Portrait Phunjo Lama

In 38 Stunden auf den höchsten Gipfel der Welt

19. Juli 2018

Sportart

Ich,  Phunjo Jhangmu Lama, 33 Jahre alt, startete meine Mount Everest Expedition am 13. April 2018, beginnend von Kathmandu nach Lukla, per Helikopter. Lukla ist der höchste Flughafen der Welt, auf 3500 Meter gelegen. Von Lukla aus ging meine Tour zu Fuß weiter nach Namche, von Namche nach Dingboche, dann nach Lobuche, wo ich am 18. April 2018 im Mount Everest Base Camp ankam. Mein ambitioniertes Vorhaben war in maximal 20 Stunden vom Base Camp aus den Gipfel des höchsten Berges der Welt über die Südroute zu erreichen…

Jedes Abenteuer beginnt mit dem ersten Schritt

Wie es unsere buddhistische Tradition vorgibt, hielten wir zunächst eine religiöse Puja-Zeromonie ab, bevor wir in die gefährliche Route über den „Icefall“ aufbrachen. Sie wird von buddhistischen Mönchen abgehalten und dient dazu, die Götter gnädig zu stimmen und für einen sicheren Aufstieg zu bitten.

Nach Beendigung stieg ich zum Camp 2 auf und erreichte es nach ein paar Stunden. Am selben Tag stieg ich wieder zum Base Camp ab und verblieb eine Weile dort, um mich zu akklimatisieren. Die Höhenkrankheit wollte ich natürlich vermeiden.

Am 28. April ging es wieder zum Camp 2 und einen Tag später zum Camp 3. Dort angekommen machte ich mich nach einer Pause wieder an den Abstieg zum Camp 2, da das Wetter im Camp 3 keinen weiteren Aufstieg erlaubte.

Portrait Phunjo LamaAm darauffolgenden Tag entschied ich mich, ins Base Camp zurück zu kehren, um danach nach Kalopathar Pumari aufzubrechen. Dort gibt es ein alternatives Hochcamp, mit einer hoffentlich besseren Wetterlage. Und ich sollte Glück haben.

Das Wetter besserte sich tatsächlich, sodass ich am 15. Mai 2018 doch wieder ins eigentliche Everest Base Camp zurückkehrte.

Es wird ernst…

Dort waren an diesem Tag bereits ein Beauftragter der internationalen „Mountain Guide“ Vereinigung und ein nepalesischer Regierungsbeamter anwesend, um ganz offiziell meine Zeit zu stoppen. Als Begleiter wurde wurde mir Passang Lama zugeteilt, ebenfalls ein Bergsteiger aus dem Volk der Sherpas. Seit ein paar Jahren sind Solobesteigungen nicht mehr erlaubt, da sich die Todesfälle bei Alleingängen häuften, nicht zuletzt auch, wegen der meist nicht vorhandenen Möglichkeit einen Notruf abzusetzen, wenn der Bergsteiger alleine unterwegs war.

Um 15:31 Uhr Ortszeit startete ich meinen Versuch. Mein erstes Ziel war es, das Camp 2 in fünf Stunden zu erreichen. Auf dem Weg zu Camp 1 fiel mein Begleiter Passang Lama unglücklicherweise von einer zu überquerenden Leiter.

Er trug zum Glück keine Verletzungen davon, aber bis ich ihn aus der misslichen Lage befreien konnte, dauerte es ca. 20 Minuten bevor wir unseren Aufstieg zum Camp 2 fortsetzen konnten. Das Zeitlimit, das ich zu erfüllen gehabt hätte, war somit um schon um knapp 15 Minuten überschritten. Wir erreichten das Camp 2 um 18.45 Uhr Ortszeit und nicht wie geplant um 18.30 Uhr Ortszeit.

Im Camp 2 erhielten wir während unserer Pause ein Nachtessen, danach wechselten wir unsere Bekleidung und gingen um 21.40 Uhr Ortszeit Richtung Camp 3.

An der Westflanke des Lhotse, der sogenannten „Lhotse Face“, starteten wir mit dem Zuführen von Sauerstoff, da das Atmen immer schwerer wurde. Unglücklicherweise stellte sich heraus, dass die Sauerstoffmaske meines Begleiters defekt war. Ohne diesen benötigten Sauerstoff, war es ihm fast unmöglich weiter zu gehen, da jeder Schritt zur Qual wurde.

Natürlich ließ ich ihn immer wieder von meinem Sauerstoff atmen, was jedoch das Problem des weiteren Aufstieg nicht löste. Darum versuchte ich alles, um seine Maske zu reparieren, leider ohne Erfolg. Es war ca. 22.30 Uhr Ortszeit und schon tiefe Nacht.

Wie geht es weiter?

Wir hatten in diesem Moment keine Möglichkeit Hilfe anzufordern, wir waren ganz alleine und auf uns gestellt. Meine Gedanken waren konfus und ich war unsicher, wie ich für das weitere Vorgehen entscheiden sollte, vor allem in Anbetracht der Gefahr für meinen Begleiter und mich.

Auf der einen Seite wollte ich meinen Rekordversuch natürlich nicht aufgeben, auf der anderen Seite wollte ich Passang nicht alleine lassen.

In einer solchen Höhe – wir befanden wir uns knapp bei 7000 Meter – ist das Denken trotz zugeführtem Sauerstoff enorm eingeschränkt. Es erfordert eine enorme Willenskraft, Entscheidungen überhaupt treffen zu können.

Wir sprachen uns ab und wir entschieden uns zunächst dafür, dass ich alleine weitergehe und er langsam nachkommt – so wie es ihm ohne zusätzlichen Sauerstoff möglich ist.

Doch das schlechte Gewissen plagte mich. Während meines Aufstiegs fühlte ich mich so schlecht, dass meine Gedanken Karussell fuhren. Was könnte alles mit ihm passieren, jetzt wo er alleine unterwegs ist. Ich konnte zu dem Zeitpunkt nicht mehr unterscheiden, was richtig oder falsch war. Sollte ich weiter versuchen, mein Ziel zu erreichen oder meinen Begleiter in ein sicheres Umfeld bringen?

Der läuft nicht weg!

Portrait Phunjo Lama

Besser dabei: Eine funktionierende Sauerstoffmaske

Während des weiteren Aufstiegs klärten sich meine Gedanken und ich kann zu dem Entschluss, dass der Mount Everest auch noch in vielen Jahren da stünde, aber das Leben meines Begleiters im Zweifel nicht und dass dies eine Schuld wäre, die ich nicht tragen wollte.

So entschloss ich mich, auf ihn zu warten und eventuell einen Notruf abzusetzen, falls er es nicht bis zu mir schaffte. Meine „Gebete“ wurden erhört und er kam langsam seines Weges – bei guter Gesundheit.

Nach einer Pause stiegen wir gemeinsam langsam ab Richtung Camp 3. Als es in Sicht kam, ließ ich ihn nochmals zurück um Hilfe zu holen – diesmal ohne schlechtes Gewissen.

Ich weckte meine zwei befreundeten Sherpas Dorje und Pemba auf, um ihnen die Situation zu erklären und um Hilfe zu bitten. Beide machten sich sofort mit einer intakten Sauerstoffmaske auf den Weg zu meinem Begleiter Passang Lama.

Bange Stunden

Nachdem die zwei aufgebrochen waren, hielt ich telefonische Rücksprache mit dem Vorgesetzten meiner Expeditionsfirma. Er riet mir, eine Schweizer Bergsteigerin an meine Seite zu holen, welche mich bei meinem weiteren Unterfangen begleiten sollte. Es schien mir aber zu dem Zeitpunkt nicht die beste Lösung, ich kam mir egoistisch vor sie von ihrer eigenen Tour und Route abzubringen, also entschied ich mich dagegen.

Rat und Hilfe fand ich bei dann bei Dorje (ein anderer Dorje), einem bedachten und erfahrenen Bergführer. Die erklärte Mission, den Gipfel von Camp 3 in fünf Stunden zu erreichen, befand er als möglich und trotz aller vorangegangenen Probleme als durchführbar.

Er bot mir an, mich am nächsten Tag zum Gipfel zu begleiten, falls Passang Lama nicht mehr in der Verfassung wäre an meiner Seite aufzusteigen. Für sein Angebot und seine emotionale Unterstützung war ich ihm sehr dankbar, war er doch auch der Erfahrene und ich die „Erstbesteigende“.

Drei Stunden, nach meiner Ankunft in Camp 3 brachten meine zwei Sherpa-Freunde meinen erschöpften Begleiter Passang Lama ins Camp 3. Seine Sauerstoff Maske war nach wie vor unbrauchbar und es war kein Ersatz im Camp 3 vorhanden.

Somit entschied ich, dass er so schnell wie möglich ins Camp 2 gebracht werden sollte, da dort natürlich mehr Sauerstoff in der Luft vorhanden ist und es zweitens funktionierende Sauerstoffmasken gibt. So könnte er sich optimal für einen weiteren Gipfelversuch erholen.

Frühmorgens am nächsten Tag,  spielten meine Gedanken wieder einmal verrückt und ich war mir nicht sicher, was nun die richtige Entscheidung war: Auf meinen Begleiter Passang zu warten oder den ganzen Aufstieg nochmals vom Start aus in Angriff zu nehmen.

So erhoffte ich mir Hilfe, indem ich meine Familie per Satelliten Telefon kontaktierte. Meine Familie hat zwar nicht viel Erfahrung in Sachen Extrembergsteigen, aber ich fragte sie um Trost und emotionale Unterstützung. Meine Familie war sehr besorgt um mich und sie rieten mir, nicht noch einmal die ganze Tour neu zu starten.

Als einzige weibliche Sherpa meine Heimatdorfs ist meine Familie ohnehin sehr stolz, dass ich es überhaupt versuche – ganz abseits von Rekorden und dem Durchbrechen von irgendwelchen Grenzen.

Die Stunden, die ich darauffolgend auf Passang wartete, kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Die Entscheidung auf ihn zu warten oder doch meinen Weg, zusammen mit Dorje zu gehen, lasteten schwer auf meiner Seele. Die Zeit verging mit zähen Gedanken, Ängsten und Panik. Aber meine Ängste waren alle unbegründet, denn Passang kam in Begleitung anderer Bergsteiger gegen 14.00 Uhr Ortszeit wohlbehalten und ausgeruht im Camp 3 an.

Der nächste Versuch

Im Nachhinein fiel mir auf, dass das größte Problem bei der ganzen Sache die Kommunikation war, denn es gab schlicht und ergreifend keine. Kein Funkgerät, kein Satellitentelefon mit dem ich mich mit Passang hätte verständigen können um eben jene Zweifel und Ängste zu zerstreuen.

Portrait Phunjo Lama

Geschafft – nach mehr als 38 Stunden endlich auf dem Gipfel.

Ich schwor mir das zu ändern, sollte ich je wieder eine solche Tour in Angriff zu nehmen. Das und natürlich für jeden Begleiter eine Ersatzsauerstoffmaske im Gepäck zu haben.

Nun da Passang wieder anwesend war, starteten wir zusammen um 16:00 Uhr Ortszeit vom Camp 3 Richtung Camp 4, wo wir gegen 21 Uhr ankamen. Dort wurden wir mit heißem Tee versorgt und um Mitternacht nahmen wir den weiteren Aufstieg in Richtung Gipfel in Angriff. Passangs neue Sauerstoffmaske war Gott sei Dank in Ordnung und er konnte gut mit meinem Tempo mithalten, da er nun auch  genügend Zusatzsauerstoff einatmen konnte.

Am „Balcony“ auf knapp 8400 m trafen wir weitere Bergsteigerkollegen, die bereits einige Stunden vor uns aufgebrochen waren. Wir waren also recht zügig unterwegs und mein Begleiter Passang zum Glück nach wie vor in guter Verfassung.

Auf dem Dach der Welt

Um 06.26 Uhr Ortszeit erreichten wir dann endlich den Gipfel des Mounts Everest über die Südroute, mit einer Gesamtzeit von 38 Stunden 51 Minuten. Ohne etwas auf die Tube zu drücken benötigt man dafür eigentlich drei bis vier Tage. Wir waren die zwei Einzigen, die den Gipfel an dem Tag von der Südroute aus erreichten, von der tibetischen Seite aus aufgestiegen, waren zwei andere Gruppen, die fast zeitgleich mit uns auf dem Gipfel eintrafen.

Wir verbrachten alle zusammen zwei Stunden auf dem höchsten Gipfel der Welt, bis wir uns wieder an den Abstieg zum Camp 4 aufmachten. Die Freude, als wir wohlbehalten im Camp eintrafen, war groß, ist doch gerade der Abstieg sehr gefährlich und keinesfalls zu unterschätzen. Meine sehr guten Freunde Samantha McMoun und Sherpa Gesman waren vor Freude gerührt, uns wohlbehalten im Camp 4 zu begrüßen. Die Zeit danach verbrachten wir gemeinsam, um über unsere emotionalen Momente der Freude, der Verzweiflung und der Hoffnung zu sprechen.

Samantha und Gesman würden einen Tag später auch in Richtung Gipfel aufbrechen.

Was bleibt…

Portrait Phunjo Lama

Alles heil – die Freude ist groß!

Die Belastungen, die man während einer solchen Expedition erlebt, gehen weit über das körperliche hinaus. Sie erfordert auch emotionale und psychische Höchstleistungen. Es gibt viele Momente der Ohnmacht, man fühlt sich der Natur ausgeliefert und weiß fast zu keiner Zeit, ob man sein Ziel überhaupt erreichen wird. Zu viele tote Körper sind nach wie vor am Wegesrand zu finden, erzählen von tragischen Geschichten und Schicksalen. Keiner von uns Bergsteigern möchte sich dazu gesellen, keiner möchte in Einsamkeit und Kälte seine letzten Atemzüge tun, jeder möchte wieder

gesund nach Hause kommen und seine Liebsten in die Arme schließen.

Ich hatte viel Glück und Hilfe auf meiner Expedition, konnte mein gesetztes Ziel, den Gipfel des Everest zu erklimmen, erreichen. Es gab viele Momente, in denen ich drauf und dran war abzubrechen, Momente der Angst, der Verzweiflung, dann wieder Momente der Hoffnung und schließlich der Willen, es zu schaffen.

Dies nehme ich zum Anlass, mein Erfolg all denen zu widmen, denen es nicht gelungen ist, wieder heil und gesund zuhause anzukommen und all denen die nie die Möglichkeit hatten oder haben, eine solche Tour machen zu dürfen.

Portrait Phunjo Lama

Phunjo wird für ihre Leistung geehrt.

Mein Erfolg und meine Durchhaltekraft soll auch denen dienen, die sich nicht zutrauen eigene Grenzen zu durchbrechen. Nichts ist unmöglich, man muss sich nur trauen es zu versuchen.

Oft ist es nicht das Ziel, dass vermeintlich zu hoch gesteckt ist. Man hat einfach noch nicht den richtigen Weg gefunden.

Phunjo Jhangmu Lama

Anm. der Red.: Phunjo ist die erste nepalesische Frau aus dem Tsum Valley zwischen Manaslu und Ganesh Himal, die den Gipfel des Mount Everest bestieg. Dafür wurde sie vom Tsum Wellfare Commitee, der Nepalesischen Bergsteigervereinigung und dem Ministerium für Kultur, Tourismus und zivile Angelegenheiten im Nachgang ihrer Expedition geehrt.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Caroline sagte am 23. Juli 2018 um 06:49 Uhr

    Danke Jörn, danke bergfreunde.de für die Veröffentlichung ihres Erfolges…. mögen noch viele ihr nacheifern und Gipfel für Gipfel erklimmen….

  2. Jörn sagte am 23. Juli 2018 um 09:09 Uhr

    Gern geschehen, danke für euren Input und alle Gute an Phunjo!

    Liebe Grüße,

    Jörn

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