titelbild Klettern

Road-Trip durch das Sultanat Oman: Teil 1

12. Oktober 2016

Sportart

Zwei Uhr morgens. Wie ein Tor zur anderen Welt öffnet sich die Tür ins Flughafengebäude Muscat. Überall in weiße Gewänder gehüllte Männer, in unseren Kletterklamotten fallen wir auf wie bunte Hunde. Der Mann am Mietwagenschalter schlägt sein Buch von hinten auf und sucht von rechts nach links lesend unsere Reservierung. Da können wir uns noch so oft die Augen reiben, es liegt weder an der Uhrzeit noch an unserer Übermüdung, hier ist wirklich alles verkehrt herum. Bis auf den Rechtsverkehr, Gottseidank – oder besser gesagt „inschallah“ – so Gott will. Gegen 3 Uhr morgens biegen wir in unserem Toyota Allrad-Panzer auf die hell beleuchteten Straßen von Muscat, mit dem dringenden Wunsch, zwischen den riesigen Moscheen und Palästen irgendwo einen ruhigen Schlafplatz zu finden. Völlig gerädert breiten wir schließlich unsere Isomatten am Strand aus, um uns das Nachtlager mit hunderten von Mücken und Sandflöhen zu teilen. Es kann also nur besser werden!

Hit the road, Jack

Eine neue Klettersaison beginnt

Eine neue Klettersaison beginnt

Das Sultanat Oman ist unser Reißaus vor dem Winter, vor allem aber entkommen wir den vielen süßen Plätzchen und herzhaften Häppchen der Feiertage zwischen Weihnachten und Sylvester. Stattdessen starten wir unsere „neue Kletter-Saison“ bereits im Dezember. Ein fließender Übergang sozusagen. „Schönes Reiseland mit vielfältiger Landschaft“ verspricht der Reiseführer. Aus dem Internet haben wir einen Haufen Informationen über diverse Gebiete mit zahlreichen Kletterrouten gefunden. Von Stein- und Sandwüsten über Badegumpen in wasserführenden Trockentälern bis hin zum Meer hat das Land alles zu bieten. Vor allem aber ist es touristisch noch relativ unerschlossen und für einen naturnahen Urlaub genau das Richtige. Campingplätze und dergleichen wird man im Oman lange, wohl vergebens suchen. Aber wer gern direkt dort bleibt, wo es Kletterrouten gibt, zeltet dort, wo es schön ist und er keinem im Weg steht.

Schon aus Tradition sind die Omani sehr gastfreundlich. Bei nomadisierenden Beduinen in der Wüste bekommen Durchreisende seit jeher etwas zu trinken, zu essen sowie ein geschütztes Nachtlager im Austausch für Informationen. Nach spätestens jedoch drei Tagen sollte der Gast aber unaufgefordert aufbrechen. Und in einer solchen, leicht abgewandelten Form gilt dieses ungeschriebene Gesetz bis heute. Auch wir wollen uns daran halten.

Wadi Bani Awf

Eine Oase in Oman

Eine Oase in Oman

Im Oman gibt es unzählige „Wadis“, doch unter so einem „ausgetrockneten Flusslauf, der nur nach starken Regenfällen vorübergehend Wasser führt“, können wir Europäer uns zunächst einmal meist nicht viel vorstellen. Was dann eigentlich auch nur die Anreise in das erste Klettergebiet werden sollte, ist für uns Allrad- Novizen gleich mal ein richtig spaßiges Abenteuer: rasant durch Kiesbetten „sliden“, rasante Flussdurchquerungen und steile Passagen am Rande schier bodenloser Abhänge halten uns bei Laune. Am Eingang des Wadi Bani Awf können wir einem Touristen nur achselzuckend beantworten, ob man da auch mit einem „normalen“ Auto durchkommt. Schon nach dem ersten Abschnitt ist klar: man kommt rein, aber nicht wieder heraus.

Der kleine Palmenhain vor der engen Schlucht „La Gorgette“ wirkt inmitten der kargen Felslandschaft wie eine wahre Oase. Eine der Terrassen wird zu unserem Lagerplatz, aber jetzt wollen wir erst einmal das Klettergebiet erkunden. Ein schmaler Pfad windet sich in die enge Schlucht. Vom plätschernden Bach gekühlt, kann man hier in der größten Hitze bei angenehmen Temperaturen eine Sportroute nach der anderen klettern – bis die Unterarme brennen. Oder einfach die Füße ins kühle Nass eintauchen, relaxen und zuschauen. Die Routen aller Schwierigkeitsgrade sind anspruchsvoll und interessant. Und auch zum Projektieren gibt es hier einige vielversprechende glatte Überhänge. Hier kann man es tatsächlich aushalten!

Snake Canyon

Im Affen-Stil am Drahtseil

Im Affen-Stil am Drahtseil

Den ersten Nerventest absolvieren wir tags drauf an einem Klettersteig (!) im nahe gelegenen Snake Canyon. Zunächst steigen wir einen steilen Schotterhang hinunter bis an den Rand einer tiefen Schlucht, wo wir aus dem Kucken und Staunen nicht mehr heraus kommen. Ein dickes Drahtseil führt von einer Seite der Schlucht auf die Andere. Die glatten Wände des Canyons pfeifen bis zum Boden. Der Klettersteig geht auf der anderen Seite über ein waagrechtes Felsband und quert weiter hinten abermals den Canyon. Insgesamt sind fünf Querungen an einem Drahtseil zu überwinden. An und für sich keine große Sache, nur werden die hier gesetzten Bohrhaken genau in Zugrichtung (also der denkbar Ungünstigsten) belastet und wenn das Drahtseil an einer Seite ausreißt macht man einen Abflug nach unten. So gibt es auch kein zweites Seil als Hintersicherung …

Und während wir drei noch diskutieren, hat Georg bereits seinen HMS-Karabiner eingeclippt und hangelt wie ein Affe – Beine und Arme am Drahtseil – auf die andere Seite. Nach kurzer Abwägung folgen wir in gleichem Stil. Wohooo, da ist aber ordentlich Luft unter dem Hintern und wir erleben einmalige Tiefblicke in die Schlucht mit ihrem smaragdgrün schillernden Wasser. Was für ein wilder Klettersteig! Erst nach dem Ausstieg kommt die Sprache eher zufällig auf das riesige Warnschild am Einstieg – verdammt, welches Warnschild?! Ich glaube den Jungs kein Wort und gehe mich noch einmal selbst vergewissern. Tatsächlich habe ich dort vor lauter Adrenalin am Einstieg folgende, etwa 40 Zentimeter große, mit einem großen roten Kreis umrandete Warnung übersehen: „Danger – closed for maintenance!“ Da hat unser Schutzengel also mal wieder Überstunden geleistet …

Sharaf al Alamayn

Ein hammer Fels auf 2000m höher

Ein hammer Fels auf 2000m höher

Die Allradstrecke des Wadi Bani Awf endet nach einer abenteuerlich steilen Schotterpiste am 2000 Meter hohen Pass Sharaf al Alamayn, dem höchsten Pass der Western Hajar Berge. Laut Internet gibt es hier ein traditionell abgesichertes Klettergebiet, obendrein das höchst gelegene im ganzen arabischen Sprachraum. Oberhalb der senkrechten Böschung, deren Überwindung schon die erste Schlüsselstelle darstellt, befinden sich wunderschön zerklüftete Felsen, die sich perfekt mit Totem Cams und Bandschlingen absichern lassen. Die Routenfindung ist keineswegs trivial, da kein einziger Haken steckt, aber wir wähnen uns in der Linie „Scratch’n’Win“ am Felsen „The Prow“. Die beiden Toni’s vergnügen sich

derweil im „Full Fat Crack“ in der „Wall of Shadows“. Was abenteuerlich und düster klingt, macht jedoch richtig Spaß – es ist einfach großartig, seine eigenen Sicherungen zu legen, den Weg selbst zu suchen und keine Spuren zu hinterlassen. Wir erleben wieder einmal die grenzenlose Freiheit des Trad-Kletterns. Am Gipfelplateau treffen wir uns wieder: „Hammer Fels hier, oder?“

Mit einem riesigen Lagerfeuer inmitten der Karstlandschaft kurz unter dem Pass beschließen wir somit einen genialen Klettertag. Die Sonne verschwindet hinter einem der vielen Gipfel, die weite Berglandschaft liegt uns zu Füßen. Nie hätte ich erwartet, dass der Oman so bergig ist – und so kalt! Trotz gutem Schlafsack und dem Rucksack als Fußwärmer friere ich wie ein Schneider. Warum bloß habe ich meinen warmen Daunenschlafsack nicht dabei …?

Zwillingstürme

Wie die Wand einer Festung zu besteigen

Wie die Wand einer Festung zu besteigen

Umso krasser trifft uns daraufhin die Hitze des kommenden Tages im Tal, als wir schwitzend zu den Felstürmen oberhalb von Al Hamra aufsteigen. Wie zwei Wehrtürme einer Festung ragen diese beiden Felsen über der Stadt empor. Wir steuern auf den linken zu und wählen die Linie „En attendant les lents“ während sich die Toni’s für „La Mama“ am rechten Turm entscheiden. Soweit möglich, ist zwischen den gebohrten Ständen alles selbst abzusichern, in einigen kompakten Passagen stecken jedoch auch solide Bohrhaken. Unsere Linie schlängelt sich schließlich an schönen Strukturen entlang geschickt durch die griffige Wand. Während wir hier oben klettern, ruft weit unter uns der Muezzin zum Gebet. Sein Gesang hallt in den Wänden wider, unterstreicht für uns das Gefühl eines außergewöhnlichen Urlaubs. Vom Gipfel streicht unser Blick somit über das strahlende Grün der Palmenhaine im Kontrast zur Felslandschaft und den alten Lehmbauten im Tal. Einmalige Kletterrouten, genialer Fels und eine Traumlandschaft, wie sie im Buche steht – was für ein wunderschönes Land der Oman doch ist!

Kletterführer:

„Climbing in Oman“ von Jakob Oberhauser, Panico Verlag, 2014

Material

Tendon Master 7.8mm (Halbseile) und Tendon Hattrick 10.2mm (Einfachseil)

Onyx und Garnet, Helm Penta

Karabiner, Expressen

Totem Cams und Basic Totem Cams

Kletterschuhe Tenaya RA und Triop Tiger

Optimus Polaris Kocher (Benzin und Gas) mit Optimus Terra Lite HE Cook Set Töpfen

LEKI Micro Vario Carbon

ENO Doublenest Reisehängematte

 

Kommentare zu diesem Artikel
Andere Bergfreunde freuen sich auf deinen Kommentar