Bergfreunde

Was macht der Pickel im Hörsaal?

26. August 2013

Sportart

Unterwegs in New Hampshire

Lang, lang ist es her, da saß ich in einem Hörsaal der Universität Passau und blätterte durch den Katalog des DAV Summit Clubs. Während der Professor vorne über das Schadensersatzrecht dozierte, träumte ich vom Bergsteigen – ahnungslos und doch sehnsuchtsvoll. Beim Träumen blieb es viele weitere Jahre.

Wie es der Zufall so wollte, war es wieder ein Hörsaal, in dem mein Bergsteigerträume  langsam wahr werden sollten. Inzwischen Doktorandin in Harvard, wurde ich auf ein ganz besonderes Angebot am benachbarten MIT aufmerksam.

MIT, die Nerdschmiede der USA

Das Massachusetts Institute of Technology, kurz MIT, ist der Welt vor allem bekannt als Nerdschmiede. Genies mit Nickelbrille, so stellt man sich das vor, sitzen dort in dunklen Labors und arbeiten an Zukunftstechnologien für Raumfahrt, Militär und Ziviles. Fast 80 Nobelpreisträger hat die Geschichte der Universität aufzuweisen, deren Forscher unter anderem das Radar und, so wie ich das grob verstanden habe, auch das Internet erfunden haben.

Uni mal anders

Eisklettern für Anfänger. Hauptsache irgendwie hoch...

Als ich im Januar 2011 zusammen mit über dreihundert weiteren Wissensdurstigen einen der unzähligen Hörsäle des MITs stürme, stehen jedoch ganz andere Dinge auf dem Curriculum. Auf dem Pult vor der Tafel präsentiert sich eine Auslage von Gegenständen. Eispickel, Rucksäcke verschiedenster Größen, Schlafsäcke, Skibrillen. Geht es hier um die Erfindung der neuesten Generation von Eisgeräten mit eingebauter Heizung? Oder um die Programmierung von satellitengesteuerten Campingkochern? Ist das MIT mit der Outdoor-Industrie eine Partnerschaft eingegangen?

Nicht ganz. Es ist der Start der alljährlichen Winter School des MIT Outing Clubs (MITOC). MITOC ist ein gemeinnütziger Verein, offen für jedermann, der auf informeller Basis Outdoor-Aktivitäten organisiert. In der vierwöchigen Winter School lernt man alles Nötige für eine Winterunternehmung und kann alles einmal ausprobieren: wie es so ist, mit coolen Icetools zu spielen, in einer Schneehöhle zu übernachten, mit Schneeschuhen Yetispuren zu legen, Gipfel bei Schnee und Eis zu besteigen, oder heiße Schokolade auf einem Kocher bei Minusgraden zu brauen.

Nicht für die Schule, für den Berg lernen wir!

Mein Deuter Guide 40+ wurde schnell zum treuen Begleiter und ich zu einem gear nerd

Zweimal pro Woche steht Theorie auf dem Stundenplan. Bis spät in den Abend sitzt man im Hörsaal und hört sich vier oder fünf Vorträge hintereinander an. Es strippt da schon mal gerne eine Studentin von der Hardshell bis zum Base Layer, um das Zwiebelprinzip zu erläutern. Wie erleichtert man sich eigentlich als Mädel, so dick eingepackt? Anna macht es vor. Patrick darf als Baumersatz dienen. Festhalten, in die Hocke gehen, und los! Dann gibt’s keinen Baum mehr, die Baumgrenze ist schnell erreicht in den White Mountains von New Hampshire, die zur Spielwiese der Winter School Teilnehmer am Wochenende werden. Da muss der Pickel dann zur Stabilisierung dienen.

Damit alle besser sehen können, findet die Simulation auf dem Pult statt. Ein gewisser Nerdfaktor ist auch den anderen Vorträgen nicht abzusprechen. Diagramme von Windchill und Isolierungseigenschaften verschiedener Materialien werden mit Power Point an die Wand geworfen. Die Vortragende zum Thema Nahrung ist bedacht, die Untergrenzen der täglichen Kalorienzufuhr bei Outdooraktivitäten zu betonen. Futtern, soviel man möchte! Höchst beliebt ist auch der alljährliche Vortrag eines ehemaligen Militärarztes, der sich auf Erfrierungen spezialisiert hat und die Menge gerne mit Fotos aus der Praxis schockt. Ich möchte mir die Freude am Winter nicht verderben und schwänze provisorisch seinen Vortrag.

Raus in das World’s Worst Weather

Gut eingepackt: auf den Gipfeln der White Mountains brausen die Winde

Seine Warnungen jedoch nehme ich ernst. Wer denkt, kalt geht es nur auf hohen Bergen zu, der irrt. Der höchste Gipfel der White Mountains ist gerade einmal 1917m hoch. Und doch hat er bis 2010 den Rekord für die höchsten je gemessenen Windgeschwindigkeiten gehalten: 372 km/h. Die Whites sind allgemein bekannt dafür, mit dem „schlechtesten Wetter der Welt“ aufzuwarten. Es kann einem die Nase abfrieren, bevor man „Bergfreunde“ sagen kann.

Und trotzdem, was für ein Gaudi, wenn es am Wochenende in Dutzenden von verschiedenen Trips nach draußen geht! Schlafen in der Schneehöhle über der Baumgrenze, Hockeyspielen auf einem See mit langem Zustieg, oder Orientierungsübungen im Stadtpark um die Ecke, wenn man einmal nicht vier Stunden hin- und wieder zurück in die Berge fahren möchte.

Prüfung bestanden!

Eine Truppe Winterschooler und der "alte Mann der Berge"

Bevor ich zum ersten Mal an der Winter School teilnahm, besaß ich einen kleinen Rucksack, ein paar Wanderschuhe und eine Vermutung, dass Wandern nicht gleich Bergsteigen und Klettern noch mal etwas anderes ist. MITOC hat mich innerhalb kurzer Zeit zu einem informierten Outdoor-Enthusiasten transformiert. Und vor allem: zu einem Liebhaber von Ausrüstung! Bald konnte auch ich stundenlang über die Vorzüge bestimmter Materialien, Hersteller und Trinksysteme diskutieren.

Ein Jahr später habe ich selber die Organisation von Trips übernommen und von meiner ersten alpinen Hochtour im Hörsaal berichtet (natürlich mit Power Point!). So habe ich auch Annas Thema weiter ausführen können, wie das mit gewissen Bedürfnissen ist, wenn man zum Beispiel Teil einer Seilschaft ist. Wie ich dann Uni und Berg für die Zukunft zusammenbringen sollte, erzähle ich beim nächsten Mal.

 

* Carolin ist unsere neue Stimme im Basislager. Wie sie zu ihren Geschichten kommt und was genau es damit auf sich hat, hat sie uns in einem Interview erklärt.

 

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