Paraclimbing – kein Platz für Schubladen

21. August 2018

Wenn jemand mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung klettern geht, dann nennt man das Paraclimbing. Die Einschränkungen, mit denen Paraclimber konfrontiert werden, können sehr unterschiedliche Ursachen haben, wie etwa Amputationen, Lähmungen oder extreme Sehschwächen, bis hin zur absoluten Blindheit. In den Kletterhallen sieht man bisher nur selten Kletterer mit Handicap und nur wenige wissen, dass man in der Vertikalen trotz allem sehr gut zurechtkommen kann.

In Deutschland ist das Klettern für Behinderte noch unterrepräsentiert, doch es gibt ein wachsendes Engagement in Form von Kletterkursen und Wettkämpfen, die explizit für Kletterer mit Handicap ausgelegt sind.

Viele Paraclimber berichten von einem neuen Lebensgefühl, das ihnen das Klettern gegeben hat. Sie haben Spaß daran, sich mit den Routen auseinanderzusetzen und entwickeln einen großen Ehrgeiz, um neue Ziele aus eigener Kraft zu erreichen. Diese gewonnene Erfahrung lässt sich für die Kletterer dann auch häufig in den Alltag übertragen.

Ein Wettkampf mit sich selbst

Wer in unserer Gesellschaft mit einer Behinderung lebt, trifft auf Hindernisse – unweigerlich. Eigentlich eine Art Analogie zum Klettern, denn an der Wand ist man ja auch permanent damit beschäftigt, Hindernisse zu überwinden. Ist der Klettersport am Ende ein großer Gleichermacher?

Man könnte fast darauf kommen, denn im Gegensatz zu anderen Behindertensportarten werden beim Paraclimbing keine zusätzlichen – und oft sehr teuren – Hilfsmittel benötig. Deshalb besteht die größte Hürde meist darin, sich zu überwinden und den ersten Schritt zu wagen. Schön ist es, wenn Vorbilder im Paraclimbing zeigen, dass man mit ein wenig Training und Willenskraft die ersten Züge oder Routen schaffen kann und auf die eigene Leistung stolz sein darf.

Die Magie des Kletterns führt Menschen zusammen und lässt diese Selbstbewusstsein gewinnen.

Die Magie des Kletterns kann so einiges schönes zaubern!

Davon berichtet beispielsweise die Paraclimbing Weltmeisterin Melinda Vigh in einem Interview mit der Tageszeitung TAZ: „Klettern hilft mir, die Perspektive zu wechseln. Weil man das für schwere Routen braucht. Das kann ich auf das Leben außerhalb der Kletterhalle übertragen“.

Durch die ständige Anpassung an die wechselnden Ansprüche im Klettern steht man jedes Mal vor einer neuen Hürde, die es zu überwinden gilt. Doch ist diese gemeistert, kommt der Gedanke „Ich kann‘s ja doch, geil!“. Mit der wachsenden Erfahrung entwickelt man ein neues Körpergefühl und Selbstbild. Damit gehen die Paraclimber dann in den Alltag zurück und versuchen, eigenständig Lösungen für aufkommende Probleme zu finden (und das finden sie auch). Ebenfalls gibt ihnen das verbesserte Körpergefühl Sicherheit – sich im Alltag zu bewegen und ihrem Körper zu vertrauen.

Umso besser ist es, wenn es für die Betroffenen die Möglichkeit gibt, das Klettern mit Behinderung genauer kennen zu lernen. Dazu gehören zum Beispiel Inklusionsgruppen in den Kletterhallen und Wettkämpfe, wie der erste nationale Paraclimbing Cup in der DAV Kletterhalle in Karlsruhe.

Erster nationaler Paraclimbing Cup Deutschland

Dieses Jahr hat der erste nationale Paraclimbing Cup in der Kletterhalle der DAV Sektion Karlsruhe stattgefunden. Schon bei der Planung ihrer Kletterhalle hat die Sektion das Thema Inklusion berücksichtigt und die gesamte Halle barrierefrei gestaltet. So kann sich die Inklusionsgruppe der Sektion wöchentlich zum Klettern treffen und in ihrer Teilnehmerzahl wachsen. Durch den Erfolg dieses Angebots fühlten sich die Betreiber motiviert, den ersten nationalen Paraclimbing Cup in Karlsruhe zu veranstalten.

Die Kletterhalle der DAV Sektion Karlsruhe konnte sich über einige Teilnehmer und Zuschauer beim ersten nationalen Paraclimbing Cup freuen.

Full House beim ersten nationalen Paraclimbing Cup in der Kletterhalle der DAV Sektion Karlsruhe.

Mit knapp 75 Teilnehmern war die Halle prall gefüllt. Mitmachen durfte natürlich jeder: vom Anfänger bis hin zum Leistungssportler. Sogar die Athleten des DAV Paraclimbing Nationalkaders waren dabei. Das führte zu einer schönen Mischung aus Hobby- und Leistungssportlern und erfüllte den Tag ganz nach dem Motto „Bei uns ist jeder ein Gewinner“.

Denn das Ziel der Veranstaltung war es nicht, den besten Paraclimber Deutschlands ausfindig zu machen, sondern eine Kulisse zu bieten, in der sich die Kletterer mit Handicap kennen lernen und austauschen konnten – und natürlich weniger erfahrenen Paraclimbern einen Rahmen zu geben, um sich weiter auszuprobieren.

Letztendlich entwickelte sich eine lockere Atmosphäre, in der die Teilnehmer großen Spaß hatten, was sich in diversen offenen Gesprächen zeigte. So erzählte eine Teilnehmerin, es sei echt super, so viele starke Kletterer zu sehen von denen sie lernen könne. Am Ende stand auch sie grinsend auf dem Treppchen.

Wenn diese positiven Erlebnisse nun Andere dazu motivieren, solche Events zu planen, wäre das genau der Erfolg, den sich die Veranstalter wünschen. Sie möchten nämlich diese kleine Sparte unseres Sports vorantreiben. In diesem Sinne: Danke an die Helfer der DAV Sektion Karlsruhe für das große Engagement!

Paraclimbing als Wettkampfformat

Obwohl die Teilnehmer den Vorstieg sicher beherrschen, wird in den Wettkämpfen generell im Toprope geklettert.

Hauptsächlich wird bei den Wettkämpfen im Toprope geklettert.

Wie in vielen anderen Sportarten, gibt es natürlich auch im Paraclimbing ganz offizielle Weltmeisterschaften. Es kommt unweigerlich die Frage auf, wie viele unterschiedliche Wertungsgruppen es wohl geben wird. Schließlich hat ein erblindeter Sportler ganz andere Hindernisse zu überwinden, wie ein amputierter. Wie kann da ein fairer Wettkampf stattfinden? Wir schauen uns das mal an…

Wie wird geklettert?

Selbst wenn viele Teilnehmer den Vorstieg sicher beherrschen, wird in den Wettkämpfen generell im Toprope geklettert. Wie bei den anderen Weltmeisterschaften gewinnt dann die Person, welche die meisten Züge in der Finalroute schafft. Wenn mehrere Kletterer die gleiche Anzahl an Zügen schaffen, gewinnt der schnellste. Wer sich das einmal genauer anschauen möchte, kann sich die Replays der Paraclimbing Weltmeisterschaft von diesem Jahr auf YouTube anschauen – es lohnt sich!

(Un)Fair?

Paraclimbing ist eine vergleichsweise junge Kletterdisziplin, die erst seit 2011 vom International Federation of Sportclimbing (iFSC) veranstaltet wird. Seither gibt es regelmäßig Weltmeisterschaften im Paraclimbing, an denen unter anderem auch schon deutsche Kletterer auf dem Podium standen.

Durch die großen Unterschiede in Bezug auf die jeweiligen Einschränkungen fällt eine faire Einteilung in Leistungsklassen allerdings schwer.

Je mehr Teilnehmer, desto mehr können die unfairen Bedingungen bei den Paraclimbing Wettkämpfen beseitigt werden.

Die Hoffnung des Paraclimbings: Immer mehr Menschen motivieren und gleichzeitig die unfairen Bedingungen beseitigen.

Um die Leistungen der Kletterer mit Behinderung dennoch so objektiv wie möglich zu vergleichen, gibt es offizielle Regelungen der iFSC. Hier werden die Kletterer abhängig vom Handicap in verschiedene Kategorien eingeteilt. Je nach Wettkampfgröße gibt es dann auch eine Unterteilung in die jeweiligen Schweregrade der Einschränkung (1 bis 3).

Daraus ergeben sich bei den internationalen Wettkämpfen folgende Klassen:

  • „B“ – Blinde Athleten (1 bis 3)
  • „AL“ – Athleten mit Beinamputation (1 bis 3)
  • „AU“ – Athleten mit Armamputation (1 bis 3)
  • „RP“ – Athleten mit neurologischer Beeinträchtigung (1 bis 3)

Auf einer WM wird eine Kategorie jedoch nur gebildet, wenn mindestens 6 Athleten aus 4 verschiedenen Nationen teilnehmen. So kommt es dann doch vor, dass es zu nicht ganz „fairen“ Zusammensetzungen kommt. So kletterte zum Beispiel eine amerikanische Teilnehmerin mit nur einem Arm in einer Kategorie mit Teilnehmern, denen lediglich die Hand fehlt. Durch den Mangel an Mitstreitern war es nicht anders möglich. Wenn sie teilnehmen wollte, musste sie das Klettern unter ungleichen Voraussetzungen akzeptieren.

Die Paraclimber hoffen, dass mit steigender Bekanntheit und der damit verbundenen höheren Teilnehmerzahl die Kategorien stärker ausdifferenziert werden können, um faire Bedingungen zu schaffen. Solange gilt immer noch: „Dabei sein ist alles!“

Fest steht: Es ist war und ist sehr beeindruckend, welche Leistungen Paraclimber an die Wand bringen und wieder einmal ein guter Grund, etwaige Vorurteile in der Schublade zu lassen.

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