Ausrüstung

UIAA Water Repellent Zertifizierung – die neue Norm für imprägnierte Seile

31. Juli 2014

Kategorie

Sportart

Die UIAA definiert eine neue Norm (Foto:UIAA)

Die UIAA definiert eine neue Norm (Foto:UIAA)

Es kommt Bewegung in den Kletterseilmarkt. Die internationale Kletterföderation UIAA hat sich Gedanken zur  Imprägnierung von dynamischen Seilen gemacht.

Und wenn sie schon dabei sind, haben sie definiert unter welchen Bedingungen eine Imprägnierung getestet wird – und eine Norm aufgestellt. Das erste Mal im Februar 2014 und später eine überarbeitete und wohl vorerst endgültige Version.

Ein Seil, dass diese Norm erfüllt, darf fortan die Zertifizierung „UIAA Water Repellent“ tragen, damit werben und das UIAA Logo tragen.

Aber müssen wir jetzt alle loslaufen und neue Seile kaufen? Müssen wir Angst haben, dass unsere Kletterseile, die wir Zuhause haben nicht mehr sicher sind? Hier ein paar Infos zu der neuen Norm und Anregungen für Gedankenspiele und Diskussionen.

Die schlechte Nachricht zuerst, auch wenn sie eigentlich nicht mehr ganz neu ist, es hat sie nur vorher keiner in Zahlen ausgedrückt. Ein vollgesogenes Seil ist nicht so belastbar wie ein trockenes und Wasser kann zu einer Reduzierung der Normsturzzahl führen. Laut Mammut verkraftet ein unbehandeltes, nasses Seil gerade mal noch 30% der Normstürze, wohingegen ein vollimprägniertes Seil noch 80% seiner Belastbarkeit hat.

Aber der Reihe nach …

Was besagt die Norm

Die UIAA hat einen standardisierten Test ausgearbeitet, um die Aufnahmefähigkeit dynamischer Seile für Wasser zu testen.

Hierfür wird das Seil abgenutzt (nach einem standardisierten Verfahren) und anschließend unter genau definierten Bedingungen für einen bestimmten Zeitraum (15 Min.) mit Wasser in Kontakt gebracht. Anschließend wird gemessen, wie viel Wasser das Seil aufgenommen hat. Beträgt die Wasseraufnahme weniger als 5%, bekommt das Seil die Zertifizierung „UIAA Water Repellent“ und der Hersteller darf damit werben.

Was sagt die Norm nicht

Die Norm sagt zunächst mal nichts über die Haltbarkeit eines Kletterseils aus, denn die hängt noch von anderen Faktoren ab,  z.B. Mantelanteil, Stärke, Webart, etc.

Die Norm sagt auch nicht, wie viel ein nasses oder ein trockenes Seil aushält. Dass nasse Seile nicht so belastbar sind wie trockene, weiß man schon lange aber wie viel ein Seil jeweils aushält, hängt wieder vom jeweiligen Modell ab.

Was bringt die Norm

Auf den ersten Blick vielleicht nicht sooo viel auf den zweiten aber schon eine ganze Menge.

Zunächst mal ist es gut, wenn solche Tests vereinheitlicht und allgemein gültige Standards festgelegt werden. Nur so lassen sich Seile zuverlässig miteinander vergleichen und der Kunde kann das für ihn passende Seil aussuchen. Bisher konnte jeder Hersteller an sein Seil schreiben, es sei imprägniert und „Dry“ aber was genau das hieß, wusste eigentlich keiner. Jetzt hat der Kunde einen Anhaltspunkt, an dem er sich orientieren kann.

Und neue Normen führen dazu, dass Hersteller sich Gedanken über die entsprechenden Anwendungsgebiete machen – und vielleicht das eine oder andere Produkt überarbeiten. Auf diese Weise entstehen wieder neue verbesserte Herstellungsprozesse und hoffentlich auch bessere Produkte. Zudem wird sich der Standard für hoch-imprägnierte Seile erhöhen. Wenn man ein solches Seil braucht, ist man mit einem Seil der neuen Norm auf der sicheren Seite.

Wie reagieren die Hersteller auf die Norm?

Der neue Ropefinder von Mammut

Der neue Ropefinder von Mammut

In erster Linie reagieren die Hersteller, die Seile haben, die die Norm erfüllen und somit mit der Zertifizierung werben können. Beal und Edelweiss waren (laut eigenen Angaben) die ersten, die alle Fasern ihrer Seile imprägnierten, also auch den Kern. Dadurch haben sie jetzt schon Seile, die die Norm erfüllen. Allerdings hatten sie die vorher eigentlich auch schon.

Mammut stellt seine Klassifizierung von Kletterseilen komplett um und richtet sie nach der Norm und dem damit verbundenen Test aus. Zukünftig (ab Anfang 2015) gibt es die Klassen Dry, Protect und Classic.

Nachtrag (23.02.2016): Edelrid hat sein komplettes Sortiment an dynamischen Kletterseilen neu sortiert und zu einem guten Teil überarbeitet. In Zukunft gibt es die Kategorien „Pro Line“ und „Sports Line“. Die Seile der Kategorie „Pro Line“ entsprechen der UIAA Water Repellent Norm und tragen daher den Zusatz „Pro Dry“ in Namen. Sprich, sie sind imprägniert.

Vermutlich werden die anderen Hersteller früher oder später nachziehen. Entweder mit Seilen, die nun nach der Norm produziert werden oder mit bestehenden Modellen.

Die Gretchenfrage: brauchen wir jetzt alle neue Seile?

Jetzt kommt die gute Nachricht: Nein, brauchen wir nicht. Als Sportkletterer ist man normalerweise bei trockenem Wetter unterwegs und sollte sich ohnehin vor der Tour informieren, ob Regen oder gar Gewitter vorhergesagt sind. In diesem Fall bleibt man besser Zuhause oder geht in die Halle. Und ein Seil, das ein paar Tropfen Wasser abbekommen hat, wird nicht sofort reißen, wenn man sich reinsetzt.

Die Norm geht von Seilen aus, die über einen Zeitraum von 15 Min. einer größeren Menge Wasser ausgesetzt waren. Das hat man beim Sportklettern normalerweise nicht. Wer häufig in Mehrseillängen unterwegs ist, sollte ohnehin hochwertigere und imprägnierte Seile in seiner Ausrüstung haben. Wenn man sich die Testergebnisse von Mammut ansieht, dann schaffen diese Seile auch noch 50% der Normstürze und die Wahrscheinlichkeit, dass man einen erlebt, ist schon sehr sehr gering.

Die Norm ist deshalb vor allem für Leute interessant, die in Disziplinen unterwegs sind, bei denen es regelmäßig richtig nass wird, also Eisklettern, Hochtouren, Erlebnispädagogik, Canyoning, Big Wall Klettern etc. Hier sind die neuen Erkenntnisse natürlich Gold wert. Allerdings war man hier schon früher gerne mit stark imprägnierten Seilen unterwegs, da nasse Seile nicht nur eine geringere Belastbarkeit haben, sondern auch das Handling schwer nachlässt. Zudem gilt: ein trockenes Seil friert nicht ein, ein nasses schon.

Fazit des Ganzen

Gut, dass sich jemand dem Thema angenommen hat und es nun definierte Standards gibt. Allerdings sollte man diese Norm nicht automatisch auf die Haltbarkeit oder Qualitätsprüfung von Kletterseilen übertragen. Ein Seil ist nicht automatisch gut, nur weil es voll imprägniert ist. Ein Kletterseil ist viel mehr als seine Imprägnierung. Was bringt mir ein toll imprägniertes Seil, wenn es schlecht gewoben ist und dadurch stocksteif kaum durch den Tuber läuft, wenn ich in einer Kletterhalle stehe?

Außerdem sollte man nach wie vor schauen, für was man sein Seil braucht. Klettert man hauptsächlich in der Halle und im Klettergarten, dient die Imprägnierung höchstens als Schutz vor Sand und Dreck, da reicht auch eine einfache Imprägnierung. Die alles entscheidende Frage ist eigentlich: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mein Seil einer 15 minütigen „Flutung“ ausgesetzt ist und ich anschließend noch mehr als zwei bis drei Normstürze hinlege?

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Henning sagte am 6. August 2014 um 23:10 Uhr

    Ergebnispädagogik?

  2. Wiebke sagte am 7. August 2014 um 07:36 Uhr

    Hätte aber auch irgendwie gepasst :-) Aber danke für den Hinweis, habe es geändert. Gruß, Wiebke

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