Bergfreunde

Es lebe Peladeira – Klettern in Brasilien

27. November 2015

Sportart

Klara und Georg vor dem Pedra Riscada

Klara und Georg vor dem Pedra Riscada

Bergfreunde Klara und Georg haben es schon wieder getan. Die Zwei haben ihre sieben Klettersachen gepackt und sind in das entfernte Brasilien gereist. Dabei haben sie sich zum Ziel gemacht, als Erste die Bigwall-LinieDiedro Peladeira“ (800m, 7a, A2+, E4) an der Pedra Riscada in Brasilien zu wiederholen. Ob Klara und Georg die „unkletterbare Wand“ im Herzen des brasilianischen Dschungels bezwingen und welche logistischen Herausforderungen ihnen im Wege stehen, stellen sie Euch selbst vor.

 


Mit gemischten Gefühlen empfängt uns der brasilianische Abenteuerkletterer Eduardo in Belo Horizonte. Voller Begeisterung darüber, dass endlich jemand seine Bigwall-Linie an der Pedra Riscada wiederholen will, aber stark zweifelnd, ob die zwei „Gringos“ mit dieser gewaltigen Herausforderung zurechtkommen. „Ihr habt keinen 6er Camalot? Ihr habt keinen Talon? Ihr habt keinen…?“ So geht das eine ganze Weile. Alle Fragen werden mit einem langen „Hmmmm…“ kommentiert. Gemeinsam schauen wir Bilder der Erstbegehung an, während er die spannende Geschichte seiner „Diedro Peladeira“ erzählt. Alle Haken der insgesamt 17 Seillängen wurden von den vier Erstbegehern mit der Hand eingeschlagen – bewundernswert an und für sich. Es sind aber nicht handelsübliche Bohrhaken von wenigen Millimetern Durchmesser, sondern die für Brasilien typischen, dicken Grimpou – 14mm – Brummer. „In besten Zeiten habe ich sieben Grimpou am Tag geschafft“, erzählt Eduardo stolz. Aber was sind schon sieben Haken auf über 800 Klettermetern. Nach den Hakenabständen brauchen wir nicht zu fragen. Da hilft nur Augen zu und durch, wir sind schließlich keine Gringo-Weicheier.

Logistische Herausforderung 2.0 – „Bail on the approach“?

Klettern in Brasilien mit logistische Herausforderung

„Als ich mir den riesigen Haulbag auf den Rücken hieve, versinke ich gefühlt zehn Zentimeter im Boden.“

Oder doch Weicheier? Majestätisch erhebt sich hinter kargem Weideland, beschützt durch einen schmalen Dschungelstreifen, die riesige Granitkuppe. „Pedra Riscada“ bedeutet so viel wie „die Gestreifte“, wegen der auffälligen Wasserrillen, die vom Wandfuß bis zum Gipfel ziehen. Atemberaubend schön ist die Granitkönigin von Minas Gerais. Ein ganz anderer Berg macht uns vorerst mehr Sorgen – wie sollen wir all das Material zum Dschungel und diesen hinauf bis unter die Wand schleppen, geschweige denn die vertikale Wand hinauf? Als ich mir den riesigen Haulbag auf den Rücken hieve, versinke ich gefühlt zehn Zentimeter im Boden. Vermutlich ist all das hier der Grund, warum die wenigen Kletterer, die es hierher verschlägt, lieber „Place of Happiness“ wiederholen: fünf Minuten Zustieg bei 15 Minuten Autoentfernung zur Unterkunft mit fließend Wasser, Betten, Kühlschrank und Eddies liebevollem Lieferservice. Die in deutschen Artikeln beschriebene „unkletterbare Wand“ mit „unglaublicher, logistischer Herausforderung“ passt eindeutig besser zu „unserer“ Seite der Riscada.

Georg auf der Bigwall-Linie „Diedro Peladeira“

„Immer in Bewegung bleiben.“

Dschungel-Oase

Erfrischend kühl ist die Luft im Urwald, eine Welt für sich. Die hohen Bäume mit ihren riesigen Blättern bilden ein eigenes, angenehmes Mikroklima in der stickigen Hitze der Außenwelt. Mit Flechten und Moosen überzogene Steine, Farne, Büsche, Bäume – alles ist durch Schlingpflanzen miteinander verwoben. Die Farbe Grün gibt es in allen Tönen, dazwischen bunte Blüten und Schmetterlinge. Wären da nur nicht diese Mücken: zu Hunderten stürzen sie sich auf uns. Das heißt, auch im anstrengenden Zustieg besser immer in Bewegung bleiben! Keine Verschnaufpause bleibt ungestraft. Auf einem riesigen, flachen Stein im trockenen Bachbett errichten wir unser Basislager. So fremd wir uns hier noch fühlen, in dieser seltsamen Dschungelwelt mit ihren ungewohnten Gerüchen und Geräuschen, umso tiefer ist sie uns bald ans Herz gewachsen. Der Wald pulsiert, er lebt und bietet alles, was wir brauchen – Wasser, Schutz und einen Ort um Energie zu tanken. Das Basislager ist unsere kleine Oase.

Mit der Machete durch das Dickicht

Wie eine Folter ist hingegen der anstrengende Aufstieg zum Wandfuß. Durch steilen Dschungel, hier und da über einen glatten Felsen bouldern, zwei Mal durch einen engen Durchschlupf zwischen den großen Steinen. Ohne Eduardo hätten wir sicherlich Tage gebraucht, um einen guten Weg durch das Dickicht zu finden. Trotzdem bleibt die Wegfindung eine Herausforderung – am großen Baum links, am Kaktus rechts. Die Lastenschlepperei hat dennoch Vorteile: unsere Füße finden den Weg bald wie von selbst und gleichzeitig werden wir schlank und fit für unser großes Vorhaben.

Schwäche oder Stärke?

Das unkletterbare Bollwerk Riscada: eine 1200 Meter hohe, kompakte Wand mit einem Umfang von mehr als 12km. Es gibt nur wenige logische Linien, eine davon ist die steile Rissverschneidung an ihrer Westwand, die bis zum flacheren Teil der Wand hinauf zieht. Ob man hier über eine „Schwäche“ der Wand sprechen kann?! Denn so einfach diese Rissverschneidung aussieht, sie hat so ihre Tücken. Der Spalt ist durchweg mit Moos, Büschen und stacheligen Bromelien zugewachsen, die Felsoberfläche oft brüchig und mit Friends schlecht abzusichern. Im steilen Teil der Wand ist deshalb überwiegend technisches Klettern angesagt, für uns eine neue Erfahrung. Mit Talon und Cliff geht es an teils brüchigen Strukturen durch die kompakte Wand. „Ziiing“ verabschiedet sich immer wieder eine Sicherung, eine Körperseite klafft im Leeren. Ein kurzer Schock durchzieht den Körper – hält wenigstens die zweite Sicherung oder geht es wieder rasant talwärts?! Ein Pokerspiel für die Nerven, das kraftraubender ist als jegliche freie Kletterei. So kommen wir nur langsam vorwärts, das tägliche Depot mentaler Kraft reicht nicht besonders lang. Zudem prallt mittags die Sonne unbarmherzig auf die Westwand, wir braten wie zwei Stück Speck auf der Pfanne. So sind wir zu einem recht gemütlichen Tempo gezwungen und entdecken die Freuden der Langsamkeit. Stundenlang schauen wir in die Ferne, lauschen dem Dschungel, beobachten die Affen und die Adler. Es bleibt auch Zeit genug die Strategie zu überdenken: erstes Ziel ist das kleine Felsband oberhalb der achten Seillänge, wo wir unser ABC mit Portaledge aufbauen. Danach belohnen wir uns mit einer ausgiebigen Pause im Basislager und füllen unseren Wasservorrat, bevor wir den Bodenkontakt aufgeben, um den oberen Teil der Wand zu bezwingen.

Die Sau muss rauf

Kein Wunder, dass die Amis ihre Haulbags liebevoll „pig“ nennen! Wie ein Zug mit mehreren Wagons hängen Haulbags und Portaledge an der Wand, es könnte ein Zug der Deutschen Bahn sein ;-D Nichts rührt sich. Ich ziehe und hieve, die Last bewegt sich nicht einen Millimeter. Die ernüchternde Einsicht, so geht es nicht. Last aufteilen und mehrfach haulen? Nein danke! Meine Körpermasse wird kurzerhand zum Gegengewicht für die Bags umfunktioniert. Ich fahre ruckweise herunter, während sich das Material aufwärts bewegt. Zunächst scheint es, dass ich diesmal die weniger anstrengende Arbeit abbekommen habe. Nur einen kleinen Haken hat die Sache: ich muss immer wieder nach oben steigen. Dumm gelaufen, ich darf die acht Seillängen letztendlich mehrfach jumaren. Einen gesamten Tag schweißtreibende Arbeit später sitzen wir endlich wie im Adlerhorst auf knappen zwei Quadratmetern mitten in der Wand und genießen einen gigantischen Sonnenuntergang. Leid und Freud am Bigwall-Klettern liegen oft ganz nah beieinander.

Georg hangelt sich von Ast zu Ast bis zum Gipfel

„Oben bist du erst, wenn du den Wipfel des höchsten Baumes erreicht hast.“

Endlich freies Klettern

Ab hier gibt es auch endlich wieder mehr freie Kletterpassagen. Durch überhängende Risse, verwachsene Kamine, an Schuppen entlang – schönstes Abenteuerklettern an Friends und Co. Die Tage vergehen, Länge um Länge nähern wir uns langsam den Reibungsplatten im oberen Wandteil. Wir freuen uns auf einfaches Gelände – aber die Haken?! Besser gesagt, die fehlenden Haken machen aus einfachem Gelände psychisch anspruchsvolles. Die noch weiteren Abstände lassen einem hier oben die Haare zu Berge stehen. Besser nicht stürzen. Wie ein Schritt-für-Schritt Training ist diese Wand, jede Etappe baut auf das Gelernte der Vorherigen auf. Gut, dass die Nerven im A2+-Bereich geschult wurden. Langsam neigt sich der Fels zurück, bis wir wieder vor einem Dschungelstreifen stehen. Den Gipfel der Riscada ziert eine üppige Vegetation mit Büschen und Flechten umwobenen Bäumen. Die Füße versinken tief im feuchten Boden, als wir unseren Weg zum höchsten Punkt antreten. „Oben bist du erst, wenn du den Wipfel des höchsten Baumes erreicht hast“, scherzte Eduardo. Rein nach brasilianischem Brauch hangeln wir uns also von Ast zu Ast hinauf, bis es nicht mehr weiter geht: Gipfel!!!

Lügen haben kurze Beine

So einfach kommen wir Eduardo nicht davon – durch unsere Fotos müssen wir ihm erst beweisen, dass wir wirklich seine Linie wiederholt haben. Bis zum Gipfelfoto auf dem höchsten Baum kommentiert er die Bilder wieder mit seinem langen „Hmmmm“ – diesmal mit einem wohlwollenden, lobenden Klang. Bei Bier und Cachaça sitzen wir im lauen Wind der Straßenbar. Im Kopf wiederholt Eduardo sein großes Abenteuer mit uns und genießt in vollen Zügen unsere Erlebnisse. Bis in die frühen Morgenstunden debattieren wir über die Seillängen und die Tücken der Wand. Zufrieden gratuliert er uns zur ersten Wiederholung – einem einmaligen Abenteuer. Zudem haben wir einen neuen Freund gewonnen.

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. GEORG sagte am 5. Dezember 2015 um 19:12 Uhr

    Sehr geehrte Bergfreunde Crew,
    ich komme nicht umher euch mal ein „Dickes Fettes Lob“ auszustellen.
    Ihr seid zwar nicht immer die billigsten, aber die verlässligsten und schnellsten. Auch eure Produktpalette ist ausserst bemerkenswert. Auf euch ist echt verlass. Sogar an Kleinigkeiten wie eure Rucksendescheine und eure Kartons die selbstkleben wieder zu verschließen sind. Kleinigkeiten vielleicht, aber man erkennt das Ihr euch gedanken macht. Respekt von einem Freund der Berge an die Bergfreunde.
    Berg Heil
    Georg

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