Plastikfreie Alternativen für Outdoor-Bekleidung

23. Oktober 2019

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Da wir im Zeitalter der schwammigen Begriffe leben, zunächst mal eine Klarstellung: Wenn von „plastikfrei“ die Rede ist, werden damit oft ähnliche Attribute wie „umweltfreundlich“ und „nachhaltig“ verbunden. Dabei geht es hier „nur“ um die Abwesenheit von Synthetikstoffen auf Basis von fossilem Mineralöl. Zwar hat „plastikfrei“ eine Schnittmenge mit „nachhaltig“ und „umweltfreundlich“, ist aber nicht gleichzusetzen.

So gibt es mittlerweile viele Outdoor-Kleidungsstücke, die man als nachhaltig bezeichnen kann, die aber nicht plastikfrei sind. Und es gibt Produkte, die sind nachhaltig im Sinne von langlebig, aber im strengen Sinne nicht umweltfreundlich, da sie letzten Endes doch irgendwo „endgelagert“ werden müssen. Last but not least gibt es zahlreiche plastikfreie Shirts und Shorts, die alles andere als nachhaltig und umweltfreundlich sind, weil die Anbaumethoden von Baumwolle auch nicht immer die besten sind.

Soweit alles klar? Oder war das jetzt erst richtig verwirrend? Dröseln wir das Ganze mal etwas auf, dann wird die Klarheit schon kommen.

Was bedeutet „plastikfrei“?

Patagonia ist eine der Marken, die sowohl Stoffe recyceln, als auch ihre Produkte so herstellen, dass sie wieder recycelt werden können.

Wirklich plastikfrei sind Outdoorklamotten nur, wenn sie keinerlei Polyester, kein Polyamid (Nylon), kein Polypropylen und auch sonst kein Poly-irgendwas enthalten. Nur pflanzliche Naturfasern und tierische Stoffe wie Wolle und Leder sind „zulässig“ – auch wenn bei letzteren gleich die nächsten Ethik- und Umwelt-Tretminen lauern – aber das ist ein anderes Thema.

Das Problem: Ab einem gewissen Funktionalitätsanspruch geraten die Naturstoffe an Gewichts- und Bezahlbarkeitsgrenzen und bieten keine Alternative mehr. Deshalb ist auch der Großteil der als nachhaltig geltenden Outdoorbekleidung aus Chemiefasern hergestellt. Hier landet man letztlich bei der altbekannten Diskussion, wie viel Funktionalität man im Einzelfall „braucht“ (dazu am Ende des Artikels mehr).

Hauptnachteile der Synthetikfasern sind der hohe Energieverbrauch bei ihrer Herstellung und die äußerst langsame Zersetzung nach ihrem „Lebensende“. Letzteres Problem kann durch Recycling nur teilweise entschärft werden. Zwar bieten viele Hersteller Kleidung mit recycelten Kunstfasern an, doch nur Wenige konstruieren ihre Produkte so, dass sie ihrerseits (vollständig) recycelbar sind (z.B. Patagonia oder Pyua). Auch tragen recycelte Kunstfasern nicht zur Lösung des Mikroplastik-Problems bei (dem wir als „Endverbraucher“ allerdings mit einem speziellen Waschbeutel wie dem Guppy-Friend beikommen könnten).

Exkurs: PFC-frei ist nicht plastikfrei

PFC-Freiheit in Textilien und Imprägnierungen ist ein großes Thema und ein Umweltfortschritt, sagt aber nichts darüber aus, ob Stoff oder Imprägnierung natürlich oder synthetisch ist. Es gibt aber mittlerweile eine komplett natürliche „Bioimprägnierung“ namens Ecorepel Bio. Diese Schutzschicht basiert auf pflanzlichen, ohne Gentechnik gewonnenen Rohstoffen und versucht, die Kutikula von Pflanzen für die Outdoor-Jacke nachzubilden. „Die Kutikula ist die äußerste Wachsschicht von Pflanzenblättern, die sie vor unkontrollierter Verdunstung und Regen schützt.“

Es gibt also viele Annäherungen an das plastikfreie und umweltfreundliche Ideal. Doch gibt es auch hundertprozentige Umsetzungen, die hohe Funktionalität bieten?

Welche „wirklich natürlichen“ Materialien gibt es?

Wie oben erwähnt, ist die Auswahl an Naturmaterialien für Outdoortextilien relativ klein. Neben den tierischen Stoffen Leder und Wolle (Seide kann man hier vernachlässigen) gibt es noch die pflanzlichen Stoffe Baumwolle und die Regeneratfasern. Letztere sind „chemische Naturfasern“ wie Viskose, Modal und Lyocell (die wir hier im Blog schon vorgestellt haben). Sie bestehen aus mehr oder weniger verholztem Pflanzenmaterial, das in chemischen Bädern eingeweicht und aufbereitet wird.

Wolle: nur Unterwäsche und Norwegerpullis?

Wolle ist zwar frei von Synthetik, allerdings stellen sich hier wiederum Fragen bezüglich der Ethik und der nachhaltigen Produktion.

Wolle, insbesondere Merinowolle ist bekanntlich eine praktikable und angenehme Möglichkeit für funktionale Textilgewebe. Ihre Herkunft und Gewinnung ist ökologisch gesehen sicher dem Erdöl überlegen. Aber sie ist relativ teuer („freikaufen“ für Privilegierte?) und vom ethischen Standpunkt her bei zweifelhafter Tierhaltung auch nicht immer unbedenklich, auch wenn das Thema Mulesing in der Outdoor-Branche kaum noch eine Rolle spielt.

Es sind überwiegend die weniger aufwändigen Baselayer-Textilien, die zu 100 Prozent aus (Merino)Wolle bestehen. In funktionalen Kleidungsstücken der mittleren und äußeren Bekleidungsschicht ist zwar immer häufiger Wolle enthalten, jedoch nur in Anteilen. Zwar kann eine reine Wolljacke eine durchaus mit einer Softshell– oder Fleecejacke vergleichbare Funktionalität zeigen, doch eine Hardshelljacke kann sie nicht ersetzen. Die Grenzen liegen hier beim Nässeschutz und bei der Waschbarkeit.

Meist sind zudem die Nähte aus Nylon oder anderen Kunststoffen, da sie deutlich strapazierfähiger sind. Daher: Obacht beim Kompostieren! ;)

Ist Baumwolle die plastikfrei-funktional-Lösung?

Als alleiniges Material wird Baumwolle ebenfalls fast nur in weniger funktionalen Shirts und Textilien für leichte Freizeitaktivitäten verarbeitet. Löblicherweise verwenden immer mehr Hersteller ausschließlich Bio-Baumwolle. Zu diesen Herstellern gehört die schwedische Marke Fjällräven, die schon seit langer Zeit für ihre G 1000 Baumwolle bekannt ist. Diese ist ein dicht gewebter Stoff, „der sich dank Greenland Wax an verschiedene Witterungsbedingungen anpassen lässt“. Der Stoff ist atmungsaktiv, kann mit der richtigen Pflege viele Jahre überdauern und ist in fünf Ausführungen mit verschiedenen Schwerpunkten erhältlich (Leichtigkeit, Robustheit, Geschmeidigkeit, …). Klingt super, nur ist G1000 eben keine reine Baumwolle, sondern besteht zu 65 % aus Polyester.

Marken wie Fjällräven arbeiten mit Bio-Baumwolle und anderen natürlichen Materialien. Allerdings sind trotzdem kaum Artikel plastikfrei.

Ähnlich sieht es bei anderen Herstellern aus, die Naturfasern verarbeiten. Deren Baumwolle ist besonders eng gewebt und mit ökologischen Imprägnierungen versehen. Die Kleidungsstücke sind dann wasserabweisend, aber für volle Wasserdichtigkeit reicht es nicht. Laut dem Nachhaltigkeitsportal Utopia reichen diese Jacken für die Stadt oder gelegentliche Wanderungen aus. Man findet im Utopia-Artikel auch gleich einige Kaufvorschläge, deren Nachhaltigkeit sich allerdings auch im Preisniveau widerspiegelt.

Eine tatsächlich wasserdichte und funktionale Outdoorjacke aus 100 % Biobaumwolle ohne Chemikalienzusatz gab es bisher wohl nur versuchsweise von einem kleinen Unternehmerprojekt namens N2R aus Italien. Die N2R Jacke wurde von 2014 bis 2016 auf der Fundraising-Seite der Projektbetreiber angeboten. Es gab mehrere Varianten, die preislich zwischen 250 und 550 Euro lagen. Allem Anschein nach ist die Produktion nicht über den Anfangsstatus hinausgekommen.

Noch Zukunftsmusik: öko, voll funktional und preiswert

Es gibt also noch nicht viel „Zählbares“ in Sachen Baumwolle und Outdoorfunktion. Dennoch spielt das Thema laut Onlinemagazin der Outdoor-Messe ISPO eine große Rolle. Und nicht nur das, unter der Schlagzeile „Baumwolle erobert den Performance-Sektor dank neuer Technologien“ sieht man sogar einen unaufhaltsamen Siegeszug kommen. Dabei wird eine beeindruckende Zahl an High-Tech-Begriffen eingeführt, die alle gut klingen, von meiner Seite aus aber nicht einzuschätzen sind. Auch bleibt offen, wie lange diese Innovationen bis zur Serienreife mit „massentauglichen“ Preisen noch benötigen. Hier ein komprimierter Überblick:

Funktion und Gewichtsreduktion mit neuer Hohlfaser-Technologie: SolucellAir heißt die patentierte Technologie, die innerhalb des Baumwollgarns einen hohlen Kanal schafft und damit Baumwollstoffe zu Funktionskleidung mit höherem Tragekomfort macht. Der hohle Kernbaumwollstoff ist leicht, langanhaltend weich, bietet ein gutes Feuchtigkeitsmanagement und trocknet schnell. Das Ganze kommt ohne Finish oder andere chemische Behandlungen aus.

Atmungsaktiv und trocken mit Dry-Inside: Konkurrenzfähige Atmungsaktivität und effektiver Feuchtigkeitstransport bei geringer Reibung und weicher Haptik soll durch die Dry-Inside-Technologie der Firma Nanotex erreicht werden. Labortests zeigen laut ISPO eine beachtliche funktionale Performance, die der von Polyester sogar überlegen scheint. Allerdings handelt es sich, wie der Firmenname schon verrät, um Funktionen auf Basis von Nanotechnologie, deren ökologische und gesundheitliche Unbedenklichkeit nicht als gesichert gelten kann.

Gut imprägniert mit Naturally Clean und DropelTech: Die portugiesische Textilspinnerei Tintex hat einen kosten- und ressourceneffizienten Finishing-Prozess in ihre Kollektion eingearbeitet, der saubere Oberflächen und lebhafte Farben ohne aggressive Behandlungen erreicht und sich angenehm glatt anfühlt. Ein ähnliches Finish hört auf den Namen DropelTech. Es ist bluesign-akkreditiert und verschafft Naturfasern ähnliche wasser- und schmutzabweisende Eigenschaften wie Synthetikstoffen, ohne die Weichheit und Atmungsaktivität zu beeinträchtigen.

Merinowolle ist zwar optimal für Funktionsunterwäsche, aber bei allem was drüber gezogen wird, wird es schon schwieriger.

Zu diesen hauptsächlich auf technische Funktionalität ausgerichteten Innovationen kommen noch eine Reihe Maßnahmen, die auf Nachhhaltigkeit und Effizienz zielen:

US-Unternehmensplattform für neue und nachhaltige Technologien und Funktionen: „What’s New in Cotton?“ heißt die Plattform US-amerikanischer Baumwollunternehmen, die Innovationen der Baumwoll-Funktionalität vorantreiben will.

Volle Rückverfolgbarkeit mit Fibretrace: Diese Technologie „bettet Markensignaturen in Fasern ein, so dass die vollständige Nachverfolgbarkeit über die gesamte Lieferkette hinweg gewährleistet ist. Die Kombination aus patentierter Faser- und Lasertechnologie bietet Marken ein komplettes Schloss-Schlüssel-System und bietet umfassende Transparenz.“

Weniger Produktionsschritte und Wasserverbrauch durch Zero-D Reactive Pigment: Durch „reaktiven digitalen Pigmentdruck des Designs und robuste Farben“ wird hier „alles in einem Prozess erstellt. Es wird nur so viel Wasser gebraucht, wie auch in einem herkömmlichen Textilfärbeverfahren und kein Abwasser erzeugt.“ Dieser Digitaldruck soll waschbeständig sein und kann auch für andere natürliche Fasern angewandt werden.

Welche Lösungen funktionieren hier und jetzt?

Wie wir sehen, ist im Bereich Naturmaterialien und Outdoorfunktionalität viel Bewegung, doch noch können wir nicht alle Funktionen und schon gar nicht zu günstigen Preisen haben. Wir können uns aber die Wartezeit mit guten Zwischenlösungen versüßen. Wobei „Zwischenlösung“ nicht bedeuten soll, das Teil in die Recyclingtonne zu kloppen, sobald das Baumwollwunder da ist. Nein, die „Kompromissjacke“ darf und soll durchaus lange halten.

Bedarf und Kaufentscheidung

Muss es immer das High-Tech-Teil sein? Oder reicht die Jacke aus Naturfasern für meine Outdooraktivitäten aus?

Wie findet man diese möglichst plastikfreie Ideal-Outdoortextilie? Indem man sich zunächst selbst ein paar einfache Fragen stellt und so womöglich herausfindet, dass Naturfaser mit Imprägnierung voll ausreicht. Wofür brauche ich das Teil wirklich? Wenn ich damit zu 95 % im Alltag unterwegs bin und pro Jahr vielleicht zwei Bergwanderungen damit mache, reicht dann nicht eine imprägnierte (Baum)Wolljacke? Wie war das eigentlich bei den Menschen, die vor 30 Jahren mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren sind und auch mal bei Wind und Wetter draußen waren? Der heutigen Durchschnittskleidung nach ist ja kaum vorstellbar, wie die das überlebt haben…

Man kann sich auch bewusst machen, dass totale Wasser- und Winddichtigkeit für Aktionen gedacht sind, bei denen es nach dem Regenguss keine Möglichkeiten zum Trocknen und Aufwärmen gibt. Wer im städtischen Alltag oder im Naherholungsgebiet unterwegs ist, hat diese Möglichkeiten normalerweise um die Ecke. Und wer beim Weg von oder zur Arbeit nicht hermetisch geschützt ist und ein bisschen nass wird, muss im Büro oder daheim keine schlimmen Kälteschäden fürchten. Vielleicht reicht es ja, einen Ersatzpulli oder ein Handtuch einzustecken. Für die Hose jedoch, die beim Radeln deutlich stärker nass wird, kommt man um eine Plastiklösung wohl nicht herum. Da kann allerdings auch ein simples Stück Tüte ohne 3 Lagen und Membran gute Dienste leisten.

Abschließend nochmal kurz in den Worten der Nachhaltigkeitsutopi(a)sten: „Um die Umwelt nicht unnötig zu belasten, sollte man sich bei jedem Kauf beraten lassen, welche Produkte und Funktionen man wirklich benötigt – und den gesunden Menschenverstand einsetzen.

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