Urbanisierung im Bergsport

21. Juli 2020

In Sachen Kleidung und Mode ist „Urban Outdoor“ längst kein Trend mehr, sondern eine langjährig etablierte Sparte. Etwas anders sieht es beim tatsächlich ausgeübten „urbanen Bergsport“ aus. Dieses Phänomen macht sich erst seit wenigen Jahren bemerkbar, drängt dafür aber nun mit Macht in den Vordergrund. Neben Klettern und Bouldern in den immer zahlreicheren Hallen umfasst der urbane Bergsport alles, was findige Marketingwortschöpfer unter „Vertical Fitness“ zusammenfassen. Hierbei werden weitere Trendsportarten wie Crossfit und Parcours als Zusatzelemente in den Bergsport eingebaut – teils ganz konkret in Form von Zusatzanlagen in Kletter- und Boulderhallen.

Diese Entwicklung ist natürlich auch beim wichtigsten Bergsportverband, dem Deutschen Alpenverein angekommen. Der DAV ist laut eigener Aussage „offen für die Urbanisierung des Bergsports und fördert sie.

Urban, Bergsport, Outdoor: unscharfe Begriffe

Legt man jedoch die Wikipedia-Definition des Begriffs „Bergsport“ zugrunde, gibt es da eigentlich nichts zu fördern, denn eine „Urbanisierung des Bergsports“ kann es ihr zufolge nicht geben. Der Begriff Bergsport umfasst nämlich „mehrere, im Gebirge ausgeübte Sportarten.“ Und im Gebirge gibt es schließlich keine Städte und keine Urbanität. Naja, fast keine, Innsbruck oder Bozen liegen schon irgendwie im Gebirge. Aber nach dieser Lagedefinition wäre wiederum alles, was dort an Sport stattfindet, automatisch Bergsport. Also nicht nur die Turnerei an den bunten Synthetikgriffen der Kletterhalle, sondern auch die Kickerei auf dem Bolzplatz nebenan …

Bergsport und Urbanität: eine Abgrenzung der Begriffe ist keine Leichtigkeit.

Doch damit genug der nicht ganz ernst gemeinten Sprachspitzfindigkeiten. Sie sollten auch nur zeigen, dass weder der Bergsport noch die Urbanität begrifflich scharf abzugrenzen sind. Wir haben es hier mit Begriffen zu tun, aus denen man sich die Bedeutung fast schon nach Gusto rauspicken kann. Ich mache das mal beispielhaft:

Urbaner Bergsport umfasst Sportarten, die mit Bergen in Bezug stehen. Und, seien wir mal großzügig, mit Felsen und schönen Landschaften. Zum „urbanen Bergsport“ zählt damit alles, was dem Training und dem Erhalt der Berg-und-Fels-Fitness dient. Und von mir aus auch alles, bei dem man sehnsüchtig an die nächsten Bergeroberungen denkt.“

Und noch mehr Durcheinander: während sich „Bergsport“ normalerweise problemlos vom weiter gefassten Begriff „Outdoor“ (der auch Aktivitäten auf dem platten Land und dem Meer umfasst) abgrenzen lässt, verschmelzen in der urbanen Sphäre auch diese Beiden. Man kann im Grunde also den urbanen Bergsport so weit dehnen, dass noch die Yogasession im hippen Berliner Studio dazu zählt. Denn wenn sie der Beweglichkeit für diesen einen krassen Spreizmove in der geplanten Elbsandstein-Tradroute dient – warum nicht?

Urbane Bergsportarten

Mit dieser breiten Definition hat man eine Menge urbaner, alter und neuer, Trend und Nicht-Trend-Sportarten unter dem Label „urbaner Bergsport“ vereint. Man hat damit auch nicht nur einen Trend, sondern einen Megatrend, denn die Zahl der so definierten urbanen Bergsportler dürfte in die Millionen gehen. Man bemerkt das auch in den „echten Bergen“, denn der Zulauf wächst dort beständig. Immer mehr Menschen wollen ihre in der Stadt trainierten Kräfte und Fähigkeiten im Bergurlaub austesten und ausleben. Sie profitieren dabei von den immer vielfältigeren Sport- und  Trainingsmöglichkeiten. Welche das sind, schauen wir uns im Folgenden mal genauer an.

Kletterhallen

Indoor-Kletterhallen punkten durch eine schnelle Erreichbarkeit.

„Urbaner Bergsport“ Nummer 1 ist ohne Zweifel das Hallenklettern. Auch mit Eintrittspreisen von um die 10 Euro sind die meisten der etwa 500 deutschen Klettertempel (mit mehr als 100 Quadratmetern Kletterfläche) meist gut gefüllt. Zu den großen Hallen kommen noch unzählige kleinere Wände in Fitnesscentern, Schulen, Universitäten oder Reha-Einrichtungen hinzu. Selbst im Sommer und bei schönem Wetter sind viele Indoor-Kletteranlagen bemerkenswert gut besucht. Vor allem für junge Nachwuchsathleten ist das Klettern immer weniger an das Erlebnis von Natur und Draußen-sein gekoppelt.

Die schnelle Erreichbarkeit der Hallen und der vergleichsweise geringe Aufwand für ein intensives sportliches Erlebnis dürften wichtige Gründe für den Indoor-Kletterboom sein. Der Technik- und Wartungsaufwand der Hallenbetreiber ist hingegen recht groß, die Investitions- und Betriebskosten gehen schnell mal in die Millionen. Deshalb auch die nicht ganz günstigen Eintrittspreise. Im Fitnessstudio zahlt man allerdings ähnlich viel für Training an Maschinen, die zwar oft aufwändig sind, aber eher wenig Erlebniswert bieten.

Bouldern

Das Handelsblatt beschreibt das Bouldern in einem Artikel über den „umkämpften Boulderhallenmarkt“ als „ultimative Urbanisierung des Abenteuers“. Und das Magazin hat recht, denn einfacher und schneller als mit dem Klettern in Absprunghöhe lässt sich „Nervenkitzel, Freiheit, Muskelaufbau“ inklusive Vertikalfeeling nicht mehr in die Städte bringen. Die Nachfrage nach diesem Erlebnismix lässt die Zahl an Boulderhallen und innerstädtischen Boulderspots rasant wachsen. Sie dürfte in die Hunderte gehen – genaue Angaben sind schwierig, da die Vielfalt der Anlagen schwer zu erfassen und abzugrenzen ist.

Das Bouldern kann in vielen Städten auch „outdoor“ an Brücken, Mauern und Gebäuden betrieben werden. Diese Spielart hört dann auf den Namen „Buildering“. Allerdings ist „dank“ zunehmender Verbots- und Regulierungsdichte im öffentlichen Raum auch hier ein Trend weg von den kostenlosen und „natürlichen“ Strukturen hin zu künstlichen und kommerziellen Anlagen erkennbar. Immerhin sind Ausstattung und Infrastruktur in Letzteren oft vom Feinsten.

Slackline

Die zwischen Bäumen aufgespannten Gurtbänder mit fröhlich darauf balancierenden Menschen sind in Parks und an Uferpromenaden mittlerweile ein gewohnter Anblick. Hier werden Koordination und Gleichgewicht auf spielerische Weise geschult. Die große Mehrheit der Freizeitsportler übt den Seiltanz im Stadtpark und in Absprunghöhe. Selbstverständlich gibt es auch beim „Slacklinen“ immer mehr Spielarten und Extremformen. Die Königsdisziplin ist die „Highline“, bei der man auf dem Seil in einer Höhe balanciert, aus der ein Sturz zu schweren Verletzungen oder zum Tod führt.

Highliner sind meist gesichert

Moment, dabei ist man doch gesichert, oder? Ja, keine Sorge, die meisten Highliner tragen einen Gurt, der über eine Schlinge mit Karabiner die Verbindung zum Seil herstellt. Doch es gibt auch hier wie im Sportklettern die Spielart des „Free Solo“, bei der ohne Sicherung hunderte Meter über Schluchten und Abgründen „geslackt“ wird. Und all jene, denen das „normale Slacken“ nicht genug, das Free-Solo-Highlinen aber zu haarsträubend ist, können es ja mal mit „Slackdecken“ probieren: mit dem Longboard auf dem Seil herumrutschen …

Crossfit

„Das härteste Training der Welt“, liest und hört man im Zusammenhang mit Crossfit öfter. Und natürlich sind sich Crossfitter einig, dass ihr Training auch das Beste ist. So weit so normal, mit ähnlichen Superlativen lockt von Bodyweight über Calisthenics bis zu Freeletics quasi jedes trendige Workout. Triathleten wiederum, die für den Ultraman trainieren, werden allen widersprechen und klarstellen, dass ihr Training das Härteste und Beste der Welt ist.

Unbestreitbar ist, dass Crossfit viele Fitnessaspekte enthält, die auch Bergsportler gut gebrauchen können. Das Ganzkörpertraining bringt nämlich nicht nur Kondition und Kraft nach vorn, sondern auch Beweglichkeit, Koordination und Schnelligkeit.

Die Besonderheit an Crossfit ist die Bedeutung der Anwesenheit eines Trainers: „Um Verletzungen vorzubeugen, ist es wichtig, das Level dem Können des Athleten anzupassen und nicht an seinen Vorstellungen. Deswegen gibt es CrossFit nur mit einem geschulten Trainer an der Seite. Es liegt in seiner Verantwortung, die Trainingsintensität, die Schwere der Gewichte, die Wiederholungen und die Geschwindigkeit der Übungsausführung an die Fähigkeiten des Trainierenden anzupassen.

Yoga

Für das Bergsteiger-Magazin sind Yoga und Bergsteigen „die perfekte Kombination.“ So weit würde ich jetzt nicht gehen, denn auf engen Hütten und in steilen Wänden lassen sich Asanas eher nicht so gut einüben. Doch vor und nach dem Gang in die Berge hat man mit Yoga tatsächlich ein hervorragendes Hilfsmittel für vielseitige Entwicklung. Und dass man die Fitnesseffekte des Yoga für den Bergsport gebrauchen kann, daran besteht kein Zweifel. Natürlich sollte man sich unter den unzähligen Yogaarten die Passenden aussuchen. Vielleicht gibt es ja am Berg Situationen, in denen die liebende Hingabe des Bhakti Yoga gefragt ist, doch normalerweise sind eher kraftbetonte Wege wie Iyengar oder Ashtanga für den Bergsport interessant.

Die Berg-Bloggerin Stefanie Dehler ist tausendprozentig überzeugt von den positiven Yoga-Wirkungen. Für ihren sehr informativen Artikel hat sie eine populäre Yogalehrerin nach möglicher „Bergrelevanz“ des Fernost-Imports befragt. Deren Antwort:

Yoga schafft eine wundervolle Verbindung von Körper und Geist; schult Konzentration, Gleichgewicht und Koordination und sorgt gleichermaßen für Kraft und Beweglichkeit.

Alles Eigenschaften, die einem Bergsportler mit Sicherheit zu Gute kommen. Zudem bietet die Asanapraxis im Yoga ein großes Repertoire an Übungen zur Stärkung der Körpermitte und Schulter Rückenpartie. Ich hör den Berg schon rufen ;)

Man kann darüber streiten, ob die „Zweckentfremdung“ von Yoga unter Weglassung des spirituellen Aspekts überhaupt als Yoga bezeichnet werden kann. Doch selbst wenn es nur eine ausgefeilte Gymnastik mit wohlklingendem „Label“ sein sollte, verdient Yoga definitiv die Aufmerksamkeit der urbanen Bergfreunde.

Bikeparks

Das Bergauf und Bergab mit dem Fahrrad hätte man früher wohl zum Radsport gezählt und diesen sauber vom Bergsport getrennt. Seit aber immer steilere Pisten und ruppigere Wege mit immer geländegängigeren Bikes befahren werden, ist der Zweiradsport irgendwie beim Bergsport mit reingerutscht. Und ja, wenn man es anhand der Reviere betrachtet, die sich Bergwanderer und Mountainbiker oft (und nicht immer ganz freiwillig) teilen, dann ist Mountainbiken definitiv Bergsport.

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Steile Hänge und Downhills können aber auch kurz sein – vielen Bikern geht es vor allem um die Intensität der Abfahrt. Und sollte es mal an Steigungen und Gefälle mangeln, schaffen immer mehr Dirtparks mit ihren Hügeln und Hindernissen Abhilfe. Diese sorgen dafür, dass auf kleiner Fläche Sprünge geübt und Techniken verfeinert werden können. Viele der etwa 40 bei Googlemaps in Deutschland angezeigten Bikeparks befinden sich dort, wo den Bikern von der landschaftlichen Umgebung viele Möglichkeiten geboten werden. Allerdings sind diese oft mit langen Anfahrten und vielen Höhenmetern verbunden. Der Vorteil der Parkanlagen ist sicherlich die konzentrierte Vielfalt an teils neuartigen Möglichkeiten für Fahrerlebnis und Training. Dann wundert es nicht mehr, dass diese „Spielplätze“ gerade auch fortgeschrittene, routinierte und „verwöhnte“ Biker ansprechen.
Die Mountainbiker haben konzentrierten Spaß und können ihren Spielraum im Gebirge mächtig erweitern. Doch angesichts der aufwändigen und materialintensiven Umgestaltung von Landschaftsarealen kommt die Frage auf, in welchem Kosten-Nutzen-Verhältnis das Ganze steht. Und wie sieht es mit der Nachhaltigkeit aus?
Die letztgenannten Fragen stellen sich umso mehr, je größer und aufwändiger Freizeitanlagen werden. Beim urbanen Freizeitspaß mit Bergbezug sind wohl die Skihallen, von denen es in Deutschland derzeit sechs gibt, der Gipfel der fragwürdigen Entwicklungen.

Fazit

Ob man die Urbanisierung des Bergsports gut oder schlecht findet, spielt keine Rolle, denn aufzuhalten ist sie nicht. Die Nachfrage nach Sport, Bergerlebnis und Outdoorfeeling in der Stadt wird weiter steigen, denn nach wie vor zieht es mehr Menschen vom Land in die Städte als umgekehrt.

Laut Dr. Wolfgang Wabel, Geschäftsbereichsleiter Bergsport im DAV, ist der Bergsport „in den Städten angekommen.“ Der Verein führt deshalb mittlerweile auch die Mehrheit seiner Sektionsangebote „im urbanen Bereich“ durch. Seine Bemerkung „der Name Alpenverein passt eigentlich nicht mehr“ versieht er in seinem Vortrag „Bergsport hinterm Horizont“ mit einem Zwinkersmiley. Dabei ist das womöglich eine gar nicht so unzutreffende Feststellung. Denn wie gesagt, der DAV ist „offen für die Urbanisierung des Bergsports und fördert sie“. Und er „ist sich damit bewusst, dass neue gesellschaftliche Gruppen zum Bergsport und zum DAV kommen und den Verband damit verändern.“ Die Frage ist, wann diese Veränderung in Identitätsverlust übergeht und der Alpenverein zu einem austauschbaren Service- und Sportverband wird. Das Kernthema Berg und der im Namen verankerte Bezug zu den Alpen wäre jedenfalls erhaltenswert – ebenso wie die einstmals alleinigen Ziele, den „Erlebnisraum Berg“ zu erschließen und zugleich für ihn zu sensibilisieren. Das wäre natürlich einem anderen gesellschaftlichen Megatrend entgegengerichtet: dem ständigen Wachstum mit immer neuen einverleibten Themen und Kompetenzen. Der urbanisierte Bergsport wird sich jedenfalls mit oder ohne Breitband-Alpenverein gut entwickeln.

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