Wie quert man Altschneefelder?

1. Juni 2021

Der Frühling ist endlich wach, nachdem er mal so richtig ausgeschlafen hat. Deshalb wirst du dieses Jahr vermutlich auch bei leichten Wanderungen in gemäßigten Höhen bis in den Hochsommer hinein auf Altschneefelder stoßen. Aus der Ferne setzen diese Überbleibsel des Winters oft schöne optische Akzente, denn die Berge sehen mit ihnen deutlich wilder und alpiner aus. Zusammen mit der üppig wuchernden grünen Fülle im Tal ergibt sich einer dieser wunderbaren Kontraste, die den Reiz des Gebirges ausmachen.

Aus der Nähe zeigen sie sich oft weniger freundlich und lassen sich nicht einfach so auf der Nase herumtanzen. Im Gegenteil, sie erweisen sich oft als ziemlich garstig und stellen jedes Jahr zahlreiche überraschte Wanderer vor knifflige Aufgaben. Damit ihre Bewältigung nicht zum Drama wird, folgt jetzt alles was du wissen musst, um sie erfolgreich zu meistern.

Wo „lauern“ Altschneefelder?

Auch Webcams können bei der Suche nach Altschneefelder helfen.

Logischerweise bleibt der Schnee dort am längsten liegen, wo es am längsten kalt ist. Und er bleibt umso länger liegen, je mehr und häufiger es im vorherigen Winter geschneit hat. Am längsten kalt ist es auf Nordseiten und in schattigen Karen. In Höhen über 2000 Meter kann sich der Schnee dort auch ganzjährig halten. Auch die schattigen Furchen, Rinnen und Schluchten von Wasserläufen sind naturgemäß sehr lange schneebedeckt.

Mit diesem Wissen kann man bei der Tourenplanung schon auf der Karte sehen, wo mit Altschneefeldern zu rechnen ist. Zusätzlich kann man nach Webcams in der Umgebung schauen. Eventuell findet sich so eine Ausweichroute über südseitige Hänge, falls mit Schneefeldern als unüberwindlichen Gefahrenstellen zu rechnen ist.

Wichtig ist nicht nur die Frage, wo man auf den Schnee trifft, sondern auch wann. Denn je nach Tageszeit präsentiert er sich völlig unterschiedlich: morgens gefroren und hart wie Kryptonit, nachmittags aufgeweicht wie das Sahnesouffle im Sternerestaurant. Je nach Größe und Steilheit der Schneefläche wird die Tour dann deutlich sturzgefährdeter oder kraftraubender als unter Idealbedingungen.

Wie gefährlich sind Altschneefelder?

Gerade weil sie meist nicht sonderlich gefährlich aussehen, bergen Altschneefelder ungeahnte Risiken. Es ist ihr trügerisch-einladender Ersteindruck, der Wanderer vor überraschende Probleme stellt. Manche sind auch überrascht, wenn sie überhaupt noch auf Schnee treffen – war doch unten im Tal gerade noch Hochsommer. Und bevor man unverhofft und unvermittelt kehrt macht, lässt man es mal auf einen Versuch ankommen. Erst mittendrin, wenn es schon zu spät ist, wird der Ernst der Lage bemerkt. Abstürze auf Altschneefeldern gehören vor allem im Frühjahr zu den häufigsten Auslösern von Rettungseinsätzen der Bergwacht.

Auch relativ flache Hänge mit Altschnee können zur Gefahr werden.

Vielen Berggehern ist nicht bewusst, dass schon relativ flache Hänge mit einer Neigung von 30 Grad ein Absturzrisiko bergen. Einen Ausrutscher kann man hier je nach Härte des Untergrunds nur noch schwer bremsen. Gerät man auf einem harten, 40 Grad steilen Firnfeld ins Rutschen, erreicht man binnen Sekunden eine Geschwindigkeit, die der des freien Falls nahe kommt. Die Aussichten auf einen glimpflichen Ausgang gehen dann gegen null. Deshalb ist auch bei mäßig steilem Gelände jederzeit Vorsicht und Konzentration gefragt.

Auch der umgekehrte Fall, nämlich stark aufgeweichter Schnee, kann zur Gefahr werden. Normalerweise ist das Einbrechen in weichem Schnee nur unangenehm und mühsam. Doch wenn sich unter der Schneedecke große Steine, Büsche oder Wasserläufe befinden, können angewärmte Hohlräume entstehen, in die man gefährlich unkontrolliert und tief einbricht. Auch an den Rändern der Schneefelder bilden sich sehr häufig tiefe Hohlräume. Hier ist ebenfalls Vorsicht und ein genauer Blick fürs Gelände gefragt.

Eine weitere unterschätzte Gefahr, die nicht nur an Altschneefeldern lauert, ist die Gruppendynamik. Weil niemand vor den Anderen als Weichei und Spaßbremse dastehen will, begeben wir Bergfreunde uns ab und zu in Situationen, denen wir eigentlich noch nicht gewachsen sind. Um dann hinterher heilfroh und voller Erleichterung festzustellen, diese Nummer an einem Stück überstanden zu haben. Halt, stop, nein. Ich meine natürlich: heilfroh, dass wir ehrlich zu uns selbst und unseren Tourenpartnern waren, unsere Bedenken rechtzeitig und deutlich geäußert und den Abbruch der verantwortungslosen Aktion bewirkt haben :-)

Braucht es extra Ausrüstung und wenn ja welche?

  • Das Wichtigste ist festes Schuhwerk mit festen Sohlen. Es ist unverzichtbar, denn mit weichen Halbschuhen ist es nicht möglich, Tritte und Stufen in den Schnee einzukerben.
  • Gerne vergessen werden die Handschuhe, die in den harten und scharfkantigen Körnern von Firn und Altschnee die Hände vor Verletzungen schützen.
  • Stöcke mit breiten Tellern können eine Hilfe fürs Gleichgewicht sein, einen eventuellen Sturz bremsen sie jedoch nicht.
  • Gamaschen sind eine wertvolle Ergänzung, wenn mit viel weichem Schnee zu rechnen ist. Sie verhindern nasse Füße, die kalt werden und die Entstehung von Blasen beschleunigen.
  • Spikes sind „Schneeketten“, die im Gegensatz zu Grödeln und Steigeisen auch über weichere Schuhe gestreift werden können. Sie dringen nicht so gut in hartes Eis ein wie Grödeln, sind dafür aber schnell angelegt, kosten wenig und wiegen wenig.
  • Grödeln sind „abgespeckte“ Steigeisen mit normalerweise sechs Zacken untern dem Mittelfuß. Sie sorgen auch auf hartem Eis für sicheren Halt, taugen allerdings für steile Hänge nur sehr bedingt.
  • Steigeisen sind das Mittel der Wahl, wenn es für Spikes und Grödeln zu steil und zu hart zugeht. Sie sind dafür schwerer, umständlicher in der Handhabung und teurer als die Vorgenannten.

Bei langen und steilen Abschnitten mit Altschnee kann ein Steigeisen oder ein Eispickel notwendig sein.

Bei ausgedehnten Passagen von steilen und harten Schneefeldern kann zusätzlich ein Eispickel notwendig werden. Oder man hat nur einen Eispickel dabei, um mit dessen Schaufel Stufen ins Altschneefeld zu schlagen. Während diese Methode heutzutage nur noch als Notlösung für kurze Passagen dient, durchstieg man mit ihr bis zur Erfindung brauchbarer Steigeisen ganze Eiswände. Legendäres Beispiel hierfür ist die Erstbesteigung der 600 Meter hohen Pallavicinirinne am Großglockner.

Bei dieser Unternehmung am 18. August 1876 wurde Alfred Markgraf von Pallavicini „von den drei Bergführern Johann Kramser, Georg Bäuerle und Josef Tribusser begleitet. Da der Gebrauch von Eishaken erst 1924 durch Willo Welzenbach eingeführt wurde, mussten die Bergführer beim Aufstieg durch die Rinne 2500 Stufen mit dem Eispickel ins Eis schlagen.“

Heute lassen es die meisten Bergfreunde gemütlicher angehen und bei reinen Wanderungen gehören Pickel und Steigeisen ohnehin nicht zum Repertoire. Sie bringen auch nur so viel Mehrwert, wie ihre richtige Verwendung eingeübt ist. Womit wir wieder beim Aspekt Vorausplanung wären.

Denn wenn die stimmt und zum Können aller Tourenteilnehmer passt, wird man auch in den meisten „Altschneefeldsituationen“ die passende Ausrüstung dabei haben. Ansonsten gilt: je weniger man planen will und je mehr Möglichkeiten man offen halten will, desto mehr Ausrüstung wird man mitnehmen müssen. Es sei denn man ist jederzeit bereit, in zweifelhaften Situationen umzukehren.

Bei größeren Gruppen und ausgedehnten Touren kann auch ein Seil sinnvoll sein, dass man zur Querung von Altschneefeldern als Geländerseil fixiert. Das entsprechende Extramaterial wiegt einiges, kann aber auf die Gruppe verteilt werden.

Wie begeht man Altschneefelder – die Techniken

Bei kurzen Querungen kleiner Schneerinnen braucht es „nur“ die richtige Fortbewegung. Man kann dann mit den stabilen Bergschuhen Tritte in den Schnee kerben. Das macht man durch pendelnde Bewegungen der Unterschenkel – entweder seitlich querend mit dem Innen- und Außenrist oder frontal mit der Zehenbox. Womöglich muss man mehrfach treten, bis die Trittfläche groß genug für sicheren Halt ist. Idealerweise ist sie ein klein wenig in den Hang hinein geneigt, um die Gefahr des Abrutschens zu verringern. Die Neigung sollte aber auch nicht zu stark sein, sonst kann der Tritt einbrechen.

Bei längeren Passagen ist zusätzlich etwas Strategie gefragt. Hier soll man laut Outdoor-Magazin zunächst den Wegverlauf prüfen: „Können Sie am anderen Ende des Schneefelds den Weiterweg ausmachen, versuchen Sie möglichst ohne Höhenverluste oder Umwege darauf zuzusteuern. Sehen Sie Trittspuren im Schnee, sollten Sie ihnen nicht blind folgen, sondern stets mit dem anvisierten Weiterweg oder der vermuteten Richtung abgleichen. Nicht selten führen Spuren in die Irre, etwa zu einem Jägerstand oder zu einer Privathütte. Sehen Sie weder Weiterweg noch Spur oder Markierung, schafft nur ein Blick in die Wanderkarte Klarheit.

Auf dem Schneefeld soll man dann ein gleichmäßiges, langsames Tempo einschlagen, „bei dem die Trekking­stöcke den Vortrieb spürbar unterstützen. Bei weichem Schnee vorhandene Spuren ausnutzen, bei festem geht es sich neben der Spur oft besser. Wird‘s steil, Steigeisen oder Grödel anlegen und den hangseitigen Stock gegen den Pickel tauschen.“

Beim Einsatz des Pickels sollte man einen gleichmäßigen Rhythmus finden, am besten in der Abfolge „Schritt – Schritt – Pickel setzen, Schritt – Schritt – Pickel setzen“. Man ist dann zwar langsamer als wenn man den Pickel während des Gehens setzt, doch im Zweifel ist Kontrolle wichtiger als Geschwindigkeit.

Ein Seil kann wie oben erwähnt größeren Gruppen bei der Überwindung schwieriger Passagen helfen – vor allem bei unterschiedlich leistungsfähigen Teilnehmern. Es muss an soliden Fixpunkten verankert werden. Meist sollte es reichen, wenn das Seil zum Festhalten dient. Das Einhängen mit Gurt ist für eine kurze Einzelstelle ein recht hoher und nur selten verhältnismäßiger Aufwand.

Es ist doch passiert. Welche Techniken stoppen den Sturz?

Bei zu viel Altschnee sollten auch Alternativen oder Umgehungsmöglichkeiten in Betracht gezogen werden.

Bei einem Ausrutscher gilt es, sich sofort in die Bauchlage zu drehen und mit den abgespreizten Armen und Beinen zu bremsen, bevor die Geschwindigkeit so groß ist, dass sie nicht mehr kontrolliert werden kann. Diese Reaktion sollte idealerweise durch Training zum Reflex gemacht werden – vor allem wenn man beabsichtigt, öfter in steilem Gelände unterwegs zu sein. In Kursen für Hochtouren werden die Bremstechniken an relativ weichen und flachen Schneehängen eingeübt.

Trägt man allerdings Steigeisen, führt diese Reaktion zu einem unkontrollierten Überschlag. In dem Falle rammt man also nicht die Füße in den Schnee, sondern die Knie. Und hofft, dass sie nicht zu arg ramponiert werden.

Idealerweise kommen diese Techniken nie zum Einsatz. Besser man bricht die Tour ab, bevor Zweifel und Unsicherheiten mitten auf dem harten Schneefeld aufkommen. So ein Stopp muss ja nicht zwingend der vollständige Abbruch der Tour sein. Oft ergibt sich noch eine Umgehungsmöglichkeit, eine Alternativroute oder man kann sich ein Trostpflaster in Form eines Nebengipfels gönnen. Richtig befriedigend ist das selten, doch dafür kommt man nach einem schönen Tag in den Bergen wohlbehalten unten an.

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