Klettersteigen ohne Angst? Was kann der Skylotec Rider 3.0?

11. April 2018

Kategorie

Sportart

„Der Rider 3.0 von Skylotec ist das sicherste Klettersteigset auf dem Markt – egal ob für Beginner oder Klettersteigprofis“. So schreibt es der Hersteller selbst auf seiner Homepage (Stand 14.03.2018). Was es mit diesem hehren Versprechen auf sich hat, und ob Skylotec seinen eigenen Ansprüchen genüge tut, das durfte Bergfreund Jan während eines zweitägigen Klettersteig-Wochenendes am Grünstein in Berchtesgaden am eigenen Leib testen.

Was bringt der Skylotec Rider 3.0 neues mit sich?

Mit dem Partner von Skylotec, der Klettersteigschule Berchtesgaden, geht es zunächst einmal an den hauseigenen Übungsklettersteig. Über Materialkunde, technische Spezifikationen, und welche Überlegungen eigentlich bei der Entwicklung des Rider 3.0 eine Rolle gespielt haben, werden im Laufe des Abends bei dem ein oder anderen Bierchen diskutiert. Bevor es jedoch soweit ist, sollen wir nach einer kurzen Einweisung erst einmal an dieses neue, zunächst recht ungewohnt daherkommende Klettersteigset selbst Hand anlegen. Doch was macht das Set eigentlich aus?

  • Zum einen haben wir eine mitlaufende Drahtseilklemme für Stahlseile von 12-16 mm; sobald diese Zug nach unten bzw. entgegen die Laufrichtung bekommt, blockiert das Gerät direkt an Ort und Stelle.
  • Zum anderen haben wir einen ganz normalen Klettersteigkarabiner mit Handballenentriegelung – so wie man ihn auch von vielen anderen Herstellern kennt.
  • Der Clou an der Sache ist folglich der: Im Falle eines Sturzes läuft man nicht mehr Gefahr, die komplette Strecke bis zum letzten Stahlstift hinunterzustürzen und sich so womöglich ernsthaft zu verletzten, ganz zu schweigen davon, dass so ein Sturz im schlimmsten Fall schon mal 7 bis 8 Meter insgesamt betragen kann. Mit dem Rider 3.0 haben wir unseren Fixpunkt an der Stelle des Sturzes, ab dem wir höchstens noch ein bis zwei Meter Sturzstrecke hinlegen.

Herkömmliches Klettersteigset vs. Rider 3.0

Ob und wie gut dieses Konzept in der Praxis funktioniert, demonstriert uns die Klettersteigschule in einem anschaulichen Versuchsaufbau direkt vor Ort: Als Fallkörper dient ein 80 kg schwerer Baumstamm. Dieser wird mit einem herkömmlichen Klettersteigset und mit dem Rider 3.0 fixiert.

Mittels Seilzug wird der Baumstamm in den Übungsklettersteig gebracht. In einem vertikalen Wandabschnitt, mehrere Meter über dem letzten Stahlstift als fixem Sicherungspunkt wird nun ein Sturz simuliert. Erstaunlich und erschreckend zugleich, wie unglaublich weit nun die gesamte Sturzstrecke mit einem gebräuchlichen Set ausfällt. Da haben wir die zwei bis drei Meter bis zum letzten Stahlstift, dann haben wir die elastischen Fangarme, und zu guter Letzt noch das Aufreißen des Bandfalldämpfers.

So landet der Baumstamm mit einem ekelhaften Geräusch ein ordentliches Stück weiter unten. Wäre dies ein vergleichbar schwerer Mensch gewesen möchte ich nicht wissen welche Knochen hier gebrochen wären.

Innenansicht der innenanliegenden Walzen des Riders 3.0

Die innenliegenden Walzen des Riders 3.0

Ganz anders hingegen sieht es im Versuchsaufbau mit dem Rider 3.0 aus. Die Rücklaufsperre der Drahtseilklemme blockiert mit ihren zwei innenliegenden Walzen genau an der Stelle des Sturzes. Sie frisst sich sozusagen in das Stahlseil (ohne dieses jedoch nachhaltig zu beschädigen).

Die gesamte Strecke nach unten beträgt „nur“ noch den Weg der elastischen Fangarme bis zum Aufreißen des Bandfalldämpfers. Dieser Bandfalldämpfer gibt nun auf Grund der wesentlich verringerten Gesamtstrecke natürlich auch deutlich weniger Bandmaterial frei. Alles in allem also ein ziemlich eindrücklicher Vergleich, der mich persönlich in meinem Glauben dahingehend bestätigt, dass Stürze in einem Klettersteig auf Teufel komm raus zu vermeiden sind!

Der Rider 3.0 im Praxistest

Am Tag darauf heißt es dann endlich, das neue Set unter realen Bedingungen auszuprobieren. Dazu geht es bei mildem Wetter und starker Bewölkung in den noch leicht feuchten Klettersteig am Grünstein. In der einfachen Isidor-Variante (B/C) bieten sich hier ideale Voraussetzungen, uns mit dem Handling des Rider 3.0 in verschiedenen Situationen des Klettersteiggehens vertraut zu machen.

Person drückt den Rider 3.0 zusammen und hängt damit die Seilklemme um

Für das Umhängen der Drahtseilklemme , den Rider einfach zusammendrücken

Schon nach kurzer Zeit der Umgewöhnung stellt sich ein wohliges Gefühl intuitiver Bedienbarkeit ein. Dazu setzt man die Drahtseilklemme in Laufrichtung wie eine kleine Schildkröte auf das Stahlseil auf und zieht diese einfach mit sich mit. Der Herkömmliche Klettersteigkarabiner läuft indes als Redundanz hinter der Drahtseilklemme her.

Beim Umclippen kommt zunächst der Karabiner vor den nächsten Stahlstift, danach folgt die Drahtseilklemme. Hat man diesen Ablauf nach wenigen Minuten einmal verinnerlicht, funktioniert das Handling fast wie automatisch. Braucht man nun beide Hände zur Fortbewegung, lässt man den Rider einfach am Stahlseil hängen und zieht ihn beim Vorwärts gehen über die elastischen Fangarme hinter sich her. Das funktioniert in der Praxis einwandfrei. Zum Umhängen der Drahtseilklemme ist es dabei irrelevant, ob man Links- oder Rechtshänder ist. Einfach den Korpus des Gerätes auf beiden Seiten zusammendrücken und schon löst er sich vom Seil.

Ohne Angst

Der größte Vorteil, den ich nun auch am eigenen Leib erfahre, ist jedoch psychologischer Natur. Gerade auf den noch nassen Tritten und Leiterstufen schwingt bei mir immer das Gefühl mit: „Okay, jetzt solltest du nicht ausrutschen, das gibt sonst einen verdammt weiten und vor allem schmerzhaften Abflug“.

Der Rider 3.0 schafft es an dieser Stelle geschickt, diese psychologische Barriere ein Stück weit abzubauen. Unbewusst stellt sich das Gefühl ein, selbst im Falle eines Sturzes nicht mehr so weit zu fallen. Das sorgt im Umkehrschluss für Selbstvertrauen und Sicherheit. Vor allem, wenn ich das Gerät eine gute Armlänge vor mir herschiebe, sehe ich, dass die elastischen Fangarme schon weit gedehnt sind und ich mich beinahe ohne eine großartige Sturzstreckenverlängerung in das Gerät reinsetzen könnte – KÖNNTE! Man sollte es natürlich machen. Das kommt mir als passioniertem Sportkletterer doch ein gutes Stück entgegen.

Ein Karabiner dient als Bindeglied zwischen Kette und Rider 3.0

Mit einem Karabiner wird der Rider angehängt

Achtung Gefahr!

Gleichzeitig, und das darf auf keinen Fall unerwähnt bleiben, sehe ich mit dem Skylotec Rider 3.0 und dessen neugewonnene Form der Sicherheit auch die Gefahr der Selbstüberschätzung des einzelnen Klettersteiggehers. Keinesfalls sollte der Rider 3.0 also dazu dienen, seine eigenen Fähigkeiten zu überschätzen und sich gar in überhängende oder anderweitig schwierige Wandabschnitte zu wagen, in der ein Sturz wahrscheinlich wird – und mit jedem anderen Set schwerwiegende Verletzungen zur Folge hätte. Das Klettersteiggehen bleibt somit auch weiterhin ein in hohem Maße eigenverantwortlicher Sport.

Fazit

Das Rider 3.0 Klettersteigset von Skylotec schafft es meiner Meinung nach in erheblichem Maße, das individuelle Verletzungsrisiko im Falle eines Sturzes im Klettersteig zu reduzieren. Sein intuitives Handling und die hohe Reserve an psychologischer, ebenso wie tatsächlich gebotener Sicherheit macht es für mich persönlich zum Wunsch-Klettersteigset des Jahres 2018. Gleichzeitig muss bedacht werden, dass eine fundierte Ausbildung am Gerät selbst, sowie die Erfahrung im Klettersteig seine Fähigkeiten richtig einzuschätzen zu können, nach wie vor von übergeordneter Bedeutung sind. Auch die beste Technik und die ausgefeiltesten Materialien schützen nicht vor Verletzungen, sondern können das Risiko bestenfalls ein Stück weit reduzieren. Die Verantwortung liegt dementsprechend weiterhin bei jedem selbst.

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