Outdoorkleidung in der Innenstadt? Also ich brauch das!

3. Juli 2019

Sie ist der Alptraum der Stilikonen, Geschmacksverfechter und Kulturbewahrer: die Outdoorwelle, die die Innenstädte überspült. Vor 10 Jahren war man sicher, sie sei einer dieser albernen Kurzzeittrends, über die man sich in 10 Jahren schlapplachen würde. Doch weit gefehlt, sie hält sich unbeirrt und macht keine Anstalten abzuebben. Sie weitet sich sogar auf immer neue Bereiche aus und bedient längst auch die Sehnsucht nach Jagd-, Hundeschlitten und Motorradabenteuern.

Da hat selbst die scharfe Kritik aus dem Feuilleton resigniert. Richtig hartes Contra findet man eigentlich nur in Artikeln älteren Datums. Neueren Datums sind eher die Pro-Meinungen von Outdoorbloggern und Modemagazinen. Werfen wir nun einen Blick auf die Kritiker und Fürsprecher und nehmen dann die gängigen Erklärungen unter die Lupe. Zwischendrin darf ich immer mal etwas eigenen Senf dazugeben.

Vorher aber noch zu einem wichtigen, aber hier schwer einzuordnenden Streitpunkt: der Nachhaltigkeit.

Streitpunkt Nachhaltigkeit

Unser Autor meint: Outdoorkleidung sollte überall getragen werden dürfen – auch beim Samstagsbummel in der Innenstadt.

Um es gleich vorwegzunehmen: ja, es stimmt, eine Multifunktionsjacke bringt mehr Ressourcenaufwand und „Gifteinsatz“ mit sich als Opas guter alter Wollmantel.

Doch ist das „Outdoorzeug“ mit seinen bösen Chemikalien wirklich so viel schlimmer als das „Normalozeug“ in den Kaufhäusern und Onlineshops? Es ist ja keineswegs so, dass die Menschen vor dem „Outdoorboom“ nur nachhaltige Naturkleidung getragen hätten. Im Gegenteil, unter der nichttechnischen Alltagskleidung war und ist der Anteil von „Made unter miesen Bedingungen und mit undeklarierter Chemie“ ziemlich hoch.

Was also ist nachhaltiger: wenn ich zehn Winter lang eine teure, technische Winterjacke von der bekannten Outdoormarke XY trage, oder wenn ich in der gleichen Zeit mehrere „einfache“ und „günstige“ Steppjacken von H&M, New Yorker und Co. verschleiße?

Auch wegen umstrittener „Zutaten“ der Outdoorkleidung wie Daune, Leder oder Pelz gibt es viel Kritik. Doch diese Dinge werden genauso in „Nichtoutdoorprodukten“ verarbeitet und die Outdoorbranche bietet zudem eine wachsende Auswahl an alternativen Stoffen an. Hinzu kommt eine wachsende Sparte namens „Urban-Outdoor“. Deren Produkte sind weniger „hochgezüchtet“, kommen ohne Membranen und Chemikalien aus, sind nicht „polartauglich“ und auch nicht knallfarben. Sie sind funktionaler als herkömmliche Alltagskleidung und zugleich ästhetisch ansprechend.

Dennoch muss man eingestehen, dass es Verschwendung ist, sich für die abendliche Runde mit dem Hund technisch-funktionale Outdoorkleidung extra zuzulegen. Genauso wie es fragwürdig ist, diese Dinge nur fürs Schaulaufen zu nutzen.

Genervt von der Outdoorwelle: das Feuilleton

Die schärfsten Outdoor-Kritiker sitzen wohl in den Kulturressorts der Redaktionen. Eine gute Kurzfassung der klassischen Stilkritik liefert der wohl am häufigsten zu diesem Thema gelesene und zitierte Tagesspiegel-Artikel:

Eine unausgesprochene Übereinkunft scheint die Menschheit in diesem Punkte zu einen: Es gibt Kleidungsstücke und Situationen, die passen nicht zusammen. Allerdings versagt diese intuitive Stilsicherheit hierzulande bei Tausenden regelmäßig, wenn es um Outdoorkleidung geht.

Die Meinungen gehen auseinander: Das Feuilleton nimmt sich ausgiebig Zeit um über den „Outdoorhype“ zu klagen.

In der Tat, der Geschmack ist in vielen Fällen diskutabel. Leider folgen dann zwei unfertige Sätze, in denen es darum zu gehen scheint, dass die Kleidung für widrigste Bedingungen gemacht ist und die Käufer ganz genau wüssten, wie unsinnig ihr Verhalten ist.

Stimmt, aber nur teilweise: es sind keineswegs alle in den Fußgängerzonen zu sehenden Produkte „polartauglich“ oder „himalayatauglich“ und auch längst nicht alle grellbunt. Solche oft zu lesenden Vergröberungen lassen vermuten, dass die betreffenden Autoren eher weniger outdooraffin sind. Wirklich deutlich wird die Entfernung von der Materie, wenn versucht wird, den technischen Outdoorjargon spöttisch zu imitieren. Das passt dann manchmal nicht so ganz und wird, wie hier in der FR, so haltlos und plump übertrieben, dass der entstehende Humor eher unfreiwilliger Natur ist. Beispiel gefällig? Gerne doch:

Vermutlich können die wilden Farben (der Outdoorkleidung) sogar Bären verjagen. Und Lagerfeuer machen.

Hoho. Ja, aber wenn Sie wüssten, liebe FR-Autorin, wie viele Bärenattacken das Active-Bearprotect Shield meiner Goretex schon im letzten Moment abgewendet hat. Und vor wie vielen erfrorenen Fingern mich die integrierte InstantFire Jet-Technology schon bewahrt hat …

Noch ein Beispiel? Bitte:

Aber kein Mensch braucht Stauraum für Karabinerhaken, Öllampe oder eine Drei-Tages-Notration an Dörrfleisch in der Fußgängerzone.

Doch! Ich brauche den Öllampen-Stauraum (feuerfest) in meinem immer umgeschnallten Klettergurt. Und die Dörrfleischrationen (Tofuvariante) haben mich in der zentraldeutschen Servicewüste schon vor mancher Hungerperiode bewahrt.

Und noch eins zum Abschluss? Kein Problem:

Das entschuldigt aber wirklich keine Wanderboots in der Drogerie. Die dicken Profile sind super, um beim Almabstieg festen Stand zu haben. Zwischen Klopapier und Lippenstiften wirken sie einfach nur albern.

Es stimmt, dass wir Gipfelstürmer beim Almabtrieb, pardon, Almabstieg nicht immer den festesten Stand haben. Doch das liegt oft auch an der einen oder anderen Halben, die nach dem Gipfelsieg über den Almtresen wandert. Da benötigen wir den festen Stand der Wanderboots sehr wohl auch hinterher noch, beim Klopapier holen im DM.

Allerdings müssen wir Almabsteiger zugeben, dass nicht alle Kritik so leicht zu entkräften ist. Einmal mehr der Tagesspiegel:

In meinem Bekanntenkreis gibt es sogar einen Verrückten, der im Urlaub regelmäßig mit Schneeschuhen Wanderungen durch das ewige Eis Grönlands oder Lapplands macht. Dass der so eine Polarpelle braucht, sehe ich ein. Kehrt er allerdings heim in die Zivilisation, verschwindet das Ding im Schrank, wo es hingehört. Zur Arbeit geht er dann im Wollmantel. Er hat verstanden: Alles hat seinen Ort und Platz. (…) Die Thermojacke gehört ins Packeis, nicht in die Innenstadt.

Warum in einen „innenstadttauglichen“ Wollmantel investieren, wenn man doch schon eine funktionstüchtige Outdoorjacke hat?

Durchaus beeindruckend. Doch gibt es das wirklich, dieses Naturgesetz, was wohin gehört? Oder wird hier nicht bloß eine Meinung zum allgemeinen Maßstab erhoben? Und was ist, wenn meine bisherigen „Bergpellen“ schon ein bisschen was gekostet haben und mir deshalb der „angemessene“ Wollmantel als unnötige Zusatzausgabe erscheint? Wenn ich womöglich die Goretexjacke auch bei großstädtischem Dauerregen trage, weil schlicht keine weitere Wasserschutzjacke bei mir herumliegt?

Ja, hiermit oute ich mich als „Überschneidungs-User“, als Angehöriger jener eigentlich nie erwähnten Käuferspezies, die mit ihren Outdoorklamotten tatsächlich auch mal in die Berge und die „Wildnis“ geht.

Auch genervt: „echte Bergsteiger“, die „das Zeug wirklich nutzen“

Da wir Überschneidungsuser so wenig gewürdigt werden, regen wir uns natürlich auch über die Invasion der Fakeabenteurer auf. Denn eigentlich haben ja nur wir das Recht, die Insignien des Draußenseins zu tragen.

Also, liebe Outdoorklamottenkritiker, bitte merken: schmeißt uns tatsächlich harte Hunde nicht immer mit diesen verkleideten Karnevalisten in einen Topf! Wir trotzen nämlich wirklich eisigem Wind und fürchterlichem Wetter. Und wenn wir die Goretexjacke, die Softshell, das Fleece und die Kunstfaserhose auch mal im Alltag anziehen, verwechseln uns die Ahnungslosen mit diesen Möchtegerns. Wenn die Leute das nur endlich mal unterscheiden könnten, würden sie uns endlich diese leicht eingeschüchterte Bewunderung geben, die wir verdammt nochmal verdient haben!

Ich schlage deshalb vor, wir führen eine Befugnis für Outdoorkleidung ein: Goretex und Windstopper nur gegen beglaubigte Tourenliste als Kompetenznachweis. Um jede Verwechslungsgefahr auszuschließen, sollten wir zusätzlich Plaketten oder Sticker auf den Textilien anbringen:

„Hey, ich geh wirklich auf über 4000 Meter mit dem Teil!“

oder

„Diese Jacke war in Grönland und Nepal!“

Weitere Vorschläge für effektive Abgrenzungsmaßnahmen bitte in den Kommentaren einbringen ;-)

Beschwingt statt genervt: Die Fürsprecher

Ist denn wenigstens die Fürsprache fundiert und überzeugend? Gibt es gute und starke „Pros“ für Outdoor in the city?

Hm, nicht wirklich, würde ich sagen – zumindest findet man wenig und wirklich nicht mehr ganz folgen kann ich, wenn in der Brigitte Folgendes steht:

Mit der richtigen Kleidung kann man heute seine Vorliebe für Natursport, Trekking, Gefahr und Abenteuer demonstrieren, ohne dass man jemals einen Berg, einen Wald oder einen See aus der Nähe gesehen hat. Das ist auf jeden Fall sehr modisch, auch wenn es vielleicht nicht immer logisch ist, dass wir uns in Kleidung hüllen, die Funktionen hat, die wir gar nicht benötigen.

Wenn es mal doch spontan hoch hinausgeht, sind wir Bergfreunde gewappnet.

Wenn ein Mensch in seinem Leben nie einen Berg, Wald oder See aus der Nähe sieht, finde ich das eher sehr traurig als sehr modisch. Aber vielleicht vermisst man ja überhaupt nichts, wenn man eh nichts anderes als die Simulation kennt. Dann wäre auch folgender Gedanke nachvollziehbar:

Sogenanntes „Sensation Seeking“ steht hoch im Kurs. Wenigstens die Kleidung soll an Wildnis erinnern. Falls uns im Großstadtdschungel dann mal eine Gefahr (oder ein Hagelsturm) ereilt, sind wir gewappnet – und können uns in unserer Jack Wolfskin-Jacke ein bisschen wie McGyvers wilde Tochter fühlen.

Hach, ja. Nur wäre ich als einziger männlicher Brigitteleser des Planeten lieber McGyver selbst als seine wilde Tochter. Und noch wichtiger wäre mir, mich nicht nur anhand von Kleidungsstücken an „Wildnis“ zu „erinnern“, sondern irgendwann auch mal in einer solchen unsimulierten Umgebung unterwegs zu sein.

Zusammengefasst: wirklich rational und vernünftig geht es weder auf der Pro- noch der Contra-Seite zu. Hüben wie drüben geht es hauptsächlich um Geschmäcker und persönliche Befindlichkeiten.

Naturliebe, Eitelkeit und Katastrophenangst: Erklärungsversuche

Und weil es so wenig rational zugeht, müssen auch die Erklärungsversuche größtenteils scheitern. Versuchen wir es trotzdem. Den Anfang darf wieder der Tagesspiegel machen:

Manch einer sagt, es sei die Liebe zu Wald und Wiese, die sich da Bahn bricht. (…) Was für ein Quatsch die These mit der Naturverbundenheit ist, zeigt allerdings schon eine oberflächliche Analyse des Produkts. Schließlich gibt es kaum etwas Künstlicheres als eine Outdoorjacke. Das Innenfutter besteht aus Polyesterfleece oder Polyamid, zum Abdichten gibt es obendrauf eine Schicht Polyurethan oder Polytetrafluorethylen. Klingt das nach etwas, was auf irgendeinem Baum der Welt wachsen würde?

Teflon, PU und Fleece in einem Kleidungsstück sind zwar eher selten, doch so weit, so nachvollziehbar. Auch wenn immer mehr Hersteller Fortschritte machen, die Künstlichkeit durch Naturverträglichkeit zu ersetzen.

Wenn Naturliebe nicht das alleinige Motiv der Outdoorwelle sein kann, müssen wir Weiteres in Betracht ziehen. Eines der weniger schönen Motive wäre die Eitelkeit, die der Tagesspiegel gleich noch für uns mitbeleuchtet:

Wer etwas trägt, was er nicht braucht, will damit etwas darstellen. (…) In dem Sinne geht es beim Tragen von Outdoorkleidung nicht mehr um das Rüsten für Extremsituationen, sondern nur noch um deren Simulation – oder besser: um deren Behauptung. Sehet, ich wäre bereit, Wind und Wetter zu trotzen, arktischen Temperaturstürzen und steilen Geröllhängen – so ich mich denn in Gefahr begeben würde.“

Langweilig wird es nicht: mit Outdoorkleidung in der Innenstadt sollte man mit dem Mitteilungsbedürfnis der Anderen rechnen.

Jepp, ertappt. Das spricht tatsächlich wunde Punkte an. Doch wunde Punkte wovon? Eitelkeit ist eine Triebfeder für sehr viele Arten von Kleidung. Und auch für sehr viele menschliche Handlungen im Allgemeinen. Sie ist also für unsere schöne bunte Outdoorwelt genauso wenig spezifisch wie der (ebenfalls im Artikel angesprochene) Kompensationstrieb.

Jetzt fehlen nur noch die wirklich unterhaltsamen Motivtheorien. Eine wäre die Katastrophenangst, die meiner Meinung nach aber derart im psychologisierenden Nebel stochert, dass sie keines näheren Blicks bedarf…

Was bleibt da als Fazit festzuhalten? Nun, wer mit Outdoorklamotten in der Stadt unterwegs ist, kann immer auf Reaktionen und Aufmerksamkeit hoffen.

 

 

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