Mehr als die abgesägte Zahnbürste – Tipps zum Ultraleichtwandern

25. April 2019

Wir hatten euch an dieser Stelle ja schon einmal erste Einblicke in die Welt des Ultraleichtwanderns gegeben. Dieser Beitrag bezog sich vor allem darauf, wie ihr am besten Gewicht bei großen Ausrüstungsgegenständen, den sogenannten großen vier, also Rucksack, Zelt, Schlafsack und Isomatte einsparen könnt. Zwar werde ich hier auch noch einmal kurz darauf eingehen – beim Schlafsack hatten wir auch schon einmal auf einen Quilt als deutlich leichtere Alternative hingewiesen – mir geht es aber hauptsächlich darum, euch einige Tipps zu geben, wie ihr auch die kleineren Dinge in eurem Gepäck gewichtsoptimieren könnt. Und das geht weit über das Klischee von der abgesägten Zahnbürste hinaus – wobei man auch das tatsächlich einfach tun kann ;-)

Eine gute Tourenplanung ist das A und O – auch für die Ausrüstung.

Die Regenjacke daheim gelassen? Nicht die richtigen Schuhe dabei? Um auf der Tour perfekt ausgerüstet zu sein, solltet ihr sie schon im Voraus planen.

Basics – Die Tourenvorbereitung

Fangen wir einmal mit einer recht banal klingenden Sache an – der Tourenplanung. Es ist so, dass „Ultraleicht“ auf einer Wintertour etwas anderes bedeutet als auf einer Mehrtageswanderung im Sommer. Zunächst ist es einmal notwendig, Bedingungen und Terrain, die auf einer Tour zu erwarten sind, vernünftig zu recherchieren. Es bringt einem nichts, wenn das ultraleichte Ein-Personen-Zelt im ersten Schneesturm zusammenbricht. Stellt eure Ausrüstung also nach den Wetter- und Geländebedingungen zusammen, die ihr erwartet. So vermeidet ihr böse Überraschungen oder gar die Notwendigkeit eine Tour abbrechen zu müssen, weil ihr einfach nicht das adäquate Equipment dabeihabt.

Die nun folgenden Überlegungen beziehen sich auf Unternehmungen im klassischen Drei-Jahreszeiten-Bereich, bei denen es durchaus auch mal Minusgrade und Schneefall geben kann, aber keine dauerhaften Winterbedingungen zu erwarten sind.

Reduktion – Was brauche ich wirklich?

Eine weitere Grundüberlegung, wenn es darum geht wertvolle Gramm zu sparen, ist es, sich auf Wesentliches zu beschränken. Wenn ihr eure Packliste macht und die ganzen Ausrüstungsgegenstände einmal vor euch ausbreitet, dann stellt euch folgende Frage: was benötige ich wirklich? In aller Regel werden da Dinge dabei sein, die ihr entbehren könnt.

Es spielt bei eurer Kleidung kaum eine Rolle, ob ihr eine Woche oder drei Monate unterwegs sein werdet, denn ihr müsst dann ohnehin auf Tour waschen. Ihr benötigt deshalb auch nur Kleidung, die vier Zwecke erfüllt: eine möglichst bequeme Schicht zum Wandern, eine, die trocken hält, eine die wärmt und eine Merinoschicht für abends im Camp und an kalten Tagen. Bei der Isolationsschicht wird Daune immer das bessere Gewicht und Packmaß haben als Kunstfaser und auch bei der Regenbekleidung gibt es genügend Möglichkeiten sehr leicht unterwegs zu sein. Maximal drei Paar Merinosocken, zwei Unterhosen und für die Damen rundet ein Sport-BH das Ganze ab.

Beschränkt euch auf das Wesentliche, wenn ihr euren Trekkingrucksack packt.

Hier kommt die Konmari-Methode für Trekkingtouren: Beschränkt euch beim Packen auf das Wesentliche und fragt euch dabei welche Utensilien ihr auf der Tour wirklich braucht.

Ein gesondertes Wort gilt hier noch den Schuhen. Auch hier solltet ihr auf das Eigengewicht achten. Die Faustregel besagt, 100 Gramm weniger am Fuß, bedeuten ein Kilogramm weniger auf dem Rücken. Hier könnt ihr euch überlegen, wie viel Gewicht ihr einsparen könnt, wenn ihr statt eines 1700 Gramm schweren Bergstiefels mit einem stabilen Trailrunning– oder Approachschuh unterwegs seid, die für sehr viele Touren in nicht zu anspruchsvollem Terrain ohne Probleme genügen. Es ist zudem erwiesen, dass leichteres Schuhwerk den Energiebedarf eures Körpers deutlich reduziert, was wiederum zur Folge hat, dass ihr weniger Kalorien benötigt. Ihr müsst also auch geringere Essensmengen mitnehmen, was euer Gewicht niedriger hält.

Dann muss eure Isomatte nicht zwangsläufig genauso lang sein wie ihr selbst. Eure Füße könnt ihr ohne Probleme auf dem Rucksack ablegen, tut ihr das, sind wieder 100-150 Gramm weniger dabei.

In puncto Elektronik genügt mittlerweile für die meisten Gegenden das Smartphone und eine externe Batterie plus entsprechendes Kartenmaterial. Nur selten ist ein zusätzliches GPS-Gerät notwendig. In abgelegenen Regionen kann ein so genanntes In-Reach sinnvoll sein, dieses ist aber leichter als ein normales GPS-Gerät.

Auch bei der Körperhygiene könnt ihr sehr viel Gewicht sparen. Da in den meisten offenen Gewässern die Nutzung irgendwelcher Seifen oder Shampoos ohnehin untersagt ist, könnt ihr das getrost zu Hause lassen, es genügt die abgesägte Zahnbürste ;-) Ihr werdet auf längeren Touren mit oder ohne Deo und Ähnlichem anfangen zu riechen, deshalb lasst das Badezimmer daheim.

Ich werde hier am Ende eine beispielhafte Ultraleicht-Packliste hinzufügen, um euch die Idee der Beschränkung noch etwas besser zu veranschaulichen.

Zauberwort „Multifunktionalität“

Eine der besten Möglichkeiten zur Gewichtsreduzierung ist die Nutzung von Ausrüstung, die möglichst viele Funktionen erfüllt oder so zweckentfremdet werden kann.

Ein Zauberwort beim Ultraleichtwandern ist die Multifunktionalität.

Packt möglichst viel Ausrüstung ein, die multifunktional verwendet werden kann.

Hier können wir mit den Trekkingstöcken anfangen, die zugleich als Gestänge für ein Tarp oder ein Trekkingstockzelt einsetzbar sind. Für wirklich extreme Grammjäger gibt es die Möglichkeit, ein Ponchotarp zu benutzen, das sowohl als Unterkunft, wie als Regenschutz für Mensch und Rucksack dient. Dies würde ich aber nur in gemäßigten, nicht zu nassen und windigen Regionen empfehlen. Dann kann dies aber eine wirklich ultraleichte Option sein, wenn man ein wenig Erfahrung im Aufstellen von Tarps hat und deren Vielfältigkeit zu nutzen weiß.

Noch ein Beispiel: Daune besitzt nicht nur hervorragende Isolationseigenschaften, sondern ist auch wunderbar weich. Deshalb könnt ihr eure Daunenjacke sehr schön als Kopfkissen missbrauchen und somit einen weiteren „Luxusgegenstand“, nämlich das aufblasbare Kissen, von eurer Packliste streichen.

Einer der wichtigsten multifunktionalen Gegenstände ist aber tatsächlich das Smartphone. Es kann durch sehr gute Apps als Navigationshilfe dienen, ersetzt die Kamera, kann als Notfalllampe dienen und noch einiges mehr.

Ein Wort zum Thema Essen

Auch das Thema Verpflegung sollte hier noch zur Sprache kommen. Das fängt beim Kocher an. Achtet darauf einen Kocher mitzunehmen, der eine möglichst hohe Effizienz hat, wie z.B. einen Jetboil. Diese sind zwar schwerer als klassische UL-Kocher (wie der Pocket Rocket von MSR), aber durch den integrierten Wärmetauscher, Windschutz und die sehr hohe Brennerleistung, ist der Gasverbrauch um bis zu 60% geringer. Das bedeutet ihr werdet deutlich weniger Kartuschen benötigen und dadurch viel Gewicht einsparen. Andere Kochertypen wie ein Spiritus- oder Mehrstoffkocher machen aus Gewichtsgründen beim Ultraleichtwandern keinen Sinn.

Ready…set…go: Jetzt heißt es nur noch Taschen packen und die Ultraleicht-Wanderreise genießen!

Bei der Nahrung selbst solltet ihr zum Einen möglichst Dinge zu euch nehmen, die viel Energie in Form von Kalorien spenden, ohne zu viel Platz wegzunehmen. Nüsse im Allgemeinen, getrocknete Früchte, also der klassische Trailmix ist hier immer eine gute Wahl. Zum Anderen empfiehlt es sich möglichst viele gefriergetrocknete Gerichte statt frischem Essen mitzunehmen. Hier gibt es mittlerweile wirklich leckere Alternativen und diese werden immer leichter sein, als eine Dose Ravioli. Es ist außerdem eine gute Idee, bei einer längeren Tour die Essensrationen vorher zu planen und sich grob zu überlegen, wie viele Mahlzeiten und Snacks gebraucht werden. Wichtig: Euer Kalorienbedarf wird im Laufe der Zeit zunehmen.

Noch eine Option für richtige Sparfüchse beim Thema Essen: Der Mensch benötigt Nahrung um zu überleben, er braucht aber kein warmes Essen dafür. Will sagen: ihr könnt auf den Kocher auch komplett verzichten. Es gibt genügend Dinge wie zum Beispiel Mie-Nudeln oder Couscous, die sich problemlos kalt rehydrieren lassen. Das dauert etwas länger, schmeckt aber trotzdem. Wie bei vielem ist es eine Abwägung zwischen Komfort und Gewichtseinsparung und jeder muss für sich selbst entscheiden, wie viel Verzicht möglich ist, ohne die Outdoor-Erfahrung zu einer spaßbefreiten Veranstaltung werden zu lassen.

Eine UL-Packliste

Diese Packliste bezieht sich auf eine Trekkingtour von mindestens sieben Tagen, eher länger. Die hier verlinkten Produkte, die noch nicht im Text vorkommen, sind Beispiele, zu denen es immer auch Alternativen gibt. Nehmt Euch die Zeit Eure Ausrüstung vernünftig zu recherchieren und zu vergleichen.

Die großen Vier

Kleidung

Am Körper

Als Ersatz

  • Unterhose
  • Ein Paar Socken

Regenschicht

Isolationsschicht

Campschicht und Zusatz für kalte Tage

Weitere Bekleidung

Elekronik

Hygiene & Erste Hilfe

Sonstige Ausrüstung

Mit meinen persönlichen großen Vier komme ich auf ein Basisgewicht, also ohne Essen und Wasser, von 5,5 Kilogramm für eine mehrwöchige- oder gar monatige Tour. Mit einigen der oben genannten Tipps könnte man das noch einmal um 500-800 Gramm reduzieren. Ihr seht also, leichter und damit bequemer und schneller unterwegs zu sein, ist gar nicht so schwer!

Habt ihr noch weitere Ultraleicht-Tipps auf Lager oder Fragen zu einzelnen Bereichen? Dann Feuer frei in den Kommentaren, wir freuen uns!

Kommentare zu diesem Artikel

  1. needles sagte am 26. April 2019 um 21:08 Uhr

    bin ein durchaus ein fan von merino, aber ich finde es nicht klug es für die nacht mitzunehmen. die super eigenschaften von merino kommen da nämlich nicht wirklich zum tragen, und ist das extragewicht deshalb nicht wert. empfehle nachts eher etwas synthetisches, hauptsache leicht und fein auf der haut. eventuell auch seide. merino ist super, weils schnell trocknet und auch wärmt wenns nass wird. und natürlich weil man länger frisch riecht(; aber da deine kleidung für nachts nie nass werden sollte, und du darin normal nicht schwitzt ist es nicht wirklich notwendig.

    komme je nach jahreszeit auf 3 kilo baseweight.
    find aber manche der tipps hier gut, lässt mich mein system teilweise überdenken.

  2. Bergfreund Marco sagte am 29. April 2019 um 08:37 Uhr

    Hi,

    das stimmt einerseits, aber andererseits bietet Merinowolle eben eine hervorragende Wärmeleistung, die Du abends im Camp oder an kalten Tagen unter der Schicht am Körper nutzen kannst. Da wären wir dann eben wieder bei der Multifunktionalität.

    Ansonsten freut es mich, dass ich noch ein paar Anregungen geben konnte, Happy Trails ;-)

    Viele Grüße,

    Marco

  3. Joerg sagte am 26. April 2019 um 21:33 Uhr

    Hallo,

    was ich mich schon immer fragte ist: Was macht Ulraleicht eigentlich sinnvoll? Es dient doch , im Prinzip, nur der schnelleren Fortbewegung oder lieg ich da so falsch? Macht z.B. es Sinn eine Isomatte zu kürzen oder ganz einzusparen und am nächsten Tag hab ich Rückenschmerzen? Ich spar mir den Kocher, darf aber kein Feuer machen und nach 3 Tagen hab ich „die Schnauze voll“? Leichte Schuhe => OK, was aber wenn das Wetter umschlägt und im Fjäll es auch im August einmal schneit oder es regnet selbst in Südeuropa eine Woche lang? Spätestens am 3 Tag hab ich so aufgeweichte Füße, dass ich abbrechen kann! Es gibt noch viele andere Beispiele aber dann wird es viel zu lang!

    Der eigentliche Sinn einer Tour ist doch der, dass ich die Landschaft, Örtlichkeit usw. und somit die Tour auch genießen kann. Wenn ich jetzt nur 3 Wochen für eine Tour habe muss ich eben so planen, dass es reicht (kürzere bzw. leichtere Strecke) +/- Reserve! Meiner Meinung nach ist dies einfach nur ein Trend der irgendwann wieder in der Vergessenheit verschwindet wie vieles andere auch! Ich geb auch offen zu, dass ich lieber eine Reserve in Petto habe wie auf dem letzten Rest zu krauchen! Ich lass mich aber gern überzeugen wenn es denn wirklich Sinn macht.

    Joerg

  4. Bergfreund Marco sagte am 29. April 2019 um 08:35 Uhr

    Hallo Jörg,

    ich hatte ja geschrieben, dass es immer eine Abwägung zwischen Komfort und Gewichtseinsparung ist. Jeder muss selbst wissen, wie viel Verzicht möglich ist, ohne dass der Spaß verloren geht. Mir fehlt warmes Essen zum Beispiel nicht, aber Du kannst ja wie beschrieben auch mit Kocher sehr leicht unterwegs sein. Oder zum Thema Schuhe: die Wasserdichtheit eines Schuhs hat ja nichts mit dessen Gewicht zu tun, auch die meisten Approachschuhe mit 800-900 Gramm haben eine GTX-Membran (auch wenn ich davon kein großer Fan bin, aber das ist ein anderes Thema).

    Grundsätzlich kann ich Dir aber aus Erfahrung sagen, dass je leichter Dein Gepäck ist, desto mehr Spaß macht das auf Dauer. Du wirst schneller vorankommen, weniger erschöpft sein und dadurch eben mehr Zeit haben die Tour zu genießen. Was den grundsätzlichen Trend angeht, teile ich deine Meinung auch nicht, im Gegenteil. In den USA und Kanada ist das UL-Wandern bereits seit vielen Jahren gang und gäbe und das Ganze kommt in Europa gerade erst so richtig an. Deshalb glaube ich schon, dass sich hier viele Dinge auch durchsetzen werden. Ich würde es auf jeden Fall einmal auf einen Versuch ankommen lassen ;-)

    Viele Grüße,

    Marco

  5. Joerg sagte am 30. April 2019 um 21:42 Uhr

    Hallo Marco,

    wie gesagt lass ich mich gern überzeugen wenn es Sinn macht!

    Ich hab mal das Gepäck meiner Frau und mir gewogen und komme auf ca 19kg zusammen. Dazu muss ich aber sagen, dass wir damit vor allem in Schweden im Fjäll unterwegs sind und auch inkl. 4 Personen Zelt (2 Personen + 2 Hunde, Alaskan Malamute). Bei jedem auch noch ein Paar leichte Schuhe im Gepäck usw.! Die Hunde tragen ihr Gepäck selber und kommen auch jeder auf ca. 3,5 kg. Also so extrem mehr an Gewicht ist das dann auch nicht gegenüber UL! Bei den Schuhen gibts aber kein Pardon, das sind Volllederstiefel in der Art wie Kampfstiefel, Gewicht bei Gr. 46 1,4 kg und bei Gr. 17 1,1 kg. Wenn man sich dann ein wenig mit den Witterungsverhältnissen in Nordschweden auskennt, ist das an Gepäck nicht sehr viel da wir sehr selten Hütten angehen!

    Ob das ganze UL bei diesen Verhältnissen im Fjäll auch die Haltbarkeit hat mag ich trotz Highend Materialien bezweifeln und von den Goretex Membrane bin ich nach einigen Versuchen nicht überzeugt. Einmal an einem Stein geschrappt und die Membrane ist im Eimer. Wenn dann ein Bach kommt hat man definitiv nasse Füße. Im Sommer kein Problem aber im Winter, Frühjahr oder Herbst kann man meist die Tour abbrechen.

    Also weiterhin viel Spass auf Euren Touren und Daumen hoch für das Team von Bergfreunde!

    L.G.
    Joerg

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