Behindertenskilauf – Alles ist möglich

24. Januar 2019

Sportart

9 Uhr morgens, Skigebiet Cardrona, Neuseeland. Ich sitze in einem der ersten Sessel gen Gipfel, als ich unter mir einen Sitzskifahrer in seinem Mono-Ski mit unglaublichem Tempo Richtung Talstation schießen sehe. Wahnsinn, wie ist es möglich, dass man sein Skigerät mit reiner Arm- und etwas Rumpfkraft so beherrschen kann? Mein Interesse ist geweckt, noch nie war mir eine querschnittsgelähmte Person auf der Piste begegnet. Dass es sowas wie Paralympics und sitzenden Skilauf gibt, war mir unterschwellig bekannt, aber nie wirklich in meinen Bewusstseinskreis vorgedrungen.

Wenig später sitze ich Tereza gegenüber, der Koordinatorin des Cardrona Adaptive Snow Sports Programme. Die ehrenamtliche Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Skifahrer mit und ohne Behinderung zusammen zu bringen. Ziel ist es, Skifahrern mit Handicap eine Begleitperson zur Seite zu stellen, die auf der Piste und beim Liftfahren unterstützt, als auch beim Skiunterricht assistiert. Was dabei rausspringt, ist jede Menge gemeinsamer Skispaß und ein intensiver Erfahrungsaustausch.

Beim Bi-Ski-Training.

Zukünftige Instruktoren für Behindertenskilauf beim Bi-Ski-Training.
Foto: Sabine Wächter

Unkompliziert werde ich in die Truppe an Ehrenamtlichen aufgenommen. Nach ein paar grundlegenden Trainings darf ich zum ersten Mal ran. Im Laufe der Saison werde ich mit den erstaunlichsten Menschen und unterschiedlichsten Schicksalen konfrontiert. Es verbindet uns alle – die Liebe zum Schnee, den Bergen und diesem genialen Gefühl, auf Skiern den Hang herunterzugleiten.

Geschichte des Behindertenskilaufs: Deutschland und Österreich in der Pionierrolle

Der Skilauf hat im Behindertensport eine lange Tradition. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland und Österreich zahlreiche Kriegsversehrte, die ehemals gute Skifahrer waren und sich von ihrem erlittenen Handicap – sei es Amputationen oder Blindheit – nicht vom Wintersport abhalten ließen.

Sie fanden Mittel und Wege, ihre Skiausrüstung an die entsprechende Verletzung oder Behinderung anzupassen – der Kreativität waren hier keine Grenzen gesetzt. Oberschenkelamputierte versuchten es mit drei Skiern: Einen am verbliebenen Bein und zwei kurze an Krücken – der Krückenskilauf war geboren!

Vom Nischenplatz zum Breitensport

War der Skisport damals nur einem kleinen Kreis an beeinträchtigten Sportlern zugänglich, so wird er heute bei Menschen mit Handicap immer beliebter und auf allen Niveaus ausgeübt. Für die breite Masse ist er ein Genusssport und bietet ein Gefühl von Freiheit, das eine willkommene Abwechslung zum (sicher nicht immer leichten) Alltag darstellt. Für andere bietet er eine Möglichkeit, Sport auf Spitzenniveau zu betreiben und an ihre Grenzen zu gehen. Mit Sicherheit aber ist er für alle ein tolles Mittel, ungeahnte Möglichkeiten auszuloten und ein positives Körpergefühl zu erlangen.

Je nach Behinderungsart haben die Betroffenen in ihrem Alltag ganz unterschiedliche Hürden zu überwinden. Diese übertragen sich natürlich auch auf den Skihang. Ganz abgesehen von der mentalen Herausforderung, sich auf Skiern den Berg hinunter zu stürzen, stellt der Skisport auch technische Anforderungen: Jede Behinderung erfordert eine spezifische Skiausrüstung. Und die hat es meist in sich – preislich. Wer jedoch nicht gleich mehrere tausend Euro hinlegen will (und kann), kann die meisten Skigeräte in ausgewählten Wintersportorten leihen.

Für nahezu jede Art von Behinderung, von der Querschnittslähmung über Sehbehinderungen bis hin zu mentalen Einschränkungen, gibt es Anpassungen in Skiausrüstung und Ausübungsform, die den Sport für ein breites Spektrum an Menschen zugänglich machen. Doch wie genau sehen die Anpassungen aus und wie organisiert sich der Sport auf Wettkampfniveau?

Vom Rollstuhl auf die Piste – Skifahren mit Mono- und Bi-Ski

Rollstuhlfahrer auf Schnee – wie zum Teufel soll das denn funktionieren? Ganz einfach – mit besagtem Mono-Ski! Ein gefederter Rahmen mit Sitzschale wird auf einem Carvingski angebracht und der Skifahrer in der Sitzschale festgeschnallt. Das Gleichgewicht wird mit Hilfe von Krückenskiern gehalten, die der Skifahrer links und rechts von sich durch den Schnee gleiten lässt.

2012 macht Josh Dueck den ersten Back Flip in einem Sit-Ski!

Was mit einem Mono-Ski alles möglich ist, hat Josh Dueck 2012 mit dem ersten Back Flip bewiesen!

Wer beim Gebrauch seines Unterkörpers stark beeinträchtigt ist, findet im Mono-Ski das geeignete Gerät für verschneite Berghänge. Betroffen sind Menschen mit Querschnittslähmung, Spina Bifida, Multipler Sklerose, doppelter Oberschenkelamputation oder auch einer Cerebralparese. Was mit einem Mono-Ski alles möglich ist, hat Josh Dueck 2012 spektakulär bewiesen: Der nach einem Skiunfall querschnittsgelähmte ehemalige Freeskier stand den ersten Back Flip in einem Sit-Ski!

Für die Benutzung eines Mono-Skis sind allerdings ein relativ stabiler Rumpf und funktionsfähige obere Extremitäten plus Hände nötig. Die stabilere Alternative ist der Bi-Ski, der auf zwei Skiern thront und meist von einer Begleitperson gestützt und mitgelenkt wird. Der Bi-Skifahrer selbst kann sich hier so weit einbringen, wie es ihm möglich ist! Das macht den Bi-Ski zu einem äußerst vielseitigen Gerät, das bei diversen neurologischen und motorischen Einschränkungen eingesetzt werden kann.

Ähnlich dem Alpinskifahren mit Mono-Ski, kann auch beim Langlaufen ein Sitzski verwendet werden. Der Skifahrer bindet sich mit Hilfe von Gurten an einer Art Skischlitten fest. Auch hier sind ein funktionsfähiger Rumpf und eine kräftige Armmuskulatur Voraussetzung.

Stehend Skifahren mit Hilfsmitteln

Wie beim sitzenden Skilauf gibt es auch hier eine Vielzahl von Beeinträchtigungen, für die diese Art von Skifahren geeignet ist. Voraussetzung: Einigermaßen stabil auf einem oder beiden Beinen stehen können.

Krückenskilauf.

Krückenskilauf.
Quelle: https://www.freizeit-pso.at

Für Menschen mit Unterschenkelamputation ist, mit Hilfe von Prothesen, sogar oftmals ein klassisches Skifahren oder Snowboarden möglich. Wer mit einer kompletten Beinamputation lebt, fährt auf einem Bein Ski und hilft sich mit unterstützenden Krückenskiern. Auch für Cerebralparetiker oder Menschen mit spastischer Lähmung ist Skilauf mit Hilfe von Krückenski eine Möglichkeit.

Wer auf zwei Skiern stehen, seine Beine aber schwer kontrollieren kann, dem kann mit einer Skispitzenhalterung geholfen werden. Die Halterung hält die Ski in einer festen Position und macht das Abfahren in einem kontrollierten Pflug möglich.

Blindes Vertrauen – Skifahren mit sehender Begleitung

Wer mit einer Sehbeeinträchtigung lebt, dem steht zumindest schon mal bei der Verwendung einer normalen Skiausrüstung nichts im Weg. Allerdings braucht der Skifahrer einen Begleitläufer, der das „Sehen“ übernimmt und ihn über die Piste leitet. Das funktioniert anfangs über simples An-die-Hand-Nehmen und viel Erklären, später über Zurufe, Headset, Klopfgeräusche – kurz mit jedem denkbaren Hilfsmittel, auf das sich Begleitfahrer und Sehbehinderter einigen können.

Skifahren mit geistigen Beeinträchtigungen

Skifahren mit mentalen Einschränkungen lässt sich weniger leicht in Kategorien einteilen. Möglich ist es aber definitiv auch für Menschen mit Trisomie 21, Autismus, ADS oder anderen Lernbehinderungen. Im Mittelpunkt stehen hier allerdings weniger technische Hilfsmittel, als vielmehr die Frage, wie der Bewegungsablauf beim Skifahren vermittelt und erlernt werden kann. Mit etwas psychologischem Fingerspitzengefühl und speziellen Techniken lässt sich hier viel erreichen.

Skifahren mit Lernbehinderung.

Skifahren mit Lernbehinderung.
Quelle: https://www.freizeit-pso.at

Da mentale Behinderungen sehr häufig auch mit motorischen Einschränkungen einhergehen, wählt man hier das Hilfsmittel, das am geeignetsten erscheint. Krückenski, Skispitzenklemmen, Bänder und Seile – alles, was dem Betroffenen hilft, auf Skiern zu stehen und den Hang hinunter zu gleiten, ist erlaubt. Und wo kein kein selbstständiges Skifahren möglich ist, bietet ein von einem Begleiter gelenkter Bi-Ski eine tolle Alternative. Das Gefühl des Gleitens bleibt das gleiche und bereitet dem Passagier unvergleichliches Vergnügen. Vereine wie Freizeit-PSO in Schladming bieten Skiunterricht für Menschen mit den verschiedensten mentalen Behinderungen an und finden für jeden die passende Art, über den Schnee zu gleiten.

Behindertenskilauf als Wettkampfsport

Der Behindertenskilauf ist mittlerweile weit mehr als nur spaßige Freizeitbeschäftigung: Paralympische Winterspiele, Weltcuprennen, Special Olympics, Winter X-Games – um nur einige internationale Wettkämpfe für Skifahrer mit Behinderungen zu nennen.

Der Sport organisiert sich in verschiedenen alpinen und nordischen Disziplinen, wobei das Internationale Paralympische Komitee (IPC) Regeln vorgibt, an die sich die meisten nationalen Verbände auch größtenteils halten. Das IPC wiederum orientiert sich am FIS-Regelwerk, das unter anderem die Kurssetzung, Torabstände oder die Skilänge für die verschiedenen Disziplinen vorgibt. Man sieht – beim Behindertenskilauf auf professioneller Ebene wird nichts dem Zufall überlassen.

Das Klassifizierungssystem: Welche Behinderungsgruppen gibt es im Wettkampf?

Wie aber wird sichergestellt, dass die Wettkampfbedingungen fair sind? Schließlich geht ein von der Brust ab gelähmter Rollstuhlfahrer mit ganz anderen Voraussetzungen an den Start eines Abfahrtsrennens als ein Skifahrer mit Sehbeeinträchtigung oder ein Oberschenkelamputierter. Die Lösung des Problems: Das Klassifizierungssystem.

Im internationalen Wettkampfsport wird in drei Arten von Behinderungen unterteilt:

  • B1 – B3: Blinde und Sehbehinderte
  • LW 1 – 9: Stehende Klassen (Amputationen, Cerebralparese, Les Autres)
  • LW 10 – 12: Sitzende Klassen (Querschnittslähmung, Spina Bifida, Cerebralparese, Amputationen…)

Vor allem in der sitzenden und stehenden Kategorie wird noch einmal präzise in Klassen unterteilt. Es besteht eben ein massiver Unterschied zwischen einem stehenden Skifahrer mit zwei amputierten Beinen und einem, dem lediglich ein Unterarm fehlt. Auch beim Querschnitt gibt es erhebliche Differenzen: Je höher die Schädigung der Wirbelsäule liegt, desto schwieriger ist es für den Skifahrer, die Kontrolle über seinen Mono-Ski zu bewahren.

Ein Faktorsystem macht die Leistungen vergleichbar

Chrissi mit ihrem Mono-Ski.

Chrissi vom snowclan aus Tirol mit ihrem Mono-Ski. Der Verein organisiert jährlich das inklusive Event SchneeSchmelzGaudi, bei dem sich sitzende und stehende Skifahrer im Gleichmäßigkeitsrennen messen können.
Foto: http://www.snowclan.at/

Damit in jeder der drei Kategorien eine faire Wertung möglich ist und nicht in jeder einzelnen Klasse Medaillen vergeben werden müssen, wurde zusätzlich ein Faktorsystem entwickelt. Jede Klasse wird mit einem bestimmten Faktor versehen, der am Ende alle Klassen innerhalb einer Behinderungsgruppe vergleichbar macht.

Man kann sich das im Prinzip so vorstellen, dass die Uhr während der Zeitnahme für einen stärker behinderten Skifahrer langsamer läuft als für einen geringer beeinträchtigten. So werden die Zeiten vergleichbar und am Ende kann ein Sieger ermittelt werden.

So praktisch das Faktorsystem ist, so schwierig ist es dennoch die verschiedenen Behinderungen angemessen zu kategorisieren und so sorgt das Faktorsystem immer wieder für Kontroversen.

Highlight im 4-Jahres-Takt: Die Paralympischen Winterspiele

Der bekannteste Wettbewerb im Behindertenskilaufs sind ganz klar die Paralympischen Winterspiele. Seit 1976 wird das internationale Event abgehalten. Ursprünglich waren nur alpiner und nordischer Skilauf vertreten, aber im Laufe der Jahre wurde die Liste an Sportarten und Disziplinen beständig erweitert. 2018 waren in Pyeongchang, Südkorea allein im alpinen Skilauf fünf Disziplinen vertreten: Abfahrt, Super-G, Riesenslalom, Slalom und Super-Kombination. Bei den nordischen Disziplinen waren beeinträchtigte Biathleten und Langläufer am Start.

Auch Snowboarder sind übrigens mittlerweile dabei: Die relativ jungen Disziplinen Boarder Cross und Banked Slalom vermischen Elemente aus klassischem alpinem Skilauf und Freestyle und sind definitiv cool anzusehen!

„Adaptive“ Outdoorsport

Nicht nur im Skilauf hat der Behindertensport mittlerweile ein festes Standbein. Auch viele andere Outdoorsportarten öffnen sich immer mehr für eine „adaptive“ Ausübung, wie es der englische Begriff so schön treffend und politisch unverfänglich umschreibt. Meisterschaften im Paraclimbing werden abgehalten, man liest von Menschen, die einbeinig Gipfel erklimmen und – für mich persönlich besonders faszinierend – auch Wellenreiten wird für Behinderte immer besser erschlossen.

Auch viele andere Outdoorsportarten öffnen sich.

Auch viele andere Outdoorsportarten wenden sich immer mehr dem Thema der Inklusion zu und öffnen sich – so zum Beispiel das Klettern.

Grund für diese Entwicklung ist zum einen ein immer größeres Interesse bei Menschen mit Behinderung, ihre Grenzen auszuloten. Zum anderen gibt es stärker werdende Bestrebungen in der Gesellschaft aktiv Inklusion zu betreiben und diese vor allem auch auf Bereiche auszuweiten, die als nicht zugänglich für Behinderte angesehen waren.

Die High Fives Foundation in den USA beispielsweise fördert Extremsportler, die nach einem Unfall in der Ausübung ihres Sports eingeschränkt sind, sich davon aber nicht abschrecken lassen. Kitesurfen, Wellenreiten, Paragliden, Klettern – alles ist möglich, solange man Equipment und Ausübungsform an die körperlichen Möglichkeiten anpasst.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Joerg sagte am 23. Januar 2019 um 21:31 Uhr

    Spitze!!!

    Ich find es einfach nur toll, dass auch Behinderte diese Sportarten machen koennen! Es wird da viel zu wenig dafuer getan, lieber gibt man Geld fuer irgendeinen Schrott aus den niemand braucht(vorallem auch leider immer noch unser lieber Vater Staat) als bei so etwas einfach mal „hinzulangen“! Es muss nicht der grosse Geldbetrag sein es reicht wenn man sieht, dass jemand Probleme hat und einfach hingeht und kurz hilft!

    Einen Riesen Applaus an Euch, dass Ihr ueber dies auch schreibt und der Artikel ist auch wirklich toll geschrieben!!!

    Danke!!!

    Joerg

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