Unterschiedliche Schuhleisten – worauf ist zu achten?

Unterschiedliche Schuhleisten – worauf ist zu achten?

6. Dezember 2017

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Unterschiedliche Schuhleisten – worauf ist zu achten?

Für den perfekt sitzenden Schuh bedarf es mehr Wissen als nur die Schuhgröße

Dass es verschiedene Schuhgrößen gibt, dürfte allgemein bekannt sein. Ebenso wie die Tatsache, dass damit in aller Regel die Schuhlänge gemeint ist, welche wiederum der Fußlänge plus einem gewissen Abstand zur Schuhinnenseite entspricht. Dieser Abstand soll bei Bergschuhen 1 bis 2 cm betragen, da sonst bei längeren Abstiegen die mehr oder weniger geschwollenen Füße früher oder später meist schmerzhaft gegen die Schuhvorderseiten stoßen.

Im Grunde könnte das schon ausreichend Grundwissen für einen erfolgreichen Kauf eines passenden Schuhs sein. Aber nur, wenn man zufällig gerade die Fußform hat, die der Hersteller des Wunsch-Schuhs für den Standard hält. Denn der Fußtyp wird bekanntlich nicht nur durch die Länge bestimmt – und der eigene Fußtyp weicht in der Regel etwas von der Norm ab (was auch daran liegen könnte, dass es diese statistische Größe nur auf dem Papier gibt). Man sollte also noch ein paar mehr Dinge als nur die eigene Schuhgröße kennen, wenn man den passenden Sitz nicht dem Zufall überlassen will.

Fußform = Leistenform = Schuhform

Da der Leisten manchmal unter den Produktmerkmalen eines Schuhs angegeben wird, könnte man meinen er sei ein Bestandteil. Doch er befindet sich keineswegs im Schuh, sondern nur in den Werkstätten der Hersteller und der immer selteneren Schustereien, wo er als Blaupause und Formgeber für Schuhschaft und -Sohle dient. Das er nur eine vergröberte Kopie des Fußes ist, ohne die Zehen, Ecken, Kerben und anderen Feinheiten, reicht völlig aus, denn die mehr oder weniger weiche Schuhinnenseite muss den Fuß nicht komplett millimetergenau abbilden.

Dieser fußförmige Klotz besteht im oft handgeschnitzten Original meist aus Holz und bei den Kopien für die Massenproduktion meist aus Kunststoff. Die meisten Hersteller verwenden einen Standardleisten als Vorlage für ihre Schuhserien und versuchen abweichende Fußformen vor allem mit ergänzenden Schuheinlagen zu bedienen. Manchmal wird der Standardleisten noch in einer breiteren und einer schmaleren Version gefertigt, doch allein das macht die Produktion schon deutlich aufwändiger und teurer. Nur Wenige nehmen die Mühe in Kauf, mehrere Leisten für spezielle Fußformen vorzuhalten. Da der Leisten im Grunde gar nichts anderes ist als die Fußform ist, sollte man auch den Fuß etwas genauer kennen lernen. Auch weil die Leistenformen sowieso meist nach den Fußformen oder Details der Fußanatomie benannt sind.

Fußtypen und Anatomie

Es gibt zwei Kriterien, nach denen Fußtypen meist eingeordnet werden: der Zehenform und der Gesamtfußform. Aus der Zehenform hat man drei Typen abgeleitet, aus der Fußform vier.

Nach Zehenform unterscheidet man Ägyptische Füße, Römische und Griechische Füße:

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    Die drei Zehenformen

    Beim Ägyptischen Fuß ist der Große Zeh auch der Längste, während die Zehen 2 bis 5 von oben betrachtet mehr oder weniger steil und mehr oder weniger geschwungen nach hinten zur Seite ziehen.

  • Beim Römischen Fuß hat der zweite und bisweilen auch der dritte/mittlere Zeh die gleiche Länge wie der Große, während der Rest in bekannter Weise nach hinten zur Seite zieht.

  • Beim Griechischen Fuß ist der zweite Zeh länger als der Große und der Mittlere gleich lang oder kürzer als der Große.

Diese Unterteilung ist schon mal präziser als nur die Länge, sagt aber über den nicht ganz unwichtigen Rest des Fußes (also die Fußform) noch nicht viel aus. Die Typisierung hat hierfür vier Haupttypen ausgemacht, Romanisch, Angelsächsisch, Germanisch und Baltisch:

  • Der angelsächsische Fuß ist relativ gerade, schmal und länglich, mit einem langen dominanten großen Zeh.

  • Der germanische Fuß ist sichelförmig und in der Ferse schmaler als im Vorfuß.

  • Der romanische Typus ist deutlich gerader, als der Germanische und insgesamt breit und voluminös.

  • Der baltische Fußtyp ist die breite Variante des Angelsächsischen, wobei der große Zeh noch dominanter ist und die Ferse in der Breite dem Vorfuß gleich kommt.

Ob diese Typenlehre mit ihren europäischen Bezeichnungen für die ganze Welt zutrifft? Zumindest in Europa wird man damit die gängigen Formen gut abgedeckt haben.

Ab wann ist ein Fuß breit oder schmal?

Breit oder schmal sind die zwei simpelsten Grundausprägungen des Fußes. Doch welche Proportion zur Länge ist schmal oder breit? Das wird keineswegs immer angegeben und muss oftmals per Augenmaß eingeschätzt werden. Einen Umrechnungsfaktor kann man sich nur ungefähr aus Länge-Breite-Tabellen wie der Bont Tabelle ableiten. Hier ein Beispiel für Schuhgröße 45:

Länge: 28,5 cm. Die Breite eines „Normalfuß“ in Größe 45 wäre dann zwischen 10,6 und 11 cm. Die eines „Schmalfußes“ kleiner als 10,6 cm und die eines „Breitfußes“ größer als 11 cm. Man könnte jetzt einen Umrechnungsfaktor daraus ableiten, doch das macht wenig Sinn: er ändert sich nämlich von Schuhgröße zu Schuhgröße. Da ist der Blick in die Tabelle letztlich einfacher.

Würde man das Kriterium der Breite samt seiner Ausprägungen schmal, normal und weit mit den vier Zehentypen kombinieren, hätte man schon zwölf mögliche Fußtypen. Kombiniert man sie dann noch mit den vier Formtypen, käme man auf 48 mögliche Fußtypen, die den passenden Leisten und Schuh suchen. Da es außerdem noch viele weitere, vielfältig geformte „Fußabschnitte“ wie: Zehen, Ballen, Ferse, Innen- und Außenrist, Spann, Quergewölbe, Längsgewölbe gibt, die alle in verschiedenen Proportionen zueinander aufgebaut sein können, kommen unendliche weitere Kombinations- und Differenzierungsmöglichkeiten hinzu.

Hier ahnt man langsam, wie komplex die Erfassung des Fußes und seine „Übersetzung“ in passende Schuhe wirklich ist. Bei der Anatomie wird es ohnehin unübersichtlich, da der Fuß wirklich eine Menge „Bauteile“ hat. Die wohl einfachste anatomische Gliederung ist die Dreiteilung in drei etwa gleich lange Segmente von vorn nach hinten: Vorderfuß, Mittelfuß, Rückfuß. Zwar nicht sehr präzise, aber sehr praktikabel, da man hier immer unmissverständlich weiß, wo man sich ungefähr befindet.

Für mehr Volumen: der Spann

Mit der Länge und der Breite sind zwei Dimensionen abgedeckt, doch der Fuß hat bekanntlich drei. Es fehlt also noch die Höhe, die hauptsächlich durch den Spann „erzeugt“ wird. Der Spann beginnt bei den Zehen und erstreckt sich bis zum Knöchelgelenk und unteren Schienbein. Er kann flach oder steil verlaufen, was die Fußform erheblich beeinflusst.

Für einen „steilen“ Spann passt natürlich nur ein Schuh mit einem genügend geräumigen Schaft. Die Schafthöhe und -Weite kann aber normalerweise dank Schuhzunge und Schnürzug genügend angepasst werden, um die meisten Spann-Formen abzudecken. Ergänzend werden oft auch Einlegesohlen als Möglichkeit der Volumenverkleinerung genannt. Das sollte meiner Meinung nach nur die letzte Möglichkeit sein, falls sich wirklich partout kein passender Schuh finden lässt.

Spezialfälle

Hallux Valgus: klingt wie etwas, das aus dem Magen hochsteigt, ist aber eine Fehlstellung des großen Zehs, meist ein Knick in Richtung des Nachbarzehs mitsamt einer bei Schuhkontakt früher oder später schmerzenden Ausbeulung des Zehengrundgelenks. Meist entsteht Hallux Valgus durch häufiges Tragen von unpassendem Schuhwerk in Verbindung mit einer unnatürlich veränderten Art des Fußgebrauchs beim Gehen. Einige Hersteller bieten spezielle Leisten für diesen Spezialfall an, dazu gleich mehr.

Senkfuß und Plattfuß: Auch dieser Fall ist so häufig, dass einige Hersteller spezielle Leisten dafür verwenden. Hier lässt die geschwächte Muskulatur im Längsgewölbe die Knochen in Richtung Boden absinken, anstatt sie in der vorgesehenen Position zu halten. Wenn der Fußabdruck noch halbwegs sichelförmig ist, spricht man vom Senkfuß, wenn er komplett aufliegt, vom Plattfuß. Der Plattfuß kann sich durch die verstärkte Belastung der Fußinnenseite zu einem Knickfuß „weiterentwickeln“. Ab diesem Stadium hat man größere Probleme als die Wahl des optimalen Wanderschuhs.

Zu guter Letzt gehört noch der Spreizfuß in die Liste der beliebtesten Fußspezialitäten. Beim Spreizfuß ist die Muskulatur im Quergewölbe geschwächt, jenem leicht nach oben gewölbten Bogen, den der Fuß knapp hinter und parallel zu den Zehen beschreibt. Die Zehen werden durch das Absinken des Quergewölbes konzentrisch nach außen gedrückt und auseinandergespreizt.

Die genannten Fehlstellungen treten natürlich auch gern kombiniert auf und wirken tendenziell gegenseitig verstärkend aufeinander. Doch Diagnosen und Symptomverläufe sollen hier nicht das Thema sein, es geht hier mehr um Überblick und Einordnung als um Details und Spezialfälle.

So vielfältig wie der Fuß: verschiedene Hersteller und ihre Leisten

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Die Hanwag Leisten

Es braucht also eine gewisse Palette an verschiedenen Standardleisten, damit die Vielfalt der Fußformen von Seiten der Hersteller einigermaßen abgedeckt ist. Die meisten Hersteller verwenden zwischen zwei und sechs verschiedene Leisten, die sie auf verschiedene Modelle und Serien verteilen. Nur selten gibt es verschiedene Ausführungen wie besonders weit und besonders schmal für ein und dasselbe Schuhmodell. Dennoch ist das Spektrum an Größen und Formen bei den meisten Produzenten groß, sodass es auch eine entsprechend große Zahl an verschiedenen Leisten als Vorlage braucht. Schauen wir uns einige Beispiele an.

Bei Lowa lässt sich die Modellsuche (hier in der Beispielsuche nach Backpackingschuhen) nicht nur nach Standardkriterien wie Schuhgröße, Geschlecht oder Schuhtypen filtern, sondern auch nach breiten und schmalen Leisten.

Darüber hinaus werden unter dem Menüpunkt „Passform und Qualität“ auch die verschiedenen Leisten erklärt. Für jeden Schuhtyp hat Lowa spezielle Leisten nach den jeweils besonderen Anforderungen und Erfahrungswerten modelliert. Für die Damenmodelle verwendet Lowa spezielle Leistenformen. Die Unterscheidung der Leistenformen richtet sich quasi selbsterklärend nach der Fußform:

  • Standard Leisten: normale Leistenform
  • S-Leisten (schmal): weniger Platz um den Vorfuß/Ballenbereich
  • W-Leisten (weit): mehr Platz um den Vorfuß/Ballenbereich
  • WXL-Leisten: erweiterter Zehenbereich kombiniert mit mehr Volumen im Ballen

Bei Hanwag weichen nicht nur die Formen und Bezeichnungen leicht ab, sondern es gibt auch so viele verschiedene Leisten wie bei kaum einem anderen Hersteller. Neben den geschlechterspezifische Leisten wären da die Leisten nach Einsatzbereichen (z.B. etwas weiter für die Linien Trek und Trek Light, enger für die Rock-Serie). Zusätzlich gibt es sechs Spezialleisten für Leute, die keinen „Standardfuß“ haben:

  • Wide-Leisten: Der Fersenbereich ist normal konstruiert, allerdings bietet der Schuh im Vorfuß- und im Ballenbereich mehr Platz. Wide-Modelle sind für Menschen, denen ein „normales“ Modell vorne zu eng ist.
  • Narrow-Leisten: Narrow ist das englische Wort für Schmal. Dieser Leisten passt all jenen, denen ein normal geschnittener Schuh zu weit ist. Der Hanwag Tatra ist bspw. in einer entsprechenden Variante erhältlich.
  • Bunion-Leisten: Hallux Vagus, also der Schiefstand der Großzehe in Verbindung mit einer Versteifung des Großzehengrundgelenks, ist vor allem für Frauen, aber auch viele Boulderer und Sportkletterer ein bekanntes Problem. Hanwag verwendet deshalb den bisher einmaligen Bunion-Leisten. Er bietet im Bereich des Großzehengrundgelenks deutlich mehr Platz.
  • Straightfit-Leisten: Dieser Leisten brilliert vor allem durch eine geräumige Zehenbox und ist gedacht für Menschen mit breitem Vorfuß.
  • Alpin-Wide-Leisten: Der normale Alpine-Leisten ist eher schmaler konstruiert, damit er eine bessere Performance lifern kann. Wer hier gerne dennoch etwas mehr Platz braucht, greift zur Alpin-Wide-Leiste. Hier besteht auch die Möglichkeit, mit dickeren Socken zu arbeiten.
  • Naturalfit Leisten: Durch die NaturalFit Technologie wird die natürliche Haltung des Fußes unterstützt und das Barfußgehen immitiert. Großartig auf Reisen und im Alltag.

Der italienische Produzent Aku verwendet für seine Outdoor-Schuhe ebenfalls sechs verschiedene Leisten, die mit anderen Begriffen bezeichnet ein sehr ähnliches Formenspektrum abdecken wie  Hanwag. Unter der Überschrift „Formenstudium sind sie jeweils kurz beschrieben.

Bei anderen Herstellern wie Meindl gibt es zwar keine Beschreibungen der Leisten, doch dafür lässt sich die Modellsuche nach Fußform und diversen anderen Filtern vornehmen.

Die Firma Dachstein hat die Schuhweite ebenfalls im Filter der Modellsuche eingebaut. Allerdings erfasst die Spezifizierung hier wie da mit der Breite nur eine der vielen möglichen Formen und Eigenschaften eines Fußes/Leistens/Schuhs.

Fazit

Ein wirklich präziser Filter, der mehrere Formenmerkmale umfasst und kombiniert, wäre noch viel aufwändiger, da man so jedes Schuhmodell einzeln möglichst detailliert erfassen müsste. Das ist für einen einzelnen Hersteller durchaus noch zu leisten, wird für einen Reseller mit X-Marken im Angebot aber zu einer Herkulesaufgabe. Zumal das zuverlässige Erkennen der Formen und spezifischen Merkmale nicht mal eben im Vorbeigehen zu machen ist, sondern einen genauen Blick mit geschultem Auge braucht. Ganz abgesehen davon, dass die Serien und Modelle ständig wechseln.

Man muss sich also bis auf weiteres die (überschaubare) Mühe machen, die eigenen Fuß-Maße und -Formen herauszufinden (Habe ich einen baltischen Fuß? Ist mein Fuß relativ schmal oder breit? …) und die Werte einzuordnen. Letzteres kann man anhand von Schuhgrößentabellen, die es im Netz an jeder Ecke gibt. Allerdings gibt es nur wenige, die über die Fußlängen hinausgehen – so wie die oben erwähnte Bont-Tabelle, die auch die Fußbreite einbezieht.

Es gibt also viele gute Ansätze, doch bislang noch kein Gesamtpaket, um Füße, Leisten und Schuhe wirklich genau passend zusammenzuführen. Wer den wirklich passenden Leisten sucht, muss in der Regel bei den einzelnen Herstellern auf die Suche nach Informationen gehen. Ich hoffe dass dieser Artikel dazu beiträgt, das Ganze künftig stressarm und effizient abzuwickeln.

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