Ortovox im Marken- und Nachhaltigkeitsportrait

1. Juni 2021

Sportart

Der Name bleibt hängen. Anders als Huber oder Maier wird man sich den Namen Ortovox wahrscheinlich merken. Meist ist er auch markant auf den Oberarmtaschen der funktionalen Ortovox-Oberteile platziert.

Lawinennotfallausrüstung ist nur eine Domäne von Ortovox.

Die Ortovox Sportartikel GmbH hat um die 120 Mitarbeiter und sitzt in Taufkirchen im Süden von München. Sie ist auf Lawinennotfallausrüstung, Rucksäcke sowie Sportkleidung aus Merinowolle und Schweizer Wolle spezialisiert. Ihr einprägsamer Name setzt sich aus dem deutschen Begriff Ortung und dem lateinischen Begriff vox für Stimme zusammen. Mit der „Stimme“ ist der Ton der Suchgeräte gemeint, der je nach Frequenz die Entfernung und Position von Verschütteten in einer Lawine anzeigt. Es war nämlich ein neuartiges Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), mit dem Gerald Kampel und Jürgen Wegner die Firma Ortovox 1980 aus der Taufe hoben. Ihr Ortovox F2 war das erste Doppelfrequenzgerät der Welt, welches auf beiden zuvor durch inkompatible Geräte getrennten Frequenzen (2,275 kHz und 457 kHz) senden und empfangen konnte. Es beschleunigte damit wesentlich die Verschüttetensuche und rettete viele Leben.

Natur und Hightech, Airbags und Wolle: Das Sortiment

Mit der neuen Technologie machten Kampel und Wegner Ortovox für lange Zeit zum LVS-Marktführer mit zwischenzeitlich um die 60% Marktanteil. Im Laufe der Jahre wurde das Produktsortiment stetig erweitert. Heute umfasst es neben LVS-Geräten und alpiner Notfallausrüstung eine breite Palette an technisch-funktionalen Rucksäcken und Kleidungsstücken.

Im Bereich Kleidung ist Ortovox bekannt durch die Kombinationen von Wolle mit anderen Materialien. Besondere Funktions- und Konstruktionsmerkmale sind Kennzeichen vieler Ortovox Produkte. Dabei geht es nicht um Spielereien oder bloßes Auffallen, sondern diese Merkmale machen durchgehend Sinn. Bestes Beispiel ist das hauseigene Airbag-System in den Lawinenrucksäcken, das man ab Winter 2016/17 aus dem bewährten ABS-System entwickelte. Die Weiterentwicklung mit dem Namen Avabag wurde zum absoluten Leichtgewicht und heimste dafür 2016 gleich den begehrten ISPO-Award „Product of the Year“ ein. Seitdem ist Avabag der Standard in Ortovox-Lawinenrucksäcken.

Sicherheit im Fokus

Die Sicherheitslösungen bei Ortovox sind meist originell, müssen aber nicht zwangsweise technisch komplex sein. Bestes Beispiel hierfür ist die Notfallkarte, die auf ganz einfache Weise wertvolle Zeit im Falle eines Falles einsparen kann.

Auch die Bergfreunde haben schon an der Safety Academy teilgenommen.

Um neben der technischen Sicherheit den Fokus auch auf Umsicht und Kompetenz zu richten, hat Ortovox im Jahr 2008 die Safety Academy ins Leben gerufen. Dort waren unter anderem auch die Bergfreunde schon zu Gast, wie du diesem Basislagerartikel vom Sommer 2017 entnehmen kannst. Bei jenem spannenden Ausflug in die Tannheimer Berge stand Alpinklettern im Kursprogramm. Doch es gibt die Sicherheitsausbildungen bei Ortovox fürs ganze Jahr und für alle weiteren alpinen Disziplinen.

Nachhaltigkeit bei Ortovox: die Elemente

Sicherheit und Nachhaltigkeit sind im Bergsport generell eng verwoben. Bei Ortovox gilt das ganz besonders, beide Themen bilden zusammen einen Grundpfeiler der Geschäftstätigkeit. Oder wie es Geschäftsführer Christian Schneidermeier ausdrückt:

Das Fundament von ORTOVOX ist der SCHUTZ VON MENSCH, TIER UND NATUR. Seit 40 Jahren bleiben wir unseren Werten treu und finden speziell in diesen Zeiten in unseren Überzeugungen unsere Stärke.

Ökologische Elemente

Ein wichtiges Nachhaltigkeitselement ist das „Wool Promise“, das Ortovox-Versprechen ökologischer Verantwortung und ethischer Tierhaltung bei der Wollproduktion. Es wird durch ein umfangreiches Auditing der Lieferanten sichergestellt, dessen Details in einem Audit-Protokoll festgehalten sind.

Regionalität mit möglichst kurzen Wegen ist ebenfalls ein wichtiges Element. Der Fokus von Ortovox bei den Geschäftsbeziehungen liegt auf Europa, wo etwa 60% der Zulieferer und Partner ansässig sind. Ein großer Teil davon wiederum befindet sich im Baltikum und in Ungarn. Doch da Merinowolle ein wichtiger Rohstoff ist, der wiederum vom australischen Kontinent kommt, sind natürlich nicht alle Geschätsbeziehungen in diesem Sinne nachhaltig. Doch diesen Widerspruch versucht man teilweise aufzulösen, indem man sich für Projekte wie dem Schutz des bedrohten tasmanischen Urwalds Tarkine engagiert.

Hinzu kommen zahlreiche punktuelle Maßnahmen wie das Verpackungsprojekt „Out of the Box“, das zu deutlichen Einsparungen von Plastik und CO2 führt.

Soziale Elemente

Der fünfte Ortovox Social Report Sustainability Insights liefert diverse Beispiele aus dem Innenleben des Unternehmens für die Umsetzung dieses Wertefundaments. Wichtig sind dabei nicht nur Vorgaben und Richtlinien, sondern vor allem auch persönliches, selbstbestimmtes Engagement der Belegschaft. Ein Beispiel ist „Brigitte, Head of Production Planning, die in der akuten Corona-Phase mit ihrem PERSÖNLICHEN ENGAGEMENT unsere Partnerschaften zu unseren Produzenten weltweit noch gestärkt hat. Ihre Art der Anteilnahme und des Handelns hat bewiesen, dass diese fragile Welt nur durch das Miteinander an Stabilität gewinnen kann.

Eine gute Kurzanalyse des 27-seitigen Reports findet sich bei SAZ-Sports. Es geht darin um alle Nachhaltigkeitsmaßnahmen im Bereich Soziales, wozu langfristig durchgeplante Produktzyklen mit langfristigen Abnahmeverträgen ebenso gehören wie ein aufwändiges Monitoring der Lieferanten. Auch ein eigenes Team für den Bereich unternehmerische Verantwortung (Corporate social responsibility, CSR-Team Jobshare) ist Teil der sozialen Nachhaltigkeit bei Ortovox.

Alle diese und weitere Elemente greifen im Konzept PROTACT 2024 ineinander. Es verbindet alle bestehenden Initiativen und verbindlichen Ziele, die bis 2024 umgesetzt sein sollen.

Besonderheit: das Prinzip Freundschaft

Freundschaft und ein gutes Miteinander ist fest in der Firmenphilosophie verankert.

Eine besondere Erwähnung verdient die ausdrückliche Betonung der Freundschaft als verbindendes Element – nicht nur im Privaten, sondern auch im Geschäftsleben. Fairness im Umgang mit allen Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern gehört dabei zu den Selbstverständlichkeiten und ist sozusagen Teil der Einkaufsstrategie:

Freundschaft prägt jede Interaktion im Unternehmen – im Team, gegenüber Kunden, Geschäftspartnern und Lieferanten, draußen am Berg und im täglichen Leben. Diese Philosophie charakterisiert insbesondere die Beziehung zwischen ORTOVOX und seinen Lieferanten. 42,86 % davon sind GESCHÄFTSPARTNER SEIT FÜNF JAHREN ODER LÄNGER.

Abseits der Trampelpfade: Meilensteine der Firmengeschichte

Im Social Report wirft Ortovox einen ausgiebigen Blick in die eigene Geschichte. Die chronologische Perspektive macht die tiefe Verankerung der Nachhaltigkeit besonders deutlich. Beginnen wir in den Achtzigern:

Nach acht Jahren Spezialisierung auf Lawinensicherheit und Notfallprodukte für den Berg nahm Ortovox 1988 Bergsportbekleidung mit Wolle im Sortiment auf. Das entscheidende Argument war die hohe Feuchtigkeitsaufnahme von Wollfasern, dank derer sie auch im nassen Zustand wärmen können. Dabei engagierte sich Ortovox von Beginn an für sichere und faire Arbeitsbedingungen, für das Wohlergehen der Schafe und für die umweltfreundliche Herstellung der Produkte.

1995 kommt die besonders funktionelle und komfortable Merinowolle hinzu, deren Eigenschaften ein häufiges Wechseln von Unterwäsche bei Skitouren oder Bergwanderungen unnötig machen.

Swisswool vereint Funktionalität mit Nachhaltigkeit.

2011 erschloss Ortovox mit der Swisswool eine zu dem Zeitpunkt völlig neue Kategorie von Isolationskleidung, die Funktionalität mit Nachhaltigkeit vereinte und dafür mit einem ISPO Award ausgezeichnet wurde. Die in der Schweiz gewonnene Wolle der Swisswool-Produkte ist in Isolationskammern abgesteppt. Diese und andere Besonderheiten sowie den Einstieg der Firma in diese spezielle Wollverarbeitung haben wir uns hier im Basislager von einer Ortovox-Produktmanagerin erläutern lassen.

Ebenfalls im Jahr 2011 wurde Gerald Kampels erfolgreiches Unternehmen Teil der Schwan-Stabilo Holding, die bis heute eher durch Schreibwaren bekannt ist, jedoch schon seit langem einen Teilkonzern Outdoor aufbaut, dem unter anderem der bekannte Rucksackproduzent Deuter angehört.

Die Übernahme änderte nichts am zielgerichteten Nachhaltigkeitskurs von Ortovox. Im Gegenteil, die Entwicklung hat sich seitdem eher intensiviert. So kam es 2015 zum Beitritt von Ortovox zum Bündnis für nachhaltige Textilien, das sich für die Verbesserung der sozialen, ökonomischen und ökologischen Bedingungen entlang der Lieferketten des Textil- und Bekleidungssektors einsetzt. Die Mitgliedschaft erhöht die Transparenz einer Firma für ihre Kunden, hilft beim Setzen klarer Ziele und stärkt das Thema Nachhaltigkeit in der gesamten Branche.

Ein weiterer wichtiger Beitritt war 2015 der zur Fair Wear Foundation (FWF), einer unabhängigen Dachorganisation, die bei ihren Mitgliedern den derzeit höchsten Standard an sozialer Nachhaltigkeit sicherstellt. Die FWF wird kooperativ von Handelsverbänden, Vertretern der Textilindustrie und Nichtregierungsorganisationen geführt. Ihr Ziel ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie weltweit.

Auch im Jahr 2016 gab es eine neue Mitgliedschaft, und zwar in der European Outdoor Conservation Association (EOCA). Die Unternehmensgruppe aus der europäischen Outdoor-Industrie sammelt seit ihrer Gründung im Jahr 2006 Spenden für wohltätige Naturschutzprojekte in aller Welt. Seit Juni 2019 ist Ortovox aufgrund seiner Unterstützung des Tarkine Regenwaldes in Tasmanien „Summit Member“ des EOCA. Im Rahmen des Tarkine-Projekts ermittelt Ortovox laut Branchenmagazin SAZ-Sport auch den CO2-Ausstoß im Bereich Standort und Produkte und „skaliert diesen sukzessive auf das gesamte Sortiment“. So soll es der Firma gelingen, „100 Prozent Klimaneutralität durch Reduktion und Kompensation bis 2024 voran zu treiben.“

Seit 2017 kommt das bereits erwähnte Ortovox Wool Promise (OWP) zum Einsatz, der firmeneigene Standard, der den branchenweit etablierten Responsible Wool Standard im Umfang übertrifft. „Das OWP fußt auf vier Säulen: persönliche Beziehung zu den Farmern, Tierschutz, Bewahrung der Natur sowie Transparenz aller Produkte bis zum Ursprung.“

Mit ProtACT 2024 bringt Ortovox schließlich im Jahr 2019 seine Nachhaltigkeitsstrategie auf den Punkt und bündelt alle bestehenden Maßnahmen in einer klaren Zielsetzung bis 2024.

Das Jahr 2020 war auch für Ortovox kein normales Jahr und „sowohl von Fortschritten als auch Rückschlägen im Bereich Nachhaltigkeit geprägt“. Ein angedachtes Projekt in der Ukraine, das sich mit der Thematik existenzsichernder Löhne ausein­ander setzen sollte, musste „eingestellt und komplett neu aufgesetzt werden“. Stattdessen sollten die Rucksackhersteller in Vietnam im Fokus stehen, was die Covid-Krise aber ebenfalls zum vorläufigen Stillstand brachte. Zur großen Herausforderung wurde im zweiten Halbjahr das Monitoring auf Distanz. „Langfristige Auswirkungen auf die Lieferkette bleiben noch abzuwarten.“ Dennoch kam Ortovox bislang nach eigener Angabe aufgrund seiner bisherigen Lieferantenstrategie „relativ stabil durch die Krise“.

Soweit diese kurze Zusammenstellung, die nur Ausschnitte aus der Firmengeschichte zeigt. Sowohl im Bereich Nachhaltigkeit als auch in der Technologie gab und gibt es weitere „Benchmarks“, die auf der Firmenhomepage beschrieben sind.

Fazit

Ortovox gehört zu diesen kleinen aber feinen Bergspezialisten, die im „Lifestylesektor“ kaum eine Rolle spielen und in großen Medien wenig präsent sind. Deshalb muss man sich bei der Bewertung der Nachhaltigkeit überwiegend auf die eigenen Aussagen der Firma verlassen. Persönlich sehe ich keinen großen Anlass, den Angaben zu misstrauen. Es gibt zwar nur wenige Bewertungen durch externes Feedback, doch diese sind durchaus aussagekräftig – so zum Beispiel der Leader-Status in der Fair Wear Foundation, den Ortovox nach dem „Brand Performance Check“ 2019 zum zweiten Mal verliehen bekam. Bei dieser jährlichen Prüfung der internen Managementsysteme erreichte Ortovox hohe Werte im Bereich Monitoring und beim sogenannten Benchmarking Score.

Alles in allem kann Ortovox den aus der Produktqualität gewohnten sehr ambitionierten Gesamteindruck auch in den Nachhaltigkeitsaktivitäten bestätigen.

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