Jotunheimen: Zwischen Massentourismus und Abenteuer

22. August 2019
Die Bergfreunde

Noch nie hatte ich eine Gegend dermaßen unterschätzt wie das norwegische Jotunheimen-Gebirge. Und das in mehrfacher Hinsicht. Eigentlich wollte ich auch gar nicht dorthin, sondern in eine weniger bekannte Ecke zwischen Fjorden und Gletschern. Erst zwei Tage vor Abreise brachte mich die ernüchternde Wetterprognose für die Westküste zur Umentscheidung.

Jotunheimen war keine „Priorität“ für mich, obwohl es laut Visit Norwayeine nahezu unberührte Bergregion in Ostnorwegen“ ist, die mit dem Galdhøpiggen (2469 m) und dem Glittertind (2464 m) nicht nur die höchsten Berge Skandinaviens, sondern auch „Wasserfälle, Flüsse, Seen, Gletscher und Täler“ beherbergt.

Ich hatte eben ein paar Vorurteile. „Zu voll“ dachte ich sei es im „beliebtesten Nationalpark Norwegens“. Weil auf der Karte wirkte das Ganze irgendwie klein auf mich. Die Höhenunterschiede zwischen Tal und Gipfel erreichen kaum mal irgendwo die Tausend Meter. Zwar gibt es viele schöne Fotos zu googeln, doch nach den Superlativen und Sensationen sucht der Alpinist vergeblich.

Es kommt nicht (immer) auf die Höhe an

Tja, hätte ich mal genauer hingeschaut. Die Wirklichkeit erweist sich als ganz anders. Einmal dort, muss man nicht mal die eng sitzende Alpinistenbrille abnehmen, um sofort zu verstehen, warum diese Landschaft „Heim der Riesen“ heißt. Sie ist ein perfektes Zusammenspiel von Höhe und Weite. Eine wie absichtlich von den nordischen Göttern arrangierte Komposition aus Himmel und Erde, Fels und Eis, Wasser und Schnee, Gras, Flechten, Moos und Blumen. Für die oft atemberaubende Schönheit spielt das Wasser eine entscheidende Rolle: Es bildet nicht nur (schmelzende) Gletscher und Schneefelder, sondern unzählige Seen, die im wechselnden Licht schimmern und glänzen wie Edelsteine. Sie sind der Schmuck, mit dem sich dieses Gebirge so reich behängt wie kaum ein anderes.

Die befürchtete „Überfüllung“

Das „kleine Gebiet“, das ich vorher für Jotunheimen hielt, ist nur die etwa 20 Kilometer durchmessende Kernzone mit touristischen Anziehungspunkten wie dem Gjendesee und den motorisiert erreichbaren Stützpunkten Leirvassbu und Spiterstulen. Insgesamt umfasst das Gebirge jedoch eine Fläche von mindestens 50 mal 50 Kilometern. Selbst wenn an manchen Sommertagen ein paar Tausend Menschen hier unterwegs sind, verteilen sie sich auf eine Fläche von der dreifachen Größe Berlins. Und der Großteil dieser Menschen ist auf Highlights wie dem Besseggen-Grat versammelt …

Die Tour: Durchquerung von West nach Ost

Startpunkt ist Øvre Årdal, ein Städtchen am hintersten Seitenarm des weit verzweigten  Sognefjords. Ich starte hier, weil ich mir von dem ins Meer mündenden Utladalen mit den darüber aufragenden Hurrungane-Bergen spektakuläre Eindrücke erhoffe (und auch bekomme).

Von Øvre Årdal sind es gut zwei Kilometer bis zum Campingplatz Svalheim, auf dem ich einen Erholungstag von der episch langen Anreise aus Süddeutschland einlege.

Tag 1

Erstaunlicherweise hält der Bus, der das Utladalen talaufwärts fährt, hier nicht. So darf ich mich am ersten Tourentag auf gut fünf Kilometern Asphalt warmlaufen, bevor der Wanderweg beginnt. Am engen Boden des schluchtartigen Tals schlängelt er sich dann bis zur Touristenunterkunft Vetti Gard entlang, bevor es steil durch Wald und Unterholz auf die idyllische Hochebene Vettismorki geht. Dort passiert man den beeindruckenden Vettisfossen, mit 275 Metern der höchste unregulierte Wasserfall Norwegens. Erst jetzt öffnen sich nach und nach die Blicke auf umgebende Berge und Landschaften.

Es folgt der nächste steile Anstieg auf das nächste Plateau. Die Blicke auf das gegenüberliegende, schroff gezackte Hurrungane Massiv und den Canyon des Utladalen sind großes Kino. Doch auch die fast 1000 zurückgelegten Höhenmeter machen sich bemerkbar. Nicht zuletzt wegen des Rucksacks, der neben Zelt, Schlafsack und Isomatte auch Proviant für mehrere Tage und ein völlig unnötiges Notebook beherbergt. Es kommen nochmal 300 Höhenmeter hinzu, bevor es auf den letzten Kilometern wieder 400 Höhenmeter zur Hütte Skogadalsbøen hinuntergeht. Die lasse ich links liegen und wandere das sich östlich öffnende Skogadalen hinauf. Ich hoffe, so schnell wie möglich eine geeignete Stelle fürs Zelt zu finden. Ich bin nicht nur total platt und durchgeschwitzt, sondern auch verblüfft, schon 9 Stunden unterwegs zu sein. Dass ich die Länge der Strecke so unterschätze, liegt auch an meiner rudimentären Planung samt improvisiertem Kartenmaterial (mehr dazu im Infoteil unten).

Zum Glück gibt der lichte Wald ein paar Quadratmeter gemütliche Wiese direkt am Fluss frei. Das abendliche Bad darin ist Wellness pur, der Schlaf im luftig-lichten Innenzelt ebenso.

Tag 2

Das Ziel heute lautet „mitten rein“ ins Jotunheimen, was ich irgendwo in der Nähe der Selbstversorgerhütte Olavsbu verorte. Das Skogadalen hinauf geht es in leichtem Anstieg und begleitet von penetranten Pferdebremsen wieder über die Baumgrenze hinaus. Irgendwann soll laut der Linie auf meiner Handyfoto-Karte links der Abzweig nach Olavsbu kommen. Er kommt auch, nur etwa eineinhalb Stunden und eine Flußdurchwatung später als erwartet. Das sehr lange Tal ist schön, bietet aber nicht allzu viel optische Abwechslung. Dafür entschädigt der nun zu überwindende Bergrücken mit umso gewaltigeren Blicken. Ein erster verheißungsvoller Einblick ins Innere des Jotunheimen.

Der Restweg zum auserkorenen Zeltplatz nahe Olavsbu ist ein heiter beschwingtes Schreiten durch erhabene Berglandschaft. Naja, abgesehen von der Schwitzerei. Und diesem bei manchen Rucksackbewegungen gruselig stechenden Schmerz zwischen Nacken und linker Schulter. Und den nicht genug eingesprühten Sonnenbrandstellen, die weiter der knallenden Sonne ausgesetzt sind. Und den jeweils etwas drei bis vier entstehenden Blasen unter beiden Füßen, die ich mit immer mehr Tape einzudämmen versuche. Und war ich etwa schon wieder jenseits der 8 Stunden Marke? Ich bin jedenfalls froh, als es bei Sonnenuntergang endlich in den Schlafsack geht …

Tag 3: Gipfeltag

Ich brauche definitiv einen Regenerationstag ohne den gefühlten Hundert Kilo Rucksack. Es wird eine 5-Stunden Regenerationstour, einen Berg rauf und runter, der mir am Vortag als formschöne und machbar aussehende Pyramide aufgefallen war. Er entpuppt sich tatsächlich als machbar, ziemlich easy sogar. Es ist wohl der erste größere Berg, den ich spontan, ohne vorher überlegte Route und ohne Kenntnis seines Namens besteige. Ein wunderbares Gefühl, vielleicht ein bisschen so wie in alten Pionierzeiten. Vor allem auch deshalb, weil ich den Berg ganz für mich allein habe. Unglaublich eigentlich, an diesem herrlichen Hochsommertag an einem Wochenende, direkt neben einer der „Hauptrouten“ des Jotunheimen. Liegt es daran, dass es keinen markierten Weg gibt? Taucht der Berg in keinem Wanderführer auf? Ich weiß es nicht und es ist mir auch wurscht. Ich genieße zwei Stunden lang die unglaubliche Aussicht auf dem Gipfel.

Zurück am Zelt mache ich einen Abstecher zur benachbarten Hütte. Olavsbu ist unbewirtet aber komfortabel ausgestattet. An der großen Wandkarte im Vorraum sehe ich den Namen und die Höhe „meines“ Bergs: Skarddalstinden, 2100 moh. Dann sah ich noch etwas in der laminierten Preisliste der Hütte: wer sich im Gastraum aufhält, auch nur kurz, hat 90 Kronen zu zahlen. Alles klar, ich bin dann mal weg.

Entscheidungen

Abends steht eine Entscheidung an: der faule, manchmal etwas weinerliche Hund in mir schlägt vor, morgen nach Leirvassbu zu gehen und so binnen einer Tagesetappe die zivilisatorischen Annehmlichkeiten wieder greifbar zu haben. Seine Argumente sind Ausgepumptheit und Wehwehchen. Der neugierige Abenteurer will hingegen nach Osten, wo er große Natureindrücke bei schönstem Wetter verspricht. Die es allerdings nur um den Preis zweier weiterer richtig strammer Marschtage gibt. Okay, nicht ganz, sie könnten mit einer sündhaft teuren Bootsfahrt und/oder dem Auslassen des Besseggengrats enorm abgekürzt werden. Doch das wäre für den Abenteurer ein nicht vermittelbarer Gesichtsverlust. VerdaJommt, können diese inneren Kämpfe nicht mal im Urlaub aufhören? …

Tag 4

Es geht nach Osten, entlang einer Perlenkette an Seen in Richtung der Hütte Gjendebu. Der Weg ist abwechslungsreich mit sich überraschend öffnenden Blicken. Vorbei an einer grandiosen  Hochplateau-Szenerie geht es ins grüne Vesladalen auf den 20 Kilometer langen Gjendesee zu. In Gjendebu mache ich in einem prachtvollen Gastraum Pause, bevor es kurz den Gjendesee entlang und einen supersteilen, teils gesicherten Aufstieg auf das Plateau Bukkelægret hinaufgeht. Auf diesem Plateau hoffe ich den perfekten Zeltplatz zu finden. Und ich finde ihn, wenige Meter von einem glasklaren Seeauge, nicht zu weit vom Weg entfernt und mit freier Traumaussicht in alle Richtungen. Auch der Wunsch nach wenig Wind wird erfüllt. Wieder bin ich verwundert, einen unglaublich schönen Ort für mich allein zu haben. Ich nehme das Geschenk gern an und verbringe die Stunden bis zum Sonnenuntergang mit einem Bad im See, mit Essen, mit Schauen und mit Staunen.

Tag 5

Der letzte Tourentag führt mich auf einen der laut National Geographic „Top 20 Hikes weltweit“: den Besseggen-Grat. Doch zunächst steht der Abstieg nach Memurubu an, dem „offiziellen“ Ausgangspunkt der Tour. Zum Aufwärmen führt der Weg kontinuierlich leicht bergan, um dann einem spektakulär gelegenen Kamm folgend zum steilen Abstiegs-Endspurt nach Memurubu anzusetzen. Memurubu ist ein weiterer Hütten-Gebäudekomplex mit Bootsanleger. Die meisten Besseggengrat-Wanderer steigen hier aus dem Boot und laufen die Tour zurück zum Ausgangspunkt Gjendesheim. Auf die leichten Rucksäcke bin ich neidisch, doch es finden sich auch viele schwer bepackte „Leidensgenossen“ in der Karawane. Ich frage mich, wo sie alle herkommen. Das Kontrasterlebnis in Bezug auf Menschenmengen verglichen mit den Vortagen entspricht ungefähr dem zwischen Einsiedelei und Alexanderplatz.

Doch das soll kein Lamento sein. Im Gegenteil, ich freue mich über freundliche Grüße, beobachte Kinder, Hunde und Selfie-Filmer, die anscheinend zu ihren Followern ins Tablet quasseln. Auch das gelegentliche fast-auf-die-Füße-latschen an Engstellen stört mich nicht, da Umgebung und Aussichten viel zu fantastisch sind, um sich über irgendetwas aufzuregen.

Zwar halte ich nichts davon, Outdoorerlebnis zu raten und zu ranken, doch dieser Besseggen-Hike wird völlig zu Recht von National Geographic hervorgehoben. Zu den Highlights zählen nicht nur die nette Kraxelei und der berühmte „Zwei-Seen-in-unterschiedlicher-Farbe-Blick“, sondern auch die Abwechslung der Eindrücke und das Panorama auf dem Veslfjellet, das gefühlt halb Norwegen umfasst.

Absolut zufrieden und reichlich platt komme ich abends am Campingplatz Maurvangen an und bin zurück in der „Zivilisation“.

Begleiterscheinungen: körperliche Verausgabung, geistige Erholung

Nach fünf Tagen Trekking von „Rückkehr in die Zivilisation“ zu schreiben, ist etwas dick aufgetragen, doch die Zeit reicht für interessante Beobachtungen. Zum Beispiel die, dass die Zeit „draußen“ ungeachtet körperlicher Anstrengungen eine enorme geistige Erholung bringt. Wie das funktioniert? Dazu habe ich zwei Theorien.

  1. Das Hirn hat während der Tage in der Natur weit weniger Eindrücke zu verarbeiten und das Erleben ist sehr auf den Moment und die Körperaktivitäten bezogen. Da bleibt nicht viel Raum für das alltägliche Umherschwirren in Zukunft und Vergangenheit des eigenen Lebens und der Weltgeschichte. Und es fällt auf, wie viel Energie dieses Umherschwirren eigentlich verbraucht. Das Draußensein und die körperliche Aktivität sorgen eindeutig für weniger Gedankensalat und mehr gegenwärtige Wahrnehmung. Und das ist ein ziemlich erholsamer Zustand, dessen wohltuende Wirkungen noch Wochen später zu spüren sind.
  2. Die in Mitteleuropa nicht zu habende, weiträumige Abwesenheit von Stromleitungen, Handymasten, W-Lans, mobilem Internet, Straßen und Fluglärm ist ebenfalls purer Wellnessurlaub für Hirn und Nerven. Den „Skeptikern“, denen das zu „esoterisch“ klingt, kann ich nur empfehlen, es einfach mal selbst zu probieren :-)

Praktische Infos

Anreise, Kosten

Von Oslo aus fährt u.a. das Unternehmen Nor-Way mit der Linie Valdresekspressen im Sommer mehrmals täglich nach Gjendesheim im Osten, Lom und Leirvassbu im Norden und, mit umsteigen, Øvre Årdal im Westen.

Für Busse, Bahnen, Essen und Unterkünfte legt man im Schnitt etwa das Doppelte der in Deutschland gewohnten Preise auf den Tisch. Ein Vorratseinkauf in einer billigen Supermarktkette wie „Rema 1000“ kostet etwa soviel wie ein Alnatura-Einkauf hierzulande.

Jotunheimen ist großteils Nationalpark, kostet aber keinen Eintritt. Das Jedermannsrecht mit legalem Frei-Zelten gilt meines Wissens nach auch im Nationalpark überall.

Übernachten: Hütten, Camping, Wild zelten

Es gibt genügend Hütten, um theoretisch das ganze Gebirge mit einem leichten Tagesrucksack zu durchqueren. Angesichts von um die Hundert Euro pro Tag, die der Spaß auf diese Weise kosten dürfte, ist das volle Naturerlebnis beim Zelten vielleicht doch schöner. Ich umkurvte die norwegischen Preise mithilfe eines prall gefüllten Vorratsbeutels und perfekten Wetters. Letzteres machte es einfach, das freie Zeltens voll auszukosten. Normalerweise zeigt sich das Wetter nicht so gnädig. Dann dürfte es sinnvoll sein, teils zu zelten und teils die Hütten zu nutzen.

Wege und Gelände

Die „Widerspenstigkeit“ des Terrains ist einer der Faktoren, die ich unterschätzt hatte. Ein Großteil der hier vorgeschlagenen Tour ist auf Wegen zurückzulegen, die mit Steinen in allen Größen gespickt sind. Hinzu kommen jede Menge kleiner Wasserläufe und Schlammpassagen. Was wie eine schöne Wiese zum Zelten aussieht, entpuppt sich nicht selten als Sumpf. Längere Passagen auf komfortablen Wanderpfaden gibt es nach meinem Eindruck im Osten Jotunheimens häufiger als im Westen. Auch Infrastruktur und Frequentierung zeigen ein „Ost-West Gefälle“ (nach Osten zunehmend).

Wasser, Verpflegung

Wasser ist überall in trinkbarer Qualität vorhanden. Ich hatte eine Halbliterflasche am Rucksack, die ich immer wieder an Gewässern nachfüllte. Bei Gipfeltouren sollte man etwas mehr Wasservorrat dabei haben.

In den bewirteten Hütten werden warme Mahlzeiten angeboten. Das Angebot an Verpflegung für unterwegs scheint sich auf Knabberzeug und Süßigkeiten zu beschränken.

Wetter/Klima, „beste“ Jahreszeit

Hauptsaison ist natürlich der kurze Sommer im Juli und August. Auf den Hochflächen und in den Hochtälern kann es jederzeit ungemütlich werden, denn es gibt kaum Schutz vor den Elementen. Also auch nicht vor der Sonne, die sich bei meiner Tour als echte Herausforderung entpuppte.

Auch in der Waldzone bieten die kleinen Bäume nicht allzu viel Schutz. Sie stehen auch oft eng beieinander, auf sumpfigem und unebenem Boden.

Ausrüstung

Ich nenne hier keine Komplettliste der Trekking-Standards, sondern nur einige Besonderheiten, die man womöglich nicht auf der Rechnung hat:

Sonnencreme: normalerweise Sonnencrememuffel habe ich in Norwegen binnen 5 Tagen an die 100 ml verbraucht. Und fühlte mich mit Faktor 20 grenzwertig niedrig versorgt.

Wasserfeste Sandalen/Crocs: Wasserläufe sind oft zu queren. Im komplexen Gelände ohne erkennbaren Weg kann das Waten zeitsparender sein als die Suche nach der trockenen Fußes querbaren Stelle.

Stabile, atmungsaktive und wasserfeste Bergschuhe, die fest am Fuß sitzen, sind kein Luxus, sondern Pflicht.

Spezial-Ultrageheimtipp: Auf 61° nördlicher Breite wird es Ende Juli die ganze Nacht nicht richtig dunkel. Das kann einen lichtempfindlichen Schläfer zum Wahnsinn treiben. Die Schlafmaske vom DM für Zweifünfundvierzig war womöglich mein wichtigster Ausrüstungsgegenstand.

Orientierung, Karten

„Schnell mal online checken“ ist nicht, da wie gesagt weder Handyempfang noch mobiles Internet. Was auch gut so ist.

Der ganze hier beschriebene Weg ist durchgängig markiert. Einen klar erkennbaren Pfad hat man jedoch nur bei weichem Untergrund. Die meiste Zeit verbringt man in schrofigem und steinigem Gelände, das sich auch gern mal zu kleinen Labyrinthen aus Hügeln auffaltet. Da ist der Wegverlauf dann nicht mehr offensichtlich und es kann etwas dauern, bis man die nächste Markierung entdeckt.

Da meine Jotunheimen Tour eine Kurzfristentscheidung war, hatte ich nur noch Zeit für ein paar abfotografierte Kartenausschnitte aus der Website norgeskart.no. Diese etwa zehn Karten-Fotos lösten für Details im Gelände natürlich viel zu schlecht auf und wären für eine Navigation bei schlechtem Wetter völlig unzureichend gewesen. Besser ist da schon die hier bei den Bergfreunden erhältliche Satmap Norwegen. Idealerweise greift man auf die guten alten Papierkarten zurück, von denen es für Jotunheimen reichlich Auswahl in guter Qualität gibt.

Sicherheit

Wie man unnötige Risiken im Fjell vermeidet, kann man hier bei Visit Norway nachlesen. Wer allein gehen und es noch etwas fundierter wissen möchte, findet hier im Basislager einen Artikel über die Notfallvorsorge auf Solotouren.

Unter den vielen Blogs, die es zu Touren in Jotunheimen gibt, fand ich den Touren-Wegweiser mit seinen vielen praktischen Tipps besonders informativ.

So, damit sollte das pralle und hoffentlich kurzweilige Jotunheimen-Infopaket fertig geschnürt sein. Wenn du Lust bekommen hast, dort selbst herumzustreifen, sehen wir uns vielleicht in einem der nächsten Sommer dort. Denn ich muss mindestens noch einmal dorthin …

Big Wall Light Teil 3 – Technik und Taktik

21. August 2019
Tipps und Tricks

Viele werden sagen, Bigwall-Klettern sei eine reine Materialschlacht, hätte wenig mit Klettern zu tun. Allerdings ist Bigwall-Klettern ein weites Feld. Es schließt selbstverständlich Freikletterei mit ein, und den Gedanken, sich leicht und schnell bewegen zu wollen. In meinem Beitrag geht es um einen eher minimalistischen Stil. Die hier beschriebene Herangehensweise eignet sich nicht für extreme Technorouten, dafür umso besser für Routen, in denen man immer wieder zwischen verschiedenen Kletterstilen und Sicherungstechniken wechseln muss.

Als Beispiele aus dem eigenen Tourenbuch könnte ich einen schnellen Durchstieg der Route „Il Grande Incubo“ (6b, A3, 32 SL, 1200 m) am Monte Brento nennen (in 1,5 Tagen). Oder eine Winterbegehung der Route „Weg durch den Fisch“ (6c, A3, 37 SL, 1220 m) in der Marmolada Südwand. Bei solchen und vielen anderen Projekten darf man nicht in starren Kategorien denken. Vielmehr muss man bereit sein, seine Technik und Taktik immer wieder aufs Neue an die Gegebenheiten anzupassen. Deshalb gibt’s hier auch kein Schema F, sondern eine Auswahl an Vorschlägen und Anregungen, mit Spielraum zum Mitdenken. Bitte auch die ersten beiden Beiträge dieser Serie lesen – sie enthalten wichtige Informationen!

Big Wall Light Teil 1 – Allgemeine Infos

Big Wall Light Teil 2 – Die Ausrüstung

Taktik – ein paar Grundsätze

Man klettert idealerweise in einer Zweier-Seilschaft. Alles andere macht die Sache recht kompliziert. Überschlagend klettern ist keine gute Idee – Blockvorstieg ist viel effizienter. Wer vor- und wer nachklettert und wann gewechselt wird, muss situativ entschieden werden. Klettert man mit leichtem Gepäck, ist man in der Regel schneller und somit weniger lang unterwegs. Also müssen auch weniger Wasser und Essen mit auf die Reise, was die Sache noch einmal verstärkt…

Alles Gepäck sollte ohne große Probleme auf einmal bewegt werden können. Und das nicht nur zum Wandfuß, sondern auch im einfachen Klettergelände. Gehen wir von einer Mehrtagestour aus, mit ein bis zwei Biwaks: Hier sollte man mit einem leichten Haulbag (ca. 50 l) sowie einem zusätzlichen kleinen Kletterrucksack (ca. 20 l) auskommen.

Das geht, wenn man sich beim Wasser und Biwakmaterial etwas zurücknimmt und darüber hinaus den Grundsatz „Kleinvieh macht auch Mist“ beherzigt!

Überschreitet man diese Gepäckmenge nicht, hat man viele Vorteile auf seiner Seite. So kann man sich im leichten Klettergelände, wo man niemals haulen würde, zügig und halbwegs sicher bewegen. Beispielsweise im Schrofen- oder Blockgelände, bei geneigten Platten oder an einem Gipfelgrat.

Ist das Gelände steil und schwierig, wird natürlich gehault. Der Nachsteiger kann den Rucksack bei sich behalten, dann hat er schnellen Zugriff auf den Inhalt. Ist Platz im Haulbag, kann er ihn alternativ dort verstauen. Einen dafür geeigneten Rucksack kann man auch mal unter den Haulbag clippen. Logischerweise wird auch das Haulen stark vereinfacht, wenn man mit leichtem Gepäck unterwegs ist. Es ist dann beispielsweise möglich, dass der Vorsteiger nachsichert und parallel hault. So lässt sich viel Zeit sparen (sofern der Nachsteiger klettert und nicht jümart).

Die Abläufe bei einer Bigwall-Begehung

Je nach Art der Kletterei können die Abläufe und damit verbundenen Techniken komplett unterschiedlich ausfallen. Will man eine Route frei klettern, hat man wahrscheinlich gar kein Material zum Technischen Klettern dabei. Bei einer Tagestour ist man möglicherweise ohne Haulbag unterwegs.

Hier bleibe ich aber beim Beispiel einer moderaten Mehrtagestour, bei der Teile der Route technisch geklettert werden. Wir gehen auch davon aus, dass die Route gleich mit steiler, schwieriger Kletterei beginnt. Also nicht mit einem einfachen Wandvorbau oder Ähnlichem.

Haulbag vorbereiten

  • Träger innen verstauen, Bauchgurt auch (falls man ihn überhaupt dabei hat).
  • Biwakzeug nach unten. Was man tagsüber brauchen könnte, eher nach oben.
  • Harte Gegenstände sollten nicht am Außenmaterial des Haulbags anliegen, sonst wird dieses dort möglicherweise durchgescheuert. Am besten mit einer Isomatte polstern.
  • Haulseil (ggf. auch Lower-Out-Line) mit Wirbel und Schrauber am Haulbag fixieren. Bei Bedarf schützt man den Knoten des Haulseils mit dem Flaschenhals einer PET-Flasche gegen Abrieb.

Vorbereitungen des Vorsteigers

  • Hardware am Gurt (ggf. auch an der Gearsling) sortieren.
  • Petzl Connect Adjust Selbstsicherungsschlinge und/oder Metolius Easy Daisy Positionierungsschlinge(n) am Gurt anbringen. Üblicherweise werden die Daisies durch Beinschlaufensteg und Bauchgurtöse mit Ankerstich eingeschlauft. Dabei zieht es allerdings Beinschlaufen und Bauchgurt zusammen, was unangenehm sein kann, wenn der Gurt eng sitzt. Alternativ kann eine Easy Daisy im Anseilring eingeschlauft werden. Bei der Verwendung von zwei Easy Daisies am besten beide in einem Ankerstich vereinen. Dann laufen sie aus einem Punkt heraus.
  • Im einfachen Aid-Gelände einzelne Leiter, die nicht mit der Easy-Daisy verbunden wird.

  • Im schwierigeren Aid-Gelände zwei Leitern. Bei schlechten Fixpunkten und Cliff-Zügen clippt man die Easy-Daisy-Schlingen mit deren Karabiner in die Karabiner der Leitern.
  • Bei Bedarf auch Fifi-Haken mit kleiner Bandschlinge am Klettergurt fixieren (mit Ankerstich). Entweder durch den Anseilring oder durch Beinschlaufensteg und Bauchgurtöse. Letzteres macht aber nur Sinn, wenn man auch die Easy Daisy(s) auf diese Weise am Gurt fixiert hat.
  • Haulseil vorbereiten: am Seilende Sackstichschlaufe knüpfen und leichten Schnapper einhängen. Seil in Klemme (Spoc/Micro Traxion) einlegen. Klemme mit Ovalkarabiner in eine der hinteren Materialschlaufen oder sofern vorhanden in die „Haul Loop“ des Klettergurts clippen.
  • zusätzlich Ropeman oder Ropeman 2 fürs Bodyhauling mitführen. Zum Greifen ein dünner Leinen Ropeman 2 + kleine Griffschlinge (s. u.).
  • Kletterseil mit Achterknoten einbinden: Je nach dem, wie man seine Schlingen und Fifi angeordnet hat, entweder mit ganz kleinem Auge in den Anseilring oder, wie allgemein empfohlen, direkt durch Beinschlaufensteg und Bauchgurtöse.

Vorstieg: Technisches Klettern mit zwei Leitern

Die Standard-Technik, die auch für heiklere Passagen geeignet ist. Ausgangsposition dieser Beschreibung: Start vom Boden.

  • Ersten Fixpunkt anbringen bzw. fixes Material clippen. Bei Haken clippt man in der Regel eine Exe. Ansonsten, z. B. bei Cams und Keilen, versucht man mit einem einzelnen Schnapper auszukommen (zumindest bei geradem Seilverlauf). Das Seil noch nicht clippen.
  • Erste Leiter einhängen. Bei Exen in den oberen Karabiner, bei Cams am besten direkt in die Drahtschlaufe des Stegs.
  • Fixpunkt testen (s. u.).
  • In der Leiter hochsteigen, bis man den nächsten Fixpunkt erreichen bzw. anbringen kann. Während des Hochsteigens, wenn die Hüfte auf Höhe des ersten Fixpunktes ist, ggf. Seil clippen.
  • Muss man im steilen Gelände einen Fixpunkt anbringen, hängt man sich am besten mit dem Fifi im letzten Fixpunkt ein und steigt in der Leiter möglichst hoch. So hat man die Hände frei zum Arbeiten. Hat man keinen Fifi, kann man beispielsweise mit einer Easy Daisy improvisieren.
  • Im geneigten Gelände kann man ohne sich zu fixieren in der Leiter stehen und bei Bedarf bis zur obersten Stufe hochsteigen. Dabei hält man sich zunächst an der Leiter fest und nützt später natürliche Griffe.
  • Zweiten Fixpunkt anbringen und die zweite Leiter einhängen.
  • Fixpunkt testen (s. u.).
  • In die zweite Leiter steigen.
  • Die erste Leiter aushängen und das Kletterseil in den ersten Fixpunkt clippen (sofern noch nicht geschehen) bzw. den Fixpunkt zusammen mit der Leiter entfernen, wenn er nicht als Sicherung benötigt wird.
  • In der zweiten Leiter hochsteigen, bis man den nächsten Fixpunkt erreichen bzw. anbringen kann.

Vorstieg: Technisches Klettern mit einer Leiter und einer Easy Daisy

So lassen sich einfache, kürzere Aid-Passagen unkompliziert überwinden. Voraussetzung ist, dass die Fixpunkte einem leichten Zug nach außen standhalten. Ausgangsposition dieser Beschreibung: Start vom Boden.

  • Ersten Fixpunkt anbringen bzw. fixes Material clippen.
  • Leiter einhängen.
  • In der Leiter hochsteigen, bis man den zweiten Fixpunkt erreichen bzw. anbringen kann. Während des Hochsteigens ggf. Seil clippen.
  • Zweiten Fixpunkt anbringen und die Easy Daisy einhängen.
  • Easy Daisy straffen und Gewicht auf die Easy Daisy übertragen.
  • Leiter am ersten Fixpunkt aushängen und Seil clippen (sofern noch nicht geschehen).
  • Leiter im zweiten Fixpunkt einhängen (neben der Easy Daisy).
  • In die Leiter stehen.
  • Easy Daisy wieder aushängen und verlängern.
  • In der Leiter hochsteigen, bis man den nächsten Fixpunkt erreichen bzw. anbringen kann.

Testen von Fixpunkten 

Das Testen von Fixpunkten mittels „Bounce Test“ wird bei zweifelhaften Fixpunkten angewandt, insbesondere wenn ein Ausbrechen des Fixpunktes zu einem gefährlichen Sturz führen könnte. Die Idee: Übersteht ein Fixpunkt den „Bounce Test“, wird er danach auch das Körpergewicht tragen. Bricht ein Fixpunkt beim Testen aus, soll der darunterliegende Fixpunkt einen Sturz ins Seil verhindern. Bei beiden hier beschriebenen Varianten beginnt man mit vorsichtigem Testen und steigert die Intensität dann langsam. Liegt ein Fixpunkt über dem Kopf und bricht beim Testen aus, kann es passieren, dass er im Gesicht landet. Also nicht hochschauen!

Variante 1 – Bounce Test mit Daisy Chain (oder ähnlichem): Man clippt die Daisy Chain in den zu prüfenden Fixpunkt und belastet diesen, indem man mit der Hüfte nach unten wippt. Für hartes Testen sind „Adjustable Daisies“ wie die empfohlene Metolius „Easy Daisy“ weniger geeignet. Allerdings zielen die hier beschriebenen Techniken auch nicht aufs extreme Techno-Klettern ab.

Variante 2 – Bounce Test mit Leiter: Man clippt die Leiter in den zu prüfenden Fixpunkt und belastet diesen, indem man mit einem Fuß schwungvoll in die Leiter tritt. Für diesen Test sind lange Leitern wichtig, sofern die Fixpunkte in einem größeren Abstand übereinander liegen. Mit kurzen Leitern wird man eher Variante 1 anwenden. Außer natürlich bei Querungen, wo die Fixpunkte nebeneinander liegen…

Backcleanen

Backcleanen bedeutet, dass der Vorsteiger von ihm angebrachte Sicherungen wieder entfernt. So kann er Material sparen und Seilreibung reduzieren. Dabei sollte klar sein, dass entscheidende Sicherungen in der Wand bleiben müssen! Die schnelle Variante: Anstatt das Seil in den letzten Punkt zu clippen, diesen direkt wieder entfernen. Dies bietet sich beispielsweise bei Cams in langen Rissen an. Die sichere Variante: Zunächst eine absolut sichere Zwischensicherung einrichten (ggf. mehrere Punkte verbinden). Daran wird der Vorsteiger ein Stück weit abgelassen. Beim Wiederaufstieg entfernt er dann das Material, welches unterhalb seiner letzten, absolut sicheren Zwischensicherung liegt.

Pendelquergänge

Die Technik, wenn es auf direktem Wege nicht mehr weiter geht: Der Vorsteiger wird über die letzte, hoffentlich solide Zwischensicherung ein Stück weit abgelassen. Nun pendelt er hin und her, um die nächste kletterbare Struktur zu erreichen. An dieser klettert er weiter – zunächst allerdings, ohne das Seil zu clippen! Nur so bleibt der Seilzug im grünen Bereich und der Nachsteiger kann die Passage ohne Schwierigkeiten „cleanen“.

Standplatz einrichten

Wir bleiben bei der Annahme, dass der Nachsteiger jümart und dass gehault wird. Der Standplatz sollte so aufgebaut werden, dass nicht alles an einem Zentralpunkt hängt. Stattdessen sollten die Aufhängungen fürs Haulseil und fürs Seil, das zum Nachsteiger führt, mit etwas Abstand nebeneinander liegen.

Bei schweren Haulbags wird der Punkt an dem gehault wird, stärker belastet als der Punkt, an dem das Seil fürs Jümarn fixiert ist. Allerdings sind wir mit leichtem Gepäck unterwegs und wählen deshalb einen etwas anderen, vereinfachten Aufbau, der nicht dem typischen Bigwall-Standplatz entspricht!

Das Ganze in Schritten:

  1. Man fixiert sich mittels Selbstsicherungsschlinge oder Positionierungsschlinge in einer guten Arbeitsposition (sofern man nicht zufällig auf einem breiten Band steht).
  2. Einen soliden Zentralpunkt einrichten. Es gelten im Wesentlichen die gleichen Kriterien wie beim Alpinklettern. Allerdings sollte man daran denken, dass sich manche Knoten in dünnen Bandschlingen bzw. Reepschnüren extrem zuziehen, wenn daran gejümart wird. Also Techniken bzw. Materialien verwenden, die sich wieder gut lösen lassen.
  3. Kletterseil im Zentralpunkt mittels Mastwurf fixieren als „lange Selbstsicherung“, die einem noch genug Spielraum zum Arbeiten lässt. Man hängt am Standplatz also nicht im Kletterseil, sondern in der Selbstsicherungsschlinge oder Positionierungsschlinge.

Die weiteren Abläufe

Die weiteren Abläufe sind variabel und müssen vorher im Team abgesprochen werden, damit es in der Wand keine Unklarheiten und kein unnötiges Geschrei gibt. So muss beispielsweise folgende Reihenfolge klar definiert werden: Zuerst wird das Kletterseil so fixiert, dass daran gejümart werden kann, und erst dann wird der Haulbag nachgezogen. So kann man genaugenommen ohne weitere Seilkommandos auskommen – ein großes Plus bei starkem Wind!

Variante 1: Seilkommando: „Stand, Seil fix!“ Der Vorsteiger beginnt mit dem Haulen. Sobald der Haulbag am Haulseil hängt, baut der Nachsteiger den Stand ab und beginnt zu jümarn. Vorteil: Die simpelste und sicherste Variante. Nachteil: Der Nachsteiger muss das ganze Seil mitführen.

Variante 2: Seilkommando: „Stand!“ Der Vorsteiger zieht das Restseil ein und fixiert das Seil, das zum Nachsteiger führt, mit einem weiteren Mastwurf und einem weiteren Schrauber im Zentralpunkt. Seilkommando: „Seil fix!“ Dann beginnt der Vorsteiger mit dem Haulen. Sobald der Haulbag am Haulseil hängt, baut der Nachsteiger den Stand ab und beginnt zu jümarn. Vorteil: Der Nachsteiger muss nicht unnötig viel Seil mitführen. Nachteil: etwas kompliziertere Abläufe. Evtl. fehlt dem Nachsteiger Seil für einen „Lower out“ (s. u.).

Haulen

Zentrales Teil des Aufbaus ist ein Gerät wie Petzl Micro Traxion oder Edelrid Spoc, das Seilrolle und Seilklemme vereint. Dargestellt ist hier der Spoc, weshalb ich in der folgenden Beschreibung auch diesen Begriff verwende, stellvertretend für alle Geräte dieser Art.

Das Ganze in Schritten:

  1. Der Vorsteiger wählt/baut eine zuverlässige Aufhängung für den Spoc – am besten seitlich des Zentralpunkts – und hängt das Gerät dort ein.
  2. Der Vorsteiger fixiert das Ende des Haulseils am Stand und zieht das überschüssige Haulseil durch den Spoc (Haulseil ggf. in Schlingen am Stand anhängen).
  3. Der Nachsteiger löst den Schleifknoten, der den Haulbag bis dahin hielt (s. u.), und hält den Haulbag in der HMS.
  4. Der Vorsteiger strafft das Seil und baut Zug auf (zunächst von Hand).
  5. Der Nachsteiger überträgt die Last aufs Haulseil. Bei schrägem Seilverlauf gibt er langsam weiter Seil aus, um ein Pendeln des Sacks zu vermeiden.
  6. Gleichzeitig zieht der Vorsteiger den Haulbag auf.

So wird am Haulseil gezogen (Haulbag hängt bereits am Spoc):

  • Leichter Haulbag, griffiges Haulseil: einfach per Hand ziehen.
  • Leichter Haulbag mit Rapline als Haul-Line: Ropeman 2 mit Griffschlinge ins „Lastseil“ einlegen. Mit einer Hand durch die Griffschlinge fahren, so dass diese am Handgelenk liegt. Der Zug erfolgt nun hauptsächlich über diese Konstruktion. Gleichzeitig zieht die andere Hand am „unbelasteten Seil“, welches aus dem Spoc ausläuft.
  • Schwerer Haulbag: „Body-Hauling“. Dafür Ropeman ins „unbelastete Seil“ einlegen, welches aus dem Spoc ausläuft, und in die Anseilschlaufe des Gurts clippen. Nun wird mit der Hüfte gezogen.

Wenn der Haulbag am Stand angekommen ist:

  1. Einige cm Seil zwischen Spoc und dem Knoten der Haulbag-Aufhängung lassen.
  2. Haulbag mit HMS und Schleifknoten neben dem Zentralpunkt fixieren. Dafür nimmt man, je nach Setup, das restliche Haulseil, welches von der Aufhängung des Haulbags nach unten hängt, oder die Lower-Out-Line des Haulbags.
  3. Last vom Spoc auf die neue Aufhängung übertragen. Dafür Zähne des Spoc wegklappen. Das gelingt, in dem man den Haulbag ein kleines Stück (es reicht 1 cm) weiter hault und gleichzeitig die Zähne des Spoc wegklappt und arretiert.
  4. Spoc ausbauen, am Ende des Haulseils wieder einbauen und an den Klettergurt des Vorsteigers clippen, für den Vorstieg der nächsten Länge.

Nachstieg

Es kommen verschieden Varianten in Frage:

  1. Der Nachsteiger klettert alles. Diese Variante eignet sich für eher einfaches Gelände mit viel Freikletterei oder auch für komplett eingerichtete „Hakenleitern“. Die Seilschaft braucht in diesem Fall kein Jümar-Kit dabei zu haben und die Abläufe sind unkompliziert. Ggf. muss improvisiert werden, z. B. wenn der Vorsteiger zur Fortbewegung benötigte Fixpunkte wieder entfernt hat („Backcleaning“ oder Fortbewegung an Cliffs).
  2. Der Nachsteiger jümart alles. Diese Variante eignet sich am besten für schwieriges Techno-Gelände. Der Nachsteiger kann bequeme Schuhe tragen und sich beim „Cleanen“ eigenständig in die jeweils beste Arbeitsposition bringen. Der Vorsteiger kann in Ruhe haulen, ohne sich um den Nachsteiger kümmern zu müssen.
  3. Der Nachsteiger wechselt je nach Gelände zwischen der 1. und 2. Variante – wenn nötig auch innerhalb einer Seillänge.

Jümarn

Für den Aufstieg am Seil gibt es unzählige Techniken, Varianten und persönliche Vorlieben. Ich beschreibe hier ein modulares System, das sich ganz einfach anpassen, erweitern und auch abwandeln lässt. Es kommen zwei Handsteigklemmen zum Einsatz, eine für links und eine für rechts (unterschiedliche Ausführungen!). Für das hier beschriebene Setup ist es wichtig, dass unterm Griff der Klemmen jeweils zwei Karabiner eingeclippt werden können. In vielen Fällen geht das nicht, weil ein Loch zu klein bzw. der verwendete Karabiner zu massiv ist. Also das erst mal checken!

Achtung: Eine Handsteigklemme darf nicht als vollwertige Sicherung verstanden werden. Man muss immer an mindestens zwei Klemmen gesichert sein. Also müssen auch die Verbindungen der Klemmen zum Klettergurt sicher sein. Ist das nicht der Fall, z. B. weil man Easy Daisies o. Ä. einsetzt, braucht man zusätzlich ein Backup-System. Gleiches gilt fürs „Cleanen“, wo man die obere Klemme immer wieder vom Seil nimmt (s. u.).

Basis-Setup: Dieser simple Aufbau ist gut geeignet für senkrechtes und überhängendes Gelände und ermöglicht ein motorisch einfaches Aufsteigen am Seil.

  • Rechte Klemme oben, Verbindung zum Klettergurt am besten mit Petzl Adjust Schlinge.
  • Rechter Arm leicht angewinkelt beim Hängen im Gurt.
  • Linke Klemme darunter, Verbindung zum Klettergurt z. B. mit 60-cm-Dyneema-Bandschlinge und Schrauber.
  • Trittschlinge in die linke Klemme.

Erweiterung mit zweiter Trittschlinge: So kann man im geneigten Gelände schnell und effizient Aufsteigen. Motorisch schwieriger, besonders, bis man voll im Seil hängt.

  • Last primär in den Trittschlingen, Füße bewegen sich wie beim Treppensteigen höher.
  • Kein Absitzen in den Klettergurt, außer bei Pausen.
  • Position der Klemmen am Seil ist tiefer, die Arme sind stärker angewinkelt.

Erweiterung mit Backup-System Variante T-Bloc: Diese Technik verwende ich für heikle Jümar-Passagen (z. B. Fixseile durch Dächer) oder wenn die Verbindung zu den Handsteigklemmen nicht sicher ist oder auch beim Cleanen. Ein großer Vorteil dieses Backup-Systems ist, dass es sehr gut am Seil mitläuft.

  • T-Bloc der ersten Generation gleitet bei dicken Seilen besser nach oben. Bei dünnen Seilen eignet sich das T-Bloc der zweiten Generation besser.
  • Einen Ovalkarabiner mit möglichst rundem Profil verwenden.
  • Als Verbindung zum Klettergurt eine 30-cm-Dyneema-Bandschlinge verwenden, damit man etwas Spiel hat.
  • Bei Verwendung eines T-Bloc der ersten Generation ist es in dieser Anwendung nach meinen Erfahrungen besser, den T-Bloc so einzuhängen, dass das Seil außerhalb des Karabiners liegt.

Cleanen

Beim Bigwall-Klettern bedeutet cleanen, dass der Nachsteiger die Zwischensicherungen entfernt und mitbringt. Folgende Technik hat sich dabei bewährt (wobei sie im stark überhängenden Gelände auch an ihre Grenzen stößt): Erreicht der Nachsteiger eine Zwischensicherung, verlagert er die Last auf die untere Klemme, hängt die obere Klemme aus und hängt sie oberhalb Zwischensicherung wieder ins Seil. Nun hängt sich der Nachsteiger in die obere Klemme und entfernt die Zwischensicherung.

Während des Umhängens der oberen Klemme hängt man also nur noch in der unteren Klemme. Wie bereits erwähnt, ist deshalb ein Backup-System notwendig. Üblich ist, das lockere Seil in großen Schlaufen an den Anseilring des Gurtes zu hängen (mittels locker geknüpfter Sackstichschlaufe und Schrauber). So wird die mögliche Sturzstrecke reduziert, sollte(n) die Klemme(n) aus irgendeinem Grund versagen. Mit solchen Seilschlaufen als Backup sind allerdings immer noch weite Stürze möglich.

Kleine Seilschlaufen bringen wiederum den Nachteil mit sich, dass das nötige Seilgewicht unter den Klemmen fehlt, um diese mitschieben zu können. Das Hochschieben der unteren (linken) Klemme ohne Zuhilfenahme der rechten Hand ist dann gar nicht so einfach (der Trick ist, die Zähne der Klemme mit dem Daumen etwas wegzuklappen). Zum gleichen negativen Effekt führt ein Grigri, das von manchen als (zusätzliches) Backup am Seil mitgeführt wird. Mein Ansatz ist deshalb die Verwendung des zuvor beschriebenen Backup-Systems mit T-Bloc. Unabhängig vom Backup-System sollten die Seilschlaufen nicht allzu weit herunterhängen, da sie sich beispielsweise an Felsschuppen verhängen können. Insbesondere bei starkem Wind!

Ergänzung: Es besteht auch die Möglichkeit, zu cleanen ohne im Seil eingebunden zu sein. Dies erleichtert den Aufstieg am Seil und ist beispielsweise in einem Gelände vorteilhaft, wo das Mitziehen der Seilschlaufen nicht praktikabel wäre. Nach dem Cleanen einer Länge wird das Seil dann nachgezogen und der Nachsteiger bindet sich wieder ein. Für eine sichere Anwendung muss ein Backup-System mit zusätzlicher Seilklemme (T-Bloc) und Stopp-Knoten (Sackstichschlaufe) unter der Klemme gewährleistet sein. Achtung: Wegen des vorübergehenden Ausbindens ist diese Variante potenziell fehleranfällig!

Lower out: Diese Technik ist wichtig, um Quergänge mit größeren Abständen zwischen den Zwischensicherungen bzw. Pendelquergänge zu cleanen. Prinzip dieser Technik: Der Nachsteiger lässt sich mittels einer großen Schlaufe des Restseils an einem Fixpunkt ab, der in der Wand belassen wird. So wird ein unkontrolliertes Pendeln vermieden. Eine ausführliche Beschreibung gibt’s in diesem Clip von Supertopo.

Cleanen von Dächern und Quergängen mit vielen Zwischensicherungen: Für solche Passagen, die sich mit Jümarn (wie oben beschrieben) nur schlecht cleanen lassen, gibt es folgende Alternativen:

  1. Der Nachsteiger klettert.

  2. Jümarn mit Grigri. Bei dieser Technik handelt es sich um eine Mischform aus der klassischen Jümar-Technik und einem Selbstflaschenzug. Der Nachsteiger hängt dabei im Grigri (mit Safelock-Karabiner!). Das auslaufende, lockere Seil wird an der linken Handsteigklemme umgelenkt (es wird nur eine Klemme verwendet). Außerdem wird eine Trittschlinge an der Handsteigklemme eingehängt. Mit welchem Fuß man in die Trittschlinge geht, spielt bei diesem Aufbau keine entscheidende Rolle. Beim Aufstieg hat man die linke Hand an der Klemme und zieht mit der rechten Hand am lockeren Seil nach unten.

Hinweis: Alle Anleitungen, Beschreibungen und Empfehlungen in den Beiträgen dieser Serie erfolgen selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen. Dennoch sollte klar sein: Vieles liegt im großen Graubereich zwischen Sicherheit und Effizienz. Manches entspricht wohl nicht den Herstellervorgaben zum Einsatz der Ausrüstung. Jeder Anwender muss für sich entscheiden, welche Techniken er überblicken und verantworten kann. Weder der Autor noch Bergfreunde.de können haftbar gemacht werden für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den Informationen der Beiträge dieser Serie resultieren.

Big Wall Light Teil 2 – die wichtigste Ausrüstung

15. August 2019
Ausrüstung

Im ersten Teil dieser Serie wird der Titel „Big Wall Light“ erklärt und es finden sich dort ein paar wichtige Hinweise – also bitte lesen! Hier im zweiten Teil geht es um die entscheidenden Ausrüstungsteile. Um den Rahmen nicht zu sprengen, versuche ich mich kurz zu fassen. Auf allgemeine, eher unspezifische Themen wie z. B. Kleidung, Verpflegung oder Notfallausrüstung gehe ich deshalb nicht ein. Auf mobile Sicherungsmittel usw. nur ganz am Rande. Zu all diesen Themen sind viele gute Informationen verfügbar bzw. wird der Leser auf seine eigenen Erfahrungen setzen.

Persönliche Ausrüstung

Handschuhe

Zum Schutz der Hände leichte Lederhandschuhe mit freien Fingerkuppen. Mit solchen Handschuhen kann man noch ganz gut Freiklettern und hat genug Fingerspitzengefühl beim Materialhandling. Man kann sie ggf. selbst herstellen, indem man gutsitzende Arbeitshandschuhe zurechtstutzt und mit Tape verstärkt. Je nach Route zusätzlich oder alternativ auch Risskletterhandschuhe. Außerdem dünne Lederhandschuhe für Zu- und Abstiege und das Abseilen. Alte Fixseile, Granitsand, Nässe usw. zerstören ansonsten schnell die Haut an den Händen.

Schuhwerk

Für die meisten Aktionen eignen sich klettertaugliche Approachschuhe mit einer eher harten Sohle. Mit solchen kann man auch mal länger in der Leiter stehen. Für einfache Zu- und Abstiege sind Trailrunningschuhe ideal (weil sehr leicht). Für grobe Einsätze bzw. hochalpines Gelände nimmt man am besten bedingt steigeisenfeste Leichtbergstiefel.

Kletterschuhe

Auch wenn überwiegend technische Kletterei erwartet wird: Oft lässt sich viel mehr frei bzw. AO klettern, als man denkt – sofern man Kletterschuhe trägt! Diese sollten so bequem sein, dass man sie an den Standplätzen nicht ausziehen muss (spart Zeit und Nerven). Wichtig ist auch eine harte Sohle, um schmerzfrei in der Leiter stehen zu können. Für schwerere Freiklettereien gelten natürlich andere Ansprüche. Hier sind präzise Schuhe mit Klettverschlüssen vorteilhaft (am Stand Ferse raus und Klettverschluss gleich wieder schließen, damit der Schuh nicht verloren geht).

Klettergurt

Ein bequemer Allround-Hüftgurt mit stabilen(!) Materialschlaufen funktioniert super. Es braucht kein spezieller Bigwall-Gurt zu sein, denn ein solcher wäre hier schon wieder zu viel des Guten. Am Gurt: Reverso (o. Ä.), Kurzprusik, 5 m Kevlar-Reepschnur, kleines Seilmesser.

Verstellbare Selbstsicherungsschlinge

Anstelle von klassischen Daisy Chains empfehle ich die Verwendung von längenverstellbaren Schlingen. Die Connect Adjust von Petzl ist in vielen Situationen top, beispielsweise beim Arbeiten im Hängestand, als Selbstsicherung beim Abseilen oder als Verbindung zu den Steigklemmen beim Jümarn. Das Original-Seil ist für meinen Geschmack allerdings zu dick und zu schwergängig (und je nach Einsatz auch zu kurz). Ich verwende deshalb ein etwas dünneres Seil, welches ich mit einem Achterknoten am Gurt einbinde (möglichst eng durch Beinschlaufensteg und Bauchgurtöse). Als Karabiner nimmt man am besten einen leichten Keylock-Schrauber. Den mitgelieferten Gummi-Puffer mit etwas Tape am Karabiner fixieren, sonst verrutscht er. Nachteil des Petzl-Systems: Es lässt sich nicht so einfach verlängern. Wenn man nicht aufpasst, kann man sich beim technischen Klettern damit quasi blockieren (gilt übrigens genauso für die Variante „Evolv Adjust“).

Positionierungsschlinge

Deshalb für längere Aid-Passagen (zusätzlich) eine Metolius Easy Daisy, bzw. für schwierige Routen zwei. Diese stufenlos verstellbaren Schlingen sind perfekt fürs technische Klettern (mehr dazu im nächsten Teil). Allerdings dürfen sie nicht als Selbstsicherungsschlingen verstanden werden. Vermutlich um dies klar zu machen, gibt Metolius die Bruchlast mit 1,3 kN an. Auch wenn diese tatsächlich wohl deutlich höher liegt, muss jederzeit eine von diesen Schlingen unabhängige Sicherung gewährleistet sein!

Trittleiter

Für einfache Routen reicht oft eine einzelne Leiter pro Person, in Kombination mit der zuvor beschriebenen Schlinge von Metolius. In den meisten Fällen wird der Vorsteiger aber mit zwei Leitern klettern wollen. Kann der Nachsteiger alles Jümarn bzw. ohne Leitern klettern, braucht er nicht zwingend welche mitzunehmen. Am besten sind symmetrische Bandleitern, die oben mit einer Alusprosse o. Ä. offengehalten werden.

Es gibt solche z. B. von Cassin (Ladder Aider – die leichte Variante) oder Yates (Speed Wall Ladder – die komfortable Variante). Asymmetrische Bandleitern verdrehen sich häufig. Dafür sind meist leichter und kleiner im Packmaß. Ich verwende relativ kurze Leitern. Je länger, desto größer ihr Packmaß und desto eher können sie sich irgendwo verhaken. Meine Speed Wall Ladders habe ich beispielsweise um eine Sprosse gekürzt. Jede Leiter wird mit einem soliden Keylock-Schnapper ausgestattet. Damit clippt man sie in Fixpunkte bzw. zum Transport an den Gurt. Das früher übliche System mit Fifihaken und Fangschnur zum Nachziehen der Leiter wird beim modernen Techno-Klettern nicht mehr angewandt.

Gearsling

Hat man viel Hardware dabei, kommt man kaum um eine solche Materialschlinge herum. Ansonsten ist es Geschmacksache, wie man sein Material organisiert. Eher große, kräftige Kletterer können mit einer 60-cm-Bandschlinge improvisieren. Für kleine Kletterer ist eine solche evtl. zu lang – das Material hinge dann zu tief. Dann besser eine längenverstellbare Gearsling verwenden oder selbst etwas basteln.

Hardware für die Seilschaft

Grigri

Fürs Sichern des Vorsteigers vom Körper empfiehlt sich ein Petzl Grigri. Es funktioniert bestens in Kombination mit einem mitteldicken (s. u.), leicht pelzigen Einfachseil. Und es ist, sagen wir einmal, recht fehlertolerant. Die Realität ist: Vorstiege in Bigwall-Routen können lange dauern und der Sicherer muss schon einmal dies oder das nebenher erledigen… Am besten kombiniert man das Grigri mit einem leichten Ballock-Karabiner.

Fifi

Einen Fifi-Haken braucht man zwar nicht zwingend, allerdings ist er empfehlenswert für Routen mit längeren, anspruchsvollen Aid-Passagen. Der Vorsteiger verbindet den Fifi mittels kleiner Bandschlinge am Klettergurt (einschlaufen mit Ankerstich). Der Fifi lässt sich während des Vorstiegs dann schnell in Fixpunkte ein- und aushängen – z. B. um den nächsten Fixpunkt aus einer kraftsparenden Position anzubringen.

Jümar-Kit

In den meisten Fällen reicht ein Satz Handsteigklemmen pro Seilschaft, also eine Klemme für links und eine für rechts. Zusätzlich empfehle ich ein Backup-System, welches aus einem Tibloc mit Ovalkarabiner (Schrauber) und einer 30-cm-Dyneemabandschlinge besteht. Dazu noch längenverstellbare Trittschlingen, die in die Handsteigklemmen eingeclippt werden. Eine Trittschlinge reicht in vielen Routen aus. Für lange Strecken in geneigtem Gelände besser zwei.

Zum Haulen

Als Rücklaufsperre fürs Haulseil eine Petzl Micro Traxion oder den neuen Spoc von Edelrid (noch leichter und noch bissiger).

Fürs Bodyhauling bei schwereren Säcken zusätzlich einen Wild Country Ropeman oder für dünne Leinen besser einen Ropeman 2.

Außerdem noch einen Haulbagwirbel. Eingebaut zwischen Sack und Haulseil verhindert dieser ein Verdrehen des Seils. Für leichte Säcke gibt es mit dem Grivel Rotor einen ganz leichten Wirbel mit integriertem Karabiner.

Exen, Bandschlingen, Normalkarabiner

Beim Technischen Klettern braucht man meist viel mehr Schnapper als gedacht. Insbesondere, wenn man sich lange Risspuren mit Klemmkeilen und/oder Beaks (mit Schlinge ausgestattet) hocharbeitet. Erlaubt es die Seilführung, clippt man diese nämlich mit einem einzelnen Schnapper ins Seil. Hierfür wären Ovalkarabiner angenehm. Aber da diese zu schwer sind und man ja wahrscheinlich eh keine besitzt, muss es mit normalen Schnappern gehen! Cams clippt man, sofern es der Seilverlauf erlaubt, ebenfalls mit nur einem Schnapper ins Seil. So lassen sich viele Exen einsparen! Für Haken, oder immer, wenn ein Fixpunkt verlängert werden muss, verwendet man wie gewohnt Exen oder Bandschlingen. Zum Abbinden von Haken sollte man auch ein paar kurze, dünne Dyneema-Bandschlingen dabeihaben (oder Ähnliches aus Kevlar-Reepschnur).

Klemmkeile, Cams usw.

Ein weites Feld… Hier kurz und knapp zu schreiben, erscheint mir kaum sinnvoll, zumal es bereits viele gute Infos gibt! Einen Beitrag zum Thema Cams gibt’s z. B. hier im Basislager-Blog.

Hammer und Haken

Viele Routen gehen ganz ohne Hammer und Haken oder man braucht sie nur, falls fixes Material ausgebrochen ist. Man kann das Zeug dann auch im Haulbag transportieren und erst bei Bedarf auspacken. Ansonsten trägt man den Hammer am besten in einem Ice-Clipper (Kunststoff-Materialkarabiner) am Klettergurt. Meist reicht ein leichter Kletterhammer. Gut ist beispielsweise das Modell von Climbing Technology (Thunder).

Wird viel gehämmert, ist ein schwerer Bigwall-Hammer empfehlenswert. Das Modell von Edelrid (Hudson) hat das beste Preis-Leistungsverhältnis und funktioniert perfekt. Die beschriebenen Modelle (und andere) werden sinnvollerweise mit elastischen Fangschnüren ausgeliefert. Bei meinen alten Modellen habe ich mit einer stabilen Gummischnur improvisiert. Zum Entfernen von Haken empfiehlt sich dann auch ein „Funkness Device“ – ein Stück Stahlseil mit Ösen, das zwischen Hammer und Haken geclippt wird. Achtung: Die hier eingesetzten Karabiner werden u. U. schwer beschädigt und dürfen nicht mehr zum Sichern verwendet werden!

Seile und Hilfsleinen

Kletterseil („Lead Rope“)

Ich verwende meist ein eher weiches Sportkletterseil mit 9,8 mm Durchmesser. Spezielle Bigwall-Seile haben einen etwas größeren Durchmesser oder sind straffer geflochten. Damit ist ihre Lebensdauer höher und die Gefahr von Mantelschäden reduziert. Für meine Einsätze sind mir aber weichere und leichtere Seile eindeutig lieber – nicht zuletzt, weil sie beim Nachsichern mittels „Plate“ viel besser funktionieren!

Haulseil („Haul Line“)

Am liebsten nehme ich ein ausgemustertes Halb- oder Zwillingsseil. Zumindest bei eher leichten Haulbags hat man damit die meisten Vorteile auf seiner Seite. Für ein ganz leichtes Setup machen „Raplines“ bzw. „Tag Lines“ Sinn. Wer auf solche Leinen setzt, sollte sich zunächst mit deren Eigenheiten beim Abseilen vertraut machen. Schließlich müssen sie bei Bedarf auch als Abseilleinen herhalten.  Mit Blick aufs Haulen muss man weitere Punkte beachten: Je nach Konstruktion kann der Mantel anfällig sein für Verschleiß und kleinere Schäden. Außerdem lassen sich dünne, glatte Leinen schlecht greifen. Es empfiehlt sich, bei Haulseil und Kletterseil die gleiche Länge zu wählen.

„Lower-Out-Line“

Mit einer solchen Reepschnur kann man den Haulbag kontrolliert herauslassen, sofern sich der nächste Standplatz seitlich versetzt befindet. Grundsätzlich geht das auch mit dem Restseil des Haulseils. Aber natürlich nur, wenn man ausreichend Restseil hat. Ob man eine „Lower-Out-Line“ braucht und wie lang sie sein muss, hängt vom Routenverlauf sowie der Länge der Seillängen und des Haulseils ab. Und davon, was man dem Haulbag zumuten will, wenn man ihn unkontrolliert herausschwingen lässt. Es gibt also leider überhaupt keine pauschal sinnvolle Längenempfehlung. Sorry! Beinhaltet eine Route einen langen Quergang, kann man eine zusätzlich mitgeführte „Lower-Out-Line“ auch ans Restseil des Haulseils anstückeln und danach wieder wegpacken. Eine gute Materialstärke ist 6 mm. Damit ist man nicht nur leicht unterwegs, sondern kann mit einer solchen Reepschnur im Falle eines Rückzuges auch solide Abseilstellen einrichten. Für den sporadischen Einsatz bei leichten Lasten geht auch eine 5-mm-Reepschnur.

Rucksäcke und Haulbags

Rucksack

Je nach Begehungsstil und Gelände kann ein Rucksack besser geeignet sein als ein Haulbag. Es ist gut, wenn man auf eine größere Auswahl von Kletterrucksäcken zurückgreifen kann. Wichtig ist eine zuverlässige Schlaufe, an welcher der Rucksack angehängt werden kann. Traut man der vorhandenen Trageschlaufe nicht, muss man sie irgendwie verstärken! Zum schnellen Anhängen am Standplatz fixiere ich daran eine kleine Schlinge mit Karabiner. Etwas kräftigere Materialien machen bei einem Rucksack für Bigwalls allemal Sinn. Insbesondere, wenn man sich durch Körperrisse oder Kamine kämpfen muss (dabei den Rucksack am besten abnehmen und mit einer längeren Schlinge an die Anseilschlaufe des Gurts hängen). Bei kleineren Modellen ist es sinnvoll, womöglich vorhandene Rahmen oder sonstige Verstärkungen des Rückenteils zu entnehmen. Dann kann man den Rucksack bei Bedarf besser im Haulbag verstauen. Außerdem unnötigen Schnickschnack entfernen. Irgendwann sollte man wissen, welche Ausstattung man braucht – und den Rest dann entsorgen. Bei Mini-Rucksäcken (Bereich 12 l) am besten auch den Bauchgurt abtrennen. Bei größeren Modellen die störenden Hüftflossen entfernen. Ein dünner Bauchgurt reicht aus!

Haulbag

Für Aktionen mit wenig Gepäck verwende ich den sehr leichten 55-l-Haulbag von Edelrid. Für Tagestouren wäre ein kleinerer zwar besser, allerdings sind die verfügbaren kleineren Modelle meist sogar schwerer als das beschriebene von Edelrid. Für schwerere Lasten ist der 70-l-Haulbag von Black Diamond top. Man kann auch einen robusten Kletterrucksack zum Haulbag umbauen. Ein solches System kann ideal sein für Einsätze, bei denen der Sack viel auf dem Rücken getragen wird und nur ab und zu nachgezogen wird (und dabei weitestgehend frei hängt). Für die Aufhängung zum Haulen braucht der Rucksack mindestens zwei stabile Punkte.

Biwaks und Wasserversorgung

Biwakmaterial

Für sommerliche Touren ist folgendes Setup ideal: Daunenjacke + 2/3-langer Schlafsack oder Daunenjacke + Primaloft-Shorts + leichte Daunensocken + leichter, atmungsaktiver Biwaksack. Dazu eine dünne, gekürzte Schaummatte. An der Matte bringt man eine Aufhängung an, um diese gegen Verlust zu sichern (ein mit Tape verstärktes Loch). Auch gut ist natürlich ein leichter Daunenschlafsack. Vorteil der Variante mit der Daunenjacke: die hält einen auch warm, während man sein Lager auf- und abbaut. Außerdem kann man sie beim Sichern oder Abseilen schnell mal überziehen.

Kocher und Gas

Zum Schneeschmelzen bzw. für warme Mahlzeiten ist ein leichtes Jetboil-Kochsystem gut. Kocher und Topf werden hier mit einem Bajonettverschluss verbunden. Ich habe das Blech am Kocher leicht verformt, damit die Verbindung etwas klemmt und sich nicht mehr ungewollt lösen kann.

Außerdem habe ich am Topf mittels kräftiger Kabelbinder kleine Reepschnur-Schlaufen angebracht. Daran kann man das ganze System anhängen oder sichern. Die passenden Schraubkartuschen gibt es in folgenden Standardgrößen (Nettogewicht): 100 g, 230 g, 450 g.

Empfohlene Gasmengen für eine Zweier-Seilschaft (eigene Erfahrungswerte)

  • Einzelnes Biwak ohne Schneeschmelzen: 100 g – es wird noch etwas übrigbleiben.
  • Zwei Biwaks ohne Schneeschmelzen: 100 g – sparsam kochen!
  • Einzelnes Biwak mit Schneeschmelzen: 230 g – es wird noch etwas übrigbleiben.
  • Zwei Biwaks mit Schneeschmelzen: 230 g – sparsam kochen oder zusätzliche 100 g mitnehmen.

Wasserflaschen

Bei sommerlichen Bedingungen sind PET-Einwegflaschen gut. Man muss nur darauf achten, dass man welche mit stabilem Schraubdeckel bekommt. Sind sie leer, macht man sie platt und schafft damit Platz im Haulbag/Rucksack. Es ist sinnvoll, kleine Reepschnurschlaufen zum Anhängen anzubringen. Eine 500-ml-Flasche kann man so auch beim Klettern am Gurt transportieren. Trinksysteme sind leider sehr anfällig für Beschädigungen, gammeln schnell und im Trinkschlauch verheddern sich gerne Schlingen. Bei einer schnellen Begehung ohne Haulbag können sie dennoch gut sein. Die Last sitzt dann direkt am Rücken und man kann jederzeit trinken. Zumindest, bis sie kaputt gehen… Ist man mit Kocher unterwegs und kann/muss Schnee schmelzen, macht auch eine Nalgene-Flasche mit großer Öffnung Sinn.

Empfohlene Wassermengen pro Person und Tag (eigene Erfahrungswerte)

Man wird dabei etwas dehydrieren, sollte aber nicht leiden müssen:

  • Tagestour bei kaltem Wetter: 1 l
  • Tagestour bei gemäßigten Bedingungen (eher kühl/schattig): 1,5 l
  • Tagestour bei warmem Wetter und viel Sonne: 2,5 l
  • Mehrtagestour bei kaltem Wetter: 1,5 l bzw. bei längeren Aktionen 2 l
  • Mehrtagestour bei gemäßigten Bedingungen (eher kühl/schattig): 2 l bzw. bei längeren Aktionen 2,5 l
  • Mehrtagestour bei warmem Wetter und viel Sonne: 3 l

Hinweis: Alle Anleitungen, Beschreibungen und Empfehlungen in den Beiträgen dieser Serie erfolgen selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen. Dennoch sollte klar sein: Vieles liegt im großen Graubereich zwischen Sicherheit und Effizienz. Manches entspricht wohl nicht den Herstellervorgaben zum Einsatz der Ausrüstung. Jeder Anwender muss für sich entscheiden, welche Techniken er überblicken und verantworten kann. Weder der Autor noch Bergfreunde.de können haftbar gemacht werden für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den Informationen der Beiträge dieser Serie resultieren.

Big Wall Light Teil 1 – los geht’s!

13. August 2019
Tipps und Tricks

Fasziniert vom Klettern in großen, schwierigen Wänden, wollte ich schon lange etwas zu diesem Thema schreiben. Aber keinen Erlebnisbericht oder Ähnliches, sondern einen Fachbeitrag mit ausgewählten Techniken, Tipps und Tricks, die sich bei meinen Touren bewährt haben. Die allermeisten Kletterer werden bisher noch keinen Kontakt zum Bigwall-Klettern gehabt haben. Wer sich aber fürs ambitionierte Alpinklettern interessiert, wen die Ausgesetztheit steiler Wände reizt und wer von den großen Routen des El Capitan träumt, der ist hier richtig.

Wenn ich mein Zeug packe für eine Bigwall-Route, gibt es in meinem Kopf eine klare Struktur. Über dieses komplexe, äußerst umfangreiche Thema zu schreiben, ist für mich hingegen viel schwieriger. Deshalb grenze ich es erst mal ein. „Big Wall Light“ – das klingt vielleicht bescheuert, aber es passt als Titel für diesen Beitrag ganz gut. Denn ich will einen leichten, reduzierten Stil beschreiben, der zwischen dem klassischen Alpinklettern und dem, nennen wir es „amerikanischen Bigwall-Klettern“ angesiedelt ist.

Mit dem „amerikanischen Bigwall-Klettern“ ist ein üppigerer Stil gemeint, der sicher für manche Routen erforderlich ist. Er ist aber auch mit einer gewissen Trägheit verbunden. Darüber hinaus soll ein einfacher Zugang zum Bigwall-Klettern vermittelt werden, ohne allzu große Hürden. Soll heißen: Man braucht nicht gleich ein Portaledge, es muss auch nicht zwingend alles Ersparte in dubiose Spezial-Hardware investiert werden, die am Ende dann doch kaum mehr hält als ihr Eigengewicht. Für die „Nose“ zum Beispiel hatten Flo und ich nur einen 16-l-Rucksack dabei und waren pünktlich zum Abendessen wieder zurück am Campingplatz.

Okay, ganz so einfach ist es dann vielleicht doch nicht. Dieser Beitrag ist für Leute gedacht, die sich bereits beim Alpinklettern bewährt haben und die sich – zumindest gedanklich – schon einmal mit dem Thema beschäftigt haben. Die gängigen Sicherungstechniken, der Umgang mit Seilklemmen usw. müssen sitzen, bevor man in große Wände einsteigt.

Ein gewisses handwerkliches Geschick kann auch nicht schaden. Außerdem sollte man sich dem Thema „Behelfsmäßige Bergrettung Fels“ widmen. Dabei entwickelt sich ein gutes Verständnis für kompliziertere Seiltechniken und man lernt zu improvisieren, wenn es einmal klemmt.

Mein persönlicher Zugang zum Bigwall-Klettern erfolgte in ganz kleinen, nicht immer zielführenden Schritten. Die meisten Techniken haben Lukas und ich uns in jungen Jahren irgendwie selbst erarbeitet. Erst später erhielten wir als Mitglieder des DAV Expeditionskaders eine halbwegs seriöse Bigwall-Ausbildung. Allerdings standen für mich damals immer andere Themen – klassischer Alpinismus, Eisklettern, die Bergführerausbildung – im Vordergrund. Nach jeder Bigwall-Aktion hatte ich erst einmal die Schnauze voll vom Schleppen schwerer Säcke, dem Kuddelmuddel mit dem ganzen Material und dem langsamen vorankommen. Es lief nicht rund. Wir waren damals zwar stark, aber technisch und taktisch einfach nicht gut genug.

Mittlerweile läuft es deutlich besser. Bigwall-Klettern steht in meiner Wahrnehmung nicht mehr für Schinderei, sondern für eine große Spielwiese. Darüber hinaus ist es für mich ein entscheidendes Puzzleteil beim Erfüllen von Bergträumen. Entscheidend für diese Entwicklung war nicht zuletzt, dass es mir Freude bereitet hat, mein System über viele Jahre hinweg immer weiter zu optimieren. Klar, es ist noch nicht perfekt und das wird es auch nie sein. Aber ich denke, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt guten Gewissens ein paar Erfahrungen teilen kann.

Mein Beitrag soll in vier Teilen erscheinen. Nach dieser Einführung wird es im zweiten Teil konkreter: Es geht dort um die Zusammenstellung der wichtigsten Ausrüstung. Teil Drei trägt den Titel „Technik und Taktik“. Hier wird es spannend (hoffe ich). Im vierten Teil – „Gebiete, Ziele, Routenempfehlungen“ – beschreibe ich ein paar ausgewählte Gebiete in den Alpen (und darüber hinaus). Parallel empfehle ich folgende Literatur:

  • How to Big Wall Climb, Chris McNamara, Supertopo Verlag (englischsprachig)
  • DAV Alpin Lehrplan 5 – Klettern – Sicherung und Ausrüstung, Chris Semmel, blv Verlag

Gute allgemeine Informationen finden sich auch in folgenden beiden Lehrschriften:

  • Alpinklettern, Peter Albert, Bruckmann Verlag
  • Handbuch Ausbildung des Deutschen Alpenvereins

Hinweis: Alle Anleitungen, Beschreibungen und Empfehlungen in den Beiträgen dieser Serie erfolgen selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen. Dennoch sollte klar sein: Vieles liegt im großen Graubereich zwischen Sicherheit und Effizienz. Manches entspricht wohl nicht den Herstellervorgaben zum Einsatz der Ausrüstung. Jeder Anwender muss für sich entscheiden, welche Techniken er überblicken und verantworten kann. Weder der Autor noch Bergfreunde.de können haftbar gemacht werden für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den Informationen der Beiträge dieser Serie resultieren.

Wie du im Downhill besser wirst!

6. August 2019
Tipps und Tricks

Meine Freundin steht am Gipfel des ersten Berges, den sie mit Trailrunning-Schuhen erklommen hat. Die Knie zittern, der Puls rast. Und das obwohl sie noch nicht einmal losgelaufen ist. Der Aufstieg war einfach, der bevorstehende Downhill macht ihr Angst. Die fehlende Erfahrung im steilen und technischen Gelände werden zur ultimativen Herausforderung… Das war einmal. Heutzutage springt sie wie eine junge Gams neben mir den Trail hinab.

Downhills geben dir die Möglichkeit, mit geringerer Anstrengung mehr Distanz zu bewältigen. Bergab läuft es durch die Schwerkraft immer irgendwie. Je effektiver du im bergab laufen wirst, desto weniger musst du bremsen und desto effizienter kannst du deine Energie einsetzen. Ideale Trainingsmöglichkeiten sind oft nicht leicht zu finden. Der Großteil der Trailrunner lebt weit entfernt von den Bergen. Die Wetterbedingungen in den Alpen sind gerade früh im Jahr nicht ideal zum Laufen in den Bergen.

Wie kannst du dich also vorbereiten, wenn dein Event bereits im April stattfindet? Du lebst im Flachland. Hier soll es möglich sein Höhenmeter zu trainieren? Wenn du diese Angst kennst oder dich generell beim bergab laufen verbessern mochtest können dir diese Tipps vielleicht weiterhelfen.

Es kommt auf die Details an

Das ist keine großartig neue Erkenntnis, oder? Aber trotzdem der wichtigste Faktor.

Hat dein Rennen 3000 Höhenmeter verteilt auf zwanzig kleine Hügel oder drei lange Anstiege von jeweils 1000 Höhenmeter? Es macht durchaus Sinn, sich die Höhenprofile der zu bewältigenden Strecken im Vorfeld einmal etwas genauer anzusehen. Sie geben dir schon eine grobe Übersicht darüber, was dich erwartet.

Manche Veranstalter veröffentlichen auf ihrer Homepage detaillierte Karten der Strecke. Auf diesen kannst du sehen, wo dich Trails und wo andere Untergründe wie Forstwege oder Straßen erwarten. Auf Forstwegen kannst du viel schneller bergab laufen als auf technischen Trails, bei denen du alle paar Meter über einen Stein klettern musst. Je mehr Zeit du in spezifischem Gelände läufst und trainierst, desto besser wirst du vorbereitet sein.

Finde die optimalen Trails für dein Training

Optimalerweise läufst du einen Teil der Strecke deines Rennens schon einmal im Training ab. Leider ist das meistens nur sehr begrenzt möglich. Entweder die Rennstrecke ist zu weit von deinem Wohnort entfernt oder auf den Trails liegt früh im Jahr noch meterhoch Schnee.

Also solltest du versuchen Trails in deiner näheren Umgebung zu finden, die möglichst steil sind. Wenn sie nur kurz sind kannst du mehrmals bergauf- und ab laufen.

Oder du fragst andere Läufer in deiner Gegend wie und wo sie für Trailrunning-Events in den Bergen trainieren. Selbst wenn es nur kleine Hügel mit fünfzig Höhenmetern sind. Es wird auf jeden Fall effektiver sein, als immer nur flach die Hausrunde zu laufen.

Downhill-Training geht auch ohne Trails

Die folgenden Alternativen sind für Trailrunner nicht unbedingt attraktiv. Dafür können sie aber trotzdem sehr effektiv sein. Gerade an Tagen, an denen du wenig Zeit hast oder die Trails doch wieder zu weit weg und der Jahresurlaub schon verbraucht ist.

  • Laufband – Manche modernen Laufbänder lassen sich mit bis zu 6-7% Steigung bergab einstellen. Die Dauer wählst du selbst. Je länger deine Downhills, desto länger darfst du deine Oberschenkel quälen.
  • Fußballstadion – Schon mal die ganze Tribüne runter gelaufen? Da kommen schon ein paar Höhenmeter zusammen. Gerade in Verbindung mit dem Bergauf-Training wenn du das ganze anschließend wieder hoch läufst.
  • Treppen – kennst du den Mount Everest Treppenmarathon in Radebeul bei Dresden? Die Treppe dort hat ungefähr 80 Höhenmeter Aufstieg pro Runde und die Teilnehmer müssen einmal den Aufstieg zum höchsten Berg der Welt darauf absolvieren. Bestimmt gibt es bei dir in der Nähe auch ein paar längere Treppen, auf die du zurückgreifen kannst.
  • Parkhäuser und Brücken – Hier schafft man meistens nicht mehr als ein paar Höhenmeter. Aber bei mehreren Runden kommt auch einiges zusammen.

Die richtige Downhill Technik

Es gibt einen richtigen und einen falschen Weg, um bergab zu laufen. Es macht keinen Unterschied wie steil oder lang der Downhill ist, die Technik bleibt immer dieselbe.

Wenn du „falsch“ läufst verschwendest du viel wertvolle Energie und wirst anfälliger für Überlastungen und Verletzungen im Sprunggelenk, den Schienbeinen und den Hüften. Versuche also in den späten Phasen deines Rennens besonders auf eine gute Technik zu achten. Dies wird durch die Ermüdung der Muskeln und deiner Energiereserven eine zusätzliche Herausforderung. Koordination und Balance sind gefragt.

Daher habe ich hier ein paar Tipps für dich:

Bleib entspannt

Der Körpermittelpunkt bleibt angespannt, während die Beine, Gesäßmuskulatur, Arme und Schultern locker bleiben. Dies hilft dir dabei, die Balance zu halten und Energie zu sparen. Den Rest übernimmt die Schwerkraft. Kilian Jornet sagt immer: „Downhill laufen ist wie tanzen“. Und dort bewegst du dich ja (hoffentlich) auch nicht wie ein Roboter.

Versuche senkrecht zu bleiben

Kippe nicht nach vorn oder hinten. Die Knie nach oben und unten heben, nicht nach vorne oder zur Seite. Benutze deine Arme und Schultern, um deinen Körper auszubalancieren. Besonders wenn das Gelände steiler wird.

Fuß und Körper bilden eine Linie

Die Füße landen optimalerweise direkt unter deinem Körper. Stell dir vor, dass deine Füße bei jedem Schritt hinter deinem Körper aufkommen. Das ist nämlich gar nicht möglich. Aber es kann dir helfen dich nicht zu weit zurückzulehnen.

Werde zum Filmemacher

Lass dich ab und zu von jemand anderem beim Downhill filmen. Eine Go Pro oder Ähnliches ist gut, aber das Handy tut es genauso gut. So kannst du hinterher analysieren, wo du dich bereits verbessert hast. Und woran noch zu arbeiten ist.

Mach kleinere Schritte (höhere Kadenz)

Versuche nicht deine Schritte zu verlängern, um schneller zu sein. Ganz viele kleine Schritte, bei denen du schnell wieder vom Boden abhebst, sind für die Muskulatur viel weniger anstrengend als große Schritte, bei denen die Muskulatur dein komplettes Körpergewicht „auffangen“ muss. Uhren wie die Suunto Ambit oder Garmin Forerunner/Fenix (LINK) können die Kadenz (=Schrittfrequenz) messen und anzeigen, ideal sind etwa 160-180 Schritte pro Minute. Bei schnellen, technischen Downhills kann die Kadenz auch deutlicher höher sein.

Stretchen

Viele Trailrunner scheuen das Stretchen genauso wie die Straße. Je flexibler du bist, desto besser kann sich dein Körper auf die verschiedenen Situationen am Berg einstellen. Ganz gleich ob bergauf oder bergab.

Vorausschauend laufen

Nicht direkt nach unten auf deine Füße schauen, sondern ein paar Meter voraus auf den Trail. So kann sich dein Gehirn schon einmal auf die kommenden Hindernisse vorbereiten. Deine Füße finden dann fast automatisch die richtigen Schritte und du kommst nicht aus deinem Rhythmus.

Je mehr Downhill du trainierst, desto besser wirst du werden. Nicht indem du jedes Mal wieder langsam läufst. Aber es geht nicht von heute auf morgen und das wichtigste überhaupt ist es, so viel wie nur möglich ins Training einzubauen.

Denn in Zukunft willst du ja auch abwärts tanzen wie Kilian und Emelie und nicht nur irgendwie ankommen!

Geschirr für draußen: welche Materialien sind outdoortauglich?

2. August 2019
Ausrüstung

Die Auswahl von Kochgeschirr ist normalerweise sprichwörtlich Geschmackssache. Welche der unzähligen Formen, Materialien und Materialkombinationen man nimmt, hängt großteils von persönlichen Vorlieben ab. Anders sieht das in der Outdoorküche aus, wo praktische Erwägungen viel mehr Bedeutung haben. Kochgeschirr für die Campingküche muss leicht, robust, vielseitig und langlebig sein. Es soll sich mit möglichst wenig Aufwand reinigen lassen, ohne dass es bei etwas festerem Scheuern gleich zu Kratzern und Materialabrieb kommt. Auch sollte das Material möglichst nicht mit Lebensmitteln, Salz und Säuren reagieren.

Was die ideale Wärmeleitfähigkeit des Materials ist, hängt vom persönlichen „Nutzungsprofil“ ab. Ist sie niedrig, dann eignet sich das Kochgeschirr eher für Wasser, Suppen und wasserhaltige Speisen. Wasserarme Gerichte werden bei schlechter Wärmeleitfähigkeit schneller mal anbrennen.

Das waren schon einige wichtige Kriterien. Schauen wir uns nun die gängigen Alternativen im Angebot an. Da auch beim Kochgeschirr jeder Outdoorer die Frage „was ist am besten für mich geeignet“ anders beantwortet, gibt es hier nicht „das beste Material“. Deshalb stelle ich nur die gängigen Materialien mit ihren Vor- und Nachteilen vor und lasse sie nebeneinander stehen.

Die „gängigen“ Alternativen reichen aus, weil wir für die Outdoorküche nicht wirklich tief in die Feinheiten der Metalle und ihrer vielen verschiedenen Legierungen, Beschichtungen, chemischen Strukturen, Wärmekapazitäten, Wärmeleitfähigkeiten sowie all deren Wechselwirkungen und Auswirkungen auf Geschmack und Gerüche eintauchen müssen. Sonst müssten wir zum Beispiel  die kleinen Abweichungen der diversen Edelstahl-Legierungselemente wie Chrom, Nickel, Titan oder Wolfram mit ihren Änderungen der Topf- und Pfanneneigenschaften und der Kochergebnisse beleuchten. Doch da man von all dem in der Outdoorküche bei einer robusten Tütenmahlzeit oder ein paar „Armen Rittern“ eher weniger bemerkt, bleiben wir hier bei den Basics und heben uns die Haute Cuisine für die Bulthaupküche daheim auf.

Neben den outdoorspezifischen, weil praktischen Materialien wie Aluminium und Titan kommt draußen vereinzelt auch durchaus der gute alte Edelstahl zum Einsatz. Schauen wir uns die drei nun näher an.

Aluminium

Kurzfassung: leicht, billig, hervorragender Wärmeleiter, aber gesundheitlich in der Diskussion. Laut Verbraucherzentrale weiß man inzwischen, „dass sich unter bestimmten Umständen Aluminiumionen lösen und ins Lebensmittel wandern können“. Doch diese „bestimmten Umstände“ kann man gut beeinflussen. Bei einem Espressokocher aus Aluminium ganz einfach dadurch, dass man ihn nicht in der Geschirrspülmaschine wäscht. Denn dadurch wird eine Schutzschicht entfernt, die sich mit der ersten Benutzung bildet und „Übergänge von Aluminium weitestgehend reduziert“.

Die zweite einfache Vorsichtsmaßnahme ist, den Kontakt von Aluminium mit Salz und sauren Lebensmitteln zu minimieren. Generell reagiert Aluminium im Vergleich zu anderen Materialien stärker mit Lebensmitteln. Allerdings haben die meisten angebotenen Aluminiumtöpfe und -Pfannen eine PTFE- oder Keramikbeschichtung, oder sind mit einer nicht löslichen Oxidschicht versehen (eloxiert). Der Nachteil mancher Beschichtungen kann zwar wiederum eine höhere Empfindlichkeit gegen Abrieb sein, doch wenn man etwas Sorgfalt walten lässt und in Töpfen nicht wie wild herumkratzt, wird man sicher keine ernsthaften Gesundheitsschäden davontragen.

Dadurch dürfte, im Zusammenspiel mit den anderen Vorsichtsmaßnahmen, das Risiko auf ein überschaubares Maß sinken. Wenn man dann noch das Aluminiumgeschirr nur beim Zelten und nicht im Alltag in der Wohnung verwendet, dürfte die eventuelle Schadstoffaufnahme bei einem zu vernachlässigenden Maß angekommen sein.

Vor- und Nachteile

Auf der Habenseite stehen der günstige Preis, das geringe Gewicht und die superschnelle Wärmeleitung. Letztere Eigenschaften gehen mit einer geringen Dichte und schlechten Wärmespeicherkapazität einher. Die dürfte aber im Outdoorbereich kaum ein Nachteil sein, da Mahlzeiten und Heißgetränke hier in aller Regel gleich nach der Zubereitung verzehrt werden. Ich habe jedenfalls am Zeltplatz oder Lagerfeuer noch kein Buffet mit warmgehaltenen Speisen gesehen …

Dass sich Aluminium leicht verformt und verbeult, ist hauptsächlich ein ästhetischer Aspekt. Die Benutzbarkeit der Töpfe und Pfannen ist dadurch nicht eingeschränkt. Solange es keine zu starken Dehnungen und Stauchungen gibt, kommt es nicht zum Reißen oder Abplatzen von Partikeln auf der Oberfläche. Das Problem kann ohnehin leicht umgangen werden, indem man auf härtere (und dadurch auch weniger reaktive) Varianten wie HA-Aluminium oder Duossal umsteigt.

Alu-Spezialitäten: HA und Duossal

HA steht für hartanodisiertes Aluminium. Die mit einer HA-Keramikschicht behandelten Pfannen und Töpfe sind absolut kratzfest. Die HA-Schicht ist nicht einfach nur aufgetragen, sondern regelrecht mit dem Aluminium verwachsen. Dadurch können Minimalismus-Cracks das Geschirr nach MacGyver-Art mit Sand „ausspülen“ und in ihm sogar mit der Metallgabel herumkratzen. Diese Unempfindlichkeit unterscheidet HA von normalen Beschichtungen wie Teflon. Dafür kann sie nicht mit deren Anti-Haft-Eigenschaften mithalten. Speisen können anbrennen und ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit beim Kochen bleibt erforderlich.

Bei Duossal ist die Innenseite der Töpfe und Pfannen mit Edelstahl ausgekleidet. Daraus resultiert  eine extrem kratzfeste, garantiert aluminiumfreie und lebensmittelechte Oberfläche bei geringem Gewicht und guter Wärmeleitfähigkeit.

Alles in allem kann Aluminium mit seinen vielen Varianten die eventuellen Nachteile durch Gewichts- und Preiseinsparungen mehr als wettmachen.

Kochen wie daheim: Edelstahl

Edelstahl ist ein Stahl, dem in der Regel Chrom und Nickel zugesetzt wurden. Er ist das schwerste, aber auch härteste und stabilste der hier genannten Materialien. Für den Outdooreinsatz werden dünne Wandstärken fabriziert, die das Gewicht etwas drücken.

Vor und Nachteile

Edelstahl ist relativ preisgünstig, stoßfest, rostfrei, sehr lang haltbar und leicht zu reinigen. Er zeigt keine Reaktivität mit Lebensmitteln und bietet in Verbindung mit dem oft vorhandenen Kupfer- oder Aluminiumkern eine passable Wärmeleitfähigkeit. Reine Edelstahlpfannen, die es im Handel allerdings kaum gibt, haben sehr schlechte Wärmeeigenschaften. Die eher schlechte Antihaftwirkung kann bei fehlender Aufmerksamkeit beim Kochen für angebranntes Essen sorgen.

Leider spielt der Nachteil des hohen Gewichts im Outdoorbereich eine große Rolle, weshalb Edelstahl hier selten erste Wahl ist.

Titan

Titan bietet neben einem klangvollen Namen eine unverwüstliche Stabilität und einen hohen Anschaffungspreis. Oft wird ihm ein geringes Gewicht zugeschrieben, doch der entscheidende Faktor ist eher seine enorme Härte. Wegen ihr kann Titan extrem dünnwandig verarbeitet werden, was zu einem sehr leichten Endprodukt führt. Die Härte des Titans geht auch mit einer hohen Kratzfestigkeit (auch hier „Sandspülung“ möglich) und einer geringen Reaktivität mit Säuren einher.

Vor- und Nachteile

Die Produktion ist allerdings sehr aufwendig, da Titan auf enorme 1668 °C erhitzt werden muss, um  zu schmelzen. Dadurch erklärt sich der im Vergleich zu Alternativmaterialien sehr hohe Preis. Neben diesem kann man die schlechte Wärmeleitfähigkeit von Titan als Minuspunkt werten. Zusammen mit der geringen Wandstärke kann das schon mal zu schnellem Anbrennen von Speisen führen.

Wer allerdings dazu neigt, seinen Topf oder Kessel auf dem Feuer zu vergessen, kann das auch als Vorteil sehen. Denn ein Titantopf kann lange in der Glut verweilen, ohne irgendeinen Schaden zu nehmen.

Dass die Speisen mit einem Titantopf etwas mehr Zeit brauchen als mit Aluminium- oder Edelstahlgeschirr fällt bei einem oder zweimal kochen sicher nicht ins Gewicht, doch bei einer wochenlangen Tour kann der höhere Brennstoffverbrauch den Gewichtsvorteil von Titan womöglich aufheben. Wobei dies eine Spekulation meinerseits und keine „gesicherte Erkenntnis“ ist.

Fazit

Wie bei fast jedem Teil der Ausrüstung gibt es auch beim Outdoor-Geschirr nicht „das beste“ Material. Als Käufer sollte man sich die eigenen Bedürfnisse und Präferenzen (Gewicht, Preis, Stabilität, Kocheigenschaften, usw.) klar machen und in der richtigen Reihenfolge gewichten. Dann wird man sich entweder eine individuelle Auswahl zusammenstellen, oder – wenn man sich nicht über jedes Detail den Kopf zerbrechen will –, auf ein komplettes Kochset zurückgreifen.

Wahnsinn mit Methode? Das Business am Everest

30. Juli 2019
Die Bergfreunde

Schlange stehen am Gipfelgrat und fast ein Dutzend Tote: der ganz normale Wahnsinn der Everest-Frühjahrssaison machte auch 2019 wieder Schlagzeilen. Jetzt, im europäischen Sommer, hätte man den Berg hingegen ganz für sich allein. Doch man würde es wohl kaum zum Gipfel schaffen, denn der gleicht in der Monsunzeit einem Inferno. Schwere Gewitter laden meterweise Schnee ab, der von Sturmböen zu Fahnen von Hundert Metern Höhe aufgeworfen wird.

Im Oktober kommen noch einmal ein paar Wochen mit stabilem Wetter und einigen „Gipfeltagen“, bevor extreme Kälte bis Ende April einzieht. Alles in allem bleiben nur etwa sieben bis zwölf Tage im Jahr, in denen die Bedingungen eine Gipfelbesteigung mit kalkulierbarem Risiko erlauben. Im Mai 2019 waren es allerdings nur 4 Tage, an denen die etwa 300 Aspiranten den Gipfel versuchen konnten. Und „dank“ der satellitengestützten Wettervorhersage starten die kommerziellen Expeditionen mittlerweile fast alle zeitgleich vom letzten Lager am South Col zum Gipfel.

Der zeitliche Engpass ist ein Grund für die alljährlichen Staus in den Flanken und auf dem Gipfelgrat. Ein weiterer Grund ist die Tatsache, dass die weitaus meisten Gipfelstürmer auf die Fixseile angewiesen sind, die von den Sherpas vor der Saison fast den gesamten Weg am Berg hinauf installiert werden.

Ohne die mit Eisschrauben, Eissanduhren und Firnankern befestigte „Nabelschnur“ würden die vielfach unerfahrenen und wenig kompetenten „Bergsteiger“ in Gletscherspalten verschwinden, in der steilen Lhotseflanke oder am ausgesetzten Gipfelgrat abstürzen, sich im Nebel und Erschöpfungsdelirium verirren und auf vielfache andere Weise verunfallen.

Zum Höhepunkt kommen: was reizt die Menschen am Everest?

Mehr als 5000 Menschen waren seit der Erstbesteigung 1953 auf dem Gipfel. Die Zahl der Gescheiterten ist um ein Vielfaches höher. Etwa 300 Menschen haben bislang am Everest den Tod gefunden. Hinzu kommen etliche erfrorene Zehen und Finger sowie viele andere bleibende Gesundheitsschäden. Der Gipfelversuch ist trotz aller Zähmung des Berges nach wie vor ein extrem kräftezehrendes und riskantes Unterfangen.

Doch die Anstrengungen und Risiken nehmen Gipfelkandidaten ebenso in Kauf wie den finanziellen Aufwand, der mit bis zu 90.000 US Dollar dem Erwerb einer Oberklasse Limousine entspricht.

Ruhm und Anerkennung gibt es für die große Mühe unter Bergsteigern eher wenig, denn unter ihnen gilt der Everest heute keineswegs mehr als besonders erstrebenswertes Ziel. Im Gegenteil, viele sind vom Ehrgeiz, auf dem höchsten Punkt der Welt zu stehen, genauso abgestoßen wie von der Art und Weise, wie dieser Ehrgeiz umgesetzt wird. Spitzenalpinist Hans Kammerlander, der selbst ohne Flaschensauerstoff auf dem Gipfel war, bringt das folgendermaßen auf den Punkt:

80 Prozent der Leute sind bei Weitem nicht geeignet. Sie verlassen sich nur auf die Infrastruktur und die Sherpas. Viele machen das, weil sie glauben, das ist eine tolle Imagesache. Dabei ist es eher lächerlich und alpinistisch völlig bedeutungslos.

Noch zugespitzter kann es nur der Meister höchstselbst formulieren:

„Es ist der Fluch der Eitelkeit, der die Menschen an diesem Berg treibt“, sagt Bergsteigerlegende Reinhold Messner. „Der Wille der Menschen ist dort stärker als das bergsteigerische Können. Für sie zählt nichts, außer der Gipfel.“

Wie gesagt, nicht all zuviel Respekt von Seiten des Bergestablishments. In der viel größeren, nicht-bergaffinen Öffentlichkeit dürfte die bewundernde Aufmerksamkeit für Everest-Bezwinger deutlich größer sein.

Gipfel all inclusive: wie läuft das Everest-Business ab?

Neun von zehn Bergsteigern an den Everest-Flanken sind Kunden eines kommerziellen Veranstalters. Viele von ihnen haben wenig bis keine Bergerfahrung, manche wissen zu Beginn der Expedition nicht, wie man Steigeisen oder einen Helm anzieht. Dafür haben sie das nötige Kleingeld. Sie zahlen zwischen 25.000 und 90.000 Dollar an den Touroperator und erwarten dafür, auf den Gipfel gehievt zu werden.

Deutschsprachige Veranstalter mit dem Everest im Katalog sind u.a. Amical Alpin und Summitclimb. Beide sind bestrebt, derartige Kunden im Vorfeld auszusieben. Das scheint auch durchaus zu gelingen, denn bei diesen Anbietern kommt es vergleichsweise selten zu Unglücksfällen.

Beim DAV Summit Club hat man den Everest dennoch seit langem mit der Begründung aus dem Programm genommen, dass Bergführer und Sherpas in diesen Höhen keine Verantwortung für das Leben zahlender Kuunden übernehmen können.

Es ist zwar definitiv unmöglich, Kunden eine unbeschadete Rückkehr vom Gipfel zu garantieren, doch gute Agenturen versuchen alles, was menschenmöglich ist. So hat „Himalayan Experience“, der größte kommerzielle Veranstalter, den Ruf, strenge Standards zu setzen. Dazu gehört, dass jeder Bergsteiger und Sherpa einer „Himex“-Seilschaft ein Funkgerät erhält und sich täglich melden muss. „Von jedem Teilnehmer wird verlangt, Lawinenverschütteten- Suchgerät (LVS-Gerät), Helm, Klettergeschirr und Steigeisen mitzuführen und sich stets in Sicherungsseile einzuklinken. (…) Die Kunden müssen das Tempo mithalten oder umkehren.

Andere Anbieter versuchen die Sicherheit zu maximieren, indem sie bei jedem Gipfelgang ausgeruhte Sherpa im obersten Lager „stationieren“. Sie sollen helfen, wenn höher oben etwas schief geht. Die Frage ist dann nur, ob die Kunden den Anweisungen der Sherpa auch Folge leisten. Denn: „Sherpa sind an den höchsten Bergen wunderbare und einzigartig leistungsfähige Begleiter. Aber die allermeisten von ihnen sind keine Führungspersönlichkeiten, die klare Zeichen setzen und eine Umkehr anordnen können.“

Everest-Kunden sind hingegen oft „Führungspersönlichkeiten“, die es gewohnt sind, zu bekommen was sie wollen. Sie schaffen es nur zu oft auch unter Sauerstoffmangel und wider aller Vernunft, ihren Willen durchzusetzen. Und damit nicht selten in ihr Verderben zu laufen.

Die Sherpa haben natürlich auch ein monetäres Eigeninteresse an diesem Tourismus. Hochlager-Träger können mehrere Tausend US-Dollar pro Saison verdienen, erfahrene Gipfelbegleiter auch Fünfstellige Beträge. Zusätzlich gibt es Boni, wenn Kunden den Gipfel erreichen. Mit diesen Einnahmen versorgen viele der Einheimischen ganze Großfamilien.

Der Ablauf der Gipfeltour

Die Gipfelaspiranten haben etwa 6-8 Wochen „Urlaub“ und finden sich Anfang-Mitte April in der nepalesischen Khumbu-Region zu Füßen des Everest ein. Die meisten von ihnen wandern vom nächstgelegenen „Flughafen“ in Lukla (2800m) etwa eine Woche zum Basislager. Auf diesem „Teahouse Trek“ wird der Großteil der Ausrüstung von Sherpas und Yaks transportiert und die Touristen können sich relativ komfortabel an die Höhe anpassen.

Spätestens ab dem Basislager auf 5400 Metern ist aber Schluss mit komfortabel, denn die Anpassung des Körpers an den Sauerstoffmangel wird ab dieser Höhe mühsam. Gegen Ende April wird dann mehrfach zwischen Basecamp und den Hochlagern I bis IV auf- und abgestiegen, um im Mai eines der kurzen Wetterfenster zu erwischen, an denen es in der „Todeszone“ oberhalb von 7000 m nicht stürmt und die Temperaturen mit Minus 25 Grad Celsius „mild“ sind.

Auf der tibetischen Nordseite läuft der Prozess ähnlich ab. Es sind aber weit weniger Leute unterwegs, da die Route technisch schwieriger und eine Rettung bei Schwierigkeiten weniger wahrscheinlich ist als auf der nepalesischen Südroute. Die Nordroute ist aber „objektiv“ deutlich sicherer, da sie weder große Eisbrüche noch spaltenreiche Gletscher oder besonders gefährliche Lawinenhänge überwindet. Zudem sind die Wartezeiten an den „Schlüsselstellen“ aufgrund der geringeren Zahl an Leuten nicht so lang.

Der große Andrang

Zu viele Menschen zur gleichen Zeit: das ist das Kernproblem des „Everest Wahnsinns“. Es steht immer wieder im Mittelpunkt der Diskussionen zwischen Medien, Alpinisten, Tourunternehmern und Nepals Politikern. Dass die 381 Genehmigungen, die dieses Jahr erteilt wurden, zu viel waren, zeigte sich daran, dass die meisten der 11 Toten wegen der langen Staus und Wartezeiten starben. Doch weniger Genehmigungen bedeuten entgangene Einnahmen. In Nepal sind die 9800 Euro für eine Everest-Lizenz und die vielen weiteren Ausgaben, die der Everest-Tourismus auf dem Weg zum Gipfel tätigt (Anreise, Essen, Unterkunft, Träger- und Führerkosten, weitere Permits und Gebühren), eine große Menge Geld.

Es gibt also von vielen Seiten ein reges Interesse an möglichst vielen „Kunden“ am Everest. Dadurch wird auch nachvollziehbar, warum es abgesehen vom Geld kaum Voraussetzungen und Auflagen gibt und so viele unfähige und überforderte Aspiranten unterwegs sind. Reinhold Messners Forderung nach dem Verbot der kommerziellen Touren dürfte in diesem Gemenge nicht viel Anklang finden.

Wie anstrengend und schwierig ist der Everest?

Wenn ihr von einer Everest-Besteigung zurückkehrt, ist euer Körper quasi ein Wrack. Viele Menschen sterben daran.“ Dieser Satz von Kami Rita Sherpa sagt im Grunde alles über den Grad an Anstrengung. Die dünne, sehr trockene und sehr kalte Luft wirkt auf die allermeisten Menschen kräftezehrend und auslaugend. Ab etwa 7000 m Höhe verlangt jeder einzelne Schritt einen großen Willensakt.

Die technischen Schwierigkeiten halten sich in Grenzen. Der riesige und aufgrund seiner Instabilität sehr gefährliche Gletscherfall des Khumbu-Eisbruchs wird von den „Ice Doctors“ komplett mit einem „Klettersteig“ aus Leitern und Fixseilen präpariert und instand gehalten. Stolperer und Stürze werden normalerweise vom Fixseil aufgefangen.

Der Weiterweg zur Lhotseflanke ist ebenfalls „nur“ anstrengend und gefährlich, nicht aber technisch schwierig. In der Flanke wird es mit bis zu 80° zwar sehr steil, doch da man auch dort immer am Fixseil eingeklinkt ist, hat technisch unsauberes Steigen abgesehen von Kräfteverschleiß keine ernsten Konsequenzen.

Am Gipfelgrat wird es dann richtig ausgesetzt, was vor allem eine psychische Herausforderung ist, die aber wiederum durch Fixseil und Begleiter entschärft wird. Die ehamals als Hillary Step bezeichnete Stelle ist zwar seit dem Wegbrechen durch das Erdbeben im Jahre 2015 weniger anspruchsvoll, gilt allerdings nach wie vor als Nadelöhr.

Höhe, Kälte, Stürme: Wie gefährlich ist der Everest?

Die Normalroute von Süden ist definitiv gefährlich, da es viele Gefahrenquellen gibt, die man nicht beeinflussen kann („objektive Gefahren“). Man befindet man sich tagelang in Gelände, das jederzeit von Lawinen überrollt werden kann. Zugleich befindet man sich auf einem schnell fließenden, von tiefen Spalten zerfurchten Gletscher, auf dem neue Spalten binnen Sekunden mit lautem Getöse aufreißen können.

Die Nordroute von Tibet aus ist objektiv sicherer, allerdings klettertechnisch schwieriger und man kann dort im Falle von Problemen weit weniger mit Hilfe oder gar Rettung rechnen.

Gefährlich ist allein schon der Aufenthalt in der Todeszone, jenem Bereich oberhalb 7000 Meter, in dem der Sauerstoffpartialdruck so gering ist, dass Körper und Geist selbst dann rapide abbauen, wenn man nur schlafen, essen und trinken würde. Ein Aufenthalt von mehr als 48 Stunden führt bei den meisten Menschen zu einem tödlichen – meist durch Erschöpfung und Unterkühlung beschleunigten – Verlauf der Höhenkrankheit. Deshalb sind auch die Wartezeiten so gefährlich: sie sorgen für Erschöpfung und steigern die Wahrscheinlichkeit von Höhenkrankheit und Erfrierungen. Der Sauerstoffmangel (der durch Flaschensauerstoff nur teilweise ausgeglichen wird) schränkt auch die geistige Leistungsfähigkeit ein und trübt das Urteilsvermögen. Deshalb kommt es in der Todeszone häufig zu fatalen Fehlentscheidungen, die aus alltäglicher Perspektive nicht nachvollziehbar scheinen.

Insgesamt liegt der „Bodycount“ des Everest bislang bei etwa 300, was einer Sterblichkeitsrate von etwa vier Prozent entspricht. Angesichts des Rummels am höchsten Berg könnte sie auch weit höher sein. Berglegende Hans Kammerlander beispielsweise wundert sich, warum nicht viel mehr Menschen ums Leben kommen:

Wenn so eine Masse unterwegs ist und ein Sturm aufkommt, können auch schnell 50 oder 100 Menschen sterben. Der Berg kann zur Bestie werden. Oder im unteren Teil, da befindet sich der Khumbu-Eisbruch. Wenn viele Menschen weit oben sind und im Eisbruch eine Lawine abgeht, was jederzeit sein kann, sind dort alle Seile weg und der Weg nach unten ist kriminell. Dann kommt kaum noch jemand runter.

Khumbu-Leitersteig, Internetcafe und Fixseilautobahn: Die Infrastruktur

Nach Ansicht der meisten Extrem- und Spitzenbergsteiger hat eine Everestbesteigung nicht mehr viel mit Bergsteigen und Alpinismus zu tun. Kammerlander erklärt im Interview, wie der Everest für Nichtalpinisten präpariert wird:

Der Berg wird von Spezial-Sherpas jeden Frühling präpariert. Es wird mit Seilen und Leitern eine Art Klettersteig gebaut. Mit Alpinismus hat das nichts mehr zu tun. Die Anbieter klinken sich in diese Infrastruktur ein.

Das Basislager ist längst zu einer Zeltstadt mit bis zu 1000 „Einwohnern“ geworden. Schon zu Anfang des Jahrtausends trampelten sich dort die Expeditionen auf den Füßen herum, konnte man sich mit T-Bone-Steak und Heineken stärken und im Internetcafe einen Heldengruß nach Hause schicken. Es tummeln sich hier auch weit mehr Leute als nur die Gipfelaspiranten. Die meisten der rund 35.000 Touristen, die jährlich den Sagarmatha-Nationalpark besuchen, in dem der Everest liegt, wollen zum Everest Base Camp.

Leichengasse, Müllberge und Massenschlägereien: die Auswüchse

Was es wirklich bedeutet, nahe des Gipfels im Stau zu stehen, macht der Augenzeugenbericht des kanadischen Bergsteigers Elia Saikaly vom Mai diesen Jahres deutlich: „Tod. Massensterben. Chaos. Warteschlangen. Leichen auf dem Weg und im Camp 4„. Saikaly hat nach eigener Aussage versucht, Bergsteiger zum Umdrehen zu bewegen, die später gestorben seien. Menschen seien niedergerissen worden, er musste über ihre Körper steigen.

Man muss also sprichwörtlich über Leichen gehen, um den Gipfel des Mount Everest zu erreichen. Dazu noch einmal Hans Kammerlander:

Die Moral, die unter Alpinisten das erste Gebot sein sollte, hat heute kaum noch einen Stellenwert. Wenn von oben jemand kommt, total erschöpft und ohne Sauerstoff, helfen die wenigsten, weil sie zurück müssten und den Gipfel verlieren. Die denken sich: Das macht schon der hinter mir.

Wie es aussieht, wenn alle so denken, das wurde 2012 beim üblichen Stau am Hillary Step deutlich, „als dort entkräftete Menschen apathisch im Schnee saßen oder hemmungslos weinten, als andere schrien und wieder andere darum flehten, man möge sie doch bitte hinunterlassen, kannte niemand Gnade oder Rücksicht.

2006 machte ein ähnlicher Fall Schlagzeilen, als dem Briten David Sharp im Abstieg der Sauerstoff ausgegangen war. Rund 40 Bergsteiger sollen passiert haben, ohne zu helfen, bevor Sharp an Ort und Stelle starb.

Man lässt den Anderen lieber sterben, als den eigenen Gipfelerfolg zu gefährden. Mit dieser Art von zwischenmenschlicher Interaktion muss man rechnen, wenn man ganz nach oben will.

Leichen als Wegmarken

Da die Bergung von Leichen mühsam, schwierig und gefährlich ist, blieben von den 300 Toten des Everest etwa 200 auf den Hängen des Berges liegen – begraben unter Eis und Schnee oder offen. Immer mal wieder kommen Leichen oder einzelne Teile in den Camps zum Vorschein. Einige Exemplare dienen sogar als Wegmarken. So ist die nah am Gipfel liegende Leiche eines Inders, der vermutlich 1996 ums Leben kam, als „Green Boots“ bekannt, weil sie nach wie vor die markanten grünen Bergstiefel trägt.

Explosive Anspannung

Ein weiteres Sinnbild für die unappetitlichen Seiten des Everest-Business war 2013 die Massenprügelei im Tal des Schweigens, in der etwa 100 aufgebrachte Sherpas den Schweizer Spitzenalpinisten Ueli Steck und zwei Begleiter beinahe gelyncht haben sollen. Nur durch beherztes Einschreiten anderer westlicher Bergsteiger sollen Steck und die zwei Profibergsteiger-Kollegen mit dem Leben davongekommen sein. Die im Zuge der Kommerzialisierung des Berges aufgestauten Spannungen hatten sich entladen, als die Sherpas meinten, die führerlosen Alpinisten hätten ihre Fixseile traversiert und dabei Eisschlag ausgelöst.

Höchstgelegener Müllberg der Welt

Auch der auf dem Dach der Welt aufgetürmte Müll gibt kein gutes Bild ab. Neben Zelten, Sicherheitsseilen, Lebensmittelpackungen, leeren Sauerstoffflaschen, Kochern und Fäkalien bleiben wie erwähnt auch die Leichen oft liegen. Sherpas brechen immer wieder zu Säuberungsaktionen ihres heiligen Berges auf, bei denen, soweit möglich, auch Tote abtransportiert werden.

Lösungsversuche

Seit 2014 soll ein Pfandsystem den Müllberg bändigen. Jeder Bergsteiger soll etwa 8 Kilogramm Müll wieder mit hinunternehmen – so viel wie jeder im Durchschnitt produziert. Expeditionen müssen eine Kaution von rund 4420 Euro hinterlegen, die sie zurückerhalten, wenn ein Regierungsbeamter bestätigt hat, dass die Expedition „sauber“ war. Die Kontrollen werden allerdings nicht besonders strikt durchgesetzt.

Es mangelt auch nicht an weiteren vernünftigen Vorschlägen, den Everest-Wahnsinn in gesündere Bahnen zu lenken. Doch wie so oft sind Mäßigung und Vernunft umso schwer durchzusetzen, je mehr Dollarbündel im Spiel sind.

Das Nachhaltigkeitskonzept von Mammut

23. Juli 2019
Ausrüstung

Das schwarze Mammut auf rotem Grund (inzwischen ja Rot auf Weiß) ist ein markantes und bekanntes Logo in der Outdoorbranche. Es steht für hohes technisches Niveau und bewährte Schweizer Qualität. Einen Ruf als Nachhaltigkeits-Vorreiter hatte der Bergausrüster aus dem Kanton Aargau bisher allerdings nicht. Das könnte sich jedoch bald ändern, denn seit gut zwei Jahren arbeitet man offensiv und systematisch an Entwurf und Umsetzung einer umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie.

Vereinzelte Maßnahmen für Umweltschutz und Sozialstandards gibt es bei Mammut zwar schon länger, doch in den letzten gut zwei Jahren wandelte sich die Nachhaltigkeit zu einem zentralen Anliegen. Die jüngsten Schritte hierbei waren die Bekanntgabe von sehr ambitionierten Nachhaltigkeitszielen bis 2023 sowie der Beitritt zur Sustainable Apparel Coalition (SAC).

Die 5-Jahres Ziele der Design- und Entwicklungsperiode 2018-2023 sollen helfen, die in diesem Artikel skizzierte WE CARE-Strategie zielgerichtet und erfolgreich umzusetzen. Mammut hat die Ziele in Tabellen festgehalten, in denen die angepeilten prozentualen Fortschritte bei PFC-Freiheit, bluesign-Zertifizierung und vielen anderen Nachhaltigkeitskriterien nach den sechs Produktsparten Kleidung, Accessoires, Schlafsäcke, Seile/Schlingen, Schuhe und Rucksäcke/Taschen/Klettergurte dargestellt sind. So sollen künftig beispielsweise:

  • Mindesten 95 % der verwendeten Stoffe bluesign-zertifiziert sein
  • keine PFC-basierte Ausrüstung mehr eingesetzt werden
  • 95 % der verwendeten Stoffe aus recycelten Materialien gewonnen werden, bzw. soll ausschließlich zertifizierte Bio-Baumwolle eingesetzt werden

Mit dem Beitritt in die SAC ist die Einführung des von ihr entwickelten Higg-Index verbunden, der die Messbarkeit von Maßnahmen der Unternehmensverantwortung (Corporate Responsibility) ermöglicht: “Der Higg-Index misst die Auswirkungen auf die Umwelt, Arbeitsbedingungen und umfasst Lieferketten-, Marken- sowie Produkt-Tools.“ Dadurch können Nachhaltigkeitsmaßnahmen gemessen, verglichen und zielgerichtet optimiert werden. Eine besondere Stärke des Higg-Index ist, dass er den „kollaborativen Geist“ in der Industrie fördern und die Firmen zu gemeinsamen Verbesserungen anspornen kann.

All diese Maßnahmen und Ziele sind eingebettet in eine Nachhaltigkeitsstrategie, die Mammut unter dem Slogan „WE CARE“ zusammenfasst. Dabei steht jeder Buchstabe des Wortes CARE für einen Maßnahmenbereich:

  • Das C für Clean Production
  • Das A für Animal Welfare
  • Das R für Reduced Footprint
  • Und das E für Ethical Production

Die ersten drei Buchstaben/Bereiche kann man zum Umweltaspekt der Nachhaltigkeit zählen, der letzte Buchstabe/Bereich fällt unter den sozialen Aspekt. Wie immer in unseren Nachhaltigkeitsportraits der Outdoorfirmen werden wir diese Aspekte im Folgenden näher beleuchten.

Umweltaspekte der Nachhaltigkeit

Mammut strebt sowohl in der Herstellung als auch in den Endprodukten eine maximal mögliche Verbesserung der Umweltbilanz an. Die Maßnahmen dafür umfassen nicht nur die zunehmende Verwendung fair gehandelter, biologisch hergestellter oder recycelter Materialien, sondern auch strenge Herkunftskontrollen für Daunen und eine enge Zusammenarbeit mit der Firma bluesign technologies AG (die eine seriöse und deshalb auch aufwendige und nicht ganz billige Zertifizierung von Materialien und Herstellungsprozessen anbietet). Schauen wir uns die Maßnahmen nun geordnet nach dem Mammut‘schen CARE-Prinzip an:

C für Clean Production:

Emissionen in der Herstellung sollen nicht nur minimiert werden, sondern möglichst erst gar nicht in die Lieferketten gelangen. Das bekannteste Beispiel für Emissionen in der Outdoorbranche sind die per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC), die sich in der Natur nur äußerst langsam abbauen. Mammut will bis 2023 sämtliche Ausrüstungen seiner Produkte auf PFC-freie Alternativen umstellen. Detaillierte Informationen dazu finden sich in der MAMMUT PFC Policy.

Im Bergfreunde Basislager findet ihr weitere Infos zu PFC unter anderem in diesem Artikel über DWR Imprägnierungen.

Auch das bluesign-System steht dafür, umweltbelastende Substanzen von Anfang an aus dem Fertigungsprozess auszuschließen. Für alle eingesetzten Chemikalien gelten strenge Richtlinien und es wird auf sichere Produktionsprozesse mit verantwortungsbewusstem Ressourceneinsatz gesetzt. Ein Beispiel für diese Richtlinien ist die Restricted Substance List (RSL), eine Mindestanforderung an alle Zulieferer, die die Verwendung von potentiell umweltschädlichen Chemikalien minimiert. Die Einhaltung der RSL stellt Mammut durch systematische Tests von Produkten und Komponenten sicher.

A für Animal Welfare:

Mammut verwendet jetzt schon ausschließlich zertifizierte oder recycelte Daunen (Responsible Down Standard (RDS) und Re:Down). Für die verarbeitete Wolle soll der Responsible Wool Standard (RWS) in der globalen Lieferkette implementiert werden, sodass künftig nur noch mit RWS-zertifizierter Wolle gearbeitet wird. Bei den Ledermaterialien, für die es bislang ebenfalls noch keinen unabhängigen Standard gibt, arbeitet Mammut nach eigener Auskunft mit sorgfältig ausgewählten Gerbereien zusammen, die hochwertige Leder herstellen.

R für Reduced Footprint

Mammut setzt auf Materialien und Herstellungsverfahren, die mit einem möglichst geringen Ressourcenverbrauch die hohen Qualitäts- und Leistungsstandards erfüllen. Recycling-Materialien sollen dabei eine bedeutende Rolle spielen und bis 2023 95% der Mammut-Bekleidung und -Schlafsäcke ausmachen. Neben Abfall- und Energieeinsparung verspricht man sich eine geringere Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen.

Man kann sicher auch den MammutReparaturservice zu den Bemühungen um einen reduzierten Fußabdruck zählen. In der hauseigenen Reparaturabteilung „wickeln elf Mitarbeiterinnen pro Jahr rund 6’000 Reparaturen [in der Schweiz, Anm. d. Red.] ab und bewahren somit tausende Produkte vor dem Müll, (…). In Deutschland sind es gar rund 9’000 Reparaturen jährlich. Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, es handle sich dabei ausschliesslich um Hardshell-Jacken, die sonst entsorgt würden, spart die Arbeit im Reparaturatelier jährlich knapp 375’000 Kilogramm CO2-Äquivalent und 3’000’000 Liter Wasser ein.

Auch der Anteil von Bio-Baumwolle in Mammut-Kleidung und Schlafsäcken soll bis 2023 auf 95 % steigen. Dadurch soll weniger Wasser und Energie verbraucht, der Ausstoß von Treibhausgasen sowie die Belastungen für Böden, Wasser und menschliche Gesundheit reduziert werden. Die Kollektion der Mammut-Klettershirts besteht schon vollständig aus bioRe-Baumwolle.

Mit der Spinndüsenfärbung bringt Mammut eine moderne und nachhaltige Färbemethode zum Einsatz. Da die Färbung hier schon während der Faserherstellung erfolgt, kommt sie im Gegensatz zu konventionellen Methoden ohne den Einsatz von Wasser oder Chemikalien aus und erfordert weniger Energieaufwand.

Soziale Nachhaltigkeit und Mitarbeiterführung

Mammut war 2008 gemeinsam mit Odlo die erste Outdoormarke, die der Fair Wear Foundation beigetreten ist. Auch diese Maßnahme soll die Arbeitsbedingungen in den Lieferketten systematisch verbessern. Die Umsetzung der hohen FWF-Standards wird nicht nur durch regelmäßige Audits und Fabrikbesuche bei den Zulieferern sichergestellt, sondern auch durch die Möglichkeit für Fabrikangestellte, über einen anonymen Beschwerdemechanismus Verstöße gegen die Standards direkt bei der FWF und Mammut zu melden.

Die sozialen Nachhaltigkeitsmaßnahmen fasst Mammut unter dem „E“ für „Ethical Production“ zusammen.

Was sagen die Kritiker?

Das Nachhaltigkeitsportal Rankabrand zeigt sich (wie so oft) ziemlich kritisch, hat allerdings die Informationen über Mammut seit Juni 2017 nicht mehr aktualisiert.

Beim Schweizer Marketingportal Horizont äußert man sich kritisch zur Bilanz von 10 Jahren Mitgliedschaft von Mammut bei der Fair Wear Foundation:

Die Schweizer Sportbekleidungsmarken, Mammut und Odlo, feiern ihre 10-jährige Mitgliedschaft in der Fair Wear Foundation (FWF). (…) Allerdings: Beispiele dafür, was konkret in den zehn Jahren erreicht wurde oder von welchen Produzenten sich Mammut und Odlo allenfalls getrennt haben, blieben die beiden Anbieter in der Mitteilung schuldig.

Es gibt jedoch durchaus konkrete Angaben, die lediglich etwas mühsam zugänglich in den umfangreichen Social Reports (der Letzte von 2017) verborgen sind. Dort finden sich auf Seite 12 Beispiele für konkrete Verbesserungsmaßnahmen in einzelnen Fabriken, die man nach Beschwerden von Arbeitern getroffen hat. Es ist auch sehr genau aufgeschlüsselt und mit nachvollziehbaren Erfolgskriterien bewertet, welche Maßnahmen in welchen Bereichen getroffen werden. Auch sind Namen und Kontakte von Mammut-Mitarbeitern angegeben, bei denen Feedback und Kritik aufgenommen wird. Das sind gute Anzeichen für Transparenz, ebenso wie die Tatsache, dass anders als bei vielen Herstellern bei Mammut die Fabriken, in denen Textilien und Hardware produziert werden, nicht hinter einem Schleier von Auslagerung und Subunternehmertum verborgen, sondern konkret erfasst und benannt sind.

Der Nachhaltigkeitsblogger Greenoutdoorgear zeigt sich in einem zusammenfassenden Statement denn auch überzeugter als die zuvor genannten Kollegen:

Mammut has recently launched a ‘We care’ branding campaign, which seeks to place the company as being a good corporate in all its dealings – both internal and external.

Although most of the information presented below comes directly from the company, the information available is thorough and externally verified, and forms the basis of them being identified as being a ‘leader’.

Demnach kann Mammut sich demnächst zurecht als „Leader“ in Sachen Nachhaltigkeit bezeichnen.

Mammut-Selbstkritik: Warum nicht 100 %?

Mammut liefert eine Begründung, warum nicht alle Nachhaltigkeits-Zielgrößen mit 100 Prozent angesetzt werden können. So haben einige Zulieferer zwar eine vorbildliche Produktion, aber nicht die Kapazitäten oder Mittel, um diese durch kosten- und arbeitsintensive internationale Standards zertifizieren zu lassen. Deshalb soll das Fehlen der Zertifikate eine Zusammenarbeit mit diesen Unternehmen nicht ausschließen. Es wird in diesen Fällen ein kleiner Spielraum gelassen und die Abläufe werden von Mammut selbst gründlich überprüft.

Dass Mammut seine eigenen Maßnahmen sehr kritisch begleitet, war auch der Eindruck, den Bergfreund Jörn hatte. Er war kürzlich zu Gast in der Firmenzentrale in Seon und ließ sich die dortige Sustainability Wall“ ausführlich erklären. An ihr misst die Firma sehr anschaulich den eigenen Nachhaltigkeitsfortschritt und hat so ein effizientes Instrument der Selbstkontrolle und des Ansporns geschaffen.

Fazit

Mammut ist abgesehen von der FWF-Mitgliedschaft eher ein Spätzünder in der Branche. Doch wie wir wissen, geben Spätzünder oft mehr Gas als die Frühstarter und erreichen ihre Ziele nicht selten mit mehr Struktur, Klarheit und Ausdauer. Deshalb spricht vieles dafür, dass Mammut die hochgesteckten Ziele für 2023 auch tatsächlich erreicht. Was aus meiner Sicht ebenfalls dafür spricht, ist der Eindruck, dass die Nachhaltigkeitsmaßnahmen aus Überzeugung kommen und nicht als Greenwashing oder Feigenblatt dienen. Allerdings dürfte auch klar sein, dass die steigende Nachhaltigkeit die Produkte nicht billiger machen wird. Wenn es jedenfalls soweit ist, wird Mammut sich vom Mittelfeld in die Pole Position der nachhaltigen Outdoorfirmen manövriert haben.

Wie quere ich einen Fluss?

17. Juli 2019
Tipps und Tricks

Fließendes Gewässer kreuzt den Weg beim Trekking, Wandern und Bergsteigen recht häufig. In den Alpen findet man oft genau da, wo man es braucht, eine Brücke oder ähnliche Konstruktion. Ganz anders kann das aussehen, wenn man in Skandinavien oder auf anderen Kontinenten unterwegs ist. Dann braucht es fürs Gewässer queren hier und da etwas Knowhow und Equipment.

Wenn das womöglich noch kräftig strömende Hindernis breiter als nur ein paar Schritte und tiefer als Kniehöhe ist, kann das Waten oder Furten, wie man die Gewässerquerung fachfrauisch nennt, zu einer kniffligen und zeitintensiven Angelegenheit werden.

Planung ist die halbe Querung

Man sollte Touren natürlich nicht zu Tode planen, denn eine Prise Abenteuer, Spontanität und Überraschung ist das Salz in der Outdoorsuppe. Doch das heißt nicht, dass man Gewässerquerungen blind dem Zufall überlassen sollte. Denn sie sind oftmals „Schlüsselstellen“, an denen man nicht vorbeikommt und wo ein Scheitern das vorzeitige Ende einer ganzen Trekkingreise bedeuten kann.

Deshalb ist Vorabrecherche betreffs Wasserständen und günstigsten Furtstellen vor allem dann angesagt, wenn man abgelegene und wenig erschlossene Gegenden anpeilt. Hat man nämlich kritische Querungen in der geplanten Route ausgemacht, kann man von daheim aus in aller Ruhe mögliche Umwege und Alternativrouten sondieren. Vor Ort kann man, sofern vorhanden, andere Wanderer, Hüttenwarte oder Parkranger nach dem neuesten Stand fragen.

Wann queren?

Zeit und Ort spielen natürlich eine große Rolle, besonders im Gebirge und in der Nähe von Gletschern. Sowohl die jahreszeitlichen als auch die tageszeitlichen Schwankungen der Wassermenge können enorm sein. Gründe dafür können nicht nur Regen und Schneeschmelze, sondern auch geothermale Aktivitäten in vulkanisch geprägten Zonen sein.

Die tageszeitliche Schwankung hat für meine bislang kniffligste eigene „Furt“ gesorgt. Frühmorgens hatte der Gletscherbach noch bis Höhe halber Unterschenkel gereicht. Kein Problem, die zwei als Stützen mitgebrachten Äste brauchte ich nicht. Doch da ich nachmittags den gleichen Weg zurück musste, legte ich sie sorgsam in einer Felsnische ab (wenn ein Ast mehr als körperlang und robust ist, reicht einer, doch diese waren kürzer und schwächer, deshalb zwei).

Nachmittags war der Bach wie erwartet angeschwollen. Das war klar, doch dass er in der Mitte bis über die Gürtellinie reichte, war doch etwas mehr als gedacht. Dummerweise war von den Ästen nur noch einer da. Sollte den anderen etwa jemand geklaut haben? …

Wie auch immer, es klappte bis zur Mitte auch ganz gut mit dem einen Ast. Doch dann saugte mir die Strömung den rechten Croc (diese praktischen Gummischuhe) trotz geschlossenem Bügels vom Fuß. Ich verlor für einen Sekundenbruchteil das Gleichgewicht, als der nackte Fuß auf den Kieseln Halt suchte und nahm um ein Haar ein Vollbad, das frühestens ein paar hundert Meter weiter in einem kleinen See geendet hätte. Der Rest gelang trotz höchster Konzentration nur mit Ach und Krach.

Welche Lehren kann man daraus ziehen? Nun, Bäche, die von Schmelzwasser gespeist werden, sollten so früh wie möglich morgens gequert werden. Doch wie man sieht, kann man das Timing eben nicht immer passend steuern. Womöglich muss man gar mal eine ungeplante Zwischenübernachtung einlegen. Und: Trekkingstöcke sind nicht nur dazu da, alternde Knie zu schonen. Einst standhafter Stockverweigerer würde ich heute nicht mehr ohne Stöcke in abgelegenen Ecken herumtrekken.

Schlechtes Timing und andere Fehler: Chris McCandless

Der wohl bekannteste, spektakulärste und irgendwie auch vermeidbarste Todesfall durch gescheiterte Flussquerung ist wohl der von Christopher Johnson McCandless. McCandless erlangte post mortem Weltruhm, als tragischer Held in Jon Krakauers Bestseller „Into the Wild“.

Seine letzte Reise führte McCandless zu einem alten Schulbus, der im Denali Nationalpark in Alaska vor sich hin rostet. Ein Fluss, den McCandless bei seiner Ankunft ohne große Probleme überqueren konnte, hatte sich wegen der sommerlichen Schneeschmelze in einen reißenden Strom verwandelt, sodass er beim Versuch der Rückkehr nicht mehr durchwaten konnte. „Als fatal erwies sich, dass ihm eine (detaillierte) Landkarte fehlte, denn darauf wäre eine handbetriebene Schwebefähre über den Fluss etwa 400 Meter stromabwärts eingezeichnet gewesen – ebenso wie mehrere Hütten (z. T. von der Nationalparkverwaltung) wenige Kilometer entfernt im Süden. McCandless kehrte zum Bus zurück und hoffte durchzuhalten, bis zufällig, vor allem bedingt durch die Jagdsaison, Hilfe käme.

Die Hilfe kam jedoch nicht, sodass McCandless nach 113 Tagen allein in der Wildnis an nicht genau geklärten Ursachen starb.

Wo queren?

Manchmal hat man aufgrund der Geländestruktur keine Auswahl. Dann klappt es entweder an Ort und Stelle oder gar nicht. Wenn das Terrain es aber zulässt, sollte man sich natürlich die günstigste Stelle suchen. Das kann dort sein, wo der Fluss sich in viele Arme verästelt. Oder auch dort, wo er zwar breiter ist, dafür aber Strömung und Wassertiefe geringer sind. Wenn die Strömung gering ist, kann auch tieferes Wasser leichter gequert werden. Doch Vorsicht: an solchen „trägen“ Stellen kann tiefer Sand oder Schlamm abgelagert sein. Hier hilft ein möglichst langer Watstock zum vorantasten.

In Führern beschriebene Stellen können schon nach kurzer Zeit unbrauchbar sein, da natürliche Gewässer besonders im Gebirge ihr Bett und ihren Verlauf ständig ändern.

Das Outdoor-Magazin gibt den Tipp, nie vor einem Wasserfall zu furten. Nun, das leuchtet ein. Ähnliches gilt für Stromschnellen und Stufen. Neben den eher offensichtlichen Gefahren kann es aber auch verborgene Überraschungen geben: so wälzen sich bei stärkerer Strömung bisweilen große Gesteinsbrocken über den Gewässergrund und können einen aus dem Gleichgewicht bringen.

Wichtig ist, wie das Outdoor-Magazin schreibt, auch stets der prüfende Blick ans andere Ufer: „steile, lockere Moränenhänge, ausgespülte und damit rutschige Felswände sowie angeschwemmtes Treibholz können unüberwindbare Hindernisse darstellen.“

Vor dem Wasserkontakt beachten

Bevor es losgeht, ist ein kurzer Ausrüstungscheck angesagt. Sind alle wichtigen und wasserempfindlichen Gegenstände abgedichtet? Gibt es für den Notfall genug Wechselklamotten? Liegt der Schwerpunkt des Rucksacks nicht zu hoch?

Schuhwerk unter den Sohlen ist hier ein Muss. Es sollte die Zehen schützen und fest am Fuß sitzen. Crocs sind zwar vielseitig, leicht, wasserfest und prinzipiell geeignet, sollten aber wirklich gut sitzen. Sonst können sie sich – siehe oben – eventuell doch mal verabschieden. Mit Trekkingstiefeln queren ist keine gute Idee, es sei denn man hat die Zeit und das Wetter fürs trocknen. Sie werden so am Rucksack befestigt, dass sie sich nicht lösen und das Gleichgewicht möglichst wenig stören.

Den Brustgurt des Rucksacks lässt man immer offen, um ihn im Fall des Falles loswerden zu können. Oft wird geraten, auch den Hüftgurt offen zu lassen, doch es gibt auch Gegenmeinungen. In seinem Standardwerk Outdoor Praxis schreibt Rainer Höh, dass der Rucksack mit offenem Gurt bei plötzlichen Bewegungen leicht verrutschen und das Gleichgewicht gefährden kann. Wenn man vorbereitet ist, kann die Hüftschnalle laut Höh meist auch schnell geöffnet werden.

Die eine goldene Regel gibt es hier nicht, da der Rucksack zwar in ungünstiger Position den Kopf nach unten drücken kann, normalerweise aber durch die Luftpakete im Inneren nicht sinkt und somit sogar Hilfe beim Schwimmen bieten kann. Man sollte ihn jedenfalls nicht leichtfertig opfern, da der Verlust des gesamten Gepäcks schwerer wiegen kann als das unfreiwillige Bad.

Wie queren? Tipps zum Furten

Spätestens ab Knietiefe beginnt man, mit dem Stock/ den Stöcken voranzutasten und für sicheren Stand zu sorgen. Die folgenden Tipps sind dem Buch von Rainer Höh entnommen, da Tipps aus Blogs und Foren sich teils widersprechen und Details wie Blickrichtung und Gehrichtung nicht immer sauber unterscheiden.

Höh rät, in einem Winkel von etwa 45° stromabwärts und mit dem Gesicht stromauf zu gehen. Für das optimale Gleichgewicht stehe man dabei quer zum Strom oder leicht seitlich, mit dem vorderen Bein stromab versetzt.

Den Watstock setze man immer stromauf etwa einen Meter vor dem Körper auf und lehne sich dagegen. Stockspitze und Füße bilden möglichst immer ein Dreieck (mit Trekkingstöcken kann man entsprechend ein Viereck bilden). Setzt man den Stock/die Stöcke stromab, gerät man beim Weitersetzen in eine instabile Position.

Wollen mehrere Personen sich gegenseitig helfen, sollte die kräftigere Person nicht versuchen, die „Schwächere“ von stromab aus zu stützen, sondern die Strömung von stromauf aus „abfangen“. Andernfalls ist die Gefahr groß, dass bei Gleichgewichtsproblemen beide baden gehen.

Bei drei oder mehr Personen kann man gemeinsam waten, indem man eine lange, kräftige Stange festhält und quer zur Strömung vorangeht. Die Stange verläuft also parallel zur Strömung. Die schwerste Person befindet sich stromab als „Anker“, die leichteste Person macht den „Strömungsbrecher“. Verliert Letztere das Gleichgewicht, kann sie sich an der Stange festhalten. Das Risiko, dass die ganze Gruppe den Halt verliert, lässt sich zwar nicht ausschließen, doch je größer die Gruppe ist, desto geringer wird es.

Breit und tief: Furten mit Hilfsmitteln

Trekkingstöcke oder ein langer, starker Ast von etwa zwei Meter Länge gehören zur Grundausstattung einer Querung. Sie reichen aus, wenn das Gewässer bis etwa Hüfthöhe reicht und keine starke Strömung hat. Wenn es darüber hinausgeht, wird auch der stärkste Mensch vom Wasser umgeworfen. Queren ist dann nicht mehr ohne technische Hilfsmittel möglich. Ein extra mitgebrachtes Seil wäre solch ein Hilfsmittel.

Das Seil kann zwar theoretisch vielseitig unterstützen, hilft aber in der Praxis manchmal ernüchternd wenig weiter. Die Probleme können hier schon ziemlich komplex und das Flussqueren zur Wissenschaft werden – wie dieser Diskussionsthread der Outdoorseiten zeigt.

Dort wird viel über Pendelmethoden gefachsimpelt, bei denen man das Seil möglichst weit in Gewässermitte an einem Baum oder anderen Fixpunkt verankert und an diesem gesichert das Gewässer in einer Pendelbewegung durchwatet. Das Handling einer solchen Aktion, bei der gleichzeitig das Seil geführt und gewatet werden muss, stellt sich aber nicht selten als schwierig bis unmöglich heraus. Rainer Höh hat solche Selbstsicherungen mittlerweile als „Unfug“ verworfen …

Bei anderen Seilmethoden wie der Seilbrücke besteht das Problem, dass das Seil zuerst ohne Seilhilfe ans jenseitige Ufer gelangen und verspannt werden muss. Ein weiteres Problem der Seilbrücke ist, dass sie ein Statikseil benötigt. Ein Kletterseil würde bei Belastung durch eine Person viel zu tief durchhängen, egal wie fest man es verspannt.

Und selbst mit Statikseil wird die Konstruktion kaum mehr als den Rucksacktransport ermöglichen. Hinzu kommt, dass es mit zunehmender Flussbreite immer schwieriger wird, das in der Strömung hängende Seil nachzuziehen. Man müsste eine dünne Schnur verwenden, an der nach erfolgter Querung das Seil nachgezogen wird.

Ein Seilgeländer ist schon eher eine realisierbare Konstruktion. Dieses von der erfahrensten/stärksten Person nachgezogene und gespannte Seil kann von anderen Gruppenmitgliedern als Geländer zum Festhalten benutzt werden. Letztere können sich auch mit einem Karabiner daran fixieren (Verbindung über kurzes Seilstück unter den Armen oder Brustgurt).

Weitere Hilfsmittel wie selbstgebaute Flöße sind eher etwas für erlebnispädagogische Aktionen und bieten wohl nur bei verschärften Wildnisabenteuern ein realistisches Verhältnis von Aufwand zu Ertrag. Ein sehr kleines Floß, das nur das Gepäck trägt und neben dem man herschwimmt, kann aber durchaus schnell gebaut sein. Eine Bauanleitung sprengt hier dennoch den Rahmen. Vielleicht wäre das ja einen künftigen eigenen Artikel wert …

Feinheit vs. Reißfestigkeit: Was hat es mit Denier, Tex und Co. auf sich?

11. Juli 2019
Ausrüstung

„Schreib doch mal was über Denier“, haben sie gesagt. „Das ist sicher informativ und spannend“, haben sie gesagt. Und ich stehe nur so da und denke: „WTF. Denier Alter, echt. Was ist das denn? Oh Mann, nie gehört, da muss mir was entgangen sein.“ Und die weiter so: „Kennste nicht. Ist ja auch kein Wunder, kennen nämlich viele nicht und deshalb brauchen wir da mal einen Blogbeitrag.“ Und bei mir so: Plop, klatsch, Stein vom Herzen, doch nicht so hinterm Mond.

Ich dann so zu Google, erstmal nachschauen. Aha hat was mit Feinheit von Textilien zu tun. Klar doch, drum kenne ich das nicht, hab ich mich noch nie mit befasst. Warte mal, Moment: Textilfeinheit!?! Nicht wirklich. Also mal nachfragen: „Ey, is nicht euer Ernst, oder? Ist sicherlich irgendein Kletterhotspot in Frankreich oder so. (Bitte?!?).“ Und dann bäääm die Antwort: „Nix Kletterhotspot, Textilfeinheit rulez. Bezeichnungen wie ‚70D‘ sind dir im Shop doch sicherlich auch schon aufgefallen. Darum geht’s.“

Alles klar, check, das große D also. So langsam verstehe ich, wo die reise hingeht. Das ließt man ja tatsächlich immer mal wieder, gerade bei Outdoorbekleidung ist Bezeichnung D=Denier gut vertreten. Eine genauere Einordnung kann da sicherlich nicht schaden… Und dann die weiter: „Kannst ja auch gleich noch dazu schreiben, was das so über die Robustheit und Langlebigkeit aussagt. Passt ja irgendwie zum Thema.“ Okay, ich also so: „Geht klar, mach ich dir passend, easy.“

Wer sich einmal ein wenig in das Thema einliest, der merkt schnell: So easy ist das nicht. Wir sollten daher vorab mal reden (so ganz unter uns, versteht sich). Ich hab im Mathe-Abi 5 Punkte und auch in Chemie und Physik sieht’s da nicht besser aus. Ich habe für dieses Thema so einiges recherchiert und bereits nach der Lektüre des ersten Wikipedia-Artikels schwirrt mir der Kopf. Ich will aber, dass ihr es einmal besser habt als ich. Darum gilt für diesen Blogbeitrag ab sofort die Abmachung: Es wird verallgemeinert und vereinfacht, wo es nur geht.

Also stürzen wir uns ins Thema und fragen:

Was bedeutet denn eigentlich robust bzw. langlebig?

Tja, und damit machen wir schon ganz am Anfang ein riesengroßes Fass auf. Robust oder langlebig ist etwas, das nicht so schnell kaputt geht, lange hält und auch mit härteren Bedingungen klar kommt. Wichtig ist es dabei erst einmal zu klären, wogegen ein Material oder Kleidungsstück robust ist.

Ein Kleidungsstück könnte beispielsweise gegen Abrieb, äußere Einwirkung (Risse, Schnitte) oder auch Feuer (z.B. Funkenflug) robust sein. Gegen knautschen, drücken, knüllen oder Weichspüler, Senf und 4711, große Luftfeuchtigkeit oder extrem niedrige Temperaturen und und und. Diese unterschiedlichen Anforderungen haben jedoch nicht unbedingt etwas miteinander zu tun.

Da wir uns aber bereits darauf geeinigt haben, im Sinne der Verständlichkeit stark zu vereinfachen, schlage ich an dieser Stelle vor, ääh lege ich fest, dass wir nur über die Aspekte Abrieb und äußere Einwirkung sprechen. Denn nicht selten werden in diesem Kontext auch Angaben zur Feinheit der verarbeiteten Materialien gemacht. Und was uns das bringt, klärt die folgende Frage:

Feinheit von Textilien – was ist das denn?

Bei der Feinheit von Textilien geht es zunächst einmal um die Feinheit einzelner Fasern und die Feinheit von Garnen, Zwirnen und dergleichen. Die Feinheit definiert sich dabei in erster Linie über den jeweiligen Durchmesser. Je kleiner also der Durchmesser einer Faser oder eines Garns ist, desto größer ist seine Feinheit. Bis dahin, check, kein Problem. Das Problem ist allerdings, dass es sich bei textilen Fasern nicht selten auch um natürliche Materialien handelt, die keinen exakt runden Querschnitt haben. Auch können Fasern leicht zusammengedrückt werden und verändern so ihren Querschnitt teilweise auch dauerhaft. Hierzu ein Beispiel:

Stellt euch einmal einen Gartenschlauch vor. Jetzt nehmen wir einfach an, dass dieser Gartenschlauch im Normalzustand einen exakt runden Querschnitt hat. Wird dieser Schlauch nun zusammengedrückt, wird er in die eine Richtung breiter, aber gleichzeitig auch flacher. In diesem Zustand ließe sich also ein mit anderen „Fasern“ vergleichbarer Durchmesser nur schlecht berechnen.

Um aber eine Vergleichbarkeit der Feinheit zu gewährleisten und auch bei der industriellen Fertigung verlässliche Richtgrößen gebraucht werden, ist es heute weitestgehend üblich eine Feinheitsdefinition zu verwenden, die durch die Beziehung von Masse (Gewicht) und Länge beschrieben wird. Es muss also mindestens eine Maßeinheit her. Wir bieten hier aber beste Servicequalität und schicken in den Ring:

Tex vs Denier

In Deutschland sowie der restlichen EU inklusive der Schweiz ist die Einheit Tex die offizielle Maßeinheit, wenn es um die Feinheit von „linienförmigen textilen Gebilden“ geht. Also Fasern, Garne und dergleichen. Dies ist auch so in der ISO 1144 und DIN 60905 festgehalten. Wer an Schlafstörungen leidet, kann es ja mal nachlesen.

Beim Tex-System gibt es ebenso wie bei den Maßeinheiten Gramm und Meter zahlreiche Untereinheiten. Wir merken uns hier aber zur Vereinfachung lediglich:

1 tex = 1 g pro 1000 m

Noch einfacher: je höher die Zahl, desto grober (weniger fein) die Faser.

Das Denier-System (den) funktioniert gleich wie das Tex-System. Das Problem ist dabei nur, dass andere Einheiten bzw. Ausgangswerte verwendet werden. Daher merken wir uns an dieser Stelle:

1 den = 1 g pro 9000 m

Somit gilt auch automatisch: 1 tex = 9 den

Jetzt wird sich so manch einer fragen, wer sich denn den Quatsch ausgedacht hat. Und da kann man nur sagen: „Vielen Dank, Frankreich, für diese schöne Maßeinheit.“ Dazu muss man aber folgendes wissen: Die Einheit Denier wurde ursprünglich als Maßeinheit in der französischen Seidenindustrie verwendet. Sie bezieht sich auf die alte französische Gewichtseinheit Denier, die mit unserem heutigen metrischen System nicht sonderlich viel zu tun hat. Somit erklärt sich auch die halbwegs „krumme“ Einheit. Heute ist Denier als Wert für die Feinheit von Textilien vor allem in den USA und Asien gebräuchlich und taucht somit nicht ganz selten auch mal im Outdoorbereich auf.

Jetzt könnte man sich denken: je höher der Tex- oder Denier-Wert desto robuster auch das Material. Klingt im ersten Moment ja auch logisch, eine Jeans hält beispielsweise mehr aus, als eine Seidenbluse. Aber so einfach ist das nicht. Denn die Reißfestigkeit von Textilien hängt nicht nur von der Feinheit des Stoffes bzw. der Garne ab, sondern vielmehr auch von der Verarbeitung und dem generellen Ausgangsmaterial. Und daher sind auch nur Materialien über den Tex- oder Denier-Wert vergleichbar, die abgesehen von der Feinheit, exakt identisch aufgebaut sind.

Die Reißfestigkeit von Textilien

Hierzu ein kleines Beispiel: Bei der industriellen Herstellung gibt es den Wert der Zug- oder Reißfestigkeit. Hierbei handelt es sich um die mechanische Zugspannung, die ein Material maximal aushält. Die Zugfestigkeit zu errechnen ist nicht ganz einfach, es brächte uns aber auch keinen Vorteil. Wir müssen an dieser Stelle nur wissen, sie wird unter anderem in Megapascal (MPa) gemessen. Auch hier gilt: je höher der Wert, desto reißfester das Material. Dieser Wert kann schon einmal eine gute Orientierung bieten. Hierzu ein paar Beispiele:

  • Wolle: 130 -210 MPa
  • Baumwolle: 287 – 800 MPa
  • Polyethylen (Dyneema): 3510 MPa
  • Aramid (Kevlar): 3620 MPa

Die Reißfestigkeit sagt schon recht viel über die eigentliche Robustheit eines Materials aus. Kennt man ja auch: Eine Bandschlinge aus Dyneema, ist in der Regel deutlich filigraner als ihre Kollegin aus Polyamid. Ist ja auch klar, Dyneema hält (die Alterung mal außer Acht gelassen) deutlich mehr Belastung aus.

Aber Moment: Muttis alte Nylonstrümpfe sind doch auch aus Polyamid und halten dennoch deutlich weniger aus, als beispielsweise eine Bandschlinge!? Zumindest habe ich noch niemanden gesehen, der sich am Standplatz mit einer Feinstrumpfhose sichert. Wie also kann das sein?

Na ja, so schwer ist das gar nicht. Wer sich einmal die beiden Produkte genauer anschaut, der wird schnell feststellen, das Ausgangsmaterial wurde ganz anders verarbeitet. Und somit kommen wir zu unserem letzten Punkt des heiligen Dreigestirns und sagen Vorhang auf für:

Die Verarbeitung von Textilien

Fasern und Garne können auf ganz unterschiedliche Arten verarbeitet werden. So ist beispielsweise ein Jeansstoff ein Gewebe, besteht also aus zwei Fadensystemen, die miteinander verwoben sind. Eine Fleecejacke hingegen ist in der Regel aus einem Veloursstoff gefertigt. Dieser ist kein Gewebe, sondern Maschenware. Hier werden mittels Faden gebildete Schleifen ineinander verschlungen und bilden so ein „textiles Flächengebilde“ (zu deutsch: ein Stück Stoff).

Dies sind aber nur zwei von unzähligen Möglichkeiten, wie Stoffe hergestellt werden können. Und selbst in den einzelnen Bereichen gibt es dann wieder unterschiedliche Verarbeitungsmöglichkeiten. Kurz und gut, ein weiteres Fass ohne Boden. Und somit stehen wir eigentlich wieder ganz am Anfang unseres kleinen Textilexkurses und wissen noch immer nicht so recht, was wir mit der Info anfangen sollen. Dennoch habe ich auch hier eine kleine Faustregel, die vielleicht weiter helfen kann:

Kommen bei der Verarbeitung feine Garne zum Einsatz, liegen diese nach dem Weben oder Stricken oft enger beieinander und bilden so eine glattere Oberfläche. Auch liegen die Einzelfäden je nach Webart enger zusammen oder weiter von einander weg. Je glatter dabei die Oberfläche des Stoffes ist, desto weniger anfällig ist sie zumeist gegenüber Pilling. Das heißt, dass sie beispielsweise bei der dauerhaften Belastung durch einen Rucksack nicht so schnell Abrieberscheinungen zeigt wie bei gröberen Stoffen.

Ein schönes Beispiel, wie die Verarbeitung die Robustheit von Textilien beeinflussen kann, liefern auch beispielsweise Materialien mit der Beta-Spun-Technologie. Diese kommen beispielsweise bei Ortovox zum Einsatz und sehen wie folgt aus: Das Garn dieses Materials besteht aus zwei Komponenten. Der Kern wird dabei aus feiner Merinowolle gebildet und bringt alle guten Eigenschaften des Naturprodukts mit. Um diesen aber besser zu schützen wurden zusätzlich Polyamidfilamente um den Kern gesponnen. So entsteht ein Material, das laut Herstellerangaben bis zu 70 % reißfester und abriebfester als herkömmliches Merinogarn sein soll.

Was aber sagt uns das?

Gerade im Bereich der Textilien gibt es zahlreiche unterschiedliche Materialien. Manche unterscheiden sich dabei in ihrer Zusammensetzung und Verarbeitung kaum, andere erheblich. Von einzelnen Werten pauschal auf spezifische Eigenschaften zu schließen ist daher zunächst einmal kaum möglich. Schaut man allerdings ein wenig genauer hin, kann man aus der Beschaffenheit von Textilien so einiges ableiten. Die Denier-Angabe bietet aber zumindest eine grobe Orientierung, wie robust ein Gewebe oder ein Stoff ist, denn wie wir ja jetzt wissen, gilt: Je höher die Denier-Zahl umso ’schwerer‘ und ‚robuster‘ ist der Faden. Und leider finden wir in der Regel keine bzw. nur wenige Informationen zur genauen Verarbeitung oder MPa-Werte, die uns etwas über die Reißfestigkeit eines Gewebes verraten.

Außerdem ist unser Basislager eine gute Anlaufstelle für Infos zu unterschiedlichsten Material wie z.B. Aramid/Kevlar, Polyester oder die gute alte Gore-Pro-Shell!

Outdoorkleidung in der Innenstadt? Also ich brauch das!

27. Juni 2019
Die Bergfreunde

Sie ist der Alptraum der Stilikonen, Geschmacksverfechter und Kulturbewahrer: die Outdoorwelle, die die Innenstädte überspült. Vor 10 Jahren war man sicher, sie sei einer dieser albernen Kurzzeittrends, über die man sich in 10 Jahren schlapplachen würde. Doch weit gefehlt, sie hält sich unbeirrt und macht keine Anstalten abzuebben. Sie weitet sich sogar auf immer neue Bereiche aus und bedient längst auch die Sehnsucht nach Jagd-, Hundeschlitten und Motorradabenteuern.

Da hat selbst die scharfe Kritik aus dem Feuilleton resigniert. Richtig hartes Contra findet man eigentlich nur in Artikeln älteren Datums. Neueren Datums sind eher die Pro-Meinungen von Outdoorbloggern und Modemagazinen. Werfen wir nun einen Blick auf die Kritiker und Fürsprecher und nehmen dann die gängigen Erklärungen unter die Lupe. Zwischendrin darf ich immer mal etwas eigenen Senf dazugeben.

Vorher aber noch zu einem wichtigen, aber hier schwer einzuordnenden Streitpunkt: der Nachhaltigkeit.

Streitpunkt Nachhaltigkeit

Um es gleich vorwegzunehmen: ja, es stimmt, eine Multifunktionsjacke bringt mehr Ressourcenaufwand und „Gifteinsatz“ mit sich als Opas guter alter Wollmantel.

Doch ist das „Outdoorzeug“ mit seinen bösen Chemikalien wirklich so viel schlimmer als das „Normalozeug“ in den Kaufhäusern und Onlineshops? Es ist ja keineswegs so, dass die Menschen vor dem „Outdoorboom“ nur nachhaltige Naturkleidung getragen hätten. Im Gegenteil, unter der nichttechnischen Alltagskleidung war und ist der Anteil von „Made unter miesen Bedingungen und mit undeklarierter Chemie“ ziemlich hoch.

Was also ist nachhaltiger: wenn ich zehn Winter lang eine teure, technische Winterjacke von der bekannten Outdoormarke XY trage, oder wenn ich in der gleichen Zeit mehrere „einfache“ und „günstige“ Steppjacken von H&M, New Yorker und Co. verschleiße?

Auch wegen umstrittener „Zutaten“ der Outdoorkleidung wie Daune, Leder oder Pelz gibt es viel Kritik. Doch diese Dinge werden genauso in „Nichtoutdoorprodukten“ verarbeitet und die Outdoorbranche bietet zudem eine wachsende Auswahl an alternativen Stoffen an. Hinzu kommt eine wachsende Sparte namens „Urban-Outdoor“. Deren Produkte sind weniger „hochgezüchtet“, kommen ohne Membranen und Chemikalien aus, sind nicht „polartauglich“ und auch nicht knallfarben. Sie sind funktionaler als herkömmliche Alltagskleidung und zugleich ästhetisch ansprechend.

Dennoch muss man eingestehen, dass es Verschwendung ist, sich für die abendliche Runde mit dem Hund technisch-funktionale Outdoorkleidung extra zuzulegen. Genauso wie es fragwürdig ist, diese Dinge nur fürs Schaulaufen zu nutzen.

Genervt von der Outdoorwelle: das Feuilleton

Die schärfsten Outdoor-Kritiker sitzen wohl in den Kulturressorts der Redaktionen. Eine gute Kurzfassung der klassischen Stilkritik liefert der wohl am häufigsten zu diesem Thema gelesene und zitierte Tagesspiegel-Artikel:

Eine unausgesprochene Übereinkunft scheint die Menschheit in diesem Punkte zu einen: Es gibt Kleidungsstücke und Situationen, die passen nicht zusammen. Allerdings versagt diese intuitive Stilsicherheit hierzulande bei Tausenden regelmäßig, wenn es um Outdoorkleidung geht.

In der Tat, der Geschmack ist in vielen Fällen diskutabel. Leider folgen dann zwei unfertige Sätze, in denen es darum zu gehen scheint, dass die Kleidung für widrigste Bedingungen gemacht ist und die Käufer ganz genau wüssten, wie unsinnig ihr Verhalten ist.

Stimmt, aber nur teilweise: es sind keineswegs alle in den Fußgängerzonen zu sehenden Produkte „polartauglich“ oder „himalayatauglich“ und auch längst nicht alle grellbunt. Solche oft zu lesenden Vergröberungen lassen vermuten, dass die betreffenden Autoren eher weniger outdooraffin sind. Wirklich deutlich wird die Entfernung von der Materie, wenn versucht wird, den technischen Outdoorjargon spöttisch zu imitieren. Das passt dann manchmal nicht so ganz und wird, wie hier in der FR, so haltlos und plump übertrieben, dass der entstehende Humor eher unfreiwilliger Natur ist. Beispiel gefällig? Gerne doch:

Vermutlich können die wilden Farben (der Outdoorkleidung) sogar Bären verjagen. Und Lagerfeuer machen.

Hoho. Ja, aber wenn Sie wüssten, liebe FR-Autorin, wie viele Bärenattacken das Active-Bearprotect Shield meiner Goretex schon im letzten Moment abgewendet hat. Und vor wie vielen erfrorenen Fingern mich die integrierte InstantFire Jet-Technology schon bewahrt hat …

Noch ein Beispiel? Bitte:

Aber kein Mensch braucht Stauraum für Karabinerhaken, Öllampe oder eine Drei-Tages-Notration an Dörrfleisch in der Fußgängerzone.

Doch! Ich brauche den Öllampen-Stauraum (feuerfest) in meinem immer umgeschnallten Klettergurt. Und die Dörrfleischrationen (Tofuvariante) haben mich in der zentraldeutschen Servicewüste schon vor mancher Hungerperiode bewahrt.

Und noch eins zum Abschluss? Kein Problem:

Das entschuldigt aber wirklich keine Wanderboots in der Drogerie. Die dicken Profile sind super, um beim Almabstieg festen Stand zu haben. Zwischen Klopapier und Lippenstiften wirken sie einfach nur albern.

Es stimmt, dass wir Gipfelstürmer beim Almabtrieb, pardon, Almabstieg nicht immer den festesten Stand haben. Doch das liegt oft auch an der einen oder anderen Halben, die nach dem Gipfelsieg über den Almtresen wandert. Da benötigen wir den festen Stand der Wanderboots sehr wohl auch hinterher noch, beim Klopapier holen im DM.

Allerdings müssen wir Almabsteiger zugeben, dass nicht alle Kritik so leicht zu entkräften ist. Einmal mehr der Tagesspiegel:

In meinem Bekanntenkreis gibt es sogar einen Verrückten, der im Urlaub regelmäßig mit Schneeschuhen Wanderungen durch das ewige Eis Grönlands oder Lapplands macht. Dass der so eine Polarpelle braucht, sehe ich ein. Kehrt er allerdings heim in die Zivilisation, verschwindet das Ding im Schrank, wo es hingehört. Zur Arbeit geht er dann im Wollmantel. Er hat verstanden: Alles hat seinen Ort und Platz. (…) Die Thermojacke gehört ins Packeis, nicht in die Innenstadt.

Durchaus beeindruckend. Doch gibt es das wirklich, dieses Naturgesetz, was wohin gehört? Oder wird hier nicht bloß eine Meinung zum allgemeinen Maßstab erhoben? Und was ist, wenn meine bisherigen „Bergpellen“ schon ein bisschen was gekostet haben und mir deshalb der „angemessene“ Wollmantel als unnötige Zusatzausgabe erscheint? Wenn ich womöglich die Goretexjacke auch bei großstädtischem Dauerregen trage, weil schlicht keine weitere Wasserschutzjacke bei mir herumliegt?

Ja, hiermit oute ich mich als „Überschneidungs-User“, als Angehöriger jener eigentlich nie erwähnten Käuferspezies, die mit ihren Outdoorklamotten tatsächlich auch mal in die Berge und die „Wildnis“ geht.

Auch genervt: „echte Bergsteiger“, die „das Zeug wirklich nutzen“

Da wir Überschneidungsuser so wenig gewürdigt werden, regen wir uns natürlich auch über die Invasion der Fakeabenteurer auf. Denn eigentlich haben ja nur wir das Recht, die Insignien des Draußenseins zu tragen.

Also, liebe Outdoorklamottenkritiker, bitte merken: schmeißt uns tatsächlich harte Hunde nicht immer mit diesen verkleideten Karnevalisten in einen Topf! Wir trotzen nämlich wirklich eisigem Wind und fürchterlichem Wetter. Und wenn wir die Goretexjacke, die Softshell, das Fleece und die Kunstfaserhose auch mal im Alltag anziehen, verwechseln uns die Ahnungslosen mit diesen Möchtegerns. Wenn die Leute das nur endlich mal unterscheiden könnten, würden sie uns endlich diese leicht eingeschüchterte Bewunderung geben, die wir verdammt nochmal verdient haben!

Ich schlage deshalb vor, wir führen eine Befugnis für Outdoorkleidung ein: Goretex und Windstopper nur gegen beglaubigte Tourenliste als Kompetenznachweis. Um jede Verwechslungsgefahr auszuschließen, sollten wir zusätzlich Plaketten oder Sticker auf den Textilien anbringen:

„Hey, ich geh wirklich auf über 4000 Meter mit dem Teil!“

oder

„Diese Jacke war in Grönland und Nepal!“

Weitere Vorschläge für effektive Abgrenzungsmaßnahmen bitte in den Kommentaren einbringen ;-)

Beschwingt statt genervt: Die Fürsprecher

Ist denn wenigstens die Fürsprache fundiert und überzeugend? Gibt es gute und starke „Pros“ für Outdoor in the city?

Hm, nicht wirklich, würde ich sagen – zumindest findet man wenig und wirklich nicht mehr ganz folgen kann ich, wenn in der Brigitte Folgendes steht:

Mit der richtigen Kleidung kann man heute seine Vorliebe für Natursport, Trekking, Gefahr und Abenteuer demonstrieren, ohne dass man jemals einen Berg, einen Wald oder einen See aus der Nähe gesehen hat. Das ist auf jeden Fall sehr modisch, auch wenn es vielleicht nicht immer logisch ist, dass wir uns in Kleidung hüllen, die Funktionen hat, die wir gar nicht benötigen.

Wenn ein Mensch in seinem Leben nie einen Berg, Wald oder See aus der Nähe sieht, finde ich das eher sehr traurig als sehr modisch. Aber vielleicht vermisst man ja überhaupt nichts, wenn man eh nichts anderes als die Simulation kennt. Dann wäre auch folgender Gedanke nachvollziehbar:

Sogenanntes „Sensation Seeking“ steht hoch im Kurs. Wenigstens die Kleidung soll an Wildnis erinnern. Falls uns im Großstadtdschungel dann mal eine Gefahr (oder ein Hagelsturm) ereilt, sind wir gewappnet – und können uns in unserer Jack Wolfskin-Jacke ein bisschen wie McGyvers wilde Tochter fühlen.

Hach, ja. Nur wäre ich als einziger männlicher Brigitteleser des Planeten lieber McGyver selbst als seine wilde Tochter. Und noch wichtiger wäre mir, mich nicht nur anhand von Kleidungsstücken an „Wildnis“ zu „erinnern“, sondern irgendwann auch mal in einer solchen unsimulierten Umgebung unterwegs zu sein.

Zusammengefasst: wirklich rational und vernünftig geht es weder auf der Pro- noch der Contra-Seite zu. Hüben wie drüben geht es hauptsächlich um Geschmäcker und persönliche Befindlichkeiten.

Naturliebe, Eitelkeit und Katastrophenangst: Erklärungsversuche

Und weil es so wenig rational zugeht, müssen auch die Erklärungsversuche größtenteils scheitern. Versuchen wir es trotzdem. Den Anfang darf wieder der Tagesspiegel machen:

Manch einer sagt, es sei die Liebe zu Wald und Wiese, die sich da Bahn bricht. (…) Was für ein Quatsch die These mit der Naturverbundenheit ist, zeigt allerdings schon eine oberflächliche Analyse des Produkts. Schließlich gibt es kaum etwas Künstlicheres als eine Outdoorjacke. Das Innenfutter besteht aus Polyesterfleece oder Polyamid, zum Abdichten gibt es obendrauf eine Schicht Polyurethan oder Polytetrafluorethylen. Klingt das nach etwas, was auf irgendeinem Baum der Welt wachsen würde?

Teflon, PU und Fleece in einem Kleidungsstück sind zwar eher selten, doch so weit, so nachvollziehbar. Auch wenn immer mehr Hersteller Fortschritte machen, die Künstlichkeit durch Naturverträglichkeit zu ersetzen.

Wenn Naturliebe nicht das alleinige Motiv der Outdoorwelle sein kann, müssen wir Weiteres in Betracht ziehen. Eines der weniger schönen Motive wäre die Eitelkeit, die der Tagesspiegel gleich noch für uns mitbeleuchtet:

Wer etwas trägt, was er nicht braucht, will damit etwas darstellen. (…) In dem Sinne geht es beim Tragen von Outdoorkleidung nicht mehr um das Rüsten für Extremsituationen, sondern nur noch um deren Simulation – oder besser: um deren Behauptung. Sehet, ich wäre bereit, Wind und Wetter zu trotzen, arktischen Temperaturstürzen und steilen Geröllhängen – so ich mich denn in Gefahr begeben würde.“

Jepp, ertappt. Das spricht tatsächlich wunde Punkte an. Doch wunde Punkte wovon? Eitelkeit ist eine Triebfeder für sehr viele Arten von Kleidung. Und auch für sehr viele menschliche Handlungen im Allgemeinen. Sie ist also für unsere schöne bunte Outdoorwelt genauso wenig spezifisch wie der (ebenfalls im Artikel angesprochene) Kompensationstrieb.

Jetzt fehlen nur noch die wirklich unterhaltsamen Motivtheorien. Eine wäre die Katastrophenangst, die meiner Meinung nach aber derart im psychologisierenden Nebel stochert, dass sie keines näheren Blicks bedarf…

Was bleibt da als Fazit festzuhalten? Nun, wer mit Outdoorklamotten in der Stadt unterwegs ist, kann immer auf Reaktionen und Aufmerksamkeit hoffen.

 

 

Stöcke beim Trailrunning: meine persönliche Hassliebe

25. Juni 2019
Tipps und Tricks

Der Anstieg ist steil – sehr steil sogar. Meine Füße rutschen im nassen Laub bei jedem Schritt gefühlt zwei Meter zurück. Die Oberschenkel brennen, der Puls eindeutig zu hoch für den zweiten Anstieg im Rennen. Ich bleibe kurz stehen und schaue zurück ins Tal. Mit schnellen Schritten kommt Denise Zimmermann, eine der weltweit besten Damen im Ultra-Trail, auf mich zu. In den Händen hält sie das, was ich mir gerade sehnlichst wünsche: ein paar Trailrunningstöcke! Leichtfüßig überholt sie mich und ich marschiere weiter bergauf, mich selbst verfluchend, weil ich gefühlt als einziger im ganzen Rennen keine Stöcke dabeihabe.

„Aller Anfang ist schwer und die Profis laufen ja auch immer alles…“

Das waren meine Gedanken als ich angefangen habe in den Bergen zu laufen. Ich war strikt gegen den Einsatz von Stöcken. Meiner Meinung nach ergaben sich daraus nur Nachteile, die mich daran hinderten, möglichst effektiv den Berg hoch- und herunter zu kommen. Meine Gedanken zu Stöcken waren unter anderem folgende:

  • Der Einsatz von Stöcken kostet mich mehr mentale Energie, weil ich mich darauf konzentrieren muss, wo auf dem Trail ich sie platziere.
  • Sie nerven mich, weil ich sie dauernd in den Händen halten muss.
  • Durch andauernden Einsatz der Stöcke bekomme ich Blasen an den Händen.
  • Stöcke sind was für Leute, die nicht bergauf gehen können.
  • Mehr Gewicht im Laufrucksack, wenn ich sie nicht benutze.
  • Vor dem Downhill muss ich sie zusammenfalten und im Laufrucksack verstauen, das kostet Zeit.
  • Meine Arme und der Rücken ermüden zusätzlich durchs bergauf gehen mit den Stöcken.
  • Sicherheitsrisiko bei einem Sturz.

Die Erleuchtung des Stockverweigerers

Wie ich heute darüber denke? Stöcke sind auf jeden Fall für Profis genauso wertvoll wie für den Anfänger. Selbst erfolgreiche Läufer wie Kilian Jornet, Emelie Forsberg oder Luis Alberto Hernando verwenden bei längeren bzw. sehr steilen und technischen Rennen wie dem Ice Trail Tarentaise oder Hardrock 100 Stöcke zum bergauf gehen. Ich selbst habe dieses Jahr bei zwei meiner fünf Ultra-Trail Wettkämpfe Stöcke benutzt. Die Strecken hatten jeweils 5000 und 7000 Höhenmeter und ich war beide Male froh, nicht wieder nach vorne gebeugt den Berg hochkeuchen zu müssen. Auch für die oben erwähnten Nachteile gibt es einfache und simple Lösungen:

  • Durch den richtigen Einsatz kann ich mehr Energie sparen als mich die zusätzliche Konzentration kostet.
  • Radhandschuhe oder andere dünne Handschuhe schützen gegen Blasenbildung.
  • Das Mehrgewicht relativiert sich mit der Energieersparnis.
  • Ich kann meine Stöcke bereits auf den letzten Metern des Anstiegs zusammenlegen und im Rucksack verstauen, so verliere ich keine Zeit.
  • Durch regelmäßiges Training mit Stöcken werden auch die Arme und der Rücken trainiert.
  • Wenn ich meine Hände richtig in die Schlaufen lege ist das Sicherheitsrisiko sehr gering.

Heutzutage möchte ich die Stöcke bei langen, technischen Anstiegen nicht mehr missen. Daher erkenne ich heutzutage besonders diese Vorteile:

  • Durch den Stockeinsatz kann ich bergauf aufrechter und damit „natürlicher“ gehen.
  • Der Rücken wird durchs aufrechtere gehen zusätzlich entlastet.
  • Die Oberschenkel und Wadenmuskulatur wird nicht so stark beansprucht.
  • Verbesserte Balance in rutschigem, steilem Gelände.
  • Durch weniger Anstrengung auf Dauer des Rennens gesehen energiesparender.
  • Gleichmäßigerer, natürlicher Rhythmus durch Einsatz von Stöcken in laufbaren Anstiegen und im flachen.

Die richtige Stocktechnik

Idealerweise sollten die Hände immer von unten in die Schlaufen gelegt werden, um eine optimale Kraftübertragung auf den Griff zu erzielen. Lediglich wenn es bergab geht, sollten die Hände sicherheitshalber nicht in den Schlaufen sein, um bei einem Sturz keine Verletzungen zu riskieren.

In flachem oder leicht ansteigendem Gelände ist der diagonale Stockeinsatz am effektivsten. Genau wie beim Nordic Walking oder der klassischen Langlauftechnik werden die beiden Stöcke jeweils abwechselnd eingesetzt. Das bedeutet: Linker Fuß, rechter Stock; rechter Fuß, linker Stock.

Wenn es steiler bergauf geht, ist der Doppelstockeinsatz die Methode der Wahl. Indem beide Stöcke gleichzeitig parallel vor dem Körper aufgesetzt werden, kann man sich sehr gut „nach oben schieben“. Durch diese Technik werden die Beine entlastet und besonders bei langen Anstiegen beim Trailrunning kann man viel Energie sparen.

Bei steilen Querungen an Hängen kann einer der beiden Stöcke etwas unterhalb gegriffen werden, um für die nötige Balance zu sorgen.

Mein Fazit zum Stockeinsatz beim Trailrunning

Ich persönlich benutze meine Stöcke ausschließlich zum bergauf laufen. Bevor es hinab geht, befestige ich sie an meinem Laufrucksack. Meiner Meinung nach hat der Einsatz von Stöcken im Downhill keine nennenswerten Vorteile. Außer das Gelände ist sehr technisch oder rutschig, z.B. auf Eis oder in steilen, ausgesetzten Schneepassagen. Du kannst sehr viel mehr Energie sparen und zudem schneller bergab laufen, wenn du an deiner Technik fürs Bergablaufen arbeitest. Wie das geht, erkläre ich dir in meinem nächsten Beitrag.
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