Klettern im Oman

Ramadan für Bolts: Road-Trip durch das Sultanat Oman: Teil 3

8. November 2016

Sportart

Was den Oman als Reiseland besonders macht, sind die krassen Gegensätze. Stundenlang fahren wir durch lebensfeindliches Gelände, staubtrockene Steinwüste soweit das Auge reicht und plötzlich stehen wir in einem wasserführenden Tal mit Palmenhainen und fruchtbarem Boden. Nach so viel karger Steinwüste strahlen uns die Farben förmlich entgegen, über den Luxus von türkisblauen Badegumpen können wir immer wieder nur staunen. Natürlich sind wir vor Allem aufgrund der zahlreichen unbestiegenen Felsen hier und leben dieses Abenteuer, neue Linien zu erkunden, in vollen Zügen aus. Am schönsten ist es dort, wo beides ganz nah beieinander liegt – tolle Felsen sowie wunderschöne Badegumpen. So wie im Wadi Bani Khalid…

Lieblings – Wadi

Klettern im Oman

Foto: Georg Pollinger

Je weiter wir in das Wadi hinein fahren und laufen, umso heller werden die Felsen und desto stärker der Kontrast zum türkisblauen Wasser. Über Jahrtausende hat sich das Wasser hier seinen Weg in den Kalk gefressen und so wunderschöne, tiefe Becken ausgespült, die zum Baden regelrecht einladen. Spätestens bei den kugelrunden Gumpen, die mit Eisenketten zum Wiederaufstieg im hinteren Teil der Schlucht versehen sind, können wir nicht mehr widerstehen. Eine fast kindliche Freude kommt beim Sprung ins warme Nass auf, wie früher am Badesee.

Und auch die Omani, jung wie alt, zelebrieren dieses Wunder der Natur. Nach einer gewissen Grundreinigung wagen wir also eine Erkundungstour in eines der Seitentäler und entdecken eine schön zergliederte Wand mit guten Chancen auf festen Fels. Den unteren, überhängenden Teil mit zweifelhaftem Gestein umgehen wir noch, indem wir auf einem breiten Felsband auf halber Höhe elegant einqueren. Aber jetzt heißt es erst einmal testen, was der Fels überhaupt hergibt…Klettern vom Feinsten! Wie überall im Oman sind die Strukturen so scharf, dass die Fingerkuppen brennen… und logische Linien an Rissen und Verschneidungen gibt es zuhauf. Durch zwei davon arbeiten wir uns klemmend und quetschend, bald über raue Strukturen turnend hinauf, die grün leuchtenden Palmen von Badah zu unseren Füßen. „Ein absoluter Glücksgriff, dieses Tal!“ Nach vielen Tagen Staub, Hitze und Schweiß erleben wir die Zeit im Wadi Bani Khalid wie einen echten Luxusurlaub. Wir „hinterlassen“ die beiden Routen ‚Anorexie‘ und ‚der verrückte Kaminkehrer‘, wo sich Wiederholer an bestem Fels und schönstem Abenteuerklettern erfreuen können. Wir sind gespannt auf Feedback, war vielleicht schon jemand drin?

Steintore und Steinmänner

Klettern im Oman

Foto: Georg Pollinger

Eigentlich ist jedes Wadi im Oman von mehr oder weniger hohen Felswänden gesäumt, die sich fast alle für Klettertouren eignen. Der Muschelkalk ist überall anders, mal etwas brüchiger, mal kompakter, aber fast immer gibt es die unglaublichsten Strukturen und Formen. Im Eingangsbereich des Wadi Tanuf zum Beispiel steht stolz erhaben, hoch über dem Tal, ein riesiges Felsentor, wie im amerikanischen Arches – Nationalpark. Nur der Zustieg hier ist um einiges mühsamer, aufgrund der Temperaturen, vor Allem aber, weil es durch weglosen, steilen Schotter hinauf geht. Etwas tiefer im Tal fällt uns daraufhin ein kleiner Felsturm ins Auge, den wir uns aus der Nähe anschauen wollen. Der Zustieg ist nicht ganz so weit. Drei kurze Seillängen höher stehen wir dann auch schon unter dem fragilen Turm – „der wird ja nicht gerade jetzt zusammen brechen, oder?!“ Auf dem Gipfel ist zumindest nur Platz für einen von uns, sodass wir ihn nacheinander besteigen und dadurch nicht allzu sehr belasten. Nach weiteren zwei Seillängen stehen wir am oberen Rand des Felsriegels, den langen Abstieg vor unseren Augen. Zugegeben, diese Klettertour war etwas „wander-lastig“. Aber längst haben wir eine weitere logische Linie im Visier, denn gegenüber haben wir eine scharfe Kante erblickt…

Tanz auf der Rasierklinge

Foto: Georg Pollinger

Foto: Georg Pollinger

Mit ‚dancing on razorblades‘ haben wir uns ein wahrlich „scharfes Abenteuer am Fels“ auf die Fahne geschrieben. Wenn eine Tour diesem Namen gerecht werden könnte, dann diese messerscharfe Felskante vor unserer Nase. Ob es wohl Unglück bringt, wenn man schon beim Einstieg einer Tour den Namen vergibt, ohne zu wissen, ob man es auf den Gipfel schafft? Vom Wandfuß aus betrachtet ist die Kante jedenfalls nicht ganz so scharf wie eine Rasierklinge, aber trotzdem wird die Tour vom ersten Kletter-Meter an ihrem Namen mehr als gerecht. Klettern im Oman ist ohnehin wie ein learning-by-doing Seminar mit dem Titel „kreative Sicherungen legen“. Trotz unserer bisherigen Erfahrungen bleibt hier die Absicherung spannend. Im kompakten Fels bringen wir kaum Sicherungen unter – selten versinkt ein Friend oder ein Totem Basic Cam in einem Riss, meist ist höchstens mit Schlaghaken etwas auszurichten.

Vom üblichen, groben Schotter auf den Felsbändern ganz abgesehen, hängen immer wieder Fels-Schuppen wie Damokles-Schwerter in der Wand, bereit ein Seil zu kappen oder Schlimmeres. Wir arbeiten uns daher sehr bedacht und langsam hinauf, stets auf die nächsten paar Kletter-Meter konzentriert. Der Handbohrer und ein paar Not-Bohrhaken sind zwar am Gurt, aber wir wollen soweit wie möglich mit unseren mobilen Sicherungen auskommen. Die Tour wird zu einem Test für unsere Nerven und das gegenseitige Vertrauen in das Können des Anderen. Der scharfe Fels mit seinen schönen Strukturen hat uns voll in seinen Bann gezogen, sodass wir fast nicht bemerken wie die Stunden vergehen. Am späten Nachmittag hängen wir immer noch im oberen Teil der Headwall. An Abseilen ist schon lange nicht mehr zu denken, es gibt nur die Flucht nach oben. Doch immer wieder kommt eine vermeintlich letzte Seillänge, die nur wieder auf ein weiteres Felsband führt. Hat denn diese Wand gar kein Ende?

Hotel der tausend Sterne

Klettern im Oman

Foto: Georg Pollinger

Erst bei Sonnenuntergang schwingt sich Georg endlich über die letzte Felskante auf das flache Gipfelplateau und wir können auf dieses wahnsinnige Abenteuer einschlagen. Obwohl, vorbei ist es noch nicht, denn das etwa 500 Meter hohe Felsband erstreckt sich kilometerweit nach links und rechts. „Jetzt müssten wir nur noch irgendwie herunter kommen“… Flotten Schrittes geht es somit im sicheren Abstand zum Abgrund den Felsrand entlang, doch bald ist klar: wir müssen biwakieren. Es gibt keine Chance im Dunkeln einen sicheren Abstiegsweg zu finden. Kein Problem, wir sind ja vorbereitet, wir haben ein Feuerzeug und zwei Rettungsdecken dabei!

An einem großen Felsblock richten wir unser Biwak-Lager vor. Die gemütliche Seil-Unterlage ist vorbereitet und bald lodert ein kleines Feuer. Nur mit der einen Rettungsdecke will es nicht recht klappen – anstatt einer Folie reißt Georg nur silberne und goldene Fetzen aus der Verpackung… „Aus welchem Jahrhundert ist die denn gewesen?!“ Unter der verbleibenden Rettungsdecke trotzen wir also dem eisigen Wind und sagen einfach: „es war kuschelig“. Diese Nächte im Hotel der tausend Sterne sind doch ohnehin unbezahlbar, auch das Frieren gehört irgendwie mit dazu. Im Licht der aufgehenden Sonne sitzen wir so in einem Haufen Silberfolie, als wären wir gerade von einer Mondfahrt gekommen. „Der Adler ist gelandet“ kommentiert Georg, schließlich können wir darüber auch lachen. Bei Tageslicht gestaltet sich der Abstieg dann über den Bergrücken sehr viel einfacher, sodass wir es rechtzeitig zum „Frühstückskaffee“ zurück ins Tal schaffen.

Vier Wochen Urlaub sind verflogen wie im Wind, unsere Kletter-Ziele würden jedoch noch für lange Zeit reichen. Zum Beispiel haben wir am höchsten Fels des Oman noch keine Hand angelegt. Der 1000 Meter hohe Jabal Misht hat zahlreiche Bigwall-Linien zu bieten, die wir uns nur noch von unten anschauen können. Einerseits sind wir wehmütig, weil wir „schon“ wieder nach Hause müssen, andererseits aber auch erleichtert, weil diese riesige Felsmasse unglaublich erdrückend wirkt. Furchterregend, aber gleichzeitig anregend. Genau die richtige Mischung aus Angst und Anziehung, die einen Grund liefert, um bald wieder zu kommen!

Kletterführer:
„Climbing in Oman“ von Jakob Oberhauser, Panico Verlag, 2014

Verwendetes Material:
Tendon Master 7.8mm (Halbseile) und Tendon Hattrick 10.2mm (Einfachseil)
Onyx und Garnet, Helm Penta, Karabiner, Expressen
Totem Cams und Basic Totem Cams
Kletterschuhe Tenaya RA und Triop Tiger
Optimus Polaris Kocher (Benzin und Gas) mit Optimus Terra Lite HE Cook Set Töpfen
LEKI Micro Vario Carbon

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