auf Kurs bis 2020 PFC-frei zu sein.“

Produktionsabfall

Das Abfallmanagement der Icebreaker Fabriken wird durch den Icebreaker-Audit-Prozess überwacht. Icebreaker-Fabriken erzielen aktuell einen Durchschnittswert von 8,7/10 für Abfallmanagement, was über dem Branchendurchschnitt von 7,1/10. liegt. Diese Angabe bezieht sich auf 1404 Audits, die von der Firma Asia Inspection in 24 Ländern in den vorhergehenden 12 Monaten durchgeführt worden waren.

An den Audit-Scores gibt es allerdings Kritik vonseiten des Nachhaltigkeitsportals Rankabrand. Das Vergleichsportal für Markenhersteller sieht die Nachhaltigkeitsbestrebungen bei Icebreaker allgemein kritisch. Dazu mehr im Fazit.

Rückgabe- und Recycling-Programm

Icebreaker hat sich zur Erstellung eines Rückgabe- und Recycling-Produktlebenszyklusprogramms verpflichtet, „bei dem Verbraucher dafür belohnt werden, wenn sie ihr icebreaker zum Recycling bis 2022 zurückgeben.“

Nature Dye: Umweltfreundliche Textilfärbung und Abwasserentsorgung

Bei Nature Dye werden zum Färben der Kleidungsstücke 80% weniger Wasser verwendet als bei herkömmlichen synthetischen Färbeverfahren. Auch Energie wird mit diesem Kaltfärbeverfahren gespart. Die Farbe wird im Stoff durch natürliche schadstofffreie Fixiermittel gebunden. Das Abwasser wird – ebenso wie bei der Herstellung der Nicht-Nature-Dye-Kleidung – in einem Kreislaufsystem aufgefangen und recycelt.

Soziale Maßnahmen

Mitarbeiter

Bei Icebreaker misst man kultureller Vielfalt und einem hohen Frauenanteil große Bedeutung bei. Besonders Letzteres wird an vielen Stellen betont. Die Rechte von Mitarbeitern versucht man mithilfe der Audits und durch die Möglichkeit zu direkter und anonymer Kontaktaufnahme unter der Mailadresse workersvoice@icebreaker.com wahrzunehmen bzw. zu schützen.

Bei den Audits der Icebreaker-Lieferanten untersuchen die Prüfer betriebliche Unterlagen und führen persönliche Interviews durch, um sicherzustellen, dass Fabriken ihre gesetzlichen Pflichten hinsichtlich Löhne, Leistungen und Arbeitszeiten erfüllen.

Bei jedem Besuch hinterlassen die Prüfer Visitenkarten und geben klar zu verstehen, dass Arbeiter sie direkt und streng vertraulich kontaktieren können. Der genaue Ablaufplan von Icebreaker-Audits sowie die ergebnisabhängigen Folgemaßnahmen sind im Transparency Report auf S. 76 ff. nachzulesen.

Ein vielversprechender Ansatz ist die Schaffung von Vertrauen und „Corporate Identity“ mit menschlicher Note. Icebreaker betont die zwischenmenschlichen Beziehungen und macht die weltweit am Prozess beteiligten Menschen füreinander und nach außen sichtbar. Man schafft persönlichen Kontakt durch Zusammentreffen von Mitarbeitern und Geschäftspartnern beim jährlichen dreitägigen „Vendor Summit“ in Neuseeland. Eine ganz ähnliche Plattform ist der „Icebreaker Growers Club“, in dem sich die Schafzüchter kennenlernen und vernetzen können.

Beziehungen zu Lieferanten

Lieferanten müssen sich an den Verhaltenskodex nach Richtlinien der internationalen Arbeitsorganisation halten. Die Einhaltung wird ebenfalls im Rahmen der Audits geprüft. Icebreaker strebt möglichst langfristige Geschäftsbeziehungen an, in denen Vertrauen wachsen kann.

65 % des Volumens an Rohstoffen und Zwischenprodukten wird laut Homepage immer noch von den zwei ersten internationalen Lieferanten gefertigt, mit denen man seit 13 Jahren zusammenarbeitet. Im Transparency Bericht finden sich dazu ab Seite 56 umfangreiche Informationen, inklusive Fallbeispiel.

Beim Einkauf von Rohstoffen und Zwischenprodukten versucht man die in der Modebranche häufigen starken Nachfrageschwankungen mit möglichst genauen und langfristigen Vorabsprachen abzufedern und dadurch auch fragwürdige Praktiken wie Zwangsüberstunden zu verhindern.

Fazit

Der Nachhaltigkeitsansatz bei Icebreaker scheint breit angelegt und durchaus glaubwürdig verfolgt zu werden. Im Wörtchen „scheint“ kommt jedoch auch eine Schwäche zum Ausdruck: die bislang noch nicht sehr ausgeprägte Verifizierung durch Feedback von Medien und unabhängigen Dritten.

Beim Vergleichsportal Rankabrand wird sogar ausgerechnet die Transparenz bemängelt, die dem  Homepagebesucher angesichts des detailreichen Transparenzreports eigentlich ziemlich umfassend vorkommt. Vielleicht liegt hier das Problem auch in verschiedenen Methoden, mit denen man Nachhaltigkeitsmaßnahmen erfassen und darstellen kann.

Die zweite Schwäche ist der grundlegende Widerspruch zwischen dem Nachhaltigkeitsgedanken und den globalen Distanzen, die für die Herstellung und den Verkauf der Icebreaker-Produkte zurückgelegt werden. Allerdings steht gerade in der Outdoorbranche so gut wie jedes Unternehmen, das über den lokalen Maßstab hinaus operiert, in diesem Konflikt.

Eine Stärke dürfte hingegen die Natürlichkeit des grundlegenden Rohstoffs Merinowolle sein. Die Icebreaker-Wolle dürfte neben den Kunststoffprodukten in der Nachhaltigkeits-Gesamtrechnung ganz gut wegkommen – mit oder ohne lange Transportwege.

Die Nachhaltigkeit bei Haglöfs

24. Februar 2020
Ausrüstung

Haglöfs ist bekannt als Spezialist für technische Outdoor-Bekleidung auf hohem Niveau. Mit sehr langlebigen Produkten, intelligenten Detaillösungen und hochwertigen, oft bluesign-zertifizierten Stoffen spielt der schwedische Hersteller in der oberen Outdoor-Liga.

Auch in Sachen Nachhaltigkeit ist Haglöfs weit vorn dabei. Die Maßnahmen, die sich über die gesamte Herstellungskette erstrecken, sind nachzulesen in Haglöfs eigener, sehr umfangreicher Nachhaltigkeitsdokumentation. Nun ist das mit den Eigenauskünften immer so eine Sache. Doch es werden überprüfbare Zahlen und Daten vorgelegt und die „Quelle“ hat einen tadellosen Ruf zu verlieren. Dass Nachhaltigkeit bei Haglöfs kein Beiwerk, sondern tragende Säule ist, wird auch von dritter Seite bestätigt und honoriert. So wurde das Unternehmen 2015 in Schweden zur nachhaltigsten Marke des Jahres gekürt. Es lohnt sich also, einen genaueren Blick auf die Haglöfs-Nachhaltigkeit zu werfen.

Nachhaltigkeitsphilosophie von Haglöfs

Nachhaltigkeitsarbeit ist in der gesamten Wertschöpfungskette und in allen Aktivitätsbereichen des Unternehmens verankert. Das Reporting der eigenen Nachhaltigkeitsaktivitäten ist dementsprechend umfangreich. Es könnte allerdings hier und da durchaus kürzer gefasst sein, denn es ist auch ohne Ausschmückung genug Substanz vorhanden.

Seit 2008 ist Nachhaltigkeit Bestandteil aller Unternehmensprozesse. Eva Mullins, Sustainability Managerin bei Haglöfs, skizziert im Interview mit Sportmarkt.info wichtige Aspekte dieser Arbeit:

In der Planungsphase prüft das Unternehmen umweltfreundliche Alternativen, die für die Entwicklung jedes einzelnen Produkts verwendet werden können. Mit klaren Zielen, der Mitgliedschaft beim bluesign-Standard und dem Bestreben, so weit wie möglich recycelte oder recycelbare Materialien zu verwenden, basiert der gesamte Prozess auf einer soliden Struktur. 2012 schloss sich Haglöfs der Fair Wear Foundation an, sodass das Unternehmen jetzt einen Partner hat, der hilft, die Arbeitsbedingungen bei seinen Herstellern zu verbessern.

Umweltmaßnahmen der Nachhaltigkeit

Wenden wir uns der umfangreichen Berichterstattung auf der Haglöfs-Homepage zu. Diese ist nach 22 inhaltlichen Aspekten unterteilt, die alle in Zusammenhang miteinander stehen. Die Anordnung der Aspekte bzw. Themen ist jedoch nicht sonderlich strukturiert, abgesehen von der Konzentration der sozialen Aspekte im zweiten „Block“. Deshalb sind Reihenfolge und Struktur in der hier folgenden Zusammenfassung an einigen Stellen geändert.

Materialien

Das Ziel bei jedem Produkt ist, hohe Funktion und Leistungsfähigkeit bei geringst möglichen negativen Auswirkungen auf die Umwelt zu erreichen. Das fängt bei den Grundmaterialien, also den „Zutaten“ einer Jacke oder eines Schlafsacks an.

Daune

Haglöfs verwendet nur Daunen, die nach dem Responsible Down Standard zertifiziert sind und die bis zum Bauernhof zurückverfolgt werden können. Der Weg der RDS-Daunen wird von der Farm bis zum Haglöfs-Lager von unabhängigen Gutachtern überprüft. Haglöfs weist auf die Website trackmydown.com hin, auf der Kunden die Nummer ihres Produktes eingeben und Informationen  über die Daunen in ihrem eigenen Produkt abrufen können.

Leder

Haglöfs arbeitet nur mit Gerbereien zusammen, die der Leather Working Group (LWG) angeschlossen sind und von dieser geprüft werden. Die LWG verpflichtet Lederhersteller und andere Interessengruppen zu sauberen Geschäftspraktiken. LWG-zertifizierte Gerbereien erzeugen weniger Schadstoffe und verbrauchen weniger Wasser und Chemikalien als herkömmliche Betriebe. Die meisten Haglöfs-Partner haben bei LWG-Audits den „Goldstatus“ erreicht.

Wolle

Haglöfs garantiert die Verwendung von ethisch-nachhaltig gewonnener Wolle und fordert von allen Wolllieferanten eine Zertifizierung nach IWTO (Internationale Wolltextilorganisation). Wann immer möglich wird recycelte Wolle verwendet – deren Herkunft dann allerdings nicht immer einfach zurückzuverfolgen ist.

Baumwolle

Hier gibt es ein klares Statement: „Für uns bei Haglöfs war die Entscheidung, für unsere Produkte ausschließlich Bio-Baumwolle zu verwenden, schon immer eine Selbstverständlichkeit.

An dieser Stelle werden die Käufer auf ihre eigenen Beitragsmöglichkeiten angesprochen. Zu den Empfehlungen gehört der Kauf möglichst unvermischter Materialien und Gewebe, da diese leichter zu recyceln sind. Und natürlich die pflegliche Behandlung sowie die Rückführung ausgedienter Stücke ins Recycling statt in den Müll.

Recycling

Haglöfs strebt von Saison zu Saison einen immer höheren Anteil an recycelten Materialien an. So kommt in vielen Obermaterialien und Rucksäcken recyceltes Polyester, in Isolierungen recyceltes „Post-Consumer-Material“ und in Zwischenlagen und Zubehör recycelte Wolle zum Einsatz. Da es noch einige Hürden hinsichtlich Verfügbarkeit und Qualität gibt, kann noch nicht vollständig auf die meist kostengünstigeren Neumaterialien verzichtet werden.

Nachhaltiges Design

Das Design von Haglöfs-Produkten ist so gestaltet, dass Nachbehandlungen, Auffrischungen und Reparaturen möglichst einfach durchführbar sind. Besonders bei Reißverschlüssen, Knöpfen und Imprägnierungen wird hierauf geachtet. Die Optik wird „clean“ und „zeitlos“ gestaltet, sodass die Stücke nicht in der einen Saison „in“ und in der nächsten „out“ sind. Diese Maßnahmen helfen dabei, die Produkte langlebig zu machen. Weitere Bemühungen um mehr Recycling und nachhaltigeres Design fasst Haglöfs unter Labels wie „Second Chance“ und „Repairwear“ zusammen. Hinzu kommt die Initiative Care & Repair, die um die Mitarbeit der Kunden und Verbraucher wirbt.

Ein weiterer Ansatz zur effizienteren Ressourcennutzung ist die „Leftovers“ Serie. Diese umfasst bislang einen Schlafsack in limitierter Auflage und die gefütterten Mimic Mokassin Hüttenschuhe. Letztere sind auch im Bergfreundeshop erhältlich. Für Leftovers-Produkte werden Überbleibsel aus der Produktion verwendet, die normalerweise als „Verschnitt“ entsorgt würden. Die Materialien sind hierbei nicht weniger hochwertig als in der normalen Verarbeitung.

Solution Dyed: alternatives Färbeverfahren

Im Solution Dyed Verfahren wird die Farbe gleich zu Beginn dem Material hinzugefügt – wenn die Fasern hergestellt und gesponnen werden. Das Rohmaterial hat von Anfang an die richtige Farbe. Das spart etwa 80 % Wasser und 50 % Strom, da die konventionellen Farbbäder, einer der verschwenderischsten Bereiche der Stoffindustrie, nicht mehr benötigt werden. Die Farben sind zudem widerstandsfähiger gegen Abnutzung und Ausbleichen.

Mikroplastik

Zum Thema Vermeidung von Mikroplastik nochmals die Nachhaltigkeitsmanagerin Eva Mullins:

Haglöfs setzt ausschließlich hochwertige Textilien und langlebige Konstruktionsmethoden ein, um die Faseremissionen der gekämmten Fleecestoffe auf ein Minimum zu reduzieren. Dazu arbeitet das Unternehmen aktiv mit Lieferanten zusammen, um die Stoffe bereits während der Kämmphase von Faserrückständen zu befreien. Diese werden anschließend in einem geschlossenen System zurückgewonnen und recycelt. So werden lose Fasern reduziert und es gelangen bei der späteren Wäsche durch den Verbraucher deutlich weniger Partikel ins Abwasser. (…) Mindestens einmal im Jahr kontrolliert ein Haglöfs-Mitarbeiter diese hohen Standards.

Weitere Maßnahmen: Produktreihen wie die Essens– oder Mimic-Reihe stehen für Materialien mit minimaler Mikroplastik-Freisetzung. Haglöfs beteiligt sich im Rahmen von Kooperationen an der Erforschung des Themas. Und man bietet den Guppy Friend Laundry Bag online und in den Stores an. Der Waschsack stellt sicher, dass während der Wäsche keine losen Fasern ins Abwasser gelangen.

Fluorkohlen-Wasserstoffe

Mit Fuorkohlen-Wasserstoffen sind die berühmten PFCs gemeint, die wir hier zuletzt häufiger beleuchtet hatten. Haglöfs ist bei der Minimierung der PFCs sehr erfolgreich. 95 % des Sortiments sind entweder auf fluorcarbonfreie DWR (Durable Water Repellency) oder Alternativlösungen ohne DWR umgestellt. Die verbleibenden Modelle sind diejenigen mit den höchsten Leistungs- und Haltbarkeitsstandards, bei denen die Alternativen die technischen Anforderungen noch nicht erfüllen.

bluesign System

Haglöfs ist seit 2008 bluesign-Systempartner. Bluesign ist die strengste freiwillige Zertifizierung für Textil- und Materialhersteller. Für jedes Produkte wählt Haglöfs bevorzugt bluesign-zertifizierte Materialien. In der Frühjahr-Sommer-Kollektion 2018 waren 50 % aller Bekleidungsprodukte bluesign-zertifiziert. Damit gehört man zu den Spitzenreitern der Branche.

Der Fokus des bluesign-Systems liegt auf der Verwendung nachhaltiger Inhaltsstoffe in einem sauberen Prozess mit minimaler Wasser- und Luftemission, verbesserter Abwasserbehandlung und generell reduziertem ökologischen Fußabdruck.

Sustainable Choice Label

Sustainable Choice ist ein gut sichtbares Label, mit dem Haglöfs Produkte kennzeichnet, deren Herstellung und Design nachweislich nachhaltig sind. Das Etikett zeigt an, dass ein Produkt mindestens eines der Kriterien bluesign-Zertifizierung, Herstellung aus recyceltem Material oder Herstellung aus biologischer Baumwolle erfüllt. In der Herbst/Winter-Saison 2019 tragen 76 % der Bekleidung, 16 % der „Hardware“ und 25 % der Schuhe das Sustainable-Choice-Label. Man strebt an, diese Anteile kontinuierlich weiter zu erhöhen.

Anti-Odor-Behandlung

Geruchsbehandlungen ohne giftige und umweltschädliche Nebenwirkungen sind nicht einfach zu produzieren. Die Haglöfs-Lösung namens LAVA ist bluesign-zertifiziert und kommt ohne das Abtöten von Mikroorganismen aus. Sie verwendet stattdessen Zeolithe – mikroporöse Mineralien, die in vulkanischer Asche vorkommen und auch für Wasser- und Luftreinigungsfilter verwendet werden. Die LAVA-Zeolithe ähneln Schwämmen oder Bimssteinen und absorbieren den Schweiß auf ihren großen inneren Oberflächen. Bakterien können sich so nicht ansammeln und schlechte Gerüche bilden. Beim Waschen werden die Schweißpartikel ausgespült, die mikroporösen Zeolithe bleiben unbeschädigt in der Kleidung erhalten – und zwar bis über 50 Wäschen hinaus.

Partnerschaften und Kooperationen

Diesen Aspekt hat Haglöfs unter der Überschrift „Neue Initiativen“ zusammengefasst. Ausgewählte Beispiele für wichtige Partnerschaften und Kooperationen sind:

  • bluesign
  • Fair Wear Foundation (FWF)
  • Europäische Outdoor-Gruppe (EOG)
  • Skandinavische Outdoor-Gruppe (SOG)
  • Forschungsprojekt BioInnovation
  • Sustainable Apparel Coalition/Higg Index (SAC)

Ein übergeordnetes Ziel vieler dieser Mitgliedschaften ist laut Eva Mullins die Schaffung eines einheitlichen Bewertungssystem der Nachhaltigkeitsleistungen in Bekleidung.

Ökologischer Fußabdruck im Unternehmen

Die internen Maßnahmen umfassen alle Aspekte von den Dienstwagen und den Treffpunkten für Meetings und Konferenzen über die Energiequellen und Energieverbrauchswerte bis zu den kleinsten Details wie der Herkunft von Obst und Kaffee an den Arbeitsplätzen.

Transportmittel und -Methoden werden mit Blick auf die Umweltauswirkungen gewählt und regelmäßig überprüft. Man arbeitet nur mit Logistikpartnern zusammen, die ein starkes Nachhaltigkeitsprofil einbringen.

Soziale Nachhaltigkeit

Da Haglöfs keine eigenen Produktionsanlagen und -Betriebe unterhält, liegt die Herausforderung in der Kommunikation mit den Partnern und Zulieferern. Laut Eva Mullins besteht sie zum großen Teil aus Überzeugungsarbeit:

Wir müssen Lieferanten überzeugen, umweltfreundliche Materialien mit gleicher Funktionalität zu entwickeln und dafür praktikable Standards zu schaffen. Gleichzeitig fällt es vielen traditionellen Textilproduzenten schwer, sich an diese Forderungen anzupassen. Dazu müssen wir die langfristigen Vorteile von beispielsweise eigenen Wasseraufbereitungsanlagen und räumlich abgetrennten Nähereien, (…), hervorheben und auch die Lieferanten für unser Vorhaben gewinnen. Es ist schließlich unsere Aufgabe die Konsumenten aufzuklären, warum sie für nachhaltige Produkte mehr Geld bezahlen sollen. Denn jedes nachhaltige Produkt, das nicht verkauft wird, kann auch nicht nachhaltig sein.

Arbeitsbedingungen

Haglöfs ist Mitglied in der Fair Wear Foundation, deren Ziel es ist, die Arbeitsbedingungen in der Textil- und Bekleidungsindustrie zu verbessern. 2018 wurde man „für viele Jahre intensiver Arbeit mit dem „Leader”-Status ausgezeichnet – der höchstmöglichen Mitgliederkategorie.“

Der „Brand Performance“-Bericht der Fair Wear Foundation bewertet die Leistung von Haglöfs wie folgt:

„Haglöfs hat zukunftsweisende Ergebnisse in den wichtigen Performance-Indikatoren erzielt und bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Das Unternehmen hat 2017 acht Produktionsstätten überprüft und damit die Anzahl ihrer Kontrollen um fast 15 % auf 98 % gesteigert. Dadurch, und in Kombination mit einem Benchmark-Ergebnis von 79, hat Haglöfs den Leader-Status des FWF erreicht.“

Was sagen die (Branchen)Medien?

In der Branche und „Szene“ hat Haglöfs schon lange einen guten Nachhaltigkeits-Ruf. Der Blog Wandersüchtig berichtete schon 2013 über umfangreiche Nachhaltigkeitsaktivitäten. Das Norr Magazin berichtet zwei Jahre später ebenfalls positiv und zeigt, dass Haglöfs Zwischenziele erreicht und nicht nachgelassen hat. Dass auch weiterhin zunehmend in Nachhaltigkeit investiert wird, weiß das Branchenmagazin Textilwirtschaft zu berichten.

Das Nachhaltigkeitsportal Utopia weist in seinem Ratgeber für nachhaltige Sportkleidung darauf hin, dass Haglöfs zu den Marken gehört, die Bluesign-zertifizierte Materialien verarbeiten und Mitglied der Fair Wear Foundation sind.

Gemessen am beachtlichen Umfang der Haglöfs-Nachhaltigkeitsmaßnahmen ist das Medienecho eher gering. Es sieht sogar ein wenig nach verschenktem PR-Potential aus, da dürfte man durchaus guten Gewissens offensiver nach außen gehen. Schließlich handeln ja auch die meisten Mitbewerber nach dem Motto „tue Gutes und rede darüber“. Kurz gesagt, die Nachhaltigkeitsphilosophie und ihre Umsetzung können sich im Falle Haglöfs wirklich sehen lassen.

Loden – ein unterschätztes Material!?

16. Januar 2020
Ausrüstung

Liebe Freunde des gepflegten Outdoorsports, heute wollen wir uns einmal mit dem Thema Loden befassen. Okay, okay, ich sehe förmlich, wie mich schon jetzt ein paar fragende Augen durch die Empfangsgeräte hindurch anschauen. Daher kurz vorab: Loden sind weder eine Inselgruppe im Nordatlantik, noch eine ansteckende Kinderkrankheit. Es handelt sich dabei vielmehr um ein traditionelles Material, das schon für Outdoorbekleidung eingesetzt wurde, als es den Begriff „Outdoor“ noch nicht einmal gab.

Loden wird aus dem Fell des jungfräulichen Lodenschafs (Ovis lodensis virginalis) hergestellt. Dieses darf nur im nördlichen Voralpenraum gezüchtet werden und auch dort nur auf Inseln, die in einem See liegen, in dem Baden verboten ist. Durch viel Ruhe und die überwiegende Fütterung der Schafe mit Spargel und Stangensellerie, wächst den Schafen langes glattes Fell. Dieses wird im Herbst von ehrenamtlich arbeitenden Rentnerinnen der katholischen Landfrauengemeinschaft geschoren. 

Klingt nach Blödsinn? Ist es auch! Aber hättet ihr gewusst, was Loden genau ist und wie dieser Stoff hergestellt wird? Ich ehrlich gesagt auch nicht so recht, schauen wir uns also die wichtigsten Fakten zum Thema gemeinsam an und fragen:

Was ist Loden eigentlich?

Eines vorweg: Es gibt kein Lodenschaf. Schade eigentlich, aber so ist das nun einmal. Loden ist ein Sammelbegriff für Wollstoffe. Woher das Wort kommt, kann heute nicht mehr genau geklärt werden, ist aber auch nicht so wichtig. Sicher ist jedoch, dass es Lodenstoffe bereits im Mittelalter gab. Früher wurden Stoffe dieser Art  überwiegend für wetterfeste (Arbeits-)Kleidung eingesetzt. Manch einem dürfte darüber hinaus der Begriff Loden als typischer Trachtenstoff und von Jagdbekleidung her bekannt sein. 

Ganz losgelöst von diesem leicht angestaubten Image kommen Lodenstoffe neuerdings aber auch vermehrt im Bereich der Freizeit- und Sportbekleidung zum Einsatz. Die Stoffe können dabei ganz unterschiedlich aussehen. Von dick bis dünn von vergleichsweise glatt bis eher grob, hier gibt es zahlreiche Varianten. Eines eint sie jedoch: Die Stoffe sind immer gewalkt. Und das bringt uns gleich zu der nächsten Frage:

Wie werden Lodenstoffe hergestellt und was unterscheidet sie von anderen Stoffen?

Bei Loden handelt es sich um Stoffe, die aus Wolle hergestellt werden. Hierzu wird gerade für Outdoorbekleidung auch gerne mal Merinowolle eingesetzt. Traditionell hergestellte Loden bestehen jedoch zumeist aus „herkömmlicher“ Schurwolle, nicht selten von Schafen aus dem Alpenraum. Darüber hinaus lässt sich aber auch beispielsweise Alpakawolle oder Kaschmirwolle problemlos zu Lodenstoffen verarbeiten.

Vom Rohstoff Wolle bis hin zur fertigen Stoffbahn ist der Herstellungsprozess jedoch immer in etwa derselbe. Welche Schritte die Wolle dabei durchläuft, habe ich hier für euch einmal vereinfacht zusammengefasst.

Vermischen und kämmen

Egal ob Lodenstoff oder nicht, bevor es mit der Verarbeitung so richtig losgeht, muss der Rohstoff Wolle grundlegend behandelt werden. Da nicht nur die Wolle von einem Tier zum Einsatz kommt, ist es wichtig, die einzelnen Wollfasern gründlich zu vermischen. Direkt im Anschluss an diesen Prozess läuft die Rohwolle über bestimmte Walzen, die mit Nadeln versehen sind und so die Wolle zu einem feinen Vlies kämmen. Je nach Hersteller wird die Wolle nach diesem Vorgang gefärbt, andere Hersteller färben erst das fertige Garn ein.

Spinnen

Das Spinnen ist ein sehr komplexer Prozess und kann je nach dem, wofür das Garn später eingesetzt werden soll, unterschiedlich erfolgen. Wichtig ist für uns jedoch nur die Tatsache, dass die Wolle zu unterschiedlich dicken Garnen versponnen wird, was sich wiederum auf die spätere Beschaffenheit des Stoffs auswirkt.

Weben

Auch beim Weben der späteren Lodenstoffe unterscheidet sich der Vorgang nicht grundlegend zur Herstellung anderer Stoffarten. Besonders ist jedoch, dass hier in der Regel besonders große Stoffbahnen gewoben werden, da sich diese beim nachfolgenden Verarbeitungsprozess nochmals deutlich zusammenziehen.

Walken

Durch das Walken werden Loden erst zu Loden. Hierbei handelt es sich um einen Prozess, der sich über die Jahrhunderte hinweg kaum verändert hat und dem Material seine charakteristischen Eigenschaften verleiht.

In ca. 40 °C warmem Wasser wird der Wollstoff durch Reibung und Druck gewalkt. Hierbei verfilzen die Fasern ineinander, das Gewebe schrumpft um etwa 30-40 % und es entsteht ein Stoff, der sehr dicht und somit wetterfest ist. Der Grund hierfür liegt auch in dem in der Wolle enthaltenen Wollfett, das dem Stoff zahlreiche gute Eigenschaften verleiht. 

Eigenschaften und Einsatzgebiet von Lodenstoffen

Loden kommt klassischerweise immer dort zum Einsatz, wo robuste und wetterfeste Kleidung benötigt wird. Loden ist ein Stoff, der gerade auch für den Alpenraum sehr typisch ist. Früher wurde er dort überwiegend für Arbeitskleidung verwendet. Kein Wunder, denn Kleidungsstücke aus Loden halten in der Regel ordentlich was aus und geben obendrein warm. Ein weiteres typisches Einsatzgebiet für Lodenstoffe ist seit jeher Jagdbekleidung, denn auch hier sind die Anforderungen recht ähnlich. 

Vereinfacht kann man sich Loden als stark verdichteten Wollstoff vorstellen. Bei diesem liegen die einzelnen Fasern deutlich enger beieinander als bei herkömmlichem Gewebe. Außerdem sind sie Fasern durch das Filzen dicht miteinander verzahnt und bilden so einen Stoff, der zahlreiche gute Eigenschaften besitzt:

  • Winddicht. Durch die enge Gewebestruktur und die wärmenden Eigenschaften von Wolle, wird eine optimale Winddichtigkeit erreicht. Je nach dicke des Stoffs, bleit diese bis zu vergleichsweise hohen Windstärken erhalten.
  • Wasserabweisend. Loden wird klassisch ohne den Zusatz von Chemikalien hergestellt. Hierdurch bleibt das natürliche Wollfett, das Lanolin, im Stoff erhalten. Dieses wiederum bewirkt, dass Lodenkleidung Wasser nur schlecht aufnehmen kann und so beispielsweise auch bei leichtem Nieselregen innen angenehm trocken bleibt.
  • Schmutzresistent. Das Wolllanolin kann aber noch mehr. Es bewirkt obendrein, dass Schmutz nur schlecht vom Gewebe aufgenommen werden kann. Werden Lodenstoffe also für Arbeitskleidung oder Sportbekleidung eingesetzt, wirkt sich dies gerade bei raueren Bedingungen positiv auf den Gesamtzustand aus.
  • Temperaturausgleichend und atmungsaktiv. Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei Loden um ein Naturprodukt. Wolle ist von Natur aus wärmend. Durch die eng verwobene Struktur kann außerdem die körpereigene Wärme dort gehalten werden, wo sie gebraucht wird. Außerdem kann die besondere Struktur des Stoffs Wasserdampf, wie er beispielsweise beim Schwitzen entsteht, in einem gewissen Maß aufnehmen und ermöglicht so den zielgerichteten Abtransport.

Loden im Outdoorbereich

Ist Loden also der neue Superstoff, auf den die Welt schon lange wartet? Naja, ganz so einfach ist das nicht. Wie überall im Leben muss man auch hier genauer hinschauen. Aktuell kommen Lodenstoffe im Outdoorbereich nur vereinzelt zum Einsatz. Ob das an dem leicht angestaubten Image dieses Stoffs liegt oder schlicht daran, dass die großen Hersteller noch nicht auf den Trichter gekommen sind, ist dabei nicht geklärt.

Schauen wir uns aber einmal die Produkte am Markt an, sehen wir recht schnell: Loden geht auch ganz anders als volkstümlich oder jägermäßig. Nicht selten werden im Outdoorbereich Lodenstoffe auch mit anderen Materialien kombiniert, sodass moderne und funktionelle Kleidungsstücke entstehen, die auch mit härteren Bedingungen gut klarkommen. Werfen wir doch einmal einen Blick auf die unterschiedlichen Produktgruppen:

Pullover und leichte Jacken

Wolle wirkt wärmend. Kein Wunder also, dass auch Loden genau dafür eingesetzt wird. Zahlreiche Hersteller wie beispielsweise Ivanhoe of Sweden oder Ulvang bieten daher vergleichsweise dünne Jacken und Pullover aus Lodenstoffen als wärmende Kleidungsschicht an. Hersteller wie Ortovox gehen dabei sogar noch weiter. Durch die gezielte Kombination von Loden und Kunstfaser, entstehen hier Kleidungsstücke, die zahlreiche gute Eigenschaften mitbringen.

Mäntel und wetterefeste Jacken

Wie bereits erwähnt, ist Loden seit jeher ein Stoff, der vor allem dann zum Einsatz kommt, wenn es darum geht, unangenehmer Witterung zu trotzen. Somit ist es kaum verwunderlich, dass auch im Outdoorbereich neuerdings vermehrt auf Mäntel und warme Jacken aus oder mit Lodenstoffen gesetzt wird.

Schuhe

Doch auch losgelöst von Oberbekleidung kommen Lodenstoffe zum Einsatz. Hier zeigt beispielsweise Dachstein, wie es geht und verwendet Loden als Obermaterial für Schuhe und Stiefel. Durch die zahlreichen guten Eigenschaften des Lodenstoffs sind diese Schuhe sehr angenehm zu tragen und obendrein Schmutzresistent.

Aber was sagt uns das?

Manche Materialien haben vielleicht zu unrecht ein schlechtes Image. Loden gehört hier definitiv dazu. Auch ich hatte am Anfang meiner Recherche ein eher ungutes Gefühl. Loden erinnerte mich irgendwie immer an die Achtziger.

Bilder wie mein Vater im langen grünen Mantel mit irgendwelchen „Hirschhornknöpfen“ und allgemein eher scheußliche Kleindungsstücke aus dem Bereich „Landhausmode“ hatte ich da automatisch im Kopf.

Doch wie überall ist es eben auch hier eine Frage, was man daraus macht und da sind manche Hersteller zumindest aus meiner Sicht auf einem guten Weg. Es zeigt sich außerdem immer mehr, dass gerade auch alte Naturmaterialien Einzug in moderne Kleidung halten, was auch im Hinblick auf Themen wie Nachhaltigkeit eine allgemein gute Tendenz ist.

Materialrecycling: Möglichkeiten und Grenzen

11. Dezember 2019
Ausrüstung

Zunächst erscheint die Angelegenheit recht simpel: man sammelt das alte Zeug, sortiert es, wirft es in den Schredder, köchelt es mit irgendwelchen (hoffentlich umweltfreundlichen) Substanzen, trocknen, neu formen, fertig ist die Auferstehung als nagelneues Rohmaterial. Zumindest hab ich mir das so in etwa vorgestellt. Außer beim Kaffeesatz, da wusste ich schon, dass es etwas komplizierter ist. Kaffeesatz? Ja, denn über Kaffeesatz und seine Verwendung als Rohstoff für Recycling und Wiederverwertung gibt es hier schon einen Basislager-Artikel.

Darin ist zu lesen, warum die Rückverwandlung von alt und gebraucht zu neu und frisch duftend eben doch nicht ganz so einfach ist. Im Gegenteil, Recycling ist (nicht nur bei Kaffeesatz) ein komplexer industrieller Verarbeitungsprozess, der technisch, logistisch und finanziell sehr herausfordernd sein kann.

Vor allem geht das Ganze auch nicht ohne den Einsatz neuer Rohstoffe und Chemikalien vonstatten. Letztendlich ist die Entwicklung eines Recyclingmaterials kaum weniger anspruchsvoll als die eines „wirklich neuen“ Materials.

Kunststoffrecycling allgemein

Die folgenden zwei Hauptmethoden beschreibt Hunold + Knoop, ein Betrieb für Kunststofftechnik auf seiner Website:

  1. Mit einem Anteil von 44 % macht das energetische Recycling den Großteil der Kunststoff-Wiederverwertung aus. Dabei wird durch Verbrennen von Kunststoffteilen die Energie in den Altteilen gewonnen und so sehr effektiv energetisch weiterverwendet. Selbst verschmutzte und vermischte Materialien können auf diese Weise effizient wiederverwertet werden.
  2. 33 % des Kunststoffes werden werkstofflich aufbereitet. Das bedeutet, dass die Altteile zerkleinert, gereinigt und nach Sorten getrennt werden. Im Anschluss werden die Kunststoffteile bei hoher Temperatur geschmolzen und neu aufbereitet. Für diese Methode sind nur thermoplastische Kunststoffe geeignet.

Hinzu kommen als weniger genutzte Methoden das rohstoffliche Recycling (1 % Anteil) und der biologische Abbau. Beim rohstofflichen Verfahren „werden die Polymerketten im Kunststoff aufgespalten. Dabei entstehen Monomere, Öle und Gase, die zu neuen Kunststoffen verarbeitet werden können. Dieses Verfahren eignet sich auch für vermischte und verschmutzte Materialien.“ Der biologische Abbau durch Kompostieren ist laut Hunold + Knoop tatsächlich auch bei manchen Kunststoffen möglich.

Eine wichtige, auch in der Outdoorindustrie verwendete Quelle für das Kunststoffrecycling sind PET-Flaschen. Ein detailliertes Beispiel für deren Recycling gibt der Veolia-Konzern, der das Verfahren auf seiner Website in 13 Schritten beschreibt. Es führt zwar in diesem Fall zu neuen  Flaschen und Lebensmittelbehältern, ähnelt aber den (meist nur grob beschriebenen) Verfahren in der Textil- und Outdoorbranche.

Textilrecycling

Pro Kilo Kleidungs-Neuware ein Kilo Chemikalien für die Behandlung, lautet eine Faustformel. Baumwolle benötigt pro Kilo die Wassermenge von 200 gefüllten Badewannen. All diese Ressourcen werden zum großen Teil für „Fast Fashion“ verwendet, die kaum getragen und schnell ausgewechselt wird.

Entsprechend soll die Abfallmenge aus Altkleidern in Deutschland pro Jahr etwa 1,3 Millionen Tonnen betragen. Laut Nachhaltigkeitsportal Utopia werden 20 Prozent der weggeworfenen  Kleider recycelt. Der Großteil davon wird „down-gecycelt“, sprich als weniger wertiges Produkt wie Secondhand-Kleidung, Putzlappen oder Dämmstoff wiederbelebt.

Utopia weist aber auch auf zwei Beispiele hin, die jetzt schon „Cradle to Cradle“, also durchgängige Kreislaufwirtschaft umsetzen – und zwar ausgerechnet bei C&A und Tchibo. C&A hat „als weltweit erster Einzelhändler 2017 ein Cradle-to-Cradle-Gold-zertifiziertes T-Shirt auf den Markt gebracht, weitere Produkte wie Longsleeves sollen laut Website folgen“.

Diese Shirts können tatsächlich am Ende ihres Lebens im eigenen Garten kompostiert werden. Tchibo hat ein „closed loop“ Männer-T-Shirt vorgelegt – „mit GOTS-zertifizierter Baumwolle, Tencel- statt Nylongarn und Cradle-to-Cradle-zertifizierter blauer Farbe. Auch dieses ist zu 100 Prozent kompostierbar.“ Es sind zwar nur erste Vorboten der Kreislaufwirtschaft, aber immerhin sind sie schon unterwegs …

Die häufigsten recycelten Stoffe sind der Kunststoff Polyester und das Naturmaterial Baumwolle. Die beiden sind auch die meist verwendeten Textilstoffe bei Neuware (Polyester mit etwa 60% aller in Textilien verarbeiteten Fasern). Die Recyclingverfahren von Natur- und Kunstfasern unterscheiden sich deutlich, bei Ersteren ist es komplizierter und teurer.

Recyclingschritte bei Naturtextilien:

  • Das eingehende Material wird nach Materialart und Farbe sortiert. Die Farbsortierung führt zu Stoffen, die nicht nachgefärbt werden müssen.
  • Die Textilien werden zerkleinert und manchmal zu Fasern gezogen.
  • Das Garn wird gereinigt und gemischt.
  • Das Garn wird erneut gesponnen und ist bereit für den späteren Einsatz beim Weben oder Stricken.
  • Einige Fasern werden nicht gesponnen, sondern für Textilfüllungen, z.B. in Matratzen, komprimiert.

Recyclingschritte bei Textilien auf Polyesterbasis:

  • Die Kleidungsstücke werden zerkleinert, dann granuliert und zu Polyesterspänen verarbeitet.
  • Diese werden geschmolzen und zu neuen Fasern für den Einsatz in neuen Polyestergeweben verarbeitet.

Die meisten Hersteller verwenden für ihre Kunststoff-Recyclingprodukte Materialien aus Meeresabfällen von Fischernetzen bis zu Teppichresten. Der gesammelte Abfall wird gereinigt und geschreddert, die so entstandenen Schnipsel zu feinem Garn eingeschmolzen. Der Energie- und  Wasserverbrauch ist hierbei um ein Vielfaches geringer als bei herkömmlichen Chemiefasern oder auch bei konventionell erzeugter Baumwolle.

Textilrecycling in der Outdoorindustrie

Die weitaus meisten recycelten Stoffe werden auch in der Outdoorbranche für Textilien verwendet. Die entsprechende Technologie und Infrastruktur befindet sich im Aufbau und kann bislang nur einen geringen Prozentsatz der Neutextilien rückgewinnen. Es gibt aber viele beachtliche Fortschritte, die mehr als nur Symbolpolitik oder Imagepflege sind.

Oftmals sind es auch nur kleine Details mit großer Wirkung, wie wenn beispielsweise die schwedische Marke Haglöfs ihre Reißverschluss und Knöpfe so entwickelt, dass jeder Besitzer sie einfach selbst reparieren und austauschen kann. Oder wenn Eagle Creek ausgediente Windschutzscheiben zu Taschen und Rucksäcken verarbeitet und damit tatsächlich auch die wasser- und schmutzabweisenden Eigenschaften der Scheiben auf die Textilien überträgt.

Dennoch, der Recyclingkreislauf ist noch nicht wirklich in Gang gesetzt, es existiert noch keine breite Basis an „Rohstoffen“. Der Schwerpunkt liegt eher noch darauf, neue Stoffe zu entwickeln, die weniger umweltbelastend und leichter zu recyceln sind. Es muss wohl erst dieser Schritt auf breiter Front vollzogen sein, bis es einen nennenswerten „Grundstock“ an schon einmal verwendeten und recycelbaren Ausgangsmaterialien gibt. Er wäre dann die Grundlage, auf der in einem zweiten Schritt die nächste Generation von Outdoor-Equipment hergestellt wird. Dann könnte ein echtes Kreislaufsystem in greifbare Nähe rücken.

Beispiele Vaude und Patagonia

Man könnte viele kleine, äußerst engagierte Outdoorfirmen wie z.B. Pyua als leuchtende Beispiele für umfassende Recyclingkonzepte nennen, doch Vaude und Patagonia sind als Big Player der Branche weithin bekannt und haben somit mehr Vorbildfunktion. Beide verwenden ein relativ breites Spektrum an Recyclingmaterialien. Bei Vaude sind seit Sommer 2019 die kurzen Hosen aus Recycling-Polyamid, das zum Teil aus alten Fischernetzen hergestellt wird. Vom Zulieferer Primaloft verwendet man eine Isolierung für Jacken, die zu 100 Prozent aus wiederverwerteten Flaschen besteht.

Vaude bietet sich auch deshalb als Beispiel an, weil kaum jemand sonst so detaillierte Informationen zu den eigenen Nachhaltigkeitsmaßnahmen liefert. In ihrem seit sechs Jahren regelmäßig aktualisierten CSR-Report (Corporate Social Responsibility) legt die Firma alles  detailliert offen. So wird der Bereich Recycling nach Materialien aufgeschlüsselt:

Auch die US-Firma Patagonia ist bekannt für ihr Augenmerk auf die Umwelt: „Die Amerikaner verwenden gerne Hanf und Bio-Baumwolle, vor allem aber setzen sie auf Recycling-Materialien, von Daunen über Denim bis hin zu wiederverwerteter Wolle.“ Patagonia ist zudem weit darin fortgeschritten, die aktuell noch aus Neumaterialien bestehenden Produkte recyclingfähig zu machen.

Probleme des Textilrecyclings

Als Probleme werden folgende Aspekte kritisiert:

  • Kleidungsstücke, in denen Natur- und Kunstfasern gemischt werden, sind – egal ob ihrerseits recycelt oder nicht – kaum recycelbar. Die Technik stößt beim Auftrennen der Gewebemischungen an ihre Grenzen. Besonders die bei uns Bergfreunden wegen ihrer komfortablen Dehnfähigkeit beliebten Elasthan-Einsätze sind in dieser Hinsicht problematisch.
  • Bei recycelten Kunstfasern bleibt das Mikroplastik-Problem bestehen (mehr dazu in diesem Basislager-Artikel).
  • Recycling von Kunststoffen kann zu einer Konzentration der darin enthaltenen Schadstoffe führen.
  • Bei Baumwolle können nur etwa ein bis drei Prozent des Altmaterials zu neuen Fasern verarbeitet werden. Ein großer Teil wird zu Dämmstoffen oder Putzlappen („Downcycling“).
  • Bei der Aufbereitung der alten Stoffe werden, vor allem bei Baumwolle, Kleidungsstücke zerrissen, wodurch die Fasern leiden. Daher ist ein Recycling-Produkt „qualitativ immer schlechter als das Ausgangprodukt. Eine ausreichende Qualität kann außerdem nur gewährleistet werden, wenn mindestens 60 % Frischfaser im Stoff enthalten sind.“
  • Bei Baumwolle ist u.a. aus oben genannten Gründen das Recycling insgesamt recht aufwendig bzw. teuer und führt dennoch zu schlechterer Qualität und geringerer Haltbarkeit der Recyclingprodukte.
  • Recycling kann generell teuer werden, wenn komplett neue Logistikketten aufgebaut werden müssen.

All diese Einwände sind berechtigt, sprechen aber nicht gegen ein weiteres Vorantreiben des eingeschlagenen Recycling-Wegs. Denn abgesehen von den weit überwiegenden ökologischen Pluspunkten macht sich die Ressourceneinsparungen des Recyclings auf Dauer auch (volks)wirtschaftlich bezahlt.

Wenn Hersteller weiterhin forschen und Konsumenten weiterhin mehr Verantwortung übernehmen, werden sich wahrscheinlich auch in den genannten Problempunkten Lösungen finden. Auch „die Politik“ kann etwas tun, indem sie beispielsweise nachhaltige Produkte mit reduzierten Steuern für die Unternehmen belohnt. In Norwegen wird das bereits praktiziert.

Fazit: Wichtig ist, was hinten rauskommt

Auch Recycling liefert vorerst keine Zauberformel für Nachhaltigkeit im Sinne natürlicher Stoffkreisläufe, die bekanntlich keine Rückstände und Abfälle kennen. Doch – und das ist die gute Nachricht – das muss Recycling auch gar nicht. Es reicht fürs Erste vollkommen, wenn man die bisherigen Belastungen durch Abfall und Gifte in den nächsten Jahren auf einen Bruchteil ihrer heutigen Mengen reduzieren kann.

Auch das ist ein hohes Ziel, aber ein machbares und lohnendes. Denn die Umwelt ist bis zu einem gewissen Maße durchaus belastbar und bleibt auch bei gewisser Verschmutzung intakt. Ja, das ist eine provokante und ökopolitisch unkorrekte Behauptung, doch ich orientiere mich dabei am Menschen, der auch ein Teil der Umwelt ist und ein gewisses Maß an „Kontamination“ problemlos „wegstecken“ kann. Außerdem kann er – genau wie die ihn umgebende Natur – Abwehrmechanismen und Selbstheilungskräfte entwickeln.

Dass das heutige Ausmaß an Vermüllung und Vergiftung viel zu hoch ist, wird damit gar nicht infrage gestellt. Da aber ein „richtiges“ und für alle gleich akzeptables Maß schwierig bis gar nicht zu quantifizieren und das Reduzieren dieses Maßes auf null bis auf weiteres Science Fiction ist, bleibt vorerst „nur“ die schrittweise Verringerung des Schadens. Und das kann durchaus schnell gehen, denn im Grunde ist es weder schwierig noch komplex.

Eine ganz einfache und hocheffektive Maßnahme wäre die Beendigung des „Fast Fashion“-Wahnsinns, der vermutlich für den größten Teil der Ressourcenverschwendung und Umweltvergiftung verantwortlich ist. Wenn statt ständig wechselnder Kollektionen an (Billig)Klamotten langlebige Kleidung – die übrigens auch stylisch sein kann – gekauft und pfleglich behandelt würde, wäre das von jetzt auf gleich eine riesige Entlastung für Umwelt und Klima.

Die Outdoorindustrie hält zwar „wegen der vielen Chemikalien“ gern als Umweltsünder Nummer Eins her, ist aber (nicht nur) in Sachen Recycling eher weiter fortgeschritten als der Rest der Textilindustrie. Das dürfte auch daran liegen, dass hier das Prinzip der Eigenverantwortung aufseiten der Nachfrager besser greift als anderswo. Weil echte Outdoorer und Bergfreunde eine Verbundenheit zur Natur und ihren Kreisläufen vielleicht nicht ständig laut bekunden, dafür aber tatsächlich spüren. Und deshalb ihre Kleidung auch nicht jedes Mal ersetzen, sobald der Reiz des Neuen nachgelassen hat.

Direct Alpine – technische Bergsteigerbekleidung aus Tschechien

27. November 2019
Ausrüstung

Eigentlich erinnert die Gründungsgeschichte von Direct Alpine ein wenig an die der Bergfreunde: Zwei junge Gründer, die eigentlich nichts lieber wollten, als den ganzen Tag am Fels verbringen, beginnen sich für die Ausrüstung und Bekleidung, die für ihr liebstes Hobby nötig ist,  zu beschäftigen. Die zwei kletter-begeisterten besten Freunde Radek Novacek und Jirka Silka gründen im Jahr 1997 eine kleine Handelsfirma in Liberec, Tschechien und beginnen so die Geschichte der heute erfolgreichen Outdoor-Marke Direct Alpine.

Die Firma hat nach wie vor ihren Sitz in Liberec und produziert in momentan 13 Werkstätten in Tschechien die Mehrheit ihrer Modelle. Auch wenn Direct Alpine teilweise noch als echter Geheimtipp gilt, ist die Marke bereits ein kleiner Hoffnungsträger in der tschechischen Textilindustrie. Denn die hatte schon rosigere Zeiten. Vor fast hundert Jahren galt Tschechien als die Textilhochburg schlechthin. Damals schossen große Webereien und Stickereien förmlich aus dem Boden.

Das Land war bekannt für ihre Textilindustrie und viele Menschen fanden Jobs in der Produktion oder im Handel von Kleidung. Doch wie wir wissen, kommt nach einem Berg auch schnell wieder das Tal. So schrumpfte nach dem zweiten Weltkrieg die tschechische Textilbranche immer mehr und umfasste Ende der Achtziger Jahre gerade mal noch 250.000 Beschäftigte.

Das klingt als gäbe ich in den nächsten Zeilen einen ausführlichen Geschichtsunterricht zur wirtschaftlichen Lage in Tschechien. Sicherlich auch ein spannendes Thema, aber wir wollen uns ja mit der Marke Direct Alpine beschäftigen.

Funktionalität & Qualität  – Ganz ohne Schnickschnack

Direct Alpine ist in erster Linie eine Marke, die hoch funktionale Outdoorkleidung für Bergsteiger herstellt. Die Bekleidung soll beim direkten Weg zum Gipfel, so das Motto, unterstützen und vor Wind und Wetter schützen. Mitgründer Radek Novácek ist nach wie vor Designer der Produkte und weiß „was es heißt, bei schlechtem Wetter zu wandern“. Das Sortiment für Männer und Frauen ist überschaubar. Jedes Teil wird daher ausführlich  im Labor und vom Direct Alpine Test Team, bestehend aus erfahrenen Bergsteigern, getestet. Dabei werden  unter anderem Atmungsaktivität, Wasserdichtigkeit, Windbeständigkeit und Abriebfestigkeit geprüft.

Die meisten Hosen und Jacken im Sortiment haben eine körperbetonte Passform. Die Marke setzt auf hochwertige, innovative Materialien, wie Cordura, Innenfutter aus atmungsaktivem Coolmax, Dermizax und Gelanots. Letzteres ist in der Branche noch sehr unbekannt und wird nur von wenigen Marken eingesetzt. Das Material wird beispielsweise für die Oberschutzjacke GUIDE von Direct Alpine verwendet. Es ist undurchlässig für Wasser in Tropfenform, allerdings durchlässig für Wasserdampf. Der Stoff besticht besonders in Sachen Atmungsaktivität.

Durch die hydrophile Struktur des Gelanots wird die entstehende Feuchtigkeit unter der Jacke angezogen und an die Außenseite geleitet. Je größer der Temperaturunterschied zwischen Innen- und Außenseite also ist, desto besser funktioniert dieser natürliche Prozess. Wenn es auf Ski-, Trekking- oder Klettertouren mal schweißtreibender wird, sollte die GUIDE ein guter Begleiter sein. Laut eigener Angabe der Marke, ist die GUIDE zu dem leichter als klassische Hardshelljacken. In unabhängigen Tests, wie vom Outdoor Magazin schneidet die Jacke sehr gut ab. Auch andere Produkte schneiden in den Tests gut bis sehr gut ab. So hat beispielsweise die FORAKER Wärmejacke, den Outdoor Editor´s Choice Award 2016 gewonnen.

Sowohl der Designprozess als auch die Produktion finden zu (fast) 100 Prozent in Tschechien statt. Dreizehn Werkstätten im ganzen Land arbeiten eng mit dem Design- und Entwicklungsteam zusammen. Die enge Zusammenarbeit und strenge Kontrolle kommt der Qualität der Produkte zugute.

Rund um punktet das „Made in Europe“-Label mit Transparenz und familiärer Unternehmenskultur. Gemäß dem Motto der Marke, wird auch beim Design auf unnötigen Schnickschnack verzichtet. Funktionalität, klare Linien, körperbetonte Passform und hochwertige Materialien stehen im Vordergrund, um nicht vom eigentlichen Ziel abzulenken: Den Berg zu besteigen.

Made in Europe – Aber wie steht´s um die Nachhaltigkeit?

Wer gerne in der Natur unterwegs ist, sollte natürlich auch respektvoll mit ihr umgehen. Und das beginnt nicht erst bei der Vesper auf dem Gipfel, wenn man die Müsliriegelverpackung wieder mit nach unten nimmt, sondern bereits beim Kauf der Ausrüstung. Vor allem durch Technologien, die Outdoorklamotten warm, wetterfest und wasserdicht machen, werden oft Chemikalien und Kunststoffe verwendet, die der Umwelt schaden. Allerdings ist die Outdoorbranche, womöglich gerade wegen der Liebe der Outdoor-Enthusiasten zur Natur, immer mehr dessen Auswirkung auf die Umwelt bewusst. Große Marken wie Vaude oder Patagonia machen Nachhaltigkeit zu einer der wichtigsten Prinzipien ihrer unternehmerischen Tätigkeit.

Auch Direct Alpine hat in Sachen Nachhaltigkeit einiges vorzuzeigen. Die Tatsache, dass die Marke in Europa beheimatet ist, hier produziert und auch die größten Abnehmer in Europa sitzen, erspart lange Transportwege und somit CO2-Emissionen. Einige Materialien sind bluesign® zertifiziert. Der unabhängige Gutachter verbessert und kontrolliert jede Phase der Produktion, um die Umweltbelastung der Textilindustrie zu verringern.

Seit 2016 wird bei der gesamten Kollektion auf die umweltschädliche Chemikalie PFOA verzichtet und für 2020 ist das Ziel alle PFC-Verbindungen um 60 % im Vergleich zur Kollektion W18 zu reduzieren. Auch setzt Direct Alpine immer mehr recycelte Materialien ein. So gab es zum 20-jährigen Jubiläum der Marke, die PATROL Bergsteigerhose, welche seit Firmenbeginn mit im Sortiment ist und mittlerweile als wahre Legende gilt, in der ECO Version. Das Material der PATROL ECO stammt aus einem Projekt zum Recycling alter Fischernetze und anderem Kunststoffabfall für die ökologische Produktion von Kleidung. In Sachen Langlebigkeit, Funktion und Komfort steht die „Ökoversion“ der traditionellen PATROL natürlich in nichts nach.

Abgesehen von einzelnen  Nachhaltigkeitsprojekten wie diesem, setzt Direct Alpine auch auf kleine Veränderungen, die Ressourcen sparen und die Umwelt schonen. So ist in Planung für die Kollektion W20 alle Etiketten aus recyceltem Material herzustellen, Kunststoffverpackungen um 20 % zu reduzieren und alle Baumwoll-T-Shirts aus Bio-Baumwolle herzustellen. Auch im Logistik- und Produktionsprozess will Direct Alpine bis zum nächsten Jahr die Reduzierung des Lufttransports von Materialien um 50 % reduzieren. 1 % des Sortiments wird aufgrund aufwendiger Verarbeitungsprozesse, für die in Tschechien die Infrastruktur (noch) fehlt, außerhalb der EU produziert. Dieser Anteil ist durch die Fair Wear Foundation und nach OECO-Tex 100 Standard zertifiziert.

Die Produktion innerhalb Europas spart nicht nur an CO2 Emissionen, sondern sorgt auch schon mal für Produktionsvoraussetzungen nach EU-Standards. Da die Produktion hauptsächlich in der Tschechischen Republik stattfindet, werden Arbeitsplätze geschaffen und die wirtschaftliche Lage der Textilproduktion wird verbessert und unterstützt.

Fazit

In Sachen Umweltschutz und Firmenethik geht es sicherlich immer noch ein Stück besser, fairer und ressourcenschonender. Allerdings gilt es nicht nur die absoluten Nachhaltigkeitsvorreiter für deren Aktionismus zu belohnen. Direct Alpine tut bereits einiges, um die Umwelt zu schonen. Die Marke befindet sich diesbezüglich ganz klar im soliden Mittelfeld, sie ist transparent und versteckt sich nicht hinter inhaltslosem „Green-Marketing“. Die Ziele sind klar definiert, dennoch scheint es den Gründern bewusst zu sein, dass sie (noch) kein Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit sind.

Das Wichtigste ist und bleibt allerdings, ob der Nutzer problemlos auf den Gipfel kommt, ohne dass Ausrüstung und Kleidung unnötig den Weg erschweren. Idealerweise sollte die Ausrüstung uns bei unserem Vorhaben vielmehr unter die Arme greifen. Beim Kauf von Direct Alpine Artikel können wir uns auf hochwertige Verarbeitung, und somit auf ein langes Leben der Produkte verlassen. Gerade für anspruchsvolle Touren in den Bergen eignen sich die Jacken und Hosen, durch die innovativen Membrantechnologien. Hier merkt man, dass die Produkte von anspruchsvollen Bergsteigern entwickelt wurden.

Auch wenn die Marke (noch) als Geheimtipp unter den Outdoor-Enthusiasten gilt, steigen der Bekanntheitsgrad und die Beliebtheit stetig. Das zeigen die sämtlichen positiven Tests und Berichte in der Welt der Outdoor-Blogs. Wenn Direct Alpine also das eigene Motto einhält, dann geht es mit mit der Marke wohl weiter direkt an die Spitze.

Das Nachhaltigkeitskonzept von Adidas

24. Februar 2020
Ausrüstung

Adidas wird dieses Jahr Siebzig und der Geburtstag ist eine rauschende Party. Die wirtschaftlichen Kennzahlen der allseits bekannten 3-Streifen-Marke sind so gut wie nie, Vorstand und Aktionäre haben Grund zum Feiern. Seine Funktion als bedeutender Wirtschafts-Player, der Kunden und Teilhaber überzeugt, erfüllt das Unternehmen damit glänzend. Doch kann und will Adidas auch eine ernst zu nehmende Rolle in Sachen Nachhaltigkeit einnehmen? Sind ambitionierte Nachhaltigkeitsziele vereinbar mit der Forderung nach Umsatzwachstum und Rendite?

Nun, wir alle wissen, dass diese Zielvorstellungen nach wie vor sehr schwer zusammengehen. Sagen wir mal so: einer umfassenden, ernsthaften Nachhaltigkeit liegen mit dieser Ausgangslage doch ein paar Schwierigkeiten im Weg.

Dennoch ist man bei Adidas durchaus willens und bereit, Hindernisse beiseite zu räumen, denn allein aus Imagegründen will und muss der fränkische Drei-Streifen-Konzern beim Thema Nachhaltigkeit aufholen.

Gerade erst wurde Adidas zum zwanzigsten Mal in Folge in die Dow Jones Sustainability Indizes (DJSI) aufgenommen. Die weltweit anerkannten Indizes untersuchen seit nunmehr 20 Jahren die Nachhaltigkeitsleistungen der größten 2.500 im Dow Jones Global Total Stock Market Index gelisteten Unternehmen. In die umfassende Bewertung fließen Faktoren wie Corporate Governance, Risikomanagement, Klimaschutzmaßnahmen, Arbeits- und Umweltstandards, sowohl im eigenen Unternehmen als auch bei Zulieferern sowie Innovations-Management ein. Adidas ist damit ein Mitglied der ersten Stunde dieses renommierten Indexes.

Wie immer in unseren Nachhaltigkeitsportraits werfen wir nun einen nach „Umwelt“ und „Soziales“ differenzierten Blick auf die Maßnahmen in der Eigendarstellung des Herstellers und vergleichen das Ganze dann mit dem Blick der Beobachter und Kritiker.

Umweltaspekte der Nachhaltigkeit

Schaut man in die „Nachhaltigkeitschronik“ von Adidas, sieht der Maßnahmenkatalog ziemlich umfangreich aus. Er ist auch durchaus nicht klein oder nur punktuell angesetzt, sondern zieht sich durch viele wichtige Bereiche der unternehmerischen Aktivität. Man stellt dort auch fest, dass Adidas so manche Maßnahme schon zu Zeiten ergriffen hat, als Nachhaltigkeit noch nicht das „Pflichtthema“ war, an dem niemand vorbeikommt. Es sind auch nicht nur schöne Worte, sondern durchaus handfeste und überprüfbare Maßnahmen und Erfolge zu finden, die ich hier beispielhaft herausgreife:

  • Im Jahr 2000 erklärte Adidas als erstes Unternehmen der Branche, auf die Verwendung von PVC in den wichtigsten Produktkategorien zu verzichten. Auch das Problem der flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs) bei der Herstellung von Schuhen wurde durch innovative Klebeverfahren und Klebstoffe auf Wasserbasis schon früh angegangen.
  • 2004 wird die Better Cotton Initiative (BCI) von Adidas mitbegründet. Ihr Ziel ist, negativen Auswirkungen wie hohem Pestizideinsatz und Wasserverbrauch beim herkömmlichen Baumwollanbau entgegenzuwirken.
  • Im selben Jahr schiebt Adidas den Prozess der Virtualisierung von Mustern an. Durch virtuelle Muster werden weniger physische Muster benötigt, was weniger Materialverbrauch, Transport- und Vertriebskosten bedeutet. Es werden so auch die CO₂ Emissionen reduziert, da weltweit weniger Muster per Luftfracht transportiert werden.
  • 2012 stellt Adidas die DryDye Technologie vor, die den Wasserbedarf im Färbeprozess eliminiert und den Chemikalienbedarf reduziert. Innerhalb eines Jahres produziert Adidas 1 Million Yards (1 Yard = 91,44 cm) DryDye Stoffe.
  • Im gleichen Jahr wird adizero Primeknit auf dem Markt eingeführt, ein Material aus einer Methode, bei der keine Abfälle entstehen
  • 2013 beginnt die „Low Waste“ Initiative. Mit dem aus umweltfreundlichen Materialien bestehenden Element Voyager wir ein Schuhmodell vorgestellt, das mit einer Zuschnittseffizienz von 95% hergestellt wird (lediglich 5% Materialabfall). Auch die Active Wear Linie mit T-Shirts, Tank-Tops, Tights, Röcken und Shorts weist eine Zuschnittseffizienz von 95% auf.
  • 2014 gibt Adidas die strategische Partnerschaft mit bluesign technologies bekannt. Zudem verpflichtet man sich, ab spätestens 31. Dezember 2017 bei 99% aller Produkte auf PFCs zu verzichten.
  • 2015 beginnt die Partnerschaft mit Parley for the Oceans mit Adidas als Gründungsmitglied. Der gemeinsame Fokus liegt auf Parleys weitreichendem ‚Ocean Plastic‘-Programm gegen die Verschmutzung der Weltmeere. Als erste Maßnahme beendet Adidas die Verwendung von Plastiktüten in den eigenen Einzelhandelsgeschäften.
  • 2016 legt Adidas seine Nachhaltigkeits-Roadmap für 2020 vor. Mit ihr setzt das Unternehmen  konkrete und messbare Nachhaltigkeitsziele bis zum Jahr 2020 fest.
  • 2017 kommt Adidas erfolgreich seiner Verpflichtung nach, zu 99 % auf die Nutzung von poly- und perfluorierten Chemikalien (PFCs) zu verzichten. Auch Greenpeace als großer Kritiker erkennt die Fortschritte in Sachen Schadstoffreduzierung an.
  • 2018 stellt Adidas mehr als 5 Millionen Paar Schuhe her, die recyceltes Ozeanplastik („Parley Ocean Plastic“) enthalten. Für 2019 ist geplant, 11 Millionen Paar Schuhe mit recyceltem Kunststoff zu produzieren.
  • 2019 wird 100 % der gesamten Baumwolle aus Quellen bezogen, die nach den Standards der Better Cotton Initiative anbauen.
  • 2020 verwendet adidas für die Herstellung der Produkte erstmal mehr als 50% recyceltes Polyester.
  • Bis 2024 will man ausschließlich recycelten Polyester verarbeiten

Aktuelle Schwerpunkte: Recycling und Ressourceneinsparung

Als aktuell wichtiges Projekt gilt der komplett recyclingfähige Schuh Futurecraft Loop, der 2021 auf den Markt kommen soll. Er wird einschließlich bis zu den Schnürsenkeln nur aus einem einzigen Material bestehen, dem thermoplastischen Polyurethan TPU. Dieses Material lässt sich in der Verarbeitung durch leichtes Anschmelzen verbinden, sodass Kleber überflüssig werden.

Nach der Rückgabe soll der „Loop“ gereinigt, gehäckselt und zunächst unter Beimischung von neuem TPU wieder zum verkaufsfertigen Produkt werden. Wobei Adidas noch nicht entschieden hat, „welche verschiedenen Rücknahmesysteme wir anbieten können. Ist es im Shop, kann man die zurückschicken?“ Auch ein „Loop“-Abonnement gilt als denkbar.

Kritikern wie dem Deutschlandfunk und der Deutschen Umwelthilfe reichen diese Maßnahmen nicht. Man moniert, dass Adidas als global agierender Konzern längst ein weltweites Pfandsystem hätte aufbauen müssen. Allerdings hat auch keiner der anderen großen Sport-Hersteller derartiges zu bieten. Den Vergleich mit der direkten Konkurrenz und mit ähnlich großen Sportartikel- und Schuhproduzenten sollte man generell mit heranziehen, wenn man Adidas fair bewerten will. Denn innerhalb dieses Segments ist das fränkische Traditionsunternehmen nicht selten ein Nachhaltigkeits-Vorreiter. Andererseits stimmt natürlich auch, dass Versäumnisse Anderer keine Rechtfertigung für eigene Versäumnisse sein dürfen.

Ein weiterer aktueller Schwerpunkt ist die Gewinnung von Schuh-Obermaterial aus recycelten PET-Flaschen. Die entsprechende Zusammenarbeit mit der US-Partnerorganisation „Parley for the Oceans“ wird von Adidas intensiv beworben. Freiwillige sammeln dafür Plastikmüll an Ozeanstränden. Das Gesammelte geht laut Adidas-Produktmanager Matthias Amm zu einem Recycler: „Wir haben da verschiedene Zulieferer bei den Fabriken in Asien, die die Plastikflaschen nehmen, in Garn umwandeln und dieses Garn wird dann in unsere Fabriken genommen, wo wir dann eben die Schuhe herstellen.

Dass 2019 Elf Millionen Paar dieses Schuhtyps produziert werden sollen, zeigt laut Deutschlandfunk, dass „Recycling-Versprechen“ als Verkaufsargument „ziehen“. Warum sollte es nicht auch zeigen, dass Adidas hier eine Nachhaltigkeits-Maßnahme in großen Dimensionen plant? Vielleicht, weil man von Adidas ein komplett nachhaltiges Sortiment von jetzt auf gleich erwartet? Das wäre zwar in der Tat wünschenswert, doch für solche Sprünge müsste es nicht nur bei einzelnen Unternehmen, sondern in der ganzen Marktstruktur und im Wirtschafts- und Finanzsystem tief greifende Änderungen geben. Und zwar von heute auf morgen. Mehr zu den Kritikern und ihren Argumenten im übernächsten Abschnitt.

Soziale Nachhaltigkeit und Mitarbeiterführung

Hier kann man es gleich kurz vorwegnehmen: bei Adidas besteht Luft nach oben. Doch nur allzu oft wird die Firma als böser Bube herausgegriffen und einzeln angeprangert. Was wie schon erwähnt meist fehlt, ist die vergleichende Betrachtung der Schuh- und Sporthersteller – wie auch das Handelsblatt findet.

Schauen wir aber zunächst wieder auf die Habenseite in der unternehmenseigenen Chronik:

  • 1999 Beitritt zur Fair Labor Association (FLA) als Gründungsmitglied und „Beginn unseres formellen Dialogs mit Interessenvertretern (Stakeholder Engagement)“. Seit dem Adidas-Beitritt zur FLA werden die Zulieferbetriebe von externen Stellen geprüft. Das hauseigene Programm zur Überwachung der Zulieferer wird 2005 erstmals von der FLA akkreditiert.
  • 2007 veröffentlicht Adidas als Zeichen der Transparenz auf freiwilliger Basis eine Liste aller globalen Zulieferbetriebe.
  • 2017 erhält Adidas als erstes Unternehmen zum dritten Mal die Akkreditierung der Fair Labor Association für sein Überwachungsprogramm zur Einhaltung der Arbeitsplatzstandards in der Beschaffungskette.

Dies zeigt, Adidas setzt auf faire Arbeitsstandards in seiner globalen Lieferkette, überwacht diese sowohl selbst als auch durch unabhängige Organisationen.

Was sagen die Kritiker?

Die mediale Kritik überwiegt noch deutlich das Schulterklopfen. Bei Nachhaltigkeitsportalen wie Rankabrand oder Fairness-Check kommt Adidas nach wie vor nicht gut weg – wobei allerdings nach den dort angelegten Messlatten so gut wie kein Outdoorhersteller wirklich glänzen kann.

Besonders im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit werden – wie beispielhaft in diesem Artikel auf Fashionunited.de – die Schritte des Unternehmens zwar registriert, doch insgesamt als zu klein und zu kurz angesehen. So würden im Bereich Entlohnung und Arbeitsbedingungen zwar die lokalen gesetzlichen Bestimmungen meist einwandfrei eingehalten, doch da diese auf sehr niedrigen Niveaus angesetzt seien, könne von echter sozialer Nachhaltigkeit nicht die Rede sein.

Auch in Bezug auf die Umweltmaßnahmen wird mit Kritik nicht gespart. Dabei geriet zuletzt ein Detail in den Fokus, dessen Wichtigkeit man diskutieren kann: so kann bei Betrachtung des Werbevideos von Adidas und Parley der Eindruck entstehen, der Plastikmüll für den Recyclingschuh würde aus dem Meer gefischt, während er tatsächlich „nur“ von Stränden geräumt wurde.

Diesen Unterschied haben Adidas und Parley nach Meinung der Kritiker nicht deutlich genug kenntlich gemacht. Das Unternehmen wies die Vorwürfe hingegen zurück und machte deutlich, dass immer transparent war, dass der Abfall „an Stränden und in Küstenregionen“ eingesammelt wurde. Der Hintergrund der Diskussion: Würde man tatsächlich Plastik nehmen, das bereits im Meer schwamm, wäre dessen Aufbereitung technisch aufwändig und damit teuer. Die Materialien sind nämlich mit Naturstoffen wie Sand und Muscheln verwachsen und müssten für eine Weiterverarbeitung gesäubert werden.

Meine persönliche Meinung dazu: ganz sauber ist das in der Tat nicht, doch von „Greenwashing“ oder Betrug zu reden, wie vielfach geschehen, halte ich für übertrieben. Ich finde es eher überraschend, dass Medienvertreter und Verbraucher einen Werbeclip wie eine Reportage behandeln und überrascht sind, wenn dieser die tatsächlichen Abläufe nicht eins zu eins korrekt darstellt. Da hat wohl mancheR noch nicht ganz begriffen, dass Werbung die Wirklichkeit eben mit Make-up garniert.

Das entstandene „Imageproblem“ könnten Adidas und Parley jedenfalls recht einfach lösen, indem sie noch deutlicher als bislang kommunizieren, dass der Müll an Stränden und in Küstenregionen eingesammelt wird. Auch damit findet ja tatsächlich eine (imagewirksame) Wiederverwertung und Reduktion von Müll statt. Wie relevant es technisch gesehen für die Ökobilanz ist, wo genau sich der Plastikmüll befindet, kann dann immer noch durch die Experten dargestellt und kommuniziert werden. Wenn man jedenfalls davon ausgeht, dass der Strandmüll sowieso früher oder später ins Meer gelangt, sollte der Unterschied nicht allzu gewaltig sein. Oder?

Zwei wirklich dicke Probleme bleiben aber bestehen: Die (noch) zu kleinen Dimensionen der Lösungsansätze und die (nach wie vor) zu großen Dimensionen der parallel laufenden, nicht nachhaltigen Produktion. Allerdings kann man das nicht allein den Herstellern von Schuhen, Sportartikeln oder anderen Konsumgütern anlasten. Hier sind alle Beteiligten an der Konsumkette gefragt. Wenn Kunden, Sportler und Schuh-Nutzer wirklich etwas bewegen wollen, müssen sie auch ihren eigenen Einfluss geltend machen. Sie können auf das nachhaltigste Produkt zurückgreifen, die billige und schnell verschlissene Massenware meiden oder – wenn ihnen keines der Nachhaltigkeitskonzepte gefällt – ganz auf den Kauf verzichten. Es bringt jedenfalls nichts, kleine Lösungsschritte schlechtzureden, ohne bessere, größere Alternativlösungen anbieten zu können.

Fazit

Das Nachhaltigkeits-Gesamtergebnis von Adidas ist sicher noch nicht ganz vergleichbar mit den kleineren und spezialisierteren Outdoorlabels, die wir in dieser Artikelserie auch schon porträtiert haben. Man ist eine große AG und zielt auf große Massenmärkte ab. Deshalb arbeitet Adidas derzeit noch daran, wirklich seine komplette Produktpalette immer nachhaltiger auszurichten. Bis die breite Öffentlichkeit Adidas als nachhaltiges Unternehmen ernst nimmt, sind noch viele weitere Schritte zu gehen. Die allerdings hat man nach eigener Auskunft auch vor zu gehen, sodass ein neuerlicher Nachhaltigkeits-Check in einigen Jahren sicher interessante Verbesserungen zeigen wird.

Rückruf: Kletterhelm Mulaz von La Sportiva

14. November 2019
Rückruf Archiv

Der Kletterhelm Mulaz von La Sportiva wird zurückgerufen! Grund dafür ist, dass der Helm einen Penetrationstest nach Punkt 4.2.2 der Norm EN 12492 nicht bestanden hat, so dass seine Schutzfunktion nicht zu 100 % garantiert werden kann.

Was Du nun tun solltest, falls dieser Artikel in Deinem Besitz ist, erfährst Du hier…

Wie weiß ich, ob mein Helm betroffen ist?

Alle betroffenen Kunden wurden von uns bereits angeschrieben. Hast Du keine E-Mail erhalten? Schau in Deinem Spam-Ordner nach. Falls Du den Helm bei uns gekauft hast und keine Mail bekommen hast, dann hast Du den Helm vermutlich vor dem 01.08.2017 gekauft und Dein Helm ist NICHT von dem Rückruf betroffen. Im Zweifel kontaktiere uns unter recall@bergfreunde.de.

Hast du Deinen Helm nicht bei uns gekauft? Wende Dich bitte an den Händler, bei dem Du ihn gekauft hast.

Was muss ich tun, wenn ich einen betroffenen Helm besitze?

Schneide die Kinnriemen des Helmes ab:

Schicke uns ein Foto der abgeschnittenen Kinnriemen und der „Individual Number“ an die recall@bergfreunde.de und Du bekommst den Kaufpreis von uns erstattet. Du musst deinen Helm NICHT einschicken nur unbrauchbar machen.

Sollte bei Deinem Helm der Aufkleber mit der Nummer fehlen, ist das nicht weiter schlimm. In diesem Fall reicht auch das Bild der abgeschnittenen Kinnriemen.

Das Schlauchtuch: Würdigung und Kulturkritik

13. November 2019
Ausrüstung

Das Multifunktionsschlauchtuch, wie es in erbarmungslos präzisem Deutsch heißt, fällt nicht nur durch seinen für ausländische Zungen kaum zu bewältigenden Namen auf. Auch mit seiner oft bunten, nicht selten batikartigen Farbgestaltung zieht es Aufmerksamkeit auf sich. Es ist überhaupt kaum noch zu übersehen, da es landauf, landab, am Bergpfad oder in der Großstadt, immer beliebter wird. Ja, man kann von einem triumphalen Siegeszug des Schlauchtuchs sprechen.

Den Zungenbrecher kann man übrigens umgehen, indem man auf die geläufigere Bezeichnung Buff-Tuch zurückgreift. Analog zu Tempo und Papiertaschentuch dient hier die bekannteste Marke als Gattungsbegriff für das Produkt. Die Firma Buff war der erste Produzent, der das Vielseitigkeitstuch in großem Stil auf den Markt brachte. Sein Einsatzbereich ist nicht nur auf das Wandern beschränkt, sondern reicht vom Biken übers Motorradfahren bis zum ganz normalen Alltag. Natürlich ist es längst auch in High-Tech Materialien erhältlich, atmungsaktiv, feuchtigkeitsregulierend, mit UV Schutz, antibakteriell ausgerüstet, usw.

Ein Erkennungszeichen, das die „echten“ Buff-Tücher von vielen, teils sehr billigen und als Werbegeschenk verteilten Kopien abhebt, ist ihr nahtloses Design. Hinzu kommen natürlich Mindeststandards an Qualität, die verhindern, dass Marken-Schlauchtücher nach kurzem Gebrauch schon Löcher bekommen oder gar abfärben. Bei Werbegeschenken oder superbilligen No-Name-Produkten passiert derartiges immer wieder. In vernünftigen Qualitätsstufen sind die Tücher indes sehr haltbar, fusseln nicht und fransen nicht aus.

Laut Läufer-Blog liegt der Ursprung des Multifunktionstuch im Jahr 1992. Seitdem sei seine Beliebtheit steil gestiegen und es habe sich „von einer funktionalen Sportkopfbekleidung zum Mode-Accessoire gemausert“.

Wegen der Beliebtheit als Werbegeschenk und als Beigabe in Starterpaketen bei Trailrunning- und Bike-Contests ist die Verbreitung der Schlauchtücher fast schon zur Omnipräsenz geworden. Manche Outdoorer besitzen zig Exemplare und sehen die Stoffröhre als eine Art „Schweizer Taschenmesser der Outdoorbekleidung“. In der Tat, sie kann als Stirnband und Mütze, als Hals- und Piratentuch verwendet werden. Und noch einiges mehr, wie folgendes Video zeigt, in dem die ansehnlichen Buff-Models in nur zwei Minuten sage und schreibe zehn verschiedene Arten zeigen, das Tuch als Kopfbedeckung zu tragen:

Da das Schlauchtuch immer wieder auch als modisches und ästhetisches Accessoire getragen und bewertet wird, will ich es hier ebenfalls nicht nur nach Funktionalität beleuchten. Denn über Geschmack lässt sich bekanntlich vortrefflich schreiben. Also bitte nicht wundern, wenn die folgende kleine „Kulturkritik des Schlauchtuchs“ womöglich hier und da leicht persönlich gefärbt ist :-)

Als Kopfbedeckung?

Zunächst oute ich mich selbst als Schlauchtuchinhaber. Ja, ich habe selber so ein Ding und finde es auch verdammt praktisch. Allerdings nur für den Kopf und speziell für den Meinigen. Denn der ist irgendwie überdimensioniert, sodass mir von all diesen Normalokäppis mit Schirmchen keine so richtig passt. Abgesehen davon, das ich diese steifen Dinger auch bei richtiger Größe unbequem finde und der Ansicht bin, dass sie ihre Träger irgendwie dümmer aussehen lassen. Bei Sonnenhüten mit Rundum-Krempe ist das ganz ähnlich. Gerade die mit Schlaufe zum Festziehen, die so lustig das Gesicht einrahmt, kann ich nicht tragen, weil ich damit aussehe wie meine eigene Oma.

Doch auch rein praktisch finde ich das Schlauchtuch als Sonnenschutz mindestens gleich gut. Man kann es weit über die Stirn herunterziehen und bei Hitze zusätzlich noch befeuchten. Versuch das mal mit einem breitkrempigen Sonnenhut. Auch bei Wind mache ich mit Schlauchtuch eine bessere Figur: Während Omas Hut wie wild herumflattert und jeden Moment wegzufliegen droht, bleibt das Buff völlig gelassen. Auch in Sachen Zustand der Frisur nach dem Abnehmen der Kopfbedeckung erzielt das Tuch einen klaren Punktvorteil gegenüber Hut und Käppi: während man nach einer Tour mit letzteren auf dem Kopf aussieht wie nach 12 Stunden im Bett gewälzt, muss man nach Abnehmen des Buffs nur die Haare kurz so schütteln wie in der 3-Wetter-Taft-Werbung, und schon ist wieder alles in Position.

Jaja, ich weiß, Eitelkeit sollte keine solche Rolle spielen, doch wer ist schon völlig frei davon? Und wenn wir die gleiche Funktionalität einmal mit doofem und einmal mit coolem Aussehen haben können, ist die Wahlmöglichkeit doch super, oder? Mein Fazit lautet hier jedenfalls: als Kopfbedeckung bei Hitze und Wind ist das Schlauchtuch tipptopp, sowohl für lockeren Freizeitsport als auch bei „ernsthaften“ Berg- und Outdooraktionen.

Für den Winter und den kalten Berg?

Es hat aber auch seine Grenzen mit der Schlauchtuchherrlichkeit. Manche betrachten das Schlauchtuch ja auch als Ersatz für Schal und Mütze. Doch bei einem Tuch ist der Stoff eher dünn und elastisch. Das genau ist ja auch der Vorteil in Sachen Bequemlichkeit, Leichtigkeit und Vielseitigkeit. Es bringt jedoch eine bestenfalls eingeschränkte Wintertauglichkeit mit sich. Es gibt natürlich auch dickere, meist mit Fleece gepolsterte Schlauchtücher, die auch für Temperaturen unter null taugen. Doch da leuchtet mir nicht ganz ein, was nach Abzug von Leichtigkeit und Flexibilität deren Vorteil gegenüber einer stinknormalen Mütze sein soll. Ach so, ja, die Verwendbarkeit als Schal. Hm, mag sein, doch da habe ich eine ganz eigene Theorie.

Als Halstuch und Schal?

Dazu gleich eine Vorwarnung: meine leichte Voreingenommenheit gegen Schals und Halstücher kann ich wohl nicht ganz verbergen. Ich rechtfertige sie damit, dass ich schon bei deren Anblick immer das Gefühl einer zugedrückten Luftröhre bekomme. Mir reicht vollkommen, wenn Pulli oder Jacke oben am Hals kurz unterhalb des Kinns sauber abschließen, am besten mit einem Kordelzug verstellbar. Das funktioniert meist prima und ich wüsste nicht, wozu ich dann noch einen Schal bräuchte. Bei Radlern und Motorradfans kann ich die Liebe zum Halstuch nachvollziehen, weil man da nach vorn gebeugt im Luftzug sitzt. (Auch wenn es mir selbst beim Radeln mit gut schließender Oberbekleidung noch nie wirklich am Hals gezogen hat.)

Meine Vorbehalte ästhetisch-geschmacklicher Natur liegen wohl daran, dass irgendwas in meiner Kindheit schiefgelaufen ist. Damals, in grauer Vorzeit, kam es mir so vor, als würden Schals ausschließlich im Winter getragen und farbenfrohe Halstücher seien, ebenso wie außersaisonal getragene Schals, ein Accessoire, dass ausschließlich an Frauen ab etwa Anfang 30 zu bewundern ist. Deren Schals oder Tücher waren oft pastellfarben und kamen nicht selten in Kombination mit runden, kleinen, aber dick geränderten Brillen zum Einsatz. Männer mit bunter Halsbekrausung? Höchstens an Theatern und in Literatursalons. Vielleicht noch an soziologischen Fakultäten. Also überall da, wo der progressive Mann damals schon takt- und rücksichtsvoll war, offen mit seinen Gefühlen umging und die Autopolitur durch vegane Hautcreme ersetzt hatte.

Da das inzwischen der Modell- und Vorbildmann ist, avancierte auch der bunt verpackte Männerhals zum Symbol des kulturellen Fortschritts. Besonders erfreulich ist da die Entdeckung, dass farbenfrohe Halsverhüllung gut mit Hipsterbart und Dutt harmoniert. Und sich das Ensemble durch eine runde, kleine, aber dick geränderte Brille perfekt vervollständigen lässt …

Okay, das war zu viel kulturkritische Häme, ich bitte um Entschuldigung, wenn ich jemandem auf den Schlips respektive das Halstuch getreten sein sollte. Ich kann eben wirklich nichts dafür, dass der Anblick kraus umtuchter Hälse mir immer diese irritierenden, ja vielleicht sogar mikrotraumatisierenden Assoziationen zu diesen Vögeln auslöst, die zum Drohen oder Balzen irgendwelches seltsame Gekropfe aufrichten.

Um aber zu einem versöhnlichen Abschluss zu kommen, jetzt nochmal ein positiver Blick auf die famose Vielseitigkeit des Alleskönner-Tuchs:

Weitere Verwendungen: praktische Vielfalt

Das Multifunktionsschlauchtuch kann nicht nur Kopf und Hals auf vielerlei Weise schützen und dekorieren, sondern hat eine Reihe weiterer Einsatzmöglichkeiten und Funktionen. Einige Beispiele:

– Es verhindert hässliche Flecken auf dem Brustbereich des Oberteils und ist bei Mahlzeiten jederzeit als Sabberlatz und Serviette griffbereit.

– Übers Gesicht gezogen lässt es dank feinem Gewebes die Außenwelt durchschimmern und ersetzt somit bei Banküberfällen den zwickenden Damenstrumpf oder die zu warme Balaklava.

– Wenn nach einer Peinlichkeit mal wieder (Fremd)Schämen angesagt ist, wird das Multifunktionstuch ruckzuck über das Gesicht gezogen und ermöglicht unerkanntes Entkommen aus der Situation.

– Weitere Verwendungen in Stichworten: Lappen, Handtuch, Schweißtuch, Kurzzeit-Notdichtung für lecke Rohre, improvisierte Einkaufstasche (Einkaufsschlauch), Spielzeug-Knäuel für Haustiere, Lampenschirmüberzug, Schlafmaske, …

Kurz, mindestens ein Schlauchtuch, Bufftuch und Multifunktionstuch gehört in jeden ordentlichen Haushalt ;-)

Plastikfreie Alternativen für Outdoor-Bekleidung

23. Oktober 2019
Ausrüstung

Da wir im Zeitalter der schwammigen Begriffe leben, zunächst mal eine Klarstellung: Wenn von „plastikfrei“ die Rede ist, werden damit oft ähnliche Attribute wie „umweltfreundlich“ und „nachhaltig“ verbunden. Dabei geht es hier „nur“ um die Abwesenheit von Synthetikstoffen auf Basis von fossilem Mineralöl. Zwar hat „plastikfrei“ eine Schnittmenge mit „nachhaltig“ und „umweltfreundlich“, ist aber nicht gleichzusetzen.

So gibt es mittlerweile viele Outdoor-Kleidungsstücke, die man als nachhaltig bezeichnen kann, die aber nicht plastikfrei sind. Und es gibt Produkte, die sind nachhaltig im Sinne von langlebig, aber im strengen Sinne nicht umweltfreundlich, da sie letzten Endes doch irgendwo „endgelagert“ werden müssen. Last but not least gibt es zahlreiche plastikfreie Shirts und Shorts, die alles andere als nachhaltig und umweltfreundlich sind, weil die Anbaumethoden von Baumwolle auch nicht immer die besten sind.

Soweit alles klar? Oder war das jetzt erst richtig verwirrend? Dröseln wir das Ganze mal etwas auf, dann wird die Klarheit schon kommen.

Was bedeutet „plastikfrei“?

Wirklich plastikfrei sind Outdoorklamotten nur, wenn sie keinerlei Polyester, kein Polyamid (Nylon), kein Polypropylen und auch sonst kein Poly-irgendwas enthalten. Nur pflanzliche Naturfasern und tierische Stoffe wie Wolle und Leder sind „zulässig“ – auch wenn bei letzteren gleich die nächsten Ethik- und Umwelt-Tretminen lauern – aber das ist ein anderes Thema.

Das Problem: Ab einem gewissen Funktionalitätsanspruch geraten die Naturstoffe an Gewichts- und Bezahlbarkeitsgrenzen und bieten keine Alternative mehr. Deshalb ist auch der Großteil der als nachhaltig geltenden Outdoorbekleidung aus Chemiefasern hergestellt. Hier landet man letztlich bei der altbekannten Diskussion, wie viel Funktionalität man im Einzelfall „braucht“ (dazu am Ende des Artikels mehr).

Hauptnachteile der Synthetikfasern sind der hohe Energieverbrauch bei ihrer Herstellung und die äußerst langsame Zersetzung nach ihrem „Lebensende“. Letzteres Problem kann durch Recycling nur teilweise entschärft werden. Zwar bieten viele Hersteller Kleidung mit recycelten Kunstfasern an, doch nur Wenige konstruieren ihre Produkte so, dass sie ihrerseits (vollständig) recycelbar sind (z.B. Patagonia oder Pyua). Auch tragen recycelte Kunstfasern nicht zur Lösung des Mikroplastik-Problems bei (dem wir als „Endverbraucher“ allerdings mit einem speziellen Waschbeutel wie dem Guppy-Friend beikommen könnten).

Exkurs: PFC-frei ist nicht plastikfrei

PFC-Freiheit in Textilien und Imprägnierungen ist ein großes Thema und ein Umweltfortschritt, sagt aber nichts darüber aus, ob Stoff oder Imprägnierung natürlich oder synthetisch ist. Es gibt aber mittlerweile eine komplett natürliche „Bioimprägnierung“ namens Ecorepel Bio. Diese Schutzschicht basiert auf pflanzlichen, ohne Gentechnik gewonnenen Rohstoffen und versucht, die Kutikula von Pflanzen für die Outdoor-Jacke nachzubilden. „Die Kutikula ist die äußerste Wachsschicht von Pflanzenblättern, die sie vor unkontrollierter Verdunstung und Regen schützt.“

Es gibt also viele Annäherungen an das plastikfreie und umweltfreundliche Ideal. Doch gibt es auch hundertprozentige Umsetzungen, die hohe Funktionalität bieten?

Welche „wirklich natürlichen“ Materialien gibt es?

Wie oben erwähnt, ist die Auswahl an Naturmaterialien für Outdoortextilien relativ klein. Neben den tierischen Stoffen Leder und Wolle (Seide kann man hier vernachlässigen) gibt es noch die pflanzlichen Stoffe Baumwolle und die Regeneratfasern. Letztere sind „chemische Naturfasern“ wie Viskose, Modal und Lyocell (die wir hier im Blog schon vorgestellt haben). Sie bestehen aus mehr oder weniger verholztem Pflanzenmaterial, das in chemischen Bädern eingeweicht und aufbereitet wird.

Wolle: nur Unterwäsche und Norwegerpullis?

Wolle, insbesondere Merinowolle ist bekanntlich eine praktikable und angenehme Möglichkeit für funktionale Textilgewebe. Ihre Herkunft und Gewinnung ist ökologisch gesehen sicher dem Erdöl überlegen. Aber sie ist relativ teuer („freikaufen“ für Privilegierte?) und vom ethischen Standpunkt her bei zweifelhafter Tierhaltung auch nicht immer unbedenklich, auch wenn das Thema Mulesing in der Outdoor-Branche kaum noch eine Rolle spielt.

Es sind überwiegend die weniger aufwändigen Baselayer-Textilien, die zu 100 Prozent aus (Merino)Wolle bestehen. In funktionalen Kleidungsstücken der mittleren und äußeren Bekleidungsschicht ist zwar immer häufiger Wolle enthalten, jedoch nur in Anteilen. Zwar kann eine reine Wolljacke eine durchaus mit einer Softshell- oder Fleecejacke vergleichbare Funktionalität zeigen, doch eine Hardshelljacke kann sie nicht ersetzen. Die Grenzen liegen hier beim Nässeschutz und bei der Waschbarkeit.

Meist sind zudem die Nähte aus Nylon oder anderen Kunststoffen, da sie deutlich strapazierfähiger sind. Daher: Obacht beim Kompostieren! ;)

Ist Baumwolle die plastikfrei-funktional-Lösung?

Als alleiniges Material wird Baumwolle ebenfalls fast nur in weniger funktionalen Shirts und Textilien für leichte Freizeitaktivitäten verarbeitet. Löblicherweise verwenden immer mehr Hersteller ausschließlich Bio-Baumwolle. Zu diesen Herstellern gehört die schwedische Marke Fjällräven, die schon seit langer Zeit für ihre G 1000 Baumwolle bekannt ist. Diese ist ein dicht gewebter Stoff, „der sich dank Greenland Wax an verschiedene Witterungsbedingungen anpassen lässt“. Der Stoff ist atmungsaktiv, kann mit der richtigen Pflege viele Jahre überdauern und ist in fünf Ausführungen mit verschiedenen Schwerpunkten erhältlich (Leichtigkeit, Robustheit, Geschmeidigkeit, …). Klingt super, nur ist G1000 eben keine reine Baumwolle, sondern besteht zu 65 % aus Polyester.

Ähnlich sieht es bei anderen Herstellern aus, die Naturfasern verarbeiten. Deren Baumwolle ist besonders eng gewebt und mit ökologischen Imprägnierungen versehen. Die Kleidungsstücke sind dann wasserabweisend, aber für volle Wasserdichtigkeit reicht es nicht. Laut dem Nachhaltigkeitsportal Utopia reichen diese Jacken für die Stadt oder gelegentliche Wanderungen aus. Man findet im Utopia-Artikel auch gleich einige Kaufvorschläge, deren Nachhaltigkeit sich allerdings auch im Preisniveau widerspiegelt.

Eine tatsächlich wasserdichte und funktionale Outdoorjacke aus 100 % Biobaumwolle ohne Chemikalienzusatz gab es bisher wohl nur versuchsweise von einem kleinen Unternehmerprojekt namens N2R aus Italien. Die N2R Jacke wurde von 2014 bis 2016 auf der Fundraising-Seite der Projektbetreiber angeboten. Es gab mehrere Varianten, die preislich zwischen 250 und 550 Euro lagen. Allem Anschein nach ist die Produktion nicht über den Anfangsstatus hinausgekommen.

Noch Zukunftsmusik: öko, voll funktional und preiswert

Es gibt also noch nicht viel „Zählbares“ in Sachen Baumwolle und Outdoorfunktion. Dennoch spielt das Thema laut Onlinemagazin der Outdoor-Messe ISPO eine große Rolle. Und nicht nur das, unter der Schlagzeile „Baumwolle erobert den Performance-Sektor dank neuer Technologien“ sieht man sogar einen unaufhaltsamen Siegeszug kommen. Dabei wird eine beeindruckende Zahl an High-Tech-Begriffen eingeführt, die alle gut klingen, von meiner Seite aus aber nicht einzuschätzen sind. Auch bleibt offen, wie lange diese Innovationen bis zur Serienreife mit „massentauglichen“ Preisen noch benötigen. Hier ein komprimierter Überblick:

Funktion und Gewichtsreduktion mit neuer Hohlfaser-Technologie: SolucellAir heißt die patentierte Technologie, die innerhalb des Baumwollgarns einen hohlen Kanal schafft und damit Baumwollstoffe zu Funktionskleidung mit höherem Tragekomfort macht. Der hohle Kernbaumwollstoff ist leicht, langanhaltend weich, bietet ein gutes Feuchtigkeitsmanagement und trocknet schnell. Das Ganze kommt ohne Finish oder andere chemische Behandlungen aus.

Atmungsaktiv und trocken mit Dry-Inside: Konkurrenzfähige Atmungsaktivität und effektiver Feuchtigkeitstransport bei geringer Reibung und weicher Haptik soll durch die Dry-Inside-Technologie der Firma Nanotex erreicht werden. Labortests zeigen laut ISPO eine beachtliche funktionale Performance, die der von Polyester sogar überlegen scheint. Allerdings handelt es sich, wie der Firmenname schon verrät, um Funktionen auf Basis von Nanotechnologie, deren ökologische und gesundheitliche Unbedenklichkeit nicht als gesichert gelten kann.

Gut imprägniert mit Naturally Clean und DropelTech: Die portugiesische Textilspinnerei Tintex hat einen kosten- und ressourceneffizienten Finishing-Prozess in ihre Kollektion eingearbeitet, der saubere Oberflächen und lebhafte Farben ohne aggressive Behandlungen erreicht und sich angenehm glatt anfühlt. Ein ähnliches Finish hört auf den Namen DropelTech. Es ist bluesign-akkreditiert und verschafft Naturfasern ähnliche wasser- und schmutzabweisende Eigenschaften wie Synthetikstoffen, ohne die Weichheit und Atmungsaktivität zu beeinträchtigen.

Zu diesen hauptsächlich auf technische Funktionalität ausgerichteten Innovationen kommen noch eine Reihe Maßnahmen, die auf Nachhhaltigkeit und Effizienz zielen:

US-Unternehmensplattform für neue und nachhaltige Technologien und Funktionen: „What’s New in Cotton?“ heißt die Plattform US-amerikanischer Baumwollunternehmen, die Innovationen der Baumwoll-Funktionalität vorantreiben will.

Volle Rückverfolgbarkeit mit Fibretrace: Diese Technologie „bettet Markensignaturen in Fasern ein, so dass die vollständige Nachverfolgbarkeit über die gesamte Lieferkette hinweg gewährleistet ist. Die Kombination aus patentierter Faser- und Lasertechnologie bietet Marken ein komplettes Schloss-Schlüssel-System und bietet umfassende Transparenz.“

Weniger Produktionsschritte und Wasserverbrauch durch Zero-D Reactive Pigment: Durch „reaktiven digitalen Pigmentdruck des Designs und robuste Farben“ wird hier „alles in einem Prozess erstellt. Es wird nur so viel Wasser gebraucht, wie auch in einem herkömmlichen Textilfärbeverfahren und kein Abwasser erzeugt.“ Dieser Digitaldruck soll waschbeständig sein und kann auch für andere natürliche Fasern angewandt werden.

Welche Lösungen funktionieren hier und jetzt?

Wie wir sehen, ist im Bereich Naturmaterialien und Outdoorfunktionalität viel Bewegung, doch noch können wir nicht alle Funktionen und schon gar nicht zu günstigen Preisen haben. Wir können uns aber die Wartezeit mit guten Zwischenlösungen versüßen. Wobei „Zwischenlösung“ nicht bedeuten soll, das Teil in die Recyclingtonne zu kloppen, sobald das Baumwollwunder da ist. Nein, die „Kompromissjacke“ darf und soll durchaus lange halten.

Bedarf und Kaufentscheidung

Wie findet man diese möglichst plastikfreie Ideal-Outdoortextilie? Indem man sich zunächst selbst ein paar einfache Fragen stellt und so womöglich herausfindet, dass Naturfaser mit Imprägnierung voll ausreicht. Wofür brauche ich das Teil wirklich? Wenn ich damit zu 95 % im Alltag unterwegs bin und pro Jahr vielleicht zwei Bergwanderungen damit mache, reicht dann nicht eine imprägnierte (Baum)Wolljacke? Wie war das eigentlich bei den Menschen, die vor 30 Jahren mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren sind und auch mal bei Wind und Wetter draußen waren? Der heutigen Durchschnittskleidung nach ist ja kaum vorstellbar, wie die das überlebt haben…

Man kann sich auch bewusst machen, dass totale Wasser- und Winddichtigkeit für Aktionen gedacht sind, bei denen es nach dem Regenguss keine Möglichkeiten zum Trocknen und Aufwärmen gibt. Wer im städtischen Alltag oder im Naherholungsgebiet unterwegs ist, hat diese Möglichkeiten normalerweise um die Ecke. Und wer beim Weg von oder zur Arbeit nicht hermetisch geschützt ist und ein bisschen nass wird, muss im Büro oder daheim keine schlimmen Kälteschäden fürchten. Vielleicht reicht es ja, einen Ersatzpulli oder ein Handtuch einzustecken. Für die Hose jedoch, die beim Radeln deutlich stärker nass wird, kommt man um eine Plastiklösung wohl nicht herum. Da kann allerdings auch ein simples Stück Tüte ohne 3 Lagen und Membran gute Dienste leisten.

Abschließend nochmal kurz in den Worten der Nachhaltigkeitsutopi(a)sten: „Um die Umwelt nicht unnötig zu belasten, sollte man sich bei jedem Kauf beraten lassen, welche Produkte und Funktionen man wirklich benötigt – und den gesunden Menschenverstand einsetzen.

The North Face Futurelight

30. September 2019
Ausrüstung

„Defy the past. Wear the future.“

„Die fortschrittlichste, atmungsaktive und gleichzeitig wasserdichte Bekleidungstechnologie der Welt.“ 

Wenn man so hört und liest, was The North Face über ihre neue Futurelight Technologie schreibt, dann kommt man nicht umhin festzustellen, dass hier die ganz großen Marketing-Kanonen ausgepackt werden. Es ist vielleicht natürlich, dass man da als Verbraucher inzwischen etwas vorsichtig ist, wenn jemand mit derart vielen Superlativen um sich wirft. Bedenkt man aber, dass The North Face für Futurelight sogar Gore-Tex sukzessive aus ihren Produkten „ausbaut“, wird man zwangsläufig erstmals stutzig. Das ist ein ziemlich großer und mutiger Schritt.

Wir wollen im Folgenden mal kurz aufdröseln, was das neue Futurelight kann, was daran so „revolutionär“ ist und wie unsere Einschätzung dazu aussieht.

Das Geheimnis heißt ‚Nanospinning‘

Es liegt in der Natur der Sache, dass ein solcher Schritt nicht von heute auf morgen gegangen wird. Dafür steht immerhin der gute Ruf von The North Face auf dem Spiel. Also lies man sich bei beim Entwickeln und Testen von Futurelight Zeit. Viel Zeit. 2,5 Jahre und 400 Testtage am Athleten um genau zu sein. Ganz am Anfang stand die Suche nach einer neuartigen Technologie und die Frage, ob es nicht möglich ist wasserdichte Bekleidung zu entwickeln die so atmungsaktiv ist, dass man auf Tour nicht ständig die Klamotten wechseln muss.

Auf der Suche nach einer neuen Fertigungsstätte wurde man schließlich in Vietnam fündig. Dort entwickelte The North Face in enger Zusammenarbeit mit dem Unternehmen MXP das sogenannte Nanospinning. Aus ca. 200.000 Düsen, wird ein wenige Nanometer großer Faden geschossen und auf ein Trägermaterial aufgebracht. Zum Vergleich, ein menschliches Haar hat einen Durchmesser von ca. 0,6 – 0,8 mm. Die Fäden sind um den Faktor 1000 bis 10.000 dünner.

Durch die Überlagerung der Fasern beim Aufspritzen entsteht ein Film – die Futurelight-Membran. Man kann sich das ganze also wie ein großes Netz vorstellen, nur eben mit mikroskopisch kleinen Löchern. Die Funktionsweise ist also ähnlich wie bei anderen mikroporösen Membranen, die allerdings in der Regel aus einem expandierten Kunststoff bestehen. Durch diesen Expansionsprozess entstehen unterschiedlich große Löcher. Eine gute Atmungsaktivität ist auch hier gegeben, dennoch erreicht man mit dem Nanospinning verfahren nochmal deutlich größere Poren und damit auch eine höhere Atmungsaktivität – so zumindest die Theorie.

Wie wasserdicht ist Futurelight?

Natürlich zu 100%. Ist doch klar. Eigentlich könnten wir den Absatz recht kurz halten, wenn man allerdings tiefer recherchiert, findet man keine Daten zur Wassersäule oder ähnlichem. Dabei sind wir Verbraucher doch gewohnt, alles einmal schwarz auf weiß lesen zu können! Nun ist es im Hause The North Face schon immer gute Sitte, keine weiteren Angaben zu Wasserdichtigkeit zu machen, was folgenden Hintergrund hat:

Wenn The North Face ein Produkt als wasserdicht bewirbt, ist es das auch. Und zwar angepasst für den jeweiligen Einsatzzweck. Eine Jacke, die zum Höhenbergsteigen gebaut ist, hält dem zu erwartenden Wetter genauso stand, wie eine Casual-Regenjacke den Gassi-Geher vor alltäglichem Regen schützt, letztere ist aber nicht unbedingt für den Himalaja geeignet.

Es gibt noch einen zweiten Punkt, warum man bei The North Face mit Werten vorsichtig ist. In den USA gelten deutlich strengere Vorschriften bzgl. der Angaben. Dort muss eine Wassersäule über 10 Jahre garantiert sein. Ansonsten kann das Unternehmen verklagt werden – und zwar auf den Firmenwert, was bei The North Face keine kleine Summe ist. Es gibt keine Zweifel, dass Futurelight das locker packt, aber wir alle wissen: Der Teufel ist ein Eichhörnchen und bei so manch kuriosen Urteilen aus den USA wäre man als Firmenchef wohl auch lieber etwas defensiver in dieser Hinsicht.

Um die letzten Zweifler zu überzeugen hat The North Face ihre neue Technologie von den Underwriter Labs testen lassen. Eine unabhängige Organisation, die unter anderem das Material für die US-amerikanische National Fire Protection Association testet. Futurelight hat über eine Stunde lang ca. 750 Liter Wasser locker abgehalten – ohne mit der Nano-Wimper zu zucken.

Der Tragekomfort und die Widerstandsfähigkeit von Futurelight

Wir haben schon erklärt, dass Futurelight aus kleinen Nano-Fäden besteht, die übereinander gelagert sind. Der große Vorteil neben der hohen Atmungsaktivität: Das Material ist von Haus aus dehnbar und kann diesbezüglich auch modular angepasst werden. Genauso verhält es sich mit der Robustheit – wobei die noch maßgeblich von Außen- und Innenmaterial beeinflusst wird.

Futurelight ist immer ein dreilagiges Laminat, wobei die eigentliche Membran als Mittelschicht fungiert. Alle drei Schichten werden auf das jeweilige Produkt angepasst. So ist zum Beispiel die Flight Jacket für Läufer deutlich leichter und noch eine Ecke atmungsaktiver gestaltet, während die Summit L5 als Hochtourenjacke natürlich schwerer, aber dafür deutlich robuster ist.

Richtig spannend wird es aber beim Tragekomfort. Dadurch, dass Futurelight dehnbar ist, fühlt es sich mehr nach Softshell denn nach Hardshell an und raschelt auch eine ganze Ecke weniger. Um mal vorzugreifen: Das war ein Punkt, der uns besonders gut gefallen hat.

Wie steht es um das Thema Nachhaltigkeit bei Futurelight?

Eines der großen Buzzwords, das sowohl die Outdoor-Branche, als auch die Gesellschaft aktuell nicht los lässt. Und auch bei der Entwicklung von Futurelight war von Anfang an klar, dass die Themen Nachhaltigkeit und Ethik eine wichtige Rolle spielten sollen. Das fing bei der Wahl der Produktionsstätte an. Der vietnamesische Zulieferer hat hohe ethische Standards etabliert und arbeitet ressourcensparend.

Das Futurelight Laminat selbst besteht zu einem Großteil aus recycelten Materialien. Ausgerechnet die Membran selbst bildet aber die große Ausnahme. Für das beim Nanospinning verwendete Polyurethan gibt es bisher leider noch keinen für Futurelight verwertbaren Recycling-Rohstoff. Das Gleiche gilt für den Elasthan-Anteil, der in manchen Produkten verarbeitet ist. Auch Elasthan lässt sich noch nicht so gut wiederverwerten, wie es für Futurelight nötig wäre. Außen- und Innenmaterial sind unterm Strich zu ca. 90% recycelt.

In Sachen Imprägnierung können wir ganz klar sagen: Die ist PFC-frei! Wohoo! Schöne Sache. Im Labor war zudem nach 80 Wäschen noch ca. 80% der Imprägnierungsleistung vorhanden. Die Laborwerte lassen sich natürlich nur bedingt auf den Außeneinsatz übertragen, aber man kann wohl davon ausgehen, dass die Imprägnierung ein Weilchen halten dürfte.

Wie schlägt sich Futurelight in der Praxis?

Tja, blumige Versprechungen sind schnell gegeben. Am besten ist es doch, wenn man mal selbst Hand anlegen darf. Bisher haben vier Bergfreunde ihre Erfahrungen mit Futurelight gemacht: Mia hatte die Flight Jacket aus der Flight Series für einige Wochen beim Laufen und gelegentlich beim Radfahren im Einsatz. Gearhead Hannah und Jonas aus unserer Online-Redaktion waren vor kurzem am Dachtstein zum Bergsteigen in Futurelight-Hülle und Benedikt aus unserem Einkaufsteam durfte die Futurelight-Sachen auf Skitour testen.

Die Meinungen sind relativ einhellig: da scheint jemand seine Hausaufgaben gemacht zu haben. Wie gut, dass wird sicher die Zeit zeigen. Mia, Hannah und Jonas hatten jedenfalls ihre Mühe, ein Haar in der Suppe zu finden. Neben der optimierten Atmungsaktivität waren sie durch die Bank vom hohen Tragekomfort begeistert. Futurelight raschelt deutlich weniger als andere Hardshells und trägt sich sehr angenehm.

Wir müssen natürlich dazu sagen, dass wir die Produkte noch keinem wirklichen Langzeittest unterziehen konnten. Dennoch dürfte Futurelight unserer Einschätzung nach alles andere als ein Reinfall werden. Zumal Neuentwicklungen nie schlecht sind. Futurelight wird in der Outdoor-Branche für frischen Wind sorgen – da sind wir uns sicher!

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