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Profi-Tipps zum Eis- und Mixedklettern – Die Ausrüstung

17. November 2016

Sportart

Besonders beliebt ist das herbstliche Schmuddelwetter nicht, aber es bietet uns Kletterern und Alpinisten eine große Chance: Wir können in Ruhe vom kommenden Winter träumen, von Herausforderungen und Abenteuern. Und – etwas weniger romantisch – es bietet uns die Möglichkeit, uns um die passende Ausrüstung dafür zu kümmern. Besonders für Eiskletterer gibt es hier einiges zu tun. Denn sobald die Bedingungen passen, will man ja schließlich bereit sein!

Deshalb widme ich mich zunächst dem Thema „Ausrüstung“, bzw. speziell der technischen Ausrüstung zum Eis- und Mixedklettern. Nehmt das Thema ernst: Beim Eis- und Mixedklettern sind wir mehr als bei anderen Bergsport-Disziplinen von unserer Ausrüstung abhängig. Mit gutem Material klappt’s nicht nur besser, man ist auch deutlich sicherer unterwegs! Im zweiten Teil wird es um ein paar allgemeine Themen gehen, die unter der Überschrift „Tipps, Tricks, Technik“ zusammengefasst sind. Dabei muss klar sein, dass Eisklettern eine recht komplexe Angelegenheit ist und ich in beiden Beiträgen nur auf ausgewählte Punkte eingehen kann, die mir besonders wichtig erscheinen. Und, dass es sich dabei um meine persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen handelt, die natürlich nicht jeder teilen wird.

Die Eisgeräte

Tipps für die Eiskletter-Ausrüstung

Schnee, Firn, Steileis, Reif oder Fels – die Ausrüstung muss immer funktionieren! Foto: Arne Bergau

Austauschbare Hauen, ein gekrümmtes Rohr sowie ein guter Griff mit Fingerschutz gehören bei Eisgeräten längst zum Standard. Beim Eisfallklettern und in anspruchsvollen Mixedrouten bringt ein Doppelgriff klare Vorteile. Allerdings passt nicht jeder Griff für jede Hand – hier muss man ausprobieren. Für klassische alpine Einsätze bevorzuge ich nach wie vor Eisgeräte ohne Doppelgriff und entferne ggf. auch die Fingerauflagen für eine zweite Griffposition am Schaft. Stattdessen wird das Rohr über dem Griff (für mehr Grip beim Umgreifen und Hämmern) und unter dem Eisgeräte-Kopf mit vulkanisierendem Griptape umwickelt. In alpinen Routen greift man das Eisgerät häufig direkt unterm Kopf – das Tape verhindert wirkungsvoll, dass hier zu viel Wärme abgeleitet wird.

Im Abenteuergelände sollte zudem ein funktionierender Hammer montiert sein, kein „Nothämmerchen“, um z. B. Haken zu schlagen oder Keile festzuklopfen. Eine Schaufel am Gerätekopf macht hingegen zwar im hochalpinen Gelände Sinn, fürs Wasserfallklettern und Mixedklettern entfernt man sie jedoch besser (Verletzungsgefahr). Außerdem sollte das Eisgerät dafür ausgelegt sein, am Standplatz in die Sicherungskette integriert zu werden (mehr zu dieser „Spezialanwendung“ im zweiten Teil). Dafür braucht es einen ausreichend dimensionierten Dorn oder zumindest ein Loch im Griff, an dem man sichern kann. Leider sind jedoch nicht alle Eisgeräte für diesen oft so wichtigen Einsatz ausgelegt, da die dazugehörige Norm (EN 13089, Stand 06/2015) diesbezüglich eine Lücke aufweist. Die nicht verpflichtende UIAA-Norm schreibt zudem gerade einmal magere 2 kN vor, aber auch nur, sofern der Dorn/das Loch im Griff zum „Selbstsichern vorgesehen“ sind. Man sollte sich also bereits vor dem Kauf gründlich informieren, wenn man später für alle Situationen gewappnet sein will! Zuletzt und nur der Vollständigkeit halber: Das Thema Eisgeräte-Hauen ist eine Wissenschaft für sich, wobei es durchaus sehr unterschiedliche Meinungen dazu gibt.

Die Steigeisen

Beim Klettern sind Steigeisen mit nur einem Frontalzacken fast immer anderen Typen überlegen. Denn ein einzelner Frontalzacken dringt besser und auch weiter ins Eis ein (die Sekundärzacken stabilisieren dann den Fuß), im Fels kann man präziser antreten. Bewegen wir uns überwiegend im Schnee, Firn, Reif, oder ganz allgemein in weichem „Material“, sind zwei Frontalzacken tendenziell besser. Je nach Art und Schwierigkeit der Unternehmung sind diese vertikal oder horizontal ausgerichtet. Gute Antistollplatten sollten bei alpinen Klettereien zudem selbstverständlich sein.

Für manche Modelle, z.B. den Petzl Dart (Vorderteile), kann man sich Letztere mit etwas Duct Tape/Panzertape auch selbst basteln – funktioniert erstaunlich gut, hält aber nicht ewig. Wenn es der Bergstiefel erlaubt, sollte man weiterhin zur Automatik-Bindung greifen (vorne Bügel, hinten Kipphebel). Bei anderen Bindungen sitzt das Eisen meist nicht so satt am Stiefel. Für schwierige Eisfälle feilt man seine Zacken am besten scharf, zumindest die Frontal- und Sekundärzacken. Für alpine Mixedklettereien sollten sie hingegen nicht so scharf sein, nicht zuletzt wegen der hohen Verletzungsgefahr.

Weitere Tuningtipps:

  • Blechstreifen am Bügel der Bindung entfernen (braucht man nicht, manche Hersteller lassen ihn auch weg)
  • Riemen und Steg kürzen (an eine mögliche Verwendung mit Skistiefeln denken)
  • Alu-Heel montieren. Dabei daran denken, dass sich Gewicht am Fuß viel stärker auswirkt als Gewicht am Rücken!

Die Eisschrauben

Tipps für die Eiskletter-Ausrüstung

Kurze Eisschrauben sind ideal bei dünnen Eisglasuren.

Die Standardlängen betragen 16-17 cm sowie 12-14 cm. Ein oder zwei 19er-Schrauben pro Seilschaft empfehlen sich außerdem fürs Bohren der Abalakov-Eissanduhren. Schrauben mit über 20 cm Länge können zwar das Bohren solcher Eissanduhren erleichtern, man braucht sie aber in aller Regel nicht. Ganz kurze Schrauben (10 cm oder weniger) können hingegen bei schwierigen Unternehmungen vorteilhaft sein. Meine Empfehlungen: Black Diamond Express Ice Screw (bestens bewährt, solide, fairer Preis).

Und, wenn auch teurer und nicht ganz so haltbar: Petzl Laser Speed Light. Rohr und Lasche sind hier aus Aluminium, die Zähne aus Stahl. So wird ordentlich Gewicht gespart. Aber Achtung: Das Alurohr sollte nicht zu oft mit Fels in Berührung kommen – was sich im kombinierten Gelände allerdings nur schwer vermeiden lässt. Beide hier erwähnten Modelle sind sehr bissig, lassen sich gut schärfen, haben eine ausklappbare Kurbel und tragen im Ice-Clipper hängend wenig auf. Am besten markiert man seine Eisschrauben, damit sie der Kumpel nicht einsackt. Das geht gut mit Nagellack. Eine schöne Farbe ist zum Beispiel Gold-Glitzer, die Trends der Saison erfährt man im örtlichen Nagelstudio.

Das Rückzugsmaterial/Rettungs-Kit

Ein paar Reepschnüre (Prusikschlingen und Material zum Fädeln der Abalakov-Eissanduhren), ein kleines Messer, Tibloc, Eissanduhr-Fädler. Mein Fädler ist selbstgebaut, aus einer Fahrradspeiche. Ohne muss zwar auch gehen, aber wenn sich die Sanduhr sofort mit Wasser füllt oder das Seil direkt gefädelt werden soll, wird es meist schwierig.

Der Kletterhelm

Bitte kritisch prüfen: Sitzt der Helm auch mit Mütze satt am Kopf? Oder würde er bei einem seitlichen Anprall des Kopfes einfach weggeschoben werden? Viele Helme sitzen zu flach auf dem Kopf und können ihre Funktion als Sturzhelm damit kaum erfüllen.

Der Gurt und die Ice-Clipper

Tipps für die Eiskletter-Ausrüstung

Der schnelle Zugriff aufs Material sollte immer gewährleistet sein. Foto: M. Birkmann

Logischerweise muss der Gurt auch mit warmen Klamotten passen. Das beinhaltet natürlich auch, dass die Materialschlaufen noch gut erreichbar sind und nicht zu weit hinten sitzen! Ein wichtiger Punkt ist die Positionierung der Ice-Clipper, der Kunststoff-Materialkarabiner für den Transport der Eisschrauben und Eisgeräte am Gurt (ich nenne sie Ice-Clipper, jeder Hersteller hat aber einen eigenen Namen dafür). Hierfür sollten am Gurt Durchführungen vorhanden sein, welche die Ice-Clipper gut fixieren (eine zusätzliche oder anderweitige Fixierung ist möglich, aber selten zufriedenstellend).

Zwei Ice-Clipper – einer links und einer rechts – sollten genügen. Sie sitzen außen auf der Hüfte, ungefähr dort, wo bei einer Hose die Naht verläuft. Weiter hinten sind sie nicht mehr einsehbar (häufige Ursache für Eisschraubenverluste) und eine Positionierung weiter vorne führt dazu, dass die Zähne der Eisschrauben beim Klettern in den Oberschenkel stechen! Mein bevorzugter Eisklettergurt ist der Edelrid Atmosphere, nicht zuletzt, weil bei diesem Modell die Ice-Clipper perfekt sitzen.

Die Spinner-Leash

Handschlaufen sind schon lange nicht mehr angesagt. Stattdessen werden bei alpinen Routen gerne Spinner-Leashes (elastische Fangschnüre) verwendet, um einen Verlust der Eisgeräte zu verhindern. Eine häufig gestellte und durchaus sinnvolle Frage lautet hier: Können die Spinner-Leashes auch einen Sturz halten? Ich denke, sie könnten einen kleinen „Rutscher“ schon halten. Allerdings hat ein recht kräftiger Bekannter von mir bei einem Sturz beide Äste seiner BD-Spinner-Leash zerrissen (Bruch des Bands im Karabiner). Wichtig: Wer sich zum Rasten in seine Leash setzen möchte, sollte ein Gerät deutlich über dem anderen einschlagen, um später den Griff des unteren Geräts erreichen zu können!

Die Seile

Tipps für die Eiskletter-Ausrüstung

Gute Seile, gute Laune! Foto: Fritz Miller

Für Eis- und Mixedklettergärten sind Einfachseile mit einer Länge zwischen 50 und 80 Metern ideal – je nach Gebiet. Für einfache Eisfälle mit Fußabstieg und einfache, kürzere Nordwandrouten bieten sich ebenfalls Einfachseile an, am besten mit 60 oder 70 Metern Länge und gerne etwas dünner (z.B. 8.9 oder 9,2 mm Durchmesser). Für anspruchsvolleres Gelände kommen meist Halb- oder Zwillingsseile mit 60 Metern Länge zum Einsatz. Meine Empfehlung: 60er Zwillingsseile (oder dünne Halbseile) und diese nur fürs Eisklettern verwenden. Im Felseinsatz geht die Imprägnierung recht schnell kaputt, und eine funktionierende Imprägnierung ist im Eis mehr als angenehm.

Die Notfallaurüstung

Handy, Stirnlampe und ein kleines Erste-Hilfe-Set (ideal: wasserdichte Tasche mit Wickelverschluss) sind mindestens mitzuführen. Ich habe öfters gehört, man könne mit einer Rolle Tape zur Not „alles machen“. Aber immer, wenn ich bei widrigen Bedingungen versucht habe etwas zu „kleben“, hat das Tape nicht gehalten. Oder man konnte es in der Kälte kaum mehr abrollen. Ein stabiler 2-Personen-Biwaksack kann im Notfall natürlich ebenfalls sehr hilfreich sein, ist aber auch schwer. Mit einer Rettungsdecke im EH-Kit und einer Isolationsjacke im Rucksack kann man bei der einen oder anderen Tour darüber nachdenken, ihn zu Hause zu lassen.

LVS-Gerät, Schaufel und Sonde sollte man im Zweifelsfall natürlich mitnehmen bzw. erst mal ins Auto werfen und dann spontan entscheiden, wer was mitnimmt. Sind wir in einer Gruppe (mind. 4 Personen) unterwegs und gehen von langen Zustiegen mit nur kleinräumigen Gefahrenstellen aus, bietet sich evtl. auch folgender Kompromiss an: LVS-Gerät hat jeder, jeder zweite packt eine Schaufel ein, die andere Hälfte eine Sonde. Heikle Bereiche werden dann einzeln oder mit großen Abständen begangen.

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