Bergfreunde

Von einer die auszog, Archivberge zu erklimmen

30. Oktober 2013

Sportart

Dokumente erzählen Geschichte(n).

In meinem letzten Beitrag erzählte ich, wie ich zum Outdoorsport gekommen bin. Als ich vom Hörsaal in die Berge ging, habe ich beschlossen, auch die Berge in den Hörsaal zu bringen.

Eine transnationale Geschichte des Bergsteigens, die erzählt, was Bergsteiger der Welt seit hundert Jahren verbindet und trennt, so lässt sich mein Projekt grob beschreiben.

Gibt es nicht schon genug Bücher über die Geschichte des Bergsteigens?

Glücklicherweise waren die Anhänger des Bergsportes, der sich in seiner modernen Form in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entwickelt hat, schon zu Beginn sehr an ihrer eigenen Geschichte interessiert. Eine Erstbesteigung ist ja schon per Definition ein historischer Akt. Chroniken, Tourenbeschreibungen und geschichtliche Gesamtdarstellungen gab es also von Anfang an, nicht zu vergessen Biographien und Heldenepen. Dieses Material ist jedoch nicht unproblematisch. Wie es die Historikerin Dagmar Günther in ihrem Buch „Alpine Quergänge“ ausgedrückt hat: „Alpinismus-Geschichtsschreibung bleibt Geschichtsschreibung von und für Betroffene.“ Ist das ein Problem? Ja! Wenn nur Insider Bergsteigergeschichte schreiben, geht die Objektivität häufig verloren.

Oft fehlt zudem die Einbindung in größere geschichtliche Zusammenhänge. Auch kritische Fragestellungen, zum Beispiel zum Thema Frauen am Berg, Nationalsozialismus im Alpenverein oder Umweltfragen waren lange kein Thema. Zum Glück hat sich das in den letzten Jahren geändert. Einige Historiker (zumeist Frauen) haben spannende alpinhistorische Werke geschrieben. Zu diesem Trend möchte ich gerne beitragen.

Gefängnisstimmung: Das SAC Archiv lagert in der Burgerbibliothek in Bern.

„Warst du schon beim Reinhold Messner?“

Interessanterweise haben wenige Leute eine Vorstellung, wie Historiker zu ihren Geschichten kommen. Die meisten fragen mich sofort, ob ich denn Reinhold Messner schon interviewt hätte. Natürlich hätte ich nichts dagegen einzuwenden, mit einem Diktafon durch die Gegend zu ziehen und alpine Legenden aufzuzeichnen. Doch um Helden geht es gar nicht in meiner Arbeit. Und um den Reinhold schon gar nicht, der hat selber genug Bücher geschrieben. Meine Arbeit basiert vor allem auf der Auswertung von Archivmaterial.

 

Was sind Alpinarchive?

Das Alpine Museum des DAVs beherbergt auch das Vereinsarchiv.

Die meisten Alpenvereine gründeten sich zwischen 1860 und 1900 und haben seit jeher alle nur erdenklichen Dokumente gesammelt. Einige Vereine, wie der Alpine Club of London, haben ihre Archivmaterialien bei sich gelagert. Andere, wie der Slowenische Alpenverein und der Schweizer SAC haben diese in einem Staatsarchiv untergebracht. Auch die Alpinmuseen besitzen einiges.

Die Situation des Deutschen Alpenvereins ist etwas speziell. Durch seine enge Verbindung mit dem Österreichischen und dem Südtiroler Alpenverein (mehr dazu mal an anderer Stelle), ist das Material auf Deutschland, Österreich und Italien aufgeteilt und wird in einem Archivverbund gemeinsam verwaltet. Wer Lust hat, stöbert mal hier.

Ein eher lockerer Umgang mit Archivmaterialien in Slowenien.

Macht das Spaß?

Archive – das klingt nach viel Staub, kratzbürstigen Damen, die ihre vergilbten Ordner mit Argusaugen bewachen, und nach unfreundlichen Öffnungszeiten. Zugegeben, auf viele Archive trifft das auch zu. Aber auf Alpinarchive? Bei kletterbegeisterten Archivaren anzuklopfen, ist bestimmt nicht jedem vergönnt. Da kann man auch durchaus mal eine Einladung bekommen, nach der Arbeit noch eine Runde Bouldern zu gehen. Einer meiner Lieblingsorte ist das Slowenische Alpenmuseum. Da bekomme ich immer das wunderschöne Konferenzzimmer mit verglaster Front und Blick auf einen Alpenbach zu Verfügung gestellt. Und wenn die nette Mitarbeiterin mir gelegentlich einen Eiskaffee an den Tisch stellt, dann bin ich mir den Neid meiner Kollegen sicher, die woanders unter Essen, Trinken-und Atmen-Verboten-Schildern sitzen.

Die Nadel im Heuhaufen

Äh, wie bitte? Handschriften – oft ein Graus.

Wie findet man nun seinen Weg auf den Archivberg und wieder herunter? Im besten Fall ist eine Liste vorhanden, ein sogenanntes Findmittel, welches das Material einer Sammlung näher erläutert. Je nachdem, wie groß die Bemühungen des Archivars waren, freut man sich manchmal über eine Beschreibung bis auf die Ebene des einzelnen Dokumentes (z.B. „Brief von Messner an Herrn Yeti“), oder stöhnt über mäßig hilfreiche Beschreibung des Archivboxeninhalts wie zum Beispiel „Generelles zur Besteigung verschiedener Berge in zahlreichen Ländern“.

Die Aufarbeitung eines Archives hängt oft von seiner finanziellen Ausstattung ab, aber auch davon, wie intensiv die Alpenvereine ihre Geschichte pflegen. Während dem Deutschen und dem Österreichischen Alpenverein professionelle Archivare und Historiker zur Verfügung stellen, scheint der Bibliothekar im Alpine Club eher dem Klettern als dem ernsthaften Archivieren geneigt zu sein. Apropos Alpine Club…eines Tages nahm mich besagter Herr mit in den Keller. Regale vollgestopft mit Büchern und…Ausrüstung. „Hier, halt mal,“ sagte er und drückt mir eine Eisaxt und einen Alpenstock in die Hand. „Die Eisaxt hat Andrew „Sandy“ Irvine gehört, die wurde am Everest gefunden..“ (DIE EISAXT also!) „…und den Alpenstock hat Whymper auf der Erstbesteigung des Matterhorns benutzt“ (schluck! Wo ist mein Fotoapparat? Nie da, wenn er gebraucht wird). „Die Stiefel hinter dir hat Edmund Hillary auf dem Everest getragen…“

Archivbesuche können also cool, spannend, oder nutzlos sein. Letztendlich kann man sich nur auf seinen Fleiß und sein Bauchgefühl verlassen, ein wenig Glück ist auch dabei. Ein anderes Mal entwickelt sich aus einem einzelnen, zufällig entdeckten Dokument eine ganze Geschichte. Von einem solchen soll im nächsten Beitrag die Rede sein.

* Carolin ist unsere neue Stimme im Basislager. Wie sie zu ihren Geschichten kommt und was genau es damit auf sich hat, hat sie uns in einem Interview erklärt.

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