Tipps und Tricks

Tipps vom Experten: Big Wall Food

18. August 2014

Sportart

Zeit für eine Pause Foto: Backcountry/Flickr/Maria Ly

Zeit für eine Pause Foto: Backcountry/Flickr/Maria Ly

Mache beide Augen zu und stell Dir vor: 1000 Fuß über dem El Cap, mit dem Rücken zur Wand, die Füße hängen über den Rand der Portaledge, in einer Hand einen Löffel, in der anderen eine frische, unversehrte Avocado mit scharfer Soße.

Immer wieder freue ich mich auf diese Gelegenheit, in einfache kulinarische Freuden hunderte von Metern über dem Boden einzutauchen und dabei meinen liebsten Ort auf dieser Welt zu überblicken.

Früher gab’s Konserven, heute Kulinarisches

Angefangen hat alles anders. Verpflegung zu packen und tragen war einst ein schweres, unbequemes Unterfangen. Als ich meine ersten Big Walls in den 90er Jahren kletterte, brachten wir nur Konserven mit uns. Das einzige, was ich nach einem Tag Rissklettern und Material nachziehen noch wollte, war mit einem ollen P-3 Dosenöffner eine Konserve Chef Boyardee Beefaroni oder Pfirsiche in Sirup zu öffnen.

Die Dosenverpflegung brachte ein Ritual mit sich, welches wir zweimal am Tag zum Frühstück und Abendessen abhielten. Mit einem Hammer oder Steinen plätteten wir die Dosen und versenkten sie in den Tiefen unseres Materialsacks. Am Ende der Route stank dieser nach ranzigem Thunfisch und Tomatensoße, an allem klebte Fruchtsirup.

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El Nino mit Avocado, 2008.

Nicht mehr so heute. Dank der Erfindung von Vakuumverpackungen gibt es heute Thunfisch und Lachs in Beuteln, die dem Raumfahrtzeitalter angemessen sind. Diese und der Jetboil Hanging Kit haben alles verändert.

Heutzutage nehme ich keine einzige Dose mit, es sei denn ein Gipfelbier. Fertiggerichte von Tasty Bites und vorgekochten Reis gibt es heute in fast jedem Supermarkt und lassen sich in weniger als zehn Minuten zubereiten. Die Entwicklung im Bereich Schnellgerichte erleichtert einem das Big Wall Klettern, man trägt nur noch einen Bruchteil des Gewichtes mit, welches man noch vor Jahren mitschleppte. Ausserdem ist der Transport sauberer und einfacher.

Frische Früchte und Gemüse sind einfach toll auf Big Wall Routen, daher habe ich einen Weg gefunden, sie ohne Schaden in die Vertikale zu nehmen: Ich schneide den oberen Teil von leeren Gatorade Flaschen ab und tue alles Empfindliche dort hinein. Anschliessend klebe ich die Deckel mit Klettertape oder Isolierband wieder an.

Mein Big Wall Einkaufszettel

Hier ist ein Beispiel, was ich für einen Mehrtagestrip von zwei Tagen oder länger mitnehme. Wenn Du Deine eigene Liste zusammenstellst, plane mindestens 2000 Kalorien pro Tag und Person ein. Ich gehe davon aus, dass man an einem Big Wall Tag 11 Stunden aktiv ist. Material nachziehen und freiklettern (oder in den aiders zu zittern) verbraucht eine Menge Kalorien.

Auf der Liste stehen bei mir normalerweise: Bananen, Äpfel, Orangen, Knoblauch, Zwiebeln, Avocados, kalorienreiche Dauerwurst oder Jerky [Trockenfleisch], Nüsse, Ramen, Mac ‘n’ Cheese, Kaffee, Kakao, vorgekochter Reis, Tasty Bites [asiatische Fertiggerichte], Käse, vakuumverpackter Thunfisch, und einen Haufen Soßenpakete von Degnan’s Deli in Yosemite. Energieriegel nehme ich nicht mir. Für den ersten Tag in der Wand nehme ich noch etwas mit, was sich sofort essen lässt wie zum Beispiel belegte Brote und Riegel von Odwalla. Zu der Mischung kommen noch Nuun, Hammer Gel Revorite, verschiedene Gele und Clif Blocks.

Vergesse die Flüssigkeit neben der Nahrung nicht! Empfohlen sind drei Liter pro Tag und Person für einen normalen Klettertag. Ich bringe weniger für Winteraufstiege mit und bis zu einem Gallon [ca.3.8l] für heiße Wände. Jegliche Aufnahme von Flüssigkeit (wie Kaffee) trägt zum täglichen Flüssigkeitsbedarf bei.

Gut organisiert ist halb gekocht

Ich teilte mein Essen in Packsäcken auf, für jeden Tag einen. Wenn wir also fünf Tage Big Wall klettern, bringen wir fünf Säcke mit Essen. Zur Kücheneinrichtung gehören ein Leatherman, einen Jet Boil samt Hängevorrichtung und Kaffeepresse, Plastikschalen, Sporks, Feuchttücher, Plastiktassen und ein kompaktes Schneidebrett. Für den Kocher nehme ich einen großen Kanister mit Treibstoff, der reicht für drei Tage, und noch einen kleinen als Ersatz.

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Ein hängender Kocher für die vertikale Küche.

Zurück zu dem Abendessen auf der Portaledge im Sonnenuntergang. Avocados, Dauerwurst und Käse waren nur die Vorspeise. Nach diesem Snack öffnete einer unserer Teammitglieder eine Knoblauchknolle mit einem faustgroßen Stein auf dem Schneidebrett. Danach bereiteten wir die Zwiebel und andere Zutaten vor, bevor wir zum Zusammenrühren alles der Person übergaben, die zuständig für den Kocher war.

Nach dem Dinner kommen die Reste zu den Rationen des nächsten Tages. Dann mischen wir verschiedene Sportgetränke. Zum Schluss kommt alles Ess- und Trinkbare in einen 25 Liter Rucksack, der zum einfachen Zugriff ganz oben im Materialsack aufbewahrt wird. Da die Verpflegung gut organisiert und erreichbar ist, koche ich manchmal ein schnelles Mahl mitten am Tag oder brühe einen Kaffee am Mittag.

Immer wieder freue ich mich auf Big Walls, auf das fantastische Klettern und die kulinarischen Genüsse in der Vertikalen, gefolgt von friedlichen Bivouacs unter funkelnden Sternen.

Dieser Artikel stammt nicht direkt aus unserer Feder. Das Original wurde von Chris van Leuven für unseren Partner Backcountry in den USA geschrieben und von unserer Redakteurin Carolin ins Deutsche übersetzt.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Simon sagte am 17. Februar 2015 um 14:16 Uhr

    Hey Bergfreunde Team, Carolin,

    welche deutschen Supermärkte führen die Produkte von Tasty Bite?? Habe jetzt schon in diversen ausschau gehalten und leider führt sie niemand…

    Gruß Simon

  2. Wiebke sagte am 18. Februar 2015 um 10:37 Uhr

    Hallo Simon,
    puh, das weiß ich nicht. Vielleicht fragst Du mal direkt bei denen (oder ihrem Europavertrieb) nach? Mir sind sie allerdings auch noch nie über den Weg gelaufen.

    Lieben Gruß

    Wiebke

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