Bergfreunde

US-Rock-Tour Teil 1 – Yosemite

5. Dezember 2014

Sportart

Yosemite Valley mit El Capitan links und Half Dome hinten

Yosemite Valley mit El Capitan links und Half Dome hinten

Fritz Miller und Flo Böbel unterwegs von San Francisco nach Denver, 26.09.–22.10.2014

Yosemite Valley, Kalifornien. Das beste und bedeutendste Klettergebiet der Welt. Perfekte Felswände, schönes Wetter. Doch als wir zum ersten Mal Hand anlegen, ist es regnerisch und der seltsame Spalt, den wir zum Einklettern ausgesucht haben, sieht nicht gut aus. Flos einzige Zwischensicherung, ein etwas weit geöffneter 5er-Camalot, sieht ein paar feuchte Flechten später einen Sturz der Variante „Arschbombe“. Noch weniger elegant sind meine Bemühungen, in einem viel zu engen Kamin Höhe zu gewinnen… Dann fängt es wieder an zu regnen. Wo sind wir nur gelandet!?

„Take! Take!! Take, motherf*****!!!“

Fritz am Rostrum

Fritz am Rostrum

Ok, wir sollten wohl erst mal kleine Brötchen backen. Der El Capitan „East Buttress“ erscheint angemessen. Tatsächlich läuft es diesmal besser, sodass wir bei der Routenauswahl für den nächsten Tag mutiger sind. „It is hard to imagine a more perfect pillar of rock than The Rostrum”, sagt der Kletterführer. Yeah! Die Route verspricht über acht Seillängen das volle Programm, vom Fingerriss bis zum Kamin, inklusiv zwei dieser ominösen Offwidth-Risse. Wir ziehen unsere Action-Jeans an und machen uns an die Arbeit. Die Schwierigkeiten liegen im 7. und 8. Grad (UIAA). Flo kann sich also voll darauf konzentrieren, der hübschen Belgierin unter ihm Tipps zu geben. Bald laufen wir auf eine amerikanische Seilschaft, bestehend aus einer Frau und einem Mann, auf. Beide sind sehr nett, wie alle Amerikaner, die wir bisher getroffen haben. Aber sie können auch anders. Die Frau, gerade im Vorstieg und kurz davor abzuschmieren, will, dass ihr Kletterpartner das Seil strafft. Es geht ihr nicht schnell genug, und nach dreimal „take“ folgt ein sehr böses Wort…

Half Dome Nordwestwand, Regular Route.

Half Dome Nordwestwand, Regular Route.

Nach einem halben Tag Pause packen wir unser Zeug und marschieren zum Half Dome, dessen 600 m hohe Nordwestwand zu den begehrtesten Zielen im Valley zählt. Während wir im Dunkeln Richtung Einstieg stolpern, sehen wir schon ein paar Stirnlampen leuchten. Ok, nicht allein, war zu erwarten. Tatsächlich sind es dann aber mit uns sechs Seilschaften, die unter der Wand biwakieren und am nächsten Morgen in die Regular Route einsteigen wollen. Und in der Wand hängen auch welche rum. Erhöhte Staugefahr… Sicherheitshalber starten Flo und ich früh. Etwas überrascht stehen wir mittags schon am Gipfel, nach 6,5 h in der Wand, und blicken nicht nur auf eine absolute Traumroute zurück, sondern auch zuversichtlich Richtung El Capitan, unserem nächsten Ziel.

Great Stau unterm Great Roof

Ruhetag. Wir hängen an den El Cap Meadows rum und verfolgen mit dem Fernglas das Treiben in der „Nose“, der wohl berühmtesten Felsroute der Welt. 900 m Wandhöhe, 31 Seillängen steiler Granit, frei geklettert liegen die schwersten im 10er-Bereich, aber es lässt sich fast alles auch technisch klettern. Soweit die Fakten. Wie klein man unter den Wänden des El Capitan ist, kann man hingegen nur schwer beschreiben… Am nächsten Morgen stehen wir am Einstieg. Endlich. Mein Herz hämmert vor Freude und Aufregung. Ein Ringband gerissen, die Schulter ständig überlastet, viel Arbeit als Bergführer in Eis und Schnee, so sah mein bisheriges Kletterjahr aus. Aber jetzt wird sich gleich alles ändern.

The Nose. Die Route folgt grob der Licht-Schatten-Grente.

The Nose. Die Route folgt grob der Licht-Schatten-Grente.

Ein letzter Check: Windeln an? Frische Batterien im Herzschrittmacher? Los geht’s! Noch im Dunkeln lassen wir die erste Seilschaft hinter uns, dann ist die Bahn für ein paar Längen frei. Flo und ich nehmen Fahrt auf, und das müssen wir auch, denn alles ist darauf ausgelegt, dass wir am Abend zurück im Tal sind. Warum? Weil es unser Weg ist, leicht und schnell zu klettern, mit hohem Einsatz und möglichst wenig Technik. Kein Haulbag, keine Steigklemmen, nur eine Bandleiter pro Mann, für die schwersten Passagen. Wir ziehen an drei weiteren Seilschaften vorbei, bis es unterm „Great Roof“ zum großen Stau kommt. Jetzt heißt es warten, während die Sonne gnadenlos brennt…

17:25 Uhr, Flo und ich stehen nach knapp 12 h harter Kletterei am Ausstieg der „Nose“. Schmerzen, Durst und Müdigkeit, die mich zuletzt geplagt hatten, sind vergessen. Das Tal liegt friedlich zu unseren Füßen, der Half Dome leuchtet in der Abendsonne. Es ist einer dieser Momente, in denen die Zeit zu schnell verrinnt.

Text: Fritz Miller

Fotos: Fritz Miller, Flo Böbel

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