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Materialrecycling: Möglichkeiten und Grenzen

11. Dezember 2019
Ausrüstung

Zunächst erscheint die Angelegenheit recht simpel: man sammelt das alte Zeug, sortiert es, wirft es in den Schredder, köchelt es mit irgendwelchen (hoffentlich umweltfreundlichen) Substanzen, trocknen, neu formen, fertig ist die Auferstehung als nagelneues Rohmaterial. Zumindest hab ich mir das so in etwa vorgestellt. Außer beim Kaffeesatz, da wusste ich schon, dass es etwas komplizierter ist. Kaffeesatz? Ja, denn über Kaffeesatz und seine Verwendung als Rohstoff für Recycling und Wiederverwertung gibt es hier schon einen Basislager-Artikel.

Darin ist zu lesen, warum die Rückverwandlung von alt und gebraucht zu neu und frisch duftend eben doch nicht ganz so einfach ist. Im Gegenteil, Recycling ist (nicht nur bei Kaffeesatz) ein komplexer industrieller Verarbeitungsprozess, der technisch, logistisch und finanziell sehr herausfordernd sein kann.

Vor allem geht das Ganze auch nicht ohne den Einsatz neuer Rohstoffe und Chemikalien vonstatten. Letztendlich ist die Entwicklung eines Recyclingmaterials kaum weniger anspruchsvoll als die eines „wirklich neuen“ Materials.

Kunststoffrecycling allgemein

Die folgenden zwei Hauptmethoden beschreibt Hunold + Knoop, ein Betrieb für Kunststofftechnik auf seiner Website:

  1. Mit einem Anteil von 44 % macht das energetische Recycling den Großteil der Kunststoff-Wiederverwertung aus. Dabei wird durch Verbrennen von Kunststoffteilen die Energie in den Altteilen gewonnen und so sehr effektiv energetisch weiterverwendet. Selbst verschmutzte und vermischte Materialien können auf diese Weise effizient wiederverwertet werden.
  2. 33 % des Kunststoffes werden werkstofflich aufbereitet. Das bedeutet, dass die Altteile zerkleinert, gereinigt und nach Sorten getrennt werden. Im Anschluss werden die Kunststoffteile bei hoher Temperatur geschmolzen und neu aufbereitet. Für diese Methode sind nur thermoplastische Kunststoffe geeignet.

Hinzu kommen als weniger genutzte Methoden das rohstoffliche Recycling (1 % Anteil) und der biologische Abbau. Beim rohstofflichen Verfahren „werden die Polymerketten im Kunststoff aufgespalten. Dabei entstehen Monomere, Öle und Gase, die zu neuen Kunststoffen verarbeitet werden können. Dieses Verfahren eignet sich auch für vermischte und verschmutzte Materialien.“ Der biologische Abbau durch Kompostieren ist laut Hunold + Knoop tatsächlich auch bei manchen Kunststoffen möglich.

Eine wichtige, auch in der Outdoorindustrie verwendete Quelle für das Kunststoffrecycling sind PET-Flaschen. Ein detailliertes Beispiel für deren Recycling gibt der Veolia-Konzern, der das Verfahren auf seiner Website in 13 Schritten beschreibt. Es führt zwar in diesem Fall zu neuen  Flaschen und Lebensmittelbehältern, ähnelt aber den (meist nur grob beschriebenen) Verfahren in der Textil- und Outdoorbranche.

Textilrecycling

Pro Kilo Kleidungs-Neuware ein Kilo Chemikalien für die Behandlung, lautet eine Faustformel. Baumwolle benötigt pro Kilo die Wassermenge von 200 gefüllten Badewannen. All diese Ressourcen werden zum großen Teil für „Fast Fashion“ verwendet, die kaum getragen und schnell ausgewechselt wird.

Entsprechend soll die Abfallmenge aus Altkleidern in Deutschland pro Jahr etwa 1,3 Millionen Tonnen betragen. Laut Nachhaltigkeitsportal Utopia werden 20 Prozent der weggeworfenen  Kleider recycelt. Der Großteil davon wird „down-gecycelt“, sprich als weniger wertiges Produkt wie Secondhand-Kleidung, Putzlappen oder Dämmstoff wiederbelebt.

Utopia weist aber auch auf zwei Beispiele hin, die jetzt schon „Cradle to Cradle“, also durchgängige Kreislaufwirtschaft umsetzen – und zwar ausgerechnet bei C&A und Tchibo. C&A hat „als weltweit erster Einzelhändler 2017 ein Cradle-to-Cradle-Gold-zertifiziertes T-Shirt auf den Markt gebracht, weitere Produkte wie Longsleeves sollen laut Website folgen“.

Diese Shirts können tatsächlich am Ende ihres Lebens im eigenen Garten kompostiert werden. Tchibo hat ein „closed loop“ Männer-T-Shirt vorgelegt – „mit GOTS-zertifizierter Baumwolle, Tencel- statt Nylongarn und Cradle-to-Cradle-zertifizierter blauer Farbe. Auch dieses ist zu 100 Prozent kompostierbar.“ Es sind zwar nur erste Vorboten der Kreislaufwirtschaft, aber immerhin sind sie schon unterwegs …

Die häufigsten recycelten Stoffe sind der Kunststoff Polyester und das Naturmaterial Baumwolle. Die beiden sind auch die meist verwendeten Textilstoffe bei Neuware (Polyester mit etwa 60% aller in Textilien verarbeiteten Fasern). Die Recyclingverfahren von Natur- und Kunstfasern unterscheiden sich deutlich, bei Ersteren ist es komplizierter und teurer.

Recyclingschritte bei Naturtextilien:

  • Das eingehende Material wird nach Materialart und Farbe sortiert. Die Farbsortierung führt zu Stoffen, die nicht nachgefärbt werden müssen.
  • Die Textilien werden zerkleinert und manchmal zu Fasern gezogen.
  • Das Garn wird gereinigt und gemischt.
  • Das Garn wird erneut gesponnen und ist bereit für den späteren Einsatz beim Weben oder Stricken.
  • Einige Fasern werden nicht gesponnen, sondern für Textilfüllungen, z.B. in Matratzen, komprimiert.

Recyclingschritte bei Textilien auf Polyesterbasis:

  • Die Kleidungsstücke werden zerkleinert, dann granuliert und zu Polyesterspänen verarbeitet.
  • Diese werden geschmolzen und zu neuen Fasern für den Einsatz in neuen Polyestergeweben verarbeitet.

Die meisten Hersteller verwenden für ihre Kunststoff-Recyclingprodukte Materialien aus Meeresabfällen von Fischernetzen bis zu Teppichresten. Der gesammelte Abfall wird gereinigt und geschreddert, die so entstandenen Schnipsel zu feinem Garn eingeschmolzen. Der Energie- und  Wasserverbrauch ist hierbei um ein Vielfaches geringer als bei herkömmlichen Chemiefasern oder auch bei konventionell erzeugter Baumwolle.

Textilrecycling in der Outdoorindustrie

Die weitaus meisten recycelten Stoffe werden auch in der Outdoorbranche für Textilien verwendet. Die entsprechende Technologie und Infrastruktur befindet sich im Aufbau und kann bislang nur einen geringen Prozentsatz der Neutextilien rückgewinnen. Es gibt aber viele beachtliche Fortschritte, die mehr als nur Symbolpolitik oder Imagepflege sind.

Oftmals sind es auch nur kleine Details mit großer Wirkung, wie wenn beispielsweise die schwedische Marke Haglöfs ihre Reißverschluss und Knöpfe so entwickelt, dass jeder Besitzer sie einfach selbst reparieren und austauschen kann. Oder wenn Eagle Creek ausgediente Windschutzscheiben zu Taschen und Rucksäcken verarbeitet und damit tatsächlich auch die wasser- und schmutzabweisenden Eigenschaften der Scheiben auf die Textilien überträgt.

Dennoch, der Recyclingkreislauf ist noch nicht wirklich in Gang gesetzt, es existiert noch keine breite Basis an „Rohstoffen“. Der Schwerpunkt liegt eher noch darauf, neue Stoffe zu entwickeln, die weniger umweltbelastend und leichter zu recyceln sind. Es muss wohl erst dieser Schritt auf breiter Front vollzogen sein, bis es einen nennenswerten „Grundstock“ an schon einmal verwendeten und recycelbaren Ausgangsmaterialien gibt. Er wäre dann die Grundlage, auf der in einem zweiten Schritt die nächste Generation von Outdoor-Equipment hergestellt wird. Dann könnte ein echtes Kreislaufsystem in greifbare Nähe rücken.

Beispiele Vaude und Patagonia

Man könnte viele kleine, äußerst engagierte Outdoorfirmen wie z.B. Pyua als leuchtende Beispiele für umfassende Recyclingkonzepte nennen, doch Vaude und Patagonia sind als Big Player der Branche weithin bekannt und haben somit mehr Vorbildfunktion. Beide verwenden ein relativ breites Spektrum an Recyclingmaterialien. Bei Vaude sind seit Sommer 2019 die kurzen Hosen aus Recycling-Polyamid, das zum Teil aus alten Fischernetzen hergestellt wird. Vom Zulieferer Primaloft verwendet man eine Isolierung für Jacken, die zu 100 Prozent aus wiederverwerteten Flaschen besteht.

Vaude bietet sich auch deshalb als Beispiel an, weil kaum jemand sonst so detaillierte Informationen zu den eigenen Nachhaltigkeitsmaßnahmen liefert. In ihrem seit sechs Jahren regelmäßig aktualisierten CSR-Report (Corporate Social Responsibility) legt die Firma alles  detailliert offen. So wird der Bereich Recycling nach Materialien aufgeschlüsselt:

Auch die US-Firma Patagonia ist bekannt für ihr Augenmerk auf die Umwelt: „Die Amerikaner verwenden gerne Hanf und Bio-Baumwolle, vor allem aber setzen sie auf Recycling-Materialien, von Daunen über Denim bis hin zu wiederverwerteter Wolle.“ Patagonia ist zudem weit darin fortgeschritten, die aktuell noch aus Neumaterialien bestehenden Produkte recyclingfähig zu machen.

Probleme des Textilrecyclings

Als Probleme werden folgende Aspekte kritisiert:

  • Kleidungsstücke, in denen Natur- und Kunstfasern gemischt werden, sind – egal ob ihrerseits recycelt oder nicht – kaum recycelbar. Die Technik stößt beim Auftrennen der Gewebemischungen an ihre Grenzen. Besonders die bei uns Bergfreunden wegen ihrer komfortablen Dehnfähigkeit beliebten Elasthan-Einsätze sind in dieser Hinsicht problematisch.
  • Bei recycelten Kunstfasern bleibt das Mikroplastik-Problem bestehen (mehr dazu in diesem Basislager-Artikel).
  • Recycling von Kunststoffen kann zu einer Konzentration der darin enthaltenen Schadstoffe führen.
  • Bei Baumwolle können nur etwa ein bis drei Prozent des Altmaterials zu neuen Fasern verarbeitet werden. Ein großer Teil wird zu Dämmstoffen oder Putzlappen („Downcycling“).
  • Bei der Aufbereitung der alten Stoffe werden, vor allem bei Baumwolle, Kleidungsstücke zerrissen, wodurch die Fasern leiden. Daher ist ein Recycling-Produkt „qualitativ immer schlechter als das Ausgangprodukt. Eine ausreichende Qualität kann außerdem nur gewährleistet werden, wenn mindestens 60 % Frischfaser im Stoff enthalten sind.“
  • Bei Baumwolle ist u.a. aus oben genannten Gründen das Recycling insgesamt recht aufwendig bzw. teuer und führt dennoch zu schlechterer Qualität und geringerer Haltbarkeit der Recyclingprodukte.
  • Recycling kann generell teuer werden, wenn komplett neue Logistikketten aufgebaut werden müssen.

All diese Einwände sind berechtigt, sprechen aber nicht gegen ein weiteres Vorantreiben des eingeschlagenen Recycling-Wegs. Denn abgesehen von den weit überwiegenden ökologischen Pluspunkten macht sich die Ressourceneinsparungen des Recyclings auf Dauer auch (volks)wirtschaftlich bezahlt.

Wenn Hersteller weiterhin forschen und Konsumenten weiterhin mehr Verantwortung übernehmen, werden sich wahrscheinlich auch in den genannten Problempunkten Lösungen finden. Auch „die Politik“ kann etwas tun, indem sie beispielsweise nachhaltige Produkte mit reduzierten Steuern für die Unternehmen belohnt. In Norwegen wird das bereits praktiziert.

Fazit: Wichtig ist, was hinten rauskommt

Auch Recycling liefert vorerst keine Zauberformel für Nachhaltigkeit im Sinne natürlicher Stoffkreisläufe, die bekanntlich keine Rückstände und Abfälle kennen. Doch – und das ist die gute Nachricht – das muss Recycling auch gar nicht. Es reicht fürs Erste vollkommen, wenn man die bisherigen Belastungen durch Abfall und Gifte in den nächsten Jahren auf einen Bruchteil ihrer heutigen Mengen reduzieren kann.

Auch das ist ein hohes Ziel, aber ein machbares und lohnendes. Denn die Umwelt ist bis zu einem gewissen Maße durchaus belastbar und bleibt auch bei gewisser Verschmutzung intakt. Ja, das ist eine provokante und ökopolitisch unkorrekte Behauptung, doch ich orientiere mich dabei am Menschen, der auch ein Teil der Umwelt ist und ein gewisses Maß an „Kontamination“ problemlos „wegstecken“ kann. Außerdem kann er – genau wie die ihn umgebende Natur – Abwehrmechanismen und Selbstheilungskräfte entwickeln.

Dass das heutige Ausmaß an Vermüllung und Vergiftung viel zu hoch ist, wird damit gar nicht infrage gestellt. Da aber ein „richtiges“ und für alle gleich akzeptables Maß schwierig bis gar nicht zu quantifizieren und das Reduzieren dieses Maßes auf null bis auf weiteres Science Fiction ist, bleibt vorerst „nur“ die schrittweise Verringerung des Schadens. Und das kann durchaus schnell gehen, denn im Grunde ist es weder schwierig noch komplex.

Eine ganz einfache und hocheffektive Maßnahme wäre die Beendigung des „Fast Fashion“-Wahnsinns, der vermutlich für den größten Teil der Ressourcenverschwendung und Umweltvergiftung verantwortlich ist. Wenn statt ständig wechselnder Kollektionen an (Billig)Klamotten langlebige Kleidung – die übrigens auch stylisch sein kann – gekauft und pfleglich behandelt würde, wäre das von jetzt auf gleich eine riesige Entlastung für Umwelt und Klima.

Die Outdoorindustrie hält zwar „wegen der vielen Chemikalien“ gern als Umweltsünder Nummer Eins her, ist aber (nicht nur) in Sachen Recycling eher weiter fortgeschritten als der Rest der Textilindustrie. Das dürfte auch daran liegen, dass hier das Prinzip der Eigenverantwortung aufseiten der Nachfrager besser greift als anderswo. Weil echte Outdoorer und Bergfreunde eine Verbundenheit zur Natur und ihren Kreisläufen vielleicht nicht ständig laut bekunden, dafür aber tatsächlich spüren. Und deshalb ihre Kleidung auch nicht jedes Mal ersetzen, sobald der Reiz des Neuen nachgelassen hat.

Techno-Routen im Voralptal: „The Shield“, „The School of Rock“ und „North Face Exit“

4. Dezember 2019
Die Bergfreunde

21. August 2008, Urner Alpen. In der Nacht hatte es geregnet, in den höheren Lagen sogar geschneit. Lukas Binder und ich warteten bis mittags, bis der Fels halbwegs abgetrocknet war. Dann stiegen wir ein und zündeten den Turbo. Nur 2 Stunden und 18 Minuten später blickten wir von der Gipfelnadel des Salbits zurück auf seinen großen, berühmten Westgrat, auf die vielen Granitzacken, die wir gerade überklettert hatten. Am Abend checkten wir am Zeltplatz auf der Göscheneralp ein, zusammen mit dem Rest unseres Expedkader-Teams, mit dem wir damals unterwegs waren.

Bevor wir weiterzogen, machten wir am nächsten Tag noch einen Ausflug ins Voralptal. Ein Teil des Teams landete schließlich am Einstieg der Techno-Route „Muja Hedder“ und ich eher zufällig in einer feinen Rissspur rechts der Route. Allerdings war mein Akku ziemlich leer an diesem Tag und ich kam nicht besonders weit. Daniel Gebel, einer unserer Trainer, kletterte den Riss zu Ende und setzte einen Bolt.

Zurück ins Voralptal

Gut 20 Minuten geht man von der Voralpkurve Richtung Voralphütte, bevor man den Weg nach rechts verlässt und über Blöcke zu einem kleinen Seitental aufsteigt, an dessen Eingang ein perfekter Granitpfeiler steht. Dieser Fels, vor allem aber das traumhaft schöne Voralptal, das Basecamp auf der Göscheneralp – all das hat einen festen Platz in meinem Herzen gewonnen. Es ist nicht die große Bühne, nicht Chamonix, nicht Patagonien, nicht das Yosemite Valley, nicht der Karakorum.

Aber ich fühle mich dort ein Stück weit zuhause. Keine Ahnung, warum es sieben Jahre dauern sollte, bis wir im Sommer 2015 an unserer Route weiterarbeiteten. Vielleicht hat es einfach eine Maschine wie Lorenz Gahse gebraucht. Fast zwei Tage hämmerte, putzte, und bohrte er, bis die 40 Meter lange 2. Seillänge dieser neuen Route geschafft war. Wir hatten nur eine Mini-Bohrmaschine dabei, und deren Akku gab nicht mehr viel her. Den Stand-Bolt bohrte Lorenz im Wesentlichen von Hand, und danach war er wirklich einmal platt.

Ein schwerer Schlag

Ebenfalls im Sommer 2015 gelang Finn Koch und mir die Erstbegehung der Route „The School of Rock“ (7a+, A3+, 195 m). Sie verläuft links der „Muja Hedder“ und mündet kurz vorm Gipfel des Pfeilers in die Route „Traumschiff“. Während der Erstbegehung setzten wir nur einen einzigen Bolt.

Erst später richteten wir die Standplätze mit jeweils zwei Bolts ein. Mitte August 2016 waren wir erneut in der Wand, um der Route den letzten Schliff zu verpassen. Anschließend eröffneten wir, vom Biwakband startend, eine weitere Seillänge der neuen Route. Lorenz war zu dieser Zeit länger verreist und deshalb nicht mit dabei. Wenig später verunglückte er im Alter von 17 Jahren im Wettersteingebirge. Es war ein schwerer Schlag. Ein einschneidendes Ereignis, das unsere Welt von jetzt auf nachher veränderte.

Es folgte eine schwierige Zeit, voller Zweifel und ohne Antrieb für eigene Kletterprojekte. Im Dezember 2016 machten wir, Finn und ich, uns auf den Weg zur Eiger Nordwand. Es war an der Zeit, mich meiner Situation zu stellen, wieder Mut und Energie aufzubringen. Nicht nur zum Klettern, sondern auch, um die Verantwortung für einen jungen Kletterpartner durch eine solche Wand zu tragen (durch diese Wand, von der Lorenz immer geträumt hatte). Uns glückte ein kleiner, für mich bedeutsamer Schritt nach vorn, letztendlich auch in Richtung Voralptal, wo noch immer ein gemeinsames Projekt auf seine Vollendung wartete.

Pendelquergang am Cliff

Von 2017 bis 2018 konnte ich mit dem NRW Alpinkader eine weitere Techno-Route im Voralptal erstbegehen: „Mosquito Circus“ (A3, 6c, 285 m). Parallel dazu, Ende Juni 2018, ging es dann auch endlich beim Langzeitprojekt voran. Vor allem aber tat es gut, nach einer langen Zeit mit Knieproblemen und einer Meniskusoperation überhaupt wieder in den Bergen unterwegs sein zu können.

Diesmal war Michaela Schuster mit von der Partie, und wenn sie am Start ist, dann geht auch was voran. Wir biwakierten in der Wand, am großen Band nach der dritten Seillänge. Urs Waldispühl und Lars Hofer, Erstbegeher der „Muja Hedder“, gaben uns das Okay, weiter oben in der Wand einen zusätzlichen Standplatz bohren zu dürfen.

Von diesem kletterten wir den perfekten Riss der 6. Seillänge der „Muja Hedder“ und von dort nach links weiter, um eine Verbindung zum Ausstieg unserer Route „The School of Rock“ zu schaffen. Ein paar Züge gingen noch an natürlichen Strukturen, bis ich vor einer absolut glatten Platte stand. Zwei 8-mm-Bolts und zwei BAT-Hook-Löcher später war wieder einmal der Akku der kleinen Bohrmaschine leer. Ich legte den Cliff ins letzte Loch und Michaela lies mich daran ab, bis ich tief genug war für einen gewagten Pendelquergang zum nächsten Riss…

The Shield

Zwei Tage später erreichten wir erneut die Headwall des Pfeilers und bohrten den noch fehlenden Bolt für den Pendelquergang. Über den Ausstieg der Route „The School of Rock“, die wiederum in der letzten Seillänge vom „Traumschiff“ mündet, konnten wir unsere Routenkombination schließlich zu Ende klettern.

Wir gaben ihr den Namen „The Shield“, inspiriert von der glatten Headwall des Pfeilers, durch die unsere Linie führt. Ein großer Name für eine solche Route? Vielleicht, aber nicht in meiner Wahrnehmung, in der „The Shield“ für mehr steht als nur ein paar Meter Fels.

Das Horror-Flake

Im Sommer 2018 gab es noch einmal eine Veränderung im Bereich der zweiten Seillänge. Diese beginnt mit einem feinen Hakenriss, gefolgt von einer Platte (Bolt) und einem etwas breiteren Riss, der wiederum zu einem Risssystem links unserer Route führt. Ein paar Haken zeugen davon, dass dort früher schon geklettert wurde. Allerdings wurde der Weiterweg zum Biwakband von einer großen, beängstigend hohlen Schuppe versperrt, die irgendwie an der Wand klebte.

Jedem war klar, dass man daran nicht klettern sollte. Also zweigte Lorenz damals (2015) vor der Schuppe rechts ab, umging das Problem mit Hilfe eines Bathooks und eines 8-mm-Bolts und konnte so einen weiter rechts verlaufenden Riss erreichen. Im August 2018 wurde die Schuppe dann von einem lokalen Bergführer ins Tal geschickt. Dadurch ergab sich nicht nur ein direkterer und einfacherer Zugang zum Biwakband, es änderte sich auch die Einschätzung unserer Linienführung, die plötzlich gesucht  erschien. Letztendlich ändert das aber nichts am Charakter der Route. Es ist offensichtlich, dass sie die interessantesten Strukturen sucht, nicht den einfachsten Weg durch die Wand.

North Face Exit

Im August 2019 erschlossen Korbinian Fischer und ich schließlich noch eine Ausstiegsvariante durch die überhängende Nordwand des Turms. Sie ist schwieriger als der Originalausstieg übers „Traumschiff“ und verleiht der Route mehr Eigenständigkeit. Der „North Face Exit“ verlangt kaum zusätzliches Material, so dass man sich nicht vorher auf eine Variante festlegen muss.

Eine Frage des Stils

Wir haben uns beim Einrichten unserer Routen viele Gedanken darüber gemacht, was wir bezwecken und hinterlassen wollen. Geht es uns primär darum, eine Erstbegehung zu realisieren oder wollen wir etwas für andere schaffen? Was wollen wir Wiederholern an Mühen und Gefahren zumuten?

Ist es überhaupt sinnvoll, eine Route zu zähmen? Je länger ich über diese Fragen nachdenke, desto unsicherer werde ich. So bleibt mir nur zu hoffen, dass unserer Arbeit von Wiederholern verstanden und wertgeschätzt wird – und natürlich, dass sie immer gesund und glücklich aus dem Voralptal zurückkehren.

Routeninfos The Shield (A3-, 6c, 215 m, 7 SL)

EB: Fritz Miller, Lorenz Gahse, Michaela Schuster, Daniel Gebel 2008–2018

  • Anspruchsvolle und abwechslungsreiche moderne Technoroute mit eleganter Linienführung und bester Felsqualität. „The Shield“ verläuft in Teilen gemeinsam mit den Routen „Muja Hedder“, „The School of Rock“ und „Traumschiff“. Die Schwierigkeiten (wie auch der Gesamtanspruch) dieser Routenkombination liegen zwischen „Muja Heddder“ und „Mosquito Circus“, weshalb wir uns für den unüblichen Grad A3- entschieden haben. Für die beiden Ausstiegslängen braucht man nur noch Freiklettermaterial inkl. folgender Cams: 1 x C4 #0.4–3 sowie 1 x #6 am Beginn des breiten Risses der 6. SL. Keile, Haken usw. können am Band gelassen werden.

 Empfohlenes Material

  • 50-m-Seile
  • Microkeile
  • Rocks 1-7
  • Offsetkeile (mittlere Größen)
  • Ballnuts Gr. 2–4 (optional)
  • 1–2 x Cam C3 #00–1
  • 2–3 x Cam C4 #0.3–0.5
  • 1 x Cam C4 #1–3
  • 5 Beaks/Peckers (3 x klein, 2 x mittel)
  • 5 Knifeblades (versch. Größen)
  • 2–3 Angles (V-Profilhaken), kleine und mittlere Größen
  • 2–3 LAs (Schmiedehaken), kleine und mittlere Größen
  • 2 Drehmomenthaken, kleine und mittlere Größe
  • 2 x Camhook small (optional)
  • 1 x Hook für 8-mm-Bohrloch
  • Kantenschutz fürs Seil empfehlenswert
  • Mückenspray

Routeninfos The School of Rock (7a+, A3+, 195 m, 7 SL)

EB: Fritz Miller, Finn Koch 08/2015

Sehr anspruchsvolle Route, die schwierige und teils schlecht absicherbare Freikletterei mit extremer Technokletterei verbindet. Die Standplätze liegen allesamt an bequemen Bändern oder Absätzen und sind mit jeweils zwei Bohrhaken ausgerüstet. Gebohrte Zwischenhaken gibt es aber nicht. In der 4. Seillänge muss eine längere Passage an kleinen Beaks und Cliffs geklettert werden. Achtung, hier sind weite und gefährliche Stürze möglich!

Die dritte Seillänge kann frei geklettert werden (linke Variante, 6c). Interessanter ist aber die rechte Variante, eine stumpfe, glatte Verschneidung (A2+). Am Band nach der Verschneidung fanden wir drei Bolts vor (einer ohne Lasche), deren Herkunft sich bisher nicht klären lies. Wir vermuten, dass diese Seillänge schon früher geklettert wurde. Die fixen Schlaghaken in dieser Länge bitte nicht entfernen – man muss sie beim Abseilen clippen!

Empfohlenes Material

  • 50-m-Seile
  • Micro-Offsetkeile und Offsetkeile (mittlere Größen)
  • Ballnuts Gr. 2–4 (optional)
  • 1 x Cam C3 #00 – 1
  • 2 x Cam C4 #0.3 – 2 (kleine Größen besser Aliens)
  • 1 x Cam C4 #3
  • 1 x Cam C4 #6 (empfehlenswert für SL 6)
  • 8 Beaks/Peckers (5 x klein, 3 x mittel)
  • 5 Knifeblades (versch. Größen)
  • 2–3 Angles (V-Profilhaken), kleine und mittlere Größen
  • 2–3 LAs (Schmiedehaken), kleine und mittlere Größen
  • Hooks (2 x Talon, 1 x Cliff, 1 x Grappling Hook)
  • Drahtbürste
  • Mückenspray

Routeninfos „North Face Exit“ (A2+, 5b, 75 m, 2 SL)

EB: Fritz Miller, Korbinian Fischer 08/2019

Luftiger Techno-Ausstieg von „The Shield“ und „The School of Rock“. Die erste Seillänge ist clean, in der zweiten Seillänge haben wir drei Bolts gebohrt sowie ein BAT-Hook-Loch (8mm) vor dem ersten Bolt. Für die letzten Meter der ersten Seillänge braucht man Kletterschuhe (Reibungsplatte). Schuhwechsel bei Absatz mit kleinem Baum (siehe Topo)!

Für den „North Face Exit“ benötigt man einen BD Talon, einen Cliff für das 8-mm-Bohrloch oder einen zweiten Talon sowie einen großen Hook (z. B. BD Grappling Hook).

Routeninfos „Muja Hedder“ (A2+, 5c, 155 m + 40 m 6c)

Der Techno-Klassiker im Voralptal. Infos gibt’s hier: http://www.techno-climbing.ch/

Tipp: Sitzbrett für den Hängestand nach der 1. Seillänge mitnehmen. Außerdem sind Rivethanger (Draht) und/oder ein paar M6-Muttern empfehlenswert, für die 6-mm-Bolts ohne Laschen. Darüber hinaus stecken hier und da noch Schlaghaken, die ich nicht im Topo eingezeichnet habe. In den letzten Jahren konnte man die Route ohne Probleme mit einem deutlich kleineren Hakensortiment als dem ursprünglich empfohlen wiederholen. 10 Schlaghaken verschiedener Art und Größe sowie 3 Beaks sollten locker genügen.

Allgemeine Informationen

Zustieg: Von der Voralpkurve (1402 m, Parkplatz und Bushaltestelle) dem Weg zur Voralphütte folgen. Nach 20 min Gatter, kurz darauf Doppelkehre. 13 m nach der zweiten Kehre weglos rechts hoch in schwache Waldschneise (ca. 1565 m). Den Steinmännern folgen bis kurz vor den Einstieg der Route „Traumschiff“ am untersten Ansatz des Pfeilers. Weiter aufsteigen, zuletzt über große Blöcke und durch Spalt direkt an der Wand zu den Einstiegen. Mit Bigwall-Gepäck insgesamt ca. 1h10.

Abseilen: Bis zum Biwakband seilt man am besten über „School of Rock“ ab, wie im Topo eingezeichnet. Alle Abseilstellen sind eingerichtet. Vom Gipfel des Turms einmal kurz abseilen (ca. 15 m) zu Bolt mit Maillon und Ring (Zwischenhaken vom „Traumschiff“). In der Verschneidung oberhalb des Biwakbandes Zwischensicherungen clippen, sonst hängt man in der Luft!

Topo der Routen (Fritz Miller): Topo The Shield und The School of Rock klein

Wasser: Am besten mitbringen, denn der Bach im Voralptal ist nicht immer klar. Weiter oben gibt’s kein Wasser mehr.

Taktik/Biwak: Nur schnelle Seilschaften können diese Routen als Tagestour klettern. Die meisten Teams werden Tal bis Tal eineinhalb oder zwei Tage brauchen. Entweder am ersten Tag die ersten Seillängen fixieren und im Tal übernachten oder am großen Band biwakieren. Dort ist Platz für bis zu 6 Personen. Das Gepäck kann mit einem „Haul“ aufgezogen werden (50 m). Thema „Klo“: Das Biwakband und auch der Einstiegs-Bereich darunter dürfen nicht beschmutzt werden! Man verrichtet sein Geschäft am besten in eine Plastiktüte, packt alles in eine weitere Plastiktüte, stopft das dann in eine leere Travellunch-Packung und verschließt diese (ggf. mit Tape). Diese Bombe dann im Tal verantwortungsvoll entsorgen. Für den Transport empfiehlt sich ein kleines Kunststoff-Fass mit Schraubdeckel.

Direct Alpine – technische Bergsteigerbekleidung aus Tschechien

27. November 2019
Ausrüstung

Eigentlich erinnert die Gründungsgeschichte von Direct Alpine ein wenig an die der Bergfreunde: Zwei junge Gründer, die eigentlich nichts lieber wollten, als den ganzen Tag am Fels verbringen, beginnen sich für die Ausrüstung und Bekleidung, die für ihr liebstes Hobby nötig ist,  zu beschäftigen. Die zwei kletter-begeisterten besten Freunde Radek Novacek und Jirka Silka gründen im Jahr 1997 eine kleine Handelsfirma in Liberec, Tschechien und beginnen so die Geschichte der heute erfolgreichen Outdoor-Marke Direct Alpine.

Die Firma hat nach wie vor ihren Sitz in Liberec und produziert in momentan 13 Werkstätten in Tschechien die Mehrheit ihrer Modelle. Auch wenn Direct Alpine teilweise noch als echter Geheimtipp gilt, ist die Marke bereits ein kleiner Hoffnungsträger in der tschechischen Textilindustrie. Denn die hatte schon rosigere Zeiten. Vor fast hundert Jahren galt Tschechien als die Textilhochburg schlechthin. Damals schossen große Webereien und Stickereien förmlich aus dem Boden.

Das Land war bekannt für ihre Textilindustrie und viele Menschen fanden Jobs in der Produktion oder im Handel von Kleidung. Doch wie wir wissen, kommt nach einem Berg auch schnell wieder das Tal. So schrumpfte nach dem zweiten Weltkrieg die tschechische Textilbranche immer mehr und umfasste Ende der Achtziger Jahre gerade mal noch 250.000 Beschäftigte.

Das klingt als gäbe ich in den nächsten Zeilen einen ausführlichen Geschichtsunterricht zur wirtschaftlichen Lage in Tschechien. Sicherlich auch ein spannendes Thema, aber wir wollen uns ja mit der Marke Direct Alpine beschäftigen.

Funktionalität & Qualität  – Ganz ohne Schnickschnack

Direct Alpine ist in erster Linie eine Marke, die hoch funktionale Outdoorkleidung für Bergsteiger herstellt. Die Bekleidung soll beim direkten Weg zum Gipfel, so das Motto, unterstützen und vor Wind und Wetter schützen. Mitgründer Radek Novácek ist nach wie vor Designer der Produkte und weiß „was es heißt, bei schlechtem Wetter zu wandern“. Das Sortiment für Männer und Frauen ist überschaubar. Jedes Teil wird daher ausführlich  im Labor und vom Direct Alpine Test Team, bestehend aus erfahrenen Bergsteigern, getestet. Dabei werden  unter anderem Atmungsaktivität, Wasserdichtigkeit, Windbeständigkeit und Abriebfestigkeit geprüft.

Die meisten Hosen und Jacken im Sortiment haben eine körperbetonte Passform. Die Marke setzt auf hochwertige, innovative Materialien, wie Cordura, Innenfutter aus atmungsaktivem Coolmax, Dermizax und Gelanots. Letzteres ist in der Branche noch sehr unbekannt und wird nur von wenigen Marken eingesetzt. Das Material wird beispielsweise für die Oberschutzjacke GUIDE von Direct Alpine verwendet. Es ist undurchlässig für Wasser in Tropfenform, allerdings durchlässig für Wasserdampf. Der Stoff besticht besonders in Sachen Atmungsaktivität.

Durch die hydrophile Struktur des Gelanots wird die entstehende Feuchtigkeit unter der Jacke angezogen und an die Außenseite geleitet. Je größer der Temperaturunterschied zwischen Innen- und Außenseite also ist, desto besser funktioniert dieser natürliche Prozess. Wenn es auf Ski-, Trekking- oder Klettertouren mal schweißtreibender wird, sollte die GUIDE ein guter Begleiter sein. Laut eigener Angabe der Marke, ist die GUIDE zu dem leichter als klassische Hardshelljacken. In unabhängigen Tests, wie vom Outdoor Magazin schneidet die Jacke sehr gut ab. Auch andere Produkte schneiden in den Tests gut bis sehr gut ab. So hat beispielsweise die FORAKER Wärmejacke, den Outdoor Editor´s Choice Award 2016 gewonnen.

Sowohl der Designprozess als auch die Produktion finden zu (fast) 100 Prozent in Tschechien statt. Dreizehn Werkstätten im ganzen Land arbeiten eng mit dem Design- und Entwicklungsteam zusammen. Die enge Zusammenarbeit und strenge Kontrolle kommt der Qualität der Produkte zugute.

Rund um punktet das „Made in Europe“-Label mit Transparenz und familiärer Unternehmenskultur. Gemäß dem Motto der Marke, wird auch beim Design auf unnötigen Schnickschnack verzichtet. Funktionalität, klare Linien, körperbetonte Passform und hochwertige Materialien stehen im Vordergrund, um nicht vom eigentlichen Ziel abzulenken: Den Berg zu besteigen.

Made in Europe – Aber wie steht´s um die Nachhaltigkeit?

Wer gerne in der Natur unterwegs ist, sollte natürlich auch respektvoll mit ihr umgehen. Und das beginnt nicht erst bei der Vesper auf dem Gipfel, wenn man die Müsliriegelverpackung wieder mit nach unten nimmt, sondern bereits beim Kauf der Ausrüstung. Vor allem durch Technologien, die Outdoorklamotten warm, wetterfest und wasserdicht machen, werden oft Chemikalien und Kunststoffe verwendet, die der Umwelt schaden. Allerdings ist die Outdoorbranche, womöglich gerade wegen der Liebe der Outdoor-Enthusiasten zur Natur, immer mehr dessen Auswirkung auf die Umwelt bewusst. Große Marken wie Vaude oder Patagonia machen Nachhaltigkeit zu einer der wichtigsten Prinzipien ihrer unternehmerischen Tätigkeit.

Auch Direct Alpine hat in Sachen Nachhaltigkeit einiges vorzuzeigen. Die Tatsache, dass die Marke in Europa beheimatet ist, hier produziert und auch die größten Abnehmer in Europa sitzen, erspart lange Transportwege und somit CO2-Emissionen. Einige Materialien sind bluesign® zertifiziert. Der unabhängige Gutachter verbessert und kontrolliert jede Phase der Produktion, um die Umweltbelastung der Textilindustrie zu verringern.

Seit 2016 wird bei der gesamten Kollektion auf die umweltschädliche Chemikalie PFOA verzichtet und für 2020 ist das Ziel alle PFC-Verbindungen um 60 % im Vergleich zur Kollektion W18 zu reduzieren. Auch setzt Direct Alpine immer mehr recycelte Materialien ein. So gab es zum 20-jährigen Jubiläum der Marke, die PATROL Bergsteigerhose, welche seit Firmenbeginn mit im Sortiment ist und mittlerweile als wahre Legende gilt, in der ECO Version. Das Material der PATROL ECO stammt aus einem Projekt zum Recycling alter Fischernetze und anderem Kunststoffabfall für die ökologische Produktion von Kleidung. In Sachen Langlebigkeit, Funktion und Komfort steht die „Ökoversion“ der traditionellen PATROL natürlich in nichts nach.

Abgesehen von einzelnen  Nachhaltigkeitsprojekten wie diesem, setzt Direct Alpine auch auf kleine Veränderungen, die Ressourcen sparen und die Umwelt schonen. So ist in Planung für die Kollektion W20 alle Etiketten aus recyceltem Material herzustellen, Kunststoffverpackungen um 20 % zu reduzieren und alle Baumwoll-T-Shirts aus Bio-Baumwolle herzustellen. Auch im Logistik- und Produktionsprozess will Direct Alpine bis zum nächsten Jahr die Reduzierung des Lufttransports von Materialien um 50 % reduzieren. 1 % des Sortiments wird aufgrund aufwendiger Verarbeitungsprozesse, für die in Tschechien die Infrastruktur (noch) fehlt, außerhalb der EU produziert. Dieser Anteil ist durch die Fair Wear Foundation und nach OECO-Tex 100 Standard zertifiziert.

Die Produktion innerhalb Europas spart nicht nur an CO2 Emissionen, sondern sorgt auch schon mal für Produktionsvoraussetzungen nach EU-Standards. Da die Produktion hauptsächlich in der Tschechischen Republik stattfindet, werden Arbeitsplätze geschaffen und die wirtschaftliche Lage der Textilproduktion wird verbessert und unterstützt.

Fazit

In Sachen Umweltschutz und Firmenethik geht es sicherlich immer noch ein Stück besser, fairer und ressourcenschonender. Allerdings gilt es nicht nur die absoluten Nachhaltigkeitsvorreiter für deren Aktionismus zu belohnen. Direct Alpine tut bereits einiges, um die Umwelt zu schonen. Die Marke befindet sich diesbezüglich ganz klar im soliden Mittelfeld, sie ist transparent und versteckt sich nicht hinter inhaltslosem „Green-Marketing“. Die Ziele sind klar definiert, dennoch scheint es den Gründern bewusst zu sein, dass sie (noch) kein Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit sind.

Das Wichtigste ist und bleibt allerdings, ob der Nutzer problemlos auf den Gipfel kommt, ohne dass Ausrüstung und Kleidung unnötig den Weg erschweren. Idealerweise sollte die Ausrüstung uns bei unserem Vorhaben vielmehr unter die Arme greifen. Beim Kauf von Direct Alpine Artikel können wir uns auf hochwertige Verarbeitung, und somit auf ein langes Leben der Produkte verlassen. Gerade für anspruchsvolle Touren in den Bergen eignen sich die Jacken und Hosen, durch die innovativen Membrantechnologien. Hier merkt man, dass die Produkte von anspruchsvollen Bergsteigern entwickelt wurden.

Auch wenn die Marke (noch) als Geheimtipp unter den Outdoor-Enthusiasten gilt, steigen der Bekanntheitsgrad und die Beliebtheit stetig. Das zeigen die sämtlichen positiven Tests und Berichte in der Welt der Outdoor-Blogs. Wenn Direct Alpine also das eigene Motto einhält, dann geht es mit mit der Marke wohl weiter direkt an die Spitze.

Das Nachhaltigkeitskonzept von Adidas

21. November 2019
Ausrüstung

Adidas wird dieses Jahr Siebzig und der Geburtstag ist eine rauschende Party. Die wirtschaftlichen Kennzahlen der allseits bekannten 3-Streifen-Marke sind so gut wie nie, Vorstand und Aktionäre haben Grund zum Feiern. Seine Funktion als bedeutender Wirtschafts-Player, der Kunden und Teilhaber überzeugt, erfüllt das Unternehmen damit glänzend. Doch kann und will Adidas auch eine ernst zu nehmende Rolle in Sachen Nachhaltigkeit einnehmen? Sind ambitionierte Nachhaltigkeitsziele vereinbar mit der Forderung nach Umsatzwachstum und Rendite?

Nun, wir alle wissen, dass diese Zielvorstellungen nach wie vor sehr schwer zusammengehen. Sagen wir mal so: einer umfassenden, ernsthaften Nachhaltigkeit liegen mit dieser Ausgangslage doch ein paar Schwierigkeiten im Weg.

Dennoch ist man bei Adidas durchaus willens und bereit, Hindernisse beiseite zu räumen, denn allein aus Imagegründen will und muss der fränkische Drei-Streifen-Konzern beim Thema Nachhaltigkeit aufholen.

Gerade erst wurde Adidas zum zwanzigsten Mal in Folge in die Dow Jones Sustainability Indizes (DJSI) aufgenommen. Die weltweit anerkannten Indizes untersuchen seit nunmehr 20 Jahren die Nachhaltigkeitsleistungen der größten 2.500 im Dow Jones Global Total Stock Market Index gelisteten Unternehmen. In die umfassende Bewertung fließen Faktoren wie Corporate Governance, Risikomanagement, Klimaschutzmaßnahmen, Arbeits- und Umweltstandards, sowohl im eigenen Unternehmen als auch bei Zulieferern sowie Innovations-Management ein. Adidas ist damit ein Mitglied der ersten Stunde dieses renommierten Indexes.

Wie immer in unseren Nachhaltigkeitsportraits werfen wir nun einen nach „Umwelt“ und „Soziales“ differenzierten Blick auf die Maßnahmen in der Eigendarstellung des Herstellers und vergleichen das Ganze dann mit dem Blick der Beobachter und Kritiker.

Umweltaspekte der Nachhaltigkeit

Schaut man in die „Nachhaltigkeitschronik“ von Adidas, sieht der Maßnahmenkatalog ziemlich umfangreich aus. Er ist auch durchaus nicht klein oder nur punktuell angesetzt, sondern zieht sich durch viele wichtige Bereiche der unternehmerischen Aktivität. Man stellt dort auch fest, dass Adidas so manche Maßnahme schon zu Zeiten ergriffen hat, als Nachhaltigkeit noch nicht das „Pflichtthema“ war, an dem niemand vorbeikommt. Es sind auch nicht nur schöne Worte, sondern durchaus handfeste und überprüfbare Maßnahmen und Erfolge zu finden, die ich hier beispielhaft herausgreife:

  • Im Jahr 2000 erklärte Adidas als erstes Unternehmen der Branche, auf die Verwendung von PVC in den wichtigsten Produktkategorien zu verzichten. Auch das Problem der flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs) bei der Herstellung von Schuhen wurde durch innovative Klebeverfahren und Klebstoffe auf Wasserbasis schon früh angegangen.
  • 2004 wird die Better Cotton Initiative (BCI) von Adidas mitbegründet. Ihr Ziel ist, negativen Auswirkungen wie hohem Pestizideinsatz und Wasserverbrauch beim herkömmlichen Baumwollanbau entgegenzuwirken.
  • Im selben Jahr schiebt Adidas den Prozess der Virtualisierung von Mustern an. Durch virtuelle Muster werden weniger physische Muster benötigt, was weniger Materialverbrauch, Transport- und Vertriebskosten bedeutet. Es werden so auch die CO₂ Emissionen reduziert, da weltweit weniger Muster per Luftfracht transportiert werden.
  • 2012 stellt Adidas die DryDye Technologie vor, die den Wasserbedarf im Färbeprozess eliminiert und den Chemikalienbedarf reduziert. Innerhalb eines Jahres produziert Adidas 1 Million Yards (1 Yard = 91,44 cm) DryDye Stoffe.
  • Im gleichen Jahr wird adizero Primeknit auf dem Markt eingeführt, ein Material aus einer Methode, bei der keine Abfälle entstehen
  • 2013 beginnt die „Low Waste“ Initiative. Mit dem aus umweltfreundlichen Materialien bestehenden Element Voyager wir ein Schuhmodell vorgestellt, das mit einer Zuschnittseffizienz von 95% hergestellt wird (lediglich 5% Materialabfall). Auch die Active Wear Linie mit T-Shirts, Tank-Tops, Tights, Röcken und Shorts weist eine Zuschnittseffizienz von 95% auf.
  • 2014 gibt Adidas die strategische Partnerschaft mit bluesign technologies bekannt. Zudem verpflichtet man sich, ab spätestens 31. Dezember 2017 bei 99% aller Produkte auf PFCs zu verzichten.
  • 2015 beginnt die Partnerschaft mit Parley for the Oceans mit Adidas als Gründungsmitglied. Der gemeinsame Fokus liegt auf Parleys weitreichendem ‚Ocean Plastic‘-Programm gegen die Verschmutzung der Weltmeere. Als erste Maßnahme beendet Adidas die Verwendung von Plastiktüten in den eigenen Einzelhandelsgeschäften.
  • 2016 legt Adidas seine Nachhaltigkeits-Roadmap für 2020 vor. Mit ihr setzt das Unternehmen  konkrete und messbare Nachhaltigkeitsziele bis zum Jahr 2020 fest.
  • 2017 kommt Adidas erfolgreich seiner Verpflichtung nach, zu 99 % auf die Nutzung von poly- und perfluorierten Chemikalien (PFCs) zu verzichten. Auch Greenpeace als großer Kritiker erkennt die Fortschritte in Sachen Schadstoffreduzierung an.
  • 2018 stellt Adidas mehr als 5 Millionen Paar Schuhe her, die recyceltes Ozeanplastik („Parley Ocean Plastic“) enthalten. Für 2019 ist geplant, 11 Millionen Paar Schuhe mit recyceltem Kunststoff zu produzieren.
  • 2019 wird 100 % der gesamten Baumwolle aus Quellen bezogen, die nach den Standards der Better Cotton Initiative anbauen.
  • Bis 2024 will man ausschließlich recycelten Polyester verarbeiten

Aktuelle Schwerpunkte: Recycling und Ressourceneinsparung

Als aktuell wichtiges Projekt gilt der komplett recyclingfähige Schuh Futurecraft Loop, der 2021 auf den Markt kommen soll. Er wird einschließlich bis zu den Schnürsenkeln nur aus einem einzigen Material bestehen, dem thermoplastischen Polyurethan TPU. Dieses Material lässt sich in der Verarbeitung durch leichtes Anschmelzen verbinden, sodass Kleber überflüssig werden.

Nach der Rückgabe soll der „Loop“ gereinigt, gehäckselt und zunächst unter Beimischung von neuem TPU wieder zum verkaufsfertigen Produkt werden. Wobei Adidas noch nicht entschieden hat, „welche verschiedenen Rücknahmesysteme wir anbieten können. Ist es im Shop, kann man die zurückschicken?“ Auch ein „Loop“-Abonnement gilt als denkbar.

Kritikern wie dem Deutschlandfunk und der Deutschen Umwelthilfe reichen diese Maßnahmen nicht. Man moniert, dass Adidas als global agierender Konzern längst ein weltweites Pfandsystem hätte aufbauen müssen. Allerdings hat auch keiner der anderen großen Sport-Hersteller derartiges zu bieten. Den Vergleich mit der direkten Konkurrenz und mit ähnlich großen Sportartikel- und Schuhproduzenten sollte man generell mit heranziehen, wenn man Adidas fair bewerten will. Denn innerhalb dieses Segments ist das fränkische Traditionsunternehmen nicht selten ein Nachhaltigkeits-Vorreiter. Andererseits stimmt natürlich auch, dass Versäumnisse Anderer keine Rechtfertigung für eigene Versäumnisse sein dürfen.

Ein weiterer aktueller Schwerpunkt ist die Gewinnung von Schuh-Obermaterial aus recycelten PET-Flaschen. Die entsprechende Zusammenarbeit mit der US-Partnerorganisation „Parley for the Oceans“ wird von Adidas intensiv beworben. Freiwillige sammeln dafür Plastikmüll an Ozeanstränden. Das Gesammelte geht laut Adidas-Produktmanager Matthias Amm zu einem Recycler: „Wir haben da verschiedene Zulieferer bei den Fabriken in Asien, die die Plastikflaschen nehmen, in Garn umwandeln und dieses Garn wird dann in unsere Fabriken genommen, wo wir dann eben die Schuhe herstellen.

Dass 2019 Elf Millionen Paar dieses Schuhtyps produziert werden sollen, zeigt laut Deutschlandfunk, dass „Recycling-Versprechen“ als Verkaufsargument „ziehen“. Warum sollte es nicht auch zeigen, dass Adidas hier eine Nachhaltigkeits-Maßnahme in großen Dimensionen plant? Vielleicht, weil man von Adidas ein komplett nachhaltiges Sortiment von jetzt auf gleich erwartet? Das wäre zwar in der Tat wünschenswert, doch für solche Sprünge müsste es nicht nur bei einzelnen Unternehmen, sondern in der ganzen Marktstruktur und im Wirtschafts- und Finanzsystem tief greifende Änderungen geben. Und zwar von heute auf morgen. Mehr zu den Kritikern und ihren Argumenten im übernächsten Abschnitt.

Soziale Nachhaltigkeit und Mitarbeiterführung

Hier kann man es gleich kurz vorwegnehmen: bei Adidas besteht Luft nach oben. Doch nur allzu oft wird die Firma als böser Bube herausgegriffen und einzeln angeprangert. Was wie schon erwähnt meist fehlt, ist die vergleichende Betrachtung der Schuh- und Sporthersteller – wie auch das Handelsblatt findet.

Schauen wir aber zunächst wieder auf die Habenseite in der unternehmenseigenen Chronik:

  • 1999 Beitritt zur Fair Labor Association (FLA) als Gründungsmitglied und „Beginn unseres formellen Dialogs mit Interessenvertretern (Stakeholder Engagement)“. Seit dem Adidas-Beitritt zur FLA werden die Zulieferbetriebe von externen Stellen geprüft. Das hauseigene Programm zur Überwachung der Zulieferer wird 2005 erstmals von der FLA akkreditiert.
  • 2007 veröffentlicht Adidas als Zeichen der Transparenz auf freiwilliger Basis eine Liste aller globalen Zulieferbetriebe.
  • 2017 erhält Adidas als erstes Unternehmen zum dritten Mal die Akkreditierung der Fair Labor Association für sein Überwachungsprogramm zur Einhaltung der Arbeitsplatzstandards in der Beschaffungskette.

Dies zeigt, Adidas setzt auf faire Arbeitsstandards in seiner globalen Lieferkette, überwacht diese sowohl selbst als auch durch unabhängige Organisationen.

Was sagen die Kritiker?

Die mediale Kritik überwiegt noch deutlich das Schulterklopfen. Bei Nachhaltigkeitsportalen wie Rankabrand oder Fairness-Check kommt Adidas nach wie vor nicht gut weg – wobei allerdings nach den dort angelegten Messlatten so gut wie kein Outdoorhersteller wirklich glänzen kann.

Besonders im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit werden – wie beispielhaft in diesem Artikel auf Fashionunited.de – die Schritte des Unternehmens zwar registriert, doch insgesamt als zu klein und zu kurz angesehen. So würden im Bereich Entlohnung und Arbeitsbedingungen zwar die lokalen gesetzlichen Bestimmungen meist einwandfrei eingehalten, doch da diese auf sehr niedrigen Niveaus angesetzt seien, könne von echter sozialer Nachhaltigkeit nicht die Rede sein.

Auch in Bezug auf die Umweltmaßnahmen wird mit Kritik nicht gespart. Dabei geriet zuletzt ein Detail in den Fokus, dessen Wichtigkeit man diskutieren kann: so kann bei Betrachtung des Werbevideos von Adidas und Parley der Eindruck entstehen, der Plastikmüll für den Recyclingschuh würde aus dem Meer gefischt, während er tatsächlich „nur“ von Stränden geräumt wurde.

Diesen Unterschied haben Adidas und Parley nach Meinung der Kritiker nicht deutlich genug kenntlich gemacht. Das Unternehmen wies die Vorwürfe hingegen zurück und machte deutlich, dass immer transparent war, dass der Abfall „an Stränden und in Küstenregionen“ eingesammelt wurde. Der Hintergrund der Diskussion: Würde man tatsächlich Plastik nehmen, das bereits im Meer schwamm, wäre dessen Aufbereitung technisch aufwändig und damit teuer. Die Materialien sind nämlich mit Naturstoffen wie Sand und Muscheln verwachsen und müssten für eine Weiterverarbeitung gesäubert werden.

Meine persönliche Meinung dazu: ganz sauber ist das in der Tat nicht, doch von „Greenwashing“ oder Betrug zu reden, wie vielfach geschehen, halte ich für übertrieben. Ich finde es eher überraschend, dass Medienvertreter und Verbraucher einen Werbeclip wie eine Reportage behandeln und überrascht sind, wenn dieser die tatsächlichen Abläufe nicht eins zu eins korrekt darstellt. Da hat wohl mancheR noch nicht ganz begriffen, dass Werbung die Wirklichkeit eben mit Make-up garniert.

Das entstandene „Imageproblem“ könnten Adidas und Parley jedenfalls recht einfach lösen, indem sie noch deutlicher als bislang kommunizieren, dass der Müll an Stränden und in Küstenregionen eingesammelt wird. Auch damit findet ja tatsächlich eine (imagewirksame) Wiederverwertung und Reduktion von Müll statt. Wie relevant es technisch gesehen für die Ökobilanz ist, wo genau sich der Plastikmüll befindet, kann dann immer noch durch die Experten dargestellt und kommuniziert werden. Wenn man jedenfalls davon ausgeht, dass der Strandmüll sowieso früher oder später ins Meer gelangt, sollte der Unterschied nicht allzu gewaltig sein. Oder?

Zwei wirklich dicke Probleme bleiben aber bestehen: Die (noch) zu kleinen Dimensionen der Lösungsansätze und die (nach wie vor) zu großen Dimensionen der parallel laufenden, nicht nachhaltigen Produktion. Allerdings kann man das nicht allein den Herstellern von Schuhen, Sportartikeln oder anderen Konsumgütern anlasten. Hier sind alle Beteiligten an der Konsumkette gefragt. Wenn Kunden, Sportler und Schuh-Nutzer wirklich etwas bewegen wollen, müssen sie auch ihren eigenen Einfluss geltend machen. Sie können auf das nachhaltigste Produkt zurückgreifen, die billige und schnell verschlissene Massenware meiden oder – wenn ihnen keines der Nachhaltigkeitskonzepte gefällt – ganz auf den Kauf verzichten. Es bringt jedenfalls nichts, kleine Lösungsschritte schlechtzureden, ohne bessere, größere Alternativlösungen anbieten zu können.

Fazit

Das Nachhaltigkeits-Gesamtergebnis von Adidas ist sicher noch nicht ganz vergleichbar mit den kleineren und spezialisierteren Outdoorlabels, die wir in dieser Artikelserie auch schon porträtiert haben. Man ist eine große AG und zielt auf große Massenmärkte ab. Deshalb arbeitet Adidas derzeit noch daran, wirklich seine komplette Produktpalette immer nachhaltiger auszurichten. Bis die breite Öffentlichkeit Adidas als nachhaltiges Unternehmen ernst nimmt, sind noch viele weitere Schritte zu gehen. Die allerdings hat man nach eigener Auskunft auch vor zu gehen, sodass ein neuerlicher Nachhaltigkeits-Check in einigen Jahren sicher interessante Verbesserungen zeigen wird.

Die Bergfreunde beim Snow and Alpine Awareness Camp by Skylotec

19. November 2019
Die Bergfreunde

Nach einer langen Anfahrt von Tübingen aus, heißt uns das deutlich kühlere Galtür in Tirol willkommen. Wir, das sind Adrian und Kay, zwei Bergfreunde aus dem Gearhead-Team, die auf Einladung von Skylotec an einem der zahlreichen SAAC Klettersteigcamps teilnehmen.

Wir geben schnell unser Gepäck im Hotel ab und machen uns auf den Weg zum Alpinarium, dem örtlichen Erlebnismuseum. Die Gipfel rundum sind das erste Mal seit dem letzten Winter mit Schnee bedeckt. Eine kühle Erinnerung daran, dass Väterchen Frost gar nicht mehr so weit entfernt ist. Im Alpinarium werden wir von der Camp-Leitung begrüßt und schon geht es los.

Die Theorie

Die SAAC-Klettertsteigcamps sind in einen Theorie- und in einen Praxisteil gegliedert. Am ersten Tag werden theoretische Grundlagen erläutert, am zweiten Tag findet die Praxis am Klettersteig selbst statt. Wir lernen erst einmal das Offensichtliche:

“Ein Klettersteig ist ein mit Eisenleitern, Eisenstiften, Klammern (als Trittstufen) und (Stahl-)Seilen gesicherter (versicherter) Kletterweg am natürlichen oder künstlichen Fels.“

Auch die historischen Entwicklungen werden beleuchtet und wie genau sich Klettersteigen vom Wandern und Klettern unterscheidet. Als eigentlicher Sport wurde Klettersteigen in den 1970er Jahren populär und heute finden sich im gesamten Alpenraum Routen in ganz vielen verschiedenen Facetten und Schwierigkeitsgraden. Zuvor wurden Klettersteige primär als Versorgungsrouten zwischen abgelegenen Bergdörfern genutzt – heute ist es ein beliebter Freizeitsport.

Wir lernen natürlich, welche Ausrüstung für den Klettersteig wichtig ist, welche unterschiedlichen Normen es gibt, welche Empfehlungen und Neuentwicklungen. Alles in allem nicht viel Neues für uns, aber es ist ja von Vorteil, sein Wissen hin und wieder aufzufrischen. 

Da Skylotec Partner der SAAC-Camps ist, dürfen wir uns ausführlich mit dem Rider 3.0 beschäftigen. Das Rider funktioniert ähnlich wie eine Prusikschlinge und wird um das Kabel gelegt. Es läuft frei nach vorne und blockiert nur, wenn die Belastung nach unten geht. Es ist etwas schwerer als ein normaler Klettersteigkarabiner, funktioniert aber etwas einfacher und ist sicherer, da es direkt am Stahlseil blockiert und nicht bis zum nächsten Anker durchrutscht.

Denn generell ist Klettersteig zwar ein sicherer Sport, trotzdem solltet ihr nicht fallen. Geschieht dies trotzdem, stoppt euch der Bandfalldämpfer, allerdings ist dieser Stopp nicht unbedingt angenehm und er funktioniert auch nur einmal. Ähnlich wie der Airbag im Auto.

Was man außer einem Klettersteig-Set und etwas Schwindelfreiheit also sonst noch so braucht: Nun, das ist in der Regel ein bunter Mix aus Kletter- und Wanderausrüstung: Helm, Klettergurt zum Befestigen des Klettersteigsets, Schlingen und Karabiner, passendes Schuhwerk, Handschuhe, Erste-Hilfe-Set, ein Smartphone und Outdoor-Bekleidung.

Auch die Planung spielt beim Begehen eines Klettersteigs eine entscheidende Rolle. Es sollte natürlich vor der Tour das Wetter gecheckt werden. Gerade bei Nässe können Stahltritte auch mal rutschig werden und die Stahlseile funktionieren im Zweifel prima als Blitzableiter. Man sollte stets wissen, wann und wo man aus einer Route aussteigen kann. Die meisten Klettersteige bieten diese Möglichkeit. Natürlich sollte man auch mal einen Blick auf die Topo werfen, um zumindest eine ungefähre Idee der Route zu bekommen. Außerdem ist es wichtig, den Steig an das eigene Können anzupassen und vielleicht nicht gleich mit der schwersten Tour zu beginnen. https://www.bergsteigen.com/touren/klettersteig/familienklettersteig-little-ballun/

Bevor es dann endlich losgeht, sollte ein letzter Ausrüstungscheck stattfinden. Sitzt der Hüftgurt? Ist das Klettersteigset richtig eingehängt? Passt alles, kann es losgehen. Während der Tour macht es Sinn, auch immer mal wieder inne zu halten und in sich reinzufühlen, ob alles in Ordnung ist und nach möglichen Gefahren Ausschau zu halten. Ein Klettersteig kann durchaus auch einmal beschädigt sein. Wie immer am Berg gilt auch hier: Vorsicht ist besser als Nachsicht

Tag Zwei – aus Theorie wird Praxis

Tja, da ist er – der Schnee. Und das Anfang September. Fürs Klettersteiggehen nicht optimal. Ganz und gar nicht. Daher geht es für uns heute leider nicht in die Berge. Glücklicherweise bietet das Alpinarium aber einen kurzen Übungsklettersteig mit vielfältigen Passagen, die zum Üben der zuvor erlernten Techniken perfekt sind. 

Also legen wir los: Ausrüstungscheck. Haben wir alles für die Route? Ist die Ausrüstung in Schuss? Und natürlich der Partner-Check. Sicher ist sicher. Dann nochmal: Sitzt alles richtig? Doppelt hält schließlich besser. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Wir gehen in zwei Gruppen à 4 Personen mit jeweils zwei SAAC-Bergführern, die stets ein Auge auf uns haben und extrem hilfreich sind und uns ständig gute Tipps geben, wie wir die nächste Station am besten angehen. Super!

Wie auch beim Klettern ist es wichtig, das Hindernis genau zu analysieren und zu schauen, wie man es am besten bewältigt, statt einfach mit roher Kraft heranzugehen. Mach Pause, wenn nötig, lass dabei ausreichend Platz für den Vordermann oder die Vorderfrau, falls er oder sie ein Stück zurück klettern muss und am allerwichtigsten: Hab Spaß!

Unterm Strich…

Man muss es so sagen: Klettersteiggehen ist nicht so sicher, wie man gemeinhin denkt. Es ist kein “Klettern-Light” sondern eine eigene Sportart mit eigenen Techniken, spezieller Ausrüstung und Routen. Deshalb sollte man definitiv nicht blind an den ersten Klettersteig herangehen, sondern im Vorfeld alle wichtigen Parameter im Blick haben. Vor allem sollte man sich eine Route aussuchen, der man gewachsen ist. 

Wer sich noch unsicher ist, dem können wir an dieser Stelle eines der SAAC-Camps von Skylotec empfehlen. Obwohl es für Kay und mich nicht der erste Klettersteig war, haben wir dennoch einige neue Impulse bekommen und es kann ja auch nicht Schaden, das Wissen mal wieder aufzufrischen und auf den neuesten Stand zu bringen.

Rückruf: Kletterhelm Mulaz von La Sportiva

14. November 2019
Rückruf Archiv

Der Kletterhelm Mulaz von La Sportiva wird zurückgerufen! Grund dafür ist, dass der Helm einen Penetrationstest nach Punkt 4.2.2 der Norm EN 12492 nicht bestanden hat, so dass seine Schutzfunktion nicht zu 100 % garantiert werden kann.

Was Du nun tun solltest, falls dieser Artikel in Deinem Besitz ist, erfährst Du hier…

Wie weiß ich, ob mein Helm betroffen ist?

Alle betroffenen Kunden wurden von uns bereits angeschrieben. Hast Du keine E-Mail erhalten? Schau in Deinem Spam-Ordner nach. Falls Du den Helm bei uns gekauft hast und keine Mail bekommen hast, dann hast Du den Helm vermutlich vor dem 01.08.2017 gekauft und Dein Helm ist NICHT von dem Rückruf betroffen. Im Zweifel kontaktiere uns unter recall@bergfreunde.de.

Hast du Deinen Helm nicht bei uns gekauft? Wende Dich bitte an den Händler, bei dem Du ihn gekauft hast.

Was muss ich tun, wenn ich einen betroffenen Helm besitze?

Schneide die Kinnriemen des Helmes ab:

Schicke uns ein Foto der abgeschnittenen Kinnriemen und der „Individual Number“ an die recall@bergfreunde.de und Du bekommst den Kaufpreis von uns erstattet. Du musst deinen Helm NICHT einschicken nur unbrauchbar machen.

Sollte bei Deinem Helm der Aufkleber mit der Nummer fehlen, ist das nicht weiter schlimm. In diesem Fall reicht auch das Bild der abgeschnittenen Kinnriemen.

Das Schlauchtuch: Würdigung und Kulturkritik

7. November 2019
Ausrüstung

Das Multifunktionsschlauchtuch, wie es in erbarmungslos präzisem Deutsch heißt, fällt nicht nur durch seinen für ausländische Zungen kaum zu bewältigenden Namen auf. Auch mit seiner oft bunten, nicht selten batikartigen Farbgestaltung zieht es Aufmerksamkeit auf sich. Es ist überhaupt kaum noch zu übersehen, da es landauf, landab, am Bergpfad oder in der Großstadt, immer beliebter wird. Ja, man kann von einem triumphalen Siegeszug des Schlauchtuchs sprechen.

Den Zungenbrecher kann man übrigens umgehen, indem man auf die geläufigere Bezeichnung Buff-Tuch zurückgreift. Analog zu Tempo und Papiertaschentuch dient hier die bekannteste Marke als Gattungsbegriff für das Produkt. Die Firma Buff war der erste Produzent, der das Vielseitigkeitstuch in großem Stil auf den Markt brachte. Sein Einsatzbereich ist nicht nur auf das Wandern beschränkt, sondern reicht vom Biken übers Motorradfahren bis zum ganz normalen Alltag. Natürlich ist es längst auch in High-Tech Materialien erhältlich, atmungsaktiv, feuchtigkeitsregulierend, mit UV Schutz, antibakteriell ausgerüstet, usw.

Ein Erkennungszeichen, das die „echten“ Buff-Tücher von vielen, teils sehr billigen und als Werbegeschenk verteilten Kopien abhebt, ist ihr nahtloses Design. Hinzu kommen natürlich Mindeststandards an Qualität, die verhindern, dass Marken-Schlauchtücher nach kurzem Gebrauch schon Löcher bekommen oder gar abfärben. Bei Werbegeschenken oder superbilligen No-Name-Produkten passiert derartiges immer wieder. In vernünftigen Qualitätsstufen sind die Tücher indes sehr haltbar, fusseln nicht und fransen nicht aus.

Laut Läufer-Blog liegt der Ursprung des Multifunktionstuch im Jahr 1992. Seitdem sei seine Beliebtheit steil gestiegen und es habe sich „von einer funktionalen Sportkopfbekleidung zum Mode-Accessoire gemausert“.

Wegen der Beliebtheit als Werbegeschenk und als Beigabe in Starterpaketen bei Trailrunning- und Bike-Contests ist die Verbreitung der Schlauchtücher fast schon zur Omnipräsenz geworden. Manche Outdoorer besitzen zig Exemplare und sehen die Stoffröhre als eine Art „Schweizer Taschenmesser der Outdoorbekleidung“. In der Tat, sie kann als Stirnband und Mütze, als Hals- und Piratentuch verwendet werden. Und noch einiges mehr, wie folgendes Video zeigt, in dem die ansehnlichen Buff-Models in nur zwei Minuten sage und schreibe zehn verschiedene Arten zeigen, das Tuch als Kopfbedeckung zu tragen:

Da das Schlauchtuch immer wieder auch als modisches und ästhetisches Accessoire getragen und bewertet wird, will ich es hier ebenfalls nicht nur nach Funktionalität beleuchten. Denn über Geschmack lässt sich bekanntlich vortrefflich schreiben. Also bitte nicht wundern, wenn die folgende kleine „Kulturkritik des Schlauchtuchs“ womöglich hier und da leicht persönlich gefärbt ist :-)

Als Kopfbedeckung?

Zunächst oute ich mich selbst als Schlauchtuchinhaber. Ja, ich habe selber so ein Ding und finde es auch verdammt praktisch. Allerdings nur für den Kopf und speziell für den Meinigen. Denn der ist irgendwie überdimensioniert, sodass mir von all diesen Normalokäppis mit Schirmchen keine so richtig passt. Abgesehen davon, das ich diese steifen Dinger auch bei richtiger Größe unbequem finde und der Ansicht bin, dass sie ihre Träger irgendwie dümmer aussehen lassen. Bei Sonnenhüten mit Rundum-Krempe ist das ganz ähnlich. Gerade die mit Schlaufe zum Festziehen, die so lustig das Gesicht einrahmt, kann ich nicht tragen, weil ich damit aussehe wie meine eigene Oma.

Doch auch rein praktisch finde ich das Schlauchtuch als Sonnenschutz mindestens gleich gut. Man kann es weit über die Stirn herunterziehen und bei Hitze zusätzlich noch befeuchten. Versuch das mal mit einem breitkrempigen Sonnenhut. Auch bei Wind mache ich mit Schlauchtuch eine bessere Figur: Während Omas Hut wie wild herumflattert und jeden Moment wegzufliegen droht, bleibt das Buff völlig gelassen. Auch in Sachen Zustand der Frisur nach dem Abnehmen der Kopfbedeckung erzielt das Tuch einen klaren Punktvorteil gegenüber Hut und Käppi: während man nach einer Tour mit letzteren auf dem Kopf aussieht wie nach 12 Stunden im Bett gewälzt, muss man nach Abnehmen des Buffs nur die Haare kurz so schütteln wie in der 3-Wetter-Taft-Werbung, und schon ist wieder alles in Position.

Jaja, ich weiß, Eitelkeit sollte keine solche Rolle spielen, doch wer ist schon völlig frei davon? Und wenn wir die gleiche Funktionalität einmal mit doofem und einmal mit coolem Aussehen haben können, ist die Wahlmöglichkeit doch super, oder? Mein Fazit lautet hier jedenfalls: als Kopfbedeckung bei Hitze und Wind ist das Schlauchtuch tipptopp, sowohl für lockeren Freizeitsport als auch bei „ernsthaften“ Berg- und Outdooraktionen.

Für den Winter und den kalten Berg?

Es hat aber auch seine Grenzen mit der Schlauchtuchherrlichkeit. Manche betrachten das Schlauchtuch ja auch als Ersatz für Schal und Mütze. Doch bei einem Tuch ist der Stoff eher dünn und elastisch. Das genau ist ja auch der Vorteil in Sachen Bequemlichkeit, Leichtigkeit und Vielseitigkeit. Es bringt jedoch eine bestenfalls eingeschränkte Wintertauglichkeit mit sich. Es gibt natürlich auch dickere, meist mit Fleece gepolsterte Schlauchtücher, die auch für Temperaturen unter null taugen. Doch da leuchtet mir nicht ganz ein, was nach Abzug von Leichtigkeit und Flexibilität deren Vorteil gegenüber einer stinknormalen Mütze sein soll. Ach so, ja, die Verwendbarkeit als Schal. Hm, mag sein, doch da habe ich eine ganz eigene Theorie.

Als Halstuch und Schal?

Dazu gleich eine Vorwarnung: meine leichte Voreingenommenheit gegen Schals und Halstücher kann ich wohl nicht ganz verbergen. Ich rechtfertige sie damit, dass ich schon bei deren Anblick immer das Gefühl einer zugedrückten Luftröhre bekomme. Mir reicht vollkommen, wenn Pulli oder Jacke oben am Hals kurz unterhalb des Kinns sauber abschließen, am besten mit einem Kordelzug verstellbar. Das funktioniert meist prima und ich wüsste nicht, wozu ich dann noch einen Schal bräuchte. Bei Radlern und Motorradfans kann ich die Liebe zum Halstuch nachvollziehen, weil man da nach vorn gebeugt im Luftzug sitzt. (Auch wenn es mir selbst beim Radeln mit gut schließender Oberbekleidung noch nie wirklich am Hals gezogen hat.)

Meine Vorbehalte ästhetisch-geschmacklicher Natur liegen wohl daran, dass irgendwas in meiner Kindheit schiefgelaufen ist. Damals, in grauer Vorzeit, kam es mir so vor, als würden Schals ausschließlich im Winter getragen und farbenfrohe Halstücher seien, ebenso wie außersaisonal getragene Schals, ein Accessoire, dass ausschließlich an Frauen ab etwa Anfang 30 zu bewundern ist. Deren Schals oder Tücher waren oft pastellfarben und kamen nicht selten in Kombination mit runden, kleinen, aber dick geränderten Brillen zum Einsatz. Männer mit bunter Halsbekrausung? Höchstens an Theatern und in Literatursalons. Vielleicht noch an soziologischen Fakultäten. Also überall da, wo der progressive Mann damals schon takt- und rücksichtsvoll war, offen mit seinen Gefühlen umging und die Autopolitur durch vegane Hautcreme ersetzt hatte.

Da das inzwischen der Modell- und Vorbildmann ist, avancierte auch der bunt verpackte Männerhals zum Symbol des kulturellen Fortschritts. Besonders erfreulich ist da die Entdeckung, dass farbenfrohe Halsverhüllung gut mit Hipsterbart und Dutt harmoniert. Und sich das Ensemble durch eine runde, kleine, aber dick geränderte Brille perfekt vervollständigen lässt …

Okay, das war zu viel kulturkritische Häme, ich bitte um Entschuldigung, wenn ich jemandem auf den Schlips respektive das Halstuch getreten sein sollte. Ich kann eben wirklich nichts dafür, dass der Anblick kraus umtuchter Hälse mir immer diese irritierenden, ja vielleicht sogar mikrotraumatisierenden Assoziationen zu diesen Vögeln auslöst, die zum Drohen oder Balzen irgendwelches seltsame Gekropfe aufrichten.

Um aber zu einem versöhnlichen Abschluss zu kommen, jetzt nochmal ein positiver Blick auf die famose Vielseitigkeit des Alleskönner-Tuchs:

Weitere Verwendungen: praktische Vielfalt

Das Multifunktionsschlauchtuch kann nicht nur Kopf und Hals auf vielerlei Weise schützen und dekorieren, sondern hat eine Reihe weiterer Einsatzmöglichkeiten und Funktionen. Einige Beispiele:

– Es verhindert hässliche Flecken auf dem Brustbereich des Oberteils und ist bei Mahlzeiten jederzeit als Sabberlatz und Serviette griffbereit.

– Übers Gesicht gezogen lässt es dank feinem Gewebes die Außenwelt durchschimmern und ersetzt somit bei Banküberfällen den zwickenden Damenstrumpf oder die zu warme Balaklava.

– Wenn nach einer Peinlichkeit mal wieder (Fremd)Schämen angesagt ist, wird das Multifunktionstuch ruckzuck über das Gesicht gezogen und ermöglicht unerkanntes Entkommen aus der Situation.

– Weitere Verwendungen in Stichworten: Lappen, Handtuch, Schweißtuch, Kurzzeit-Notdichtung für lecke Rohre, improvisierte Einkaufstasche (Einkaufsschlauch), Spielzeug-Knäuel für Haustiere, Lampenschirmüberzug, Schlafmaske, …

Kurz, mindestens ein Schlauchtuch, Bufftuch und Multifunktionstuch gehört in jeden ordentlichen Haushalt ;-)

Van-Ausbau – An was man denken sollte und was ich gerne vorher gewusst hätte

Tipps und Tricks

Von absolut spärlich bis luxuriös, die Ausbauten eines Vans, in meinem Fall eines Caddys, sind so vielseitig wie auch ihre Benutzer. Und genau diese Vielseitigkeit ist es, was die Camper daran reizt. Hier gibt es nichts von der Stange und all seine Vorstellungen und Wünsche kann man in die Tat umsetzen. So muss man sich mit nichts arrangieren und bekommt die perfekte Einrichtung für sein Auto. So weit der Plan, doch Wunsch und Realität sind meistens zwei Paar Schuhe. Das musste auch ich feststellen, als ich mit der Planung für den Ausbau meines Caddys angefangen habe.

Aber von vorne. Dass ich irgendwann ein größeres Auto fahren wollte, stand irgendwie schon immer fest. Denn ich habe gerne immer alles dabei. Von Fahrrad bis Kletterzeug, Skiausrüstung“ und Schlafsack sollte alles Platz haben. Man weiß ja schließlich nie, was der Tag so bringt. Im Hinterkopf hatte ich ebenfalls, dass ich gerne die Möglichkeit hätte, in meinem Auto zu schlafen. Und das nicht zusammengekauert auf der Rückbank, sondern in einem richtigen Bett.

Die richtige Autowahl – Kosten-Nutzen Analyse

Der Anfang dieses Projekts und eigentlich auch die wichtigste Komponente ist das passende Auto zu finden. Und das ist gar nicht so leicht. Hierbei sollte man genau durchdenken, was das Auto alles haben soll und für was man es benutzen möchte. Das Budget spielt natürlich auch eine Rolle. Klar, gibt es fertig ausgebaute Busse mit allem Schnickschnack, aber genau das wollen wir ja eben nicht. Wenn jemand viel verreist und den Camper quasi als zweites Zuhause sieht, der ist mit einem größeren Auto sicher gut beraten. Da ich aber nicht ständig beim Campen bin und auch ein unkompliziertes Auto für den Alltag gesucht habe, ist die Größe eines Caddys optimal. Der ist nicht ganz so teuer und reicht für meine Bedürfnisse. Um auch flink beim Einparken zu sein, wählte ich die Variante mit kurzem Radstand. Dass das später zu einer komplizierteren Planung führen sollte, wusste ich da noch nicht. Trotzdem hat sich die Größe des Autos bewährt, da es zum Einen ideal für den täglichen Gebrauch ist und zum Anderen auch super unauffällig beim Campen ist.

Achtung beim TÜV – Gewicht, Sicherheit und Co.

Von vorne herein muss klar sein, ob man das Auto zu einem dauerhaften Camping-Van umbauen möchte oder ob man den Ausbau flexibel gestalten will. Also bei Bedarf reinbauen und wenn man gerade nicht wegfährt und das Auto im Alltag nutzen möchte, wieder rausbauen. Denn wer sein Auto dauerhaft umbaut, muss sich mit den jeweiligen Vorschriften des TÜV vertraut machen. Da kommen dann Dinge wie maximale Zuladung, die nicht überschritten werden darf, oder die Sicherheit der Insassen auf den Heimwerker zu. Wer sich dafür entscheidet, ein dauerhaftes Bettgestell im Auto unterzubringen, muss sich vielleicht mit mehr Vorschriften rumschlagen, kann sich dafür aber auch eine komfortablere Variante gönnen. Da ich meinen Caddy auch ohne Ausbau noch nutzen wollte, mussten wir penibel auf das Gewicht des Gestells achten. Denn wenn man das Bett wieder rausheben möchte, spielen vier bis fünf Kilo dann doch eine große Rolle.

Die Länge spielt doch eine Rolle

Somit sind die Grundlagen geklärt. Leicht und flexibel soll es sein. Fein wäre es, wenn ich das Gestell auch noch umklappen könnte. Der Nachteil des Caddys mit kurzem Radstand ist nämlich die fehlende Länge. Da man ja doch mindestens 1,90 Meter Länge für ein bequemes Bett braucht, wird es recht eng. An sich kein Problem, man fährt einfach die Fahrersessel nach vorne, kurbelt die Lehne nach vorne und klappt sein Bett aus. Das bedarf aber einer augeklügelten Klapptechnik und einem exakten Ausmessen. Schon wird die Planung etwas komplizierter. Da wir die Rückbank als Stütze für das Bett im Auto lassen wollten, mussten wir darauf achten, dass sich das Bett so zusammenklappen lässt, dass es perfekt in den Kofferraum passt. So kann man nämlich auch die Rückbank noch ungehindert nutzen und transportiert das Bettgestell ganz unauffällig. Dank der Rückbank war es auch möglich viel Gewicht einzusparen, da die Stützen wegfielen. Dass das auf Kosten des Stauraums geht, war mir da auch noch nicht bewusst.

Wir wählten dünne Holzplatten als „Lattenrost“. Nutzt man den Camper sehr oft, dann kann man durchaus in einen Lattenrost investieren. Da wir nur sporadisch damit verreisen, sollte es auch eine leichte Multiplex-Platte tun. Bei allen Arbeitsschritten war ja immer das Gewicht im Hinterkopf. Das einzig Schwere am Gestell sind tatsächlich die Stützen im Kofferraum und die Verstärkung der Holzplatten, wo sie nicht auf der umgeklappten Rückbank aufliegen. Damit das Bett klappbar ist, teilten wir die Holzplatte in drei Teile, die mit recycelten Schrankscharnieren verbunden wurden. Problem war nun, dass die Platten jetzt zwar auf der Rückbank auflagen, aber noch darüber hinaus Richtung Fahrerhaus reichten. Dadurch wurde das ganze Bett schief und instabil. Ich hätte gerne vorher gewusst, dass die Platte doch soweit darüber hinaus geht, dass es zusätzliche Stützen zwischen Rückbank und den vorderen Sesseln braucht. Wir tüftelten eine herausnehmbare, dünne Holzbank zusammen, die den Raum überbrückt. Die Stabilität ist damit zwar wieder ideal, jedoch haben wir uns damit einen Teil des Stauraums verbaut und ein extra Teil, bei dem ich nicht weiß wohin, wenn das Bett zurückgeklappt ist.

Jungfernfahrt und erste Korrekturen

Der Bau des Bettgestell kostete alles in allem nur einen Tag und stürzte mich auch nicht in ein finanzielles Desaster. Wer wirklich nur ein paar Tage im Caddy schläft, muss da auch nicht so viel investieren. Da wir sonst im Zelt nächtigten, dachten wir, die Isomatten würden auch super in den Caddy passen. Falsch gedacht! Da meine Matte viel zu breit war, schob sich die andere Matte an der Seite hoch. Komfort geht definitiv anders und wie schaut das überhaupt aus? Ich bin ein Fan von klaren Linien und Ordnung. Das Durcheinander mit den Matten machte mich sofort wahnsinnig. Parken, Bett umklappen, Matte ausblasen, Schlafen, Matte kleinmachen, Bett umklappen, weiter fahren. Das war ziemlich viel Aufwand. Zwischenzeitlich stapelten wir die Matten, ohne sie auszulassen, was nur zu noch mehr Chaos führte. Fazit war, dass man mit zwei Isomatten im Caddy nicht glücklich wird. Wer dazu noch Probleme mit dem Rücken hat, der sollte in eine angepasste Matratze investieren. Seitdem ich diese Matratze habe, schläft man nicht nur besser, sondern hat auch mehr Ordnung, denn sie lässt sich wie das Bettgestell ebenfalls klappen. So fliegt nichts mehr unordentlich durch den Caddy und er sieht schön aufgeräumt aus.

Was klappert denn da?

Schon beim Einbauen hatte ich Angst, dass das Holzgestell den Innenraum des Kofferraums zerkratzen könnte. Durch die Bewegung beim Fahren aber auch beim Schlafen kann das Gestell etwas verrutschen. Damit nichts zu schaden kommt, verkleidete ich die Ecken mit Anti-Rutschstoff. Sicher gibt es hier professionellere Lösungen, jedoch wurden Kratzer bisher effektiv verhindert. Da wir anfangs auf Isomatten schliefen, überzog ich auch die komplette Liegefläche mit dem Stoff, damit die Matten nicht rutschen. Mit einer angepassten Matratze ist das aber nicht zwingend nötig. Allerdings schützt der Stoff auch das Holz und lässt das Gestell irgendwie schicker wirken. Damit der Kofferraum geschützt wird, griff ich auf einfache Teppiche zurück. Wenn man viel draußen unterwegs ist und auch mal nasse Ausrüstung hat, dann ist eine abwaschbare Kofferraumschale aus Plastik sicher die bessere Lösung.

Hast du meine Schuhe gesehen? Und wo ist eigentlich der Gaskocher?

Mein Tick mit der Ordnung zieht sich sicher durch die ganze Organisation des Caddys. Unser Bett ist auf Höhe der umgeklappten Rückbank und bietet damit nur bedingt Stauraum. Alles was wir dabei haben, müssen wir entweder unter dem Bett oder hinter den Fahrersesseln unterbringen. Wenn man gerade schläft, wird alles Übrige ins Fahrerhaus gestellt. Chaos vorprogrammiert! Beim Ausbau haben wir tatsächlich nicht bedacht, dass Kletterzeug, Klamotten, Essen und Kochausrüstung viel Platz braucht. Nur durch Glück habe ich eine Box gefunden, die exakt unter das Bett passt. Darin wird nun Essen und Kochzeug aufbewahrt. Viel Proviant bringt man da aber nicht unter, für zwei Tage reicht es trotzdem.

Damit wir den Stauraum vergrößern konnten, bauten wir den einzelnen Sessel der Rückbank kurzerhand aus. Damit das Bett nach wie vor stabil bleibt, wurde der Platz mit Ausrüstung aufgefüllt, die dann als Stütze diente. Wer die Rückbank als Stütze benutzen möchte, hat sicher einen tollen Komfort im Bett, denn man kann fast aufrecht darin sitzen. Jedoch geht viel an Stauraum darunter verloren. Da muss man sich eben überlegen was wichtiger ist. Und auch wie sich das Bett ohne Rückbank konstruieren lässt. Wer einen besonderen Wert auf Ordnung legt, baut Schubläden. Zwar gehört das eher in die Kategorie dauerhafter Ausbau, bringt aber viele Vorteile mit sich. Nicht nur eine Kochstelle lässt sich darin verbauen, sondern der ganze Krimskrams wird ordentlich verstaut. Anbieter wie Reimo oder VanEssa bieten mittlerweile Ausbauten mit oder ohne Schubläden an, die man nicht fest in das Auto bauen muss. Das ist zwar dann nicht Marke Eigenbau, sicher aber eine Alternative, die man in Betracht ziehen kann.

Ein bisschen Romantik bitte

Roadtrip, Lagerfeuer, Sternenhimmel. Und dann gemütlich ins Auto verziehen und schlafen. Romantik pur! Doch vor allem auch eines: dunkel und kalt. Klar hat man Stirnlampen, aber wirklich praktisch sind die da nicht. Gleich am Anfang fiel die mangelnde Beleuchtung auf. Die integrierten Leuchten im Auto brennen ja nur, wenn man das Auto aufsperrt oder die Tür offen lässt. Und dann auch nicht ewig. Außerdem will man doch ein wenig Gemütlichkeit haben. Da im Auto weder Strom, Gas noch sonstiges vorhanden ist, wo man was anstecken könnte, mussten wir selbst was bauen. Was auch sonst? Im Zeitalter von Smartphones und Co. hat man seine Powerbank auf Campingtrips meistens dabei. Also bastelten wir eine LED-Leuchte mit USB-Anschluss. Dass die Leuchte in Herzform sein musste, hat natürlich keine praktischen Zwecke, nur romantische.

War da noch was? Ach ja, die Kälte! Da mein Auto ja kein geborener Camper ist, ist es dementsprechend auch nicht isoliert. Da es ein „normales“ Auto bleiben soll, wurde es auch nicht nachträglich isoliert. Also liegt man da so im Bett und denkt sich, dass es irgendwie verdammt schnell kalt wird. Und der Mond prallt einem auch ins Gesicht. Wer wie ich, durch solche Kleinigkeiten um den Schlaf gebracht wird, handelt schnell. Entweder man näht sich Vorhänge, oder man greift zu bewährten Thermomatten. Zwar sehen Vorhänge hübsch aus, aber ich möchte ja nichts dauerhaftes im Auto haben. Die Thermomatten hingegen lassen sich mit Saugnäpfen an den Fenstern befestigen, isolieren deutlich und dunkeln perfekt ab. Das einzig störende daran ist, dass man diese Matten nun auch irgendwo unterbringen muss.

Dauerbaustelle Camper-Caddy

Wer selbst einen Van ausgebaut hat, weiß, dass es irgendwie nie perfekt ist. Immer gibt es was auszubessern oder umzuorganisieren. Das hätte mir vorher klar sein können. Die erste Version des Ausbaus wird mit vielen kleinen Mängel daherkommen, die erst nach und nach deutlich werden. Wer noch vor diesem Projekt steht, sollte sich auf jeden Fall genug Zeit nehmen, um sich klar zu werden, was man möchte und wie oder ob das umzusetzen ist. Den perfekten Einklang aus Ordnung, Funktionalität und Komfort zu finden kann mitunter Jahre dauern. Jahre in denen man mit seinem Van von einem Abenteuer ins nächste fährt und immer mehr an Erfahrung gewinnt. Denn obwohl ein Auto nur ein Ding ist, wird es mit einem Umbau zu einer zweiten Heimat und zum Rückzugsort aus dem Alltag. Und das fängt bei der Planung schon an.

Solobegehung der Technoroute „Mosquito Circus“ (A3, 6c, 285 m), 8. – 9. August 2019 + Update Topo und Routeninfos

5. November 2019
Die Bergfreunde

Im Frühjahr 2019 hatte ich einen kleinen Crash beim Bergsteigen – einen Sturz ins Seil aufgrund eines Schneebrettabgangs. Nach mehrmonatiger Verletzungspause tastete ich mich im August wieder ans Klettern heran. Dieser Bericht handelt von meiner ersten größeren Tour.

Allein unterwegs

Der Wetterbericht verspricht zwei gute Tage, eingebettet in labiles Wetter. Wieder einmal mache ich mich auf den Weg ins Voralptal. Mein Ziel: eine Solobegehung der Technoroute „Mosquito Circus“. Für mich ist es gut, allein unterwegs zu sein. So kann ich viele Pausen machen und einfach abbrechen, wenn ich beim Klettern Probleme bekomme. Zunächst aber muss ich 35 kg Material, Wasser und Verpflegung über steiles, wegloses Gelände zum Einstieg wuchten.

Vor über 15 Jahren habe ich ein Solo-Sicherungssystem ausgetüftelt, um mich bei Alleingängen sichern zu können. Nach meiner Solobegehung des „Weg durch den Fisch“ im Sommer 2007 habe ich es aber praktisch nicht mehr angerührt. Jetzt habe ich es wieder angelegt und starte in die Wand – ganz vorsichtig natürlich, denn zum einen traue ich dem Sicherungssystem nicht mehr so recht und zum anderen weiß ich nicht, wie gut ein Sturz meinem beschädigten Knie bekommen würde.

Drei Seillängen muss ich heute schaffen. Die erste führt über eine große Platte, ist 45 m lang und mit 6c, A2+ bewertet. Die nächsten beiden sind etwas leichter und kürzer. Es ist schon dämmrig, als ich endlich alles Zeug am Biwakplatz habe. Im Licht der Stirnlampe sortiere ich meine Ausrüstung für den nächsten Tag und verkrieche mich dann müde im Schlafsack.

Zurück in der Vertikalen

Vor der vierten Seillänge hatte ich etwas Angst. Sie ist knapp 40 Meter lang, startet am großen Band, wo ich biwakiert habe, und folgt einer Rissspur in einer offenen Verschneidung. Zunächst kann man noch ein paar Cams legen, dann muss man sich hochnageln. Man braucht dafür dünne Hartstahlhaken („Knifeblades“) und eine Handvoll „Beaks“ mittlerer Größe. „Beaks“ sind spezielle Haken für feine Risse. Ihre Spitze erinnert an einen Vogelschnabel, daher der Name. Der entscheidende Punkt ist aber, dass sie aufgrund ihrer Geometrie besser halten als normale Haken. Dummerweise hatte ich aber nur noch einen zu Hause. Die Horrorvorstellung ist, dass irgendwo ein Fixpunkt ausbricht und die immer größer werdende Wucht des Sturzes alle darunterliegenden Sicherungen aus der Wand reißt, bis ich schließlich auf dem Band aufschlage.

Ein unkalkulierbares Risiko? Ich denke nein – sofern es mir gelingt, mein Material so einzusetzen, dass ich immer wieder die richtige Antwort finde auf die kleinen Rätsel, die mir der Fels stellt. Es ist der entscheidende Teil des Spiels: erkennen, welche Sicherung sich wie und wo platzieren lässt, und dann, mit etwas handwerklichem Geschick, einen neuen Fixpunkt schaffen – und sich so einen weiteren Meter erarbeiten. Ganz unabhängig vom Risiko: Hat das noch viel mit Klettern zu tun? Ist es nicht ein Zeichen von Unvermögen oder zumindest Schwäche, sich mit einem derartigen Materialaufwand hochzuarbeiten? Mag sein. Aber ich bin schwach, ich bin verletzt, und doch hänge ich hier und bin glücklich.

Mosquito Circus – eine große Route

Die Sicherungstechnik beim seilgesicherten Soloklettern bringt den Vorteil mit sich, dass Seilreibung kein Thema ist. Es bietet sich deshalb an, längere Seillängen zu klettern und Stände auszulassen. Vor allem, wenn der Stand wie hier, zwischen der vierten und fünften Seillänge, etwas abseits der eigentlichen Kletterlinie liegt. Mit dem 60-m-Seil kann ich diese beiden Seillängen zusammenhängen. Allein der Vorstieg dieses Abschnitts kostet mich zweieinhalb Stunden. Jetzt muss ich wieder runter, den letzten Standplatz abbauen und bei Wiederaufstieg „cleanen“.

Irgendwann kommt die Sonne in die Wand. Ich bin erschöpft, werde immer langsamer und es fällt mir immer schwerer, mich zu konzentrieren. Aber irgendwie schaffe ich auch noch die letzte Länge. Fünf Stunden habe ich für die letzten 100 Meter der Route gebraucht. Am Ausstieg bringe ich noch ein Wandbuch an, in der Hoffnung, dass die Route ein paar Mal wiederholt werden wird. Wert ist sie es allemal: „Mosquito Circus“ ist viel mehr als eine Trainingsroute für große Wände. Man taucht schon hier voll ein in die Welt des Bigwallkletterns und erlebt die Ruhe und Einsamkeit der Berge auf eine besondere Art und Weise.

Mosquito Circus (A3, 6c, 285 m) – Routeninfos (Stand August 2019)

Erstbegangen und eingerichtet vom DAV NRW Alpinkader in neun Tagen im Sommer 2017 und 2018

Routenbeschreibung

  1. SL 45 m 6c und A2 bzw. 7a+ (linke Variante) oder 6c und A2+ (rechte Variante): Erst Freikletterei in großer Platte, dann entweder nach links zur Schuppe (einfacher) oder rechtshaltend mit 2 x Bathook zum feinen Riss (bessere Linie).
  2. SL 20 m A1 und 4: Nach rechts auf Rampe und weiter rechtshaltend zu Stand auf Podest.
  3. SL 40 m A2 und 4+: Linkshaltend bis zu großem Band (A2), dort nach rechts queren (4+).
  4. SL 40 m A3: Erst Verschneidung (viele Beaks und Knifeblades!), dann Rechtsquerung an Cam-Schuppe zum Stand. Am Ende der SL den Bogen über links klettern, nicht direkt zum Stand, wegen loser Riesenschuppe!
  5. SL 25 m A3 und 4: Links haltend in überhängende Platte mit 8-mm-Bolt und fixiertem Beak. Zuletzt einfach zum Stand.
  6. SL 45 m A2+ und 5b „Great-Roof-Pitch“: Feiner Riss in der rechten Wand – luftig. Am Ende Runout zum „Zweiten großen Band“.
  7. SL 10 m „Zweites großes Band“: Querung nach links. Stand an Cams.
  8. SL 60 m A2+ und 4+ „Chockstone-Crack“: Geschwungener Offwith-Riss. Die Klemmsteine sind locker – Umgehung rechts über Platte. Danach Pendelquergang an Bolt zu heikler Schuppe und weiter im Kamin.
  9. SL 40 m 5b und A1/2 „Nose“: Bis zum Baum heikel. Danach breiter Riss, Dachquerung nach rechts und kurze Ausstiegsverschneidung. Wandbuch am letzten Stand.

Abstieg/Abseilen

Abstieg entweder über den Gipfel des Mittleren Höhenberges (20-30 min vom Ausstieg der Route) und Salbithütte oder besser durch Abseilen:

  • SL 9 und SL 8 seilt man direkt ab (35 m, 55 m)
  • SL 7 zurückqueren zum 6. Stand („Zweites großes Band“)
  • 16 m zu Abseilstand mit Fixseil an der Dachkante des „Great Roof“
  • 20 m abseilen und sich zum Stand unterm Dach ziehen
  • 42 m zum „Ersten großen Band“
  • 20 m direkt runter zu Podest
  • 50 m zu kleinem Absatz
  • 20 m zum Wandfuß

Absicherung und Material

Die Stände sind gebohrt (jeweils zwei 10er-Bolts), abgesehen vom Cam-Stand am „Zweiten großen Band“. Außerdem stecken vereinzelt gebohrte Zwischenhaken und Schlaghaken. Inklusive Standhaken sind es im Schnitt drei Bohrhaken pro Länge. Davon wurde knapp die Hälfte während der Erstbegehung gesetzt, der Rest nachgebohrt, mit dem Gedanken, einzelne Stellen zu entschärfen und den Materialaufwand für Wiederholer in einem angemessenen Rahmen zu halten. Mit dem aufgeführten Material lässt sich

die Route weitestgehend gut absichern.

  • 60-m-Seile
  • 1 x Cam BD C3 #00
  • 2 x Cam BD C3 #0
  • 3 x Cam BD C4/X4 #0.2–0.5 (besser Aliens)
  • 2 x Cam BD C4 #0.75–4
  • 1 x Cam BD C4 #5
  • Rock 3–7 (besser Offset-Keile)
  • kleines Set Micro-Offset-Keile
  • 7 Beaks (1 x groß, 3 x mittel, 3 x klein)
  • 8 Knifeblades, verschiedene Längen und Dicken
  • 2–3 LAs, eher dünn
  • 2–3 Angles, eher dünn
  • 1 x Talon (für rechte Variante der 1. SL 2 x Talon)
  • 1 x Grappling Hook o. Ä.
  • Drahtbürste und Fugenkratzer empfehlenswert
  • Mückenspray
  • für den Zustieg feste Schuhe und dünne Lederhandschuhe

Tipps und Taktik

Am besten klettert man die Route in zwei Tagen (Tal bis Tal) mit Biwak am „Ersten großen Band“ und fixiert noch am ersten Tag die nächste(n) Seillänge(n). Ein Biwak ist aber auch am „Zweiten großen Band“ möglich. Den 3. Satz Cams #0.2–0.5 sowie die Cams #4–5 kann man bis zur „Great-Roof-Pitch“ im Haulbag lassen.

Zustieg und Einstieg

Von der Voralpkurve (1402 m, Parkplatz und Bushaltestelle) dem Weg zur Voralphütte folgen. Nach 20 min Gatter, kurz darauf Doppelkehre. 13 m nach der zweiten Kehre weglos rechts hoch in schwache Waldschneise (ca. 1565 m). Den Steinmännern folgen bis kurz vor den Einstieg der Route Traumschiff. Weiter zum Einstieg von Muja Hedder. Nun tendenziell rechts halten, an der Wand entlang (Wegspuren, vereinzelt kurze Fixseile). Nicht links im großen Couloir gehen (Steinschlaggefahr). Mit Bigwall-Gepäck insgesamt ca. 1,5 h. Einstieg auf ca. 1820 m bei kleinem Vorbau der markanten großen Platte (einzelner Bohrhaken).

Steinexkurs XXL – von interessantem Grundwissen bis zum heimischen Kletterfelsen

31. Oktober 2019
Tipps und Tricks

Wir sammeln sie und bewundern sie, halten uns daran fest und klettern an ihnen hoch. Sogar manches Klettererherz scheint daraus zu bestehen. Gemeint sind Steine, Felsen von denen man als Kletterer aber auch Bergsteiger ständig umgeben ist. Man nimmt sie fast schon als selbstverständlich hin, als dass man sich noch sonderlich Gedanken darüber macht. Doch Mutter Natur hatte und hat immer noch eine Menge Arbeit damit, dass die Felsen heute so sind wie sie eben sind.

Und ist es da mal nicht an der Zeit, den ewigen Begleiter des Kletterers, den Felsen, etwas genauer unter die Lupe zu nehmen?  Denn wer weiß, auf welche Art von Stein man im jeweiligen Klettergebiet trifft, kann sich besser auf die Kletterei einstellen und gegebenenfalls spezielles Sicherungsmaterial mitbringen.

Ausflug in die geologische Geschichte

Dass wir heute überhaupt an Felsen klettern können, verdanken wir inneren und äußeren Dynamiken der Erde über eine lange Zeit hinweg. Die Erde ist nicht nur an der Oberfläche aktiv, sondern auch in ihrem Keller rührt sich einiges. Die unterschiedlich dicke Erdkruste schwimmt quasi als Haut auf dem äußeren Erdmantel, der aus Magma besteht.

Die Erdkruste wird in Platten unterteilt, die sich durch Konvektionsströme bewegen. Das führt dazu, dass an der einen Stelle Land versinkt und an der anderen Stelle wieder etwas neues entsteht (Entstehung der Alpen). An der Oberfläche, also wo wir leben, spielen Dynamiken wie Wetter, Wind und auch wir selbst eine Rolle. Durch diese äußeren Einflüsse werden über Jahrtausende ganze Gebirgsketten zerlegt und Sedimente ins Tal transportiert.

Eine Faustregel, die man sich merken kann, ist, je alpiner die Region ist, desto stärker ist die Erosion und je weicher das Ausgangsgestein ist, desto schneller wird es abgetragen.

Definition Gestein

Laut geologischer Definition ist ein Gestein ein natürlich vorkommendes Aggregat aus Mineralien (zum Beispiel Calzit bei Kalk), dessen Bruchstücke und Resten von Organismen. Teilweise beinhalten Gesteine auch nicht mineralische Substanzen. Daraus bilden sich die drei großen Hauptgruppen heraus, in die man Gesteine einteilt.

Sedimentgesteine

Aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet Sediment Bodensatz, also Ablagerung. So sind also Sedimentgesteine durch die Verdichtung und Verfestigung von Gesteinsablagerungen entstanden. Wenn mehrere Schichten aufeinander liegen, wird der Druck erhöht, so dass Luft und Wasser aus den Gesteinen gepresst wird. Dabei verzahnt sich das Gestein ineinander. Wenn dann mineralhaltiges Wasser (beispielsweise mit Calzit) durch die Sedimente fließt entsteht ein natürlicher Zement, der die Schichten verkittet.

So wird aus dem lockeren Sediment eine feste Masse. Dabei gibt es nochmal zwei kleine Untergruppen. Klastische Sedimente (wie Sandstein) bestehen nur aus Bruchstücken anderer Gesteine, während biogene Sedimente wie viele Kalkfelsen aus den Kalkschalen kleiner Meerestiere entstanden. Sedimentgesteine sind in Deutschland weit verbreitet aber auch der Gipfel des Mount Everest besteht aus diesem Gestein.

Magmatische Gesteine

Hier ist der Name Programm. Heißes Magma steigt auf und dringt in umgebene Gesteinsschichten ein oder verdrängt diese. Entweder das Magma erstarrt noch innerhalb der Erdkruste, was man dann als Tiefengestein bezeichnet oder es erstarrt durch vulkanische Aktivität erst an der Oberfläche, was dann als Vulkanit bezeichnet wird.

Der Vorgang ist eng mit endo- und exogenen Vorgängen verbunden. Sie sind die ursprünglichsten Gesteine der Erde. Nicht nur entlang der Anden mit ihren aktiven Vulkanen sind solche Gesteine anzutreffen, auch in Mitteleuropa gibt es davon eine Vielzahl. Besonders bekannt ist hierbei Granit, der nicht nur in den Alpen tolle Wände darstellt.

Metamorphe Gesteine

Dabei können magmatische sowie Sedimentgesteine Ausgangspunkt sein. Diese werden dann unter hohem Druck und Temperatur in der Erdkruste umgewandelt und neu geformt. Somit ist diese Gesteinsart nur eine Neubildung von bereits vorhandenen Formationen, was allgemeine als Metamorphose bezeichnet wird. Dafür typisch ist die feine Schichtung oder Schieferung, die oft senkrecht zur ursprünglichen Schieferung verläuft. Als klettertauglich gilt hier der Gneis.

Ausgestattet mit diesem Grundwissen spaziert man nun zum nächsten Kletterfelsen und nimmt ihn unter die Lupe. Die Vielfalt der geologischen Prozesse ist genauso groß wie die Vielfalt der Gesteine, die uns umgeben. Jedoch gibt es einige, die sich als besonders kletterbar herausgestellt haben und teilweise auch fast vor der Haustüre stehen.

Die verschiedenen Felsarten

Sandstein – der mit der guten Reibung (Sediment)

Boulderer, die schon mal in Fontainebleau waren, erinnern sich sicher an den besonderen Felsen. Ebenso trifft man ihn in der sächsischen Schweiz und in der Pfalz. Sandstein besteht aus Ablagerungen von Quarzsand, der sich unter Druck zu Schichten verfestigt hat. Durch jahrzehntelange Erosion wurden die Steine wieder freigelegt. Die Zusammensetzung des Sandsteins hängt von seinem Ablagerungsort als auch vom Herkunftsort des Gesteins ab.

Durch den Transport in Flüssen weist Sandstein meistens eine Schrägschichtung auf. Er lockt mit guter Reibung und ungewöhnlichen Formen, wie Waben und Slopern, jedoch sollte man ihn nie bei Nässe oder mit dreckigen Schuhen klettern. Durch tonisches Bindemittel ist Sandstein besonders weich und zerbricht bei äußeren Einflüssen relativ schnell. Das erklärt auch die strengen Kletterregeln in Fontainebleau und dem Elbsandstein. Auch im Bezug auf Chalk und Sicherungsmaterial sollte man sich an die örtlichen Regeln halten, um den Felsen zu bewahren.

Konglomerat – der mit den coolen Formen (Sediment)

Unauffällig geht anders. Konglomerat fällt sofort ins Auge. Mit seinen großen Steinen schreit er förmlich danach beklettert zu werden. Man trifft ihn in der Eifel aber auch in Riglos (Spanien). Rund geschliffenen Steine wurden von Flüssen und Gletscherabflüssen zusammengetragen und riesige Ablagerungen entstanden. Diese wurden von weiteren Schichten überdeckt und über Jahrhunderte zusammengepresst.

Unter Druck und mit Hilfe chemischer Bindemittel entstand diese Formation. Dank Erosion ist der Fels heute kletterbar. Das Klettern erweist sich dort meist als sehr anstrengend, da Sloper und große Kiesel als Griffe dienen und kaum Reibung herrscht. Konglomerat wird zudem durch die glatte Oberfläche der eingeschlossenen Steine schnell speckig.

Dolomit und Kalk – die aus dem Meer (Sediment)

In unseren Breiten ist Kalk und Dolomit die häufigste Gesteinsart. In den südlichen Kalkalpen, im nördlichen Frankenjura und in den Dolomiten sind sie zu finden, aber auch in Frankreich und im Donautal. Beide bestehen aus marinen Ablagerungen. Während beim Dolomit Magnesiumcarbonat eingelagert wurde, besteht Kalk aus kristallinem Calzit.

Durch Erosion sind beide Gesteine stark strukturiert und bilden die unterschiedlichsten Griffformen, wie Löcher, Henkel und Leisten. Dolomit neigt zu einer größeren löchrigen Verwitterung und ist daher noch besser zum Klettern geeignet als Kalk. Die Kletterei ist hier vorwiegend fingerlastig und vor allem an Sintern kräftig und athletisch. Als Sicherungspunkte werden häufig die entstandenen Sanduhren verwendet.

Tuff – der für Sportkletterer (magmatisch)

Teneriffa und Gran Canaria beherbergen im Vergleich zu unseren Breiten mehr Tuffgestein. Noch bekannter unter Kletterern sind allerdings die Smith Rocks in Oregon, die die Klettergeschichte prägten. Charakteristisch für Tuff ist raues Gestein mit vielen kleinen und größeren Löchern, die sich perfekt als Tritte und Griffe eignen. Entstanden ist dieses Gestein durch vulkanische Aktivität. Vulkane spucken nicht nur Lava aus, sondern auch Gase, die die Lava in feinstes Material zerstäubt. Neben feinen Aschen können auch kleinere Gesteinsbruchstücke und größere glasige Brocken abgelagert werden.  Aus den verdichteten vulkanischen Aschen entsteht schlussendlich Tuff, der sich bestens für Sportkletterer eignet.

Basalt – der König der Säulen (magmatisch)

Basaltgestein trifft man hauptsächlich in Ettringen und in der Rhön, weltberühmt ist auch der Devil’s Tower in Wyoming. Sie ist die häufigste magmatische Gesteinsform der Welt und Unterlagerung aller Meeresböden. Durch schnelle Abkühlung an der Oberfläche fällt Basalt Feinkristallin aus und ist relativ dunkel gefärbt. Charakteristisch sind die meist hexagonalen, senkrechten Pfeilen, zwischen denen sich Risse bilden. Auch Verschneidungen sind typisch für Basalt. Einziges Manko ist, dass man die Rissstrukturen nicht optimal absichern kann, da sie meist geschlossen sind.

Granit – der aus der alpinen Welt (magmatisch)

Fährt man in den Schwarzwald, ins Harz oder ins Fichtelgebirge hat man Granit unter den Fingern. Er bildet auch die eindrucksvollsten Berggruppen der Alpen wie den Mont Blanc oder das Bergell-Massiv. Granit ist ein in der Tiefe erstarrtes Magma, dass angehoben und durch Erosion freigelegt wurde. Charakteristisch sind die mit dem bloßen Auge erkennbaren Kristalle aus Quarz, Felsspat und Glimmer. Diese sorgen auch für die sehr raue Oberfläche. Es winken zahlreiche massive Risse zum Klettern, die sich, anders als bei Basalt, bestens mobil absichern lassen.

Gneis – der Bruder vom Granit (metamorph)

Sobald man auf Granit trifft ist auch Gneis nicht weit. Im Ötztal, Zillertal aber auch im Tessin und im bayrischen Wald trifft man vermehrt auf den Bruder des Granits. Gneis ist ein metamorphes Gestein, das sich aus Granit oder auch Sandstein bilden kann. Durch hohen Druck verformte sich das Ausgangsgestein zu Gneis, der Bänderungen mit hellen und dunklen Lagen aufweist, weil sich bei der Metamorphose die hellen von den dunklen Bestandteilen trennen. Die starke Bänderung sorgt mit der Erosion dafür, dass sich viel mehr positive Griffe und Tritte bilden als beim Granit. Das geht aber auf Kosten der Reibung. Risse sind im Gneis zwar vorhanden, aber weniger ausgeprägt als im Granit. So gestaltet sich das Klettern und auch das Absichern hier als anspruchsvoller.

Quarzit – der Bruder vom Sandstein (metamorph)

In unseren Breiten ist Quarzit eher selten, dafür findet man ihn aber im Durance-Tal bei Briancon. Ähnlich wie beim Gneis geht der Quarzit aus einer Metamorphose hervor. Er entstand durch die Umwandlung von sehr quarzreichem Sandstein und ist ein helles und vor allem hartes Gestein. Zudem weist Quarzit keine Schieferung auf, ist aber im Gegensatz zum Sandstein viel stabiler und weniger anfällig für Erosion durch Kletterer. Oft wird aber auch Sandstein mit Quarzit verwechselt. Wenn dessen Poren mit Kieselsäure gefüllt und verhärtet sind, sehen sie sich zum Verwechseln ähnlich.

Dass der Steinexkurs nur einen kleinen Teil der unterschiedlichen Gesteine auf dieser Welt umfasst, versteht sich von selbst. Und was man nun mit dem gesammelten Wissen anfängt, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Aber ist es nicht irgendwie cool, wenn man nicht nur die Wand hochläuft, sondern auch ein wenig Background- Informationen hat? Spätestens bei der Entscheidung wo der nächste Klettertrip hingehen soll und welches Material mit muss, ist es durchaus hilfreich zu wissen, ob man nun die gemütlichen Schlappen mitnehmen soll oder doch die aggressiven Latschen mit Downturn. Eines ist sicher, zu viel gewusst hat man wohl noch nie!

Ein Alpinist heult nicht – mein (Normal-) Weg auf die große Zinne 2999m, 3+

29. Oktober 2019
Die Bergfreunde

Kennt ihr das? Man steht auf dem Gipfel und heult wie ein Schlosshund. Nein? Ich normalerweise auch nicht. Klar, man ist angetan von der schönen Aussicht, oder froh, dass die Schinderei nun zu Ende ist, aber gleich heulen ist im Normalfall nicht drin. Nun diesen Herbst sollte es soweit sein, mein erster verheulter Gipfel! Wie es dazu kam erfahrt ihr gleich…

Vom Mythos verzaubert

Schon bevor ich überhaupt mit dem Klettern in Kontakt kam, faszinierten mich bekannte Berge und Wände. Ich war durchaus angetan von Bergen um die ein gewisser Mythos rankt. Jeden Bericht, jeden Film über solch bekannte Gipfel habe ich förmlich aufgesaugt. Es muss schon ein besonderes Gefühl sein, dort oben zu stehen, dachte ich mir.

Da die Dolomiten fast vor meiner Haustüre liegen, sind die drei Zinnen in den Sextener Dolomiten natürlich permanent im Fokus. Irgendwie kommt man als Kletterer da nicht dran vorbei. Als ich dann vor zwei Jahren dort eine Rundwanderung unternommen habe und zum ersten Mal dieses Meisterwerk der Natur live gesehen habe, war klar, dass ich da mal rauf möchte. Und dann natürlich gleich auf die Größte, was auch sonst!

Leichter gesagt als getan. Natürlich wusste ich, dass ich mit Alpinklettern so gut wie keine Erfahrung hatte und auch sonst nicht auf mörderisch lange Bergtouren gehe. Aber träumen darf man ja. Das Ziel auf einer der Zinnen zu stehen rückte ziemlich in den Hintergrund, was mir aber erstmal nichts ausmachte. Sportklettern und Bergsteigen machten in der Zwischenzeit viel Spaß und ich habe beständig trainiert, auch Berglaufen ist dieses Jahr dazugekommen. Doch ich wusste eigentlich gar nicht so recht für was ich denn trainiere. Der Spaß stand zwar im Vordergrund, aber mit einem Ziel vor Augen trainiert es sich schon um einiges effektiver.

Spontanität und Selbstzweifel

Als mein Freund dann spontan darauf kam, jetzt im Herbst mal die Zinne anzugehen, da ich das ja mal erwähnt hatte, war ich komplett überrumpelt. Bei mir stellten sich sofort eine Menge Selbstzweifel ein. Bin ich wirklich fit genug? Halte ich solange durch? Was ist wenn ich wieder mal Schiss in der Wand bekomme, wie es beim Sportklettern schon öfter passiert ist?

Eine Blockade an diesem Berg kann man sich nicht erlauben, so viel stand fest. Ich war schon kurz davor zu kneifen, aus Angst zu versagen. Gut, dass die Idee so spontan war, dass ich nicht viel Zeit zum Nachdenken hatte. Also buchten wir uns ein Zimmer am Misurinasee. Der Abend zuvor war für mich alles andere als entspannt. Wir gönnten uns zwar Pizza und Tiramisu (für die Stärkung), da man die mächtige Südwand aber sogar vom Restaurant aus sehen konnte, kehrte keine Ruhe in meinem Kopf ein. Mir graute vor dem nächsten Tag. Mir graute vor der Anstrengung und vor allem vor der Ungewissheit. „Ein feiner Alpinist bist du!“, dachte ich mir.

Fast eine Stunde vor dem Weckerklingeln konnte ich schon nicht mehr schlafen. Und das ist selten bei mir. Ich musste mich beim Frühstück dazu zwingen eine Scheibe Brot zu essen, denn die Südwand saß mir wortwörtlich im Nacken. Ich wollte einfach so schnell wie möglich los. Am Wanderparkplatz angekommen wussten wir, dass das Wetter perfekt werden sollte.

Die Täler lagen noch leicht im Dunst, doch Wolken waren nicht in Sicht. Wir waren nicht die ersten am Einstieg, eine Seilschaft mit Bergführer war schon vor uns da. Als ich den Einstieg vor mir hatte, hatte ich ein mulmiges Gefühl und war verdammt aufgeregt. Wie werde ich mich fühlen? Bleibt meine Leistung stabil? Und bin ich schnell genug? Denn wir haben uns einen festen Zeitplan überlegt.

Wenn wir nach zwei Stunden nicht eine gewisse Stelle passiert haben, kehren wir um, ohne Diskussion. Denn dann würden wir den restlichen Auf- und Abstieg nicht vor der Dunkelheit schaffen. Das erzeugte zusätzlichen Druck. In den ersten Seillängen konnte ich ein gutes Gespür für den Felsen entwickeln. Tatsächlich hatte ich vorher noch nie Dolomit in den Fingern. Meine Nervosität legte sich und mein Kopf wurde endlich ruhig. Die leichten Stellen und das Gehgelände legten wir am laufenden Seil zurück, während ich die Schlüsselstellen nachsteigen konnte. Denn ein glatter Kamin im 3. Schwierigkeitsgrad mit klobigen Bergschuhen kann schon mal ungemütlich werden.

Wer schneller klettert, hat mehr vom Gipfel

Dass wir gut in der Zeit lagen und uns nur einmal kurz verkletterten, erleichterte mich zusätzlich. Mein Traum schien nicht mehr ganz so weit entfernt. Mit fortschreitender Stunde wurde auch der Andrang in der Wand größer. Bergführer begleiteten ihre Kunden nach oben, andere seilten sich schon wieder ab. An der letzten Schlüsselstelle habe ich schon langsam gemerkt, dass meine Kräfte schwinden.

Noch nicht kritisch, aber man wird einfach langsamer. Der Bergführer hinter mir bemerkte das auch und schob mich kurzerhand von hinten über den Block. In diesem Moment war ich zwar froh über etwas Hilfe, im Nachhinein hätte ich die Stelle aber gerne selbst geklettert, ich hätte einfach nur drei Minuten länger gebraucht. Ich war so aufs Klettern fokussiert, dass mein Freund sagen musste: „Schau, da ist schon das Kreuz!“ Der Energieschub, den ich mit diesem Satz bekommen habe, beflügelte mich. Als wär ich vorher nicht schon 3 Stunden geklettert, flog ich förmlich zum Gipfel.

Und dann brachen alle Dämme. Mein Traum ist in Erfüllung gegangen! Dieser Moment und das Gefühl, das ich dort oben hatte ist schwer in Worte zu fassen. Es reichte von Erleichterung, über pures Glück, zu Dankbarkeit und Traurigkeit. Ich war traurig, dass dieser Moment, von dem ich so lange geträumt habe, nun vorbei ist. „Ein feiner Alpinist bist du!“, dachte ich mir wieder. Ob Alpinisten heulen, fragte ich mich an diesem Tag auch. Okay, vielleicht hat mich auch die Höhe etwas unzurechnungsfähig gemacht. Aber spürt man auf 3000 Metern überhaupt sowas? Auch egal, ich war einfach unendlich glücklich und lebte in diesem Moment für nichts anderes mehr, als diesen Gipfel.

Da wir so gut in der Zeit lagen, konnten wir uns eine halbe Stunde Gipfelpause gönnen. Dass der Abstieg nochmal mindestens genauso anstrengend war, nahm ich gar nicht mehr wahr. Auch die vielen Leute habe ich völlig ausgeblendet. Ich war so überwältigt von diesem Erlebnis, dass ich die ganze Welt hätte umarmen können.

Bin ich nun Alpinist oder nicht?

Manch einer mag sich sicher denken, das hat ja nichts mit Alpinismus zu tun. Ja und nein. Sicher, die große alpine Einsamkeit, die unberührte Natur und das pure Abenteuer findet man hier vielleicht nicht. Wenn ein Gipfel so bekannt und beliebt ist, dann ist eben mehr los. Trotzdem ist es eine ernst zu nehmende alpine Klettertour, bei der einiges schief gehen kann.

Und für mich als Sportkletterer, der öfter in der Halle turnt, als am Fels, war es das pure Abenteuer. Und genau dieses Gefühl, das ich am Gipfel erlebt habe, ist doch das, was vielleicht jeder Alpinist in seinem Herzen trägt. Das kann man auf der großen Zinne finden, am Everest oder einem namenlosen Grasberg. Eben auf dem Berg, in den man sich aus unerklärlichen Gründen verliebt hat.

Hard Facts

Anfahrt

Über Lienz oder Brixen nach Toblach, dann auf SS51 weiter nach Schluderbach. Von dort auf die SS48b bis zum Ortsbeginn nach Misurina. Dort gibt es viele Unterkünfte und ein paar gute Restaurants. Die Drei-Zinnen-Straße führt hoch bis zum Parkplatz am Rifugio Auronzo (mautpflichtig). Busse fahren regelmäßig von Misurina hoch zum Parkplatz.

Zustieg

Vom Parkplatz auf der Südseite dem breiten Wanderweg Richtung Rifugio Lavaredo folgen, bis ein deutlicher Steig durchs Geröll nach links führt. Dem folgt man bis man die Scharte zwischen großer und kleiner Zinne erreicht. Der Einstieg liegt fast am Ende der Scharte in einem schrägen Rampensystem. Einstiegshöhe liegt etwa auf 2580m.

Route

Über die Einstiegsrampe (UIAA 1) geht es in den Grund einer Kaminrinne (1) und dort hindurch. Wahlweise klettert man an der linken Wand (2+). Danach folgt ein pyramidenartiger Vorbau. Man verlässt die Scharte nach links ansteigend zu einer kleinen Plattform (2). Eine weitere Rinne (2) führt in die zweite Scharte. Man hält sich links an das leichte Gelände durch die breite Schlucht (1) in die dritte Scharte. Diese Scharte verlässt man leicht rechtshaltend über eine steile Wand (3). Dann folgt man den deutlichen Spuren und Steinmännchen bis zwei Gedenktafeln folgen. Eine der Rinnen wählen (maximal 2+), denn alle führen auf das Schuttband. Nach links queren bis zur Rinne, die nach oben in eine große Platte mündet. Man klettert neben der Rinne den Pfeiler (3-) hinauf. Nun folgt eine Schlüsselstelle, der glatte Kamin (3+). Er führt in eine weitere Scharte und die in eine steile Wand (3) bis zu einem Ring. Von dort steigt man ein Stück auf bis zu einem Band mit großem Block, das in einen Kessel führt (2). Den verlässt man auf das obere Ringband (Ausstieg aus der Nordwand). Man folgt dem Band nach links zu einem Steinmann und folgt den deutlichen Spuren. Eine letzte kaminartige Rinne (3-) folgt. An deren Ende hält man sich leicht rechts und quert den „bösen Block“ (3-). Gestuftes Gelände (1-) führt nun zum Gipfel auf 2999 Metern.

Zum Abseilen gibt es ein paar solide gebohrte und geklebte Haken, sodass man die Schlüsselstellen umgehen kann. Das leichte Gelände muss man abklettern.

Gehzeit

Für den Abstieg sollte man genauso viel Zeit wie für den Aufstieg einplanen. Wir haben uns die Gedenktafeln als 2 Stunden Marke festgelegt. Insgesamt sollte man etwa 7,5 Stunden einplanen. Die Wegfindung kann teilweise zu Schwierigkeiten und Zeitverlust führen, da das Gelände unübersichtlich und verwinkelt ist.

Ausrüstung

Kletterausrüstung, Helm, bequeme Schuhe!

Klemmkeile Grundsortiment

60 Meter Seil

Schwierigkeit

Schlüsselstelle 3+, einige glatte Stellen mit 3, viele 2er

Höhendifferenz

700 Höhenmeter, davon 200hm im Zustieg und 500hm Klettern

Beste Jahreszeit

Juni bis Ende September

Fun Fact

Früher war die große Zinne ein echter 3000er. Durch einen Blitzschlag wurde sie jedoch einen Kopf kürzer gemacht.

Die neun größten Outdoor Mythen

24. Oktober 2019
Tipps und Tricks

Outdoor Mythos Nummer 1

Karte und Kompass sind dank GPS und Smartphone überflüssig.

Am unzuverlässigsten erweist sich im Vergleich zwischen GPS Gerät, Kombination aus Kompass und Karte und Smartphone, das Smartphone. Fehlendes Datennetz, schlechte Verbindung zum Satelliten und sehr begrenzte Akku-Laufzeit – wer sich beim Wandern und Bergwandern auf sein mobiles Telefon verlässt, könnte früher oder später orientierungslos im Wald stehen.

Was im Großstadtdschungel oft sehr hilfreich ist und meist auch gut funktioniert, entpuppt sich im Gebirge, im Wald, in abgelegenen Regionen und schmalen Tälern oft als schlichtweg nutzlos. Etwas besser schlagen sich hier reine GPS Geräte. Empfang und Akkuleistung sind deutlich besser, aber auch hier gilt: wer sich nur auf den elektronischen Helfer verlässt, schaut vielleicht irgendwann ratlos auf einen dunklen Bildschirm. Zumindest als Ergänzung gehören daher bei jeder größeren Wanderung eine passende Wanderkarte und ein Kompass ins Gepäck. Den Umgang damit sollte man am besten vorher üben, bevor der Akku im GPS Gerät den Geist aufgegeben hat.

Outdoor Mythos Nummer 2

Dank meiner atmungsaktiven Regenjacke bleibe ich beim Wandern immer trocken.

Funktionelle Hardshelljacken sind nicht nur wasserdicht und windundurchlässig, sondern auch atmungsaktiv. Das unterscheidet die Regenjacken beispielsweise vom gummierten „Ölzeug“, das Fischer, Angler und Seefahrer bei rauer See meistens tragen. Die Atmungsaktivität der Outdoorjacken wird durch mikroporöse Membrane, wie zum Beispiel Gore-Tex und Co. ermöglicht.

Sie verfügen über winzige Öffnungen, die den Wasserdampf nach außen entweichen lassen, während selbst die kleinsten Wassertropfen noch immer viel zu groß sind, um nach innen zu gelangen. Zwei Faktoren begrenzen jedoch leider die Atmungsaktivität der Membrane. Zum ersten benötigen die Membrane ein gewisses Temperaturgefälle, um optimal zu funktionieren. Das bedeutet, bei tropischen Temperaturen funktioniert das „Dampf ablassen“ durch die Mikroporen nicht mehr, denn der Temperaturunterschied zwischen „in der Jacke“ und Außentemperatur ist zu niedrig.

Zum anderen können Wanderer bei anstrengenden Wanderungen deutlich mehr schwitzen, als die Regenjacke im besten Fall nach außen abgeben kann. Obwohl kein Regen von außen eindringt, feuchtet man so langsam von innen durch. Verhindern lässt sich das zwar nie komplett (außer man bewegt sich nicht), aber funktionelle Zwischenschichten, die den Schweiß gut weiterleiten und schnell trocknen, machen das Wandern mit Regenjacke trotzdem um einiges angenehmer.

Outdoor Mythos Nummer 3

Im Winter muss man nicht so viel trinken, denn man schwitzt ja auch weniger.

Bei anstrengenden Wanderungen, Bergwanderungen und Kletterpartien kommen Wanderer und Bergsportler auch im Winter ins Schwitzen. Die Menge an Flüssigkeit, die der Körper dabei verliert, ist zwar von Person zu Person verschieden und sie kann auch unter der Menge liegen, die man bei gleicher Aktivität an einem sehr heißen Sommertag verlieren würde. Allerdings erfolgt das Schwitzen im Winter eher unauffällig.

Während der Schweiß im Sommer vom Gesicht tropft, schwitzen Sportler im Winter vor allem unter der Bekleidung: unter der Jacke, unter der Mütze und in den Handschuhen. Gleichzeitig verliert der Körper durch die Atmung in der zumeist trockenen Winterluft besonders viel Flüssigkeit. Trotzdem sinkt im Winter bei vielen Menschen das subjektive Durstgefühl. Deshalb gilt es im Winter etwa die gleiche Menge zu trinken, wie bei wärmeren Temperaturen. Normalerweise sollten sich Bergsportler dabei nach ihrem individuellen Durst richten. Falls man jedoch dazu neigt im Winter eher keinen Durst zu verspüren, können beispielsweise entsprechende Apps dezent ans Trinken erinnern. Isolierende Flaschen oder isolierte Trinksysteme sind dabei ein Muss, denn sonst wird aus der Trinkflasche schnell ein großer Eiswürfel.

Outdoor Mythos Nummer 4

Ab 1000 Meter Höhe duzen sich alle Wanderer.

Was sich im englischsprachigen Raum und in internationalen Expeditionen aufgrund des fehlenden „Sie“ in der englischen Sprache automatisch ergibt, stellt Wanderer, und Bergwanderer im deutschsprachigen Raum immer wieder vor die Frage: Soll ich „Siezen“? Darf ich „Duzen“? Sollte ich vielleicht sogar „duzen“? In diesem Zusammenhang liest man manchmal vor der 1000 Meter Regel.

Sie besagt, dass alle Wanderer ab etwa 1000 Meter Höhe zum lockeren „Du“ übergehen. Grundsätzlich und allgemein gültig ist diese Regel allerdings nicht. Viele Orte in den Alpen liegen bereits auf einer Höhe über 1000 Meter und auch auf einer wesentlich höheren Berghütte ist es nicht unbedingt angebracht jeden Wanderer wahllos zu duzen.

Vielmehr ist die „Regel“ eine situationsabhängige Empfehlung. Wenn Wanderer sich auf einem schmalen Bergweg begegnen, freundlich grüßen und beispielsweise kurz über Wegbeschaffenheit oder Wetter unterhalten, dann kann ein lockeres „Du“ durchaus angebracht sein. Dafür spielt es aber keine Rolle, ob man sich auf 300 Meter oder 3000 Meter über dem Meeresspiegel befindet. (Ja, es gibt auch Wanderwege im Mittelgebirge, im Flachland und an den Küsten.)

Fakt ist aber, dass viele Wanderer sich in abgelegeneren Regionen (egal, ob durch Höhe oder durch andere Faktoren bedingt) eher grüßen, schneller ins Gespräch kommen und auch häufiger direkt zum „Du“ greifen. Da hilft es jedoch nur, die Situation passend einzuschätzen und nicht der Blick auf den Höhenmesser.

Outdoor Mythos Nummer 5

Ein Zwei-Personen-Zelt bietet genügend Platz für zwei Personen.

Wenn Zelthersteller ihre Empfehlungen für die Anzahl der Personen im Zelt aussprechen, gehen sie recht simpel vor: Sie nehmen ihren Zelt-Grundriss und ihren Mumienschlafsack in Standardlänge und Standardbreite. Dann wird getestet wie oft dieser standardisierte Schläfer auf den Zeltboden passt und heraus kommt die theoretische Personenzahl.

Dass es auch größere Menschen, breitere Camper, Menschen, die sich im Zelt etwas bewegen möchten und dass es dazu auch noch Gepäck gibt, berücksichtigt diese Vorgehensweise nur teilweise. Wenn das Zelt also für zwei Personen Platz bietet, dann passen schon auch zwei Personen rein. Im Regen übernachten, muss also keiner von den beiden.

Wirklich gut und komfortabel schlafen aber beide höchstwahrscheinlich nicht. Für Trekkingtouren und alle, die auf das Zeltgewicht achten müssen, ist es daher ratsam, das Zelt immer eine Nummer größer zu wählen. Für zwei Personen also lieber ein Drei-Personen-Zelt und für drei Personen eher ein Vier- oder sogar Fünf-Personen-Zelt. Da kann sich jeder Zeltbewohner auch noch bequem umdrehen und das Gepäck findet leichter seinen Platz. Wenn Zeltgewicht und Maße nicht so wichtig sind, wird ein mit zwei Personen besetztes 4-Personenzelt zum echten Raumwunder beim Camping.

Outdoor Mythos Nummer 6

Ein bequemes T-Shirt aus Baumwolle ist optimal für Wanderungen.

Zugegeben – man kann in einem T-Shirt aus Baumwolle sicher gut wandern. Es hat zwar keine Vorteile und sicher auch einige Nachteile – aber es geht schon. Nur gibt es wesentlich bessere Arten von Wanderbekleidung, die erfahrene Wanderer und Bergsportler unter dem Begriff „Funktionsbekleidung“ kennen.

Auch ein T-Shirt aus Baumwolle hat funktionelle Grundzüge: man muss nicht mit unbekleidetem Oberkörper wandern, ist etwas vor Scheuerstellen durch die Rucksackträger geschützt und wenn man das richtige T-Shirt ausgewählt hat, sieht man beim Wandern vielleicht sogar ganz cool aus. Wenn da nur nicht diese Nässe wäre.

Das Problem der Baumwolle ist nämlich, dass sie den Schweiß, der beim Wandern am Körper entsteht, wie ein Schwamm aufsaugt und am liebsten gar nicht mehr loswerden möchte. Das führt in der Regel zu einem klatschnassen Rücken, denn trotz aller Belüftungsversprechen der Rucksackhersteller wird es unter dem Wanderrucksack nun mal warm am Rücken.

Falls dann noch ein Regenschauer kommt oder das T-Shirt unter der Hardshelljacke getragen wird, ist es endgültig vorbei mit „trocken“ und „komfortabel“. Die clevere Alternative ist dagegen Kunstfaser, wie Polyester oder Polyamid. Oft mit etwas stretchfähigem Elasthan ergänzt, sorgen die Funktionsshirts für schnellen Feuchtigkeitsaustausch und sind in kürzester Zeit wieder komplett trocken.

Dabei sind Gewicht und Packmaß viel geringer, als bei Baumwolle. Einziges Manko der Funktionsshirts aus Kunstfaser ist, dass sie beim Wandern oft schnell zu müffeln anfangen. Dagegen helfen entweder spezielle geruchshemmende Fasern oder der Griff zu Wandershirts aus Merinowolle. Die trocknen zwar etwas langsamer, aber dafür tragen sie sich auch nach mehreren anstrengenden Wandertagen immer noch sehr komfortabel und frisch.

Outdoor Mythos Nummer 7

Die Temperaturangaben bei Schlafsäcken sind absolut präzise und allgemeingültig.

Daunenschlafsäcke und Kunstfaserschlafsäcke sind mit drei Temperaturangaben gekennzeichnet. Die Komfortzone, das Temperaturlimit und zusätzlich noch die Extremtemperatur. Als Komforttemperatur wird die Temperatur angesehen, bei der eine Frau im Schlafsack komfortabel und ohne zu frieren schläft. Die Limitangabe stellt im Grunde den gleichen Wert für Männer dar.

Die Extremtemperatur dient als Orientierung, bei welcher Temperatur man im Notfall noch ohne Erfrierungen die Nacht übersteht. Dazu kommen allerdings viele Faktoren, die nicht auf dem Schlafsack angegeben werden. Das individuelle Kälteempfinden, die Isomatte, das Zelt, der Lagerplatz

Im Allgemeinen frieren gut trainierte Sportler aufgrund ihrer höheren Muskelmasse weniger als normale Camper. Frauen frieren schneller als Männer. Ältere Menschen frieren eher als jüngere Menschen. Dünnere Camper produzieren weniger Wärme als dickere Schläfer. Hinzu kommen noch eine mehr oder weniger gute Passform der Schlafsäcke, die richtige Lagerung und Pflege, sowie die ideale Bekleidung zum Schlafen im Schlafsack.

Zwischen all diesen Kriterien befindet sich die individuell „echte“ Komforttemperatur. Zur Einordnung und zur Vergleichbarkeit eignen sich die Temperaturkennzeichnungen allerdings ziemlich gut. Im Zweifelsfall ist es auch immer einfacher einen wärmeren Schlafsack zu öffnen und zu belüften, als einen dünnen Schlafsack wärmer zu machen.

Outdoor Mythos Nummer 8

Im Notfall hilft mir mein Erste-Hilfe-Set.

Ein Erste-Hilfe-Set zum Wandern und Bergsteigen mitzuführen ist grundsätzlich schon mal gut. Allerdings hilft das Set auch nicht in jeder Situation, denn es enthält meist „nur“ eine Auswahl an Verbandsmaterial. Es ist leider davon auszugehen, dass viele Bergsportler den Inhalt ihres Erste-Hilfe-Sets zum ersten Mal sehen, wenn sich jemand verletzt hat.

Da bleibt nur zu hoffen, dass in diesem Fall nur ein Pflaster benötigt wird. Wer ein Erste-Hilfe-Set im Rucksack mit sich trägt, hat davon am meisten, wenn er sich auch das nötige Wissen aneignet, um das Maximum aus dem Set-Inhalt herauszuholen. Wie lege ich einen Verband an? Was mache ich bei einer Verbrennung? Einer Schnittwunde? Wie kann ich erste Hilfe leisten, wenn jemand gestürzt ist? Wer sich vor einer Tour mit solchen Fragen auseinandersetzt und im besten Fall vielleicht sogar einen Erste-Hilfe-Kurs auffrischt, hat die optimalen Voraussetzungen, um im Ernstfall mit dem Set auch Erste Hilfe leisten zu können.

Outdoor Mythos Nummer 9

Meine Banane verrottet in der Natur, deshalb kann ich sie beim Wandern einfach wegwerfen.

Im Vergleich zu einer Plastikflasche, die in den Bergen so schlappe 500 – 1000 Jahre zum Verrotten benötigt, zersetzt sich die achtlos weggeworfene Bananenschale tatsächlich schnell. „Nur“ 1 – 3 Jahre benötigt die Schale der tropischen Frucht dafür. Aber selbst, wenn sie nur 4 Wochen benötigen würde, wäre das noch lange kein Grund, sie einfach in den Bergen zu entsorgen.

Vielmehr gilt es einfach seinen kompletten Müll wieder mit nach Hause zu nehmen und dort zu entsorgen. Was sich im Fall der Plastikflasche zum Glück im Alpenraum sehr weit herumgesprochen hat, gilt bei Bananenschalen und Co. noch oft als akzeptabel. Das mag vielleicht daran liegen, dass viele Wanderer gar nicht wissen, dass es Jahre dauert, bis ihr Müll verrottet ist. Diesbezüglich darf man das Wissen seiner Mitwanderer auch gerne erweitern, denn viele Menschen, die sich dessen gar nicht bewusst waren, ändern danach ihre Gewohnheiten.

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