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Nervenkitzel pur! Kennst Du diesen Moment, wenn Du die Möglichkeit hast einem Top Athleten über die Schulter zu schauen und Dir allein beim Anblick der waghalsigen Aktionen ganz anders wird? Du allein, durchs Mitfiebern schweißnasse Hände bekommst?

In der Kategorie Bergfreunde Pro-Team erhältst Du einen Einblick, wie sich das Leben als professioneller Bergsportler so anfühlt. Erfahr mehr über die ereignisreichen Touren und echt krasse Projekte unserer Spitzenbergsportler, mit garantiert großartigen Bildern.

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Kein „Voll normaaal“ Weg – DAV NRW Alpinkader gelingt Bigwall-Erstbegehung im Urner Granit

30. Oktober 2018
Bergfreunde Pro-Team

Mit dem NRW Alpinkader unterwegs zu sein, ist eine coole Sache. Nicht nur, weil ich der Trainer bin und deshalb immer Recht habe. Es ist eigentlich immer lustig, so wie im Sommer 2017 im Schweizer Voralptal: Sebastian kämpft seit Stunden mit der zweiten Seillänge der Techno-Route „The Shield“ (A3, 6c, 7 SL) und Moritz, der ihn sichert, ist gleichermaßen engagiert mit den Mücken.

Genau genommen befinden wir uns in einem kleinen Seitental des Voralptals. Gelegen, man könnte auch sagen versteckt, unterhalb des recht unspektakulären Mittleren Höhenbergs, überragt vom großen Kletterberg Salbitschijen. Aber: Dieses Tal hat es wirklich in sich. Neben vielen Stechmücken gibt es hier sehr sympathische Pflanzen, die einem mitunter zweitgradige Verbrennungen zufügen; und dann gibt es natürlich auch noch diesen perfekten Granitpfeiler, an dem gerade zwei Seilschaften unseres Teams klettern.

Der Rest der Mannschaft ist derweil weiter oben zugange, an einer etwas größeren Wand. Man erreicht diese von der Voralpkurve des Göschenertals in nur eineinhalb Stunden, doch die sind mühevoll. Vielleicht liegt es daran, oder auch an der Vegetation in der Wand, dass sie bisher wenig beachtet wurde. In einem grasigen Riss, nicht weit vom Boden entfernt, finden wir einen alten Fixkeil mit eingeknoteter Reepschnur, was auf einen früheren Versuch hindeutet. Sonst gibt es hier keinerlei menschliche Spuren.

Dave, der Held

Es ist der Sommer 2017. Martin, Charly und ich nehmen uns den unteren Teil der Wand zur Brust. Dieser Bereich ist leicht geneigt, während die Wand oben ordentlich überhängt. Nach einer tollen Platte wird das Gelände für zwei Seillängen – sagen wir mal – ungut.

Nicht nur etwas viel Grünzeug hängt hier in der Wand, sondern auch ein paar lose Schuppen und Blöcke. Als Erstbegeher muss man viele Entscheidungen treffen, unter anderem, was man mit dem losen Zeug tut. Ich persönlich will nicht, dass irgendwann irgendjemand davon zermatscht wird. Also schicken wir es entweder ins Tal, oder wir geben unser Projekt auf, bevor wir richtig losgelegt haben. Aber dafür sieht der obere Teil der Wand zu cool aus.

Dave steht unter uns und gibt per Funk grünes Licht, dass ihn nichts treffen kann. Es ist immer wieder unangenehm die Regel zu brechen, dass man keinen Steinschlag auslösen sollte. Aber abgesehen von Dave kann es in diesem Fall wirklich niemanden treffen…

Teil zwei – jetzt wird’s ernst…

Im Sommer 2018 führt die Reise erneut ins Göschenertal, zum Zeltplatz Mattli, unserem sehr geschätzten Basecamp und Ausgangspunkt, um in wechselnder Besetzung an unserem Projekt weiterzuarbeiten. Klar, klettern spielt dabei auch eine entscheidende Rolle, aber mit dem Anspruch eine gute Route zu hinterlassen trifft es der Begriff „arbeiten“ besser.

Konkret heißt das: einen Zustiegspfad anlegen, Material zur und in die Wand bringen, Fixseile verlegen, die beste Linie austüfteln, Fixpunkte anbringen, Risse ausputzen und so weiter. Es ist cool zu sehen wie alle Gas geben. Ich erlebe sogar den denkwürdigen Moment als Merlin eine Bürste ergreift und zum ersten Mal in seinem Leben putzt…

Blöderweise herrscht nur mal wieder instabiles Sommerwetter. Es ist zwar warm, aber das Wetter ist auch immer wieder für einen Regenschauer oder ein Gewitter gut. Gleichzeitig müssen wir länger am Stück in der Wand bleiben, denn sonst geht’s nicht richtig voran. Am großen Band nach der dritten Seillänge richten wir uns ein komfortables Lager ein, mit Portaledge samt Fly und einer zusätzlichen Plane, unter der wir uns zurückziehen können. Alles ist angerichtet. Jetzt wird’s ernst.

Techno-Spielchen und Fettnäpfchen

Die Seillängen vier und fünf haben es in sich sich. Zuerst diese Rissverschneidung, in der sich über 35 m kaum ein solider Fixpunkt anbringen lässt, dann eine kürzere Länge, die allerdings knifflig und anstrengend ist. An dieser Stelle hinterlassen wir einen der wenig gebohrten Zwischenhaken (den ersten nach der Einstiegsplatte) und einen fixierten Beak. So ist diese Länge nur circa A3+ und nicht A4 (oder mehr), aber ich denke dennoch, dass sich die wenigsten Wiederholer hier langweilen werden.

Bei den Gefahren, die eine Bigwall-Erstbegehung mit sich bringt, denken die wenigsten an Fettnäpfchen. Michaela fand meinen Witz an diesem Morgen, sie sei nur zum Kaffeekochen mit in der Wand, nicht so lustig (wirklich sehr unpassend, aber kann ja mal passieren…). Tatsächlich begleitet sie uns ein paar Tage, sagen wir mal im Rahmen eines Bigwall-Praktikums.

Jetzt ist sie noch ein bisschen wütend – ein idealer Zustand, um sie auf den nächsten zugewachsenen Riss loszulassen. Dieser führt sie direkt zum großen Dach, dem markantesten Detail der Wand. Nach gut 10 Metern Gartenarbeit bricht ihr ein Fixpunkt aus und sie fällt ins Leere. Ich werfe ihr ein Seil zu und ziehe sie zurück zum Stand.

Moritz übernimmt und meistert den Rest dieser spektakulären Seillänge – wir nennen sie „Great-Roof-Pitch“ – gewohnt souverän. Wir installieren ein Fixseil und seilen ab. Dabei stellt sich die Frage, ob man ohne Fixseil überhaupt runter kommt, denn selbst mit zwei sehr langen Seilen erreicht man die Wand unterhalb des Dachs wohl nicht mehr.

Und dann auch noch der Chockstone Crack

Sascha und Charly haben sich in Stellung gebracht. Ihr Portaledge hängt regensicher am Standplatz unterm „Great Roof“. Aber auch sie werden in der Folge nichts geschenkt bekommen. Die Wand bleibt steil und wild. Die achte Seillänge folgt einem immer breiter werdenden Riss. Als der 6er-Cam zu klein wird, sollen zwei eingeklemmte Felsbrocken zur Fortbewegung herhalten, doch die drohen aus der Wand zu fallen. Also nochmal bohren.

Es folgt ein Pendelquergang im überhängenden Gelände, eine unheimliche „A3-Schuppe“ und ein langer Runout. Nach 60 Metern ein perfekter Standplatz. Danach folgt noch eine Seillänge und ein letzter Cliff-Zug unter der großen Felsnase, die man schon vom Tal aus sehen konnte. Die letzten Meter sind ein Hakenriss. Alles löst sich perfekt auf. Welch ein Lohn für Einsatz, Schinderei, und – bei mir natürlich nicht, nur bei den Jungs – für den ein oder anderen Tropfen Angstschweiß! Yeah, so läuft das im Mosquito Circus!

Weitere Infos zur Erstbegehung und Einrichtung des Mosquito Circus (A3+, 6c, 285m).

Routenbeschreibung

  1. SL: 45 m 6c A2 bzw. 7a+ (linke Variante) oder 6c A2+ (rechte Variante). Erst Freikletterei in großer Platte, dann entweder nach links zur Schuppe (einfacher) oder rechtshaltend mit 2 x Bathook zum feinen Riss (besser).
  1. SL: 20 m A1 und 4. Dreckrampe und Podeste.
  1. SL: 40 m A1 und 4+. Linkshaltend bis zu Band, dort nach rechts queren zum „Ersten großen Band“.
  1. SL: 40 m A3+. Viele mittlere Pecker und mittlere Knifeblades. Erst Verschneidung, dann Rechtsquerung an Cam-Schuppe zum Stand: Achtung: am Ende der SL unbedingt den Bogen über links klettern, nicht direkt zum Stand, wegen loser Riesenschuppe!
  1. SL: 25 m A3+ und 4. Links haltend in überhängende Platte mit 8-mm-Bolt und fixiertem Pecker. Zuletzt einfach zum Stand.
  1. SL: 45 m A2+ und 4 „Great-Roof-Pitch“. Feiner Riss in der rechten Wand – luftig.
  1. SL: 10 m „Zweites großes Band“. Querung nach links. Offensichtlicher Stand an Cams.
  1. SL: 60 m A3 und 4 „Chockstone-Crack“. Geschwungener Offwith-Riss. Achtung, die Klemmsteine sind locker. Pendelquergang an Bolt zu heikler Schuppe.
  1. SL: 40 m 5 A2 „Nose“. Markanter Riss, Dachquerung nach rechts, kurze Ausstiegsverschneidung. Stand an Block.

Abstieg

Abstieg entweder über den Gipfel des Mittleren Höhenberges (20-30 min vom Ausstieg der Route) und Salbithütte oder besser durch Abseilen über die Route, beziehungsweise Abseilpiste.

Abseilen

  • SL 9 und SL 8 seilt man direkt ab (35 m, 55 m)
  • SL 7 zurückqueren zum 6. Stand („Zweites großes Band“)
  • 16 m zu Abseilstand mit Fixseil an der Dachkante des „Great Roof“
  • 20 m abseilen und sich zum Stand unterm Dach ziehen
  • 42 m zum „Ersten Großen Band“
  • 20 m direkt runter zu Podest
  • 50 m zu kleinem Absatz
  • 20 m zum Boden

Absicherung und Material

Die Stände sind gebohrt (jeweils zwei 10er-Bolts), abgesehen vom Cam-Stand am „Zweiten großen Band“. Außerdem stecken vereinzelt gebohrte Zwischenhaken und Schlaghaken (bitte nicht entfernen). Inklusiv Standhaken sind es im Schnitt drei Bohrhaken pro Länge. Davon wurde nur knapp die Hälfte während der Erstbegehung gesetzt, der Rest nachgebohrt, mit dem Gedanken, einzelne Stellen zu entschärfen und den Materialaufwand für Wiederholer in einem angemessenen Rahmen zu halten. Mit dem aufgeführten Material lässt sich die Route jetzt weitestgehend gut absichern.

  • 60-m-Seile
  • 2 x Cam #0.1 (besser Aliens)
  • 3 x Cam #0.2–0.5 (besser Aliens)
  • 2 x Cam #0.75–4
  • 1 x Cam #5
  • Rock 3–7
  • kleines Set Micro-Offset-Keile
  • 9 Beaks (1 x groß, 4 x mittel, 4 x klein)
  • 10 Knifeblades, verschiedene Längen und Dicken
  • 2–3 LAs, eher dünn
  • 2–3 Angles, eher dünn
  • 1–2 x Talon
  • 1 x Grappling Hook o. Ä.
  • Drahtbürste und Fugenkratzer
  • Mückenspray
  • für den Zustieg feste Schuhe und dünne Lederhandschuhe

Tipps und Taktik

Schnelle Seilschaften können die Route in zwei Tagen (Tal bis Tal) klettern. Biwak dann am besten am „Ersten großen Band“ (nach der 3. SL). Für die meisten Teams wird wohl ein weiteres Biwak fällig.

  • Die sichere Variante: Biwakzeug bis zum „Zweiten großen Band“ mitnehmen.
  • Die leichte Variante: Biwakzeug am „Ersten großen Band“ lassen und Gas geben. Die Cams #4–5, den 3. Satz #0.2–0.5 und 1 x #3 kann man bis zur „Great-Roof-Pitch“ im Haulbag lassen.

Zustieg und Einstieg

Von der Voralpkurve (1402 m, Parkplatz und Bushaltestelle) dem Weg zur Voralphütte folgen. Nach 20 min Gatter, kurz darauf Doppelkehre. 13 m nach der zweiten Kehre weglos rechts hoch in schwache Waldschneise (ca. 1565 m). Den Steinmännern folgen bis kurz vor den Einstieg der Route Traumschiff. Weiter zum Einstieg von Muja Hedder. Nun tendenziell rechts halten, an der Wand entlang (Wegspuren, vereinzelt kurze Fixseile). Nicht links im großen Couloir gehen (Steinschlaggefahr, mühevoll). Mit Bigwall-Gepäck insgesamt ca. 1,5 h. Einstieg auf ca. 1820 m bei dem kleinen Vorbau der markanten großen Platte (einzelner Bohrhaken).

Caro North in Juneau, South East Alaska

26. September 2018
Bergfreunde Pro-Team

Rund um mich herum ist nur weiß – so weit das Auge reicht. Nichts als weiß. Wir befinden uns in einer riesigen, weiten Gletscherlandschaft im Südosten Alaskas. Es ist einsam hier, denn über viele Kilometer sind wir die einzigen Lebewesen in dieser Eiswüste. Wir, das sind ich, Caro, und meine Freundin Brette Harrington. Was wir hier machen? Klettern natürlich…

Wie alles begann

Etwas skurril ist es schon. Eigentlich war ich zu einem Rocktrip nach Nordamerika aufgebrochen um zwei Monate lang hohe Felswände und cleane Risse zu klettern. Mal keine Handschuhe und dicke Daunenjacken tragen, wie ich es schon die letzten 6 Monate in Patagonien getan hatte. Aber wie es eben immer so läuft: am Ende kommt doch alles anders.

Meine Freundin Brette Harrington hatte mich gefragt, ob ich sie auf das Eisfeld nach Juneau, South East Alaska begleite. Für mich klang es spannend und ich war sofort motiviert. Fortan hieß es also für mich Gletscher-, Eis- und Skimaterial zu besorgen. Zum Glück unterstützte mich Mammut USA, sowie einige von Brettes Freunden dabei, mich mit allerlei an Ausstattung zu versorgen.

Neben der Planung bin ich noch schnell eine Tour am Chief in Squamish geklettert (Freeway 5.11, onsight) und ehe ich mich versah, ging auch schon unser Flieger von Vancouver nach Juneau.

In Juneau, South East Alaska

Spätabends kamen wir in Juneau an. Doch wir verloren nicht viel Zeit, da das Wetter gut war. Deshalb ging es für uns auch schon am nächsten Mittag mit dem Helikopter raus auf das Eisfeld, das sich nicht weit von der kleinen Hafenstadt erstreckt.

Der Helikopter setzte uns in einer weiten Landschaft aus riesigen Gletschern ab. Überall um uns herum ragten die Gipfel aus Fels, Schnee und Eis hervor.

Nachdem wir unser Basislager auf einem flachen Stück Gletscher etablierten, erkundeten wir auch schon die nahen Wände. Allerdings zog sich auf dem Rückweg das Wetter zusammen, dass wir fast unsere Zelt wiederfinden konnten. Wir bekamen damit also schon einmal einen ersten Vorgeschmack davon, wie schnell sich das Wetter hier verändern konnte. Ohne Sicht hatten wir kaum Anhaltspunkte zur Orientierung und es fiel schwer uns überhaupt vorwärts zu bewegen.

Die Gipfel rufen

Am nächsten Morgen klingelte unser Wecker schon früh. Aber mit einem Blick aus dem Zelt erkannten wir sofort, dass unser Aufbruch erstmal nach hinten verschoben werden musste – wir befanden uns nämlich komplett im Whiteout. So gingen wir also erst um 10 Uhr mittags los in Richtung Dukes. Dukes war unser Ziel, da wir dort auf der Westseite eine interessante Mixedline gesehen hatten.

Allerdings merkten wir schnell, dass der Eisschlauch, den wir anvisiert hatten, leider nur noch aus schlechtem Eis und warmen Schnee bestand. So begannen wir zu queren und durch die Wand zu klettern. Eine gute Entscheidung, denn kurz darauf kamen über den Eisschlauch ziemliche Massen an Schnee herunter.

Wir kletterten anspruchsvolle Längen durch Fels und Schnee. Wir versuchten immer achtsam zu sein, verwendeten auch mal Moos zum hooken unserer Pickel, um keine lockeren Steine loszutreten.

Weiter oben angekommen, gelangten wir in ein Schneecouloir. Wir mussten dies also schnell erklimmen, um nur möglichst kurz unter der Gifelwächte exponiert zu sein. Danach folgten noch zwei Seillängen im Fels. Brette stieg sie mit ihren Kletterschuhen vor, während ich mit den Bergschuhen hinterher kam. Am Abend zuvor hatte ich bei Schere-Stein-Papier verloren, weshalb wir nur ihre Kletterschuhe dabei hatten. Zwei Paar Kleeterschuhe wären zu viel Gewicht gewesen.

Zwölf Stunden später standen wir dann endlich auf dem Gipfel. Es war immer noch hell und das Sonnenlicht beleuchtete die Mendenhall Towers in der Ferne. Dort waren Marc-André Leclerc und Ryan Johnson vor einigen Monaten im Abstieg ums Leben gekommen. Marc-André war Brettes Freund und auch ein guter Kumpel von mir. Unsere Erstbegehungen widmen wir diesen beiden inspirierenden Menschen, die leider viel zu früh von uns gehen mussten.

Nach kurzem inne halten machten wir uns an den Abstieg. Hier in Alaska wird es fast nicht dunkel, weshalb wir unsere Stirnlampe nur für eine gute Stunde auspacken mussten. So etwas habe ich bisher noch nie erlebt, aber es ist wirklich der Wahnsinn!

Das nächste Abenteuer wartet

Als nächste Tour wählten wir die Nordostseite des südlichen Dukes (sie ist 10b, M5+, 85°, 500m). Am nächsten Tag befuhren wir einige Gipfel mit Ski, bevor wir dann, wegen schlechtem Wetter, einen Ruhetag im Zelt einlegten. Anschließend machten wir uns auf den Weg zum Devils Paw, wo wir das Süd-Ost Couloir mit Ski befahren wollten. Doch die Distanzen hier sind enorm und so bedeutete die Route für uns, dass wir über 20 Meilen hin- und das ganze wieder zurück laufen mussten.

2 Tage lang liefen wir auf flachen Gletschern, erklimmten dann in anstrengender Spurarbeit das Couloir, um schließlich feststellen zu müssen, dass die Bedingungen zum befahren dort nicht gerade gut sind. Aber Schnee oder Lawinenlageberichte gibt es dort nicht und so mussten wir es ausprobieren, um die Bedingungen kennenzulernen.

Wir konnten ein paar Kurven fahren, mussten dann aber das 40-45° steile Couloir mit Pickel in der Hand abrutschen, da es so hart gefroren war. Aber immerhin konnten wir die Skier komplett anlassen und wir waren uns einig, dass es trotzdem ein gutes Abenteuer war.

Danach mussten wir erneut zwei Tage bis zu unserem Basislager zurücklaufen. Die Füße schmerzten und auch unsere Rücken, Schultern und Hütten hatten unter dem Gewicht der Rucksäcke zu leiden. Und auch das Wetter wechselte schnell zwischen Sonne, Schneefall und Hagel. Dementsprechend waren wir froh, als wir endlich wieder bei unseren Zelten ankamen.

Vom Eis in die Sonne

Da wir wohl nochmal ein gutes Wetterfest erwarten durften, entschieden wir uns noch eine Woche länger auf dem Eisfeld zu bleiben. Doch trotz der erwartungsvoll positiven Prognosen, saßen wir wegen eines Schneesturm, erst einmal drei Tage in unserem Zelt fest. Unsere Hoffnung noch etwas zu klettern, schwand damit jeden Tag mehr.

Doch dann klärte sich das Wetter tatsächlich auf und wir konnten an den Takku Towers noch eine Felslinie erstbegehen. Durch seine verrückten Formationen ist dieser Fels zum Klettern wirklich genial. Teilweise ist er auch so kompakt, dass es er ziemlich runout und ausgesetzt ist. Wir waren auf jeden Fall überglücklich, auch weil wir nach so langem Warten im T-Shirt klettern konnten.

Unseren letzten Abend auf dem Eisfeld verbrachten wir in wundervollem Lichtspiel, an dem sich auch die Mendenhall Towers beteiligten. In Gedanken verabschiedeten wir uns von Marc-André und Ryan, die noch immer am Fuße der Mendenhalls liegen und auch der Grund für unsere Expedition waren.

Am nächstem Tag ging unser Flieger wieder zurück in die Zivilisation. Ein starker Kontrast nach 13 Tagen Einsamkeit.

Fernab vom Boden: Bigwall-Klettern in Patagonien

20. April 2018
Bergfreunde Pro-Team

Bigwall-Klettern!? Ja genau. Die Form von Klettern, bei dem man an diesen großen, hohen Felswänden unterwegs ist! Mit einem Team aus weiteren Kletterern habe ich mich aufgemacht und mich an einigen Felsprojekten probiert, die Patagonien zu bieten hat. Dabei habe ich einiges erlebt, das nicht verschwiegen bleiben darf und ich mit euch teilen möchte. Vielleicht packt das Bigwall-Klettern in Patagonien ja auch jemanden von euch!?

Von schönem Wetter, einer Rettungsaktion und der ersten Höhenerfahrung

An meinem ersten Tag sagt der Wetterbericht gutes Wetter für Cochamo voraus. Ziemlich selten hier in Patagonien: kein Regen, sondern Sonne, Sonne und nochmals Sonne. Ich nehme den Bus von Bariloche nach Chile und laufe dieses wunderbare Tal hoch. Schnell treffe ich alte Freunde wieder und lerne neue kennen. Noch am selben Tag probieren wir ein Projekt; ein super Fingerriss.

Während der erste Tag super verlief, wird es am nächsten Tag etwas dramatischer. Wir helfen alle zusammen bei der Rettung eines Kletterers. Er hat sich den Fuß gebrochen und wir bringen ihn gemeinsam ins Tal.

Am dritten Tag stehen wir früh auf um direkt 25 Seillängen zu klettern. Ich führe die komplette Tour Gardens of the Galaxy auf la Junta hoch. Eine Wahnsinnsserfahrung: Anstrengend, aber auch sehr zufriedenstellend. Mit dem letzten Licht erreichen wir den Gipfel und sind spät in der Nacht wieder an unseren Zelten.

Nach etwas Pause finde ich schon den nächsten Kletterpartner: mit Carlos werde ich am nächsten Morgen zum Monstruo, der am weitesten entfernten und längsten Wand hier in Cochamo, aufsteigen.

Das Monster will erklimmt werden

Es ist wieder ein früher Start für uns. Bevor wir am Monstruo sind, müssen wir zunächst drei Stunden zum Wandfuss, durch Schrofen und vor allem den vertikalen Wald, absteigen. Das ist schon ein Abenteuer in sich und es ist unglaublich beeindruckend wie Nate, der Erstbegeher, diesen Pfad frei geschlagen hat.

Danach beginnt unsere Reise über 1600 m perfekten Granit. Wieder stockt einem der Atem. 28 Seillängen. Ziemlich viel für einen Tag und so ist Schnelligkeit gefragt. Nicht zögern, sondern immer weiter. Ich führe erneut einen Großteil aller Seillängen. Am Ende kommen wir dann an ein Schneefeld, für das wir einen Pickel dabei haben. Wer hätte gedacht, dass hier im Dschungel mal ein Pickel nötig ist! Den Abstieg meistern wir gerade noch mit dem letzten Licht und nach 15,5 Stunden harter Tour sind wir zurück im Camp.

Weiter geht’s

Nach Monstruo gönne ich mir nicht mal einen kompletten Ruhetag. Ich muss die Zeit nutzen, denn es sieht so aus, als ob Regen kommt. Also vorher nochmal schnell eine Bigwall klettern. Gemeinsam mit Chip klettern wir die ersten fünf Seillängen von Positive Affect. Das alles machen wir mit Rucksäcken um anschließend auf dem King Ledge zu biwakieren. Schon hier wird uns bewusst, dass eine harte Route vor uns liegt, denn wir müssen eine anspruchsvolle „stemming corner“-Länge (Verschneidung) überwinden.

Die letzten Tage, das viele Laufen und Klettern, machen sich bei mir bemerkbar, aber die Motivation ist groß und wir geben Vollgas. Die Längen sind technisch und fordern uns. Wir wechseln uns ab und steigen in Blöcken vor bis wir an die vorletzte Seillänge gelangen, die die Schlüsselstelle darstellt.

Bis hier waren die Längen anhaltend schwer, doch ich konnte alle onsighten. Jetzt stehe ich vor der letzten großen Herausforderung: eine steile blanke Verschneidung. Mit viel Druck muss ich Füße und Hände gegen die Wand pressen, um nicht abzurutschen. Dabei werden meine Beine immer müder und ich bin froh in der Mitte ein paar Tritte zu finden und kurz zu ruhen.

Dann heißt es wieder spreizen bis ans Ende, wo dann die Schwierigkeit wartet um aus der Verschneidung raus in einen geschlossenen Riss zu klettern. Ich bringe beide Füsse auf eine Seite, merke wie sie rutschen und meine Hände auch an den kleinen Griffen müde werde. Aber ich möchte nicht aufgeben; ich möchte einfach weiterkämpfen. Beinahe verliere ich das Gleichgewicht und ich kann den Haken vor mir nicht klippen. Egal, weiter! Ich erreiche endlich einen Tritt, kann den Haken auf Kniehöhe klippen und mir etwas Ruhe gönnen, bevor ich dann die letzten Meter bis zum Stand klettere.

Wahnsinn! Ich habe die 5.12b Schlüssellänge von Positive Affect geonsightet! Es ist ein super Hochgefühl, wenn mir etwas gelingt, das ich nicht erwartet hätte und für das ich hart kämpfen musste. Noch eine Seillänge und wir stehen am Ende dieser unglaublich guten Tour. Beim Abseilen verhängt sich unser Seil, ich muss wieder eine Seillänge hochklettern, es wird dunkel und dann setzt der Regen ein.

So kommen wir total durchgeweicht am Wandfuss und im Camp an. Aber das beste ist, dass unsere Freundin Paula Essen für alle gekocht hat. Das ist ein unglaublicher Glücksmoment nach dieser langen Kletterei.

Wer hat an aufhören gedacht?

Der Regen ist nur von kurzer Dauer und so hören wir nicht auf, sondern klettern danach gleich wieder weiter. Wir machen uns an einige Versuche am Projekt und dann hoch ins Amfiteatro um Doña Deborah Dedos. Wir spüren immer mehr die Ermüdung, aber das gute Wetter muss einfach ausgenutzt werden! Zu meinem Erstaunen kann ich die harte Fingerrissseillänge onsighten, allerdings bleibt keine Kraft mehr um die nächste harte Seillänge Rotpunkt zu klettern. So bleibt mir dieses Projekt für das nächste Mal. Überglücklich und komplett platt laufen wir im Regen raus.

Fazit

Meine Bilanz mit über 80 Seillängen (die meisten im Vorstieg), 3 Bigwalls und onsight von Positive Affect ist beeindruckend und überrascht mich selbst. Woher nehme ich diese Energie? Wahrscheinlich aus meiner unglaublich großen Motivation. Und alle diese Touren gelangen mir mit meinem Scarpa Maestro. Ich bin vollkommen begeistert von dem Schuh!

Caro North unterwegs in Patagoniens Winter-Frühling

Caro North unterwegs in Patagoniens Winter-Frühling

22. Februar 2018
Bergfreunde Pro-Team

Im September nach Patagonien… klingt erst einmal falsch, denn die eigentliche Saison um an diesem Ende der Welt zu klettern ist doch unser europäischer Winter. Stimmt, aber wir suchen ganz bestimmt ein anderes, neues Abenteuer. Wir träumen davon geniale Mixed- und Eisrouten zu klettern, allein in dieser beeindruckenden Landschaft.

Doch ein Abenteuer in Patagonien wäre ja keines, wenn alles nach Plan läuft. Daher bleibt die Kletterei zunächst eine Traumvorstellung für mich mit meinen zwei Freundinnen und Kletterpartnerinnen Brette Harrington und Yvonne Koch.

Dauerregen, extremer Wind und große Schneemassen 

Zu unserer Ankunft zeigt sich El Chalten von seiner unangenehmsten Seite. Wind und Regen sind so stark, dass wir nur zum Einkaufen schon unsere komplette GORE-TEX® Ausrüstung anlegen. An Klettern geschweige denn Bouldern im Ort ist nicht zu denken und wir müssen uns mit Klimmzugsessions bei Laune halten.

Als dann endlich ein Wetterfenster auftaucht, ziehen wir motiviert los ins Torre Valley, hier sind wir ganz alleine. Eine Erfahrung, die es so im Sommer nicht mehr gibt. Kaum haben wir die Zelte aufgebaut, lässt der Regen nicht lange auf sich warten. Es regnet ununterbrochen bis zum nächsten Morgen. Wir können es nicht glauben und zu dritt in unserem Zweimannzelt wird es langsam auch etwas zu kuschelig.

Doch unsere Motivation ist nicht zu bremsen und wir ziehen am nächsten Tag los in Richtung Mocho. Noch vor dem Einstieg wühlen wir durch große Schneemassen und der Wind wird immer stärker, sodass wir zum Umdrehen gezwungen werden. Das Wetterfenster, was in der Vorhersage erschien, taucht nie wirklich auf und wir laufen viele Kilometer zurück ins Dorf.

Kilometer um Kilometer – der lange Weg der Erkenntnis

Diese Erfahrung steht sehr gut für die nächsten eineinhalb Monate. Wir tätigen viel Anläufe, laufen Kilometer um Kilometer bis ins Niponinos, mal mit Ski, mal ohne und scheitern doch immer wieder am extremen Wind, der uns nicht vorwärtskommen lässt, im Whiteout oder in gefährlich großen Schneemassen. Mit jedem Versuch lassen wir mehr Energie in den Bergen.

Langsam verstehen wir, warum die meisten hier im Sommer klettern: Die Bedingungen sind viel besser. Im Moment ist es kalt, es gibt kein Eis aber dafür extrem viel Schnee. Schwierig überhaupt ein kletterbares Ziel zu finden. Und noch dazu ist das Wetter patagonisch schlecht. Uns wird klar, dass dieser so schneereicher Winter sich besser zum Skifahren als zum Klettern eignet.

Planänderung: Tausche Eisgeräte gegen Spaß auf Skiern

Im nächsten Wetterfenster legen Brette und ich unsere Ski an und können so endlich von dem weißen Pulver profitieren. Wir entdecken El Chalten in einem ganz anderen Blickwinkel und uns wird plötzlich bewusst, wie gut es hier zum Skifahren ist. Wir fahren steile Wände mit bestem Powder, die das Herz  höher schlagen lassen: über 600 hm in 40° und mehr. Einfach unglaublich! Was will man mehr?

Dann noch einige spektakuläre Couloirs vor grandioser Kulisse des Fitzroys. Wir sind beeindruckt und motivieren uns immer mehr für technisch anspruchsvolle Skitouren. Aber es bleibt nach wie vor Patagonien und die Zustiege sind lang und beschwerlich – oftmals legen wir weite Strecken mit den Ski am Rucksack zurück, bevor wir das weiße Gold genießen können.

Ein letzter Kletterversuch am Piergiorgio

Ganz ungeschlagen wollen wir nicht von dannen ziehen, weshalb wir noch einen letzten Kletterversuch wagen. Auch dieser fordert wieder extrem viel Energie: Noch im Dunkeln im Zustieg müssen wir einen überhängenden Serac überwinden und das Gletschereis ist extrem hart und zudem abdrängend.

Zentimeter um Zentimeter kämpfe ich mich im Licht meiner Stirnlampe höher, während Brette beim Sichern einfriert. Als wir endlich die zwei Seillängen überwunden haben, sind wir trotzdem extrem glücklich endlich unsere Eisgeräte benutzt zu haben und über die Sonnenstrahlen, die uns nun etwas wärmen.

Die nächste große Herausforderung stellt der Bergschrund dar, den wir aufgrund des vielen Schnees kaum überwinden können. Als es endlich gelingt, wartet wieder Schwimmen durch steilen Pulverschnee auf uns. Wir kommen kaum voran und sind froh, als wir endlich auf etwas Eis stoßen. Dann endlich der erste Stand am Anfang eines Eiscouloirs, was von unten leicht ausschaut, entpuppt sich dann aber als extrem anspruchsvoll und nicht absicherbar.

Das Eis wird plötzlich so dünn, dass es kaum für Eisen und Pickel halt gibt und zudem keine Absicherungen zulässt. Ich weiß, dass Fallen jetzt keine Option mehr ist und muss mich vollkommen konzentriert und mit höchster Präzision fortbewegen, um heil am Stand anzukommen. Für mich sicherlich einer meiner anspruchsvollsten Mixedleads.

Brette übernimmt dann und erklimmt eine anspruchsvolle Risslänge im Fels. Währenddessen nimmt der Wind immer mehr zu und es ist so kalt, dass wir uns kaum bewegen können. Es fällt uns nicht leicht die Entscheidung zum Umdrehen zu fällen, aber wir beginnen trotzdem mit dem Abseilen und sind extrem froh, als wir wieder an unseren Ski ankommen und etwas Sonne spüren.

Nach einem sehr langen Tag haben wir wieder viel Energie gelassen. Trotzdem motivieren wir uns am nächsten Tag, der immer noch gutes Wetter verspricht, für eine Skitour in Richtung Cerro Grande. Die Beine sind schwer, aber die Anstrengung wird mit einer genialen Abfahrt belohnt.

Der Traum geniale Mixed- und Eisrouten zu klettern ist geplatzt

Uns bleiben nur noch wenige Tage und wir haben verstanden, dass wir im nächsten Wetterfenster Skifahren müssen, wenn wir unsere Zeit genießen wollen. So verbringen wir noch drei unglaubliche Skitourentage mit Traversierungen, Couloirs und steilen Abfahrten, bevor Yvonne und Brette ihre Rückflüge antreten.

Unsere Träume von großen Klettertouren konnten wir nicht erfüllen, wie so oft in Patagonien und nichtsdestotrotz hatten wir geniale Skitage, einmalige Erfahrungen, haben viel Neues gelernt, die Einsamkeit genossen, die Gewalt der Berge gespürt und unsere Motivation wieder zu kommen ist trotzdem oder genau deswegen groß.

Ein großes, ernstes Ziel – Fritz Miller auf Ogre-III-Expedition

Ein großes, ernstes Ziel – Fritz Miller auf Ogre-III-Expedition

5. Oktober 2018
Bergfreunde Pro-Team, Die Bergfreunde

Ein Jahr ist es nun her, dass ich aus Pakistan zurückgekommen bin. Seitdem ist viel passiert, in einer Frequenz und Intensität, die mich wahrscheinlich überfordert hat. Das ist ein Grund, warum ich mich ein Stück weit zurückgezogen habe, warum es mir immer schwerer fiel, mich zu äußern. Das Leben in den Bergen kann hart und auch brutal sein. Es steht nicht nur für die großen Momente, sondern auch für Einsamkeit, Trauer, Schmerz, Kälte, Erschöpfung, Angst und Zweifel.

Es wäre naiv, das zu verleugnen. Es wäre unehrlich, nur die Sonnenseite zu beschreiben. Ich kann Alpinismus für mich nicht als Showgeschäft definieren, auch wenn das der bequemste Weg wäre. Alpinismus ist zu sehr mein Leben, um auf diesem Feld die Werte aufzugeben, die mir wichtig sind. Das macht die Sache kompliziert. Es bräuchte Ruhe, Distanz, einen klaren Kopf, um sich den schwierigen Fragen zu stellen. Doch dann ruft die nächste Wand, die nächste Route. Sie fordert die volle Aufmerksamkeit, alles andere wird ausgeblendet. Das funktioniert, auch weil es funktionieren muss, zumindest für eine gewisse Zeit.

Es sind die letzten Tage einer langen Sommersaison. Die tief stehende Sonne erstrahlt über den traumhaft schönen Dolomitengipfeln. Ruhe, Frieden, Freiheit und auf der anderen Seite die vielen Überbleibsel eines brutalen Krieges. Es sind diese Gegensätze, mit denen man als Alpinist immer wieder auf eine ganz eigene Art konfrontiert wird, wie beim Gang über einen exponierten Gipfelgrat, irgendwo über den Wolken, weit oben, weit weg von allen Problemen dieser Welt. Dort oben, wo alles perfekt sein kann, aber eine kleine Unachtsamkeit oder Fehleinschätzung den Tod bedeutet, wird der Wert des Lebens offensichtlich. Es wird deutlich, was zählt, und wir sollten uns mehr Mühe geben, diesen Erkenntnisgewinn mit ins Tal zu tragen.

Jetzt habe ich einen Moment der Ruhe, den ich nutze, um diese Einleitung zu schreiben. Sie ist etwas von allem (zumindest hoffe ich das): ein Ausdruck von Dankbarkeit, ein Versuch der Erklärung, eine Würdigung – und, ja, eine Einleitung zu meinem Text aus dem letzten Jahr. Der Text unten ist unverändert, diese Zeilen kamen jetzt hinzu, in Erinnerung an Franz-Xaver Mayr.

Fritz Miller, Rainer Treppte, Franz-Xaver „Xari“ Mayr – 21. August bis 6. Oktober 2017

Hinein in eine andere Welt

Skardu, Pakistan, irgendwann in der Nacht zum 26. August. Da stehen sie, zwei der Protagonisten, die sich aufgemacht haben, einen großen Gipfel in der berüchtigten Ogre-Gruppe anzugehen, und geben bestimmt ein erbärmliches Bild ab: Xari in Boxershorts und Handschuhen, ich krank, fiebrig, mit Bauchkrämpfen und Durchfall, zum zweiten Mal in dieser Nacht auf Mäusejagd im Hotelzimmer. Xari schaut auf dem Flur nach, ob die Maus diesmal auch wirklich raus ist, und kommt nach einer überraschenden Begegnung mit einer fetten Ratte schreiend zurück ins Zimmer. Vielleicht sind wir wirklich nicht hart genug für die Ogres, aber wir haben ja noch Rainer. Rainer, der einen langen und bemerkenswerten Weg hinter sich hat, von den Felsen des Elbsandsteingebirges zu den ganz großen Klettereien dieser Erde, zu Royal Flush am Fitz Roy, zu Eternal Flame an den Trango Towers, zu den Bigwalls des El Capitan. Und er ist mit 58 Jahren noch immer nicht müde.

Mehr als nur eine alpinistische Unternehmung

Am nächsten Morgen brechen wir Richtung Basecamp auf. Gemeinsam mit unseren Trägern samt Maultieren und Pferden, unserem einheimischen Trekking-Guide Shakoor, unserem Koch Ali und unserem Küchenjungen Musa.

Drei Tage wird der Anmarsch dauern. Mit dem Erreichen des Biafo-Gletschers wird das Gelände zunehmend ruppig. Es geht über Geröll, Fels und Eis, was auf einem Gletscher nun wirklich nicht überraschend ist. Aber wir fragen uns, wie die schwer beladenen Tiere das schaffen sollen. Tatsächlich sind die Maultiere und Pferde ziemlich am Anschlag, denn ein Hufeisen ist einfach kein Steigeisen.

Es ist schon fast irrsinnig, welcher Aufwand notwendig ist, damit sich drei Hansel an einem Berg versuchen können. Andererseits sind die Leute dankbar für diese Arbeit. Selbst jene Träger, die schwere Lasten auf ihrem Rücken tragen, haben bemerkenswert gute Laune. Wir alle werden in den nächsten Tagen und Wochen ein Stück weit zusammenwachsen, denn unsere Expedition wird uns verbinden, sie wird mehr sein als nur eine alpinistische Unternehmung.

Ein großes, ernstes Ziel

Die Ogre-Gruppe steht für schwierige, gefährliche Berge, für unsicheres Wetter, für viele gescheiterte Expeditionen, für Dramen und für ein paar wenige, dafür herausragende Erfolge. Unser Hauptziel, der Südpfeiler des Ogre III (ca. 6950 m). Dieser erscheint im Vergleich zu den Anstiegen an Ogre I und II etwas moderater – obwohl die Route zwischen 6300 m und dem Gipfel harte Bigwall- und Mixedkletterei beinhaltet und der Gipfel überhaupt erst einmal erreicht wurde (im Sommer 2001 von Thomas Huber, Iwan Wolf und Urs Stöcker über den besagten Südpfeiler).

Und plötzlich ragt er über uns in den Himmel, dieser gigantische Granitzahn, vor einer Wand aus dunklen Wolken. Nach zweieinhalb Tagen Anmarsch haben wir erstmals freie Sicht auf unseren Berg. Er sieht gut aus, und gleichzeitig unmöglich.

Das lustige Lagerleben

Unser Basecamp liegt geschützt zwischen zwei Moränenrücken und einer grasigen Flanke auf 4470 m. Ein kleiner Bach liefert frisches Wasser, sofern er nicht eingefroren ist und wir haben jede Menge Platz, denn außer uns ist niemand in der Gegend.

Nach einer kurzen Schlechtwetterphase fangen wir an, den weiteren Weg zu erkunden, Material zu schleppen und Fixseile zu verlegen. Zwischen 4800 m und 5100 m führt der Zustieg zum Ogre III durch einen sehr lästigen und nicht ungefährlichen Gletscherbruch, den wir jedes Mal passieren müssen. Der darüberliegende Gletscherkessel ist ganz offensichtlich auch nicht der sicherste Ort, da er von großen Wänden und Flanken umrahmt wir.

Zum Glück finden wir unter einer Eisstufe einen halbwegs geschützten Platz für unser nächstes Lager. Die Stellflächen für die beiden Zelte müssen allerdings in stundenlanger Arbeit aus dem Eis gehackt werden. Wir nennen dieses Lager ABC (Advanced Base Camp). Das nächste Lager, Camp 1, richten wir auf 6050 m ein, in einem kleinen Sattel 250 m unterhalb des Südpfeilers. Gleich unterhalb unseres Zelts führt ein steiles Couloir 800 m nach unten, direkt oberhalb kommt eine große Wechte, hinter der eine ebenfalls ungefähr 800 m hohe Wand abbricht.

Anfangs hatten wir zur Beruhigung der Nerven ein Seil durchs Zelt gelegt, das vielleicht einen Absturz des Zeltes verhindert hätte. Mit der Zeit wuchs das Vertrauen in die Standsicherheit des Zeltes. Dennoch blieb der Platz ungemütlich, was an den starken Winden und am Schnee lag, der permanent von unten zwischen Innen- und Außenzelt geblasen wurde. Zuerst machten wir den Fehler, das Zelt während einer Schlechtwetterperiode stehen zu lassen. Danach war das Zelt plattgedrückt, weil der Wind viel Schnee zwischen Zelt und Wechte verfrachtet hatte.

Schwierige Entscheidungen

Wieder einmal sitzen wir im Hochlager im schlechten Wetter fest. Es ist schweinekalt, windig und alles ist verschneit. Trotz guter, warmer Stiefel fühlen sich die Zehen leicht angefroren an, genau wie die Fingerspitzen. Wir haben Fixseile bis 6200 m verlegt, doch darüber wird das Gelände erst richtig schwierig.

Wir könnten weitergehen, aber es erscheint aussichtslos. An schweres Klettern ist nicht zu denken. Eine grundlegende Wetteränderung ist nicht in Sicht. Am nächsten Morgen bauen wir die Fixseile ab und seilen alles Material über unsere Aufstiegsroute ab, bis zum ABC. Auf der einen Seite bin ich müde und enttäuscht, auf der anderen Seite erleichtert, weil das endlose Abwägen ein Ende hat. Wir sind am Ogre III gescheitert, aber zumindest haben wir unser größtes Ziel erreicht, nämlich dort nicht zu sterben.

Und doch noch ein Gipfel

Es bleiben nur noch wenige Tage, bis wir den Heimweg antreten müssen. Wir nutzen die Zeit, um einen kleineren aber formschönen Berg zu erklettern. Xari begleitet Rainer und mich ins ABC, bleibt aber dort, weil er vom Reizhusten starke Schmerzen im Brustkorb hat.

Der Anstieg führt zunächst südseitig über eine große Schnee-/Eisrinne zu einem Sattel östlich des Gipfels. Von dort geht es nordseitig weiter, noch vier bis fünf Seillängen zum Gipfelgrat (M5 und ein Pendelquergang über eine glatte Platte). Rainer und ich schaffen den noch unbenannten Gipfel, der laut GPS eine Höhe von 5640 m hat. Wahrscheinlich ist uns die Erstbegehung des Berges geglückt. Am Gipfel lassen wir einen Standplatz aus Klemmkeil und Schlaghaken zurück und Seilen dann über die Route ab.

Die Jagd nach den seltenen Momenten

Einen Monat lang war das Basecamp unser Zuhause. Es war Startpunkt unserer Unternehmungen und Zielpunkt, wenn wir erschöpft abgestiegen sind. Jetzt heißt es Abschied nehmen. Ein letzter Blick zurück, dann machen wir uns auf den langen Weg nach Hause. Eisiger Wind bläst Graupel über den Biafo-Gletscher, dunkle Wolken verdecken die Ogres.

Die ersten Häuser von Askole, zwei Tage später Skardu, bald darauf Islamabad. Europa, Deutschland, Reutlingen. Nach einer großen Reise kommt man ein Stück weit verändert zurück, in eine Welt, die sich weitergedreht hat. Gleich geblieben ist die Überzeugung, dass es sich lohnt, weit zu gehen auf der Jagd nach den seltenen Momenten, in denen wir ganz oben stehen.

Dank

Mein Dank gilt Xari, Rainer und unserem Team von Shipton Treks&Tours für die gute Zeit vor Ort. Außerdem möchte ich mich beim Deutschen Alpenverein, insbesondere bei meiner Sektion (Reutlingen) für die finanzielle Unterstützung bedanken und natürlich bei meinen langjährigen Sponsoren und Ausrüstern VAUDE, Bergfreunde.de, Edelrid, Lowa und Red Chili. Darüber hinaus wurden wir bei dieser Expedition mit Material unterstützt von Julbo, PowerBar und Osprey – Danke vielmals! Herzlichen Dank auch an Thomas Huber (für alles Mögliche), Karl „Charly“ Gabl (Wetterberichte), Andree Schmidt (medizinische Beratung) und an alle die an uns gedacht haben und Daumen gedrückt haben!

Text: Fritz Miller, Fotos: Rainer Treppte, Franz-Xaver (Xari) Mayr, Fritz Miller

Trekking auf Madeira

Madeira – Trekking auf der Blumeninsel

14. September 2017
Bergfreunde Pro-Team

Nachdem wir im Frühjahr im Allgäu mit reichlich Sonnenschein verwöhnt wurden meldet sich der Winter Ende April zurück. Bei 1° Grad und Schneeregen packe ich kurze Hosen und ärmellose Laufshirts in meine Reisetasche – denn auf dieser Insel im Atlantik ist das ganze Jahr über Frühling! Madeira ist ein Paradies für Naturliebhaber und Wanderer.

Die immergrüne Insel lockt mit einem milden Klima besonders in den Wintermonaten die sonnenhungrigen Europäer an. Gemeinsam mit der Nachbarinsel Porto Santo gehört Madeira zur Inselgruppe „Ilhas Desertas“ vor der marokkanischen Küste. Madeira gehört zu Portugal und der Name der Insel bedeutet auf Portugiesisch „Holz“. Zwanzig Prozent der Insel sind vom „Laurisilva“, dem Lorbeerwald, bedeckt. Nachdem die Insel im Gegensatz zu Mitteleuropa von der Eiszeit verschont wurde konnten sich auf der Insel eine einzigartige Pflanzenvielfalt behaupten.

Neben dem Lorbeerwald besiedeln Heidewald, Wacholder und unzählige Blumen die steile Landschaft. Auch wilde Orchideen wachsen am Rand der Wanderwege. Das pflücken der wunderschönen Pflanzen sollte man allerdings tunlichst vermeiden – die Insel gehört nicht ohne Grund zum Unesco-Kulturerbe. Die gesamte Insel hat Mittel- bis Hochgebirgscharakter. Die Küste Madeiras fällt steil ins Meer ab und mit dem Cabo Girao befindet sich eine der höchsten Steilklippen in direkter Nähe zur Hauptstadt Funchal. In der Mitte der Insel ragen die höchsten Gipfel empor. Der höchste Berg ist der Pico Ruivo mit 1862 m. Madeira verfügt über mehrere Mesoklimata. Im Norden der Insel regnet es häufig, der Süden ist dagegen subtropisch warm.

Die Levadas – Lebensadern der Insel

Levada – ein Begriff, der untrennbar mit Madeira verbunden ist. Hierbei handelt es sich um künstlich angelegte Wasserkanäle, mit denen das Wasser aus den niederschlagsreichen Regionen im Norden und im Zentrum der Insel zu den landwirtschaftlichen Anbaugebieten im trockeneren Süden geleitet wird – ein äußerst effizientes Bewässerungssystem. Eine Levada-Wanderung sollte jeder Besucher der Insel auf jeden Fall in Erwägung ziehen.

In der regenarmen Zeit von April bis Oktober wird so gut wie jedes Feld der Insel über das Wasser des Levadas bewässert. Heute werden diese Kanäle neben dem Wassertransport vor allem auch touristisch genutzt. Die beliebtesten Wanderwege sind Pfade entlang der Levadas, die in einem ca. 2.000 km langen Netz die ganze Insel durchziehen. Die Orientierung ist meist sehr einfach, man muss nur dem Wasserkanal folgen. Da die Kanäle immer entsprechend der Landschaft verlaufen, gibt es hinter jeder Biegung etwas Neues zu entdecken. Die alten Behausungen der Levadeiros, Wasserfälle und eine vielfältige Pflanzenwelt laden zum Erkunden ein.

Historisches zu den Levadas auf Madeira

Bereits im 15. Jahrhundert wurden auf Madeira die ersten Bewässerungskanäle angelegt. 40 Jahre nach Besiedlung der Insel (1461) bestimmte Prinz Ferdinando zwei Männer, die mit der Verteilung des Wassers beauftragt wurden. Das Ziel war, die großen Wassermengen aus den Quellen auf den steilen Bergen in der Inselmitte an die Hänge und die Täler hinabzuleiten. Ab 1650 wurde das Kanalsystem ausgebaut, um den Zuckerrohranbau und die Wassermühlen mit Wasser zu versorgen.

Zur damaligen Zeit war Madeira einer der größten Produzenten von Zuckerrohr. Afrikanische Sklaven mussten die anstrengenden Bauarbeiten in schwindelerregender Höhe verrichten. Wer heute an den Kanälen entlang wandert, die teilweise aus dem blanken Fels gehauen wurden, kann sich vorstellen unter welchen schwierigen Bedingungen diese entstanden sind. Das Wissen der Mauren war für die Entwicklung und den effizienten Bau der Kanäle auf Madeira entscheidend, da sie bereits über viel Erfahrung im Bau der Bewässerungskanäle verfügten.

Die Levadas heute – Wandern, Bewässerung und Energieerzeugung

Heutzutage werden drei Elektrizitätswerke mit dem Strom der Levadas betrieben, bevor das Wasser wieder dem ursprünglichen Zweck der Bewässerung den Kanälen zugeführt wird. Die Levadas werden von den „Levadeiros“ gewartet und gereinigt, denn das Wasser muss stets gleichmäßig fließen. Deshalb sind alle Wasserkanäle auf einem Pfad neben dem Kanal oder auf der Levadamauer begehbar. Durch die äußerst geringe Steigung von nur einem Meter pro Kilometer sind es meist gemütliche Wanderungen, die für jeden geeignet sind. Über die Fußwege entlang der Levadas gelangt man schnell in die tief eingeschnittenen Täler der Insel und entdeckt dabei die unberührte Landschaft Madeiras. Über insgesamt 70 Kilometer verlaufen die Levadas durch Tunnel. Einige davon sind auf Wanderungen zu begehen. Hier auf jeden Fall eine kleine Stirn- oder Taschenlampe einpacken. In den Tunneln ist es häufig rutschig und feucht.

Wandern auf Madeira

Auf Madeira gibt es ein sehr großes offizielles Wanderwegenetz, beschildert mit PR1 bis PR20. Die Routen zeigen die Vielfalt Madeiras und sind teilweise auch in den Touren der gängigen Wanderführer enthalten. Es handelt es sich meist um Streckenwanderungen und nicht um Rundwanderungen. Insgesamt 5 verschiedene Busunternehmen auf der Insel erleichtern das zurück kommen zum Ausgangspunkt der Wanderung. Am Startpunkt findet sich immer ein ausführliches Schild mit einer Übersichtskarte des Weges und nützlichen Informationen. Die Wege sind mit kleinen Holzwegweisern mit Wegnummer und Name der Strecke eindeutig gekennzeichnet.

Auf Madeira kommen sowohl Wanderer, Trailrunner als auch Mountainbiker voll auf ihre Kosten. Selbst ein paar alpine Touren mit kleinen Kletterpassagen (zum Beispiel am Pico Grande) lassen sich auf der nur 57 km langen und 22 km breiten Insel finden. Wer nicht alleine losziehen möchte, kann zwischen einer großen Zahl an geführten Touren auswählen oder sich direkt einen lokalen Wanderführer organisieren. Als eines der Highlights zählt die mehrtägige Inselüberquerung von Norden nach Süden. Auf dieser Route findet auch jedes Jahr der „Madeira Island Ultra Trail“ statt. Über 800 Läufer nehmen die 115 km lange Strecke mit 7.500 Höhenmetern und unzähligen Treppenstufen unter die Füße. Treppen finden sich hier nicht nur im Einkaufszentrum. Aufgrund des steilen Geländes und zur Vermeidung von Erosion sind auf vielen Wanderwegen Stufen angelegt. Diese erleichtern das Wandern im abschüssigen Gelände im Helfen besonders bei Nässe beim Auf- und Abstieg.

Die Top-Touren auf Madeira

Bei der Vielzahl der rassigen Gipfel, einsamen Levadas und den romantischen Lorbeerwäldern fällt es schwer, die absoluten Highlights zu finden. Dennoch gibt es meiner Meinung nach ein paar Touren, die sich auf jeden Fall lohnen. Bei allen Bergtouren empfiehlt es sich generell, möglichst früh zu starten. Gegen Mittag ziehen die Wolken häufig von der Küste nach oben in die Berge und bleiben dort den Rest des Tages hängen. Die Touren sind dann natürlich trotzdem begehbar, nur leider ohne Aussicht.

  • Trekking auf MadeiraBocca do Risco – 12 km, 300 Höhenmeter im Auf- und Abstieg
    Dieser abenteuerliche Küstensteig führt vom alten Canical-Tunnel bei Machico bis nach Porto da Cruz. Der Wanderweg war früher die schnellste Verbindung zwischen beiden Städten. Die „Borracheiros“ trugen den jungen Wein in Schläuchen aus Ziegenhaut zu Fuß an der Küste entlang. Dabei mussten sie die so genannte „Bocca do Risco,“ die gefährliche Öffnung, überwinden. Wanderwege direkt an der Küste sind auf Madeira rar. Dieser hier begeistert mit Tiefblicken zur Ostküste und hat auch heute nichts von seinem Charme verloren. Bis zur Bocca do Risco verläuft der Weg an einer problemlos zu begehbaren Levada entlang. Ab der Scharte sind Trittsicherheit und Schwindelfreiheit notwendig. Einige wenigStellen sind mit Seilen versichert. Nicht bei stürmischem Wetter und Regen begehen!
  • Vom Pico do Arieiro zum Pico Ruivo – 11 km, gut 1300 Höhenmeter im Auf- und Abstieg
    Der spektakuläre Höhenweg zwischen den höchsten Gipfeln der Insel bietet atemberaubende Tiefblicke über die gesamte Insel. Die drei wunderschönen Gipfel auf dieser Tour wurden über einen extra angelegten Steig bereits vor 50 Jahren erschlossen. Die sehr anspruchsvolle Bergtour sollte ebenfalls nur bei gutem Wetter begangen werden. Auf dem Weg werden mehrere Tunnel durchquert. Für die zahlreichen An- und Abstiege sollte man genügend Kondition mitbringen. Der Weg windet sich auf spektakuläre Weise über, durch und an den Gipfeln entlang. Leider ist die Hütte auf dem Pico Ruivo im Moment (Stand: Juni 2017) geschlossen. Zum Ausgangspunkt der Tour kommt man bequem mit dem Mietwagen und man kann direkt an der Radarkuppel auf dem Pico do Arieiro parken. Am besten versuchen, möglichst früh am Berg zu sein bevor die Wolken von der Küste heraufziehen. Besonders zum Sonnenaufgang eine wunderschöne Tour!

  • Die Halbinsel Sao Lourenco – 8 km, 400 Höhenmeter im Auf- und Abstieg

    Diese steile Felsküste im östlichsten Teil der Insel unterscheidet sich sehr von der restlichen Vegetation auf Madeira. Kakteen wachsen empor und die Palmen an der einsamen Hütte am Umkehrpunkt der Tour lassen etwas Wüstenflair aufkommen. Die wildromantische Küste lässt sich über einen gut ausgebauten Wanderweg optimal begehen. Ein paar ausgesetzte Stellen sind mit Seilen gesichert. Der kurze, doch lohnenswerte Anstieg zum Morro do Furado ist etwas anstrengend. Nach Regenfällen überzieht grünes Gras die Halbinsel. Mehrere Aussichtpunkte auf beiden Seiten sorgen dafür, dass bei dieser Wanderung die meisten Wanderer stets mit Kamera unterwegs sind. Es lohnt sich auf jeden Fall, diese gar nicht erst aus der Hand zu legen. Unterwegs bieten sich zwei kleine Buchten mit Kiesstrand zum Baden im Atlantik an, beide sind über einen kurzen Abstieg einfach erreichbar. Durch den häufig starken Wind auf jeden Fall eine Jacke in den Wanderrucksack packen!

  • Caldeirao Verde – die „grüne Hölle“ – 13 km, überwiegend flache Levadawanderung

    Der verwinkelte Wanderweg entlang der „Levada do Caldeirao Verde“ führt hinein in den grünen Kessel und zu einem spektakulären Wasserfall. In einer der ursprünglichsten Regionen der Insel durchquert man mehrere Tunnel, wandert vorbei an rauschenden Wasserfällen und staunt über die Tiefblicke ins Tal. Die Levada ist größtenteils in eine Felswand geschlagen und hier kann sich besonders gut vorstellen, wie aufwändig und anstrengend der Bau der Kanäle im 17. Jahrhundert gewesen sein muss. Der anfangs gut ausgebaute und breite Wanderweg verengt sich im weiteren Verlauf des Weges. Teilweise geht man auf der Mauer entlang der Levada, es ist aber stets ein Geländer vorhanden. Für die dunklen Tunnel sollte die Stirnlampe auf jeden Fall wieder dabei sein. Die dschungelartige Vegetation entlang des Weges begeistert nicht nur Botaniker und es gibt allerhand exotische Pflanzen wie wildwachsende Orchideen zu entdecken. Im Anschluss kann weiter der Levada bis in den „Höllenkessel“ gefolgt werden. Auch hier gibt es einen großen Wasserfall der noch sich noch enger zwischen den Felswänden breit macht.

Die wunderschöne und vielfältige Insel Madeira im Atlantik kann ganzjährlich allen wanderbegeisterten, wärmesuchenden Bergfreunden ans Herz gelegt werden. Neben einer großen Vielfalt an wilden Gipfeltouren, entspannten Levadawanderungen und ausgiebigen Exkursionen durch den Lorbeerwald kann man die Insel auch mit dem Fahrrad erkunden. Und wenn es mal nicht die Berge sein sollen: man kann auch surfen gehen, den vorzüglichen Madeirawein genießen oder durch die botanischen Gärten der Hauptstadt Funchal bummeln.
Sonnenbrille und kurze Hose gehören auf jeden Fall ins Gepäck!

Flo Schuetz Bergfreunde Titel

Es gibt wieder Zuwachs im Pro-Team…

5. April 2017
Bergfreunde Pro-Team

Wenn ihr im Sommer in den Allgäuer Alpen unterwegs seid und euch rein zufällig ein etwas wild ausschauender, leicht bekleideter Typ entgegen gelaufen kommt, dann ist die Chance relativ groß, dass es sich dabei um Florian Schuetz handelt. Flo ist so einer, der furchtlos über schmale Grate tänzeln kann, eine Ausdauer wie ein Pferd hat (und entsprechende Oberschenkel) und mal eben den Ultra Trail du Mont Blanc mit 170 km und 9000 Höhenmetern in 31 Stunden finisht. Außerdem ist er der neueste Zugang in unserem Pro-Team. Was er so macht und – viel wichtiger – warum er das macht, erzählt er euch in seinem Antrittsinterview:

Servus Flo! Heute schon auf den Berg gerannt?

Natürlich! Heute wars aber eher eine kurze Runde bei Nebel und Regen. Auf den Bergen liegt ab 1500m Neuschnee, von daher habe ich mich auf einem Höhenweg unterhalb des Rubihorns ausgetobt.

Vom nerdigen Kellerkind (No offense, nerdige Kellerkinder rocken!) zum Diätassistenten-Alpine-Runner, der beim UTMB mal eben in die Top 100 läuft. Wie kam es dazu?

Puh, da muss ich auf jeden Fall etwas weiter ausholen. Als Kind war ich mit meiner Familie sehr viel in den Bergen unterwegs. Im Kindergartenalter war ich oft für längere Zeit mit meinen Großeltern auf deren Hütte in den österreichischen Alpen. Das hat auf jeden Fall geprägt. Generell würde ich mich als Abenteurer bezeichnen. Mir macht es unheimlich Spaß, neue Dinge und Orte zu entdecken.

In meiner Jugend war ich dann eher den Videospielen verfallen, mit Sport oder Bewegung hatte ich da absolut nichts mehr im Hut. Mit zunehmendem Alter habe ich dann mehr und mehr Bergsport- und Entdeckerliteratur ala Reinhold Messner oder Humboldt gelesen und wurde so inspiriert, doch auch wieder mehr „selbst entdecken zu gehen“. Am Anfang wieder kleine Bergtouren mit meinem Vater und Freunden.

Irgendwann habe ich dann ein Video vom UTMB 2011 gesehen. Darin laufen einige der führenden Läufer bei Sonnenaufgang auf einem traumhaften Höhenweg nordseitig des Mont Blanc. Zum gleichen Zeitpunkt bin ich mit meiner Freundin mehr zufällig als geplant nach Oberstdorf gezogen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war mein Schicksal dann besiegelt. Ich habe mir im lokalen Bergsportladen ein paar Trailrunningschuhe gekauft und entdecke seitdem die Berge in den Allgäuer Alpen.

Pro-Team-Interview mit Flo SchuetzIm Sommer Trailrunning und Bergsteigen, im Winter Skitour und Langlauf. Machst Du auch mal irgendwann Pause?

Im November. Da kannst du nicht ordentlich auf den Berg gehen und genug Schnee liegt meistens auch noch nicht. Anfang Dezember fühle ich mich dann meistens sehr motiviert, mit dem Wintersport zu starten. Auch mental finde ich es für mich wichtig, mal etwas abzuschalten.

Du hast inzwischen ein ziemlich ansehnliches Arsenal an Video-Equipment. Dürfen wir uns demnächst auf schöne Filme aus Deiner Feder freuen?

Auf jeden Fall! Inzwischen habe ich meistens eine Kamera dabei, und wenn es nur die kleine GoPro ist. Ab Mai veranstalten wir in Oberstdorf wieder den wöchentlichen Trailrunning Lauftreff. Dann möchte ich dieses Jahr noch einmal den Augsburger Höhenweg in den Lechtaler Alpen begehen. Im September plane ich, eine kleine Dokumentation über „Tor des Geants“ zu machen. Das ist ein sehr bekanntes Trailrennen im Aostatal in den italienischen Alpen. Zudem finde ich die Welt der Zeitrafferfilme sehr faszinierend. Es wird also auf jeden Fall genügend Material zusammen kommen über das Jahr!

Lass uns noch mal über den UTMB sprechen. Ich meine, 168 km und über 9000 Höhenmeter läuft man ja nicht einfach mal so. Wie genau hast Du Dich darauf vorbereitet?

Im Grunde so, wie ich mich auf (fast) alles vorbereite. Ich gehe hier sehr viel in die Berge. Ich mag technisches und steiles Gelände. Nach diesen Kriterien suche ich mir die Rennen aus, die mich inspirieren. Bei flachen Rennen oder im Mittelgebirge wirst du mich also wahrscheinlich eher nicht finden. Das liegt einfach daran, dass ich nicht groß Lust habe im Flachen oder auf der Straße zu laufen. Ich würde mich auch nicht unbedingt als „Trailrunner“ bezeichnen. Was ich mache ist eher meine Art, in die Berge zu gehen. Mein „Trainingsvolumen“ messe ich generell auch nur in Zeit und Höhenmetern, die Kilometer sind für mich nicht so wichtig.

Du warst fast 31 Stunden unterwegs und bist damit schließlich auf Platz 89 gelandet – von immerhin 1468 Startern. Hast Du eine bestimmte Strategie verfolgt?

Langsam starten, regelmäßig essen und trinken, positiv denken. Ultras (und besonders 100 Meilen oder länger) werden hauptsächlich durch sinnvolle Strategie bewältigt. Körperlich und mental. Wenn du in Chamonix losläufst, geht’s erstmal 10 Kilometer relativ flach ins Tal hinein. Ich glaube, der erste ist das in 35 Minuten gelaufen. Viele Leute lassen sich, besonders bei vielen Startern, dazu verleiten, zu schnell zu laufen. Am ersten Anstieg war ich irgendwo um den 500sten Platz rum.

Ich mache aber nur mein Ding und mir ist es egal, wie schnell oder langsam der Rest läuft. Wenn ich kontinuierlich Leute überholen kann, motiviert mich das noch zusätzlich. Wie schnell man laufen sollte, was und wieviel man isst, kann man allerdings nur durch Erfahrung herausfinden.

Ich denke, die ganze Story bietet genügend Material für einen eigenen Beitrag. Daher nur noch eine Frage: Wie lange hast Du danach Pause gemacht?

Ich habe 1 Woche gar nichts gemacht. Faulenzen, viel Essen und die ganzen Eindrücke langsam verarbeiten. 7 Tage nach dem Rennen habe ich dann am Wochenende 2 Bergtouren gemacht. Aber ganz gemütlich, ohne zu laufen.

Wie sieht es dieses Jahr mit Wettkämpfen aus? Hast Du wieder etwas Großes geplant?

In 2 Wochen (Ende April) laufe ich auf Madeira beim Madeira Island Ultra Trail mit, da geht’s einmal quer über die ganze Insel von Norden nach Süden. Sonst habe ich einige Ideen was Wettkämpfe angeht. Ich mag eher möglichst technische und herausfordernde Rennen. Von daher sind die Möglichkeiten für dieses Jahr Ronda del Cims in Andorra, L’Echappe Belle in Frankreich oder die Diagonale des Fous auf Reunion. Außerdem werde ich einige private Projekte mit Freunden machen bei denen wir bestimmte Routen bewältigen wollen – das inspiriert mich inzwischen mehr, als möglichst viele Events zu machen.

Wenn Du Dir drei Dinge aus dem Bergfreunde-Shop aussuchen könntest, welche wären das und warum?

Der Salomon S-Lab Sense 6 Softground. Mein absoluter Favorit, wenn es auf technischen Trails durch die Allgäuer Berge geht.
Das Temple Tech L/S Longsleeve von Mons Royale. Meine Freundin ist schon lange von Merinowolle begeistert und dieses Shirt konnte mich auch bekehren. Komfortable Passform, ein besonders weiches Material und absolut geruchsfrei. Auch nach 12 Stunden Tagen am Berg.
Die leckeren Energieriegel und Clif Shots von Clif Bar. Durch die vielen verschiedenen Sorten wird’s nie langweilig. Und essen am Berg und bei langen Trailläufen muss man so oder so. Da bevorzuge ich dann Sachen, die mir auch richtig gut schmecken.

Gibt es noch etwas, dass Du den Bergfexen da Draußen sagen möchtest?

Habt Spaß bei dem was ihr macht. Und es muss nicht immer am Limit sein. Ich laufe gerne 30 Stunden aber ich gehe auch gerne ganz entspannt wandern auf meine Lieblingsgipfel. Auch daheim kann man geile Projekte umsetzen, neue Wege entdecken und unbekannte Routen auf den Hausberg finden. Ich habe nie das Gefühl, jetzt rausgehen zu müssen, weil ich „trainieren“ muss. Das Fit werden und sein ist eher ein positiver Nebeneffekt, wenn man viel in die Berge geht.

Danke Flo. Wir freuen uns viele schöne Geschichten und vor allem tolle Bilder und Videos. Einen kleinen Vorgeschmack haben wir hier schon mal für euch. Und wer mehr über Flo erfahren möchte, schaut einfach mal unter www.summitsforthesoul.de vorbei!

Windiger Aufstieg zum Monte Sarmiento. Foto Ralf Gantzhorn

Fritz Miller in Feuerland – der Traumberg am Ende der Welt

7. Februar 2017
Bergfreunde Pro-Team

Es war irgendwann 2014, als mich Ralf (Gantzhorn) fragte, ob ich ihn nach Feuerland begleiten würde, zum Monte Sarmiento. Es gibt viele gute Gründe, nicht nach Feuerland zu reisen, schon gar nicht zum Bergsteigen: das miese Wetter, die weite Reise, die komplizierte Logistik, viel Bürokratie, hohe Kosten, kaum zugängliche und gefährliche Berge. Aber Ralf hatte schon einen Plan und VAUDE, unser beider Partner, sagte eine finanzielle Unterstützung zu.

Es gab also keinen Grund zu zögern. Im Frühjahr 2015 sollte es losgehen. Doch zwei Tage vor Abflug stellte sich heraus, dass unser kleines Segelschiff nicht in Punta Arenas, Chile, auf uns warten würde. Und dass sich auch so einfach kein Ersatz organisieren lassen würde. Ich kann nicht genau sagen, wo das Problem lag, aber ohne Boot kein Vorankommen in einer wilden Welt, die man praktisch nur übers Wasser erreicht.

Uns blieb nichts übrig, als die ganze Aktion abzublasen. Fürs Erste zumindest. Auf dem Weg in die entlegensten Winkel der Erde kann eben viel schiefgehen – sogar, bevor man die eigenen vier Wände verlassen hat.

Der zweite Anlauf – oder einfach ein Weiterer

Im Frühjahr 2016 wollten wir es erneut probieren. Ralf war schon öfters am südlichsten Zipfel des amerikanischen Kontinents unterwegs und dort auch durchaus alpinistisch erfolgreich. Zusammen mit Robert Jasper und Jörn Heller glückte ihm der Westgipfel des Monte Sarmiento (2010) sowie eine Besteigung des Monte Giordano (2012) – jeweils über schwierige Neutouren! Doch das große Ziel hieß noch immer Monte Sarmiento Hauptgipfel (Ostgipfel).

Dieser wurde wohl 1956 (!) von den italienischen Alpinisten Carlo Mauri und Clemente Maffei erstbegangen, was einer unglaublichen, leider nicht dokumentierten Leistung entsprechen würde. Seitdem zog es immer wieder Expeditionen zum Monte Sarmiento, von denen rund 20 scheiterten und eine von Erfolg gekrönt war: 2013 erreichten Camilo Rada (Chile) und Natalia Martinez (Argentinien) im Rahmen einer großen Expedition den höchsten Punkt des Berges. Sie kletterten nachts, um ein kurzes Wetterfenster auszunützen (weshalb es von ihrer Aktion kein Bildmaterial gibt).

Und nun wollten auch wir einen Versuch wagen: Ralf Gantzhorn, Axel Voss und ich. Zum Team gehörte außerdem die Crew unseres kleinen Segelschiffs (Kapitän Eze und Carlos) sowie Jochen Schmoll, unser Filmer.

Ein Film über eine große Reise, die Wildnis und eine Diva

Jochen hatte wahrlich keinen leichten Job. Nässe und Kälte machten der Kamera-Technik zu schaffen, das Laden der Akkus auf dem Boot war problematisch und die Drohne bei den starken Winden permanent gefährdet. Doch irgendwie hat Jochen allen Widrigkeiten getrotzt! Das Ergebnis seiner Arbeit seht ihr hier, und es zeigt Feuerland viel besser als ich es beschreiben könnte. Und ich hoffe, dass auch ein wenig klar wird, was den Reiz einer solchen Reise ausmacht, die zugegebenermaßen etwas verrückt erscheint…

Offwidth - gefürchtete Risse

Offwidth – die gefürchteten Risse, aber warum?

30. Januar 2017
Bergfreunde Pro-Team

Offwidth-Klettern: Vielen Sportkletterern zieht es schon bei der Vorstellung in der fünften Seillänge kaum gesichert über dem Boden zu hängen, den Magen zusammen. Auf die Frage: „Wer muss diese Länge Vorsteigen?“ folgt deshalb häufig betretenes Schweigen.

Denn nicht nur sind Offwidth-Strecken kaum abzusichern, die schmalen Grade in der Felswand, sind selbst für erfahrene Kletterer eine Herausforderung. Bewaffnet mit dem einen großen Cam – denn mehr will man aus Gewichtsgründen auch nicht mitnehmen – klemmt man sich in Ritzen, nie sicher, wo der Fuß den nächsten Halt findet, oder wie man überhaupt oben ankommen soll.

Eine Gruselvorstellung, solche Höhen mit nur einem Sicherungspunkt zu erklimmen. Aus lauter Verzweiflung dient dann der einzige Camalot irgendwann nicht nur noch als Sicherung, sondern auch als Fortbewegungsmittel. Kaum mehr als richtiges Klettern zu bezeichnen, ist es eher der verzweifelte Versuch, die eigene Angst zu überwinden.

Das sind Vorstellungen, die wahrscheinlich so mancher europäischer Kletterer kennt. Und auch mir ging es lange so und ich war froh, wenn die Offwidth-Längen beim Vorsteigen nicht mir zufielen. Bis jetzt! Ich habe mich von dieser Furcht kuriert! Und zwar auf die harte Weise, in dem ich Offwidth geklettert bin.

Offwidth – aller Anfang ist eng

Angefangen hat alles in Südfrankreich, nicht gerade die Region, die man mit Rissen und noch weniger mit Offwidth-Kletterei verbindet. Doch es gibt dort das kleine verschlafene Dörfchen Annot, das von diesen gruseligen Linien überschattet wird. Vor Ort treffen wir Freunde an, die riesige Camalots am Gurt haben und damit versuchen, einen Offwidth zu bändigen – was auch meine Neugier weckt. Also los, die überdimensionalen Klemmgeräte an den Gurt geclippt und dann alles was geht in diesen Riss stecken, der zu breit für meine Hände, aber zu schmal für meinen Körper ist. Quetschen, Zwängen und Schieben um irgendein Körperteil zu verklemmen und dann der Aha-Effekt: Es geht doch! Also gleich in den nächsten längeren Riss: Etwas gruseliger und ich muss meinen Mut zusammen nehmen, aber nach geduldiger Zentimeterarbeit, komme ich oben an. Also sind diese Monster doch kletterbar und gar nicht so schlimm. Die Angst ist genommen!

Dann geht es nach Indian Creek, wo es unzählige Routen dieser Kategorie gibt, um die die meisten Kletterer jedoch einen großen Bogen machen. Aber ich bin voller Motivation, denn „ich kann ja jetzt Offwidth klettern“, denke ich mir zumindest. Wie alle Risse in Indian Creek, sind auch die fetten Risse hier viel glatter und unausweichlicher als die, die ich aus Europa kenne. Egal, rein, mit allem was geht: Knie, Oberschenkel, Schultern, Arme und vielleicht auch ein bisschen den Kopf verklemmen. Die Amerikaner belächeln mich, wenn ich beide Risswände nach außen wegpresse und versuche mich so hochzuarbeiten: „European Style“, bekomme ich zu hören. Ständig verklemmt sich das Seil unter meinem Bein oder Füßen und dann komme ich nicht weiter, ätzend! Aber nach hartem Kämpfen komme ich doch noch oben an. Danach bin ich ganzkörper-platt, übersät mit blauen Flecken und mein Sicherer ist froh, nach stundenlangem Aufpassen endlich erlöst zu sein. Trotzdem muss ich wieder und wieder einen Offwidth versuchen – doch warum? Schwere Frage. Suche ich den Schmerz? Nicht wirklich, aber es macht einfach Spaß – zumindest, wenn man wieder unten ist, dann sind nämlich plötzlich alle Strapazen vergessen.

Wie immer: Übung macht den Meister

Es bleibt immer ein Kampf, aber ich lerne immer mehr Tricks, um die Zeit für meinen Sicherer zu verkürzen. So ist es tatsächlich einfacher, die Cams nach oben hin mitzuschieben, denn beim Darübersteigen passiert es teilweise, dass man sie mit dem Fuß versehentlich rauskickt. Die dabei anzuwendende Technik lautet: Die Cams jeweils mit einer 60 cm Schlinge zu verlängern. Das erleichtert mir das Klettern, spart Kraft und schont vor allem meine Zähne. Diese habe ich vorher benutzt, um das Seil hochzuhalten während ich den Cam weiterschob. Nicht zu empfehlen!

Übrigens helfen die Butterfly-Methode (mit beiden Händen in den Riss spreizen), die Double-Fist Technik (sich mit beiden Fäusten verklemmen) – oder eine Mischung aus Beidem – dabei, sich nicht direkt als Europäer zu enttarnen. Die Erkenntnis daraus: Diese speziellen Techniken sind tatsächlich hilfreich, auch wenn ich es am Anfang nicht glauben wollte! Die Offwidth-Klettereien bleiben anspruchsvoll und jede ein Kampf für sich. Aber mittlerweile mache ich keinen Bogen mehr drum herum, sondern gehe selbstbewusst darauf zu – und bei der nächsten Mehrseillänge übernehme ich freiwillig deren Vorstieg. Warum also diese Riesen so fürchten? :-)

Fünf Zinnen Titelbild

Fünf-Zinnen-Überschreitung von Ost nach West

25. April 2017
Bergfreunde Pro-Team

Wie viele Gipfel haben die Drei Zinnen? Keine Ahnung, aber es sind sicher ein paar mehr als drei. Blickt man auf die berühmte Nordseite – am besten genau von Norden – sieht man fünf markante Klettergipfel und, etwas zurückversetzt, die westlichen Ausläufer der Gebirgsgruppe. Das lädt zum „Drüberrumpeln“ ein, finde ich. Jedenfalls stehen Xari und ich jetzt unter der Nordostwand des Preußturms, mit dem Plan, die „Fünf Zinnen“ zu überschreiten. Es ist Ende August. Vor uns liegt ein Tag mit bestem Sommerwetter – und eine lange, lange Tour… Los geht’s! Ich starte in den Preußriss, den wir in einer langen Seillänge klettern, gleichzeitig, mit 50 m Seil zwischen uns. So kommt man gut voran. Außerdem hat Xari seine Ruhe und bleibt von den Erzählungen aus meiner Jugendzeit verschont. Erst am Gipfel treffen wir uns wieder und seilen ab in Richtung Punta di Frida, unserem nächsten Ziel.

Geröll und Greise

Franz-Xaver Mayr, genannt Xari, 21 Jahre alt, wurde im Wettersteinbruch groß – nur im übertragenen Sinne – was ihm allerdings an der Punta di Frida zugutekommt: Der Fels ist eher schlecht, ich glaube überall, aber ganz besonders, wenn man nicht den besten Weg trifft. Wir wursteln uns durch die Nordwand (Dülfer-Führe), klettern über den Gipfel und sind am Ende erleichtert, als der Bruchhaufen hinter uns liegt. In der klassischen Innerkofler-Führe an der Kleinen Zinne ist dann wieder normales Klettern angesagt – also mehr oder weniger normal – denn erneut klettern wir die ganze Route in nur einer Seillänge.

Über die Abseilpiste in der Westwand und die Schlucht zwischen Kleiner und Großer Zinne erreichen wir den Einstieg der Dibonakante. Es ist zehn Uhr und in der Tour herrscht reger Betrieb. Xari übernimmt die Führung. Es gilt nun, an den anderen Seilschaften vorbeizusteigen, ohne sie zu gefährden oder auszubremsen. Aber die Leute sind alle gut drauf und wir passen aufeinander auf. Wir treffen zwei Opis aus Österreich, über 70 Jahre alt, die zusammen klettern. Respekt! Weiter oben unterhalte ich mich am Standplatz mit einem Südtiroler. Er zeigt auf die Menschenmassen am Paternsattel: „Die warten alle darauf, in die Dibona einsteigen zu können“. Beste Stimmung also, genau wie am Gipfel, wo wir Hans Kammerlander treffen. Er gibt uns noch Tipps für den Weiterweg und wir machen ein paar Gipfelbilder mit ihm. Xari hat seine neue Knipse dabei, vor der Tour noch schnell aus dem Karton geholt. Die Bedienung ist einfach, aber wie wir später feststellen sollen: ohne Speicherkarte gibt’s auch keine Bilder…

Abstieg von der Großen Zinne

Wir folgen dem Normalweg, queren die Südwand Richtung Westen, steigen eine Rinne ab, die nächste wieder hoch und zuletzt durch eine wenig einladende Schlucht nach Norden, zum Einstieg der Demuthkante. Die Route ist sehr schön, auch wenn ich im Mittelteil etwas vom Weg abkomme. Doch wir treffen die richtige Route bald wieder und Xari führt den Rest. Am späten Nachmittag stehen wir dann auf dem Gipfel der Westlichen Zinne. Hinter uns liegen rund 60 Seillängen Kletterei, überwiegend im 4. und 5. Schwierigkeitsgrad, teils auch leichter. Und natürlich ein paar Abstiege, die auch nicht ohne sind.

Das mag jetzt vielleicht nach einem besseren Wanderausflug klingen, aber ich finde, in den Dolomiten muss man in diesen Graden schon klettern, und das am besten ohne herunterzufallen. Wie auch immer, wir sind guter Laune und auch nicht besonders erschöpft. Meine konsequente Vorbereitung hat sich also gelohnt: Strandurlaub an der Ostsee und ein paar Touren in der heimatlichen Kletterhalle… Aber ok, wir müssen auch noch runter. Also nochmals konzentrieren. Der Normalweg schlängelt sich elegant durch ein Labyrinth aus Türmen, Bändern und Schluchten. In Gedanken ziehe ich den Hut vor der Leistung des Bergführers Michel Innerkofler, der diesen Weg im Sommer 1879 ausgetüftelt hat. Und ich denke an den Belgier Claude Barbier, der die fünf Gipfel 1961 an einem Tag bestieg, im Alleingang, über Nordwandrouten…

Fazit

Die Fünf-Zinnen-Überschreitung von Ost nach West ist eine logische und empfehlenswerte Traverse, deren Schwierigkeit und Länge je nach Auswahl der einzelnen Routen natürlich recht unterschiedlich ausfallen kann. Bei der hier beschriebenen Variante ist die Felsqualität überwiegend gut und die Kletterei lohnend – abgesehen von der Überschreitung der Punta di Frida. Hier gilt es gut aufzupassen, auch um möglichst keine Steine zu lösen! Die Abstiege nach Norden durch die Schluchten sind gefährlich, besonders wegen möglichem Steinschlag. Dort nicht trödeln!

Wir waren insgesamt rund 13 h unterwegs. Allerdings war das Gelände für Xari im Wesentlichen Neuland und ich kannte auch nicht alle Routen im Detail. Und wir sind, abgesehen von einer Erkundungstour am Vortag, nie zuvor zusammen geklettert. Eine schnelle, ortskundige Seilschaft sollte also zum Kaffeetrinken zurück sein, alle anderen packen besser die Stirnlampen ein. Wir hatten am Vortag zwei Depots angelegt, unter der Kleinen Zinne Westwand und am Einstieg der Demuthkante. Stilistisch natürlich nicht perfekt, aber wir wollten möglichst leicht klettern.

Zuletzt noch eine Bewertung des Kletterpartners, speziell für die Mädels: Xari ist sehr nett und klettert gut – ein süßer, süßer Junge, wie Pep Guardiola sagen würde. Bei den Kochkünsten und Leistungen als Fotograf gibt es zwar noch Luft nach oben, aber darüber kann man schon mal hinwegsehen. Nach einer coolen Tour sowieso. Deshalb von mir fünf von fünf Sternen!

Materialempfehlung

Unser Zeitplan

  • Start der Tour mit Einstieg Preußriss: 6:15
  • Gipfel Preußturm: 7:04
  • Gipfel Punta di Frida: 8:28
  • Gipfel Kleine Zinne: 9:10
  • Einstieg Dibonakante: 10:05
  • Gipfel Große Zinne: 12:16
  • Einstieg Demuthkante: 14:00
  • Gipfel Westliche Zinne: 17:09
  • Zurück am Parkplatz, Ende der Tour: 18:52
  • Gesamtzeit: 12h37
Bergfreunde

Ortler Nordwand solo – und ein paar Gedanken drum herum

25. April 2017
Bergfreunde Pro-Team

Der Ortler gilt als der höchste Berg Südtirols und unter Bergsteigern als eines der bedeutendsten Gipfelziele der Ostalpen. Alle Routen zum Gipfel sind anspruchsvolle Hochtouren, von denen der Weg von Norden die am meisten begangene ist, zumal sie durch atemberaubend schöne Hochgebirgslandschaft führt. Unterschätzen darf man die Tour auf diesen Fast-Viertausender jedoch auf keinen Fall.

Bergfreunde.de ProTeam-Mitglied Fritz Miller berichtet von einer schnellen Begehung der höchsten Eiswand der Ostalpen und warum es sich lohnt, auch mal Gas zu geben.

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Drei Zinnen, zwei Klettertage, vier Nordwandklassiker

25. April 2017
Bergfreunde Pro-Team

An nur einem Tag begehen Fritz Miller und Flo Böbel die Nordwand-Trilogie der Drei Zinnen. Die drei klassischen Nordwandrouten sind „Cassin“ an der Westlichen Zinne, „Comici“ an der Großen Zinne und „Innerkofler“ mit Nordwandeinstieg an der kleinen Zinne. Der markante Gebirgsstock in den Sextner Dolomiten befindet sich an der Grenze zwischen den italienischen Provinzen Belluno im Süden und Südtirol im Norden und ist das Wahrzeichen der Dolomiten.

Trotz Anfangsschwierigkeiten und schwerem Gewitter haben die Zwei die Trilogie innerhalb 12 Stunden hinter sich gebracht. Wie sie das geschafft haben, berichtet Euch Bergfreunde.de ProTeam-Mitglied Fritz Miller selbst.

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