Skitouren: Ohne Plan geht nix

Skitouren: Ohne Plan geht nix

6. Dezember 2017

Skitouren: Ohne Plan geht nix

Skitouren zu starten, ohne Planung ist eine echt schlechte Idee. Man gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch andere.

Skitouren sind ein erstaunlicher Trend, denn sie passen eigentlich gar nicht in den Zeitgeist. Sie sind in vielerlei Hinsicht mit gesteigertem Aufwand verbunden und lassen sich damit kaum als einer unter vielen Sidekicks im Erlebnis-Multitasking unterbringen. Okay, da wären noch die Pistenskitouren, bei denen man im Skigebiet oft direkt neben dem Lift aufsteigt und dann die Piste abfährt.

Das ist natürlich nicht ganz so aufwändig, dafür aber auch schon mal mit einem Betrieb wie Samstags in der Kletterhalle verbunden. Aber es gibt tatsächlich auch immer mehr Menschen, die abseits der Pisten nach ursprünglichen Erfahrungen von Stille und Abgeschiedenheit suchen – und zwar nicht erst im reifen Alter.

Wir leben eben in Zeiten der Kontraste. Insofern passt es, dass man sich in der tief verschneiten Landschaft manchmal schon nach wenigen Metern weg vom Trubel in eine andere Welt versetzt fühlt. Doch dann kommt man ohne Planung und Know-how nicht mehr sehr weit. Zumindest nicht auf verantwortbare Weise.

Da man sich mit Ahnungslosigkeit und Unbedarftheit selbst gefährden und umbringen kann – gilt ja auch in anderen Bergdisziplinen. Bei Skitouren allerdings spielt auch der Einfluss auf andere Tourengeher eine große Rolle: wenn jemand aus Unkenntnis und Leichtfertigkeit eine Lawine auslöst, dann kann das auch für andere böse Folgen haben.

Know-how: Nicht alle Theorie ist grau

In aller Kürze gesagt beruht die ganze Tourenplanung auf der Einschätzung der drei Faktoren Verhältnisse, Gelände und Mensch. Diese werden dann auf drei räumlichen Ebenen wiederholt, bis zuletzt der genaue Tourenverlauf gefunden ist. Mit dieser vom Schweizer Bergführer und „Lawinenpapst“ Werner Munter entwickelten 3 x 3 Reduktionsmethode lässt sich Ordnung in das Planungschaos bringen.

Falls dieser kurze Zusammenfassungsversuch jetzt unkompliziert klang: super! Doch leider bleibt es nicht so einfach. Denn für das selbstständige Skitourengehen kommt man um eine fundiertere Theoriebasis nicht herum, sieht man schon daran, dass die Kapitel über Schnee- und Lawinenkunde im Alpinlehrplan Skitouren des Deutschen Alpenvereins satte 30 textlastige Seiten einnehmen. Dann kommen nochmal rund 20 Seiten über das Risikomanagement.

Damit ist auch klar, dass ein Artikel wie dieser, eine fundierte Einführung weder ersetzen kann noch soll. Wir beziehen uns hier nur auf die Auswahl und Planung einer konkreten Tour, während das Wissen um die Benutzung der Ausrüstung und die Grundzüge der Lawinen- und Schneekunde vorausgesetzt werden muss, bzw. hier nur an einigen Stellen angerissen werden kann. Wenn hier noch keine Basis vorhanden ist, sollte man sich zunächst mit den Grundpfeilern der Skitouren-Theorie vertraut machen, über die wir hier im Blog schon das eine oder andere mal berichtet haben (Lawinengefahr und ihre Einflussfaktoren oder auch der richtige Umgang mit LVS (Lawinenverschüttetensuchgerät), Sonde und Schaufel).

Das ist auf den ersten Blick eine Menge Stoff, der sich zudem auch nicht so einfach in die Praxis übertragen lässt. Deshalb schließt man sich für die entsprechende Übung und Erfahrung am besten einem Kurs oder einer geführten Anfängertour an. Dafür gibt es bei den Alpenvereinssektionen, der Alpenvereinszentrale und bei kommerziellen Anbietern jede Menge Möglichkeiten. Die Initiative SAAC bietet hier mit ihren Basic Camps sogar eine kostenlose Möglichkeit: „SAAC Basic Camps – das sind 2-tägige Lawinencamps mit Backgroundinfo und Praxis für Off-piste Freaks. Bergführer und Snowboardpros informieren über alpine Gefahren abseits der gesicherten Pisten.

Der Tourenplanung erster Schritt: das grobe Raster

Skitouren: Ohne Plan geht nix

Mit der 3×3 Formel wird das Risiko für sowas verringert.

Die „Grobauswahl“ des Tourenziels wird von den Verhältnissen bestimmt, die man dem Wetterbericht und dem (richtig zu lesenden) Lawinenlagebericht (LLB) entnimmt. Dieser gibt anhand der Schneedeckenstabilität und der Auslösewahrscheinlichkeit von Lawinen eine Gefahrenstufe an.

Die entsprechende fünfstufige Gefahrenskala gilt einheitlich für alle Alpenländer. Zur vollständigen Risikoanalyse gehören außerdem die vergangene und zu erwartenden Schneefallmengen sowie Windsärke und -Richtungen und der Temperaturverlauf mitsamt all der Auswirkungen auf die Schneedecke. Auch Aussagen über besonders lawinengefährdete Höhenlagen, Hangexpositionen oder Geländeformen sind ausschlaggebend für die Wahl des Tourenziels.

Wie gesagt erfolgt die Risikoeinschätzung nicht Pi mal Daumen, sondern möglichst exakt mithilfe diverser Indikatoren in einem mehrstufigen Filtersystem. Dabei gibt es verschiedene, sich ergänzende Werkzeuge:

  • Das schon erwähnte 3 x 3 System ist mittlerweile die Grundlage fast aller Entscheidungs- und Auswahlstrategien. Die 3 Faktoren Verhältnisse (Wetter, Schnee, Lawinenlage), Gelände (Höhe, Steilheit, Hangform, etc.) und Mensch (Kondition, Technik, Kompetenz, Erfahrung) werden dabei in 3 Stufen (regional, lokal, zonal) analysiert, wobei jede Stufe die in Frage kommende Tour samt ihres Verlaufs näher eingrenzt. Munters Reduktionsmethode ist durch ihrem ganzheitlichen Einbezug des menschlichen Subjektivitätsfaktors zurecht State of the Art. Sie ermöglicht ein systematisches, gezieltes Vermeiden gefährlicher Hänge und bietet eine sinnvolle Grundstruktur für die Entscheidungsfindung vor und während der Tour.
  • Die Snowcard ist ein praktisches Werkzeug, dass sich sehr gut in das Munter‘sche 3 x 3 einbauen lässt. Sie ermöglicht auf allen 3 Stufen schnelle Erkenntnisse über die Faktoren Gelände und Verhältnisse und besticht in der Handhabung durch Einfachheit und Übersichtlichkeit. Vor allem kann man mit ihrer Hilfe sehr schön die Steilheit von Hängen direkt ablesen, indem man die entsprechende Skala auf die Stelle in der topographischen Karte hält (die, wie wir gleich noch sehen werden, auch im digitalen Zeitalter keineswegs ausgedient hat).
  • Der Lawinenlagebericht liefert mit seinen Gefahrenstufen in erster Linie Infos zum Faktor Verhältnisse, spielt aber auch bei der Geländebeurteilung eine wichtige Rolle. Denn auf Grundlage des LLB kann man eine Anstiegslinie der in Frage kommenden Tour in die Karte einzeichnen und dabei mit Hilfe der Snowcard die Steilheiten der Hänge messen. Bis Gefahrenstufe 2 bezieht man dabei nur Hänge ein, die man begeht, ab Stufe 3 werden auch die Hänge wichtig, unter denen man durchläuft.
  • Das Kartenstudium ist bei Skitouren also nach wie vor ein unverzichtbarer Bestandteil. Man ermittelt und markiert damit auch die „Schlüsselstellen“: steile Passagen und potentielle Gefahrenstellen wie Kammlagen, Rinnen, Mulden und steile Hänge oberhalb der Route. Zusätzlich sucht man nach  „Checkpunkten“, die während der Tour eine gute Übersicht über den weiteren Routenverlauf bieten sollen. Das erfordert allerdings eine gewisse „dreidimensionale Lesefähigkeit“ der Höhenliniendarstellung.

Tourenplanung zweiter Schritt: Einkreisen und Details checken

Skitouren: Ohne Plan geht nix

Vor der konkreten Tourenwahl, sollte man einen Blick auf den Wetterbericht und Lawinenlagebericht werfen.

Wenn wir mit dem „Grobfilter“ soweit sind, haben wir die möglichen Zielgebiet eingekreist und suchen nun die konkrete Tour. Auch hier gilt die Devise „Safety First“. Vor allem Einsteiger-Skitouren werden von A bis Z an der Gefahrenvermeidung ausgerichtet. Das geht am besten, indem man das eigene Können (und das der Partner, die man idealerweise kennen sollte) sehr zurückhaltend einschätzt und die Tourenwahl bestmöglich an den ermittelten Wetter- und Schneeverhältnisse ausrichtet. Zudem sollte man von vornherein ein Ausweichziel einplanen und sich nicht zu sehr auf das unbedingte Erreichen des ersten Wunschziels fixieren.

Besonders im Frühjahr weichen die Schneeverhältnisse oft stark von dem ab, was man vom „normalen“ Skifahren im Hochwinter her kennt. Deshalb sollte man das Anforderungslevel als Anfänger wirklich sehr tief ansetzen. Auch bei Touren, denen man auf dem Papier locker gewachsen zu sein glaubt, können neben ständig wechselnden Schneearten mit viel Bruchharsch so manche Überraschungen lauern. Deshalb auch bei der Tourenlänge besondere Zurückhaltung üben.

Ideal ist ein realistischer Zeitplan, der nicht nur Start und Rückkehr, sondern auch Pausen beinhaltet und bestimmte Zwischenziele festlegt. Die Tage sind bekanntlich nicht so lang wie im Hochsommer und besonders in Gruppen mit mehreren, nicht aufeinander eingespielten Anfängern geht es in der Regel alles andere als schnell voran. Bei verschiedenen Könnensstufen kommen unter Umständen noch diverse Stimmungen und Dynamiken hinzu, die, sofern nicht erkannt und angesprochen, zu falschen/riskanten Entscheidungen führen können. Hier kann ein Ausweichziel sehr hilfreich sein um Frust zu vermeiden.

Unterwegs vor Ort wird das daheim erarbeitete Tourenprofil natürlich gegengecheckt und falls erforderlich nachgebessert. Letzte Unklarheiten können sowieso nur durch den echten Blick ins Gelände beseitigt werden, vor allem wenn während der Anreise Schnee gefallen ist oder die Sonne einige Stunden richtig geknallt hat. Dann haben sich die Tourenverhältnisse womöglich schon wieder geändert.

Das klingt alles recht umständlich und zeitaufwändig, je nach Vielfalt des Geländes, kann es das auch durchaus sein. Vor allem wenn an mehreren heiklen Stelle eine wohl durchdachte Entscheidung für oder gegen die Fortsetzung der Tour erforderlich ist.

Planungswerkzeuge On- und Offline

Unsere Vorfahren benutzten einst Bücher für die Tourenplanung. Diese schweren, viereckigen Objekte aus Papier schleppte man mühsam aus Geschäften oder der Alpenvereinsbibliothek nach Hause, um sie dann einzeln durchzuforsten. Im heutigen digitalen Zeitalter nutzt „man“ hingegen raffinierte Onlinetools, die die perfekte Tour binnen weniger Minuten ausspucken können. Aber: auch wenn man damit die Tourenauswahl mittlerweile komplett online angehen und sich die Beschreibungen abspeichern oder abfotografieren kann, sind die Bücher dennoch nicht verdrängt worden.

Vielleicht liegt das auch daran, dass bei all der digitalen Eleganz die Frage bleibt, ob das Smartphone bei Schneetreiben auf Tour zuverlässig seinen Dienst tut und ob das Touchscreen-Gewische mit kältesteifen Handschuhen bei gleißendem Licht und wirbelndem Schnee wirklich praktikabel ist. Da kann so ein Büchlein plötzlich wieder sehr zeitgemäß wirken. Gleiches gilt für die topographische Karte im Maßstab 1:50.000 oder besser 1:25.000, die man auf jeden Fall in Papierform mitnehmen sollte.

Die Bibliotheken der örtlichen Alpenvereinssektionen sind oft sehr gut mit AV-Karten bestückt (deren Mitnahme auf Tour offiziell nicht erlaubt ist …). Geliehene Karten sollten selbstverständlich nicht mit dem Verlauf der geplante(n) Route(n) und Markierungen potentiell gefährlicher Hänge bemalt werden. Genau diese Möglichkeit ist jedoch ein entscheidender Vorteil der Papierkarte – ebenso wie die im Vergleich zum kleinen Screen bessere Lesbarkeit, Übersicht und Detailfülle.

Hier drei Beispiele bekannter Tourenportale, die die Suche mit einer interaktiven Karte ermöglichen:

  • https://www.alpenvereinaktiv.com – viele Optionen und Filter zum Verfeinern der Suche, man kann auch Hütten suchen und die aktuellen Bedingungen, inklusive Wetter und Lawinenlage abfragen. Besonders praktisch und leicht wird das Handling nicht nur durch die interaktive Landkarte, sondern auch durch die vielen Möglichkeiten unter dem Button „Suche verfeinern“. Dort lassen sich Suchkriterien wie Anstieg, Höhenmeter, Strecken und Dauer der Tour festlegen.
  • https://www.outdooractive.com/de/ – sehr ähnlich aufgebaut wie alpenvereinaktiv, mit ähnlichem Funktionsumfang und vielen überschneidenden Tourenvorschlägen – allerdings mit wesentlich mehr Touren außerhalb des Alpenraums
  • http://www.hikr.org/ – oft gute und genaue Beschreibungen mit schönen Fotos, doch nur wenigen Filtermöglichkeiten der Suche

Tourenpartner finden

Skitouren: Ohne Plan geht nix

Vor der Skitour sollten nicht nur die Wetter- und Schneeverhältnisse gecheckt werden, sondern auch der Tourenpartner.

Da nicht jeder die passenden Skitourengeher schon fertig im Freundeskreis eingebaut hat, stellt sich oft die Frage, wie man solche findet. Am besten helfen hier natürlich Kurse und geführte Touren, wo man gleich einen echten und lebendigen Eindruck der möglichen künftigen Tourenbuddies gewinnt. Etwas weniger Aufwand macht die Internetrecherche. Der übliche Tipp ist hier natürlich Facebook, wo es bekanntlich keine Gruppe gibt, die es nicht gibt. Der Vorteil bei Facebook ist die Quantität, sprich, dass es an Interessenten selten mangelt. Zweifelhaft ist dann leider oft die Qualität, denn Stichworte wie „verlässlich“, „ernsthaft“ oder „langfristig“ gelten nicht gerade als Hauptmerkmale der schnellen Facebookwelt.

Dann gibt es natürlich den Alpenverein mit seiner DAV-Community samt Tourenpartnersuche und die Tourenforen vieler Sektionen. Dort liegt das Problem dann eher umgekehrt: es finden sich zwar leichter Partner, die nicht nur heiße Luft produzieren, doch die Auswahl für die passende Bergsportdisziplin zum passenden Zeitraum scheint manchmal etwas dünn.

Ein dritter Weg sind die Onlinebörsen von kommerziellen Anbietern wie Mountix.com. Bei Mountix kann man dank mobiler App auch kurzfristig vor Ort noch Touren „klarmachen“. Die Zahl der Gesuche im Bereich Skitouren ist im Moment zwar auch hier eher dünn, aber das könnte auch einfach daran liegen, dass zurzeit (Mitte November) noch nicht wirklich Saison ist. Außerdem kann man ja auch selbst das Heft in die Hand nehmen und ein aussagekräftiges Gesuch einstellen. Und etwas Glück gehört sowieso immer dazu …

Die Tour steht: letzte Schritte vor der Abfahrt

Oft wird es kurz vor der Tour hektisch, da sehr viele Kleinigkeiten in sehr kurzer Zeit erledigt werden wollen. Deshalb hier eine kurze Übersicht:

  1. Ausrüstung: Man kann natürlich am Abend vor der Tour anfangen, das Material zusammenzusuchen und zu packen. Doch wenn dann irgendetwas fehlt, was letztens noch ganz sicher da unten im Kellerregal lag, oder irgendetwas nicht funktioniert (klassischerweise die Stirnlampe mangels Batterieladung), werden die Besorgungen stressig. Also lieber rechtzeitig die Packliste Skitour durchgehen und abhaken.
  1. Notrufnummern speichern, am besten die lokale Nummer auf die Kurzwahltaste. Eine Übersicht über die Notrufnummern in den Alpenländern gibt es hier: https://www.alpenverein.de/dav-services/alpine-auskunft/alpine-telefonnummern_aid_10705.html
  1. Wenn die Tour steigt, Angehörige über den spät möglichsten Rückkehrzeitpunkt informieren. Warum nicht die Skitour nutzen, um endlich mal wieder Mama anzurufen? Im Notfall kommt es dann schneller zu einer Vermisstenmeldung.
  1. Unmittelbar vor Abmarsch: LVS-Geräte checken. Die Tourenteilnehmer müssen im Partnercheck prüfen, ob ihre LVS auch wirklich „auf Sendung“ sind. Hierfür stellt ein „Tester“ sein Gerät in den Sendemodus und alle Teilnehmer prüfen den Signalempfang. Anschließend stellt der „Tester“ sein Gerät in den Empfangsmodus und prüft nacheinander den Empfang des Signals der anderen Teilnehmer, die in den Sendemodus umgeschaltet haben. Zuletzt aktivieren alle den Sendemodus und die Tour startet.

Wer jetzt Lust auf mehr bekommen hat findet bei uns im Basislager noch ein paar tolle Artikel über Skitouren, die ihr euch auf keinen Fall entgehen lassen solltet. Hier geht´s zu unseren Favoriten im Allgäu und Mittelgebirge. Hautnah berichtet Bergfreundin Klara von ihrem Ausflug zur Wiesbadener Hütte (Silvretta) und der Saarbrücker Hütte (Silvretta).

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