Tipps fürs Eisklettern

Profi-Tipps zum Eis- und Mixedklettern: Tricks und Technik

25. November 2016

Sportart

Nachdem es im ersten Teil meines Beitrags um die technische Ausrüstung zum Eis- und Mixedklettern ging, widme ich mich nun ein paar allgemeinen Themen. Klar, dass es sich wieder nur um eine kleine Auswahl handeln kann (das Feld des Winterkletterns ist weit…) und es sich dabei um meine Erfahrungen und Einschätzungen handelt, die natürlich nicht jeder uneingeschränkt teilen wird. Aber ich hoffe, dass ihr dennoch von diesem Text profitiert und ein paar Anregungen mitnehmen könnt – und, dass die Vorfreunde auf den Winter weiter wächst!

Zustieg und die Challenge „Trocken bleiben“

Tipps fürs Eisklettern

Im Zustieg unter den Wänden des Ben Nevis. Foto: Fritz Miller

Warm werden aber nicht zu sehr schwitzen, ist die Devise. Bei langen, anstrengenden Zustiegen mit schwerem Rucksack wird man aber zwangsläufig verschwitzt ankommen. Die richtige Antwort darauf: ein frisches Shirt (z.B. Merinowolle oder eine Kunstfaser-Merino-Mischung), ein trockener Pulli, eine trockene Mütze, trockene Handschuhe! Oder, wenn man am Einstieg nichts zurücklassen kann, weil man ganz anders absteigt: Gas geben und auf die unbeliebte „Körpertrocknung“ vertrauen. Feuchte Socken trocknen allerdings schlecht im ebenfalls feuchten Stiefel… Stöcke sind fast immer hilfreich. Wird später alles durch die Wand getragen, sind leichte Faltstöcke perfekt, die selbst in kleine Rucksäcke passen (Empfehlung: Leki Micro Stick Carbon mit etwas größerem Teller).

Die Lücke zwischen Hose und Stiefel

Schnee im Stiefel ist nicht lustig, deshalb ein paar Worte zum Thema Gamaschen. Gehen wir davon aus, dass wir mit einer Hardshellhose unterwegs sind. Lange Gamaschen, die bis unters Knie reichen, würden die genannte Lücke natürlich schließen. Gleichzeitig wäre ein Teil der Hose geschützt. Aber: Zwei Lagen Hardshell über den Unterschenkeln sind doch etwas übertrieben und man würde mehr schwitzen. Hat man eine Hardshellhose ohne (funktionierende) Innengamasche und will ordentlich im Schnee wühlen, ist die beschriebene Variante dennoch zu empfehlen. Für gemäßigtere Einsätze reicht eine kürzere Gamasche, solange die Hose beim Klettern nicht aus der Gamasche rutschen kann. Es gibt aber eine noch bessere Lösung, sofern man eine Hose mit ausreichender Beinlänge und brauchbaren Innengamaschen besitzt.

Die Innengamaschen sollten recht lang, idealerweise etwas elastisch und mit einem kleinen Haken zum Einhängen am Stiefel ausgestattet sein (bei einigen Modellen ist der Haken falsch angebracht, so dass er sich von alleine aushängen wird). Nun also die Gamasche mittels besagtem Haken an der Schnürung des Stiefels einhängen (ist die Hose zu kurz, wird dies die Bewegungsfreiheit einschränken). Die Innengamasche allein reicht aber nicht aus. Sie wird mit einer zweiten Gamasche kombiniert, die über der Innengamasche angelegt wird und diese fixiert. Bei herkömmlichen Bergstiefeln verwendet man am besten eine Softshell-Kurzgamasche, bei modernen Bergstiefeln mit integrierter Gamasche natürlich die Gamasche des Stiefels (gemeint sind jene Bergstiefel, bei denen die Gamasche die ganze Schnürung bedeckt – es gibt auch andere Ausführungen, die andere Lösungen verlangen).

Stiefel richtig Schnüren

Beim Zustieg sollte man seine Stiefel nicht zu fest schnüren. Bevor es ans Klettern geht, wird die Schnürung dann nochmals angepasst. Bei technisch schwierigen Routen und bei kaltem, hartem Eis muss der Stiefel satt am Fuß sitzen, was durch ein festes Schnüren im Bereich des Spanns erreicht wird. Klar, dass die Durchblutung darunter leiden kann – es braucht etwas Erfahrung, um einen guten Kompromiss zu finden. Werden die Zehen nicht mehr warm, sollte man die Schnürung lockern (evtl. kann man an einem geschützten Platz auch kurz raus aus den Stiefeln und die Zehen massieren). Vor dem Einstieg in eine lange, alpine Route sollte man sicherstellen, dass sich die Schleife der Schnürsenkel nicht auflösen kann. Es kann durchaus unangenehm sein, wenn dies im heiklen Gelände und/oder bei schlechtem Wetter passiert (ich erinnere mich an eine Situation am Fitz Roy – von oben kam ein Schneerutsch nach dem anderen…). Zumal man dann ja erstmal den Riemen des Steigeisens und die Gamasche öffnen muss. Die Schleife also richtig festziehen und dann einen Knoten drauf (sofern der Stiefel kein alternatives Schnürsystem hat)!

Taktik und Sicherungstechnik

Tipps fürs Eisklettern

Querung mit wenigen Sicherungen. Zwillingsseiltechnik top, Halbseiltechnik flop. Foto: Fritz Miller

Einen langen Eisfall oder eine alpine Mixedroute klettert man sinnvollerweise nicht überschlagend, sondern teilt den Vorstieg in Blöcke ein, sofern beide Kletterpartner vorsteigen wollen. Bei einer 7-SL-Route könnte das dann so aussehen: Uschi führt die ersten vier Seillängen und Rolf-Dieter die verbleibenden drei. Gewechselt wird idealerweise im leichten Gelände oder an einem bequemen Stand vor/nach einer kurzen Länge. Viele Eiskletterer schwören auf die Halbseiltechnik, die natürlich in gewissen Situationen vorteilhaft ist. Realistisch betrachtet ist die korrekte Anwendung der Halbseiltechnik im Mehrseillängengelände aber so schwierig und aufwändig, dass sie uns schnell überfordert.

Deshalb meine Empfehlung für eine Zweierseilschaft: Zwillingsseile verwenden, oder dünne Halbseile, die dann standardmäßig wie Zwillingsseile eingesetzt werden. Oder, wenn es die Route erlaubt, mit Einfachseil klettern. Standplätze baut man besser nicht mit dem Kletterseil auf (man würde sich eine ganze Reihe von Nachteilen einhandeln), sondern mit einer Standplatzschlinge mit zuvor abgeknotetem Auge (doppelter Bulin). Mehr und mehr setzt sich hierfür Rundmaterial durch, also zur 120er-Schlinge vernähte 6-mm-Kevlar- oder Dyneemareepschnur. Das Handling ist verglichen mit Bandmaterial um Welten besser (und es gibt weitere Vorteile). Mir sind zwei Hersteller bekannt: Edelrid (Kevlar) und Skylotec (Dyneema). Nachgesichert wird mit der „Plate“, so hat man als Sicherer zwischendurch die Hände frei und kann sich z. B. ums eingeholte Seil kümmern.

Sichern am Eisgerät

Im ersten Teil dieses Beitrags wurde das Thema „Sichern am Eisgerät“ bereits angeschnitten und ich vermute, dass ein paar Erklärungen dazu nicht schaden können. Natürlich bevorzugen wir den Stand nach Lehrbuch – zwei Eisschrauben im guten Eis oder gerne auch zwei ordentliche Bohrhaken – allerdings interessiert das eine alpine Route recht wenig. Eis kann schlecht oder gar nicht erst vorhanden sein, Bohrhaken sind womöglich zugeschneit. Oder wir haben schlicht zu wenig Eisschrauben dabei, um am Standplatz mehrere zu verbauen. In solchen Fällen heißt es improvisieren, wobei die Eisgeräte ins Spiel kommen können.

Tipps fürs Eisklettern

Dünnes, schlechtes Eis, wenig verfügbare Schrauben. Die Eisgeräte dienen am Standplatz als zusätzliche Anker. Foto: Fritz Miller

Doch was halten Eisgeräte, wenn sie als Anker eingesetzt werden? Pit Schubert hat 1999/2000 neun verschiedene Steileisgeräte auf deren Auszugsfestigkeit im Eis getestet (siehe DAV Panorama 1/2000 u. 6/2000), also den Dorn belastet, bis das Gerät brach oder ausbrach. Bei den 102 Versuchen lagen die Werte zwischen 0,6 und 10,4 kN, bei einem Mittelwert von 3,84 kN. Allerdings wurden die Geräte mit nur einem Schlag gesetzt, was dazu geführt hat, dass ein paar Geräte bei sehr niedrigen Werten ausgebrochen sind. Bei weiteren Versuchen wurden die Geräte mit einem zweiten Gerät nachgeschlagen. Die Auszugswerte lagen dann im Bereich 7,7 bis 9,0 kN.

Wichtig ist also, dass die Hauen möglichst weit versenkt werden, was zumindest bei einem der beiden Eisgeräte durch nachschlagen erreicht werden kann. Eine Schaufel am Gerätekopf ist dabei hinderlich, ein Hammer von Vorteil. Außerdem muss die Belastung des eingeschlagenen Geräts in der vorgesehenen Richtung erfolgen (es darf nicht zur Seite oder nach oben belastet werden) und der Dorn ausreichend fest sein. Letzteres sollte selbstverständlich sein, ist es aber nicht. Beispielsweise darf der von Grivel bei manchen Modellen verbaute Kunststoff-Dorn nach meinen Informationen nur mit Körpergewicht belastet werden.

Bei den aktuellen Steileisgeräten von Edelrid (Riot, Rage) liegt die Festigkeit des Dorns hingegen bei 8 bis 10 kN (Herstellerinformation). Achtung, die hier angegebenen Werte dienen nur der groben Orientierung und dürfen nicht auf gewöhnliche Eispickel für den Hochtoureneinsatz übertragen werden! Praxistipps fürs Abenteuergelände: Eisgeräte können auch in gefrorene Erde, in vereisten Felsrissen oder neben verkeilten, eingefrorenen Felsblöcken eingeschlagen werden. Die Beurteilung solcher Anker ist natürlich schwierig, deshalb mehrere Fixpunkte zu einem soliden Zentralpunkt zusammenfassen!

Warm bleiben

Tipps fürs Eisklettern

E-Logic (M7+), Mont Blanc du Tacul. Hartes Drytooling, kein fixes Material. Das Legen der Cams funktioniert am besten ohne Handschuhe. Foto: Fritz Miller

Der Vorstieg einer langen, schwierigen Seillänge dauert schon mal etwas. Auch mit trockenen Klamotten kann es dem Sicherer kalt werden. Dagegen hilft ein „Belay-Jacket“ – in trockenen Nordwandrouten eine Daunenjacke, wenn im Eisfall viel Wasser nachläuft besser eine Primaloft-Jacke. Außerdem wohltuend: eine Thermosflasche mit heißem, gezuckertem Tee und einem Schuss Rum – wobei es dagegen wahrscheinlich irgendwelche Einwände gibt.

Das beste Rezept gegen Kälte ist aber Bewegung! Gegen kalte Finger und die heftigen Schmerzen beim Warmwerden helfen „Windmühlen“. Also die Arme engagiert kreisen lassen, bis sich die Finger warm und gut durchblutet anfühlen. Und das schon vor dem Einstieg in die erste Seillänge! In den einfachen, oft eingeschneiten Seillängen sollte man eher dicke Handschuhe tragen, in den Schlüsselseillängen eher dünne, in harten Routen ganz dünne. Oder auch mal gar keine, was aber schnell zu Hautverletzungen führt. Ich hänge meine Reservehandschuhe nicht an den Gurt, sondern trage sie am Körper, damit sie nicht gefrieren, wenn sie einmal etwas feucht sind. Wenn man in einer längeren Route mit Rucksack unterwegs ist, kann man speziell fürs Abseilen noch ein paar alte Handschuhe einstecken. Hochwertige Eiskletterhandschuhe, deren Obermaterial nicht zu dick sein darf, gehen beim Abseilen recht schnell kaputt.

Das beste Training: Drytooling

Das beste Training fürs Eisklettern – abgesehen vom Eisklettern – ist Drytooling. Leider gibt es wenige „richtige“ Drytoolingspots. In normalen Klettergärten sollte man dennoch nicht drytoolen, erst recht nicht in beliebten Sektoren! Sicher gibt es einen gewissen Ermessensspielraum, aber es muss klar sein, dass es sich um ein sehr sensibles Thema handelt! Vereinzelt gibt es in den Kletterhallen Trainingsmöglichkeiten. Die, die ich kenne, sind leider eher dürftig. Aber ok, vielleicht müsste man auch selbst aktiv werden anstatt zu maulen…

Wie auch immer, wer kreativ ist findet schon irgendwo ein paar Trainingsmöglichkeiten: Klimmzüge, Hänge- und Blockierübungen an den Eisgeräten (die Hauen können z.B. in alte Seilschlingen eingehängt werden, die irgendwo fixiert sind), Hangeln mit den Eisgeräten (Hauen ggf. komplett abpolstern, z. B. mit Schlauchstücken und Tape), … Egal wie das Training an den Eisgeräten aussieht, man sollte eher zurückhaltend beginnen. Fehlt es an der richtigen Selbsteinschätzung bezüglich der muskulären und koordinativen Möglichkeiten, sind Überlastungsschäden an Schulter oder Ellbogen vorprogrammiert!

Kurse und weiterführende Informationen

Gibt es noch Unsicherheiten bei der Sicherungstechnik, beim Seilhandling am Standplatz, beim Beurteilen der Bedingungen und alpinen Gefahren? Oder wären ein paar Korrekturen der Klettertechnik hilfreich? Niemandem bricht ein Zacken aus der Krone, wenn er einen Kurs besucht. Das Kursniveau muss natürlich passen, weshalb sich fortgeschrittene Eiskletterer am besten direkt an einen spezialisierten Bergführer wenden. Außerdem folgende Literaturempfehlung: Eisklettern, Will Gadd, Panico Alpinverlag.  Das Buch ist spitze, hier und da, beispielsweise beim Thema Sicherungstechnik, sollten aber gewisse – sagen wir mal kulturelle Unterschiede – beachtet werden…

Kommentare zu diesem Artikel
Andere Bergfreunde freuen sich auf deinen Kommentar