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Alt, unfit, ahnungslos? Dann auf zum Klettern!

19. Juni 2019

Sportart

Schaut man sich in der großstädtischen Kletterhalle um, dominiert schon irgendwie der Typus jung und gut gebaut. Doch es gibt immer auch genügend Leute jenseits aller Fitness-, Alters- oder Schönheitsnormen. Und das ist gut so, denn die Vorzüge und Freuden des Kletterns sollen ja allen zugänglich sein. Deshalb gilt: wenn man es will, dann kann und darf man auch mit Hüftumfängen jenseits der 100 Zentimeter und Alterszahlen jenseits der Fuffziger hier mitspielen!

Doch wie macht man das, wenn es sich quasi unmöglich anfühlt? Der folgende kleine Leitfaden trägt hoffentlich dazu bei, die Frage zu beantworten und den Einstieg in die ersten gelungenen Klettermeter leichter zu machen.

Wer „darf“ mit klettern anfangen?

Der „Olympic-Combined-Modus“ wird von den Kletterern eher kritisch betrachtet.

Sieht erstmal nicht ohne aus… Ist aber einfacher, als du denkst! :)

JedeR kann und darf mit klettern anfangen. Es gibt keine Regel, die irgendjemanden ausschließt, auch wenn es immer irgendwelche Gralshüter gibt, die Unsinn erzählen, um den Anschein von Wichtigkeit zu erwecken.

Ein scheinbares Hindernis ist das etwas überzogene Image des Kletterns. Nach wie vor hat es den Ruf, schwierig und gefährlich zu sein. Vor dreißig Jahren gab es tatsächlich viele Hindernisse und man brauchte eine Prise Glück, um eine Kletterlaufbahn ohne größere Blessuren aufzuziehen. Heute sind die Risiken und Einstiegshürden so weit heruntergeschraubt, dass Klettern in den Fitnessstudios zwischen Spinning und Aerobic läuft. Deshalb ist der Zugang zum Klettern auch für Menschen möglich, die auf den ersten Blick keine guten Voraussetzungen haben.

Zu alt?

Klettern ist entgegen der landläufigen Vorstellung ein „altenfreundlicher“ Sport. Es ist für den Körper eine zwar anstrengende, doch völlig natürliche Bewegungsform. Man kann sehr viele Kletterrouten in langsamen und geschmeidigen Bewegungen bewältigen und Kraft kann häufig durch gute Technik ersetzt werden. Ganz anders sieht es bei Ballsportarten oder Leichtathletik aus, wo häufige ruckartige Bewegungen für reichlich Verschleiß und Verletzungen sorgen.

Manche ältere Kletterer wie der Sportreferent Rainer Öhrle sind gar der Meinung, das Klettern „wie gemacht für Ältere“ ist. Öhrle bietet im Haus 44 der Evangelischen Jugend Stuttgart Kletterkurse für die Generation 50+ an. Solche Kurse und Gruppen für Ältere gibt es auch in immer mehr Sektionen des Alpenvereins. In den Sektionen Ulm und Neu-Ulm lassen die Alten mit ihrem Niveau viele Jungspunde hinter sich.

Es ist sogar nicht nur möglich, in fortgeschrittenem Alter ins Klettern einzusteigen, sondern auch, auf höchstem Niveau zu klettern. Letzteres zeigen Spitzenkletterer wie Stevie Haston, dem im Alter von 52 Jahren seine erste 9a(!) Route gelang. Dieses Niveau wird man natürlich nicht mit einem späten Einstieg erreichen, doch das Beispiel zeigt, dass vieles möglich ist.
Eine weitere erfreuliche Entwicklung für Ältere: In modernen Kletterhallen sind Griffe und Routen so beschaffen und geschraubt, dass ungünstige und extreme Belastungen für Gelenke, Sehnen und Bänder eher selten sind.

Die einzige wirkliche „Einschränkung“ der Älteren ist, dass sie dem Körper mehr Zeit zum Regenerieren geben müssen.

Zu viel auf den Rippen?

Klettern in Brasilien mit logistische Herausforderung

Zusatzgewicht sollte dich auf keinen Fall aufhalten!

Übergewicht macht die Sache sprichwörtlich schwerer, aber nicht unmöglich. Ein paar Extrakilo sind überhaupt kein Grund, sich vom Klettereinstieg abhalten zu lassen. Bei massivem Übergewicht sollte man aber das Klettern in ein Gesamtkonzept zum Abnehmen und fitter werden einbetten. Ob klettern beim Abnehmen hilft, ist umstritten. Im Zusammenspiel mit einer Ernährungsverbesserung und einem „kreislaufbetonten Ausgleichssport“ wie Radfahren, Schwimmen oder Nordic Walking hilft es mit Sicherheit.

Beim Querlesen durch Foren und Frage-Antwort-Seiten zum Thema „klettern anfangen mit Übergewicht“ kam mir der Eindruck, dass die Angst vor schiefen Blicken und Gelächter ein größeres Hindernis ist als die physischen Anstrengungen. Hier kann man natürlich aufmunternd einwenden, dass bei den Kletterern auf einen Idioten mindestens ein bis zwei freundliche und aufgeschlossene Leute kommen (wer das für eine schlechte Quote hält: Kletterer sind halt auch nur ein Spiegel der Gesellschaft ;-)).

Noch besser wäre es, mal eingehend darüber nachzudenken, ob Reaktionen und „Meinungen“ von teils völlig fremden Leuten wirklich Einfluss auf die eigenen Handlungen haben sollten. Vor allem, wenn diese Menschen mit ihrer Herablassung in erster Linie nur zeigen, wie eng ihr eigener geistiger Horizont ist. Also, nochmal: soll man wirklich irgendwelchen Wichteln Macht über das eigene Leben geben, indem man sich von ihnen abhalten lässt, Dinge durchzuziehen und Spaß zu haben?

Last but not least: es gibt auch definitiv übergewichtige UND gute Kletterer. Mit dem Briten John Dunne gab es in den Neunzigern sogar einen schweren Jungen in der obersten Kletterliga. Doch leider mangelt es nach wie vor an inspirierenden Erfahrungsberichten, sodass die Klettertipps für Übergewichtige meist von Leuten stammen, die selbst keine Probleme mit den Pfunden haben.

Partner oder allein? Do-it-yourself oder „betreut“? Draußen oder Halle?

Der Einstieg ins Klettern und Bouldern ist mit Partner(n) meist einfacher und macht so auch mehr Spaß. Man kann sich aber nicht immer einfach Partner backen. Wer keine Partner findet, sollte erst einmal bouldern gehen (am besten in der Boulderhalle), oder direkt mit einem Kletterkurs in der nächsten Kletterhalle beginnen. Bouldern ist in Bezug auf den Aufwand die „risikoloseste“ Alternative, wenn man erst einmal herausfinden will, ob einem die Bewegungen des Kletterns überhaupt Spaß machen und zusagen. Es ist auch immer eine gute Idee, das Hallenpersonal im Falle von Fragen oder Problemen freundlich anzusprechen. Die Leute sind nämlich nicht nur fürs Kassieren des Eintritts dort, sondern auch fürs Informieren.

Die Schrittstellung des Sicherungspartners ist dem Kletternden hin gerichtet.

Ein Partner ist beim Klettern praktisch unerlässlich.

Egal wie man anfängt, es kommen immer erstmal eine Menge neuer Informationen und Eindrücke. Der Anfängerkurs in der Halle ist die beste Methode, um diese Menge zeitlich und inhaltlich richtig zu portionieren. Er ist auch für kleinere Geldbeutel finanzierbar und bietet die erfolgversprechendste Möglichkeit, künftige Kletterpartner zu treffen. Man macht am besten zunächst „nur“ den Topropekurs (für das Klettern mit Seilsicherung von oben), und erst wenn das Ganze „sitzt“, kommt der Vorstiegskurs hinzu.

Damit werden Überforderung und Frustration vermieden. Andererseits ist es natürlich toll, wenn man gleich „Blut leckt“ und es gar nicht schnell genug gehen kann. Doch hier lauern – besonders wenn man keine Sportskanone oder keine zwanzig mehr ist – gewisse Fallstricke wie mögliche Verletzungen und Überlastungen.

Ein Verzeichnis von Kletterhallen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es beim Bergsteiger-Magazin.

Wer „rein privat“ mit erfahrenen Freunden lernt, weiß nie genau, ob er wirklich den richtigen Input auf dem neuesten Stand bekommt. Insofern sind Kurse, insbesondere die des Deutschen Alpenvereins, die einzige Einstiegsmethode, die man guten Gewissens „offiziell“ empfehlen kann. Das bis vor etwa 20 Jahren übliche bzw. oft auch alternativlose draußen am Naturfels anfangen birgt zudem geringe, aber nicht auszuschließende Risiken wie Griff- oder Hakenausbruch. Man sollte sich zwar auch das Klettern draußen am Naturfels nicht entgehen lassen, doch besser erst als dritten Schritt in der Abfolge:

  1. Halle-Toprope
  2. Halle-Vorstieg
  3. Naturfels

Notwendiges Equipment: leihen oder kaufen?

Tipps und Tricks zu Klemmkeilen

So ausführlich muss die Ausrüstung am Anfang nicht sein.

Zur richtigen Strategie bei der Kletterausrüstung gibt das Bergsteiger-Magazin in diesem Artikel gute Hinweise. Für die allerersten Versuche in der Halle braucht man keinerlei Anschaffungen zu tätigen. Erst wenn man weiß, dass man am Klettern dranbleiben will, sind eigene Schuhe, ein eigener Klettergurt, ein eigener Chalkbeutel mit Chalk sowie ein eigenes Sicherungsgerät ratsam. Ein eigenes Seil und einen eigenen Helm braucht man erst, wenn man regelmäßig im Vorstieg und draußen klettern möchte. Die persönlichen Gegenstände kann man zunächst im unteren Preissegment kaufen. Ein Seil kann man sich mit regelmäßigen, verlässlichen Partnern auch teilen.

Technik und Taktik: am Anfang zweitrangig

Einige der Einsteiger-Artikel, die ich hier für die Recherche gelesen habe, geben gleich eine Reihe Tipps für die Klettertechnik oder gar die Taktik. Da wird dann den blutigen Anfängern suggeriert, dass sie „schwierige Stellen“ am besten „schon vom Boden aus analysieren“ sollen. Diese Punkte sind aber Feinheiten, die man als Einsteiger gar nicht beherrschen kann und die erst nach den ersten Kletterversuchen relevant werden. Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Weg zu den ersten Routen, die natürlich so leicht und kurz gewählt sein sollten, dass es keine Wahnsinnsfinessen braucht, um hochkommen.

Ziemlich unsinnig wird es, wenn man schon vor dem allerersten Mal Gedanken um die sportliche „Wertigkeit“ hineinbringt und Anfänger mit Konzepten wie „sauberer Durchstieg ohne Hängen“ oder gar „Rotpunkt“ und „Onsight“ behelligt. Wenn man bei den ersten Kletterversuchen nicht weiterkommt, einfach ins Seil setzen, Armmuskeln lockern, versuchen eine machbare Griff- und Trittfolge für die nächsten Meter zu finden und nochmal probieren. Fertig. Wobei das „ins Seil setzen“ beim ersten Mal „gar nicht so ohne“ ist und deshalb zuerst in Bodennähe geübt werden sollte. So kann sich Vertrauen ins Material und die Abläufe entwickeln.

Techniktipps bringen wenig, wenn man noch nicht einmal weiß, wie sich klettern überhaupt grundsätzlich anfühlt. Das ist dann nur Informationsüberfrachtung, die eher hindert als hilft. Deshalb: erstmal ran an die Wand und die ersten Meter machen. Das wird man im Idealfall sowieso unter Anleitung und Aufsicht erfahrener Kursleiter oder Mentoren, die einem dann schon die angemessenen Tipps geben. Wenn man ein paar Bewegungserfahrungen gesammelt und Lust auf mehr hat, kann man sich mit Technik, Taktik und Training beschäftigen.

Dranbleiben, weil …

Besonders beim Klettern gilt: wenn man einmal in die Gänge kommt, fängt die Sache an, richtig Spaß zu machen. Umgekehrt können Unterbrechungen schnell frustrieren, da man die einmal gelernten Kletterfertigkeiten, anders als beim Fahrradfahren oder Schwimmen, nicht „ein für alle man drauf hat“ und auch nicht „sofort wieder hochholen“ kann. Nach einer längeren Pause kann es Monate dauern, bis man wieder das vorherige Niveau hat. Und leider geht bei langen Unterbrechungen nicht nur Kraft verloren, sondern auch Technik und Theoriekenntnisse. Das ändert sich erst, wenn all diese Dinge nach vielen Jahren wirklich in Fleisch und Blut übergegangen sind …

Motivation und Wille nutzen

Dranbleiben lohnt sich. Klettern ist ein großartiger Sport mit einer tollen Community!

Ohne ein grundlegendes Interesse und einen gewissen Willen trifft niemand die Entscheidung, dieses Klettern mal zu probieren. Selbst wenn man von Freunden „überredet“ wird, ist es letztlich die eigene Entscheidung. Es ist also von vornherein eine gewisse Grundmotivation da. Und diese Motivation kann man vergrößern, indem man sie mit konkreten positiven Bildern und Vorstellungen unterfüttert. Diese Bilder kann man dann bei Bedarf aufrufen und sich auch noch detaillierter ausmalen. Ein simples aber gutes Beispiel ist das Bild, wie man selbst voller Dynamik, Fitness und Lebensfreunde durch eine sonnige Felswand turnt. Wahlweise bärenstark mit Kraft oder elegant mit Leichtigkeit.

Die Realität bei den ersten Versuchen wird dann nicht ganz so aussehen, doch die positiven Assoziationen heben die Wahrscheinlichkeit, dass man Spaß hat und für weitere Kletterversuche motiviert bleibt. Nach ein paar Klettererfahrungen kann man sich auch konkrete, überschaubare Zwischenziele setzen, die für noch mehr „Zug“ hinter der Sache sorgen. Spiel und Spaß sollten aber im Vordergrund bleiben, sonst schlägt der motivierende Zug ganz schnell in Druck und Stress um.

Soweit die Tipps zum Klettereinstieg auch unter „schlechten“ Voraussetzungen. Weitere Tipps zum Kletter-Einstieg und Ausrüstungstipps von Bergfreund Sascha findet ihr auf unserem Youtubekanal.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ulrich sagte am 20. Juni 2019 um 19:54 Uhr

    Ich habe vor einem Jahr mit dem Klettern in der Halle begonnen. Mit Ende 40 und 90 kg passe ich genau in die in diesem Text beschriebene Kategorie.
    Inzwischen gehe ich einmal die Woche indoor kraxeln und habe vor vier Wochen den Schritt an den Fels gewagt. Ein Superkletterer werde ich wohl nicht mehr, aber Spaß macht es mir trotzdem. Es gibt ja unzählige Routen auch im leichteren Schwierigkeitsgrad.
    Es ist ein sehr spannender Sport und für mich die perfekte Krönung am Ende einer langen Bergwanderung. Das Naturerlebnis im Fels ist einfach nochmal intensiver.

  2. Jörn sagte am 21. Juni 2019 um 10:36 Uhr

    Hi Ulrich,

    sehr cool. Es ist eben, wie es immer ist: Einfach mal machen und ausprobieren. Und wenns dann auch noch gefällt, ist das umso besser.

    Weiterhin viel Spaß beim Kraxeln!

    Liebe Grüße, Jörn

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