Skitour Wildspitze

TAGE WIE DIESER

Ein Versuch das Empfinden in Worte zu fassen, warum wir das Bergsteigen so lieben.

Wildspitz Nordwand (3.768m), Ötztaler Alpen - ein Bericht von Annette , die bei Mountain Equipment im Marketing arbeitet.

Die Wildspitze. Mit ihren knapp 3.800m der zweithöchste Berg Österreichs. Einen Gipfel hat sie, eine eisige Nordwand hat sie, einen fantastischen Gletscher hat sie und den Panorama-Rundblick hat sie sowieso. Außerdem gut erreichbar am Ende des Pitztals gelegen, ja sogar der Anstieg kann mit der Gondel erheblich abgekürzt werden. Man könnte fast auf die Idee kommen, sie wäre ein populäres Ausflugsziel – und das ist sie auch!

Trotz oder ehrlicherweise vielleicht gerade wegen dieser guten Erreichbarkeit, wurde die Wildspitze recht spontan zu unserem Tourenziel für einen Sonntag im April. Wir hatten einen Tag Zeit, die Wetterprognosen waren trotz Kälte an Sonnenschein nicht zu übertreffen und an Kondition mangelte es dank schöner Touren der letzten Winterwochen auch nicht. Noch kurz besprochen wer Seil, Eisschrauben & Co einpackt und schon fanden wir uns Sonntagmorgen um 6.00Uhr kaffeeschlürfend auf der Autobahn gen Süden. Unser Plan war es, einen Großteil der Höhenmeter gemütlich mit Gletscherexpress und Mittelbergbahn zurückzulegen, das Skigebiet dann zu verlassen, ein paar Bögen Richtung Gletscher abzuschwingen, anschließend mit Fellen einige hundert Höhenmeter aufzusteigen um schließlich unsere Eisgeräte ins Nordwandeis zu schlagen und so den Gipfel zu erreichen. Die Ski tragen wir dabei auf dem Rücken, um alle Abfahrtsvarianten als Option zu haben… Bedenken, dass die Tour an so einem Traumtag maßlos überlaufen sein könnte, schoben wir gekonnt zur Seite. Erst als wir am Parkplatz der Gondel ankamen, konnten wir es nicht mehr leugnen: Unmengen an topausgerüsteten Mitstreitern tänzelten über die zugefrorene Parkfläche. Noch im warmen Auto sitzend schauten wir Drei uns mit hochgezogenen Augenbrauen an. Plötzlich wussten wir wieder, warum man solch eine Tour nicht am Wochenende mit Schönwettervorhersage macht…Doch die lawinensichere und damit weniger überlaufene Alternativtour? Auf der Suche nach Nordwand-Mitstreitern wanderten unsere Blicke nun doch nochmal etwas systematischer durch die Menge. Viele bunte Seile, Steigeisen in allen erdenklichen Varianten, hier und da ein Bergführer Abzeichen und leider auch erstaunlich viele Eisgeräte. Glücklicherweise hatten wir inzwischen unseren anfänglichen Optimismus wiedergefunden und beschlossen, dass unmöglich so viele Menschen den Gipfel über die Nordwand erklimmen könnten. Nun denn, ab in die Gondel mit uns!

Ersten Ausblick genießen, Ausrüstung anziehen, noch ein Schlückchen Tee, raus aus der Gondel, runter von der Piste und auf dem Gletscher stehen. Durchatmen. Blicke treffen sich, ein Grinsen zieht sich durch unsere Gesichter. Wir stehen an unserem Ausgangspunkt und stellen erleichtert fest, dass sich der riesige Ansturm Richtung Normalweg in Bewegung setzt. Lediglich 4 weitere Seilschaften wählen unseren Anstieg zur Nordflanke des Berges, dessen Nordgipfel wir bereits sehen. Kurz werden Witzchen gemacht, dass Nicht-Alleinsein auch Vorteile hat, schließlich muss man dann nicht selbst spuren… Auffellen, anseilen, rein in die Bindung und los. Die Luft ist schon etwas dünner und weil die Jungs nicht gern die Letzten am Einstieg wären, spurten wir auch schon los. Die Luft ist kalt und trocken, der Schnee glitzert unter strahlend blauem Himmel, die Wand haben wir direkt vor unserer Nase. Die ersten beiden Seilschaften werden überholt. Wir müssen nicht unerheblich schnaufen. Bald steht eine weitere Seilschaft neben der Spur. Bindungsprobleme. Natürlich bieten wir Hilfe an, sind aber nicht böse, als sie diese ablehnen. Die letzten Meter auf Skiern liegen vor uns und wir treffen auf den fleißigen Bergführer, der die Spur angelegt hat, und seinen Kunden. Beide sind bereits damit beschäftigt Steigeisen anzulegen. Wir wechseln ein paar Worte, bedanken uns für die Spur und bereiten uns ein paar Meter weiter selbst auf den Einstieg in die Nordwand vor. Wir sind uns mal wieder einig, dass neben Eisgeräten, Steigeisen und Seil natürlich Schokolade bei der Vorbereitung nicht fehlen darf. Unsere Riegel glücklich vor uns hin kauend entdecken wir noch glücklicher, dass die restlichen Seilschaften uns nicht folgen, sondern lediglich eine Variante zum Normalweg gewählt haben. Es bleiben also tatsächlich nur wir und der Bergführer.

Jetzt geht es los. Anfangs ist das Eis noch gut unter griesigem Schnee und nicht tragendem Deckel versteckt. Das ist ein wenig mühsam und wir sind mal wieder um den Bergführer dankbar, der den ersten Stand sozusagen schon für uns vorbereitet hat. Aber danach wird es besser. Gleich zu Beginn ist eine große Gletscherspalte zu überwinden, ein Bruch der sowohl faszinierend schön als auch ordentlich respekteinflößend ist. Jeder hat an dieser Stelle wohl seine eigenen Gedanken oder ist auch einfach nur konzentriert. Wir erklimmen als Dreierseilschaft die Wand. Immer wenn wir uns begegnen, strahlen wir uns an, was für ein fantastischer Tag es doch ist. Selbst die Minusgrade, die die Finger ab und zu taub und die Minuten am Stand etwas ungemütlich werden lassen, können uns heute scheinbar nichts anhaben. Die Zeit fliegt dahin und der Nordgipfel ist erreicht. Das Kreuz steht allerdings auf dem Südgipfel und die Brotzeit muss natürlich dort stattfinden. Inzwischen entkommen wir auch der Höhe nicht mehr so leicht und die letzten Meter bewegen wir uns erstaunlich langsam und kurzatmig – aber selbst darüber können wir uns heute freuen…

Da die Zeit inzwischen etwas fortgeschritten ist, sind wir alleine(!) am Gipfel und fühlen uns großartig. Weit und breit erblicken wir nur verschneite Berge und Sonnenschein. Die Vernunft treibt uns allerdings an, nicht zu lange zu bleiben. Wir wählen die Abfahrt entlang des Normalwegs. Ein paar Meter müssen dafür noch zu Fuß abgestiegen werden, dann werden die Ski wieder angeschnallt. Gleich zu Beginn des Gletschers sehen wir zwei Leute sitzen. Ob alles in Ordnung ist, fragt einer von uns. Nein, aber der Helikopter sei bereits verständigt und just in diesem Moment hören und sehen wir ihn auch. Wir können nichts tun und machen uns auf zur Abfahrt. Jeder ist jetzt wohl in seiner eigenen Welt und genießt die Schönheit der Gletscherbrüche. An unseren Sammelpunkten stehen wir und, wie sollte es anders sein, grinsen wir. Sind fasziniert und wollen eigentlich verweilen. Aber diese Vernunft… das Tal aus dem wir noch hinaus müssen hat bereits volle Sonne abbekommen und die Lawinensituation ist heikel. Alles geht gut und wir können sogar bis zum Parkplatz abfahren. Wir können nicht an uns halten und schreien uns noch ein bisschen an, was für eine unvergesslich schöne Tour es war. Dann liegen wir uns in den Armen. Noch schnell ein bisschen Material sortiert und schon geht es - viel zu schnell – wieder zurück nach München.

Ökologisch sinnvoll so eine Tour von München aus in einen Tag zu packen? Sicher nicht. Und auch das Geld für die Bergfahrt hätten wir einstimmig lieber für eine Nacht auf der Hütte gelassen. Allerdings war es einer dieser Tage, an denen einfach alles gepasst hat. Einer dieser Tage, die nicht die schwerste oder längste Tour brauchen um perfekt zu sein. Einer dieser Tage, die im Gedächtnis bleiben und uns erinnern, welch Glück und Zufriedenheit wir empfinden können.

Anmerkung: Die Begehung der Wildspitze ist unabhängig von der Routenwahl eine hochalpine Tour in spaltenreichem Gletschergelände. Entsprechende Kenntnisse, Erfahrung und Ausrüstung sind zur Durchführung im Sommer wie Winter unerlässlich.

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