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Preis vs. Leistung – Wie man auch mit kleinem Budget zu einer guten Ausrüstung kommt

19. Dezember 2019
Tipps und Tricks

Neulich mit ein paar Freunden bei mir zu Hause am Küchentisch: „Also wenn ich mir neue Expressen kaufe, dann nur diese ganz leichten von DMM oder Petzl oder so. Die sind zwar sauteuer, aber halt auch viel besser als alles andere. Auch wenn das dann mal mein Budget sprengt, von nichts kommt nichts“, sagt da einer und blickt unmittelbar in fragende Gesichter. Ich denke mir noch so: „Mann, an deiner Stelle hätte ich da mal schön die Klappe gehalten, denn da sitzen nicht nur Leute, die besser klettern als du, sondern einfach auch deutlich mehr Ahnung haben.“

Es kommt also wie es kommen muss. Als hätte man in ein Wespennest gestochen, bricht augenblicklich eine Diskussion los, die mehr oder weniger bis zum heutigen Tag anhält und an deren vorläufigem Ergebnis ich euch einmal teilhaben lassen möchte. Heute also im Ring: Preis vs. Leistung.

Oder konkret die Frage: Ist alles Teure automatisch immer gut und ist alles Günstige automatisch immer unterlegen? Und wie stelle ich es an, wenn ich nur ein kleines Budget habe, aber dennoch eine vollwertige Ausrüstung brauche?

Muss Qualität immer teuer sein?

Brauchbare Ausrüstung gibt’s schon für vergleichsweise kleines Geld, bessere Ausrüstung gibts dann für deutlich mehr Geld und die geilsten Ausrüstungsgegenstände überhaupt gibts für richtig fett Asche. Richtig oder falsch? Naja, diese Frage ist wie immer nicht ganz leicht und auch nicht ganz pauschal zu beantworten.

Da die Diskussion am Küchentisch mit dem Thema Expresssets begonnen hat, wollen wir die alte Tradition doch einfach einmal fortsetzen. Spielen wir also mal das Spiel mit und fragen: Wie sieht es mit Preis und Leistung im Bereich (Kletter-)Ausrüstung aus?

Es gibt nichts dran zu rütteln, egal wie Gurt, Karabiner, Seil und Co. daherkommen, sie müssen sicher sein. Die gute Nachricht gleich vorweg: Das sind sie. Jegliche Kletterausrüstung, die regulär in Deutschland und der EU vertrieben wird, muss gewissen Standards entsprechen und nach deren Kriterien geprüft sein. Hierzu gibt es die Europäische Norm (EN) die für jeden Ausrüstungsgegenstand formuliert wird und eine normierte Sicherheitsprüfung gewährleistet.

Jedes Prüfverfahren wird nur für eine bestimmte Produktgruppe angewendet und trägt eine eigene Kennung. Mit der Bezeichnung „conform european“ (CE-Zeichen) erklärt der Hersteller, dass es nach EN geprüft ist und für unbedenklich erklärt wurde. Die Zahl nach dem Zeichen gibt an, welche Prüfstelle die Prüfung vorgenommen hat.

Hierzu ein Beispiel. Auf meinem Klettergurt finden sich unter anderem folgende Angaben: EN 12277 und CE 0123. Das heißt: Der Gurt wurde nach der Norm für „Bergsteigerausrüstung und Anseilgurte“ getestet und vom TÜV München zertifiziert. Neben der EN gibt es aber auch noch die freiwillige Norm der Bergsportverbände, die UIAA-Norm. Diese Norm gilt weltweit und setzt in der Regel strengere Prüfkriterien an. Trägt ein Produkt das Logo der UIAA (Ein Berg in einem Kreis mit der Aufschrift „UIAA“), dann wurde es auch von der UIAA als konform getestet.

Die UIAA-Norm ist jedoch im Gegensatz zur Europäischen Norm nicht verpflichtend, daher sind auch nicht alle Produkte am Markt nach UIAA-Norm getestet. Beide Normen dienen jedoch dazu den Verbraucher vor gefährlicher oder mangelhafter Ware zu schützen. Billig = unsicher stimmt hier also zum Glück schon einmal nicht.

Gerade bei einem Klettergurt ist es wichtig, dass er gut sitzt. Wenn da schon bei der ersten Route was zwickt und klemmt, macht die ganze Klettersession keinen Spaß. Hier bin ich jedoch der Meinung, dass bequem oder unbequem keine Preisfrage ist, sondern vielmehr vom eigenen Körperbau und den persönlichen Bedürfnissen abhängt. Da heißt es im Zweifelsfall einfach mal anprobieren. Billig = zwangsläufig saumäßig unbequem, entspricht also auch nicht unbedingt der Wahrheit. Komfort kann aber noch was anderes bedeuten: Nämlich welche Extras bringt der Gurt mit und wie einfach lässt er sich anziehen oder einstellen?

Auch hier muss man sich die Frage nach den persönlichen Bedürfnissen stellen. Wer beispielsweise überwiegend in die Halle zum Sportklettern geht, braucht in der Regel keinen vollverstellbaren Gurt. Auch super viele Materialschlaufen oder Ösen für Eisschrauben sind da eher unwichtig. Viel wichtiger ist es da schon, dass man den Gurt einfach anziehen kann, dass die Schallen gut laufen und intuitiv zu handhaben sind. Doch all das ist zum Glück auch nicht zwangsläufig eine Frage des Preises. Der Aussage „billig = super unkomfortabel“ sei daher ein deutliches Fragezeichen hinzugefügt.

Bei der Kletterausrüstung geht das Gewicht einzelner Ausrüstungsgegenstände teils weit auseinander. Und klar ist dabei auch, was weniger wiegt, aber dennoch das Gleiche kann wie sein schwerer Kollege, ist gerne auch mal deutlich teurer. Schauen wir uns das Beispiel vom Anfang nochmals näher an. Es gibt Expresssets, die wiegen lediglich einen Bruchteil von Standardexpresssets. Da kann es dann schon einmal sein, dass die aktuell leichtesten Expressen am Markt nur gut die Hälfte von „normalen“ Expresssets wiegen.

Je nach Ausführung stehen sich da Werte von rund 65 Gramm bis ca. 125 Gramm gegenüber. Dazwischen gibt es praktisch alles zu unterschiedlichsten Preisen. Fragt man da nach dem Warum, sieht man recht schnell, ein besonderes Karabinerdesign und ein Band aus leichtem Dyneema ermöglichen den Leichtbau. Das sich das auf den Preis niederschlägt, ist da nur wenig verwunderlich. Dennoch sollte man sich auch hier fragen, wofür man den jeweiligen Ausrüstungsgegenstand hauptsächlich einsetzen wird.

Geschieht dies beispielsweise beim Alpinklettern oder in Bigwalls, lohnt es sich deutlicher auf das Gewicht zu schauen. Auch wer sich in den oberen Schwierigkeitsgraden zu Hause fühlt, hat da sicherlich besondere Ansprüche. Gerade aber für Einsteiger oder Genusskletterer, die sich überwiegend im heimischen Klettergarten bewegen, ist es sinnvoll, zwischen Preis und Gewicht abzuwägen.

Rucksäcke sind beim Bergsport quasi omnipräsent. Kein Wunder, man kann in sie Dinge hineinpacken, sie lassen sich deutlich angenehmer tragen als beispielsweise Omas alter Jutebeutel und man kann so herrlich ewig darin herumsuchen ohne den gewünschten Gegenstand zu finden. Aber mal Spaß bei Seite: Vom Radfahren bis hin zu Trekkingtouren es gibt fast keinen Bereich für den es nicht auch einen speziellen Rucksack gibt.

Kein Wunder also, dass die einzelnen Modelle mitunter stark unterschiedlich aussehen. Eines haben sie jedoch alle gemein: Sie müssen ordentlich was aushalten. Dennoch sind es auch in diesem Bereich eher das Gewicht, die Beschaffenheit des Tragegestells oder die allgemeine Ausstattung und Größe, die sich in erster Linie auf den Preis niederschlagen. Dass dies nicht zwingend zulasten der Robustheit oder Langlebigkeit gehen muss zeigen zahlreiche Modelle am Markt.

Mit kleinem Budget viel erreichen, so kanns was werden

Schön und gut, dass Preis und Leistung nicht unmittelbar miteinander zusammenhängen müssen, haben wir nun gesehen. Was aber kann man tun, wenn man mit einem vergleichsweise kleinen Budget eine möglichst vielseitige Ausrüstung zusammenstellen möchte?

Für nahezu jeden Einsatzbereich gibt es spezielle Ausrüstungsgegenstände und das macht auch Sinn. Dennoch fallen mir immer wieder Personen auf, die diesbezüglich zum Overdressen neigen. Da gibt es Leute, die um drei Bücher an die Uni zu tragen einen krassen Ultraleichtrucksack dabei haben. Oder andere, die auf eine Tageswanderung bei stabilstem Sommerwetter eine 3-Lagen-Gore-Jacke mitschleppen. Oder nochmals andere, die sich für den Biergartenbesuch eine polarisierte Gletscherbrille zugelegt haben. Oder, oder, oder. Das Paradoxe ist dabei nicht, dass diese Dinge nach dem Prinzip „eh da“ verwendet werden, sondern nicht selten speziell dafür angeschafft wurden. Und das ist aus rein rationalen Gesichtspunkten großer Quatsch. Wer einen dicken Geldbeutel sein eigen nennt, wird mich jetzt sicherlich müde anlächeln und dem sei das alles auch zugestanden. Für alle, die sich jedoch frei nach Bud Spencer die Frage stellen. „Und was ist nun mit den Kohlen?“, denen seien hier ein paar praktische Tipps an die Hand gegeben.

Anspruch und Wirklichkeit

Bei jeder Neuanschaffung schwingt immer auch die Frage mit, was hätte ich gerne und wozu brauche ich das. Wofür soll der Gegenstand später einmal hauptsächlich eingesetzt werden, ist er dieser Anforderung gewachsen oder ist er der komplette Overkill? Ein Trekkingrucksack mit krassen Tragesystem ist vielleicht für den Besuch bei Tante Lisbeth einfach too much. Wenn aber jemand beispielsweise einen super schlimmen Rücken hat und ohne Rucksack mit speziellem Tragesystem kaum existieren kann, macht es Sinn auch für Tagestouren oder kleinere Ausflüge gezielter auszuwählen.

Oder wer beispielsweise bei Wind und Wetter mit dem Rad zur Arbeit fährt und dazu eben einen wasserdichten Rucksack oder robuste Satteltaschen braucht, der muss sicherlich anders auswählen, als jemand, der einmal im Sommer mit dem Rad zum Picknick fährt. Daher kann es absolut hilfreich sein, einfach einmal in sich selbst hineinzuhorchen wie genau die persönlichen Bedürfnisse gelagert sind. Als Budgettipp Nummer 1 gilt daher: Anspruch und Wirklichkeit genau gegeneinander abwägen.

Nein, ich will euch nicht überreden in Sandalen über Gletscher zu wandern oder statt eines vollwertigen Campingbestecks nur eine abgesägte Gabel mitzunehmen. Ich denke da vielmehr an Dinge, die einen imaginären „nice-to-have-Aufkleber“ haben. Hierzu ein Beispiel: Klar kann es bei Hoch- oder Skitouren nützlich und angenehm sein ein Sitzkissen für Pausen dabei zu haben. Zwingend brauchen tut das aber kein Mensch, denn man kann sich beispielsweise einfach auf den Rucksack oder die umgedrehten Skier oder gleich in die Kneipe setzen.

Dinge dieser Art gibt es viele. Wer also gerade dabei ist mit begrenzten Mitteln eine neue Ausrüstung zusammenzustellen, dem sei der Budgettipp Nummer 2 ans Herz gelegt: Nur das auf die Ausrüstungsliste setzen, was auch wirklich benötigt wird. Das hat sogar noch einen praktischen Nebeneffekt. Wer nicht allerlei unnötigen Plunder herumschleppt, tut sich unterwegs im wahrsten Sinn des Wortes oft leichter, hält länger durch oder kommt schneller an. Stellt man im Lauf der Zeit dann fest, dass dies oder das zum vollkommenen Glück noch fehlt, kann man es immer noch kaufen.

Qualität

Ein kluger Mann hat mir einmal in etwa Folgendes gesagt: „Ihr habt nicht genug Geld um euch billigen Mist zu kaufen.“ Das klingt erst einmal paradox, trifft aber den Nagel durchaus auf den Kopf. Dinge die manchmal zu absoluten Schleuderpreisen angeboten werden, gerne Billigware aus Fernost, halten oft nicht besonders lange.

Gerade im Bereich Outdoor und Camping beschert uns da so mancher Discounter alljährlich eine Flut an quasi Einwegprodukten. Im regelmäßigen und auch härteren Gebrauch kommen Produkte dieser Art nicht selten an ihre Grenzen. Wer dann nach einer Saison wieder neu kaufen muss, hat nichts gewonnen und legt in der Regel drauf. Allerdings kann es sich lohnen gerade im Bereich der Bekleidung einmal den hochwertigen Gebrauchtmarkt zu checken.

Bei sicherheitsrelevanten Ausrüstungsgegenständen wie Klettergurten, Seilen oder Karabinern ist davon jedoch abzuraten, weil man in der Regel nicht weiß, was der Vorgänger damit angestellt hat. Daher lautet der Budgettipp Nummer 3: Qualitativ hochwertige Sachen kaufen, dabei aber auf den Preis achten.

„Zweckentfremden“

Für jeden Sport und dessen Unterarten gibt es spezielle Produkte. Rucksäcke, Kleidung, Schuhe oder Sonnenbrillen seien da nur einmal als Beispiel genannt. Das mag ja auch alles seinen Sinn haben, dennoch lassen sich oft auch Dinge leicht zweckentfremden oder für andere Disziplinen einsetzen, ohne dass dies zu sehr auffällt oder stört. So können beispielsweise Teleskopstöcke nicht nur im Sommer bei langen Wanderungen nützlich sein, sie lassen sich vielmehr auch im Winter auf Skitour einsetzen. Auch kann ein kleiner Radrucksack prima für Tageswanderungen hergenommen werden.

Ich persönlich habe jahrelang meinen Kletterrucksack im Winter auf Skitour mitgenommen. Ein guter Freund trägt immer seine Laufshirts beim Tourenradfahren und es soll Leute geben, die das ein und selbe Softshell sowohl bei Hochtouren, als auch zum Skaten (also Langlaufen, nicht Kartenspielen) tragen. Wer hier ein wenig kreativ ist, kann den einen oder anderen Euro sparen. Somit lautet der Budgettipp Nummer 4: Die Vielseitigkeit einzelner Ausrüstungsgegenstände zum wichtigen Auswahlkriterium machen.

Zum Geleit

Bevor man sich was Neues anschafft, kann es hilfreich sein, darüber nachzudenken, wofür man das Ding denn genau braucht. Wer nur ein vergleichsweise kleines Budget zur Verfügung hat oder für die ersten Gehversuche in einer neuen Sportart nicht gleich den halben Monatslohn hinblättern möchte, kann sich hier und da ein paar Euros sparen, ohne gleich in der Ramschsparte zu landen. Der Ausspruch „weniger ist manchmal mehr“, passt hier vielleicht ganz gut. Und wie so oft im Leben ist auch in diesem Bereich eine Entscheidung nicht für die Ewigkeit. Für den Start in einer neuen Sportart sind Kompromisslösungen bezüglich der Ausrüstung meist eine gute Sache. Wer dann nach einiger Zeit sicher ist, dass er in der Sportart auch weiterkommen möchte, stellt ganz von alleine fest, was noch fehlt, bzw. wie genau die persönlichen Bedürfnisse gelagert sind.

Wer jetzt allerdings mit einem überlegenen Grinsen denkt, „Oh Mann, heute sind aber die Schwaben mal wieder besonders schwäbisch drauf“, dem sei nur eines gesagt: Ich bin Badenserin, du Schlauberger ;-)

Kleine Schneekunde für (angehende) Winterfreunde

17. Dezember 2019
Tipps und Tricks

Kurze Anmerkung vorab: der folgende Artikel kann zwar informieren, nicht aber einen Lawinenkurs und andere Maßnahmen für die sichere Durchführung von winterlichen Aktionen und Bergtouren ersetzen.

Wer im Klimaunterricht der letzten Jahre aufgepasst hat, muss den Sinn dieses Artikels anzweifeln. Denn Schnee wird demnach in unseren Breiten bald nur noch in Erzählungen existieren. Selbst in den Skigebieten soll der künstliche Kanonenschnee auf den Pistenstreifen überwiegen. Naturschnee zum anfassen? Am ehesten noch im Museum, gleich neben Wahlscheibentelefon und Pferdedroschke.

Doch es gibt auch ein Nebenszenario dieser Prognose, nach dem die Hitze über Umwege kommt und wir vor dem Dahinschmelzen erst noch die sibirische Peitsche spüren. Wenn nämlich „die Golfstrom-Wirkung nicht mehr funktioniert“, wie es einst eine Landespolitikerin markant ausdrückte. In dem Fall lohnt der Artikel doch noch für ein paar Jahre. Also, aufgepasst!

Was ist Schnee?

Zunächst die überraschende Feststellung, dass das größte Lexikon aller Zeiten für Schnee eine Begriffsklärungsseite hat. Ist denn damit nicht ganz klar der weiße Niederschlag gemeint? Nein, es gehört hier unter „umgangssprachlich“ auch ein Aufputschpulver aus Südamerika dazu, das trotz seines hohen Zolls an rotem Blut in makellosem Weiß erstrahlt. Und ein weißes Rauschen auf Bildschirmen firmiert ebenso unter „Schnee“, wie ein schaumiges Eiklar.

Bleiben wir bei der vom Himmel fallenden Niederschlagsform. Keine Sorge, es wird trotzdem nicht langweilig, denn auch von dieser gibt es 17 verschiedene Arten. Oder 13. Oder 12, je nachdem, wo man nachliest. Dazu gleich mehr, zuerst noch zur allgemeinen Begriffsklärung und zur Entstehung von Niederschlags-Schnee. So sind alle Wörter für Schnee laut Wikipedia(ablautende) Abstraktbildungen zum indoeuropäischen Wort *sneigṵh- ’schneien, (sich) zusammenballen, zusammenkleben‘.

Entstehung

Was hier zusammenballt und -klebt sind winzige Kristallisationskeime wie Staubteilchen, an denen sich Wassertröpfchen anlagern und gefrieren (erstaunlicherweise bleibt so ein Mikro-Wassertropfen bei bis zu minus 48° Grad flüssig). Der so entstehende Eiskristall gefriert und fällt aufgrund seiner gewachsenen Masse sprichwörtlich aus allen Wolken.

Eis- bzw. Schneekristalle sind der Ausgangsstoff für alle Arten von Schnee. Sie können unzählige Formen bilden und sind eines der vielen kleinen uns umgebenden und meist ignorierten Wunder. Sie bilden oft harmonische, symmetrische und komplexe Formen. Die einzige Gemeinsamkeit aller Eiskristalle ist, dass alle Arten sechseckig sind, weil sich Wassermoleküle stets in einem Winkel von 120 Grad anordnen. Abgesehen davon sind der Formenvielfalt keine Grenzen gesetzt.

Wenn viel Feuchtigkeit in der Luft ist und die Temperaturen idealerweise knapp unter null liegen, ballen sich unzählige dieser Kristalle zu den wesentlich größeren Schneeflocken zusammen. Von denen gibt es dann sehr viele Arten. Wie viele genau, weiß kein Mensch, denn sie verändern sich ständig und es entstehen unzählige Mischformen.

Welche Schneearten gibt es?

Wir haben alle schonmal irgendwo gelesen, dass „die Eskimos mehr als 20 Wörter für Schnee kennen“. Stimmt aber bestenfalls nur halb, auch wenn es diese Legende bis in Linguistik-Einführungsseminare geschafft hat. Denn die Eskimos, die wir heute lieber Inuit nennen sollen, setzen viele Satzteile zu Riesenwörtern zusammen. Zählt man nur die Wortstämme, so kommt man laut Christoph Drösser von der Zeit kaum auf zehn Schneearten. Und da gibt es selbst dahoam in Oberbayern mehr Wörter für die weiße Pracht: „Schnee, Harsch, Sulz, Firn. Wörter, die, so Drösser, „vielen kein Begriff mehr sind.“ Na, in Bergfreundekreisen kennt sie jeder. Du ja hoffentlich auch, oder? Falls nicht, kannst du die peinliche Wissenslücke hier diskret und schnell schließen.

Laut Drösser kennen „die Bergler in den Alpen rund zwanzig Ausdrücke für das kühle Naß“, darunter Locker– und Wild-, Neu– und Pappschnee, filziger Schnee und Oberflächenreif, Harsch, Firn und Sulz. „Der Skifahrer schwingt sich durch Pulver– und Faulschnee, oder er gerät in eine auf Schwimmschnee zu Tal donnernde Schneebrettlawine.“ Damit wäre schonmal das Dutzend an Bezeichnungen voll – die wir jetzt noch mit ein wenig Inhalt anreichern wollen. Ein interessanter Ansatz ist die Unterscheidung der Schneearten nach Befahrbarkeit mit Skiern, wie auf der Website Familien-Skigebiet.com. So können sich Skiläufer die Unterschiede gut merken, doch für andere Schneeinteressierte sind ein paar zusätzliche theoretische Unterscheidungskriterien womöglich einprägsamer.

Systematische Unterscheidung nach Kriterien

Wichtige Kriterien, anhand derer man Schnee klassifizieren kann, sind u.a. Alter, Feuchtigkeit und Dichte. Eine solche Unterteilung habe ich dem Wikipedia-Schneeartikel, Abschnitt Schneearten entnommen und teils etwas angereichert.

Nach Alter

Gerade frisch gefallen heißt der Schnee Neuschnee. „Seine Eiskristalle sind noch fein verzweigt mit spitzen Zacken.“ Im Lauf der Zeit verwandelt er sich je nach „Metamorphose“ in eine oder mehrere weitere  Arten. Fast jede Schneeflocke, die nicht direkt nach der Landung schmilzt, durchläuft ein Dasein in Form von mehreren Arten.

Bei der abbauenden Metamorphose werden die Kristalle durch Temperaturschwankungen, Druck oder Wind zu weniger verästelten und runderen Formen umgewandelt. Der Schnee wird dadurch fester und dichter.

„Bei der aufbauenden Metamorphose bilden sich in tieferen Schichten neue, größere Kristallformen, die durch große Lufteinschlüsse nur noch geringe Festigkeit besitzen.“

Bei der Schmelzmetamorphose entstehen bei Temperaturen knapp über 0 °C runde Kristallformen. „Im Wechselspiel mit Wiedergefrieren des Wassers an der Oberfläche (Auffirnen) kann sich Bruchharsch bilden, sonst kompakter Harsch“. Kommt Wind hinzu, können Wechten und Schneebretter entstehen.

Aus verdichtetem Altschnee des Vorwinters wird nach frühestens einem Jahr Firn, der sich wiederum zu Gletschereis entwickeln kann. Firn ist meist hart, kann aber bei steigenden Temperaturen auch zu einer weichen, gut befahrbaren Auflage werden.

Weiterer Begriffe, die hier eingeordnet werden können: Griesel (wiederholt gefrorener, sehr körniger Schnee), Wildschnee (extrem lockerer Neuschnee)

Nach Feuchtigkeit

Pulverschnee ist trockener Schnee von geringer Dichte, der auch unter Druck nicht zusammenklebt. Die geringe Verzahnung der Flocken lässt tiefe haltlose Schneeschichten entstehen. Als Unterlage fürs Skifahren ist solcher Schnee ideal.

Feuchtschnee, auch Pappschnee genannt, klebt unter Druck zusammen und eignet sich damit gut für Schneebälle und Schneemänner. Es lässt sich jedoch kein Wasser herauspressen.

Bei Nassschnee, der ebenfalls schwer und „klebrig“ ist, lässt sich Wasser herauspressen. Älterer Nassschnee kann zu Sulzschnee werden. Mischen sich Nassschnee-Brocken und Wasser, wird die schlecht zusammenhaltende Mischung Faulschnee oder Schneematsch genannt.

Weiterer Begriff, der hier eingeordnet werden kann: Filzschnee (etwas verdichteter, leicht feuchter Schnee)

Nach Farbe

In seltenen Fällen führen Algen oder Wüstenstaub zu Verfärbungen („Blutschnee“ o.ä.).

Nach Dichte

Die wohl exakteste Differenzierung von Schnee ist die Unterteilung nach Dichte in Kilogramm pro Kubikmeter:

30 – 200 kg/m³: trockener, lockerer bis stark gebundener Neuschnee

200 – 500: trockener bis nasser Altschnee

150 – 300: Schwimmschnee

500 – 800: mehrjähriger Firn

800 – 900: Eis

Nach Auftreten und Ursprung

Hierunter fällt u.a. die Unterscheidung nach natürlichem Schnee und technischem Schnee („Kunstschnee“). Letzterer entsteht, wenn Schneekanonen Wassertropfen bei unter minus vier Grad Lufttemperatur versprühen.

Fazit

Der Artikel war hoffentlich ein brauchbarer Einblick, kann jedoch unmöglich vollständig sein, da Schnee unzählige Formen und Phänomene ausbilden kann. Als Beispiele seien hier nur Windharsch, Bruchharsch und Eislamelle genannt, die unterschiedliche Arten von angeschmolzenem und wieder gefrorenem Oberflächenschnee sind. Hinzu kommen weltweit  regionale Erscheinungen und Besonderheiten, die wiederum mehrere Bezeichnungen haben können. Beispiele wären hier der (sub)tropische Büßerschnee, der Champagne-Powder der Rocky Mountains oder der eher in Sibirien als in Europa vorkommende Diamantstaub mit seinen feinen Eisnadeln, die nur bei extremer Kälte, Windstille und heiterem Himmel entstehen.

Aus diesen Gründen kann niemand genau festlegen, wie viele Arten von Schnee es gibt.

Direct Alpine – technische Bergsteigerbekleidung aus Tschechien

27. November 2019
Ausrüstung

Eigentlich erinnert die Gründungsgeschichte von Direct Alpine ein wenig an die der Bergfreunde: Zwei junge Gründer, die eigentlich nichts lieber wollten, als den ganzen Tag am Fels verbringen, beginnen sich für die Ausrüstung und Bekleidung, die für ihr liebstes Hobby nötig ist,  zu beschäftigen. Die zwei kletter-begeisterten besten Freunde Radek Novacek und Jirka Silka gründen im Jahr 1997 eine kleine Handelsfirma in Liberec, Tschechien und beginnen so die Geschichte der heute erfolgreichen Outdoor-Marke Direct Alpine.

Die Firma hat nach wie vor ihren Sitz in Liberec und produziert in momentan 13 Werkstätten in Tschechien die Mehrheit ihrer Modelle. Auch wenn Direct Alpine teilweise noch als echter Geheimtipp gilt, ist die Marke bereits ein kleiner Hoffnungsträger in der tschechischen Textilindustrie. Denn die hatte schon rosigere Zeiten. Vor fast hundert Jahren galt Tschechien als die Textilhochburg schlechthin. Damals schossen große Webereien und Stickereien förmlich aus dem Boden.

Das Land war bekannt für ihre Textilindustrie und viele Menschen fanden Jobs in der Produktion oder im Handel von Kleidung. Doch wie wir wissen, kommt nach einem Berg auch schnell wieder das Tal. So schrumpfte nach dem zweiten Weltkrieg die tschechische Textilbranche immer mehr und umfasste Ende der Achtziger Jahre gerade mal noch 250.000 Beschäftigte.

Das klingt als gäbe ich in den nächsten Zeilen einen ausführlichen Geschichtsunterricht zur wirtschaftlichen Lage in Tschechien. Sicherlich auch ein spannendes Thema, aber wir wollen uns ja mit der Marke Direct Alpine beschäftigen.

Funktionalität & Qualität  – Ganz ohne Schnickschnack

Direct Alpine ist in erster Linie eine Marke, die hoch funktionale Outdoorkleidung für Bergsteiger herstellt. Die Bekleidung soll beim direkten Weg zum Gipfel, so das Motto, unterstützen und vor Wind und Wetter schützen. Mitgründer Radek Novácek ist nach wie vor Designer der Produkte und weiß „was es heißt, bei schlechtem Wetter zu wandern“. Das Sortiment für Männer und Frauen ist überschaubar. Jedes Teil wird daher ausführlich  im Labor und vom Direct Alpine Test Team, bestehend aus erfahrenen Bergsteigern, getestet. Dabei werden  unter anderem Atmungsaktivität, Wasserdichtigkeit, Windbeständigkeit und Abriebfestigkeit geprüft.

Die meisten Hosen und Jacken im Sortiment haben eine körperbetonte Passform. Die Marke setzt auf hochwertige, innovative Materialien, wie Cordura, Innenfutter aus atmungsaktivem Coolmax, Dermizax und Gelanots. Letzteres ist in der Branche noch sehr unbekannt und wird nur von wenigen Marken eingesetzt. Das Material wird beispielsweise für die Oberschutzjacke GUIDE von Direct Alpine verwendet. Es ist undurchlässig für Wasser in Tropfenform, allerdings durchlässig für Wasserdampf. Der Stoff besticht besonders in Sachen Atmungsaktivität.

Durch die hydrophile Struktur des Gelanots wird die entstehende Feuchtigkeit unter der Jacke angezogen und an die Außenseite geleitet. Je größer der Temperaturunterschied zwischen Innen- und Außenseite also ist, desto besser funktioniert dieser natürliche Prozess. Wenn es auf Ski-, Trekking- oder Klettertouren mal schweißtreibender wird, sollte die GUIDE ein guter Begleiter sein. Laut eigener Angabe der Marke, ist die GUIDE zu dem leichter als klassische Hardshelljacken. In unabhängigen Tests, wie vom Outdoor Magazin schneidet die Jacke sehr gut ab. Auch andere Produkte schneiden in den Tests gut bis sehr gut ab. So hat beispielsweise die FORAKER Wärmejacke, den Outdoor Editor´s Choice Award 2016 gewonnen.

Sowohl der Designprozess als auch die Produktion finden zu (fast) 100 Prozent in Tschechien statt. Dreizehn Werkstätten im ganzen Land arbeiten eng mit dem Design- und Entwicklungsteam zusammen. Die enge Zusammenarbeit und strenge Kontrolle kommt der Qualität der Produkte zugute.

Rund um punktet das „Made in Europe“-Label mit Transparenz und familiärer Unternehmenskultur. Gemäß dem Motto der Marke, wird auch beim Design auf unnötigen Schnickschnack verzichtet. Funktionalität, klare Linien, körperbetonte Passform und hochwertige Materialien stehen im Vordergrund, um nicht vom eigentlichen Ziel abzulenken: Den Berg zu besteigen.

Made in Europe – Aber wie steht´s um die Nachhaltigkeit?

Wer gerne in der Natur unterwegs ist, sollte natürlich auch respektvoll mit ihr umgehen. Und das beginnt nicht erst bei der Vesper auf dem Gipfel, wenn man die Müsliriegelverpackung wieder mit nach unten nimmt, sondern bereits beim Kauf der Ausrüstung. Vor allem durch Technologien, die Outdoorklamotten warm, wetterfest und wasserdicht machen, werden oft Chemikalien und Kunststoffe verwendet, die der Umwelt schaden. Allerdings ist die Outdoorbranche, womöglich gerade wegen der Liebe der Outdoor-Enthusiasten zur Natur, immer mehr dessen Auswirkung auf die Umwelt bewusst. Große Marken wie Vaude oder Patagonia machen Nachhaltigkeit zu einer der wichtigsten Prinzipien ihrer unternehmerischen Tätigkeit.

Auch Direct Alpine hat in Sachen Nachhaltigkeit einiges vorzuzeigen. Die Tatsache, dass die Marke in Europa beheimatet ist, hier produziert und auch die größten Abnehmer in Europa sitzen, erspart lange Transportwege und somit CO2-Emissionen. Einige Materialien sind bluesign® zertifiziert. Der unabhängige Gutachter verbessert und kontrolliert jede Phase der Produktion, um die Umweltbelastung der Textilindustrie zu verringern.

Seit 2016 wird bei der gesamten Kollektion auf die umweltschädliche Chemikalie PFOA verzichtet und für 2020 ist das Ziel alle PFC-Verbindungen um 60 % im Vergleich zur Kollektion W18 zu reduzieren. Auch setzt Direct Alpine immer mehr recycelte Materialien ein. So gab es zum 20-jährigen Jubiläum der Marke, die PATROL Bergsteigerhose, welche seit Firmenbeginn mit im Sortiment ist und mittlerweile als wahre Legende gilt, in der ECO Version. Das Material der PATROL ECO stammt aus einem Projekt zum Recycling alter Fischernetze und anderem Kunststoffabfall für die ökologische Produktion von Kleidung. In Sachen Langlebigkeit, Funktion und Komfort steht die „Ökoversion“ der traditionellen PATROL natürlich in nichts nach.

Abgesehen von einzelnen  Nachhaltigkeitsprojekten wie diesem, setzt Direct Alpine auch auf kleine Veränderungen, die Ressourcen sparen und die Umwelt schonen. So ist in Planung für die Kollektion W20 alle Etiketten aus recyceltem Material herzustellen, Kunststoffverpackungen um 20 % zu reduzieren und alle Baumwoll-T-Shirts aus Bio-Baumwolle herzustellen. Auch im Logistik- und Produktionsprozess will Direct Alpine bis zum nächsten Jahr die Reduzierung des Lufttransports von Materialien um 50 % reduzieren. 1 % des Sortiments wird aufgrund aufwendiger Verarbeitungsprozesse, für die in Tschechien die Infrastruktur (noch) fehlt, außerhalb der EU produziert. Dieser Anteil ist durch die Fair Wear Foundation und nach OECO-Tex 100 Standard zertifiziert.

Die Produktion innerhalb Europas spart nicht nur an CO2 Emissionen, sondern sorgt auch schon mal für Produktionsvoraussetzungen nach EU-Standards. Da die Produktion hauptsächlich in der Tschechischen Republik stattfindet, werden Arbeitsplätze geschaffen und die wirtschaftliche Lage der Textilproduktion wird verbessert und unterstützt.

Fazit

In Sachen Umweltschutz und Firmenethik geht es sicherlich immer noch ein Stück besser, fairer und ressourcenschonender. Allerdings gilt es nicht nur die absoluten Nachhaltigkeitsvorreiter für deren Aktionismus zu belohnen. Direct Alpine tut bereits einiges, um die Umwelt zu schonen. Die Marke befindet sich diesbezüglich ganz klar im soliden Mittelfeld, sie ist transparent und versteckt sich nicht hinter inhaltslosem „Green-Marketing“. Die Ziele sind klar definiert, dennoch scheint es den Gründern bewusst zu sein, dass sie (noch) kein Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit sind.

Das Wichtigste ist und bleibt allerdings, ob der Nutzer problemlos auf den Gipfel kommt, ohne dass Ausrüstung und Kleidung unnötig den Weg erschweren. Idealerweise sollte die Ausrüstung uns bei unserem Vorhaben vielmehr unter die Arme greifen. Beim Kauf von Direct Alpine Artikel können wir uns auf hochwertige Verarbeitung, und somit auf ein langes Leben der Produkte verlassen. Gerade für anspruchsvolle Touren in den Bergen eignen sich die Jacken und Hosen, durch die innovativen Membrantechnologien. Hier merkt man, dass die Produkte von anspruchsvollen Bergsteigern entwickelt wurden.

Auch wenn die Marke (noch) als Geheimtipp unter den Outdoor-Enthusiasten gilt, steigen der Bekanntheitsgrad und die Beliebtheit stetig. Das zeigen die sämtlichen positiven Tests und Berichte in der Welt der Outdoor-Blogs. Wenn Direct Alpine also das eigene Motto einhält, dann geht es mit mit der Marke wohl weiter direkt an die Spitze.

Das Schlauchtuch: Würdigung und Kulturkritik

13. November 2019
Ausrüstung

Das Multifunktionsschlauchtuch, wie es in erbarmungslos präzisem Deutsch heißt, fällt nicht nur durch seinen für ausländische Zungen kaum zu bewältigenden Namen auf. Auch mit seiner oft bunten, nicht selten batikartigen Farbgestaltung zieht es Aufmerksamkeit auf sich. Es ist überhaupt kaum noch zu übersehen, da es landauf, landab, am Bergpfad oder in der Großstadt, immer beliebter wird. Ja, man kann von einem triumphalen Siegeszug des Schlauchtuchs sprechen.

Den Zungenbrecher kann man übrigens umgehen, indem man auf die geläufigere Bezeichnung Buff-Tuch zurückgreift. Analog zu Tempo und Papiertaschentuch dient hier die bekannteste Marke als Gattungsbegriff für das Produkt. Die Firma Buff war der erste Produzent, der das Vielseitigkeitstuch in großem Stil auf den Markt brachte. Sein Einsatzbereich ist nicht nur auf das Wandern beschränkt, sondern reicht vom Biken übers Motorradfahren bis zum ganz normalen Alltag. Natürlich ist es längst auch in High-Tech Materialien erhältlich, atmungsaktiv, feuchtigkeitsregulierend, mit UV Schutz, antibakteriell ausgerüstet, usw.

Ein Erkennungszeichen, das die „echten“ Buff-Tücher von vielen, teils sehr billigen und als Werbegeschenk verteilten Kopien abhebt, ist ihr nahtloses Design. Hinzu kommen natürlich Mindeststandards an Qualität, die verhindern, dass Marken-Schlauchtücher nach kurzem Gebrauch schon Löcher bekommen oder gar abfärben. Bei Werbegeschenken oder superbilligen No-Name-Produkten passiert derartiges immer wieder. In vernünftigen Qualitätsstufen sind die Tücher indes sehr haltbar, fusseln nicht und fransen nicht aus.

Laut Läufer-Blog liegt der Ursprung des Multifunktionstuch im Jahr 1992. Seitdem sei seine Beliebtheit steil gestiegen und es habe sich „von einer funktionalen Sportkopfbekleidung zum Mode-Accessoire gemausert“.

Wegen der Beliebtheit als Werbegeschenk und als Beigabe in Starterpaketen bei Trailrunning- und Bike-Contests ist die Verbreitung der Schlauchtücher fast schon zur Omnipräsenz geworden. Manche Outdoorer besitzen zig Exemplare und sehen die Stoffröhre als eine Art „Schweizer Taschenmesser der Outdoorbekleidung“. In der Tat, sie kann als Stirnband und Mütze, als Hals- und Piratentuch verwendet werden. Und noch einiges mehr, wie folgendes Video zeigt, in dem die ansehnlichen Buff-Models in nur zwei Minuten sage und schreibe zehn verschiedene Arten zeigen, das Tuch als Kopfbedeckung zu tragen:

Da das Schlauchtuch immer wieder auch als modisches und ästhetisches Accessoire getragen und bewertet wird, will ich es hier ebenfalls nicht nur nach Funktionalität beleuchten. Denn über Geschmack lässt sich bekanntlich vortrefflich schreiben. Also bitte nicht wundern, wenn die folgende kleine „Kulturkritik des Schlauchtuchs“ womöglich hier und da leicht persönlich gefärbt ist :-)

Als Kopfbedeckung?

Zunächst oute ich mich selbst als Schlauchtuchinhaber. Ja, ich habe selber so ein Ding und finde es auch verdammt praktisch. Allerdings nur für den Kopf und speziell für den Meinigen. Denn der ist irgendwie überdimensioniert, sodass mir von all diesen Normalokäppis mit Schirmchen keine so richtig passt. Abgesehen davon, das ich diese steifen Dinger auch bei richtiger Größe unbequem finde und der Ansicht bin, dass sie ihre Träger irgendwie dümmer aussehen lassen. Bei Sonnenhüten mit Rundum-Krempe ist das ganz ähnlich. Gerade die mit Schlaufe zum Festziehen, die so lustig das Gesicht einrahmt, kann ich nicht tragen, weil ich damit aussehe wie meine eigene Oma.

Doch auch rein praktisch finde ich das Schlauchtuch als Sonnenschutz mindestens gleich gut. Man kann es weit über die Stirn herunterziehen und bei Hitze zusätzlich noch befeuchten. Versuch das mal mit einem breitkrempigen Sonnenhut. Auch bei Wind mache ich mit Schlauchtuch eine bessere Figur: Während Omas Hut wie wild herumflattert und jeden Moment wegzufliegen droht, bleibt das Buff völlig gelassen. Auch in Sachen Zustand der Frisur nach dem Abnehmen der Kopfbedeckung erzielt das Tuch einen klaren Punktvorteil gegenüber Hut und Käppi: während man nach einer Tour mit letzteren auf dem Kopf aussieht wie nach 12 Stunden im Bett gewälzt, muss man nach Abnehmen des Buffs nur die Haare kurz so schütteln wie in der 3-Wetter-Taft-Werbung, und schon ist wieder alles in Position.

Jaja, ich weiß, Eitelkeit sollte keine solche Rolle spielen, doch wer ist schon völlig frei davon? Und wenn wir die gleiche Funktionalität einmal mit doofem und einmal mit coolem Aussehen haben können, ist die Wahlmöglichkeit doch super, oder? Mein Fazit lautet hier jedenfalls: als Kopfbedeckung bei Hitze und Wind ist das Schlauchtuch tipptopp, sowohl für lockeren Freizeitsport als auch bei „ernsthaften“ Berg- und Outdooraktionen.

Für den Winter und den kalten Berg?

Es hat aber auch seine Grenzen mit der Schlauchtuchherrlichkeit. Manche betrachten das Schlauchtuch ja auch als Ersatz für Schal und Mütze. Doch bei einem Tuch ist der Stoff eher dünn und elastisch. Das genau ist ja auch der Vorteil in Sachen Bequemlichkeit, Leichtigkeit und Vielseitigkeit. Es bringt jedoch eine bestenfalls eingeschränkte Wintertauglichkeit mit sich. Es gibt natürlich auch dickere, meist mit Fleece gepolsterte Schlauchtücher, die auch für Temperaturen unter null taugen. Doch da leuchtet mir nicht ganz ein, was nach Abzug von Leichtigkeit und Flexibilität deren Vorteil gegenüber einer stinknormalen Mütze sein soll. Ach so, ja, die Verwendbarkeit als Schal. Hm, mag sein, doch da habe ich eine ganz eigene Theorie.

Als Halstuch und Schal?

Dazu gleich eine Vorwarnung: meine leichte Voreingenommenheit gegen Schals und Halstücher kann ich wohl nicht ganz verbergen. Ich rechtfertige sie damit, dass ich schon bei deren Anblick immer das Gefühl einer zugedrückten Luftröhre bekomme. Mir reicht vollkommen, wenn Pulli oder Jacke oben am Hals kurz unterhalb des Kinns sauber abschließen, am besten mit einem Kordelzug verstellbar. Das funktioniert meist prima und ich wüsste nicht, wozu ich dann noch einen Schal bräuchte. Bei Radlern und Motorradfans kann ich die Liebe zum Halstuch nachvollziehen, weil man da nach vorn gebeugt im Luftzug sitzt. (Auch wenn es mir selbst beim Radeln mit gut schließender Oberbekleidung noch nie wirklich am Hals gezogen hat.)

Meine Vorbehalte ästhetisch-geschmacklicher Natur liegen wohl daran, dass irgendwas in meiner Kindheit schiefgelaufen ist. Damals, in grauer Vorzeit, kam es mir so vor, als würden Schals ausschließlich im Winter getragen und farbenfrohe Halstücher seien, ebenso wie außersaisonal getragene Schals, ein Accessoire, dass ausschließlich an Frauen ab etwa Anfang 30 zu bewundern ist. Deren Schals oder Tücher waren oft pastellfarben und kamen nicht selten in Kombination mit runden, kleinen, aber dick geränderten Brillen zum Einsatz. Männer mit bunter Halsbekrausung? Höchstens an Theatern und in Literatursalons. Vielleicht noch an soziologischen Fakultäten. Also überall da, wo der progressive Mann damals schon takt- und rücksichtsvoll war, offen mit seinen Gefühlen umging und die Autopolitur durch vegane Hautcreme ersetzt hatte.

Da das inzwischen der Modell- und Vorbildmann ist, avancierte auch der bunt verpackte Männerhals zum Symbol des kulturellen Fortschritts. Besonders erfreulich ist da die Entdeckung, dass farbenfrohe Halsverhüllung gut mit Hipsterbart und Dutt harmoniert. Und sich das Ensemble durch eine runde, kleine, aber dick geränderte Brille perfekt vervollständigen lässt …

Okay, das war zu viel kulturkritische Häme, ich bitte um Entschuldigung, wenn ich jemandem auf den Schlips respektive das Halstuch getreten sein sollte. Ich kann eben wirklich nichts dafür, dass der Anblick kraus umtuchter Hälse mir immer diese irritierenden, ja vielleicht sogar mikrotraumatisierenden Assoziationen zu diesen Vögeln auslöst, die zum Drohen oder Balzen irgendwelches seltsame Gekropfe aufrichten.

Um aber zu einem versöhnlichen Abschluss zu kommen, jetzt nochmal ein positiver Blick auf die famose Vielseitigkeit des Alleskönner-Tuchs:

Weitere Verwendungen: praktische Vielfalt

Das Multifunktionsschlauchtuch kann nicht nur Kopf und Hals auf vielerlei Weise schützen und dekorieren, sondern hat eine Reihe weiterer Einsatzmöglichkeiten und Funktionen. Einige Beispiele:

– Es verhindert hässliche Flecken auf dem Brustbereich des Oberteils und ist bei Mahlzeiten jederzeit als Sabberlatz und Serviette griffbereit.

– Übers Gesicht gezogen lässt es dank feinem Gewebes die Außenwelt durchschimmern und ersetzt somit bei Banküberfällen den zwickenden Damenstrumpf oder die zu warme Balaklava.

– Wenn nach einer Peinlichkeit mal wieder (Fremd)Schämen angesagt ist, wird das Multifunktionstuch ruckzuck über das Gesicht gezogen und ermöglicht unerkanntes Entkommen aus der Situation.

– Weitere Verwendungen in Stichworten: Lappen, Handtuch, Schweißtuch, Kurzzeit-Notdichtung für lecke Rohre, improvisierte Einkaufstasche (Einkaufsschlauch), Spielzeug-Knäuel für Haustiere, Lampenschirmüberzug, Schlafmaske, …

Kurz, mindestens ein Schlauchtuch, Bufftuch und Multifunktionstuch gehört in jeden ordentlichen Haushalt ;-)

Von A wie „Aua“ bis Z wie „zum Arzt gehen“ – was bei Sportverletzungen zu tun ist

19. November 2019
Tipps und Tricks

Kennt ihr das, man sitzt beim gemütlichen Bierchen mit Freunden, allesamt (Berg-)Sportler und irgendwann kommt einer auf das Thema Sportverletzungen? Stolz zeigt dann jemand seine schon leicht verblasste Narbe als Trophäe und erzählt eine wilde Story, wie es denn dazu kam. Klar hört sich das oft lustig an oder spannend oder heroisch oder oder oder…

Und meist leben diese Geschichten auch von einer kleinen Portion Übertreibung. Aber in ihrem Kern sind sie doch immer wahr und das Erstaunliche ist dabei, dass jeder in der Runde irgendeine Anekdote parat hat, in der er genäht, eingerenkt oder vergipst wurde. Das hört sich jetzt erst einmal krass an, zeigt mir aber auch gleichzeitig wie viel, beziehungsweise wie wenig wirklich Schlimmes beim Sport so passiert. Denn viele der Geschichten sind nicht nur Jahre alt, vielmehr haben sie in der Regel auch keine weiteren Beeinträchtigungen hinterlassen.

Hier geht’s zu Teil 1: Was tun als Ersthelfer

Sportverletzungen und Co. – Wie kann ich schnell und effektiv helfen?

Wer viel unterwegs ist, der wird das kennen: Kratzer, Schnittwunden oder auch ein umgeknickter Fuß, das gibt es schon einmal. Meist ist das auch keine große Sache und mit ein paar Heftpflastern oder einem Beutel Eis halbwegs gut versorgt. Die Rettung muss nicht unbedingt alarmiert werden, oft genügen der Griff in die Hausapotheke und sofern erforderlich der anschließende der Gang zum Arzt. In Teil Zwei unserer kleinen Erste-Hilfe-Serie geht es daher um alle Verletzungen, die auch ohne Notarzt und Rettungswagen gemeistert werden können. Der Artikel soll lediglich zur Sensibilisierung für das Thema Erste-Hilfe dienen. Er kann aber keineswegs einen entsprechenden Kurs beim Roten Kreuz oder vergleichbaren Organisationen ersetzen.

Wunden versorgen – so macht man es richtig

Zu den häufigsten Verletzungen überhaupt gehören Schnitt-, Schürf- und Platzwunden, Schrammen und Kratzer. Diese lassen sich in der Regel recht einfach versorgen. Dennoch wichtig: Wenn möglich sollte man als Ersthelfer Einmalhandschuhe tragen. Alternativ, kann man sich als Betroffener natürlich auch selbst „verarzten“.

Ist die Wunde stark verschmutzt (Erde, Sand etc.) sollte man sie zunächst einmal reinigen, hierzu eignet sich Leitungswasser bestens. Danach werden Wunden in der Regel desinfiziert (Desinfektionsmittel, Desinfektionstücher aus dem Erste-Hilfe-Beutel) und mit einer geeigneten Wundauflage versorgt, dies kann je nach Größe der Wunde ein einfaches Heftpflaster oder auch eine sterile Kompresse sein. Nicht jede Wunde erfordert gleich den Gang zum Arzt. Man sollte die betroffene Stelle und deren Heilung jedoch auch in den Tagen nach dem eigentlichen Unfall gut beobachten. Wird die Stelle rot oder heiß oder nässt die Wunde andauernd stark, braucht es auch hier definitiv nochmals professionelle Hilfe.

Bei Platz- und Schnittwunden kann es je nach Körperstelle auch zu starken Blutungen kommen. Diese sind meist nicht mit den üblichen Hausmitteln dauerhaft zu stillen und ziehen oft den Gang zum Nähen nach sich. Sofortmaßnahmen kann und muss aber auch hier jeder selbst ergreifen. Ein einfacher Druckverband reicht dabei in der Regel aus. Hierzu wir eine möglichst keimfreie Wundauflage direkt auf die Wunde gelegt und mit einer Binde zwei bis drei Mal umwickelt. Darauf kommt dann im Bereich der Wunde ein Druckpolster (z. B. eine noch eingepackte Binde). Dieses wird ebenfalls fest umwickelt und schon ist der Verband fertig.

Wenngleich die eigentliche Wunde vielleicht nicht tief ist, führt bei Schnittwunden, die beispielsweise durch verunreinigte Gegenstände wie Glasscherben, rostige Metallteile etc. zustande gekommen sind, der Weg definitiv zum Arzt. Auch Bisswunden und Kratzer, die durch Tiere entstanden sind, müssen aufgrund der Infektionsgefahr ebenfalls unbedingt nochmals professionell begutachtet werden. Brandwunden werden lediglich abgedeckt und leicht gekühlt, daraufhin führt der Gang direkt zum Arzt, Hausmittel sind hier nicht angesagt.

Knochenbrüche – wie man Schmerzen lindern kann

Die Erfahrung zeigt, ein Knochenbruch wird nicht selten erst beim Arzt erkannt. Steht der betroffene Körperteil nicht besonders seltsam ab oder handelt es sich um einen offenen Bruch, ist ein Knochenbruch oft nicht eindeutig zu erkennen. Wer hat auch schon ein mobiles Röntgengerät im Rucksack dabei. Dennoch gibt es ein paar Anzeichen, die auf einen Knochenbruch schließen lassen. Ist beispielsweise nach einem Sturz die Bewegung des Beins stark eingeschränkt kann es sich um einen Knochenbruch handeln, auch eine Schwellung, oder starke Schmerzen sind typische Symptome.

Aus diesem Grund sollten auch keine großartigen Bewegungsübungen oder dergleichen unternommen werden. Hat der Betroffene eine Schonhaltung gefunden, die für ihn halbwegs angenehm ist, sollte man ihn auch so belassen. Gerade bei gebrochenen Beinen kann auch ein Polstern und leichtes Unterstützen mit weichen Gegenständen dabei helfen, die Schmerzen ein wenig zu lindern. Hierzu eignen sich beispielsweise Decken, Handtücher, Pullover oder auch ein Schlafsack. Auch vorsichtiges Kühlen kann ebenfalls hilfreich sein. Keinesfalls sollte man als Laie versuchen den Knochenbruch einzurenken oder zu schienen. Hierdurch mach man in der Regel alles schlimmer, aber nichts besser.

Vorsicht: Bei einem Knochenbruch besteht immer auch die Gefahr eines Schocks. Zeigt der Betroffene also diesbezüglich deutliche Anzeichen ist es ratsam, einen Notruf abzusetzen. An einer ärztlichen Behandlung geht ohnehin kein Weg vorbei.

Bei Sportverletzungen – PECH-Regel

Zu den typischen Sportverletzungen zählen unter anderem Muskelzerrungen, gedehnte Bänder oder auch Prellungen. Verletzungen dieser Art führen in der Regel zu vergleichsweise starken Schmerzen und müssen schnellstmöglich erst-versorgt werden. Hierbei gilt die sogenannte PECH-Regel, also die Kombination aus „Pause“, „Eis“, „Compression“ und „Hochlagern“.

  • Der Sport ist für heute beendet. Wenn möglich sofort mit der Bewegung aufhören, die betroffene Körperstelle ruhigstellen und nicht unnötig bewegen.
  • Die Verletzung muss gekühlt werden. Dies kann mit einem geeigneten Kühlkissen erfolgen. Alternativ eignet sich aber auch alles, was irgendwie kühlt, vom Beutel Eiswürfel über ein feuchtes Handtuch bis hin zu Omas liebevoll eingefrorenen Himbeeren. Dabei nie Eisbeutel oder Kühlakkus direkt auf die Haut legen, sondern immer mit einem Handtuch oder ähnlichem umwickeln.
  • Schreibt man eigentlich mit K, aber hier geht es ja auch nicht um Rechtschreibung. Gemeint ist damit das Anlegen eines Druckverbands mit mäßiger Spannung. Keinesfalls sollte dieser zu eng sein, da ein Anschwellen des Körperteils trotz Verband und Kühlung möglich ist. Hierzu verwendet man idealerweise eine (elastische) Binde, muss improvisiert werden, tut es beispielsweise am Fußgelenk auch eine enge Socke.
  • Hierbei sollte das verletzte Körperteil immer so gelagert werden, dass er höher als das Herz liegt. Dadurch kann das Blut besser abfließen und Schwellungen und Schmerzen fallen deutlich geringer aus. Zum Unterlegen des Körperteils kann alles verwendet werden, was gerade da ist. Vom dicken Sofakissen über den Rucksack bis hin zum braven Hund, erlaubt ist was funktioniert. 

Wichtig fürs Gemüt – moralischer Beistand

Wer kennt das nicht, schmerzt es irgendwo besonders stark oder hat man sich offensichtlich verletzt geht die Stimmung merklich runter und alles ist gleich noch viel schlimmer. Ist man hingegen ein wenig abgelenkt oder hat man jemanden, der sich nett um einen kümmert, geht es gleich schon ein wenig besser. Einfach mal ein wenig zum Verletzten hinsitzen und mit ihm reden, das hilft schon. Wenn dann der Verletzte das erste mal wieder lacht oder selbst anfängt was zu erzählen ist er meist schon wieder auf dem Weg der (mentalen) Besserung.

Hierzu eine Geschichte aus meinem Leben: Ich habe mir letztes Jahr beim Skifahren bei einem Sturz den linken Ski ans rechte Knie geschlagen und so eine tiefe Schnittwunde zugezogen. Zunächst hatte ich das eigentliche Ausmaß gar nicht wahrgenommen und bin mit leichten Schmerzen noch bis zur Talstation des Lifts gefahren. Erst dort, bei genauerem Hinsehen wurde mir klar, dass ich wohl mehr als ein Pflaster brauchen werde. Mir wurde sofort sterbens schlecht und ich fühlte mich hundeelend. Mein Freund blieb zum Glück in dieser Situation vergleichsweise ruhig und begleitete mich ohne groß mit der Wimper zu zucken zur zufällig nahe gelegenen Erste-Hilfe-Station. Sofort kam ein Rettungssanitäter und hat mir nach kurzer Begutachtung einen Druckverband angelegt.

Dabei hat er mir außerdem sämtliche Geschichten erzählt, die ihm schon beim Bergsport passiert waren. Ein Druckverband ist nicht besonders angenehm. Aber aufgrund der lustigen (und vielleicht auch erfundenen) Geschichten vom Sani war das Verbinden ganz gut zu ertragen. Eine viertel Stunde und drei Gläser Wasser später, war ich dann wieder soweit auf den Beinen, dass ich immerhin ohne fremde Hilfe zum Arzt gehen konnte um die Wunde nähen zu lassen.

Abschließend

Beim Sport passieren immer mal wieder kleinere und größere Unfälle. Handelt es sich da „lediglich“ um einen verstauchten Fuß oder eine Schnittwunde im Finger ist das meist keine große Sache und man kann sich recht gut selbst behelfen. Wer hier ein bisschen weiß, was zu machen ist, kann schnell und einfach für Hilfe sorgen. Schlimmere Verletzungen wie Knochenbrüche oder ausgekugelte Schultern führen aber direkt zum Arzt.

Oft hilft es auch als Verletzter einmal in Ruhe in sich hineinzuhören. Will man beispielsweise dringend wissen, ob da auch wirklich nichts Schlimmeres passiert ist, sollte man auf jeden Fall zum Arzt gehen, wenngleich das vielleicht bei einer leichten Verletzung nicht immer notwendig ist. Frei nach dem Motto „morgen sieht die Welt schon ganz anders aus“, kann es aber auch nach einer Verletzung helfen erst einmal zur Ruhe zukommen und die Aufregung des Unfalls zu überwinden. Was in der jeweiligen Situation das Richtige ist, hängt daher immer auch stark von der persönlichen Verfassung und der tatsächlichen Verletzung ab.

Nun zu euch: Welche Story erzählt ihr beim Bierchen in lustiger Runde? Lasst uns doch mal eure Anekdote zum Thema Sportverletzung da.

Übrigens: Falls ihr Lust habt, das Thema mal praktisch anzugehen, schaut mal in der Safety Academy von Ortovox vorbei!

Alpenglühen: was es ist und wie es entsteht

5. September 2019
Tipps und Tricks

„Ja, ja, so blau, blau, blau blüht der Enzian, wenn beim Alpenglühn wir uns wiedersehn.“

Der gute Heino wusste, dass man mit einem romantischen Alpenglühn mehr anfangen kann, als nur ergriffen davor zu sitzen. Geschickt ein Tête-à-Tête in der Almhütte einfädeln zum Beispiel. Oder sich zu einem landauf landab geträllerten Kassen-Schlager inspirieren lassen. Allerdings ist der von Heino nicht mehr ganz so frisch und würde heute eher nicht mehr funktionieren. Selbst wenn man den Text ein wenig zeitgemäß anpasst:

„Boah wie krass blühen die blauen Blumen da, vor dieser abgefahrnen Optik von den Bergen da …“

Vielleicht hat auch Bergfreund Jörn ein Liedchen geträllert, als er kürzlich ein perfektes Alpenglühen erlebte. Er war jedenfalls tief beeindruckt, so tief, dass gleich mal der Auftrag an mich erging, alles über dieses Naturwunder herauszufinden. Hier die Ergebnisse.

Was genau ist Alpenglühen?

Nun, Alpenglühen ist, wenn die Berggipfel bei Sonnenauf- oder Untergang so aussehen, als ob sie glühen würden. Besonders intensiv und farbenprächtig ist das Ganze, wenn die Berghänge verschneit sind oder es kurz vor Sonnenuntergang geregnet hat, so dass die nassen Felshänge im Licht der untergehenden Sonne glänzen.

In aller Regel werden nur die Gipfelregionen eingefärbt und die tieferen Regionen liegen im Schatten. Das Phänomen kommt – Überraschung – nicht nur in den Alpen, sondern in allen Gebirgen der Welt vor. Dennoch wird es im internationalen Sprachgebrauch „Alpenglow“ genannt. Mit Sicherheit gibt es unzählige regionale Bezeichnungen in unzähligen Sprachen, doch Trekker, Wanderer und Bergsteiger sagen auch in den Anden oder im Himalaya: „Oh, look: Alpenglow!“

Was ist Alpenglühen nun genau und wie entsteht es? In einem Bergwelten-Artikel dazu steht an der Stelle, an der ich dachte, jetzt käme die detaillierte Erklärung, folgendes:
„Wer Zeuge des Schauspiels sein darf, sollte darum auch nicht weiter über die Ursachen und Erklärungen des Alpenglühens nachdenken – sondern vielmehr: es in vollen Zügen genießen.“

Kann man so sehen, doch dann könnte man sich eigentlich auch gleich einen Artikel zum Thema sparen. Im Moment des Erlebens muss ich ja wirklich nicht parallel wissenschaftliche Erklärungen abspulen. Aber hinterher am Schreibtisch muss genießen und Bescheid wissen nicht unbedingt ein Widerspruch sein. Also, hier die knochentrockene Wissenschaft:

Wie entsteht das Alpenglühen?

Welche Erklärung für den rätselhaften Farbenzauber gibt es? Bringt die im Laufe des Tages angesammelte Strahlungshitze die Gipfelregionen zum glühen? Rührt das Ganze von aus Flugzeugen versprühter Leuchtfarbe her? Ist eine veränderte Farbzusammensetzung der Atmosphäre infolge des Klimawandels schuld?

Nicht ganz, die Berge färben sich, weil sie von den Strahlen der tief stehenden Sonne gelblich, orange oder rötlich eingefärbt werden. Dabei gibt es häufig zwei unterscheidbare Phasen, die erste Färbung und die zweite Färbung.

Wenn die Sonne die Felsen und Schneeflächen der Gipfel vom Licht der tief stehenden Sonne erreicht werden, spricht man von der ersten Färbung. Die Gipfelbereiche „heben sich in dieser rot gefärbten Beleuchtung vom Vordergrund ab, der bereits oder noch im Dunkeln liegt.

Die zweite Färbung tritt auf, wenn die Sonne die Berggipfel nicht mehr (oder noch nicht) direkt beleuchtet. Das Sonnenlicht wird in dieser Phase „an Partikeln in der Atmosphäre (wie Eiskristallen, Staub etc.) gestreut, sodass es abgeschwächt auf die Gipfel fallen kann. Vor dem sich violett verfärbten Himmel erscheinen schneebedeckte und hellfelsige Gipfel dann weiterhin in einem schwachen, aber sehr deutlichen und gleichmäßigen Rot.

Der Streueffekt ist auch mitverantwortlich für den allgemeinen Farbwechsel des Sonnenlichts im Laufe des Tages. Er ist umso stärker, je länger der Weg der Lichtstrahlen durch die Atmosphäre ist. Mittags ist er am kürzesten, da die Strahlen die Atmosphäre im steilsten Winkel durchqueren und somit am wenigsten atmosphärische Partikel im Weg sind, die das Licht streuen könnten. Bei Sonnenauf- und Untergang ist der „Durchquerungswinkel“ flach und die Strecke am Längsten.

Durch diesen Mechanismus bekommt auch das Abend- und Morgenrot seine Färbung. Abend- und Morgenrot „unterstützen“ das Alpenglühen durch eine zusätzliche indirekte Beleuchtung des Bereichs direkt oberhalb der Schattengrenze.

„Dieses Licht fällt unter sehr flachem Winkel auf die Landschaft im Rücken des Beobachters. Es wird reflektiert und macht sich als Aufhellung oberhalb des Schattens bemerkbar. Die Effizienz dieser Reflexion nimmt bei steigendem Winkel schnell ab. Daher ergibt sich ein heller Streifen statt einer allgemeinen Aufhellung.“

Farben und Wellenlängen

Doch warum wird das bläulich-weißliche Licht stärker herausgefiltert als das Rötliche? Dazu muss man eine weitere Komponente betrachten: die verschiedene Wellenlängen des sichtbaren elektromagnetischen Spektrums. Sie reichen von den kürzeren Wellen des blau erscheinenden Lichts bis zu den längeren Wellen des rot erscheinenden Lichts. Das blaue Licht wird stärker aus der Atmosphäre „herausgestreut“, weil es mit seinen „kurzen Wellen“ wesentlich häufiger von Partikeln absorbiert und reflektiert wird.

Das rote Licht kommt „ungehinderter“ durch, weshalb sein Anteil mit wachsender Wegstrecke durch die Atmosphäre zunimmt. Soweit der Erklärungsversuch eines Nicht-Naturwissenschaftlers. Ich hoffe nicht nur, dass ich die Sache verständlich erklären konnte, sondern dass ich sie selbst überhaupt richtig kapiert habe ;-)

Polygiene: Wie funktioniert der Mief-Blocker und ist er nachhaltig?

9. Mai 2019
Ausrüstung

(Vorsicht, folgende Einleitung könnte Spuren von Ironie enthalten)

Angeblich soll es in den Bergen noch den rückständigen Brauch geben, nach dem Schwitzen nicht sofort zu duschen und die Klamotten zu wechseln. Igitt, wie eklig und vor allem auch rücksichtslos gegenüber den Mitmenschen. Schuld an diesem Missstand sind vor allem Bergunterkünfte, die keine Duschen und noch nicht mal heißes Wasser rund um die Uhr haben. Dort weht dann in den viel zu engen Massenlagern ein Aroma, das in der Großstadt wohl ABC-Alarm auslösen würde. Wann schafft die EU endlich Gesetze, dass solche Stinkehütten klimatisiert zu sein und  Raumduftsysteme vorzuhalten haben?

Solange die Bergwelt noch lückenhaft reguliert ist, müssen wir uns mit Provisorien behelfen. Eine Möglichkeit wäre, die körperlichen Anstrengungen soweit zu reduzieren, dass kein Schweiß mehr die Poren verlässt. Hier ist man mit vielen neuen Seilbahn- und Straßenbauprojekten schon auf einem guten Weg. Doch was tun, wenn das Schwitzen partout nicht vermieden werden kann und der nächste hochalpinen Sanitärbereich noch in der Planungsphase ist?

Wie kommt der Mief in die Klamotten?

Dann schlägt die Stunde von Technologien wie Polygiene. Polygiene bietet – ab jetzt ohne Ironie –  nicht nur optionalen Luxus wie Parfüm und Deo, sondern wirklich nützliche Vorteile. Warum das so ist, versteht man am besten nach einem genaueren Blick auf den schlechten Schweißgeruch sowie seine Entstehung und Auswirkungen. Obwohl man hier eigentlich nicht viel falsch verstehen kann, denn wie Schweiß entsteht und welche Funktion er hat, dürfte jeder Mensch wissen, der schon einmal selbst geschwitzt hat. Bei Erhitzung des Körpers wird das „Körperwasser“ aus den bis zu 2,6 Millionen Schweißdrüsen herausgepresst, um für kühlende Verdunstung auf der Haut zu sorgen. Diese Kühlung ist lebenswichtig, der Körper braucht sie so, wie ein Verbrennungsmotor Kühlwasser braucht.

Was vielleicht nicht jeder weiß: der Schweiß an sich hat keinerlei Eigengeruch. Er enthält aber Proteine und Fettsäuren, die wiederum als Nährstoffe für Bakterien und andere Mikroorganismen dienen, die sich auf der Haut befinden. Die Mikroorganismen bauen die Stoffe ab, was – analog zur menschlichen Verdauung – zu geruchsintensiven Abfallprodukten führt. Im warmfeuchten Klima sammeln sich diese Hinterlassenschaften zusammen mit den sich prächtig vermehrenden Mikroorganismen auf der Haut und in der Kleidung an.

Das stinkt dann nicht nur, sondern greift auch das textile Gewebe an, da die Abbauprodukte Säuren und Salze enthalten, die der Kleidung chemisch und mechanisch zusetzen können.

Was ist Polygiene?

Kurz und knapp: Polygiene ist ein in Textilien eingearbeitetes Silbersalz aus recyceltem Industriesilber. Zugleich ist es der Name der Herstellerfirma mit Sitz im schwedischen Malmö.

Es gibt mehrere Arten von Silbersalzen. Für Polygiene wird, wie zumeist bei Outdoorkleidung, Silberchlorid verwendet, da es wasserunlöslich ist und nicht aus der Kleidung ausgewaschen wird. Durch die Abnutzung der Fasern und den Ionen-Austausch mit Schwefelverbindungen können zwar minimale Mengen an Silberionen beim Waschen freigesetzt werden, doch diese schädigen im Falle von Polygiene weder Organismen noch Abwassersysteme (dazu mehr im Abschnitt Nachhaltigkeit).

Polygiene basiert auf Silberchlorid aus 100 % recyceltem Silber von photochemischen und industriellen Rückständen. Eine Vermischung mit Silber aus dem Bergbau ist ausgeschlossen. Es wird ähnlich wie Farbe in die Textilfasern eingearbeitet. Dabei wird nur eine sehr geringe Menge Silber verbraucht: die Menge, die in einem Fingerring steckt, reicht für etwa 5000 mit Polygiene ausgerüstete Kleidungsstücke.

Die Silberbehandlung von Polygiene bleibt nach Angaben des Herstellers über die komplette Lebensdauer der Kleidungsstücke erhalten und wäscht sich auch nicht in der Waschmaschine aus. Es handelt sich bei Polygiene auch nicht um Nanosilber, welches aus Silberionen im Größenbereich von Nanometern (10-9 Metern) besteht und im Verdacht steht, sich aus der Kleidung zu lösen und durch die Haut in den Körper zu gelangen. Die für Polygiene verwendeten Silberionen sind mehr als 100mal größer und damit zu groß, um in die Haut einzudringen.

Zudem versichert Polygiene, dass die eigenen Silbersalze sich auch nach längerem Gebrauch nicht von den Textilien lösen. Sie sind zudem nur auf der Außenseite des textilen Trägermaterials aktiv und beeinträchtigen weder die Transpiration noch die natürliche Bakterienflora der Haut. Dementsprechend haben mit Polygiene ausgerüstete Stoffe in Europa die medizinische Zulassung der Kategorie 1, die auch Verbandsmaterial für den direkten Kontakt mit offenen Wunden umfasst.

Polygiene wird zumeist fertig eingearbeitet in Funktionswäsche angeboten, kann jedoch auch als Spray oder Waschzusatz nachträglich aufgebracht werden.

Wie funktioniert es?

Die winzigen Silberpartikel wirken ähnlich wie ein Antibiotikum: sie töten mikrobisches Leben auf breiter Front und verhindern so dessen Wachstum. Als „unverdauliche Brocken“ legen sie den Stoffwechsel der Mikroben lahm.

Die Frage ist aber nicht nur, wie es funktioniert, sondern auch, wie lange und wie gut es funktioniert. Das Outdoor-Magazin hat dazu einen Test über satte 14 Tage gemacht und kam zu folgendem Ergebnis.

Zum testen haben wir ein das Baselayer-Shirt Capilene Thermal Weight von Patagonia und ein Paar Wandersocken von SaferSox zur Verfügung gestellt bekommen. Polygiene empfahl uns das Shirt 8 Tage lang zu testen. Wir sollten Sport machen, das Shirt richtig vollschwitzen und dann lediglich zum Trocknen aufhängen. Zwischendrin durfte das Shirt nicht gewaschen werden.

Für unseren Test sind wir noch einen Schritt weitergegangen. Unser Tester hat das Patagonia-Shirt insgesamt 14 Tage lang getragen. Das Ergebnis: Es bleibt kein Schweißgeruch im Baselayer zurück.

Es blieben zwar andere Gerüche wie Essen oder Deo zurück, doch die Zahl derjenigen Bergfreunde, die sich auch davon beeinträchtigt fühlen und von ihrer Funktionskleidung eine entsprechende Lösung erwarten, dürfte sich zum Glück in Grenzen halten.

Welche Vorteile bringt die Geruchshemmung?

Die direkten Vorteile des Nicht-Stinkens dürften auf der Hand liegen. Sie liegen nicht nur in besserem Wohlgefühl und angenehmerer sozialer Interaktion auf engem Raum, sondern auch in besserer Hygiene. Die Abwesenheit von Bakterien und Pilzen bedeuten auch weniger potentielle Hautirritationen und andere gesundheitliche Probleme.

Hinzu kommen indirekte Vorteile, die daraus resultieren, dass Polygiene-Textilien weniger oft gewechselt und gewaschen werden müssen. Man kann mit deutlich weniger (Wechsel)Wäsche auskommen und dadurch das Rucksack- oder Reisegepäck reduzieren. Auch der Lebenszyklus der Produkte verlängert sich dadurch deutlich, da sowohl Mikroben als auch Waschgänge die Fasern schädigen und das Material abnutzen. Es wird weniger weggeworfen und nachgekauft, was nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel schont. Damit sind wir auch schon mitten im Thema Nachhaltigkeit.

Warum Polygiene nachhaltig ist

Es dürfte schon aus den bisherigen Zeilen hervorgegangen sein, dass Polygiene eine ziemlich nachhaltige Angelegenheit ist. Doch sie ist nicht nur ein bisschen nachhaltig, sondern rundherum und vollkommen. Warum? Weil nicht nur Material und Technologie selbst nachhaltig sind, sondern auch ihre direkten und indirekten Effekte. Das wird auch von Umweltorganisationen und Regulierungsbehörden anerkannt. So ist die permanente Textilbehandlung bluesign-zertifiziert und erfüllt strenge, unabhängige Umwelt- und Produktlebenszyklusstandards wie die EU Umwelt- und Abfallgesetze und den ISO 14001 Standard. Zudem befindet sich Polygiene auf der Öko-Tex-Liste (I-IV) von unabhängig geprüften und zertifizierten Produkten.

Gesundheit

Die Zertifizierungen schaffen eine hohe Verbrauchersicherheit, da mit steigenden Umweltstandards für Ausgangsstoffe und Herstellungsverfahren die Belastungen für die menschliche Gesundheit sinken. So wird beispielsweise die Reinheit des Silbers durchgehend kontrolliert, um Spuren anderer Metalle sicher auszuschließen. Auch eventuelle Wechselwirkungen des Silbers mit der Haut werden gründlich untersucht. So wurde in einer Studie des National Center for Biotechnology Information in den USA überprüft, ob das antimikrobielle Silber das Bakteriengleichgewicht auf der Haut stört. Die Forscher konnten dabei keinen Effekt von antibakterieller Kleidung auf die Mikroflora von gesunder Haut nachweisen. Sicher, Ergebnisse von Studien sind manches mal mit Vorsicht zu genießen, doch im Fall von Polygiene kann man schon aufgrund der Konstruktion von minimierten Risiken ausgehen.

Ressourcenverbrauch

Dieser Bereich dürfte der effektivste Nachhaltigkeitshebel von Polygiene sein, denn der Ressourcenverbrauch wird in allen Phasen des Produktlebenszyklus minimiert. Der Rohstoff Silber wird wie erwähnt aus recyceltem Material (Elektronikschrott) gewonnen und in sehr geringen Konzentrationen verwendet. Zudem kann die Polygiene-Behandlung in einem Arbeitsgang mit anderen Ausrüstungen aufgebracht werden und erfordert dadurch keinen zusätzlichen Wasser- und Energieeinsatz. Ein Bindemittel für die Fixierung der Polygiene-Moleküle am Stoff ist ebenfalls nicht nötig.

Die größte Ressourceneinsparung findet während der Verwendung der Polygiene-Bekleidung statt, denn sie wird deutlich weniger gewaschen als herkömmliche Sportkleidung. Letztere wandert teilweise nach jedem einzelnen Einsatz in die Waschmaschine. Mit Polygiene ist das nicht nötig, denn die unhygienischen Bakterien und Gerüche entstehen gar nicht erst. Wenn der Schweiß verdunstet und das Gewebe getrocknet ist, ist die Wäsche auch tatsächlich noch sauber genug, um  weiter getragen zu werden – natürlich nicht unbegrenzt, aber definitiv um ein mehrfaches länger als unbehandeltes Kunstfaser- oder Baumwollmaterial. Die „Bevor-es-eklig-wird-Tragedauer“ einer Polygiene-Unterwäschegarnitur kann man in etwa mit der von Merinowolle gleichsetzen.

Die Polygiene-Wäsche kann nicht nur seltener, sondern auch bei niedrigerer Temperatur gewaschen werden. Das trägt ebenfalls zu reduziertem Energieverbrauch und längerer Produktlebensdauer bei. Und wenn diese schließlich doch irgendwann ihr Ende erreicht hat, kann die Kleidung inklusive der Polygiene-Ausrüstung recycelt werden.

Aus all dem ergibt sich eine einfache aber wirkungsvolle Nachhaltigkeitsformel:

Weniger waschen = weniger Wasserverbrauch, weniger Reinigungsmittel, weniger Energieverbrauch + längere Produktlebensdauer + mehr freie Zeit + gespartes Geld!

Auf der Polygiene-Homepage ist das Ganze mit diversen Zahlen angereichert. Sogar für die Geld- und Zeiteinsparung sind Zahlen angegeben: so geht man pro Waschmaschinenladung von 28 Minuten Zeitaufwand und 1,34 US$ Kosten aus. Insgesamt geht man davon aus, dass der „ökologische Fußabdruck“ (Wasser- und Energieverbrauch; Wasser-, Boden- und Luftverschmutzung) eines Kleidungsstücks zu etwa zwei Dritteln aus dem Waschen und Trocknen resultiert.

Zwar können durch die Abnutzung der Fasern und den Ionen-Austausch mit Schwefelverbindungen irgendwann doch minimale Mengen an Silberionen beim Waschen freigesetzt werden, doch diese verbinden sich laut Patagonia rasch mit Sulfiden in der Umwelt zu chemisch stabilem, nicht löslichem Silbersulfid, welches lebende Organismen nicht beeinträchtigt. Die Silberionen werden also deaktiviert, sobald sie in einen natürlichen Wasserlauf gelangen. „Auf gleiche Weise werden sie auch im Wasser einer Kläranlage deaktiviert, sodass sie weder die bakteriellen und Bio-Stufen der Anlagen belasten noch das gereinigte Wasser oder den Klärschlamm.“ Ohnehin sind geringe Mengen an Silberchlorid und Silbersulfid auch auf natürliche Weise im Trinkwasser, Meerwasser und im Boden vorhanden.

Fazit

Polygiene ist ein Paradebeispiel für Outdoor-Technologie, die funktionalen Nutzen mit  Nachhaltigkeit vereint. Die Behandlung sorgt dafür, dass man sich in Sport- und Outdoorklamotten deutlich länger wohlfühlen kann. Das wiederum kann helfen, den Reinlichkeitsdrang des urbanen Lifestyles samt seiner teils absurden Komfortansprüche unten im Tal zu lassen, statt immer tiefer in die Berge einzuschleppen. In dem Falle würde Polygiene womöglich gar zu einer Eindämmung des Erschließungswahns beitragen, der ja manchmal ganz ähnlich wie die fiesen kleinen Stinkebazillen wuchert …

Northern Playground – Hose runter auf Norwegisch

30. April 2019
Ausrüstung

Dass Männer oft nur große Jungen sind, ist dem Volksmund hinlänglich bekannt und dass Buben oft bei ihrer Mutter Rat suchen wenn es auf dem Spielplatz zu gewissen Diskrepanzen kommt, ist einfach eine Tatsache. Mutti ist halt immer da und weiß Bescheid. Kleidungstipps von Müttern sind meist zwar nicht gern gesehen, prägen aber nahezu jede Generation auf ihre ganz eigene Art. Kein Wunder also, dass auch ältere Jungs immer mal wieder auf dieses wandelnde Gratis-Offline-Lexikon zurückgreifen. Bei der Wahl der richtigen Unterwäsche ist das freilich ein wenig skurril, die Geschichte von Northern Playground zeigt jedoch, dass daraus auch ein echter Erfolg werden kann.

Wobei geht’s aber dabei eigentlich genau? Bei Northern Playground handelt es sich keineswegs um den Kinderspielplatz in Trondheim, Oslo oder Stockholm, sondern vielmehr um einen aufstrebenden Hersteller innovativer und funktioneller Outdoorkleidung. Was das Ganze nun aber mit (kleinen) Jungs und deren Müttern zu tun hat, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Legen wir also gleich mal los und fragen uns:

Wer oder was ist Northern Playground?

Northern Playground ist eine vergleichsweise junge Firma, die 2012 in Oslo, Norwegen gegründet wurde. Die Geschichte zur Firmengründung ist dabei so logisch wie skurril. Firmengründer Jo Tobiassen ist seit jeher begeisterter Outdoorsportler. Gerade Berg- und Skitouren haben es ihm angetan. Neben dem reinen Sport sollen dabei aber auch das Naturerlebnis und ein gewisser Komfort nicht zu kurz kommen. Doch das wird bekanntlich schwierig, wenn man in schweißnassen Klamotten auf dem Gipfel eines Bergs sitzt und weder Aussicht noch Brotzeit genießen kann, weil man sich schon nach kurzer Zeit seine fünf Buchstaben abfriert. Dieses Problem und dessen Lösung ist quasi Kernkompetenz und Gründungsmythos der Firma in einem.

Denn vom nassen und kalten Bergerlebnis führt der Weg von Jo direkt nach Hause ans Telefon. Ein mütterlicher Rat muss her! Und siehe da, nach einiger Zeit an der Nähmaschine hatten die beiden ein Kleidungsstück entworfen, das optisch irgendwo zwischen einteiligem Schlafanzug und Superheldenkostüm ohne Cape stand. Wenngleich das Designerstück ein wenig eigensinnig daher kam, legte es doch den Grundstein für einen neuen Typus von Outdoorkleidung: Funktionsunterwäsche, die während einer Tour ausgezogen werden kann, ohne dass man dafür Pullover, Schuhe oder auch Überhose ausziehen muss.

In Magnus Aasrum war außerdem schnell ein geeigneter Partner gefunden, der sich frei nach dem Motto „lass doch mal die Hosen runter“ für das Thema innovative Outdoorunterwäsche interessierte. Einige Selbstversuche in Sachen nähen von Kleidung und tragen von Frauenunterwäsche später, war es so weit und Northern Playground ging 2012 mit seiner ersten Kollektion an den Start.

Ok, das wäre geklärt. Aber…

Was ist bei Northern Playground anders, als bei anderen Marken?

Zunächst einmal fallen da die Produkte auf, mit denen alles begann. (Ski-)Unterhosen mit seitlichen Reißverschlüssen, die sogenannten Ziplongs. Der Gedanke dahinter ist so einfach wie simpel: Schwitzt man während einer Tour, beispielsweise bei langen und steilen Anstiegen stark, ist ein Teil der Klamotten nass. Auch beste Funktionsmaterialien versagen in Sachen Atmungsaktivität und schnelltrocknenden Eigenschaften je nach Kombination der Kleidungsstücke oder Stärke des Schwitzens. Spätestens bei der Gipfelrast sitzt man daher nicht selten in nassen Klamotten da und friert innerhalb kürzester Zeit. Das Panorama, die Brotzeit oder einfach nur die Ruhe zu genießen macht so einfach keinen Spaß.

Genau an dieser Stelle setzt die Zip-Wear-Kollektion an. Hierbei handelt es sich vornehmlich um lange Unterhosen mit seitlichem Reißverschluss. „Gähn“, wird jetzt der eine oder andere denken, doch die Idee dahinter ist ebenso einfach wie simpel: Schweiß ist dazu da, die Körpertemperatur mittels Verdunstung zu regulieren. Strengen wir uns an steigt theoretisch unsere Körpertemperatur, uns wird warm. Zur Temperaturregulierung  schwitzen wir. Im Idealfall kann der Schweiß ungehindert verdunsten und kühlt durch die entstehende Verdunstungskälte die Körpertemperatur wieder herunter bzw. hält sie konstant. Nackt klappt das bestens.

In Verbindung mit (Funktions-)Kleidung wird’s da schon schwieriger. Kommen dabei auch noch Faktoren wie Sonnenstrahlung, Wind und Niederschläge ins Spiel, kann das Zusammenspiel der einzelnen Schichten und somit auch deren atmungsaktive Eigenschaften deutlich leiden. Das Ergebnis: Der Schweiß sammelt sich zumindest teilweise in der Kleidung und verdunstet auch dann noch, wenn die kühlenden Eigenschaften schon lange nicht mehr benötigt werden.

Einfache Lösung: Die nassen Klamotten müssen weg. Und genau an diesem Punkt setzt die Zip Wear Collection von Northern Playground an. Denn hierbei handelt es sich vornehmlich um (Ski-)Unterwäsche, die über lange seitliche Reißverschlüsse verfügt. Hierdurch können gerade die langen Unterhosen auch während einer Tour ausgezogen werden, ohne dass man dazu komplett blankziehen muss.

Auch in Sachen Materialien gibts da nichts zu klagen. Hier kommt von Kunstfaser bis Merinowolle alles zum Einsatz was es für einen angenehmen und funktionellen Outdooreinsatz braucht.

Jetzt aber Hosen runter!, im wahrsten Sinn, denn…

Wie sieht es bei Northern Playground mit der Nachhaltigkeit aus?

Laut seinem eigenen 12 Punkte Schema stellt Northern Playground sein Nachhaltigkeitskonzept wie folgt dar:

  1. Northern Playground hat seinen Firmensitz in Norwegen. Um jedoch kostengünstig und gleichzeitig mit möglichst großer Nähe zum Absatzmarkt produzieren zu können, werden die Kleidungsstücke in Litauen gefertigt.
  2. Wenn möglich kommen recycelte Materialen zum Einsatz.
  3. Alle Kleidungsstücke werden in Pappschachteln verpackt, Plastik kommt hier nicht zum Einsatz.
  4. Die Produkte werden ohne „Ablaufdatum“ oder „Sollbruchstellen“ gefertigt und können lange verwendet werden.
  5. Durch eine hohe Qualität der Kleidung sowie der verwendeten Materialien wird eine hohe Lebensdauer erreicht. Hier handelt es sich nicht um sogenannte „Fast fashion“ sondern vielmehr um Produkte, an denen man dauerhaft Spaß haben soll.
  6. Die verwendete Wolle wirdohne den Einsatz von Mulesing oder Superwash produziert.
  7. Es gibt unterschiedliche Kollektionen mit Biowolle und Bioseide.
  8. Ausgewählte Produkte werden direkt in Toyen, Oslo gefertigt.
  9. Northern Playground engagiert sich auch auf politischer Ebene für den Umweltschutz in der Industrie. So plädiert die Firma beispielsweise für die Einführung einer Umweltsteuer in Norwegen.
  10. Der wichtigste Produzent der Kollektionen ist Utenos mit Sitz in Litauen. Hier wird ein Großteil der Produkte von Northern Playground gefertigt. Utenos ist sich dabei seiner Verantwortung gegenüber der Umwelt bewusst und erfüllt strenge Auflagen.
  11. „Grün“ zu denken und grün zu arbeiten ist einer der obersten Leitsätze von Northern Playground.
  12. Ehrlichkeit und Offenheit sind Werte, durch die sich Northern Playground definiert. Hierzu wird den Kunden nicht selten ein Blick hinter die Kulissen ermöglicht.

Überhaupt dreht sich bei Northern Playground irgendwie alles um das Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz und Offenheit. Hierzu gehört auch die Zusammenarbeit mit dem „Utviklingsfondet“, dem Norwegischen Entwicklungsfonds, der sich für die Entwicklungs- und Umweltarbeit einsetzt. Hierdurch wird unter anderem durch Baumpflanzungsprojekte in Afrika versucht, den CO2-Fußabdruck der Firma so gut wie möglich auszugleichen.

Damit jedoch genug Ökoaktivismus für heute!

Wie siehts ganz allgemein mit der Produktpallette aus?

Die Produktpallette von Northern Playground kann grob in zwei große Bereiche unterteilt werden: „The Zip Wear Collection“, also überwiegend (Ski-)Unterwäsche mit strategisch angebrachten Reißverschlüssen und „The Organic Collection“, die aus Kleidung mit Biowolle und Bioseide besteht.

The Zip Wear Collection

Die Idee hinter den Kleidungsstücken mit Sidezips haben wir weiter oben ja schon beschrieben. Aber welche Produkte gibt es da denn konkret?

Unterhosen in unterschiedlichen Längen

Die sicherlich innovativsten Produkte von Northern Playgrund sind die wärmenden Unterhosen mit seitlichem Reißverschluss. Diese Hosen gibt es lang, dreiviertellang und kurz, sodass sie für die unterschiedlichsten Aktivitäten eingesetzt werden können. Auch Hosen mit einer gepolsterten Sitzfläche sind hier vertreten.

Pullover mit Frontreißverschluss

Pullover mit halblangem Reißverschluss sind echte Basics. Kein Wunder, dass auch Northern Playground welche in seiner Kollektion hat. Das Material ist dabei eine Mischung von Wolle und Kunstfaser und verbindet so Funktionalität und Tragekomfort in Perfektion.

Einteiler

Beim Zipbody handelt es sich um einen praktischen Einteiler. Dieser kommt mit langen Ärmeln und kurzen Beinen. Hierdurch ist er gerade für (Ski-)Hochtouren und andere alpine Aktivitäten gut geeignet. Durch einen langen Reißverschluss am Gesäß kann er auch unterwegs problemlos ausgezogen werden, ohne dass man sich dabei komplett entblättern muss.

Unterwäsche

Was gibts bei Unterwäsche schon groß zu erklären. Unterhosen und Sport-BHs eben. Aber mit dem kleinen Unterschied, dass auch diese Kleidungsstücke über einen strategisch angebrachten Reißverschluss verfügen, die das schnelle Ausziehen unterwegs erleichtern.

The Organic Collection

Eine zweite wichtige Produktlinie ist die Biokollektion. Hier kommen laut Herstellerangaben nur natürliche Materialien mit hoher Qualität zum Einsatz. Schauen wir doch mal rein:

Unterwäsche

Von der langen Unterhose bis hin zum BH gibt es hier alles, was zu einer ordentlichen Wäschekollektion gehört. Das Besondere dabei sind die Materialien. Alle Kleidungsstücke sind aus einem Mischgewebe aus Biowolle und Bioseide gefertigt und überzeugen durch gute Trageeigenschaften.

Shirts

Die zweite große Gruppe der Kollektion sind T-Shirts und Longsleeves. Auch hier kommt wieder eine Materialmix aus Wolle und Seide zum Einsatz. Besonders: Die Langarmshirts gibt es auch mit Knopfleiste und als Hoodie.

Accessoires

Neben den beiden großen Produktlinien hat Northern Playground auch noch ein paar schicke Accessoires am Start. Vom Röhrenschal bis Skisocken hier sind zahlreiche Produkte vertreten, die unterwegs angenehm, nützlich und schick sind.

Was gibts abschließend über Northern Playground noch zu sagen?

Die Produkte von Northern Playground überzeugen nicht nur durch eine gute Qualität und angenehme Materialien. Durch ein moderndes Design und gute Ideen hinter den einzelnen Kleidungsstücken überzeugen sie außerdem beim Outdooreinsatz. Dabei sind Ziplongs, Longsleeves und Co. bestens für alle geeignet, die viel draußen unterwegs sind und dabei nicht frieren wollen. Eine offene Firmenphilosophie sowie der gelebte Nachhaltigkeitsgedanke runden das Konzept von Northern Playground ab und machen die Marke so zu einem kleinen aber feinen Bekleidungshersteller aus dem hohen Norden.

Das Nachhaltigkeitsprogramm von Marmot

2. April 2019
Ausrüstung

Marmot ist eine Bekleidungs- und Ausrüstungsfirma, die standesgemäß im Sunny California der frühen Siebziger entstand und mittlerweile zu den bekanntesten weltweit operierenden Outdoorlabels gehört.

Man kann bei Marmot nicht unbedingt von einer umfassenden, alles durchdringenden Nachhaltigkeitsstrategie wie bei Patagonia oder Fjällräven sprechen. Es werden eher punktuelle Maßnahmen in verschiedenen Bereichen durchgeführt. Das klingt zunächst bescheiden, ist aber durchaus verständlich, denn bei Marmot ist der Anteil an wirklich hochfunktionaler, technischer Kleidung und Ausrüstung für anspruchsvolle Outdoor- und Bergunternehmungen relativ hoch. Doch das heißt nicht, dass das Thema Nachhaltigkeit nur ein Schattendasein führen würde – die gezielten Maßnahmen haben es wirklich in sich und können je nach Erfolg der entsprechenden Produkte weitreichende Wirkung zeigen.

Als Haupt-Bausteine des Marmot-Nachhaltigkeitskonzepts kann man das Leitmotto „People, Product, Planet“ sowie die sogenannte Treadlight-Strategie betrachten. Hauptsächlich geht es bei diesen um technische Innovationen bei Materialien und Herstellungsverfahren, um Ressourcen effizienter zu verwenden und dabei zugleich die maximale Funktionalität der Produkte zu erreichen. Das versuchen viele andere Hersteller auch, doch das Besondere bei Marmot ist, dass die resultierenden Produkte nicht nur im hochpreisigen Segment anzutreffen sind (dazu gleich noch zwei Beispiele).

Umweltaspekte der Nachhaltigkeit

Marmot sieht demzufolge langlebige und hochwertige Produkte als beste Maßnahme, um schädliche Umwelteinflüsse zu minimieren. Diese Herangehensweise sieht man nach eigener Aussage als treibende Kraft der Produktentwicklung. Es gibt hier auch nachweisbare Erfolge, von denen die Daunenalternative Marmot Eco Featherless und die umweltschonende Imprägnierung EvoDry hervorzuheben sind.

Eco Featherless

Die Daunenalternative aus Nylonfasern kam als Teil des Marmot-Nachhaltigkeitskonzepts in den Handel. Die Nylonfasern bestehen wiederum zu 75 Prozent aus recycelten Materialien.

Eco Featherless erreicht eine Wärmeleistung und Bauschkraft, die einer 700 Cuin Daunenfüllung entspricht, und ist dabei sowohl atmungsaktiv als auch feuchtigkeitsabweisend. Sie wärmt damit auch im nassen Zustand und wird durch häufiges Waschen kaum beeinträchtigt. Last but not least ist Eco Featherless hypoallergen und nach dem Ökostandard Bluesign zertifiziert.

EvoDry

Diese patentierte Imprägnierung wird ohne Wasser, nur mittels Hitze und Druck direkt in das trockene Garn eingebracht. Das Garn wird durchdrungen und hält dadurch dauerhaft Nässe stand. Jan Schapmann, Geschäftsführer von Marmot Mountain Europe, sieht darin nichts weniger als „die Zukunft der Regenbekleidung“.

Auch EvoDry besticht durch hohe Waschbeständigkeit: 100 Gänge in der Waschmaschine und im Trockner übersteht die Imprägnierung locker. Marmot versichert, dass EvoDry-Bekleidung die ganze Dauer über wasserdicht bleibt und nie nachimprägniert werden muss.

Bei EvoDry-Kleidungsstücken sind alle Bestandteile von der Imprägnierung bis hin zum Reißverschluss komplett PFC-frei.

Die Stoffe, auf denen die Imprägnierung aufgetragen wird, bestehen aus recyceltem Nylon und werden im umweltschonenden „Solution-Dye-Verfahren“ gefärbt. Dieses benötigt laut Outdoor-Magazin pro Jacke 85 Prozent weniger Färbemittel und 89 Prozent weniger Wasser als herkömmliche Verfahren. Energieeinsatz und CO2-Ausstoß sollen um fast zwei Drittel niedriger ausfallen.

EvoDry und Eco Featherless sind die Vorzeigetechnologien der oben erwähnten Marmot-Nachhaltigkeitsinitiative Treadlight. Sie sind aber nicht die Einzigen, hinzu kommt noch die Produktlinie der Thread T-Shirts, die aus 50% recyceltem Polyester (vor allem aus Plastikflaschen) und 50% recycelten Baumwoll-Verschnittresten hergestellt sind. Dank Letzterer werden vor allem der hohe Pestizideinsatz und Wasserbrauch der Baumwollproduktion verringert. Die verwendeten Farben sind deutlich schadstoffärmer und die T-Shirts trugen zur Schaffung von mehr als 1.300 Jobs auf Haiti bei.

Ein weiterer Umweltaspekt ist Marmots Selbstverpflichtung zur Verwendung von RDS-zertifizerter Daune. Der Responsible Down Standard (RDS) ist ein unabhängiger Zertifizierungsstandard, der die Rückverfolgbarkeit von Daunen sicherstellen soll und für die gesamte Produktionskette gilt. Auch ein durchwegs würdiger Umgang mit den Tieren soll sichergestellt werden. Bislang gelingt das in Bezug auf einzelne Produktionsketten und Unternehmen, langfristig soll es die gesamte Daunenindustrie zum Besseren verändern.

2015 begann Marmot mit der Verwendung von RDS-Daunen, seit Winter 2018 ist laut Eigenauskunft die Daune europaweit in allen Marmot-Schlafsäcken und Kleidungsstücken RDS-zertifiziert.

Soziale Nachhaltigkeit und Mitarbeiterführung

Neben einer wachsenden Zahl an Fair Trade Produkten hat Marmot einen Verhaltenskodex für Partner und Lieferanten. In dieser vertraglich bindenden „Vendor Compliance Policy“ werden Partner, Lieferanten und deren Subunternehmer zur Einhaltung international gültiger Standards und Normen des Arbeitsrechts verpflichtet. Man kann Marmot durchaus glauben, dass an der Umsetzung ernsthaft gearbeitet wird, denn es wird nicht nur regelmäßig kontrolliert, sondern auch auf langfristig wachsendes Vertrauen und gegenseitigen Respekt gesetzt. Mit 95 Prozent der Zulieferer unterhält man Geschäftsbeziehungen, die seit mehr als fünf Jahren andauern.

Ökonomische Aspekte

Ob Marmot eigenständig nachhaltige ökonomische Entscheidungen fällen und Strategien entwickeln kann, ist schwierig zu bewerten, da die Firma im Laufe der Jahre in ein Geflecht aus Übernahmen und Beteiligungen eingebunden wurde: „2004 wurde Marmot von K2 Sports übernommen, welches wiederum 2007 von der Jarden Corporation übernommen wurde. Nach der Übernahme von Jarden durch Newell Rubbermaid im Jahre 2016 wurde Marmot aus K2 ausgegliedert und die K2 Sports 2017 an Kohlberg & Company verkauft. Marmot ist bei Newell verblieben.“

Für Aussagen über die Planung und Durchsetzbarkeit von ökonomischen Nachhaltigkeitsstrategien benötigt man Einblicke in die Vorgaben, Entscheidungswege und Hierarchien bei Marmot und derer Mutterkonzerne, was den Rahmen dieses Artikels leider ein wenig sprengt.

Mitgliedschaften und Kooperationen

Marmot ist bluesign Systempartner, was die Verpflichtung beinhaltet, das bluesign-System in der gesamten Produktionskette anzuwenden. Das bluesign-System minimiert schädliche Auswirkungen auf Mensch und Natur durch einen international anerkannten Standard für nachhaltige Textilproduktion und Verbraucherschutz. Mit Inspektionen vor Ort wird sichergestellt, dass chemische Produkte und Rohstoffe korrekt und verantwortungsvoll eingesetzt und bedenkliche Stoffe vermieden werden.

Des Weiteren ist man Mitglied in der European Outdoor Conservation Association (EOCA). Die EOCA ist eine Initiative der Europäischen Outdoor-Industrie, die spezifische Umweltschutzprojekte unterstützt. Zudem unterstützt Marmot weitere Initiativen wie die dZi Foundation, die Cancer Climber Association, Guide Dogs for the Blind, Chicks with Picks, SOS Kinderdörfer und terre des hommes.

Was sagen die Kritiker?

Beim Nachhaltigkeitsportal Cleanclothes kommt Marmot mit 3 von 5 Punkten mittelmäßig mit der Tendenz zu „gut“ weg. Allerdings datiert der Check aus dem Jahr 2012, es kann sich also zwischenzeitlich einiges geändert haben. Ansonsten scheint Marmot bislang bei den Nachhaltigkeits- und Verbraucherportalen etwas unter dem Radar zu fliegen, denn seitdem scheint sonst niemand mehr nachgeprüft zu haben.

Das Alpin-Magazin sei von Marmots Nachhaltigkeitsbemühungen jedenfalls überzeugt, wie man in diesem Artikel über den Weg der Outdoorindustrie in die Nachhaltigkeit lesen kann. Über die mit EvoDry ausgestattete Eclipse Jacke heißt es:

„So schnell, robust und umtriebig, wie sich die namensgebenden Murmeltiere in der alpinen Welt bewegen, ist auch der Anspruch von Marmot an die eigenen Produkte. Das sieht man zum Beispiel in der neuen EvoDry-Technologie der Kalifornier, die nicht nur den Körper schützen soll, sondern auch die Umwelt. So besteht zum Beispiel das Eclipse Jacket aus recyceltem, sehr strapazierfähigem Nylon-Material und ist vom Reißverschluss bis zur Imprägnierung 100% PFC-frei. Dabei ist die Jacke atmungsaktiv, und hat 20.000 mm Wassersäule. Besonders schlau: Die Imprägnierung ist direkt ins Garn eingearbeitet, ein lästiges Nachimprägnieren entfällt daher“.

Fazit

Auf den ersten Blick scheint das Nachhaltigkeitskonzept bei Marmot nicht allzu umfassend, doch bei genauerem Hinsehen erweisen sich die punktuellen Maßnahmen als ziemlich effektiv. Allerdings ist auch die Kundschaft gefragt, nachhaltige Angebote wie Eco-Featherless und EvoDry wahrzunehmen und anzunehmen. Zumal Marmot es schafft, diese Technologien zu Preisen anzubieten, die sogar eher günstiger sind als die konventionellen Hightech Lösungen. Letztere sind im Grunde nur dann wirklich notwendig, wenn man zu dem eher kleinen Kreis der Bergfreunde gehört, der wirklich in große Höhen und stürmische Weiten vordringt. Denn das Niveau an Isolation, Wasserdichtigkeit und Gewichtsminimierung für den High-End Bereich ist (leider) nach wie vor nur mit PFC-haltiger Chemie und echten Daunen erreichbar.

Nachhaltig oder grüngewaschen? Outdoormarken im Portrait: Patagonia

19. März 2019
Ausrüstung

Es ist das Outdoor-Paradoxon: wir wollen unberührte Landschaft erleben und erhalten, verbrauchen aber reichlich Ressourcen, um sie mit eigenen Augen zu sehen. Wir regen uns über Sommerskifahrer und röhrende Porsches auf, steigen aber in den Flieger nach Neuseeland. Ob Hersteller und Anbieter von Outdoorware oder Konsument und Nachfrager: man schwärmt von Natur und Bergen, trägt aber genau dadurch auch zu deren Gefährdung bei.

Doch vielleicht gibt es auch eine andere Seite. So heizen bunte Bilder von Wasserfällen, Wäldern und Bergkulissen zwar einerseits die Konsum- und Reiselust an, doch gleichzeitig können sie durchaus auch den Sinn für die Schönheit der empfindlichen und schützenswerten Ökosysteme schärfen.

Nicht nur Klima: Was ist Nachhaltigkeit?

Vereinfacht gesagt: Nachhaltig ist, wenn man Ressourcen nicht schneller verbraucht, als die Natur sie – mit oder ohne menschlichen Einfluss – neu schaffen kann. Man kann dafür den selbstlosen Verzicht predigen, doch das wird kaum beachtet, geschweige denn ernst genommen. Auch kann das nur tun, wer glaubwürdig als Vorbild vorangeht – und das sind nicht Viele. Immerhin, wenn es denn mal jemand vormacht, wird es weithin respektiert und bewundert.

Trotzdem fruchten meist nicht einmal die vielen Appelle an die „freiwillige Selbstbeschränkung“ auf ein „vernünftiges Maß“. Sie riechen eben zu sehr nach Moralkeule und außerdem kann ohnehin niemand wirklich genau sagen, wo dieses goldene Mittelmaß liegt. Meist wird versucht, mit einem bestimmten „CO2-Budget“ pro Kopf und Jahr zu operieren. Derart auf Zahlen reduziert scheint es zwar besser umsetzbar, geht meiner Meinung nach aber am Kern des Problems vorbei – so wie im Grunde die ganze heutige Fixierung auf Zahlen, CO2 und „das Klima“.

Mit „Klimazielen“ und maximal „erlaubten“ Temperaturerhöhungen der Erde zeigt der Mensch neben der guten Absicht nämlich auch, dass er nach wie vor in dem technozentrischen Weltbild steckt, das die Probleme erst erzeugt hat. Ein solches Weltbild glaubt, mit Zertifikatehandel und etwas effizienterer Technologie die Temperaturverhältnisse der Erde zu steuern und damit das Umweltproblem in den Griff zu bekommen. Nur wird dabei vergessen, dass bei solch gewaltigen ökologischen Zusammenhängen auch kosmische Einflüsse wie die Sonne sowie auch die Erde selbst ein Wörtchen mitzureden haben. Auch geraten durch die CO2-Fixierung andere Probleme wie Bodenversiegelung oder Ausstoß von Ruß, Feinstaub und Aerosolen aus dem Blickfeld.

Echte Nachhaltigkeit muss auch andere Aspekte berücksichtigen. Dazu gehören nicht nur die drei Ebenen des Nachhaltigkeitsmodells (Ökologisches, Ökonomisches und Soziales), sondern auch persönliche und grundsätzliche, nicht technische Aspekte wie ein Hinterfragen der eigenen Bedürfnisse und Motive. Um dann vielleicht so manchen Impulskauf oder die spontane Kurzreise um den halben Globus bleiben zu lassen. So kann man sich beispielsweise fragen: Brauche ich für meine Wanderpläne diese 3-lagige Hightech-Jacke mit 40 000 mm Wassersäule? Brauche ich die wasserabweisende und atmungsaktive Daunendecke für den Campingausflug? Muss alles immer nagelneu sein oder reicht auch mal ein gut gepflegtes Second-Hand-Teil?

Bei Outdoor-Kleidung bedeutet jedes Mehr an Funktion oft auch ein Mehr an Chemikalien. Aber jetzt fange ich hier selbst schon mit der Moralkeule an… Ich möchte aber nur zeigen, dass letztendlich die Hauptverantwortung bei uns als Kunden liegt, denn bei aller Werbeverführung der Welt kann kein Hersteller und kein Händler allein bestimmen, was gemacht und hergestellt wird.

Apropos Hersteller: dieser Artikel hier soll die Nachhaltigkeitsbemühungen von Patagonia unter die Lupe nehmen – und in folgenden Artikeln werden noch einige weitere Hersteller auf ihre Nachhaltigkeit abgeklopft.

Das Nachhaltigkeitsprogramm von Patagonia

Zunächst Folgendes: eine durchweg nachhaltige/ethische Rohstoff-, Erzeugungs- und Vertriebskette kann nach wie vor kein Outdoor-Unternehmen leisten, ohne exorbitante Kaufpreise zu fordern. Auf diese Weise ist die Nachhaltigkeit eher eine kleine Spezialnische für die „gehobene“ Kundschaft. Damit wären wir aber eher beim berühmt berüchtigten „Freikaufen“ für einige wenige Superprivilegierte.

Wirkliche Nachhaltigkeit muss aber auch im effizienten, groß angelegten und preisgünstigen Rahmen funktionieren. Und hier ist Patagonia auf dem richtigen Weg, denn die Maßnahmen zielen nicht auf Exklusivität ab. Und Patagonia geht auch nicht den anderen „einfachen Weg“, nur einen unter vielen Aspekten nachhaltig zu gestalten und sich dann mit irgendeinem „klimaneutral“ erzeugten Zwischenprodukt ein grünes Image zu verschaffen. Nein, man setzt sich hier auf mehreren Ebenen für mehr Nachhaltigkeit ein und hat damit schon zu Zeiten begonnen, als nur die wenigsten global operierenden Unternehmen an derartiges dachten.

Umweltaspekte der Nachhaltigkeit

Doch auch Patagonia war und ist ein wachsendes, global operierendes Unternehmen, dessen Verfahren und Produkte nicht immer vollständig nachhaltig sind. Elegant und diplomatisch wird dieses Problem in Formulierungen wie „zwischen Marketing und Umweltschutz“ ausgedrückt. Zu diesem Spagat gehören Engagements für verschiedene Umweltprojekte wie das bekannte Spendenkonzept „1% for the Planet“. Dessen Grundidee stammt von Patagonia-Gründer Yvon Chouinard selbst: 1% des jährlichen Unternehmensumsatzes geht an Organisationen, die sich für den Umweltschutz einsetzen.

Hauptsächlich will Patagonia die Umwelt-Nachhaltigkeit mit einem 4-Punkte Programm verbessern. Dieses besteht aus folgenden Punkten:

1 Reduce

Damit ist das Bestreben nach möglichst langer Lebensdauer der Produkte gemeint. Dadurch soll der Bedarf an ständig neuer Kleidung verringert werden. In diesem Rahmen ist auch die berühmte  Marketingkampagne „Do not buy this jacket“ während der Thanksgiving-Saison 2011 zu verstehen. Auf deren scheinbare Widersprüchlichkeit gehe ich später noch ein.

2 Repair

Patagonia gestaltet viele Kleidungsstücke so, dass Kunden sie möglichst einfach selbst reparieren können und unterstützt sie dabei mit Anleitungen im Internet. In den USA hat man eines der größten Textilreparaturzentren überhaupt aufgebaut und repariert dort jährlich 40.000 Kleidungsstücke.

In seinen Läden repariert Patagonia kaputte Outdoor-Bekleidung kostenlos und schickt mit dem „Worn wear truck“ seit 2017 einen Reparaturservice quer durch Europa (aktuelle Tourdaten findet man hier auf der Firmenhomepage).

Außerdem nimmt Patagonia kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, andere Marken anzuprangern, die Reparaturen bewusst erschweren, um Kunden zu schnellem Neukauf zu bewegen. Mehr über die Worn Wear Aktivitäten findet sich in diesem Bergfreunde-Artikel und diesem Utopia-Bericht.

3 Reuse

Worn Wear dient auch als Label für den Second Hand Markt von Patagonia. Auf dieser Plattform wird gebrauchte Patagonia Bekleidung aufbereitet und gehandelt. Jeder Patagonia Kunde kann hier seine gebrauchte Kleidung weiter verkaufen.

4 Recycle

Wenn Weiterverwendung oder Reparatur nicht mehr möglich ist, kommt die Option Recycling zum Einsatz. Patagonia nimmt alle Bekleidungsstücke zurück und führt sie der Wiederverarbeitung zu. Damit werden viele nach wie vor hochwertigen Stoffe vor der Müllverbrennungsanlage oder der Deponie bewahrt. Schon seit langem produziert Patagonia einen Großteil seiner Kunstfasern aus recycelten PET-Flaschen. Mit dem Recycling von Daunen bei Patagonia haben wir uns hier im Basislagerblog schon einmal ausführlicher beschäftigt.

Soziale Nachhaltigkeit und Mitarbeiterführung

„Die Nichtregierungsorganisation Erklärung von Bern verglich 2010 mittels Umfragen und Internetrecherchen bei 77 Modelabels die Standards der Arbeitsbedingungen in Produktionsländern. Patagonia wurde dabei in die zweitbeste Kategorie ‚Durchschnittliche‘ von fünf Kategorien eingestuft. Im ‚Outdoorguide‘ der Erklärung von Bern/Public Eye von 2012 erreichte Patagonia einen Platz in der höchsten Kategorie ‚Fortgeschrittene‘.“

Diese Wikipedia-Ausführungen zeigen die Schwierigkeiten des „Monitoring“, also der lückenlosen Überwachung und Bewertung aller Prozesse bei Großunternehmen (mit einem Umsatz von etwa 600 Millionen US$ (Stand 2013) und einer Mitarbeiterzahl von etwa 1300 gehört Patagonia eindeutig in diese Kategorie). Das Zurückverfolgen aller Wege und Zwischenprodukte kann da schon ziemlich kompliziert werden. Patagonia bemüht sich dennoch, alle Herstellungsschritte vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt transparent zu machen und fair zu gestalten. Letzteres zeigt sich auch an der Mitgliedschaft in verschiedenen Initiativen wie Fair Labor Association, die sich für gerechtere Arbeitsbedingungen einsetzen.

Ökonomische Nachhaltigkeit

Seit 2013 zeigt sich das Unternehmen skeptisch gegenüber dem Konzept des ökonomischen Wachstums, weil es einen Punkt gäbe, an dem Wachstum direkt oder indirekt die Lebensbedingungen gefährden würde. Verantwortliches Wachstum wäre nur solches, das soziale und ökologische Folgen bedenke. Ähnliches wird zwar in jeder Sonntagsrede geäußert, doch bei Patagonia bestehen gute Chancen, diesen Worten Taten folgen zu lassen. Denn die Firma ist und bleibt im Privatbesitz, ohne Beteiligung von anonymen Kreditgebern, die im Hintergrund die Geschäftsentscheidungen beeinflussen.

Marketing

Das Marketing bei Patagonia kann mit etwas Wohlwollen auch zur Nachhaltigkeitsstrategie gezählt werden, denn es zielt oft auf Umweltthemen ab. Ein zwar nicht messbarer, aber sicher nicht zu unterschätzender Beitrag von Patagonia liegt darin, viele Nachhaltigkeitsthemen überhaupt erst ins Bewusstsein der Outdoorbranche und ihrer Kunden gerückt zu haben.

Mit der bereits erwähnten „Kauft diese Jacke nicht“-Werbung positionierte man sich beispielsweise gegen Ressourcenverschwendung und Müllberge des schnelllebigen Modekonsums. Zunächst scheint eine derart widersprüchliche Botschaft wenig glaubhaft, doch man meinte sie durchaus ernst. Und wenn man zwischen Unternehmenswachstum und Marktwachstum unterscheidet, macht sie auch ökonomisch Sinn. Das Unternehmen Patagonia möchte eben dank seiner Nachhaltigkeitserfolge florieren. Firmengründer Chouinard sieht sich ja durchaus als Unternehmer im Konkurrenzkampf mit anderen Unternehmen, die beim Wegfall von schnelllebigem „Sinnloskonsum“ eben aufgrund ihrer mangelnden Nachhaltigkeit aus dem Markt gedrängt werden. Dann schrumpft zwar der Markt, doch die Firma wächst.

Was sagen die Kritiker?

Das Auge der kritischen Öffentlichkeit ist bei einer Firma wie Patagonia natürlich besonders wachsam. In der Vergangenheit hat es mehrfach Kritik von Tierschutzorganisationen gegeben. Die war berechtigt und wurde dementsprechend auch aufgenommen. Und zwar nicht in Form von Beschwichtigungen und Relativierungen, sondern in Form von Veränderungen. Im Falle einer Beschwerde von PETA über das Leid von Schafen in einem Zuliefererbetrieb nahm man diese Wolle umgehend aus der Verarbeitung. Nach Beschwerden über die Verwendung von Daunen aus Lebendrupf entwickelte Patagonia den strengen „Traceable Down Standard“, der eine transparente Lieferkette und den Ausschluss von Zwangsfütterung und Lebendrupf sicherstellen soll.

Verbraucherschützer und Nachhaltigkeitsportale zeigen sich durchaus anerkennend. So bestätigt das Nachhaltigkeitsportal Utopia.de, dass die zahlreichen Nachhaltigkeitsmaßnahmen weder Greenwashing noch Imagepflege, sondern echte Bemühungen sind. Der Verein Rank a brand kommt hingegen zu einem kritischen Urteil, das aber noch nicht abschließend gefällt scheint. Auch hier zeigen die abweichenden Ergebnisse, wie schwierig es ist, die Effektivität von Nachhaltigkeitsmaßnahmen zu bewerten.

Kritik in großen Medien wie Zeit.de und Spiegel-Online fällt eher undifferenziert aus und scheint auch teils Kritik um der Kritik willen zu sein. So schreibt man bei der Zeit:

„Das US-Unternehmen aus Kalifornien verkauft seinen Kunden nicht nur warme und langlebige Jacken, sondern ein Image: Öko-Coolness für politisch korrekte Hipster.“

Das klingt, als ob es falsch sei, dass Nachhaltigkeit mittlerweile sogar „cool“ sein kann. Wäre es denn besser, wenn sie immer noch mit muffigem Reformhaus- und Birkenstock-Image behaftet wäre? Mir sind Hipster ja auch nicht ganz koscher, insofern volles Verständnis für diese Breitseite. Dennoch ist sie eher ein Geschmacksurteil und unterstellt, dass Patagonia den Weg zur „Modemarke für Büromenschen“ einschlagen würde. Wenn, dann wäre das sicher fragwürdig, zumindest solange man nicht reine Modelinien ohne chemisch oder ressourcenaufwändig erzielte Funktionalität anbietet. Denn es stimmt schon, dass technische Outdoorkleidung in der Stadt oder beim Waldspaziergang wenig sinnvoll ist.

Auch der Spiegel kritisiert auf ähnliche Weise. Es werden auch hauptsächlich Probleme und Widersprüche hervorgehoben, die die Outdoorbranche allgemein betreffen.

Fazit

Ganz sicher kann Patagonia noch vieles verbessern und umfassende Nachhaltigkeit ist noch lange nicht erreicht. Betrachtet man es in Relation zur Gesamt-Outdoorbranche, gibt die Firma allerdings ein sehr gutes Bild ab. Patagonia ist aktiver als die meisten Mitbewerber und das auch schon seit viel längerer Zeit. Es treten zwar Versäumnisse und Fehler auf, doch diese werden nicht vertuscht oder schöngeredet, sondern nach und nach angegangen.

Gute Ökobilanz beim Skifahren – So wird der Winterurlaub nachhaltig

14. Februar 2019
Tipps und Tricks

Über Schneearmut muss sich aktuell im nördlichen und östlichen Alpenraum niemand beklagen. Pünktlich zum neuen Jahr schneit es ohne Unterlass. Die Skigebiete sind mit den Neuschneemassen teilweise sogar überfordert und müssen vorübergehend schließen. Die Grundlage für die Saison ist gelegt.

Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass auf den ersten Blick Nachhaltigkeit und Skitourismus schwierig zu vereinen sind. Aktuell gelten allein in Bayern nur 50 Prozent der Skigebiete in mittlerer Höhe als naturschneesicher, in Österreich werden knapp 70 Prozent aller Flächen beschneit. Laut Deutschem Alpenverein wird die Abhängigkeit der hiesigen Gebiete von künstlicher Beschneiung zunehmen. Auch der Alpenraum bleibt vom Klimawandel nicht verschont. Viele Gemeinden bemühen sich daher um mehr Nachhaltigkeit durch sanften Tourismus und alternative Freizeitangebote für Wintersportler.

Keine Sorge, es geht beim Thema Nachhaltigkeit nicht darum den Skisport abzuschaffen, sondern ein größeres ökologisches Bewusstsein im Wintersport anzuregen. Wir haben uns dem Thema angenähert und festgestellt: Ein nachhaltiger Winterurlaub ist möglich! Und mit den folgenden vier Tipps kann jeder einen Beitrag dazu leisten!

1. Selektive Auswahl von Skigebieten: Mehr Natur- als Kunstschnee

Ein nachhaltiger Urlaub beginnt schon bei der Auswahl des Skigebietes. Meiden sollte man solche, die aktiv an einer Expansion arbeiten. Das umfasst den Bau von Skischaukeln (also eine Verbindung zwischen zwei Skigebieten, die in verschiedenen Tälern liegen), unnötige Modernisierungen und vor allem die Neuerschließung von Gebieten. Einige Skigebiete werben mit sehr langen, garantierten Saisonzeiten von bis zu 200 Tagen. Das können eigentlich nur Gletscherskigebiete leisten. In niedrigeren Lagen wird das durch zusätzliche Beschneiung und Snowfarming, also die Aufbewahrung von Schnee aus der alten Saison, erreicht. Das ist ökologisch bedenklich.

Vielmehr sollte man in Alpenregionen fahren, die Sommer- und Wintertourismus betreiben. Wintersportgebiete, die nur im Winter genutzt werden, offenbaren im Sommer die Auswirkungen des Massentourismus. Die starken Eingriffe in die Natur werden sichtbar, sobald die Schneedecke geschmolzen ist. Ein nachhaltiges Skigebiet sorgt sich auch im Sommer um den Zustand der Pisten. Bei guter Pflege erholen sich die Wiesen bis zur nächsten Saison. Sie sollten entweder gemäht oder beweidet werden, um Erosion vorzubeugen. Zusätzliche Einnahmequellen im Sommer motivieren Betreiber auch auf den Weiterbau von Anlagen zu verzichten: Sommertouristen erfreuen sich eher unberührter Natur als brach liegender Skiinfrastruktur.

Außerdem sollte man Skigebiete meiden, die mit mehr als 60 Prozent beschneiten Pistenkilometern werben. Auskunft darüber erhält man beim jeweiligen Tourismusverband. Die Beschneiung ist sehr teuer, kostet viel Energie und Wasser. Obwohl es sich auf Kunstschnee ähnlich gut fahren lässt, wie auf Naturschnee, ist die Technik zumindest noch nicht soweit, Pulverschnee zu produzieren. Außerdem vereisen die Pisten bei Sonneneinstrahlung schneller, weil Kunstschnee einen höheren Wasseranteil besitzt.

Exkurs Kunstschnee

Damit überhaupt Kunstschnee produziert werden kann, muss es über einen längeren Zeitraum hinweg mindestens -2 Grad kalt sein. Außerdem bedeutet die Errichtung von Speicherteichen und Rohrleitungen einen schwerwiegenden Eingriff in die Natur, der Erosion fördern kann. Kunstschnee bleibt zudem länger liegen. Die Regenerationszeit der Wiesenflächen wird dadurch verkürzt. Die Gefahr von Vegetationsschäden ist auf Kunstschneepisten deutlich höher als auf Naturschnee.

Nachhaltige Formen der Beschneiung sind noch rar. Die Schneewolke ist eine der neueren Methoden, die im Tiroler Skigebiet Obergurgel-Hochgurgel ausprobiert wurde. Dabei wird mit geringem Strom- und Wasserverbrauch eine Wolke simuliert, aus der es schneit. Einige Skigebiete nutzen auch Wasserkraftwerke, um Strom zu erzeugen.

2. Sanfter Tourismus mit Ökolabel und alternativer Anreise

Zwischen 70 und 80 Prozent des CO2-Ausstoßes verursachen Skifahrer bei der An- und Abreise sowie bei Fahrten während des Urlaubs mit dem Auto. Statt Tages- und Wochenendausflüge ins Skigebiet zu unternehmen, sollte man gleich mehrere Tagen wegfahren – und das im vollbesetzten Auto.

Wirklich nachhaltig wäre es aber, mit dem Zug ins Skigebiet zu fahren. Die Skiausrüstung kann mit der Bahn schon vorausgeschickt werden. Das erspart das lästige Schleppen der Skiausrüstung. Shuttlebusse, der örtliche Nahverkehr oder Elektroautos ermöglichen Mobilität im Ort. Die Deutsche Bahn bietet auch günstige Kombitickets in Skigebiete an, die den Skipass beinhalten. Um die Anreise möglichst kurz zu halten, wählt man Skigebiete in der Nähe aus. Auch wenn Fernziele wie Japan, Beaver Creek oder Kamtschatka verlockend sind, belastet die Anreise mit dem Flugzeug die Umwelt zusätzlich.

Auch die Auswahl der Unterkunft kann nachhaltig sein. Einige Gemeinden setzen ein ganzheitliches Nachhaltigkeitskonzept um, das Hotelanlagen, Transportsysteme und das Skigebiet mit einschließt. Über Internetportale, wie beispielsweise Alpine Pearls oder Bergsteigerdörfer, kann man sich konkret über Regionen im Alpenraum informieren, die aktiv ökologischen Tourismus fördern. Es muss nicht immer das riesige Luxushotel sein. Auch kleine Hotels oder Berggasthöfe stellen sich auf Skitouristen ein. Sie beziehen ihre Produkte von Höfen, Käsereien und Metzgern aus der Nähe. Damit unterstützt man die Wirtschaft vor Ort.

3. Kaufe nachhaltige Ausrüstung und Skikleidung

Diverse Labels und Zertifikate wie die Fair Wear Foundation, bluesign, Responsible Down Standard und der Zusatz „PFC-frei“ helfen bei der Auswahl von umwelt- und sozialverträglichen Produkten. Einige Marken verwenden auch recyceltes Material in der Produktion von Outdoorbekleidung und Ausrüstung. Zudem gibt es eine breite „Reuse“-Initiative: Anstatt sich eine neue Jacke zu kaufen, repariert man die alte. Gleiches gilt für die Ausrüstung. Schon beim Kauf sollte man auf bestmögliche Qualität achten, weil das auf Langlebigkeit der Produkte schließen lässt. Je länger man Material nutzen kann, umso besser ist dessen Ökobilanz

Wer nur einmal im Jahr in den Skiurlaub fährt oder nur sehr sporadisch auf die Piste geht, muss gar nicht erst eine komplette Ausrüstung kaufen. Ausrüstungsverleihe im Skiort haben meistens die aktuellsten Modelle im Angebot. Das ist eine kostengünstige und umweltschonende Alternative. Richtige Outdoormenschen scheuen auch nicht davor zurück, ihre Skijacke beim Einkaufen in der Stadt oder auf dem Weg zur Arbeit anzuziehen. Produkte mehrfach zu nutzen, hilft Ressourcen zu sparen.

4. Winterurlaub vielseitig gestalten: Das sind Alternativen zum Skifahren

Der Winterurlaub muss nicht nur aus Skifahren bestehen. Mehr Unabhängigkeit von schneesicheren Pisten erlangt man, indem man seinen Winterurlaub vielseitig gestaltet.

Winterwanderungen machen Spaß, wenn man sich eine abwechslungsreiche Route raussucht. Bei moderaten Steigungen und auf präparierten Wegen kann man mühelos mit festem Schuhwerk und Teleskopstöcken losmarschieren. Ein besonderes Schmankerl sind Wanderungen durch eine Klamm. Im Winter gefrieren die Wasserfälle zu spektakulären Eisgebilden und die Stromschnellen der wilden Bäche, die sich im Sommer noch tosend durch die Schluchten winden, blitzen nur zeitweise unter einer Eisschicht hervor.

Mitte Februar findet zum Beispiel die deutsche Meisterschaft im Hundeschlittenrennen in Wallgau im Karwendelgebirge  statt. Über 100 Gespanne mit rund 1000 Hunden rennen in verschiedenen Distanzen um den Sieg.

Einmal die Winterlandschaft aus der Vogelperspektive betrachten? Das geht im Winter bei einer Heißluftballonfahrt. Der Brenner, der den Ballon zum Steigen bringt, sondert viel Hitze ab und sorgt für eine wohlige Wärme an Bord. Ein besonderes Angebot ist die Alpenüberquerung im Ballon. Durch die besondere Wetterlage und Thermik ist die kalte Jahreszeit perfekt fürs Paragliding geeignet.

Außerdem bieten viele Wintersportgebiete Schneeschuhtouren, Ski-Langlauf auf natürlichen Loipen, Rodeln, Skitouren und Schlittschuhlaufen an. Um sportlich aktiv zu sein, muss es also nicht immer die künstlich beschneite Piste sein. Abseits der gesicherten Wege sollte man aber besonders vorsichtig sein. Sicherheitsausrüstung wie LVS-Gerät, Sonde und Schaufel sind bei Skitouren Pflicht. Ebenso ein Blick in den Lawinenlagebericht.

Behindertenskilauf – Alles ist möglich

24. Januar 2019
Die Bergfreunde

9 Uhr morgens, Skigebiet Cardrona, Neuseeland. Ich sitze in einem der ersten Sessel gen Gipfel, als ich unter mir einen Sitzskifahrer in seinem Mono-Ski mit unglaublichem Tempo Richtung Talstation schießen sehe. Wahnsinn, wie ist es möglich, dass man sein Skigerät mit reiner Arm- und etwas Rumpfkraft so beherrschen kann? Mein Interesse ist geweckt, noch nie war mir eine querschnittsgelähmte Person auf der Piste begegnet. Dass es sowas wie Paralympics und sitzenden Skilauf gibt, war mir unterschwellig bekannt, aber nie wirklich in meinen Bewusstseinskreis vorgedrungen.

Wenig später sitze ich Tereza gegenüber, der Koordinatorin des Cardrona Adaptive Snow Sports Programme. Die ehrenamtliche Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Skifahrer mit und ohne Behinderung zusammen zu bringen. Ziel ist es, Skifahrern mit Handicap eine Begleitperson zur Seite zu stellen, die auf der Piste und beim Liftfahren unterstützt, als auch beim Skiunterricht assistiert. Was dabei rausspringt, ist jede Menge gemeinsamer Skispaß und ein intensiver Erfahrungsaustausch.

Unkompliziert werde ich in die Truppe an Ehrenamtlichen aufgenommen. Nach ein paar grundlegenden Trainings darf ich zum ersten Mal ran. Im Laufe der Saison werde ich mit den erstaunlichsten Menschen und unterschiedlichsten Schicksalen konfrontiert. Es verbindet uns alle – die Liebe zum Schnee, den Bergen und diesem genialen Gefühl, auf Skiern den Hang herunterzugleiten.

Geschichte des Behindertenskilaufs: Deutschland und Österreich in der Pionierrolle

Der Skilauf hat im Behindertensport eine lange Tradition. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland und Österreich zahlreiche Kriegsversehrte, die ehemals gute Skifahrer waren und sich von ihrem erlittenen Handicap – sei es Amputationen oder Blindheit – nicht vom Wintersport abhalten ließen.

Sie fanden Mittel und Wege, ihre Skiausrüstung an die entsprechende Verletzung oder Behinderung anzupassen – der Kreativität waren hier keine Grenzen gesetzt. Oberschenkelamputierte versuchten es mit drei Skiern: Einen am verbliebenen Bein und zwei kurze an Krücken – der Krückenskilauf war geboren!

Vom Nischenplatz zum Breitensport

War der Skisport damals nur einem kleinen Kreis an beeinträchtigten Sportlern zugänglich, so wird er heute bei Menschen mit Handicap immer beliebter und auf allen Niveaus ausgeübt. Für die breite Masse ist er ein Genusssport und bietet ein Gefühl von Freiheit, das eine willkommene Abwechslung zum (sicher nicht immer leichten) Alltag darstellt. Für andere bietet er eine Möglichkeit, Sport auf Spitzenniveau zu betreiben und an ihre Grenzen zu gehen. Mit Sicherheit aber ist er für alle ein tolles Mittel, ungeahnte Möglichkeiten auszuloten und ein positives Körpergefühl zu erlangen.

Je nach Behinderungsart haben die Betroffenen in ihrem Alltag ganz unterschiedliche Hürden zu überwinden. Diese übertragen sich natürlich auch auf den Skihang. Ganz abgesehen von der mentalen Herausforderung, sich auf Skiern den Berg hinunter zu stürzen, stellt der Skisport auch technische Anforderungen: Jede Behinderung erfordert eine spezifische Skiausrüstung. Und die hat es meist in sich – preislich. Wer jedoch nicht gleich mehrere tausend Euro hinlegen will (und kann), kann die meisten Skigeräte in ausgewählten Wintersportorten leihen.

Für nahezu jede Art von Behinderung, von der Querschnittslähmung über Sehbehinderungen bis hin zu mentalen Einschränkungen, gibt es Anpassungen in Skiausrüstung und Ausübungsform, die den Sport für ein breites Spektrum an Menschen zugänglich machen. Doch wie genau sehen die Anpassungen aus und wie organisiert sich der Sport auf Wettkampfniveau?

Vom Rollstuhl auf die Piste – Skifahren mit Mono- und Bi-Ski

Rollstuhlfahrer auf Schnee – wie zum Teufel soll das denn funktionieren? Ganz einfach – mit besagtem Mono-Ski! Ein gefederter Rahmen mit Sitzschale wird auf einem Carvingski angebracht und der Skifahrer in der Sitzschale festgeschnallt. Das Gleichgewicht wird mit Hilfe von Krückenskiern gehalten, die der Skifahrer links und rechts von sich durch den Schnee gleiten lässt.

Wer beim Gebrauch seines Unterkörpers stark beeinträchtigt ist, findet im Mono-Ski das geeignete Gerät für verschneite Berghänge. Betroffen sind Menschen mit Querschnittslähmung, Spina Bifida, Multipler Sklerose, doppelter Oberschenkelamputation oder auch einer Cerebralparese. Was mit einem Mono-Ski alles möglich ist, hat Josh Dueck 2012 spektakulär bewiesen: Der nach einem Skiunfall querschnittsgelähmte ehemalige Freeskier stand den ersten Back Flip in einem Sit-Ski!

Für die Benutzung eines Mono-Skis sind allerdings ein relativ stabiler Rumpf und funktionsfähige obere Extremitäten plus Hände nötig. Die stabilere Alternative ist der Bi-Ski, der auf zwei Skiern thront und meist von einer Begleitperson gestützt und mitgelenkt wird. Der Bi-Skifahrer selbst kann sich hier so weit einbringen, wie es ihm möglich ist! Das macht den Bi-Ski zu einem äußerst vielseitigen Gerät, das bei diversen neurologischen und motorischen Einschränkungen eingesetzt werden kann.

Ähnlich dem Alpinskifahren mit Mono-Ski, kann auch beim Langlaufen ein Sitzski verwendet werden. Der Skifahrer bindet sich mit Hilfe von Gurten an einer Art Skischlitten fest. Auch hier sind ein funktionsfähiger Rumpf und eine kräftige Armmuskulatur Voraussetzung.

Stehend Skifahren mit Hilfsmitteln

Wie beim sitzenden Skilauf gibt es auch hier eine Vielzahl von Beeinträchtigungen, für die diese Art von Skifahren geeignet ist. Voraussetzung: Einigermaßen stabil auf einem oder beiden Beinen stehen können.

Für Menschen mit Unterschenkelamputation ist, mit Hilfe von Prothesen, sogar oftmals ein klassisches Skifahren oder Snowboarden möglich. Wer mit einer kompletten Beinamputation lebt, fährt auf einem Bein Ski und hilft sich mit unterstützenden Krückenskiern. Auch für Cerebralparetiker oder Menschen mit spastischer Lähmung ist Skilauf mit Hilfe von Krückenski eine Möglichkeit.

Wer auf zwei Skiern stehen, seine Beine aber schwer kontrollieren kann, dem kann mit einer Skispitzenhalterung geholfen werden. Die Halterung hält die Ski in einer festen Position und macht das Abfahren in einem kontrollierten Pflug möglich.

Blindes Vertrauen – Skifahren mit sehender Begleitung

Wer mit einer Sehbeeinträchtigung lebt, dem steht zumindest schon mal bei der Verwendung einer normalen Skiausrüstung nichts im Weg. Allerdings braucht der Skifahrer einen Begleitläufer, der das „Sehen“ übernimmt und ihn über die Piste leitet. Das funktioniert anfangs über simples An-die-Hand-Nehmen und viel Erklären, später über Zurufe, Headset, Klopfgeräusche – kurz mit jedem denkbaren Hilfsmittel, auf das sich Begleitfahrer und Sehbehinderter einigen können.

Skifahren mit geistigen Beeinträchtigungen

Skifahren mit mentalen Einschränkungen lässt sich weniger leicht in Kategorien einteilen. Möglich ist es aber definitiv auch für Menschen mit Trisomie 21, Autismus, ADS oder anderen Lernbehinderungen. Im Mittelpunkt stehen hier allerdings weniger technische Hilfsmittel, als vielmehr die Frage, wie der Bewegungsablauf beim Skifahren vermittelt und erlernt werden kann. Mit etwas psychologischem Fingerspitzengefühl und speziellen Techniken lässt sich hier viel erreichen.

Da mentale Behinderungen sehr häufig auch mit motorischen Einschränkungen einhergehen, wählt man hier das Hilfsmittel, das am geeignetsten erscheint. Krückenski, Skispitzenklemmen, Bänder und Seile – alles, was dem Betroffenen hilft, auf Skiern zu stehen und den Hang hinunter zu gleiten, ist erlaubt. Und wo kein kein selbstständiges Skifahren möglich ist, bietet ein von einem Begleiter gelenkter Bi-Ski eine tolle Alternative. Das Gefühl des Gleitens bleibt das gleiche und bereitet dem Passagier unvergleichliches Vergnügen. Vereine wie Freizeit-PSO in Schladming bieten Skiunterricht für Menschen mit den verschiedensten mentalen Behinderungen an und finden für jeden die passende Art, über den Schnee zu gleiten.

Behindertenskilauf als Wettkampfsport

Der Behindertenskilauf ist mittlerweile weit mehr als nur spaßige Freizeitbeschäftigung: Paralympische Winterspiele, Weltcuprennen, Special Olympics, Winter X-Games – um nur einige internationale Wettkämpfe für Skifahrer mit Behinderungen zu nennen.

Der Sport organisiert sich in verschiedenen alpinen und nordischen Disziplinen, wobei das Internationale Paralympische Komitee (IPC) Regeln vorgibt, an die sich die meisten nationalen Verbände auch größtenteils halten. Das IPC wiederum orientiert sich am FIS-Regelwerk, das unter anderem die Kurssetzung, Torabstände oder die Skilänge für die verschiedenen Disziplinen vorgibt. Man sieht – beim Behindertenskilauf auf professioneller Ebene wird nichts dem Zufall überlassen.

Das Klassifizierungssystem: Welche Behinderungsgruppen gibt es im Wettkampf?

Wie aber wird sichergestellt, dass die Wettkampfbedingungen fair sind? Schließlich geht ein von der Brust ab gelähmter Rollstuhlfahrer mit ganz anderen Voraussetzungen an den Start eines Abfahrtsrennens als ein Skifahrer mit Sehbeeinträchtigung oder ein Oberschenkelamputierter. Die Lösung des Problems: Das Klassifizierungssystem.

Im internationalen Wettkampfsport wird in drei Arten von Behinderungen unterteilt:

  • B1 – B3: Blinde und Sehbehinderte
  • LW 1 – 9: Stehende Klassen (Amputationen, Cerebralparese, Les Autres)
  • LW 10 – 12: Sitzende Klassen (Querschnittslähmung, Spina Bifida, Cerebralparese, Amputationen…)

Vor allem in der sitzenden und stehenden Kategorie wird noch einmal präzise in Klassen unterteilt. Es besteht eben ein massiver Unterschied zwischen einem stehenden Skifahrer mit zwei amputierten Beinen und einem, dem lediglich ein Unterarm fehlt. Auch beim Querschnitt gibt es erhebliche Differenzen: Je höher die Schädigung der Wirbelsäule liegt, desto schwieriger ist es für den Skifahrer, die Kontrolle über seinen Mono-Ski zu bewahren.

Ein Faktorsystem macht die Leistungen vergleichbar

Damit in jeder der drei Kategorien eine faire Wertung möglich ist und nicht in jeder einzelnen Klasse Medaillen vergeben werden müssen, wurde zusätzlich ein Faktorsystem entwickelt. Jede Klasse wird mit einem bestimmten Faktor versehen, der am Ende alle Klassen innerhalb einer Behinderungsgruppe vergleichbar macht.

Man kann sich das im Prinzip so vorstellen, dass die Uhr während der Zeitnahme für einen stärker behinderten Skifahrer langsamer läuft als für einen geringer beeinträchtigten. So werden die Zeiten vergleichbar und am Ende kann ein Sieger ermittelt werden.

So praktisch das Faktorsystem ist, so schwierig ist es dennoch die verschiedenen Behinderungen angemessen zu kategorisieren und so sorgt das Faktorsystem immer wieder für Kontroversen.

Highlight im 4-Jahres-Takt: Die Paralympischen Winterspiele

Der bekannteste Wettbewerb im Behindertenskilaufs sind ganz klar die Paralympischen Winterspiele. Seit 1976 wird das internationale Event abgehalten. Ursprünglich waren nur alpiner und nordischer Skilauf vertreten, aber im Laufe der Jahre wurde die Liste an Sportarten und Disziplinen beständig erweitert. 2018 waren in Pyeongchang, Südkorea allein im alpinen Skilauf fünf Disziplinen vertreten: Abfahrt, Super-G, Riesenslalom, Slalom und Super-Kombination. Bei den nordischen Disziplinen waren beeinträchtigte Biathleten und Langläufer am Start.

Auch Snowboarder sind übrigens mittlerweile dabei: Die relativ jungen Disziplinen Boarder Cross und Banked Slalom vermischen Elemente aus klassischem alpinem Skilauf und Freestyle und sind definitiv cool anzusehen!

„Adaptive“ Outdoorsport

Nicht nur im Skilauf hat der Behindertensport mittlerweile ein festes Standbein. Auch viele andere Outdoorsportarten öffnen sich immer mehr für eine „adaptive“ Ausübung, wie es der englische Begriff so schön treffend und politisch unverfänglich umschreibt. Meisterschaften im Paraclimbing werden abgehalten, man liest von Menschen, die einbeinig Gipfel erklimmen und – für mich persönlich besonders faszinierend – auch Wellenreiten wird für Behinderte immer besser erschlossen.

Grund für diese Entwicklung ist zum einen ein immer größeres Interesse bei Menschen mit Behinderung, ihre Grenzen auszuloten. Zum anderen gibt es stärker werdende Bestrebungen in der Gesellschaft aktiv Inklusion zu betreiben und diese vor allem auch auf Bereiche auszuweiten, die als nicht zugänglich für Behinderte angesehen waren.

Die High Fives Foundation in den USA beispielsweise fördert Extremsportler, die nach einem Unfall in der Ausübung ihres Sports eingeschränkt sind, sich davon aber nicht abschrecken lassen. Kitesurfen, Wellenreiten, Paragliden, Klettern – alles ist möglich, solange man Equipment und Ausübungsform an die körperlichen Möglichkeiten anpasst.

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