Kletter-Roadtrip Oman

Ramadan für Bolts – Roadtrip durch das Sultanat Oman: Teil 2

24. Oktober 2016

Sportart

Reisen im Oman ist aufgrund der vielen Abzweigungen und Seitenstraßen selbst für geübte Navigatoren eine Herausforderung. Wer der Elektronik vertraut, wird sich zwar einige Irrfahrten sparen, dafür entgehen ihm aber vielleicht die interessantesten Entdeckungen. Diese zufälligen Abstecher nehmen wir auf unserer Suche nach felsigem Neuland gern in Kauf. Immer wieder landen wir in Wadis und Seitentälern, die nicht eingeplant waren und werden fast jedes Mal mit etwas Besonderem überrascht. So entdecken wir fast beiläufig eine schöne Felswand hinter dem kleinen Dorf Al Hajir am Rande des Wadi An Nakhur, die sich ganz offensichtlich zum Klettern anbietet. Und da wir schon einmal hier sind…

Neuland?

Kletter-Roadtrip Oman, Foto: d-on-r.de

Foto: Georg Pollinger

Nimmt man die riesigen Wände der benachbarten Wadis als Maßstab, dann ist unser Felsriegel zwar vergleichsweise klein – dafür zieren ihn allerdings einige offensichtliche Linien mit super Strukturen für mobile Sicherungen: Risse, Verschneidungen und mehrere höhlenartige Löcher lassen uns erahnen, was für Potential unser kleiner „Fruchtzwerg“ hat. Kurze Zeit später stehen wir in voller Montur unter der Wand, die Materialschlaufen der Klettergurte hängen durch das Gewicht der vielen Friends, Cams und Totem Basics fast bis zu den Knien. Bei jedem Schritt rasselt das Eisen wie die Sporen von Cowboys aus dem wilden Westen. Das fühlt sich gut an! Ob hier vor uns schon jemand geklettert ist? Zumindest gibt es keine Spuren davon. Jede Seilschaft sucht sich eine Linie und „auf die Plätze, fertig, los!“

Für uns geht’s einem kurzen Fingerriss folgend auf ein kleines Podest unter einer schrägen Höhle und über den kleinen Überhang in direkter Richtung zur Oberkante des Felsriegel. Außen herum kurz herunter gelaufen und ab in die nächste Tour – es gibt hier so viele Möglichkeiten! Den gleichen Einstieg, aber jetzt vom Podest in die kleine Höhle hinein und durch ein kleines Schlupfloch hinten wieder heraus. Die beiden Toni’s haben weiter rechts genauso viel Spaß, die Gesichter sind mit einem breiten Grinsen gezeichnet und wir treffen uns immer wieder am Gipfel. Funky Time!

Als Georg den etwas schwereren Riss im steilen, glatten Wandteil in Angriff nimmt, hat sich bereits die halbe Dorfgemeinschaft unter der Wand versammelt. Besser gesagt die Männergemeinschaft. Man(n) beobachtet und diskutiert wild gestikulierend, klopft den Jungs anerkennend auf die Schulter. Mit einem Halbseil in der Hand bewundern sie scheinbar auch den Mut der fremden Burschen, an so einem dünnen Strick ihr Leben in der Senkrechten zu riskieren. Dass hier auch eine Frau am Werk ist, wird hingegen geflissentlich ignoriert, aber da stehe ich mittlerweile drüber. Vor allem seitdem ich im Reiseführer gelesen habe, dass an omanischen Universitäten eine Männer- Quote eingeführt werden musste, damit es Männer mit ihren schlechteren Noten überhaupt auf die Hochschule schaffen. „Mann“ möge mir mein Lächeln der Genugtuung verzeihen.

Wadi Ghul

Kletter-Roadtrip Oman, Foto: d-on-r.de

Foto: Georg Pollinger

Wesentlich höher sind die zerklüfteten Felswände im Wadi Ghul, dafür sind leider auch die Zustiege umso weiter. Es ist wie die Durchquerung einer schier endlosen Steinwüste, die wir besser in aller Herrgottsfrühe hätten antreten sollen. Jetzt wissen wir es besser. Schweißgebadet erreichen wir den Einstieg der Linie „Samba di Jedi“. Die Anstrengung der letzten Stunden ist schnell vergessen, denn links und rechts ist kilometerweit felsiges Neuland. In Anbetracht dessen verwerfen wir unsere ursprünglichen Pläne. Wir können dem Reiz nicht widerstehen, unseren eigenen, neuen Weg durch die Wand zu suchen. Hier ist ohnehin alles clean. Der kleine aber feine Unterschied ist „nur“ das Wissen um die zu erwartenden Schwierigkeiten. Den kurzen Vorbau überwinden wir noch auf den Spuren der Franzosen, biegen am Felsband aber nach links ab. Bereits nach dem ersten Überhang rasselt es faustgroße Steine, Georg ist in seinem Element. „Im Vergleich zu den Karwendelausstiegen ist das hier bombenfest“! Damit werden all meine Zweifel im Keime erstickt. Ich quere hingegen lieber in kompakteres Gelände weiter links, nur dass der Fels hier zu kompakt ist.

Das heißt, ich bringe mit Mühe und Not auf 30 Metern einen Schlaghaken und einen Totem Cam unter, den Stand bildet eine fingerdicke Sanduhr und zwei zweifelhafte Cams. „Willst du uns umbringen?!“ An der Kreativität der Sicherungen können wir im Folgenden auf weiteren 400 Metern Fels zur Genüge feilen, obwohl die Wand deutlich abflacht. Am Gipfel schlagen wir auf eine gelungene Abenteuerlinie und einen lehrreichen Klettertag ein, der noch nicht ganz vorbei ist. Vor uns liegt ein langer Abstieg, den wir nicht kennen und langsam neigt sich der Tag dem Ende. Kurz bevor es dunkel wird, erreichen wir die Straße, aber leider an ganz anderer Stelle, als unser Auto steht. Mit langen Mienen treten wir also den 5 km langen Straßenmarsch an, als ein aufmerksamer Omani anhält: „Need a ride?“ Eigentlich ist er in die umgekehrte Richtung unterwegs gewesen, aber für uns macht er gern einen Umweg. Das ist wahre Hilfsbereitschaft, auf die wir später anstoßen und benennen die Route dementsprechend „Stamperlzeit“.

Wadi Dayqah

Kletter-Roadtrip Oman, Foto: d-on-r.de

Foto: Georg Pollinger

Zugegeben, nach diesen Mehrseillängenabenteuern steht uns der Sinn nach etwas nervenschonendem Klettern. Weiter im Südosten gibt es einen schönen Canyon mit kurzen Sportklettereien, mit und ohne Bohrhaken. Das lange Wadi Dayqah hat viele Biegungen, sodass es Wände aller Expositionen gibt und man zu jeder Tageszeit einen schattigen Kletter-Spot findet. Soweit der Plan. Auf einer neuen, dreispurigen Autobahn fahren wir bis kurz vor Qurayyat, dann auf immer kleiner werdenden Teerstraßen landeinwärts, zuletzt auf einer Schotterpiste ins Flussbett.

Inzwischen sind wir ja Allradprofis, der immer gröbere Weg juckt uns wenig, die Flussdurchquerung nehmen wir ohne mit der Wimper zu zucken. Als wir allerdings durch knöcheltiefen Schlamm fahren, der uns auf schrägen Passagen verdächtig seitwärts driften lässt, wird es uns dennoch unheimlich. Einstimmig entscheiden wir uns gegen eine weitere Flussdurchquerung und drehen um. Die eingerichteten Routen sind bei diesen Bedingungen unerreichbar. Stattdessen finden wir Neuland im unteren Bereich des Wadi, wo wir uns so richtig austoben können. Die wunderschönen Rissverschneidungen an Cams und Keilen sind eine super Nachmittagsbeschäftigung.

Ab ins „Sinkhole“

Kletter-Roadtrip Oman, Foto: d-on-r.de

Foto: Georg Pollinger

Nach dieser Schlammschlacht sehnen wir uns nach einem schönen Bad – wie gut, dass die Küste mit ihren wunderschön weißen Stränden und dem türkisblauen Wasser nicht fern ist. Ein weiteres Bade-Highlight befindet sich etwas südlich von Qurayyat. Das Bammah Sinkhole ist ein circa fünfzig Meter tiefer, natürlicher Kalksteinkrater, der unterirdisch mit dem Meer verbunden ist.

Auch was die Farbe betrifft, steht er dem Meer in nichts nach. Zwar passt die betonierte Parkanlage außen herum in unseren Augen nicht wirklich zu diesem kleinen Naturwunder, aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Wir genießen trotzdem das Wasser und die natürlichen Podeste zum Schwimmen und Springen. Und natürlich zum „Deep Water Soloing für Arme“ (barfuß), wofür sich der Fels rundherum geradezu anbietet.

Suche nach den Pyramiden

Ein weiteres Loch im Boden zieht uns magisch an. Zu dieser Zeit ist die Höhlenkammer „Majlis al Jinn“ noch nicht weltberühmt, beinhaltet keine Bohrhaken von Glowacz und Sharma, aber wir wissen um ihre Bedeutung als eine der größten Höhlen der Erde und wollen zumindest einen Blick oder eine Abseilfahrt ins Dunkle Loch riskieren. Es ist für uns unvorstellbar, dass unter dem Salmah Plateau gleich mehrere Hohlräume sein sollen, in die ganze Pyramiden hinein passen!

Das müssen wir uns unbedingt ansehen, auch wenn wir dafür einen halben Tag steile Gebirgsstraßen entlang fahren müssen. Leider erfahren wir erst vor Ort, dass die Höhle vor Kurzem „geschlossen“ und die Bohrhaken am Rand der Höhle entfernt wurden, sodass niemand hinein seilen, klettern oder springen darf. Und so starren wir nur vom Rand in ein tiefes, schwarzes Loch und müssen uns die schiere Größe vor unserem geistigen Auge vorstellen. Trotz alle dem ist die Szenerie irgendwie unheimlich, da klettern wir doch lieber im Tageslicht mit Rundumblick auf Palmenhaine und blicken in die weite Steinwüste. An jungfräulichen Felsen hat der Oman für uns immerhin noch so einiges zu bieten!

Kletterführer:
„Climbing in Oman“ von Jakob Oberhauser, Panico Verlag, 2014

Material
Tendon Master 7.8mm (Halbseile) und Tendon Hattrick 10.2mm (Einfachseil)
Onyx und Garnet, Helm Penta, Karabiner, Expressen
Totem Cams und Basic Totem Cams
Kletterschuhe Tenaya RA und Triop Tiger
Optimus Polaris Kocher (Benzin und Gas) mit Optimus Terra Lite HE Cook Set Töpfen
LEKI Micro Vario Carbon
ENO Doublenest Reisehängematte

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