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Materialrecycling: Möglichkeiten und Grenzen

11. Dezember 2019
Ausrüstung

Zunächst erscheint die Angelegenheit recht simpel: man sammelt das alte Zeug, sortiert es, wirft es in den Schredder, köchelt es mit irgendwelchen (hoffentlich umweltfreundlichen) Substanzen, trocknen, neu formen, fertig ist die Auferstehung als nagelneues Rohmaterial. Zumindest hab ich mir das so in etwa vorgestellt. Außer beim Kaffeesatz, da wusste ich schon, dass es etwas komplizierter ist. Kaffeesatz? Ja, denn über Kaffeesatz und seine Verwendung als Rohstoff für Recycling und Wiederverwertung gibt es hier schon einen Basislager-Artikel.

Darin ist zu lesen, warum die Rückverwandlung von alt und gebraucht zu neu und frisch duftend eben doch nicht ganz so einfach ist. Im Gegenteil, Recycling ist (nicht nur bei Kaffeesatz) ein komplexer industrieller Verarbeitungsprozess, der technisch, logistisch und finanziell sehr herausfordernd sein kann.

Vor allem geht das Ganze auch nicht ohne den Einsatz neuer Rohstoffe und Chemikalien vonstatten. Letztendlich ist die Entwicklung eines Recyclingmaterials kaum weniger anspruchsvoll als die eines „wirklich neuen“ Materials.

Kunststoffrecycling allgemein

Die folgenden zwei Hauptmethoden beschreibt Hunold + Knoop, ein Betrieb für Kunststofftechnik auf seiner Website:

  1. Mit einem Anteil von 44 % macht das energetische Recycling den Großteil der Kunststoff-Wiederverwertung aus. Dabei wird durch Verbrennen von Kunststoffteilen die Energie in den Altteilen gewonnen und so sehr effektiv energetisch weiterverwendet. Selbst verschmutzte und vermischte Materialien können auf diese Weise effizient wiederverwertet werden.
  2. 33 % des Kunststoffes werden werkstofflich aufbereitet. Das bedeutet, dass die Altteile zerkleinert, gereinigt und nach Sorten getrennt werden. Im Anschluss werden die Kunststoffteile bei hoher Temperatur geschmolzen und neu aufbereitet. Für diese Methode sind nur thermoplastische Kunststoffe geeignet.

Hinzu kommen als weniger genutzte Methoden das rohstoffliche Recycling (1 % Anteil) und der biologische Abbau. Beim rohstofflichen Verfahren „werden die Polymerketten im Kunststoff aufgespalten. Dabei entstehen Monomere, Öle und Gase, die zu neuen Kunststoffen verarbeitet werden können. Dieses Verfahren eignet sich auch für vermischte und verschmutzte Materialien.“ Der biologische Abbau durch Kompostieren ist laut Hunold + Knoop tatsächlich auch bei manchen Kunststoffen möglich.

Eine wichtige, auch in der Outdoorindustrie verwendete Quelle für das Kunststoffrecycling sind PET-Flaschen. Ein detailliertes Beispiel für deren Recycling gibt der Veolia-Konzern, der das Verfahren auf seiner Website in 13 Schritten beschreibt. Es führt zwar in diesem Fall zu neuen  Flaschen und Lebensmittelbehältern, ähnelt aber den (meist nur grob beschriebenen) Verfahren in der Textil- und Outdoorbranche.

Textilrecycling

Pro Kilo Kleidungs-Neuware ein Kilo Chemikalien für die Behandlung, lautet eine Faustformel. Baumwolle benötigt pro Kilo die Wassermenge von 200 gefüllten Badewannen. All diese Ressourcen werden zum großen Teil für „Fast Fashion“ verwendet, die kaum getragen und schnell ausgewechselt wird.

Entsprechend soll die Abfallmenge aus Altkleidern in Deutschland pro Jahr etwa 1,3 Millionen Tonnen betragen. Laut Nachhaltigkeitsportal Utopia werden 20 Prozent der weggeworfenen  Kleider recycelt. Der Großteil davon wird „down-gecycelt“, sprich als weniger wertiges Produkt wie Secondhand-Kleidung, Putzlappen oder Dämmstoff wiederbelebt.

Utopia weist aber auch auf zwei Beispiele hin, die jetzt schon „Cradle to Cradle“, also durchgängige Kreislaufwirtschaft umsetzen – und zwar ausgerechnet bei C&A und Tchibo. C&A hat „als weltweit erster Einzelhändler 2017 ein Cradle-to-Cradle-Gold-zertifiziertes T-Shirt auf den Markt gebracht, weitere Produkte wie Longsleeves sollen laut Website folgen“.

Diese Shirts können tatsächlich am Ende ihres Lebens im eigenen Garten kompostiert werden. Tchibo hat ein „closed loop“ Männer-T-Shirt vorgelegt – „mit GOTS-zertifizierter Baumwolle, Tencel- statt Nylongarn und Cradle-to-Cradle-zertifizierter blauer Farbe. Auch dieses ist zu 100 Prozent kompostierbar.“ Es sind zwar nur erste Vorboten der Kreislaufwirtschaft, aber immerhin sind sie schon unterwegs …

Die häufigsten recycelten Stoffe sind der Kunststoff Polyester und das Naturmaterial Baumwolle. Die beiden sind auch die meist verwendeten Textilstoffe bei Neuware (Polyester mit etwa 60% aller in Textilien verarbeiteten Fasern). Die Recyclingverfahren von Natur- und Kunstfasern unterscheiden sich deutlich, bei Ersteren ist es komplizierter und teurer.

Recyclingschritte bei Naturtextilien:

  • Das eingehende Material wird nach Materialart und Farbe sortiert. Die Farbsortierung führt zu Stoffen, die nicht nachgefärbt werden müssen.
  • Die Textilien werden zerkleinert und manchmal zu Fasern gezogen.
  • Das Garn wird gereinigt und gemischt.
  • Das Garn wird erneut gesponnen und ist bereit für den späteren Einsatz beim Weben oder Stricken.
  • Einige Fasern werden nicht gesponnen, sondern für Textilfüllungen, z.B. in Matratzen, komprimiert.

Recyclingschritte bei Textilien auf Polyesterbasis:

  • Die Kleidungsstücke werden zerkleinert, dann granuliert und zu Polyesterspänen verarbeitet.
  • Diese werden geschmolzen und zu neuen Fasern für den Einsatz in neuen Polyestergeweben verarbeitet.

Die meisten Hersteller verwenden für ihre Kunststoff-Recyclingprodukte Materialien aus Meeresabfällen von Fischernetzen bis zu Teppichresten. Der gesammelte Abfall wird gereinigt und geschreddert, die so entstandenen Schnipsel zu feinem Garn eingeschmolzen. Der Energie- und  Wasserverbrauch ist hierbei um ein Vielfaches geringer als bei herkömmlichen Chemiefasern oder auch bei konventionell erzeugter Baumwolle.

Textilrecycling in der Outdoorindustrie

Die weitaus meisten recycelten Stoffe werden auch in der Outdoorbranche für Textilien verwendet. Die entsprechende Technologie und Infrastruktur befindet sich im Aufbau und kann bislang nur einen geringen Prozentsatz der Neutextilien rückgewinnen. Es gibt aber viele beachtliche Fortschritte, die mehr als nur Symbolpolitik oder Imagepflege sind.

Oftmals sind es auch nur kleine Details mit großer Wirkung, wie wenn beispielsweise die schwedische Marke Haglöfs ihre Reißverschluss und Knöpfe so entwickelt, dass jeder Besitzer sie einfach selbst reparieren und austauschen kann. Oder wenn Eagle Creek ausgediente Windschutzscheiben zu Taschen und Rucksäcken verarbeitet und damit tatsächlich auch die wasser- und schmutzabweisenden Eigenschaften der Scheiben auf die Textilien überträgt.

Dennoch, der Recyclingkreislauf ist noch nicht wirklich in Gang gesetzt, es existiert noch keine breite Basis an „Rohstoffen“. Der Schwerpunkt liegt eher noch darauf, neue Stoffe zu entwickeln, die weniger umweltbelastend und leichter zu recyceln sind. Es muss wohl erst dieser Schritt auf breiter Front vollzogen sein, bis es einen nennenswerten „Grundstock“ an schon einmal verwendeten und recycelbaren Ausgangsmaterialien gibt. Er wäre dann die Grundlage, auf der in einem zweiten Schritt die nächste Generation von Outdoor-Equipment hergestellt wird. Dann könnte ein echtes Kreislaufsystem in greifbare Nähe rücken.

Beispiele Vaude und Patagonia

Man könnte viele kleine, äußerst engagierte Outdoorfirmen wie z.B. Pyua als leuchtende Beispiele für umfassende Recyclingkonzepte nennen, doch Vaude und Patagonia sind als Big Player der Branche weithin bekannt und haben somit mehr Vorbildfunktion. Beide verwenden ein relativ breites Spektrum an Recyclingmaterialien. Bei Vaude sind seit Sommer 2019 die kurzen Hosen aus Recycling-Polyamid, das zum Teil aus alten Fischernetzen hergestellt wird. Vom Zulieferer Primaloft verwendet man eine Isolierung für Jacken, die zu 100 Prozent aus wiederverwerteten Flaschen besteht.

Vaude bietet sich auch deshalb als Beispiel an, weil kaum jemand sonst so detaillierte Informationen zu den eigenen Nachhaltigkeitsmaßnahmen liefert. In ihrem seit sechs Jahren regelmäßig aktualisierten CSR-Report (Corporate Social Responsibility) legt die Firma alles  detailliert offen. So wird der Bereich Recycling nach Materialien aufgeschlüsselt:

Auch die US-Firma Patagonia ist bekannt für ihr Augenmerk auf die Umwelt: „Die Amerikaner verwenden gerne Hanf und Bio-Baumwolle, vor allem aber setzen sie auf Recycling-Materialien, von Daunen über Denim bis hin zu wiederverwerteter Wolle.“ Patagonia ist zudem weit darin fortgeschritten, die aktuell noch aus Neumaterialien bestehenden Produkte recyclingfähig zu machen.

Probleme des Textilrecyclings

Als Probleme werden folgende Aspekte kritisiert:

  • Kleidungsstücke, in denen Natur- und Kunstfasern gemischt werden, sind – egal ob ihrerseits recycelt oder nicht – kaum recycelbar. Die Technik stößt beim Auftrennen der Gewebemischungen an ihre Grenzen. Besonders die bei uns Bergfreunden wegen ihrer komfortablen Dehnfähigkeit beliebten Elasthan-Einsätze sind in dieser Hinsicht problematisch.
  • Bei recycelten Kunstfasern bleibt das Mikroplastik-Problem bestehen (mehr dazu in diesem Basislager-Artikel).
  • Recycling von Kunststoffen kann zu einer Konzentration der darin enthaltenen Schadstoffe führen.
  • Bei Baumwolle können nur etwa ein bis drei Prozent des Altmaterials zu neuen Fasern verarbeitet werden. Ein großer Teil wird zu Dämmstoffen oder Putzlappen („Downcycling“).
  • Bei der Aufbereitung der alten Stoffe werden, vor allem bei Baumwolle, Kleidungsstücke zerrissen, wodurch die Fasern leiden. Daher ist ein Recycling-Produkt „qualitativ immer schlechter als das Ausgangprodukt. Eine ausreichende Qualität kann außerdem nur gewährleistet werden, wenn mindestens 60 % Frischfaser im Stoff enthalten sind.“
  • Bei Baumwolle ist u.a. aus oben genannten Gründen das Recycling insgesamt recht aufwendig bzw. teuer und führt dennoch zu schlechterer Qualität und geringerer Haltbarkeit der Recyclingprodukte.
  • Recycling kann generell teuer werden, wenn komplett neue Logistikketten aufgebaut werden müssen.

All diese Einwände sind berechtigt, sprechen aber nicht gegen ein weiteres Vorantreiben des eingeschlagenen Recycling-Wegs. Denn abgesehen von den weit überwiegenden ökologischen Pluspunkten macht sich die Ressourceneinsparungen des Recyclings auf Dauer auch (volks)wirtschaftlich bezahlt.

Wenn Hersteller weiterhin forschen und Konsumenten weiterhin mehr Verantwortung übernehmen, werden sich wahrscheinlich auch in den genannten Problempunkten Lösungen finden. Auch „die Politik“ kann etwas tun, indem sie beispielsweise nachhaltige Produkte mit reduzierten Steuern für die Unternehmen belohnt. In Norwegen wird das bereits praktiziert.

Fazit: Wichtig ist, was hinten rauskommt

Auch Recycling liefert vorerst keine Zauberformel für Nachhaltigkeit im Sinne natürlicher Stoffkreisläufe, die bekanntlich keine Rückstände und Abfälle kennen. Doch – und das ist die gute Nachricht – das muss Recycling auch gar nicht. Es reicht fürs Erste vollkommen, wenn man die bisherigen Belastungen durch Abfall und Gifte in den nächsten Jahren auf einen Bruchteil ihrer heutigen Mengen reduzieren kann.

Auch das ist ein hohes Ziel, aber ein machbares und lohnendes. Denn die Umwelt ist bis zu einem gewissen Maße durchaus belastbar und bleibt auch bei gewisser Verschmutzung intakt. Ja, das ist eine provokante und ökopolitisch unkorrekte Behauptung, doch ich orientiere mich dabei am Menschen, der auch ein Teil der Umwelt ist und ein gewisses Maß an „Kontamination“ problemlos „wegstecken“ kann. Außerdem kann er – genau wie die ihn umgebende Natur – Abwehrmechanismen und Selbstheilungskräfte entwickeln.

Dass das heutige Ausmaß an Vermüllung und Vergiftung viel zu hoch ist, wird damit gar nicht infrage gestellt. Da aber ein „richtiges“ und für alle gleich akzeptables Maß schwierig bis gar nicht zu quantifizieren und das Reduzieren dieses Maßes auf null bis auf weiteres Science Fiction ist, bleibt vorerst „nur“ die schrittweise Verringerung des Schadens. Und das kann durchaus schnell gehen, denn im Grunde ist es weder schwierig noch komplex.

Eine ganz einfache und hocheffektive Maßnahme wäre die Beendigung des „Fast Fashion“-Wahnsinns, der vermutlich für den größten Teil der Ressourcenverschwendung und Umweltvergiftung verantwortlich ist. Wenn statt ständig wechselnder Kollektionen an (Billig)Klamotten langlebige Kleidung – die übrigens auch stylisch sein kann – gekauft und pfleglich behandelt würde, wäre das von jetzt auf gleich eine riesige Entlastung für Umwelt und Klima.

Die Outdoorindustrie hält zwar „wegen der vielen Chemikalien“ gern als Umweltsünder Nummer Eins her, ist aber (nicht nur) in Sachen Recycling eher weiter fortgeschritten als der Rest der Textilindustrie. Das dürfte auch daran liegen, dass hier das Prinzip der Eigenverantwortung aufseiten der Nachfrager besser greift als anderswo. Weil echte Outdoorer und Bergfreunde eine Verbundenheit zur Natur und ihren Kreisläufen vielleicht nicht ständig laut bekunden, dafür aber tatsächlich spüren. Und deshalb ihre Kleidung auch nicht jedes Mal ersetzen, sobald der Reiz des Neuen nachgelassen hat.

Das Nachhaltigkeitskonzept von Adidas

27. November 2019
Ausrüstung

Adidas wird dieses Jahr Siebzig und der Geburtstag ist eine rauschende Party. Die wirtschaftlichen Kennzahlen der allseits bekannten 3-Streifen-Marke sind so gut wie nie, Vorstand und Aktionäre haben Grund zum Feiern. Seine Funktion als bedeutender Wirtschafts-Player, der Kunden und Teilhaber überzeugt, erfüllt das Unternehmen damit glänzend. Doch kann und will Adidas auch eine ernst zu nehmende Rolle in Sachen Nachhaltigkeit einnehmen? Sind ambitionierte Nachhaltigkeitsziele vereinbar mit der Forderung nach Umsatzwachstum und Rendite?

Nun, wir alle wissen, dass diese Zielvorstellungen nach wie vor sehr schwer zusammengehen. Sagen wir mal so: einer umfassenden, ernsthaften Nachhaltigkeit liegen mit dieser Ausgangslage doch ein paar Schwierigkeiten im Weg.

Dennoch ist man bei Adidas durchaus willens und bereit, Hindernisse beiseite zu räumen, denn allein aus Imagegründen will und muss der fränkische Drei-Streifen-Konzern beim Thema Nachhaltigkeit aufholen.

Gerade erst wurde Adidas zum zwanzigsten Mal in Folge in die Dow Jones Sustainability Indizes (DJSI) aufgenommen. Die weltweit anerkannten Indizes untersuchen seit nunmehr 20 Jahren die Nachhaltigkeitsleistungen der größten 2.500 im Dow Jones Global Total Stock Market Index gelisteten Unternehmen. In die umfassende Bewertung fließen Faktoren wie Corporate Governance, Risikomanagement, Klimaschutzmaßnahmen, Arbeits- und Umweltstandards, sowohl im eigenen Unternehmen als auch bei Zulieferern sowie Innovations-Management ein. Adidas ist damit ein Mitglied der ersten Stunde dieses renommierten Indexes.

Wie immer in unseren Nachhaltigkeitsportraits werfen wir nun einen nach „Umwelt“ und „Soziales“ differenzierten Blick auf die Maßnahmen in der Eigendarstellung des Herstellers und vergleichen das Ganze dann mit dem Blick der Beobachter und Kritiker.

Umweltaspekte der Nachhaltigkeit

Schaut man in die „Nachhaltigkeitschronik“ von Adidas, sieht der Maßnahmenkatalog ziemlich umfangreich aus. Er ist auch durchaus nicht klein oder nur punktuell angesetzt, sondern zieht sich durch viele wichtige Bereiche der unternehmerischen Aktivität. Man stellt dort auch fest, dass Adidas so manche Maßnahme schon zu Zeiten ergriffen hat, als Nachhaltigkeit noch nicht das „Pflichtthema“ war, an dem niemand vorbeikommt. Es sind auch nicht nur schöne Worte, sondern durchaus handfeste und überprüfbare Maßnahmen und Erfolge zu finden, die ich hier beispielhaft herausgreife:

  • Im Jahr 2000 erklärte Adidas als erstes Unternehmen der Branche, auf die Verwendung von PVC in den wichtigsten Produktkategorien zu verzichten. Auch das Problem der flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs) bei der Herstellung von Schuhen wurde durch innovative Klebeverfahren und Klebstoffe auf Wasserbasis schon früh angegangen.
  • 2004 wird die Better Cotton Initiative (BCI) von Adidas mitbegründet. Ihr Ziel ist, negativen Auswirkungen wie hohem Pestizideinsatz und Wasserverbrauch beim herkömmlichen Baumwollanbau entgegenzuwirken.
  • Im selben Jahr schiebt Adidas den Prozess der Virtualisierung von Mustern an. Durch virtuelle Muster werden weniger physische Muster benötigt, was weniger Materialverbrauch, Transport- und Vertriebskosten bedeutet. Es werden so auch die CO₂ Emissionen reduziert, da weltweit weniger Muster per Luftfracht transportiert werden.
  • 2012 stellt Adidas die DryDye Technologie vor, die den Wasserbedarf im Färbeprozess eliminiert und den Chemikalienbedarf reduziert. Innerhalb eines Jahres produziert Adidas 1 Million Yards (1 Yard = 91,44 cm) DryDye Stoffe.
  • Im gleichen Jahr wird adizero Primeknit auf dem Markt eingeführt, ein Material aus einer Methode, bei der keine Abfälle entstehen
  • 2013 beginnt die „Low Waste“ Initiative. Mit dem aus umweltfreundlichen Materialien bestehenden Element Voyager wir ein Schuhmodell vorgestellt, das mit einer Zuschnittseffizienz von 95% hergestellt wird (lediglich 5% Materialabfall). Auch die Active Wear Linie mit T-Shirts, Tank-Tops, Tights, Röcken und Shorts weist eine Zuschnittseffizienz von 95% auf.
  • 2014 gibt Adidas die strategische Partnerschaft mit bluesign technologies bekannt. Zudem verpflichtet man sich, ab spätestens 31. Dezember 2017 bei 99% aller Produkte auf PFCs zu verzichten.
  • 2015 beginnt die Partnerschaft mit Parley for the Oceans mit Adidas als Gründungsmitglied. Der gemeinsame Fokus liegt auf Parleys weitreichendem ‚Ocean Plastic‘-Programm gegen die Verschmutzung der Weltmeere. Als erste Maßnahme beendet Adidas die Verwendung von Plastiktüten in den eigenen Einzelhandelsgeschäften.
  • 2016 legt Adidas seine Nachhaltigkeits-Roadmap für 2020 vor. Mit ihr setzt das Unternehmen  konkrete und messbare Nachhaltigkeitsziele bis zum Jahr 2020 fest.
  • 2017 kommt Adidas erfolgreich seiner Verpflichtung nach, zu 99 % auf die Nutzung von poly- und perfluorierten Chemikalien (PFCs) zu verzichten. Auch Greenpeace als großer Kritiker erkennt die Fortschritte in Sachen Schadstoffreduzierung an.
  • 2018 stellt Adidas mehr als 5 Millionen Paar Schuhe her, die recyceltes Ozeanplastik („Parley Ocean Plastic“) enthalten. Für 2019 ist geplant, 11 Millionen Paar Schuhe mit recyceltem Kunststoff zu produzieren.
  • 2019 wird 100 % der gesamten Baumwolle aus Quellen bezogen, die nach den Standards der Better Cotton Initiative anbauen.
  • Bis 2024 will man ausschließlich recycelten Polyester verarbeiten

Aktuelle Schwerpunkte: Recycling und Ressourceneinsparung

Als aktuell wichtiges Projekt gilt der komplett recyclingfähige Schuh Futurecraft Loop, der 2021 auf den Markt kommen soll. Er wird einschließlich bis zu den Schnürsenkeln nur aus einem einzigen Material bestehen, dem thermoplastischen Polyurethan TPU. Dieses Material lässt sich in der Verarbeitung durch leichtes Anschmelzen verbinden, sodass Kleber überflüssig werden.

Nach der Rückgabe soll der „Loop“ gereinigt, gehäckselt und zunächst unter Beimischung von neuem TPU wieder zum verkaufsfertigen Produkt werden. Wobei Adidas noch nicht entschieden hat, „welche verschiedenen Rücknahmesysteme wir anbieten können. Ist es im Shop, kann man die zurückschicken?“ Auch ein „Loop“-Abonnement gilt als denkbar.

Kritikern wie dem Deutschlandfunk und der Deutschen Umwelthilfe reichen diese Maßnahmen nicht. Man moniert, dass Adidas als global agierender Konzern längst ein weltweites Pfandsystem hätte aufbauen müssen. Allerdings hat auch keiner der anderen großen Sport-Hersteller derartiges zu bieten. Den Vergleich mit der direkten Konkurrenz und mit ähnlich großen Sportartikel- und Schuhproduzenten sollte man generell mit heranziehen, wenn man Adidas fair bewerten will. Denn innerhalb dieses Segments ist das fränkische Traditionsunternehmen nicht selten ein Nachhaltigkeits-Vorreiter. Andererseits stimmt natürlich auch, dass Versäumnisse Anderer keine Rechtfertigung für eigene Versäumnisse sein dürfen.

Ein weiterer aktueller Schwerpunkt ist die Gewinnung von Schuh-Obermaterial aus recycelten PET-Flaschen. Die entsprechende Zusammenarbeit mit der US-Partnerorganisation „Parley for the Oceans“ wird von Adidas intensiv beworben. Freiwillige sammeln dafür Plastikmüll an Ozeanstränden. Das Gesammelte geht laut Adidas-Produktmanager Matthias Amm zu einem Recycler: „Wir haben da verschiedene Zulieferer bei den Fabriken in Asien, die die Plastikflaschen nehmen, in Garn umwandeln und dieses Garn wird dann in unsere Fabriken genommen, wo wir dann eben die Schuhe herstellen.

Dass 2019 Elf Millionen Paar dieses Schuhtyps produziert werden sollen, zeigt laut Deutschlandfunk, dass „Recycling-Versprechen“ als Verkaufsargument „ziehen“. Warum sollte es nicht auch zeigen, dass Adidas hier eine Nachhaltigkeits-Maßnahme in großen Dimensionen plant? Vielleicht, weil man von Adidas ein komplett nachhaltiges Sortiment von jetzt auf gleich erwartet? Das wäre zwar in der Tat wünschenswert, doch für solche Sprünge müsste es nicht nur bei einzelnen Unternehmen, sondern in der ganzen Marktstruktur und im Wirtschafts- und Finanzsystem tief greifende Änderungen geben. Und zwar von heute auf morgen. Mehr zu den Kritikern und ihren Argumenten im übernächsten Abschnitt.

Soziale Nachhaltigkeit und Mitarbeiterführung

Hier kann man es gleich kurz vorwegnehmen: bei Adidas besteht Luft nach oben. Doch nur allzu oft wird die Firma als böser Bube herausgegriffen und einzeln angeprangert. Was wie schon erwähnt meist fehlt, ist die vergleichende Betrachtung der Schuh- und Sporthersteller – wie auch das Handelsblatt findet.

Schauen wir aber zunächst wieder auf die Habenseite in der unternehmenseigenen Chronik:

  • 1999 Beitritt zur Fair Labor Association (FLA) als Gründungsmitglied und „Beginn unseres formellen Dialogs mit Interessenvertretern (Stakeholder Engagement)“. Seit dem Adidas-Beitritt zur FLA werden die Zulieferbetriebe von externen Stellen geprüft. Das hauseigene Programm zur Überwachung der Zulieferer wird 2005 erstmals von der FLA akkreditiert.
  • 2007 veröffentlicht Adidas als Zeichen der Transparenz auf freiwilliger Basis eine Liste aller globalen Zulieferbetriebe.
  • 2017 erhält Adidas als erstes Unternehmen zum dritten Mal die Akkreditierung der Fair Labor Association für sein Überwachungsprogramm zur Einhaltung der Arbeitsplatzstandards in der Beschaffungskette.

Dies zeigt, Adidas setzt auf faire Arbeitsstandards in seiner globalen Lieferkette, überwacht diese sowohl selbst als auch durch unabhängige Organisationen.

Was sagen die Kritiker?

Die mediale Kritik überwiegt noch deutlich das Schulterklopfen. Bei Nachhaltigkeitsportalen wie Rankabrand oder Fairness-Check kommt Adidas nach wie vor nicht gut weg – wobei allerdings nach den dort angelegten Messlatten so gut wie kein Outdoorhersteller wirklich glänzen kann.

Besonders im Bereich der sozialen Nachhaltigkeit werden – wie beispielhaft in diesem Artikel auf Fashionunited.de – die Schritte des Unternehmens zwar registriert, doch insgesamt als zu klein und zu kurz angesehen. So würden im Bereich Entlohnung und Arbeitsbedingungen zwar die lokalen gesetzlichen Bestimmungen meist einwandfrei eingehalten, doch da diese auf sehr niedrigen Niveaus angesetzt seien, könne von echter sozialer Nachhaltigkeit nicht die Rede sein.

Auch in Bezug auf die Umweltmaßnahmen wird mit Kritik nicht gespart. Dabei geriet zuletzt ein Detail in den Fokus, dessen Wichtigkeit man diskutieren kann: so kann bei Betrachtung des Werbevideos von Adidas und Parley der Eindruck entstehen, der Plastikmüll für den Recyclingschuh würde aus dem Meer gefischt, während er tatsächlich „nur“ von Stränden geräumt wurde.

Diesen Unterschied haben Adidas und Parley nach Meinung der Kritiker nicht deutlich genug kenntlich gemacht. Das Unternehmen wies die Vorwürfe hingegen zurück und machte deutlich, dass immer transparent war, dass der Abfall „an Stränden und in Küstenregionen“ eingesammelt wurde. Der Hintergrund der Diskussion: Würde man tatsächlich Plastik nehmen, das bereits im Meer schwamm, wäre dessen Aufbereitung technisch aufwändig und damit teuer. Die Materialien sind nämlich mit Naturstoffen wie Sand und Muscheln verwachsen und müssten für eine Weiterverarbeitung gesäubert werden.

Meine persönliche Meinung dazu: ganz sauber ist das in der Tat nicht, doch von „Greenwashing“ oder Betrug zu reden, wie vielfach geschehen, halte ich für übertrieben. Ich finde es eher überraschend, dass Medienvertreter und Verbraucher einen Werbeclip wie eine Reportage behandeln und überrascht sind, wenn dieser die tatsächlichen Abläufe nicht eins zu eins korrekt darstellt. Da hat wohl mancheR noch nicht ganz begriffen, dass Werbung die Wirklichkeit eben mit Make-up garniert.

Das entstandene „Imageproblem“ könnten Adidas und Parley jedenfalls recht einfach lösen, indem sie noch deutlicher als bislang kommunizieren, dass der Müll an Stränden und in Küstenregionen eingesammelt wird. Auch damit findet ja tatsächlich eine (imagewirksame) Wiederverwertung und Reduktion von Müll statt. Wie relevant es technisch gesehen für die Ökobilanz ist, wo genau sich der Plastikmüll befindet, kann dann immer noch durch die Experten dargestellt und kommuniziert werden. Wenn man jedenfalls davon ausgeht, dass der Strandmüll sowieso früher oder später ins Meer gelangt, sollte der Unterschied nicht allzu gewaltig sein. Oder?

Zwei wirklich dicke Probleme bleiben aber bestehen: Die (noch) zu kleinen Dimensionen der Lösungsansätze und die (nach wie vor) zu großen Dimensionen der parallel laufenden, nicht nachhaltigen Produktion. Allerdings kann man das nicht allein den Herstellern von Schuhen, Sportartikeln oder anderen Konsumgütern anlasten. Hier sind alle Beteiligten an der Konsumkette gefragt. Wenn Kunden, Sportler und Schuh-Nutzer wirklich etwas bewegen wollen, müssen sie auch ihren eigenen Einfluss geltend machen. Sie können auf das nachhaltigste Produkt zurückgreifen, die billige und schnell verschlissene Massenware meiden oder – wenn ihnen keines der Nachhaltigkeitskonzepte gefällt – ganz auf den Kauf verzichten. Es bringt jedenfalls nichts, kleine Lösungsschritte schlechtzureden, ohne bessere, größere Alternativlösungen anbieten zu können.

Fazit

Das Nachhaltigkeits-Gesamtergebnis von Adidas ist sicher noch nicht ganz vergleichbar mit den kleineren und spezialisierteren Outdoorlabels, die wir in dieser Artikelserie auch schon porträtiert haben. Man ist eine große AG und zielt auf große Massenmärkte ab. Deshalb arbeitet Adidas derzeit noch daran, wirklich seine komplette Produktpalette immer nachhaltiger auszurichten. Bis die breite Öffentlichkeit Adidas als nachhaltiges Unternehmen ernst nimmt, sind noch viele weitere Schritte zu gehen. Die allerdings hat man nach eigener Auskunft auch vor zu gehen, sodass ein neuerlicher Nachhaltigkeits-Check in einigen Jahren sicher interessante Verbesserungen zeigen wird.

Plastikfreie Alternativen für Outdoor-Bekleidung

23. Oktober 2019
Ausrüstung

Da wir im Zeitalter der schwammigen Begriffe leben, zunächst mal eine Klarstellung: Wenn von „plastikfrei“ die Rede ist, werden damit oft ähnliche Attribute wie „umweltfreundlich“ und „nachhaltig“ verbunden. Dabei geht es hier „nur“ um die Abwesenheit von Synthetikstoffen auf Basis von fossilem Mineralöl. Zwar hat „plastikfrei“ eine Schnittmenge mit „nachhaltig“ und „umweltfreundlich“, ist aber nicht gleichzusetzen.

So gibt es mittlerweile viele Outdoor-Kleidungsstücke, die man als nachhaltig bezeichnen kann, die aber nicht plastikfrei sind. Und es gibt Produkte, die sind nachhaltig im Sinne von langlebig, aber im strengen Sinne nicht umweltfreundlich, da sie letzten Endes doch irgendwo „endgelagert“ werden müssen. Last but not least gibt es zahlreiche plastikfreie Shirts und Shorts, die alles andere als nachhaltig und umweltfreundlich sind, weil die Anbaumethoden von Baumwolle auch nicht immer die besten sind.

Soweit alles klar? Oder war das jetzt erst richtig verwirrend? Dröseln wir das Ganze mal etwas auf, dann wird die Klarheit schon kommen.

Was bedeutet „plastikfrei“?

Wirklich plastikfrei sind Outdoorklamotten nur, wenn sie keinerlei Polyester, kein Polyamid (Nylon), kein Polypropylen und auch sonst kein Poly-irgendwas enthalten. Nur pflanzliche Naturfasern und tierische Stoffe wie Wolle und Leder sind „zulässig“ – auch wenn bei letzteren gleich die nächsten Ethik- und Umwelt-Tretminen lauern – aber das ist ein anderes Thema.

Das Problem: Ab einem gewissen Funktionalitätsanspruch geraten die Naturstoffe an Gewichts- und Bezahlbarkeitsgrenzen und bieten keine Alternative mehr. Deshalb ist auch der Großteil der als nachhaltig geltenden Outdoorbekleidung aus Chemiefasern hergestellt. Hier landet man letztlich bei der altbekannten Diskussion, wie viel Funktionalität man im Einzelfall „braucht“ (dazu am Ende des Artikels mehr).

Hauptnachteile der Synthetikfasern sind der hohe Energieverbrauch bei ihrer Herstellung und die äußerst langsame Zersetzung nach ihrem „Lebensende“. Letzteres Problem kann durch Recycling nur teilweise entschärft werden. Zwar bieten viele Hersteller Kleidung mit recycelten Kunstfasern an, doch nur Wenige konstruieren ihre Produkte so, dass sie ihrerseits (vollständig) recycelbar sind (z.B. Patagonia oder Pyua). Auch tragen recycelte Kunstfasern nicht zur Lösung des Mikroplastik-Problems bei (dem wir als „Endverbraucher“ allerdings mit einem speziellen Waschbeutel wie dem Guppy-Friend beikommen könnten).

Exkurs: PFC-frei ist nicht plastikfrei

PFC-Freiheit in Textilien und Imprägnierungen ist ein großes Thema und ein Umweltfortschritt, sagt aber nichts darüber aus, ob Stoff oder Imprägnierung natürlich oder synthetisch ist. Es gibt aber mittlerweile eine komplett natürliche „Bioimprägnierung“ namens Ecorepel Bio. Diese Schutzschicht basiert auf pflanzlichen, ohne Gentechnik gewonnenen Rohstoffen und versucht, die Kutikula von Pflanzen für die Outdoor-Jacke nachzubilden. „Die Kutikula ist die äußerste Wachsschicht von Pflanzenblättern, die sie vor unkontrollierter Verdunstung und Regen schützt.“

Es gibt also viele Annäherungen an das plastikfreie und umweltfreundliche Ideal. Doch gibt es auch hundertprozentige Umsetzungen, die hohe Funktionalität bieten?

Welche „wirklich natürlichen“ Materialien gibt es?

Wie oben erwähnt, ist die Auswahl an Naturmaterialien für Outdoortextilien relativ klein. Neben den tierischen Stoffen Leder und Wolle (Seide kann man hier vernachlässigen) gibt es noch die pflanzlichen Stoffe Baumwolle und die Regeneratfasern. Letztere sind „chemische Naturfasern“ wie Viskose, Modal und Lyocell (die wir hier im Blog schon vorgestellt haben). Sie bestehen aus mehr oder weniger verholztem Pflanzenmaterial, das in chemischen Bädern eingeweicht und aufbereitet wird.

Wolle: nur Unterwäsche und Norwegerpullis?

Wolle, insbesondere Merinowolle ist bekanntlich eine praktikable und angenehme Möglichkeit für funktionale Textilgewebe. Ihre Herkunft und Gewinnung ist ökologisch gesehen sicher dem Erdöl überlegen. Aber sie ist relativ teuer („freikaufen“ für Privilegierte?) und vom ethischen Standpunkt her bei zweifelhafter Tierhaltung auch nicht immer unbedenklich, auch wenn das Thema Mulesing in der Outdoor-Branche kaum noch eine Rolle spielt.

Es sind überwiegend die weniger aufwändigen Baselayer-Textilien, die zu 100 Prozent aus (Merino)Wolle bestehen. In funktionalen Kleidungsstücken der mittleren und äußeren Bekleidungsschicht ist zwar immer häufiger Wolle enthalten, jedoch nur in Anteilen. Zwar kann eine reine Wolljacke eine durchaus mit einer Softshell- oder Fleecejacke vergleichbare Funktionalität zeigen, doch eine Hardshelljacke kann sie nicht ersetzen. Die Grenzen liegen hier beim Nässeschutz und bei der Waschbarkeit.

Meist sind zudem die Nähte aus Nylon oder anderen Kunststoffen, da sie deutlich strapazierfähiger sind. Daher: Obacht beim Kompostieren! ;)

Ist Baumwolle die plastikfrei-funktional-Lösung?

Als alleiniges Material wird Baumwolle ebenfalls fast nur in weniger funktionalen Shirts und Textilien für leichte Freizeitaktivitäten verarbeitet. Löblicherweise verwenden immer mehr Hersteller ausschließlich Bio-Baumwolle. Zu diesen Herstellern gehört die schwedische Marke Fjällräven, die schon seit langer Zeit für ihre G 1000 Baumwolle bekannt ist. Diese ist ein dicht gewebter Stoff, „der sich dank Greenland Wax an verschiedene Witterungsbedingungen anpassen lässt“. Der Stoff ist atmungsaktiv, kann mit der richtigen Pflege viele Jahre überdauern und ist in fünf Ausführungen mit verschiedenen Schwerpunkten erhältlich (Leichtigkeit, Robustheit, Geschmeidigkeit, …). Klingt super, nur ist G1000 eben keine reine Baumwolle, sondern besteht zu 65 % aus Polyester.

Ähnlich sieht es bei anderen Herstellern aus, die Naturfasern verarbeiten. Deren Baumwolle ist besonders eng gewebt und mit ökologischen Imprägnierungen versehen. Die Kleidungsstücke sind dann wasserabweisend, aber für volle Wasserdichtigkeit reicht es nicht. Laut dem Nachhaltigkeitsportal Utopia reichen diese Jacken für die Stadt oder gelegentliche Wanderungen aus. Man findet im Utopia-Artikel auch gleich einige Kaufvorschläge, deren Nachhaltigkeit sich allerdings auch im Preisniveau widerspiegelt.

Eine tatsächlich wasserdichte und funktionale Outdoorjacke aus 100 % Biobaumwolle ohne Chemikalienzusatz gab es bisher wohl nur versuchsweise von einem kleinen Unternehmerprojekt namens N2R aus Italien. Die N2R Jacke wurde von 2014 bis 2016 auf der Fundraising-Seite der Projektbetreiber angeboten. Es gab mehrere Varianten, die preislich zwischen 250 und 550 Euro lagen. Allem Anschein nach ist die Produktion nicht über den Anfangsstatus hinausgekommen.

Noch Zukunftsmusik: öko, voll funktional und preiswert

Es gibt also noch nicht viel „Zählbares“ in Sachen Baumwolle und Outdoorfunktion. Dennoch spielt das Thema laut Onlinemagazin der Outdoor-Messe ISPO eine große Rolle. Und nicht nur das, unter der Schlagzeile „Baumwolle erobert den Performance-Sektor dank neuer Technologien“ sieht man sogar einen unaufhaltsamen Siegeszug kommen. Dabei wird eine beeindruckende Zahl an High-Tech-Begriffen eingeführt, die alle gut klingen, von meiner Seite aus aber nicht einzuschätzen sind. Auch bleibt offen, wie lange diese Innovationen bis zur Serienreife mit „massentauglichen“ Preisen noch benötigen. Hier ein komprimierter Überblick:

Funktion und Gewichtsreduktion mit neuer Hohlfaser-Technologie: SolucellAir heißt die patentierte Technologie, die innerhalb des Baumwollgarns einen hohlen Kanal schafft und damit Baumwollstoffe zu Funktionskleidung mit höherem Tragekomfort macht. Der hohle Kernbaumwollstoff ist leicht, langanhaltend weich, bietet ein gutes Feuchtigkeitsmanagement und trocknet schnell. Das Ganze kommt ohne Finish oder andere chemische Behandlungen aus.

Atmungsaktiv und trocken mit Dry-Inside: Konkurrenzfähige Atmungsaktivität und effektiver Feuchtigkeitstransport bei geringer Reibung und weicher Haptik soll durch die Dry-Inside-Technologie der Firma Nanotex erreicht werden. Labortests zeigen laut ISPO eine beachtliche funktionale Performance, die der von Polyester sogar überlegen scheint. Allerdings handelt es sich, wie der Firmenname schon verrät, um Funktionen auf Basis von Nanotechnologie, deren ökologische und gesundheitliche Unbedenklichkeit nicht als gesichert gelten kann.

Gut imprägniert mit Naturally Clean und DropelTech: Die portugiesische Textilspinnerei Tintex hat einen kosten- und ressourceneffizienten Finishing-Prozess in ihre Kollektion eingearbeitet, der saubere Oberflächen und lebhafte Farben ohne aggressive Behandlungen erreicht und sich angenehm glatt anfühlt. Ein ähnliches Finish hört auf den Namen DropelTech. Es ist bluesign-akkreditiert und verschafft Naturfasern ähnliche wasser- und schmutzabweisende Eigenschaften wie Synthetikstoffen, ohne die Weichheit und Atmungsaktivität zu beeinträchtigen.

Zu diesen hauptsächlich auf technische Funktionalität ausgerichteten Innovationen kommen noch eine Reihe Maßnahmen, die auf Nachhhaltigkeit und Effizienz zielen:

US-Unternehmensplattform für neue und nachhaltige Technologien und Funktionen: „What’s New in Cotton?“ heißt die Plattform US-amerikanischer Baumwollunternehmen, die Innovationen der Baumwoll-Funktionalität vorantreiben will.

Volle Rückverfolgbarkeit mit Fibretrace: Diese Technologie „bettet Markensignaturen in Fasern ein, so dass die vollständige Nachverfolgbarkeit über die gesamte Lieferkette hinweg gewährleistet ist. Die Kombination aus patentierter Faser- und Lasertechnologie bietet Marken ein komplettes Schloss-Schlüssel-System und bietet umfassende Transparenz.“

Weniger Produktionsschritte und Wasserverbrauch durch Zero-D Reactive Pigment: Durch „reaktiven digitalen Pigmentdruck des Designs und robuste Farben“ wird hier „alles in einem Prozess erstellt. Es wird nur so viel Wasser gebraucht, wie auch in einem herkömmlichen Textilfärbeverfahren und kein Abwasser erzeugt.“ Dieser Digitaldruck soll waschbeständig sein und kann auch für andere natürliche Fasern angewandt werden.

Welche Lösungen funktionieren hier und jetzt?

Wie wir sehen, ist im Bereich Naturmaterialien und Outdoorfunktionalität viel Bewegung, doch noch können wir nicht alle Funktionen und schon gar nicht zu günstigen Preisen haben. Wir können uns aber die Wartezeit mit guten Zwischenlösungen versüßen. Wobei „Zwischenlösung“ nicht bedeuten soll, das Teil in die Recyclingtonne zu kloppen, sobald das Baumwollwunder da ist. Nein, die „Kompromissjacke“ darf und soll durchaus lange halten.

Bedarf und Kaufentscheidung

Wie findet man diese möglichst plastikfreie Ideal-Outdoortextilie? Indem man sich zunächst selbst ein paar einfache Fragen stellt und so womöglich herausfindet, dass Naturfaser mit Imprägnierung voll ausreicht. Wofür brauche ich das Teil wirklich? Wenn ich damit zu 95 % im Alltag unterwegs bin und pro Jahr vielleicht zwei Bergwanderungen damit mache, reicht dann nicht eine imprägnierte (Baum)Wolljacke? Wie war das eigentlich bei den Menschen, die vor 30 Jahren mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren sind und auch mal bei Wind und Wetter draußen waren? Der heutigen Durchschnittskleidung nach ist ja kaum vorstellbar, wie die das überlebt haben…

Man kann sich auch bewusst machen, dass totale Wasser- und Winddichtigkeit für Aktionen gedacht sind, bei denen es nach dem Regenguss keine Möglichkeiten zum Trocknen und Aufwärmen gibt. Wer im städtischen Alltag oder im Naherholungsgebiet unterwegs ist, hat diese Möglichkeiten normalerweise um die Ecke. Und wer beim Weg von oder zur Arbeit nicht hermetisch geschützt ist und ein bisschen nass wird, muss im Büro oder daheim keine schlimmen Kälteschäden fürchten. Vielleicht reicht es ja, einen Ersatzpulli oder ein Handtuch einzustecken. Für die Hose jedoch, die beim Radeln deutlich stärker nass wird, kommt man um eine Plastiklösung wohl nicht herum. Da kann allerdings auch ein simples Stück Tüte ohne 3 Lagen und Membran gute Dienste leisten.

Abschließend nochmal kurz in den Worten der Nachhaltigkeitsutopi(a)sten: „Um die Umwelt nicht unnötig zu belasten, sollte man sich bei jedem Kauf beraten lassen, welche Produkte und Funktionen man wirklich benötigt – und den gesunden Menschenverstand einsetzen.

Das Nachhaltigkeitskonzept von Mammut

23. Juli 2019
Ausrüstung

Das schwarze Mammut auf rotem Grund (inzwischen ja Rot auf Weiß) ist ein markantes und bekanntes Logo in der Outdoorbranche. Es steht für hohes technisches Niveau und bewährte Schweizer Qualität. Einen Ruf als Nachhaltigkeits-Vorreiter hatte der Bergausrüster aus dem Kanton Aargau bisher allerdings nicht. Das könnte sich jedoch bald ändern, denn seit gut zwei Jahren arbeitet man offensiv und systematisch an Entwurf und Umsetzung einer umfassenden Nachhaltigkeitsstrategie.

Vereinzelte Maßnahmen für Umweltschutz und Sozialstandards gibt es bei Mammut zwar schon länger, doch in den letzten gut zwei Jahren wandelte sich die Nachhaltigkeit zu einem zentralen Anliegen. Die jüngsten Schritte hierbei waren die Bekanntgabe von sehr ambitionierten Nachhaltigkeitszielen bis 2023 sowie der Beitritt zur Sustainable Apparel Coalition (SAC).

Die 5-Jahres Ziele der Design- und Entwicklungsperiode 2018-2023 sollen helfen, die in diesem Artikel skizzierte WE CARE-Strategie zielgerichtet und erfolgreich umzusetzen. Mammut hat die Ziele in Tabellen festgehalten, in denen die angepeilten prozentualen Fortschritte bei PFC-Freiheit, bluesign-Zertifizierung und vielen anderen Nachhaltigkeitskriterien nach den sechs Produktsparten Kleidung, Accessoires, Schlafsäcke, Seile/Schlingen, Schuhe und Rucksäcke/Taschen/Klettergurte dargestellt sind. So sollen künftig beispielsweise:

  • Mindesten 95 % der verwendeten Stoffe bluesign-zertifiziert sein
  • keine PFC-basierte Ausrüstung mehr eingesetzt werden
  • 95 % der verwendeten Stoffe aus recycelten Materialien gewonnen werden, bzw. soll ausschließlich zertifizierte Bio-Baumwolle eingesetzt werden

Mit dem Beitritt in die SAC ist die Einführung des von ihr entwickelten Higg-Index verbunden, der die Messbarkeit von Maßnahmen der Unternehmensverantwortung (Corporate Responsibility) ermöglicht: “Der Higg-Index misst die Auswirkungen auf die Umwelt, Arbeitsbedingungen und umfasst Lieferketten-, Marken- sowie Produkt-Tools.“ Dadurch können Nachhaltigkeitsmaßnahmen gemessen, verglichen und zielgerichtet optimiert werden. Eine besondere Stärke des Higg-Index ist, dass er den „kollaborativen Geist“ in der Industrie fördern und die Firmen zu gemeinsamen Verbesserungen anspornen kann.

All diese Maßnahmen und Ziele sind eingebettet in eine Nachhaltigkeitsstrategie, die Mammut unter dem Slogan „WE CARE“ zusammenfasst. Dabei steht jeder Buchstabe des Wortes CARE für einen Maßnahmenbereich:

  • Das C für Clean Production
  • Das A für Animal Welfare
  • Das R für Reduced Footprint
  • Und das E für Ethical Production

Die ersten drei Buchstaben/Bereiche kann man zum Umweltaspekt der Nachhaltigkeit zählen, der letzte Buchstabe/Bereich fällt unter den sozialen Aspekt. Wie immer in unseren Nachhaltigkeitsportraits der Outdoorfirmen werden wir diese Aspekte im Folgenden näher beleuchten.

Umweltaspekte der Nachhaltigkeit

Mammut strebt sowohl in der Herstellung als auch in den Endprodukten eine maximal mögliche Verbesserung der Umweltbilanz an. Die Maßnahmen dafür umfassen nicht nur die zunehmende Verwendung fair gehandelter, biologisch hergestellter oder recycelter Materialien, sondern auch strenge Herkunftskontrollen für Daunen und eine enge Zusammenarbeit mit der Firma bluesign technologies AG (die eine seriöse und deshalb auch aufwendige und nicht ganz billige Zertifizierung von Materialien und Herstellungsprozessen anbietet). Schauen wir uns die Maßnahmen nun geordnet nach dem Mammut‘schen CARE-Prinzip an:

C für Clean Production:

Emissionen in der Herstellung sollen nicht nur minimiert werden, sondern möglichst erst gar nicht in die Lieferketten gelangen. Das bekannteste Beispiel für Emissionen in der Outdoorbranche sind die per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC), die sich in der Natur nur äußerst langsam abbauen. Mammut will bis 2023 sämtliche Ausrüstungen seiner Produkte auf PFC-freie Alternativen umstellen. Detaillierte Informationen dazu finden sich in der MAMMUT PFC Policy.

Im Bergfreunde Basislager findet ihr weitere Infos zu PFC unter anderem in diesem Artikel über DWR Imprägnierungen.

Auch das bluesign-System steht dafür, umweltbelastende Substanzen von Anfang an aus dem Fertigungsprozess auszuschließen. Für alle eingesetzten Chemikalien gelten strenge Richtlinien und es wird auf sichere Produktionsprozesse mit verantwortungsbewusstem Ressourceneinsatz gesetzt. Ein Beispiel für diese Richtlinien ist die Restricted Substance List (RSL), eine Mindestanforderung an alle Zulieferer, die die Verwendung von potentiell umweltschädlichen Chemikalien minimiert. Die Einhaltung der RSL stellt Mammut durch systematische Tests von Produkten und Komponenten sicher.

A für Animal Welfare:

Mammut verwendet jetzt schon ausschließlich zertifizierte oder recycelte Daunen (Responsible Down Standard (RDS) und Re:Down). Für die verarbeitete Wolle soll der Responsible Wool Standard (RWS) in der globalen Lieferkette implementiert werden, sodass künftig nur noch mit RWS-zertifizierter Wolle gearbeitet wird. Bei den Ledermaterialien, für die es bislang ebenfalls noch keinen unabhängigen Standard gibt, arbeitet Mammut nach eigener Auskunft mit sorgfältig ausgewählten Gerbereien zusammen, die hochwertige Leder herstellen.

R für Reduced Footprint

Mammut setzt auf Materialien und Herstellungsverfahren, die mit einem möglichst geringen Ressourcenverbrauch die hohen Qualitäts- und Leistungsstandards erfüllen. Recycling-Materialien sollen dabei eine bedeutende Rolle spielen und bis 2023 95% der Mammut-Bekleidung und -Schlafsäcke ausmachen. Neben Abfall- und Energieeinsparung verspricht man sich eine geringere Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen.

Man kann sicher auch den MammutReparaturservice zu den Bemühungen um einen reduzierten Fußabdruck zählen. In der hauseigenen Reparaturabteilung „wickeln elf Mitarbeiterinnen pro Jahr rund 6’000 Reparaturen [in der Schweiz, Anm. d. Red.] ab und bewahren somit tausende Produkte vor dem Müll, (…). In Deutschland sind es gar rund 9’000 Reparaturen jährlich. Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, es handle sich dabei ausschliesslich um Hardshell-Jacken, die sonst entsorgt würden, spart die Arbeit im Reparaturatelier jährlich knapp 375’000 Kilogramm CO2-Äquivalent und 3’000’000 Liter Wasser ein.

Auch der Anteil von Bio-Baumwolle in Mammut-Kleidung und Schlafsäcken soll bis 2023 auf 95 % steigen. Dadurch soll weniger Wasser und Energie verbraucht, der Ausstoß von Treibhausgasen sowie die Belastungen für Böden, Wasser und menschliche Gesundheit reduziert werden. Die Kollektion der Mammut-Klettershirts besteht schon vollständig aus bioRe-Baumwolle.

Mit der Spinndüsenfärbung bringt Mammut eine moderne und nachhaltige Färbemethode zum Einsatz. Da die Färbung hier schon während der Faserherstellung erfolgt, kommt sie im Gegensatz zu konventionellen Methoden ohne den Einsatz von Wasser oder Chemikalien aus und erfordert weniger Energieaufwand.

Soziale Nachhaltigkeit und Mitarbeiterführung

Mammut war 2008 gemeinsam mit Odlo die erste Outdoormarke, die der Fair Wear Foundation beigetreten ist. Auch diese Maßnahme soll die Arbeitsbedingungen in den Lieferketten systematisch verbessern. Die Umsetzung der hohen FWF-Standards wird nicht nur durch regelmäßige Audits und Fabrikbesuche bei den Zulieferern sichergestellt, sondern auch durch die Möglichkeit für Fabrikangestellte, über einen anonymen Beschwerdemechanismus Verstöße gegen die Standards direkt bei der FWF und Mammut zu melden.

Die sozialen Nachhaltigkeitsmaßnahmen fasst Mammut unter dem „E“ für „Ethical Production“ zusammen.

Was sagen die Kritiker?

Das Nachhaltigkeitsportal Rankabrand zeigt sich (wie so oft) ziemlich kritisch, hat allerdings die Informationen über Mammut seit Juni 2017 nicht mehr aktualisiert.

Beim Schweizer Marketingportal Horizont äußert man sich kritisch zur Bilanz von 10 Jahren Mitgliedschaft von Mammut bei der Fair Wear Foundation:

Die Schweizer Sportbekleidungsmarken, Mammut und Odlo, feiern ihre 10-jährige Mitgliedschaft in der Fair Wear Foundation (FWF). (…) Allerdings: Beispiele dafür, was konkret in den zehn Jahren erreicht wurde oder von welchen Produzenten sich Mammut und Odlo allenfalls getrennt haben, blieben die beiden Anbieter in der Mitteilung schuldig.

Es gibt jedoch durchaus konkrete Angaben, die lediglich etwas mühsam zugänglich in den umfangreichen Social Reports (der Letzte von 2017) verborgen sind. Dort finden sich auf Seite 12 Beispiele für konkrete Verbesserungsmaßnahmen in einzelnen Fabriken, die man nach Beschwerden von Arbeitern getroffen hat. Es ist auch sehr genau aufgeschlüsselt und mit nachvollziehbaren Erfolgskriterien bewertet, welche Maßnahmen in welchen Bereichen getroffen werden. Auch sind Namen und Kontakte von Mammut-Mitarbeitern angegeben, bei denen Feedback und Kritik aufgenommen wird. Das sind gute Anzeichen für Transparenz, ebenso wie die Tatsache, dass anders als bei vielen Herstellern bei Mammut die Fabriken, in denen Textilien und Hardware produziert werden, nicht hinter einem Schleier von Auslagerung und Subunternehmertum verborgen, sondern konkret erfasst und benannt sind.

Der Nachhaltigkeitsblogger Greenoutdoorgear zeigt sich in einem zusammenfassenden Statement denn auch überzeugter als die zuvor genannten Kollegen:

Mammut has recently launched a ‘We care’ branding campaign, which seeks to place the company as being a good corporate in all its dealings – both internal and external.

Although most of the information presented below comes directly from the company, the information available is thorough and externally verified, and forms the basis of them being identified as being a ‘leader’.

Demnach kann Mammut sich demnächst zurecht als „Leader“ in Sachen Nachhaltigkeit bezeichnen.

Mammut-Selbstkritik: Warum nicht 100 %?

Mammut liefert eine Begründung, warum nicht alle Nachhaltigkeits-Zielgrößen mit 100 Prozent angesetzt werden können. So haben einige Zulieferer zwar eine vorbildliche Produktion, aber nicht die Kapazitäten oder Mittel, um diese durch kosten- und arbeitsintensive internationale Standards zertifizieren zu lassen. Deshalb soll das Fehlen der Zertifikate eine Zusammenarbeit mit diesen Unternehmen nicht ausschließen. Es wird in diesen Fällen ein kleiner Spielraum gelassen und die Abläufe werden von Mammut selbst gründlich überprüft.

Dass Mammut seine eigenen Maßnahmen sehr kritisch begleitet, war auch der Eindruck, den Bergfreund Jörn hatte. Er war kürzlich zu Gast in der Firmenzentrale in Seon und ließ sich die dortige Sustainability Wall“ ausführlich erklären. An ihr misst die Firma sehr anschaulich den eigenen Nachhaltigkeitsfortschritt und hat so ein effizientes Instrument der Selbstkontrolle und des Ansporns geschaffen.

Fazit

Mammut ist abgesehen von der FWF-Mitgliedschaft eher ein Spätzünder in der Branche. Doch wie wir wissen, geben Spätzünder oft mehr Gas als die Frühstarter und erreichen ihre Ziele nicht selten mit mehr Struktur, Klarheit und Ausdauer. Deshalb spricht vieles dafür, dass Mammut die hochgesteckten Ziele für 2023 auch tatsächlich erreicht. Was aus meiner Sicht ebenfalls dafür spricht, ist der Eindruck, dass die Nachhaltigkeitsmaßnahmen aus Überzeugung kommen und nicht als Greenwashing oder Feigenblatt dienen. Allerdings dürfte auch klar sein, dass die steigende Nachhaltigkeit die Produkte nicht billiger machen wird. Wenn es jedenfalls soweit ist, wird Mammut sich vom Mittelfeld in die Pole Position der nachhaltigen Outdoorfirmen manövriert haben.

Outdoorkleidung in der Innenstadt? Also ich brauch das!

3. Juli 2019
Die Bergfreunde

Sie ist der Alptraum der Stilikonen, Geschmacksverfechter und Kulturbewahrer: die Outdoorwelle, die die Innenstädte überspült. Vor 10 Jahren war man sicher, sie sei einer dieser albernen Kurzzeittrends, über die man sich in 10 Jahren schlapplachen würde. Doch weit gefehlt, sie hält sich unbeirrt und macht keine Anstalten abzuebben. Sie weitet sich sogar auf immer neue Bereiche aus und bedient längst auch die Sehnsucht nach Jagd-, Hundeschlitten und Motorradabenteuern.

Da hat selbst die scharfe Kritik aus dem Feuilleton resigniert. Richtig hartes Contra findet man eigentlich nur in Artikeln älteren Datums. Neueren Datums sind eher die Pro-Meinungen von Outdoorbloggern und Modemagazinen. Werfen wir nun einen Blick auf die Kritiker und Fürsprecher und nehmen dann die gängigen Erklärungen unter die Lupe. Zwischendrin darf ich immer mal etwas eigenen Senf dazugeben.

Vorher aber noch zu einem wichtigen, aber hier schwer einzuordnenden Streitpunkt: der Nachhaltigkeit.

Streitpunkt Nachhaltigkeit

Um es gleich vorwegzunehmen: ja, es stimmt, eine Multifunktionsjacke bringt mehr Ressourcenaufwand und „Gifteinsatz“ mit sich als Opas guter alter Wollmantel.

Doch ist das „Outdoorzeug“ mit seinen bösen Chemikalien wirklich so viel schlimmer als das „Normalozeug“ in den Kaufhäusern und Onlineshops? Es ist ja keineswegs so, dass die Menschen vor dem „Outdoorboom“ nur nachhaltige Naturkleidung getragen hätten. Im Gegenteil, unter der nichttechnischen Alltagskleidung war und ist der Anteil von „Made unter miesen Bedingungen und mit undeklarierter Chemie“ ziemlich hoch.

Was also ist nachhaltiger: wenn ich zehn Winter lang eine teure, technische Winterjacke von der bekannten Outdoormarke XY trage, oder wenn ich in der gleichen Zeit mehrere „einfache“ und „günstige“ Steppjacken von H&M, New Yorker und Co. verschleiße?

Auch wegen umstrittener „Zutaten“ der Outdoorkleidung wie Daune, Leder oder Pelz gibt es viel Kritik. Doch diese Dinge werden genauso in „Nichtoutdoorprodukten“ verarbeitet und die Outdoorbranche bietet zudem eine wachsende Auswahl an alternativen Stoffen an. Hinzu kommt eine wachsende Sparte namens „Urban-Outdoor“. Deren Produkte sind weniger „hochgezüchtet“, kommen ohne Membranen und Chemikalien aus, sind nicht „polartauglich“ und auch nicht knallfarben. Sie sind funktionaler als herkömmliche Alltagskleidung und zugleich ästhetisch ansprechend.

Dennoch muss man eingestehen, dass es Verschwendung ist, sich für die abendliche Runde mit dem Hund technisch-funktionale Outdoorkleidung extra zuzulegen. Genauso wie es fragwürdig ist, diese Dinge nur fürs Schaulaufen zu nutzen.

Genervt von der Outdoorwelle: das Feuilleton

Die schärfsten Outdoor-Kritiker sitzen wohl in den Kulturressorts der Redaktionen. Eine gute Kurzfassung der klassischen Stilkritik liefert der wohl am häufigsten zu diesem Thema gelesene und zitierte Tagesspiegel-Artikel:

Eine unausgesprochene Übereinkunft scheint die Menschheit in diesem Punkte zu einen: Es gibt Kleidungsstücke und Situationen, die passen nicht zusammen. Allerdings versagt diese intuitive Stilsicherheit hierzulande bei Tausenden regelmäßig, wenn es um Outdoorkleidung geht.

In der Tat, der Geschmack ist in vielen Fällen diskutabel. Leider folgen dann zwei unfertige Sätze, in denen es darum zu gehen scheint, dass die Kleidung für widrigste Bedingungen gemacht ist und die Käufer ganz genau wüssten, wie unsinnig ihr Verhalten ist.

Stimmt, aber nur teilweise: es sind keineswegs alle in den Fußgängerzonen zu sehenden Produkte „polartauglich“ oder „himalayatauglich“ und auch längst nicht alle grellbunt. Solche oft zu lesenden Vergröberungen lassen vermuten, dass die betreffenden Autoren eher weniger outdooraffin sind. Wirklich deutlich wird die Entfernung von der Materie, wenn versucht wird, den technischen Outdoorjargon spöttisch zu imitieren. Das passt dann manchmal nicht so ganz und wird, wie hier in der FR, so haltlos und plump übertrieben, dass der entstehende Humor eher unfreiwilliger Natur ist. Beispiel gefällig? Gerne doch:

Vermutlich können die wilden Farben (der Outdoorkleidung) sogar Bären verjagen. Und Lagerfeuer machen.

Hoho. Ja, aber wenn Sie wüssten, liebe FR-Autorin, wie viele Bärenattacken das Active-Bearprotect Shield meiner Goretex schon im letzten Moment abgewendet hat. Und vor wie vielen erfrorenen Fingern mich die integrierte InstantFire Jet-Technology schon bewahrt hat …

Noch ein Beispiel? Bitte:

Aber kein Mensch braucht Stauraum für Karabinerhaken, Öllampe oder eine Drei-Tages-Notration an Dörrfleisch in der Fußgängerzone.

Doch! Ich brauche den Öllampen-Stauraum (feuerfest) in meinem immer umgeschnallten Klettergurt. Und die Dörrfleischrationen (Tofuvariante) haben mich in der zentraldeutschen Servicewüste schon vor mancher Hungerperiode bewahrt.

Und noch eins zum Abschluss? Kein Problem:

Das entschuldigt aber wirklich keine Wanderboots in der Drogerie. Die dicken Profile sind super, um beim Almabstieg festen Stand zu haben. Zwischen Klopapier und Lippenstiften wirken sie einfach nur albern.

Es stimmt, dass wir Gipfelstürmer beim Almabtrieb, pardon, Almabstieg nicht immer den festesten Stand haben. Doch das liegt oft auch an der einen oder anderen Halben, die nach dem Gipfelsieg über den Almtresen wandert. Da benötigen wir den festen Stand der Wanderboots sehr wohl auch hinterher noch, beim Klopapier holen im DM.

Allerdings müssen wir Almabsteiger zugeben, dass nicht alle Kritik so leicht zu entkräften ist. Einmal mehr der Tagesspiegel:

In meinem Bekanntenkreis gibt es sogar einen Verrückten, der im Urlaub regelmäßig mit Schneeschuhen Wanderungen durch das ewige Eis Grönlands oder Lapplands macht. Dass der so eine Polarpelle braucht, sehe ich ein. Kehrt er allerdings heim in die Zivilisation, verschwindet das Ding im Schrank, wo es hingehört. Zur Arbeit geht er dann im Wollmantel. Er hat verstanden: Alles hat seinen Ort und Platz. (…) Die Thermojacke gehört ins Packeis, nicht in die Innenstadt.

Durchaus beeindruckend. Doch gibt es das wirklich, dieses Naturgesetz, was wohin gehört? Oder wird hier nicht bloß eine Meinung zum allgemeinen Maßstab erhoben? Und was ist, wenn meine bisherigen „Bergpellen“ schon ein bisschen was gekostet haben und mir deshalb der „angemessene“ Wollmantel als unnötige Zusatzausgabe erscheint? Wenn ich womöglich die Goretexjacke auch bei großstädtischem Dauerregen trage, weil schlicht keine weitere Wasserschutzjacke bei mir herumliegt?

Ja, hiermit oute ich mich als „Überschneidungs-User“, als Angehöriger jener eigentlich nie erwähnten Käuferspezies, die mit ihren Outdoorklamotten tatsächlich auch mal in die Berge und die „Wildnis“ geht.

Auch genervt: „echte Bergsteiger“, die „das Zeug wirklich nutzen“

Da wir Überschneidungsuser so wenig gewürdigt werden, regen wir uns natürlich auch über die Invasion der Fakeabenteurer auf. Denn eigentlich haben ja nur wir das Recht, die Insignien des Draußenseins zu tragen.

Also, liebe Outdoorklamottenkritiker, bitte merken: schmeißt uns tatsächlich harte Hunde nicht immer mit diesen verkleideten Karnevalisten in einen Topf! Wir trotzen nämlich wirklich eisigem Wind und fürchterlichem Wetter. Und wenn wir die Goretexjacke, die Softshell, das Fleece und die Kunstfaserhose auch mal im Alltag anziehen, verwechseln uns die Ahnungslosen mit diesen Möchtegerns. Wenn die Leute das nur endlich mal unterscheiden könnten, würden sie uns endlich diese leicht eingeschüchterte Bewunderung geben, die wir verdammt nochmal verdient haben!

Ich schlage deshalb vor, wir führen eine Befugnis für Outdoorkleidung ein: Goretex und Windstopper nur gegen beglaubigte Tourenliste als Kompetenznachweis. Um jede Verwechslungsgefahr auszuschließen, sollten wir zusätzlich Plaketten oder Sticker auf den Textilien anbringen:

„Hey, ich geh wirklich auf über 4000 Meter mit dem Teil!“

oder

„Diese Jacke war in Grönland und Nepal!“

Weitere Vorschläge für effektive Abgrenzungsmaßnahmen bitte in den Kommentaren einbringen ;-)

Beschwingt statt genervt: Die Fürsprecher

Ist denn wenigstens die Fürsprache fundiert und überzeugend? Gibt es gute und starke „Pros“ für Outdoor in the city?

Hm, nicht wirklich, würde ich sagen – zumindest findet man wenig und wirklich nicht mehr ganz folgen kann ich, wenn in der Brigitte Folgendes steht:

Mit der richtigen Kleidung kann man heute seine Vorliebe für Natursport, Trekking, Gefahr und Abenteuer demonstrieren, ohne dass man jemals einen Berg, einen Wald oder einen See aus der Nähe gesehen hat. Das ist auf jeden Fall sehr modisch, auch wenn es vielleicht nicht immer logisch ist, dass wir uns in Kleidung hüllen, die Funktionen hat, die wir gar nicht benötigen.

Wenn ein Mensch in seinem Leben nie einen Berg, Wald oder See aus der Nähe sieht, finde ich das eher sehr traurig als sehr modisch. Aber vielleicht vermisst man ja überhaupt nichts, wenn man eh nichts anderes als die Simulation kennt. Dann wäre auch folgender Gedanke nachvollziehbar:

Sogenanntes „Sensation Seeking“ steht hoch im Kurs. Wenigstens die Kleidung soll an Wildnis erinnern. Falls uns im Großstadtdschungel dann mal eine Gefahr (oder ein Hagelsturm) ereilt, sind wir gewappnet – und können uns in unserer Jack Wolfskin-Jacke ein bisschen wie McGyvers wilde Tochter fühlen.

Hach, ja. Nur wäre ich als einziger männlicher Brigitteleser des Planeten lieber McGyver selbst als seine wilde Tochter. Und noch wichtiger wäre mir, mich nicht nur anhand von Kleidungsstücken an „Wildnis“ zu „erinnern“, sondern irgendwann auch mal in einer solchen unsimulierten Umgebung unterwegs zu sein.

Zusammengefasst: wirklich rational und vernünftig geht es weder auf der Pro- noch der Contra-Seite zu. Hüben wie drüben geht es hauptsächlich um Geschmäcker und persönliche Befindlichkeiten.

Naturliebe, Eitelkeit und Katastrophenangst: Erklärungsversuche

Und weil es so wenig rational zugeht, müssen auch die Erklärungsversuche größtenteils scheitern. Versuchen wir es trotzdem. Den Anfang darf wieder der Tagesspiegel machen:

Manch einer sagt, es sei die Liebe zu Wald und Wiese, die sich da Bahn bricht. (…) Was für ein Quatsch die These mit der Naturverbundenheit ist, zeigt allerdings schon eine oberflächliche Analyse des Produkts. Schließlich gibt es kaum etwas Künstlicheres als eine Outdoorjacke. Das Innenfutter besteht aus Polyesterfleece oder Polyamid, zum Abdichten gibt es obendrauf eine Schicht Polyurethan oder Polytetrafluorethylen. Klingt das nach etwas, was auf irgendeinem Baum der Welt wachsen würde?

Teflon, PU und Fleece in einem Kleidungsstück sind zwar eher selten, doch so weit, so nachvollziehbar. Auch wenn immer mehr Hersteller Fortschritte machen, die Künstlichkeit durch Naturverträglichkeit zu ersetzen.

Wenn Naturliebe nicht das alleinige Motiv der Outdoorwelle sein kann, müssen wir Weiteres in Betracht ziehen. Eines der weniger schönen Motive wäre die Eitelkeit, die der Tagesspiegel gleich noch für uns mitbeleuchtet:

Wer etwas trägt, was er nicht braucht, will damit etwas darstellen. (…) In dem Sinne geht es beim Tragen von Outdoorkleidung nicht mehr um das Rüsten für Extremsituationen, sondern nur noch um deren Simulation – oder besser: um deren Behauptung. Sehet, ich wäre bereit, Wind und Wetter zu trotzen, arktischen Temperaturstürzen und steilen Geröllhängen – so ich mich denn in Gefahr begeben würde.“

Jepp, ertappt. Das spricht tatsächlich wunde Punkte an. Doch wunde Punkte wovon? Eitelkeit ist eine Triebfeder für sehr viele Arten von Kleidung. Und auch für sehr viele menschliche Handlungen im Allgemeinen. Sie ist also für unsere schöne bunte Outdoorwelt genauso wenig spezifisch wie der (ebenfalls im Artikel angesprochene) Kompensationstrieb.

Jetzt fehlen nur noch die wirklich unterhaltsamen Motivtheorien. Eine wäre die Katastrophenangst, die meiner Meinung nach aber derart im psychologisierenden Nebel stochert, dass sie keines näheren Blicks bedarf…

Was bleibt da als Fazit festzuhalten? Nun, wer mit Outdoorklamotten in der Stadt unterwegs ist, kann immer auf Reaktionen und Aufmerksamkeit hoffen.

 

 

S.Café – Kaffee zum Anziehen

2. Mai 2019
Ausrüstung

Kaffee wird hier langsam aber sicher zum Kernthema. Zuerst gab es den langen Artikel über gepflegten Kaffeekonsum in der wilden Natur, dann kam die revolutionäre Schuh-Innovation zur Lösung des leidigen Problems der Kaffee-to-go-Flecken auf Sportschuhen. Und jetzt kommt auch noch ein Gewebe aus Kaffeesatz um die Ecke.

Aus Kaffeesatz? Ja, das ist technisch möglich und schafft sogar zusätzliche natürliche Funktionalitätsaspekte bei den so produzierten Klamotten. Da kommen natürlich Fragen auf: Kann man aus dem Zeug bei drohendem Bergtod durch Übermüdung noch ein rettendes Käffchen brühen? Lässt sich in S.Café Klamotten die Zukunft lesen? Nein, diese Funktionen bietet die Kaffeekleidung nicht. Was sie wirklich bietet, dazu gleich mehr, zunächst schauen wir uns die Idee und die Entstehung der Marke S.Café an.

Die Idee stammt natürlich aus Kalifornien oder Skandinavien, wie immer, wenn es um Funktionsklamotten geht. Oder etwa nicht? Nein, diesmal kommt die nerdige Outdoor-Innovation aus dem fernen Osten, genauer aus Taiwans Hauptstadt Taipeh.

Die Idee hinter dem Kaffeesatz-Material

Dass Kaffeesatz und etwa nicht Bananenschalen oder Teebeutel als neuer Textilschlager entdeckt wurde, lag wohl daran, dass Jason Chen, Geschäftsführer der Firma Singtex, und seine Frau Mei-hui ihren Geistesblitz in einer Kaffeebar hatten. Verwundert hatten sie eine ältere Dame beobachtet, die den Barista um den Kaffeesatz bat. Auf den fragenden Blick des Ehepaars hin erklärte der Barista, das Kaffeesatz gut sei, um Gerüche aus dem Kühlschrank zu entfernen. Die geruchshemmende Eigenschaft von Kaffeesatz war also schon bekannt.

Chens Frau soll daraufhin scherzhaft vorgeschlagen haben, dass er doch Kaffeereste in seine Textilien einbauen möge, um den Schweißgeruch nach seinen häufigen Marathon-Trainingseinlagen loszuwerden. Der Legende nach dachte Jason dann kurz nach, wandte sich an seine Frau und rief laut aus: „GOOD IDEA!“ Es war also Mei-huis Idee und Jasons Umsetzung, die hier geboren wurde.

Die Idee kam wie gerufen und wurde patentiert, bevor Chen überhaupt wusste, wie er den Kaffee ins Textil bringen will. Schon zuvor hatte Singtex öfter neue Verfahren und Fasern erfunden, wurde jedoch meist zügig von der Konkurrenz auf dem chinesischen Festland kopiert und preislich unterboten. Deshalb stand man kurz vor der Pleite und wollte diesen Fehler nun nicht mehr wiederholen.

Entstehungsgeschichte und Entwicklung

Chen trommelte eine Gruppe von Partnern zusammen und man begann, die Möglichkeiten der Einarbeitung von Kaffeesatz in Garn zu erforschen. Die Umsetzung der scheinbar einfachen Idee nahm vier Jahre Forschung und harte Arbeit in Anspruch. Im Jahr 2009 war es dann soweit und die Erfindung konnte unter dem Markennamen S.Café präsentiert werden.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten und die Nachfrage nach S.Café stieg schnell. In Taipeh entstand ein ganzes Netz an Partnerschaften mit Starbucks und lokalen Cafés, um den gebrauchten Kaffeesatz systematisch einzusammeln. Mittlerweile ist ständig ein Tross von Fahrzeugen unterwegs, um tagtäglich etwa eine halbe Tonne Kaffeesatz im Großraum Taipeh einzusammeln. Der andere Rohstoff für das Textilmaterial – Polyester – wird ebenfalls aus in einem nachhaltigen Kreislauf aus größtenteils lokal eingesammelten Abfällen gewonnen: aus recycelten PET Flaschen.

Weitere Entwicklungen

Recht bald nach der Einführung 2009 hat Singtex Unterwäsche, Bettwäsche, Schuhe und eine wachsende Palette weiterer Produkte aus S.Café entwickelt. Hinzu kommen Modifikationen des Materials selbst, die unter Namen wie P4Dry und Mylithe mit neuen Konfigurationen von Polymeren und Kaffeeresten weitere spezielle Funktionen erreichen. So soll Mylithe durch eine “Luftstruktur”-Methode ein baumwollartiges Tragegefühl vermitteln, ohne die ursprünglichen Eigenschaften von S.Café einzubüßen.

Da Jason Chen ein findiger und umtriebiger Firmenpräsident ist, sollen natürlich auch weiterhin neue Anwendungsmöglichkeiten und Geschäftsfelder erschlossen werden. Die wachsende Verbreitung von S.Café wird dank ständig erweiterter, weltweiter Kooperationen mit immer mehr führenden Textilunternehmen wie Timberland, American Eagle, North Face und Puma zielstrebig vorangetrieben. Auf Kosten der Umwelt soll dieses Wachstum aber auch künftig nicht gehen, weshalb Singtex auch weiterhin hohe Standards garantierende Zertifizierungen wie Bluesign, Oekotex und Cradle-to-Cradle anstrebt.

Herstellung

Die ersten Herstellungsschritte finden in den Röstereien und Kaffeebars statt. Die Bohne muss nämlich nicht nur bei Temperaturen zwischen 160 und 220°C geröstet, sondern auch pulverisiert und gebrüht werden, um zusammen mit den Polymeren der alten PET-Flaschen den textilen Stoff zu formen.

Beim Rösten schwillt die Kaffeebohne an, was bedeutet, dass ihr Innenraum größer wird. Beim Brühen entfernt dann das heiße Wasser Materialien aus den so entstandenen Hohlräumen. Aus dem so „präparierten“ Kaffeesatzpulver wird dann der Extrakt gewonnen, der, bei niedrigen Temperaturen und hohem Druck in die Kunststoff-Filamente eingearbeitet und zu einem Garn geformt, die Eigenschaften der Ausgangsmaterialien verbindet.

Es bleiben zwar pro Filterportion nur etwa 2% nutzbarer Kaffee-Extrakt übrig, doch alles in allem klingt die Sache gar nicht mal so unergiebig. So reichen die Rückstände aus einer Tasse Kaffee laut Chen für etwa zwei bis drei T-Shirts.

Materialeigenschaften

Vor allem die Eigenschaften des Ausgangsmaterials Kaffeesatz kommen im Endprodukt gut zur Geltung. Die eben erwähnten Mikroporen absorbieren Gerüche, reflektieren die UV-Strahlung und trocknen doppelt so schnell wie Baumwolle. Feuchtigkeit wird bei S.Café-Gewebe kontinuierlich von der Haut auf die Außenseite transportiert, wo es sich über die Oberfläche verteilt und schnell verdunsten kann. Die Verdunstung trägt dazu bei, dass die Hauttemperatur im Vergleich zu herkömmlichen Stoffen um 1 bis 2°C abgekühlt wird – ein durchaus spürbarer Effekt.

Diese Eigenschaften im Zusammenspiel bewirken ein im Vergleich zu herkömmlichen Kunstfasern angenehmeres, natürlicheres Tragegefühl.

Da sich die Kaffeebestandteile im inneren der S. Café-Fasern befinden, braucht man sich um ein Nachlassen der Funktionalität nicht zu sorgen. Sie übersteht normale Maschinenwäsche problemlos und hält nicht weniger lang vor als andere funktionale Textileigenschaften.

All das macht S.Café nicht nur für Outdoor- und Sportbekleidung interessant, sondern auch für viele weitere Verwendungsbereiche bis hin zu alltäglichen Haushaltsartikeln.

Nachhaltigkeit

Natürlich hat Singtex um sein Vorzeigeprodukt eine Nachhaltigkeitsphilosophie gestrickt. Die ist allerdings kein künstliches PR-Produkt, sondern ein natürlicher Ausdruck des praktizierten Handelns. Der nachhaltige Kreislauf ist klar erkennbar: die eigentlich unnachhaltigen Auswirkungen der Kaffeetrinkkultur werden hier (teilweise) in einen nachhaltigen Kreislauf überführt. Aus den Abfällen eines globalen städtischen Lifestyles mit ständig wachsendem Kaffeekonsum wird ein nützliches Produkt gewonnen. Und es stellt sich heraus, dass in diesem Kreislauf noch viele weitere verborgene Produkte und Technologien auf ihre Entschlüsselung warten.

Zu diesem genial einfachen Konzept passt es bestens, dass Kleidungsstücke aus S.Café am Ende ihres Lebens kompostiert werden können. Wenn ihre Rückstände dann zum Anbau von Kaffee verwendet werden, wäre ein Lebenszyklus abgeschlossen.

Fazit

Die griffige Kurzformel für die Vermarktung von S.Café lautet: „Drink it, wear it“. Das ist einprägsam und fasst die Firmenphilosophie gut zusammen. Die Begeisterung fürs Kaffeetrinken ist hier auch verständlich, denn ohne all die fleißigen Trinker wäre der Kaffeesatz kein recycelter Abfall, sondern ein teurer Rohstoff.

Dennoch sollte man die Ermunterung zu (noch mehr) Kaffeekonsum vielleicht nicht allzu wörtlich nehmen. Auch so schon dürfte die „Leistungsgesellschaft“ mehr als genug vom Kaffee (an)getrieben sein und Singtex muss sicher keinen Mangel an Nachschub befürchten. Außerdem geht unsere persönliche Leistungskurve mit Koffein auf Dauer eher runter als rauf. Also, ruhig lieber öfter mal ein Schläfchen halten statt den nächsten doppelten Espresso zu kippen. Klar, leichter gesagt als getan, denn wir haben ja alle keine Zeit und sich einfach auszuruhen ist schon fast ein subversiver Akt. Aber ich schweife wohl gerade ab und bin nicht mehr beim Thema. Obwohl, es geht doch irgendwie um Kaffee, oder?

Das Nachhaltigkeitsprogramm von Marmot

2. April 2019
Ausrüstung

Marmot ist eine Bekleidungs- und Ausrüstungsfirma, die standesgemäß im Sunny California der frühen Siebziger entstand und mittlerweile zu den bekanntesten weltweit operierenden Outdoorlabels gehört.

Man kann bei Marmot nicht unbedingt von einer umfassenden, alles durchdringenden Nachhaltigkeitsstrategie wie bei Patagonia oder Fjällräven sprechen. Es werden eher punktuelle Maßnahmen in verschiedenen Bereichen durchgeführt. Das klingt zunächst bescheiden, ist aber durchaus verständlich, denn bei Marmot ist der Anteil an wirklich hochfunktionaler, technischer Kleidung und Ausrüstung für anspruchsvolle Outdoor- und Bergunternehmungen relativ hoch. Doch das heißt nicht, dass das Thema Nachhaltigkeit nur ein Schattendasein führen würde – die gezielten Maßnahmen haben es wirklich in sich und können je nach Erfolg der entsprechenden Produkte weitreichende Wirkung zeigen.

Als Haupt-Bausteine des Marmot-Nachhaltigkeitskonzepts kann man das Leitmotto „People, Product, Planet“ sowie die sogenannte Treadlight-Strategie betrachten. Hauptsächlich geht es bei diesen um technische Innovationen bei Materialien und Herstellungsverfahren, um Ressourcen effizienter zu verwenden und dabei zugleich die maximale Funktionalität der Produkte zu erreichen. Das versuchen viele andere Hersteller auch, doch das Besondere bei Marmot ist, dass die resultierenden Produkte nicht nur im hochpreisigen Segment anzutreffen sind (dazu gleich noch zwei Beispiele).

Umweltaspekte der Nachhaltigkeit

Marmot sieht demzufolge langlebige und hochwertige Produkte als beste Maßnahme, um schädliche Umwelteinflüsse zu minimieren. Diese Herangehensweise sieht man nach eigener Aussage als treibende Kraft der Produktentwicklung. Es gibt hier auch nachweisbare Erfolge, von denen die Daunenalternative Marmot Eco Featherless und die umweltschonende Imprägnierung EvoDry hervorzuheben sind.

Eco Featherless

Die Daunenalternative aus Nylonfasern kam als Teil des Marmot-Nachhaltigkeitskonzepts in den Handel. Die Nylonfasern bestehen wiederum zu 75 Prozent aus recycelten Materialien.

Eco Featherless erreicht eine Wärmeleistung und Bauschkraft, die einer 700 Cuin Daunenfüllung entspricht, und ist dabei sowohl atmungsaktiv als auch feuchtigkeitsabweisend. Sie wärmt damit auch im nassen Zustand und wird durch häufiges Waschen kaum beeinträchtigt. Last but not least ist Eco Featherless hypoallergen und nach dem Ökostandard Bluesign zertifiziert.

EvoDry

Diese patentierte Imprägnierung wird ohne Wasser, nur mittels Hitze und Druck direkt in das trockene Garn eingebracht. Das Garn wird durchdrungen und hält dadurch dauerhaft Nässe stand. Jan Schapmann, Geschäftsführer von Marmot Mountain Europe, sieht darin nichts weniger als „die Zukunft der Regenbekleidung“.

Auch EvoDry besticht durch hohe Waschbeständigkeit: 100 Gänge in der Waschmaschine und im Trockner übersteht die Imprägnierung locker. Marmot versichert, dass EvoDry-Bekleidung die ganze Dauer über wasserdicht bleibt und nie nachimprägniert werden muss.

Bei EvoDry-Kleidungsstücken sind alle Bestandteile von der Imprägnierung bis hin zum Reißverschluss komplett PFC-frei.

Die Stoffe, auf denen die Imprägnierung aufgetragen wird, bestehen aus recyceltem Nylon und werden im umweltschonenden „Solution-Dye-Verfahren“ gefärbt. Dieses benötigt laut Outdoor-Magazin pro Jacke 85 Prozent weniger Färbemittel und 89 Prozent weniger Wasser als herkömmliche Verfahren. Energieeinsatz und CO2-Ausstoß sollen um fast zwei Drittel niedriger ausfallen.

EvoDry und Eco Featherless sind die Vorzeigetechnologien der oben erwähnten Marmot-Nachhaltigkeitsinitiative Treadlight. Sie sind aber nicht die Einzigen, hinzu kommt noch die Produktlinie der Thread T-Shirts, die aus 50% recyceltem Polyester (vor allem aus Plastikflaschen) und 50% recycelten Baumwoll-Verschnittresten hergestellt sind. Dank Letzterer werden vor allem der hohe Pestizideinsatz und Wasserbrauch der Baumwollproduktion verringert. Die verwendeten Farben sind deutlich schadstoffärmer und die T-Shirts trugen zur Schaffung von mehr als 1.300 Jobs auf Haiti bei.

Ein weiterer Umweltaspekt ist Marmots Selbstverpflichtung zur Verwendung von RDS-zertifizerter Daune. Der Responsible Down Standard (RDS) ist ein unabhängiger Zertifizierungsstandard, der die Rückverfolgbarkeit von Daunen sicherstellen soll und für die gesamte Produktionskette gilt. Auch ein durchwegs würdiger Umgang mit den Tieren soll sichergestellt werden. Bislang gelingt das in Bezug auf einzelne Produktionsketten und Unternehmen, langfristig soll es die gesamte Daunenindustrie zum Besseren verändern.

2015 begann Marmot mit der Verwendung von RDS-Daunen, seit Winter 2018 ist laut Eigenauskunft die Daune europaweit in allen Marmot-Schlafsäcken und Kleidungsstücken RDS-zertifiziert.

Soziale Nachhaltigkeit und Mitarbeiterführung

Neben einer wachsenden Zahl an Fair Trade Produkten hat Marmot einen Verhaltenskodex für Partner und Lieferanten. In dieser vertraglich bindenden „Vendor Compliance Policy“ werden Partner, Lieferanten und deren Subunternehmer zur Einhaltung international gültiger Standards und Normen des Arbeitsrechts verpflichtet. Man kann Marmot durchaus glauben, dass an der Umsetzung ernsthaft gearbeitet wird, denn es wird nicht nur regelmäßig kontrolliert, sondern auch auf langfristig wachsendes Vertrauen und gegenseitigen Respekt gesetzt. Mit 95 Prozent der Zulieferer unterhält man Geschäftsbeziehungen, die seit mehr als fünf Jahren andauern.

Ökonomische Aspekte

Ob Marmot eigenständig nachhaltige ökonomische Entscheidungen fällen und Strategien entwickeln kann, ist schwierig zu bewerten, da die Firma im Laufe der Jahre in ein Geflecht aus Übernahmen und Beteiligungen eingebunden wurde: „2004 wurde Marmot von K2 Sports übernommen, welches wiederum 2007 von der Jarden Corporation übernommen wurde. Nach der Übernahme von Jarden durch Newell Rubbermaid im Jahre 2016 wurde Marmot aus K2 ausgegliedert und die K2 Sports 2017 an Kohlberg & Company verkauft. Marmot ist bei Newell verblieben.“

Für Aussagen über die Planung und Durchsetzbarkeit von ökonomischen Nachhaltigkeitsstrategien benötigt man Einblicke in die Vorgaben, Entscheidungswege und Hierarchien bei Marmot und derer Mutterkonzerne, was den Rahmen dieses Artikels leider ein wenig sprengt.

Mitgliedschaften und Kooperationen

Marmot ist bluesign Systempartner, was die Verpflichtung beinhaltet, das bluesign-System in der gesamten Produktionskette anzuwenden. Das bluesign-System minimiert schädliche Auswirkungen auf Mensch und Natur durch einen international anerkannten Standard für nachhaltige Textilproduktion und Verbraucherschutz. Mit Inspektionen vor Ort wird sichergestellt, dass chemische Produkte und Rohstoffe korrekt und verantwortungsvoll eingesetzt und bedenkliche Stoffe vermieden werden.

Des Weiteren ist man Mitglied in der European Outdoor Conservation Association (EOCA). Die EOCA ist eine Initiative der Europäischen Outdoor-Industrie, die spezifische Umweltschutzprojekte unterstützt. Zudem unterstützt Marmot weitere Initiativen wie die dZi Foundation, die Cancer Climber Association, Guide Dogs for the Blind, Chicks with Picks, SOS Kinderdörfer und terre des hommes.

Was sagen die Kritiker?

Beim Nachhaltigkeitsportal Cleanclothes kommt Marmot mit 3 von 5 Punkten mittelmäßig mit der Tendenz zu „gut“ weg. Allerdings datiert der Check aus dem Jahr 2012, es kann sich also zwischenzeitlich einiges geändert haben. Ansonsten scheint Marmot bislang bei den Nachhaltigkeits- und Verbraucherportalen etwas unter dem Radar zu fliegen, denn seitdem scheint sonst niemand mehr nachgeprüft zu haben.

Das Alpin-Magazin sei von Marmots Nachhaltigkeitsbemühungen jedenfalls überzeugt, wie man in diesem Artikel über den Weg der Outdoorindustrie in die Nachhaltigkeit lesen kann. Über die mit EvoDry ausgestattete Eclipse Jacke heißt es:

„So schnell, robust und umtriebig, wie sich die namensgebenden Murmeltiere in der alpinen Welt bewegen, ist auch der Anspruch von Marmot an die eigenen Produkte. Das sieht man zum Beispiel in der neuen EvoDry-Technologie der Kalifornier, die nicht nur den Körper schützen soll, sondern auch die Umwelt. So besteht zum Beispiel das Eclipse Jacket aus recyceltem, sehr strapazierfähigem Nylon-Material und ist vom Reißverschluss bis zur Imprägnierung 100% PFC-frei. Dabei ist die Jacke atmungsaktiv, und hat 20.000 mm Wassersäule. Besonders schlau: Die Imprägnierung ist direkt ins Garn eingearbeitet, ein lästiges Nachimprägnieren entfällt daher“.

Fazit

Auf den ersten Blick scheint das Nachhaltigkeitskonzept bei Marmot nicht allzu umfassend, doch bei genauerem Hinsehen erweisen sich die punktuellen Maßnahmen als ziemlich effektiv. Allerdings ist auch die Kundschaft gefragt, nachhaltige Angebote wie Eco-Featherless und EvoDry wahrzunehmen und anzunehmen. Zumal Marmot es schafft, diese Technologien zu Preisen anzubieten, die sogar eher günstiger sind als die konventionellen Hightech Lösungen. Letztere sind im Grunde nur dann wirklich notwendig, wenn man zu dem eher kleinen Kreis der Bergfreunde gehört, der wirklich in große Höhen und stürmische Weiten vordringt. Denn das Niveau an Isolation, Wasserdichtigkeit und Gewichtsminimierung für den High-End Bereich ist (leider) nach wie vor nur mit PFC-haltiger Chemie und echten Daunen erreichbar.

Nachhaltig oder grüngewaschen? Outdoormarken im Portrait: Patagonia

19. März 2019
Ausrüstung

Es ist das Outdoor-Paradoxon: wir wollen unberührte Landschaft erleben und erhalten, verbrauchen aber reichlich Ressourcen, um sie mit eigenen Augen zu sehen. Wir regen uns über Sommerskifahrer und röhrende Porsches auf, steigen aber in den Flieger nach Neuseeland. Ob Hersteller und Anbieter von Outdoorware oder Konsument und Nachfrager: man schwärmt von Natur und Bergen, trägt aber genau dadurch auch zu deren Gefährdung bei.

Doch vielleicht gibt es auch eine andere Seite. So heizen bunte Bilder von Wasserfällen, Wäldern und Bergkulissen zwar einerseits die Konsum- und Reiselust an, doch gleichzeitig können sie durchaus auch den Sinn für die Schönheit der empfindlichen und schützenswerten Ökosysteme schärfen.

Nicht nur Klima: Was ist Nachhaltigkeit?

Vereinfacht gesagt: Nachhaltig ist, wenn man Ressourcen nicht schneller verbraucht, als die Natur sie – mit oder ohne menschlichen Einfluss – neu schaffen kann. Man kann dafür den selbstlosen Verzicht predigen, doch das wird kaum beachtet, geschweige denn ernst genommen. Auch kann das nur tun, wer glaubwürdig als Vorbild vorangeht – und das sind nicht Viele. Immerhin, wenn es denn mal jemand vormacht, wird es weithin respektiert und bewundert.

Trotzdem fruchten meist nicht einmal die vielen Appelle an die „freiwillige Selbstbeschränkung“ auf ein „vernünftiges Maß“. Sie riechen eben zu sehr nach Moralkeule und außerdem kann ohnehin niemand wirklich genau sagen, wo dieses goldene Mittelmaß liegt. Meist wird versucht, mit einem bestimmten „CO2-Budget“ pro Kopf und Jahr zu operieren. Derart auf Zahlen reduziert scheint es zwar besser umsetzbar, geht meiner Meinung nach aber am Kern des Problems vorbei – so wie im Grunde die ganze heutige Fixierung auf Zahlen, CO2 und „das Klima“.

Mit „Klimazielen“ und maximal „erlaubten“ Temperaturerhöhungen der Erde zeigt der Mensch neben der guten Absicht nämlich auch, dass er nach wie vor in dem technozentrischen Weltbild steckt, das die Probleme erst erzeugt hat. Ein solches Weltbild glaubt, mit Zertifikatehandel und etwas effizienterer Technologie die Temperaturverhältnisse der Erde zu steuern und damit das Umweltproblem in den Griff zu bekommen. Nur wird dabei vergessen, dass bei solch gewaltigen ökologischen Zusammenhängen auch kosmische Einflüsse wie die Sonne sowie auch die Erde selbst ein Wörtchen mitzureden haben. Auch geraten durch die CO2-Fixierung andere Probleme wie Bodenversiegelung oder Ausstoß von Ruß, Feinstaub und Aerosolen aus dem Blickfeld.

Echte Nachhaltigkeit muss auch andere Aspekte berücksichtigen. Dazu gehören nicht nur die drei Ebenen des Nachhaltigkeitsmodells (Ökologisches, Ökonomisches und Soziales), sondern auch persönliche und grundsätzliche, nicht technische Aspekte wie ein Hinterfragen der eigenen Bedürfnisse und Motive. Um dann vielleicht so manchen Impulskauf oder die spontane Kurzreise um den halben Globus bleiben zu lassen. So kann man sich beispielsweise fragen: Brauche ich für meine Wanderpläne diese 3-lagige Hightech-Jacke mit 40 000 mm Wassersäule? Brauche ich die wasserabweisende und atmungsaktive Daunendecke für den Campingausflug? Muss alles immer nagelneu sein oder reicht auch mal ein gut gepflegtes Second-Hand-Teil?

Bei Outdoor-Kleidung bedeutet jedes Mehr an Funktion oft auch ein Mehr an Chemikalien. Aber jetzt fange ich hier selbst schon mit der Moralkeule an… Ich möchte aber nur zeigen, dass letztendlich die Hauptverantwortung bei uns als Kunden liegt, denn bei aller Werbeverführung der Welt kann kein Hersteller und kein Händler allein bestimmen, was gemacht und hergestellt wird.

Apropos Hersteller: dieser Artikel hier soll die Nachhaltigkeitsbemühungen von Patagonia unter die Lupe nehmen – und in folgenden Artikeln werden noch einige weitere Hersteller auf ihre Nachhaltigkeit abgeklopft.

Das Nachhaltigkeitsprogramm von Patagonia

Zunächst Folgendes: eine durchweg nachhaltige/ethische Rohstoff-, Erzeugungs- und Vertriebskette kann nach wie vor kein Outdoor-Unternehmen leisten, ohne exorbitante Kaufpreise zu fordern. Auf diese Weise ist die Nachhaltigkeit eher eine kleine Spezialnische für die „gehobene“ Kundschaft. Damit wären wir aber eher beim berühmt berüchtigten „Freikaufen“ für einige wenige Superprivilegierte.

Wirkliche Nachhaltigkeit muss aber auch im effizienten, groß angelegten und preisgünstigen Rahmen funktionieren. Und hier ist Patagonia auf dem richtigen Weg, denn die Maßnahmen zielen nicht auf Exklusivität ab. Und Patagonia geht auch nicht den anderen „einfachen Weg“, nur einen unter vielen Aspekten nachhaltig zu gestalten und sich dann mit irgendeinem „klimaneutral“ erzeugten Zwischenprodukt ein grünes Image zu verschaffen. Nein, man setzt sich hier auf mehreren Ebenen für mehr Nachhaltigkeit ein und hat damit schon zu Zeiten begonnen, als nur die wenigsten global operierenden Unternehmen an derartiges dachten.

Umweltaspekte der Nachhaltigkeit

Doch auch Patagonia war und ist ein wachsendes, global operierendes Unternehmen, dessen Verfahren und Produkte nicht immer vollständig nachhaltig sind. Elegant und diplomatisch wird dieses Problem in Formulierungen wie „zwischen Marketing und Umweltschutz“ ausgedrückt. Zu diesem Spagat gehören Engagements für verschiedene Umweltprojekte wie das bekannte Spendenkonzept „1% for the Planet“. Dessen Grundidee stammt von Patagonia-Gründer Yvon Chouinard selbst: 1% des jährlichen Unternehmensumsatzes geht an Organisationen, die sich für den Umweltschutz einsetzen.

Hauptsächlich will Patagonia die Umwelt-Nachhaltigkeit mit einem 4-Punkte Programm verbessern. Dieses besteht aus folgenden Punkten:

1 Reduce

Damit ist das Bestreben nach möglichst langer Lebensdauer der Produkte gemeint. Dadurch soll der Bedarf an ständig neuer Kleidung verringert werden. In diesem Rahmen ist auch die berühmte  Marketingkampagne „Do not buy this jacket“ während der Thanksgiving-Saison 2011 zu verstehen. Auf deren scheinbare Widersprüchlichkeit gehe ich später noch ein.

2 Repair

Patagonia gestaltet viele Kleidungsstücke so, dass Kunden sie möglichst einfach selbst reparieren können und unterstützt sie dabei mit Anleitungen im Internet. In den USA hat man eines der größten Textilreparaturzentren überhaupt aufgebaut und repariert dort jährlich 40.000 Kleidungsstücke.

In seinen Läden repariert Patagonia kaputte Outdoor-Bekleidung kostenlos und schickt mit dem „Worn wear truck“ seit 2017 einen Reparaturservice quer durch Europa (aktuelle Tourdaten findet man hier auf der Firmenhomepage).

Außerdem nimmt Patagonia kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, andere Marken anzuprangern, die Reparaturen bewusst erschweren, um Kunden zu schnellem Neukauf zu bewegen. Mehr über die Worn Wear Aktivitäten findet sich in diesem Bergfreunde-Artikel und diesem Utopia-Bericht.

3 Reuse

Worn Wear dient auch als Label für den Second Hand Markt von Patagonia. Auf dieser Plattform wird gebrauchte Patagonia Bekleidung aufbereitet und gehandelt. Jeder Patagonia Kunde kann hier seine gebrauchte Kleidung weiter verkaufen.

4 Recycle

Wenn Weiterverwendung oder Reparatur nicht mehr möglich ist, kommt die Option Recycling zum Einsatz. Patagonia nimmt alle Bekleidungsstücke zurück und führt sie der Wiederverarbeitung zu. Damit werden viele nach wie vor hochwertigen Stoffe vor der Müllverbrennungsanlage oder der Deponie bewahrt. Schon seit langem produziert Patagonia einen Großteil seiner Kunstfasern aus recycelten PET-Flaschen. Mit dem Recycling von Daunen bei Patagonia haben wir uns hier im Basislagerblog schon einmal ausführlicher beschäftigt.

Soziale Nachhaltigkeit und Mitarbeiterführung

„Die Nichtregierungsorganisation Erklärung von Bern verglich 2010 mittels Umfragen und Internetrecherchen bei 77 Modelabels die Standards der Arbeitsbedingungen in Produktionsländern. Patagonia wurde dabei in die zweitbeste Kategorie ‚Durchschnittliche‘ von fünf Kategorien eingestuft. Im ‚Outdoorguide‘ der Erklärung von Bern/Public Eye von 2012 erreichte Patagonia einen Platz in der höchsten Kategorie ‚Fortgeschrittene‘.“

Diese Wikipedia-Ausführungen zeigen die Schwierigkeiten des „Monitoring“, also der lückenlosen Überwachung und Bewertung aller Prozesse bei Großunternehmen (mit einem Umsatz von etwa 600 Millionen US$ (Stand 2013) und einer Mitarbeiterzahl von etwa 1300 gehört Patagonia eindeutig in diese Kategorie). Das Zurückverfolgen aller Wege und Zwischenprodukte kann da schon ziemlich kompliziert werden. Patagonia bemüht sich dennoch, alle Herstellungsschritte vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt transparent zu machen und fair zu gestalten. Letzteres zeigt sich auch an der Mitgliedschaft in verschiedenen Initiativen wie Fair Labor Association, die sich für gerechtere Arbeitsbedingungen einsetzen.

Ökonomische Nachhaltigkeit

Seit 2013 zeigt sich das Unternehmen skeptisch gegenüber dem Konzept des ökonomischen Wachstums, weil es einen Punkt gäbe, an dem Wachstum direkt oder indirekt die Lebensbedingungen gefährden würde. Verantwortliches Wachstum wäre nur solches, das soziale und ökologische Folgen bedenke. Ähnliches wird zwar in jeder Sonntagsrede geäußert, doch bei Patagonia bestehen gute Chancen, diesen Worten Taten folgen zu lassen. Denn die Firma ist und bleibt im Privatbesitz, ohne Beteiligung von anonymen Kreditgebern, die im Hintergrund die Geschäftsentscheidungen beeinflussen.

Marketing

Das Marketing bei Patagonia kann mit etwas Wohlwollen auch zur Nachhaltigkeitsstrategie gezählt werden, denn es zielt oft auf Umweltthemen ab. Ein zwar nicht messbarer, aber sicher nicht zu unterschätzender Beitrag von Patagonia liegt darin, viele Nachhaltigkeitsthemen überhaupt erst ins Bewusstsein der Outdoorbranche und ihrer Kunden gerückt zu haben.

Mit der bereits erwähnten „Kauft diese Jacke nicht“-Werbung positionierte man sich beispielsweise gegen Ressourcenverschwendung und Müllberge des schnelllebigen Modekonsums. Zunächst scheint eine derart widersprüchliche Botschaft wenig glaubhaft, doch man meinte sie durchaus ernst. Und wenn man zwischen Unternehmenswachstum und Marktwachstum unterscheidet, macht sie auch ökonomisch Sinn. Das Unternehmen Patagonia möchte eben dank seiner Nachhaltigkeitserfolge florieren. Firmengründer Chouinard sieht sich ja durchaus als Unternehmer im Konkurrenzkampf mit anderen Unternehmen, die beim Wegfall von schnelllebigem „Sinnloskonsum“ eben aufgrund ihrer mangelnden Nachhaltigkeit aus dem Markt gedrängt werden. Dann schrumpft zwar der Markt, doch die Firma wächst.

Was sagen die Kritiker?

Das Auge der kritischen Öffentlichkeit ist bei einer Firma wie Patagonia natürlich besonders wachsam. In der Vergangenheit hat es mehrfach Kritik von Tierschutzorganisationen gegeben. Die war berechtigt und wurde dementsprechend auch aufgenommen. Und zwar nicht in Form von Beschwichtigungen und Relativierungen, sondern in Form von Veränderungen. Im Falle einer Beschwerde von PETA über das Leid von Schafen in einem Zuliefererbetrieb nahm man diese Wolle umgehend aus der Verarbeitung. Nach Beschwerden über die Verwendung von Daunen aus Lebendrupf entwickelte Patagonia den strengen „Traceable Down Standard“, der eine transparente Lieferkette und den Ausschluss von Zwangsfütterung und Lebendrupf sicherstellen soll.

Verbraucherschützer und Nachhaltigkeitsportale zeigen sich durchaus anerkennend. So bestätigt das Nachhaltigkeitsportal Utopia.de, dass die zahlreichen Nachhaltigkeitsmaßnahmen weder Greenwashing noch Imagepflege, sondern echte Bemühungen sind. Der Verein Rank a brand kommt hingegen zu einem kritischen Urteil, das aber noch nicht abschließend gefällt scheint. Auch hier zeigen die abweichenden Ergebnisse, wie schwierig es ist, die Effektivität von Nachhaltigkeitsmaßnahmen zu bewerten.

Kritik in großen Medien wie Zeit.de und Spiegel-Online fällt eher undifferenziert aus und scheint auch teils Kritik um der Kritik willen zu sein. So schreibt man bei der Zeit:

„Das US-Unternehmen aus Kalifornien verkauft seinen Kunden nicht nur warme und langlebige Jacken, sondern ein Image: Öko-Coolness für politisch korrekte Hipster.“

Das klingt, als ob es falsch sei, dass Nachhaltigkeit mittlerweile sogar „cool“ sein kann. Wäre es denn besser, wenn sie immer noch mit muffigem Reformhaus- und Birkenstock-Image behaftet wäre? Mir sind Hipster ja auch nicht ganz koscher, insofern volles Verständnis für diese Breitseite. Dennoch ist sie eher ein Geschmacksurteil und unterstellt, dass Patagonia den Weg zur „Modemarke für Büromenschen“ einschlagen würde. Wenn, dann wäre das sicher fragwürdig, zumindest solange man nicht reine Modelinien ohne chemisch oder ressourcenaufwändig erzielte Funktionalität anbietet. Denn es stimmt schon, dass technische Outdoorkleidung in der Stadt oder beim Waldspaziergang wenig sinnvoll ist.

Auch der Spiegel kritisiert auf ähnliche Weise. Es werden auch hauptsächlich Probleme und Widersprüche hervorgehoben, die die Outdoorbranche allgemein betreffen.

Fazit

Ganz sicher kann Patagonia noch vieles verbessern und umfassende Nachhaltigkeit ist noch lange nicht erreicht. Betrachtet man es in Relation zur Gesamt-Outdoorbranche, gibt die Firma allerdings ein sehr gutes Bild ab. Patagonia ist aktiver als die meisten Mitbewerber und das auch schon seit viel längerer Zeit. Es treten zwar Versäumnisse und Fehler auf, doch diese werden nicht vertuscht oder schöngeredet, sondern nach und nach angegangen.

Nachhaltig oder grüngewaschen? Outdoormarken im Portrait: Fjällräven

17. Januar 2020
Ausrüstung

Christiane Dolva Törnberg ist zuständig für die Nachhaltigkeit bei Fjällräven. Die Sustainability Managerin fasst das Nachhaltigkeitsverständnis der nordschwedischen Firma wie folgt zusammen: „Das Besondere an Fjällräven ist, dass Nachhaltigkeit nicht als eigenständiges Projekt begriffen wird. Nachhaltigkeit ist die Grundlage für alles, was wir tun.“

Das klingt ähnlich ambitioniert wie die Kurzfassung des Ganzen im Slogan: „Das Lager besser verlassen, als man es vorgefunden hat“ – schließlich ist mit dem „Lager“ die ganze (Um)Welt gemeint.

Beide Formulierungen findet man auf der Firmenwebsite, wo das Nachhaltigkeitskonzept detailliert präsentiert wird. Dessen Bestandteile sind:

  • Care and Repair“ (maximale Produktlebensdauer, Materialeinsparung, Reparaturanleitungen)
  • Entwicklung (Design, Materialien)
  • Produktion (Verhaltenskodex, Zusammenarbeit und Klimakompensation)

Diese Bestandteile können inhaltlich auf verschiedene Arten strukturiert werden – je nach Sichtweise. Eine Möglichkeit ist die Unterteilung aus Sicht des einzelnen Produktes: bei jedem Produkt ist Nachhaltigkeit das Leitprinzip – und das bei Design, Materialauswahl und Herstellung.

Beim Design jedes Produkts folgt Fjällräven sieben Nachhaltigkeitsgrundsätzen, zu denen u.a. eine Materialauswahl gehört, die zu einem einfach zu reparierenden, robusten und nie aus der Mode kommenden Produkt führt. Damit die Firma bei all den Vorgaben selbst nicht den Faden verliert, hat  sie eine Orientierungsgrundlage des Nachhaltigkeitsprogramms geschaffen – einen Kompass namens „The Fjällräven Way“:

„Damit wir die richtigen Schritte gehen und nicht vom Weg abkommen, haben wir „The Fjällräven Way“ entwickelt, der uns wie ein Kompass oder eine Karte bei unseren Entscheidungen die Richtung vorgibt. Die vier Grundrichtungen des Fjällräven-Kompasses sind: Natur und Umwelt, Unternehmens- und Geschäftsabläufe, soziale Verantwortung sowie Wohlergehen.“

Diese Richtungen entsprechen in etwa den klassischen drei Ebenen der Nachhaltigkeit, bei denen man den letzten Aspekt „Wohlergehen“ unter der Ebene „Soziales“ zusammenfasst. Schauen wir uns nun die Maßnahmen von Fjällräven nach den Ebenen Umwelt und Soziales geordnet an – ähnlich wie wir es schon im vorigen Artikel bei den Kollegen von Patagonia gemacht haben.

Umweltaspekte der Nachhaltigkeit

Wie wohl bei den meisten Outdoorproduzenten ist der Schutz der Natur bei Fjällräven der wichtigste Aspekt. Das kommt auch symbolisch im Namen zum Ausdruck: „Fjell“ ist die Bezeichnung für die skandinavischen Gebirgszonen und Räv(en) bezeichnet den dort umherstreifenden Fuchs.

Auf der praktischen Ebene wird das nachhaltige Selbstverständnis vor allem durch eine ressourcenschonende Materialauswahl und die Wahl umweltbewusster Produktionswege umgesetzt. Als wichtiges Beispiel nennt Fjällräven hier sein Eco-Shell Material, das in der Wetterschutzbekleidung zum Einsatz kommt. Es lässt sich recyceln, wenn das Kleidungsstück ausgedient hat. Zudem kompensiert Fjällräven die CO2-Emmissionen, die bei der Herstellung von Eco-Shell anfallen.

Materialauswahl

Allerdings geht im Zweifel die Funktionalität vor: „Egal, wie nachhaltig es sein mag: Wenn ein Obermaterial dich nicht trocken hält, verwenden wir es auch nicht.“ Man setzt aber soweit wie möglich biologische, wiederverwertbare und recycelte Materialien ein oder bevorzugt rückverfolgbare natürliche Materialien. Dabei nimmt man folgende Einteilung der Materialien vor: „Exzellent“ für recycelte Wolle, biologischen Hanf und Tencel; „gut“ für recyceltes Polyester, G-1000 Eco und rückverfolgbare Wolle sowie „okay“ für Polyamid, Baumwolle, Metallknöpfe.

Auf  PFCs, PVCs und Angorawolle wird bei Fjällräven verzichtet. Man achtet bei der Materialauswahl auf Abfallvermeidung und setzt soweit wie möglich recycelte Stoffe ein. Es wird versucht, für jedes Produkt möglichst wenig verschiedene Materialien zu verwenden, um die Wiederverwertbarkeit zu vereinfachen. Man gesteht aber auch ein, dass es hier noch Verbesserungspotentiale gibt.

Die Haltbarkeit der Materialien soll nicht nur durch gute Ausgangsstoffe und hochwertige Verarbeitung erreicht werden, sondern auch durch die richtige Pflege und Reparatur. Wer umfassende Nachhaltigkeit will, muss sich eben auch als Kunde und Verbraucher mit einbringen. Dabei helfen die Tipps zur richtigen Pflege und Aufbewahrung der Ausrüstung sowie detaillierte Anleitungen für die häufigsten Reparaturen.

Daune, Wolle, Leder

Materialien tierischen Ursprungs wie Wolle, Daunen und Leder werden nur dann verwendet, wenn kein synthetisches Material mit gleichwertigen Eigenschaften verfügbar ist. Es gibt einen  Verhaltenskodex mit einer nicht verhandelbaren Pflicht für alle Lieferanten, Tiere sorgsam zu behandeln. An der Rückverfolgbarkeit der Tierprodukte in allen Lieferketten arbeitet Fjällräven, bei Daunen ist dieses Ziel seit 2014 erreicht. Grundsätzlich verspricht Fjällräven, dass in allen Produkten gilt:

Kein Lebendrupf, keine Stopfmast, kein Mulesing.“

Daune

Das „Daunenversprechen“ wurde von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten als die beste Richtlinie im Outdoorsegment ausgezeichnet. Die Produktionskette für Daunen gilt als eine der transparentesten in der gesamten Outdoorbranche.

Alle von Fjällräven verwendeten Daunen sind Nebenprodukte der Lebensmittelproduktion und vollständig rückverfolgbar. Sie stammen von nur einem Zulieferer aus China, der wiederum nur von Betrieben bezieht, die dem Fjällräven-Verhaltenskodex (Code of Conduct) unterliegen. Ein Qualitätskontrollteam überwacht den Umgang mit den Tieren durch angekündigte und unangekündigte Besuche. Außerdem werden die Daunen vor der Weiterverarbeitung durch das IDFL (International Down and Feather Laboratory) überprüft.

Wolle

Seit 2015 versucht Fjällräven, eine vollständig global rückverfolgbare Lieferkette aufzubauen. Das ist durch den komplexen Aufbau des Marktes schwierig, weshalb es bis jetzt noch keine vollständig befriedigende Lösung dafür gibt. Immerhin die erste Baselayer-Kollektion ist schon aus komplett rückverfolgbarer Wolle gefertigt. Außerdem gewährleistet man auch jetzt schon, dass die gesamte, verwendete Wolle komplett ohne das leider immer noch verbreitete, tierquälerische Mulesing-Verfahren gewonnen wurde.

Leder

Hier setzt Fjällräven den Schwerpunkt auf das Gerbverfahren, mit dem das Leder langlebiger gemacht wird. Denn dabei kommen große Mengen Wasser, Chemikalien und Energie zum Einsatz. Man versucht, diesen doch recht großen ökologischen Fußabdruck durch pflanzlich gegerbte Accessoires und Jagdprodukte im Sortiment sowie die Zusammenarbeit mit Gerbereien zu verkleinern, die mit dem „Gold-Standard“ der Leather Working Group ausgezeichnet sind.

Chemikalien

Die Fluorcarbone (PFCs) gehören für Fjällräven zur „schwarzen Liste“ gefährlicher und verbotener Chemikalien, die die Firma in Zusammenarbeit mit der Swedish Chemicals Group führt und ständig aktualisiert.

Fjällräven war 2012 eines der ersten Outdoorunternehmen, das sich entschloss, dass gesamte Produktsortiment auf fluorcarbonfreie Imprägnierung umzustellen. Auch eines der wenigen PFC-freien Imprägniersprays auf dem Markt ist von Fjällräven. Das bekannte, hauseigene G-1000 Gewebe lässt sich mit dem ebenfalls PFC-freien Greenland Wax immer wieder neu imprägnieren. Allerdings ist man noch nicht bei 100 Prozent PFC-Freiheit angelangt: bei den Reißverschlüssen ließ sich bislang noch keine voll befriedigende Alternative finden.

Design

Bei allen Produkten wird auf ein möglichst schlichtes Design mit möglichst wenig verschleißanfälligen Schwachstellen geachtet. Jede angebrachte Tasche und jede Formgebung ist genau durchdacht. An besonders beanspruchten Stellen achten die Designer nicht nur auf besondere Robustheit, sondern auch auf eine möglichst einfache Reparierbarkeit.

Der modische Aspekt wird dabei insofern berücksichtigt, dass ein möglichst zeitloser Look entstehen soll, der unabhängig von wechselnden Trends und Moden ist.

Soziale Nachhaltigkeit und Mitarbeiterführung

Die hohen sozialen Standards in der Firma selbst stehen hier weniger im Fokus als diejenigen in den Zuliefererbetrieben. Dabei kommt der schon erwähnte, firmeneigene und für sämtliche Lieferanten verpflichtende Code of Coduct zum Einsatz. Er wird von unabhängigen Instituten wie der SGS (Société Générale de Surveillance) auf Einhaltung überprüft und regelt die Rahmenbedingungen für menschenwürdige Arbeit (wie etwa Arbeitszeitbegrenzung, Mindestlöhne, Arbeitsplatzsicherheit und Verbot von Kinderarbeit).

Der Code of Conduct baut auf dem Verhaltenskodex am Arbeitsplatz („Workplace Code of Conduct“) der Fair Labor Association auf und umfasst die Bereiche Menschenrechte, Tierwohl, Umweltschutz, nachhaltige Entwicklung und Antikorruption.

Kooperationen und Mitgliedschaften

Da man Kooperation und Austausch als sehr wichtig erachtet, ist Fjällräven in mehrere Netzwerke eingebunden. Neben der Mitgliedschaft in der Fair Labor Association (FLA) gibt es die Beteiligung an der Sustainable Apparel Coalition (SAC). Die SAC ist eine Gruppe aus etwa 80 Unternehmen für Schuhe und Bekleidung sowie NGOs, die sich über bewährte Praktiken austauscht, mit denen soziale und ökologische Belastungen reduziert werden können.

Zudem hat man sich dem UN Global Compact verpflichtet, einer Partnerschaft zwischen Unternehmen und den Vereinten Nationen. Die Partner arbeiten daran, ihre Geschäftsprozesse und Strategien an zehn universell anerkannten Prinzipien in den Bereichen Umwelt, Menschen- und Arbeitsrechte sowie Anti-Korruption auszurichten.

Was sagen die Kritiker?

Gemischt bis gut: so könnte man das „Medienecho“ in etwa zusammenfassen. Beim Nachhaltigkeitsportal Cleanclothes kommt Fjällräven mit 4 von 5 Punkten „gut“ weg. Bei den Kollegen von Rankabrand sieht man die Sache mit einer durchschnittlichen Bewertung kritischer. Allerdings wird bei diesem Portal keine Outdoorfirma wirklich gut bewertet, Fjällräven schwimmt mit einer D-Note eher im Mittelfeld.

Der Nachhaltigkeitsblog Viertel-vor lobt den populären Rucksackklassiker Kånken und dessen aktuellen Nachfolger, den komplett aus recyceltem Material gefertigten Re-Kånken.

Auch die Massenmedien fokussieren sich in ihren Berichten über Fjällräven weitgehend auf diesen einen Rucksack. Dabei wird eher auf den Modeaspekt eingegangen als auf die Funktionalität, auf die Fjällräven selbst den Fokus setzt. Dabei bedient man gerade keine „angesagten Looks“ und schwimmt auch nicht auf Modewellen. Bezüglich des Kånken-Rucksacks beteuert man, keine besondere Werbung dafür zu machen und nicht aktiv an dessen Hype beteiligt zu sein. Das würde auch nicht zur oben erwähnten Designphilosophie passen.

Fazit

Man kann Fjällräven definitiv zu den Outdoorproduzenten zählen, deren Nachhaltigkeitskonzept kein schön formuliertes Greenwashing, sondern ein ernsthafter, zielstrebiger und effektiver Maßnahmenkatalog ist. Man wird deshalb auch in Zukunft ganz sicher immer wieder von Errungenschaften und Verbesserungen hören – ohne dass Probleme unter den Tisch gekehrt werden.

Gute Ökobilanz beim Skifahren – So wird der Winterurlaub nachhaltig

14. Februar 2019
Tipps und Tricks

Über Schneearmut muss sich aktuell im nördlichen und östlichen Alpenraum niemand beklagen. Pünktlich zum neuen Jahr schneit es ohne Unterlass. Die Skigebiete sind mit den Neuschneemassen teilweise sogar überfordert und müssen vorübergehend schließen. Die Grundlage für die Saison ist gelegt.

Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass auf den ersten Blick Nachhaltigkeit und Skitourismus schwierig zu vereinen sind. Aktuell gelten allein in Bayern nur 50 Prozent der Skigebiete in mittlerer Höhe als naturschneesicher, in Österreich werden knapp 70 Prozent aller Flächen beschneit. Laut Deutschem Alpenverein wird die Abhängigkeit der hiesigen Gebiete von künstlicher Beschneiung zunehmen. Auch der Alpenraum bleibt vom Klimawandel nicht verschont. Viele Gemeinden bemühen sich daher um mehr Nachhaltigkeit durch sanften Tourismus und alternative Freizeitangebote für Wintersportler.

Keine Sorge, es geht beim Thema Nachhaltigkeit nicht darum den Skisport abzuschaffen, sondern ein größeres ökologisches Bewusstsein im Wintersport anzuregen. Wir haben uns dem Thema angenähert und festgestellt: Ein nachhaltiger Winterurlaub ist möglich! Und mit den folgenden vier Tipps kann jeder einen Beitrag dazu leisten!

1. Selektive Auswahl von Skigebieten: Mehr Natur- als Kunstschnee

Ein nachhaltiger Urlaub beginnt schon bei der Auswahl des Skigebietes. Meiden sollte man solche, die aktiv an einer Expansion arbeiten. Das umfasst den Bau von Skischaukeln (also eine Verbindung zwischen zwei Skigebieten, die in verschiedenen Tälern liegen), unnötige Modernisierungen und vor allem die Neuerschließung von Gebieten. Einige Skigebiete werben mit sehr langen, garantierten Saisonzeiten von bis zu 200 Tagen. Das können eigentlich nur Gletscherskigebiete leisten. In niedrigeren Lagen wird das durch zusätzliche Beschneiung und Snowfarming, also die Aufbewahrung von Schnee aus der alten Saison, erreicht. Das ist ökologisch bedenklich.

Vielmehr sollte man in Alpenregionen fahren, die Sommer- und Wintertourismus betreiben. Wintersportgebiete, die nur im Winter genutzt werden, offenbaren im Sommer die Auswirkungen des Massentourismus. Die starken Eingriffe in die Natur werden sichtbar, sobald die Schneedecke geschmolzen ist. Ein nachhaltiges Skigebiet sorgt sich auch im Sommer um den Zustand der Pisten. Bei guter Pflege erholen sich die Wiesen bis zur nächsten Saison. Sie sollten entweder gemäht oder beweidet werden, um Erosion vorzubeugen. Zusätzliche Einnahmequellen im Sommer motivieren Betreiber auch auf den Weiterbau von Anlagen zu verzichten: Sommertouristen erfreuen sich eher unberührter Natur als brach liegender Skiinfrastruktur.

Außerdem sollte man Skigebiete meiden, die mit mehr als 60 Prozent beschneiten Pistenkilometern werben. Auskunft darüber erhält man beim jeweiligen Tourismusverband. Die Beschneiung ist sehr teuer, kostet viel Energie und Wasser. Obwohl es sich auf Kunstschnee ähnlich gut fahren lässt, wie auf Naturschnee, ist die Technik zumindest noch nicht soweit, Pulverschnee zu produzieren. Außerdem vereisen die Pisten bei Sonneneinstrahlung schneller, weil Kunstschnee einen höheren Wasseranteil besitzt.

Exkurs Kunstschnee

Damit überhaupt Kunstschnee produziert werden kann, muss es über einen längeren Zeitraum hinweg mindestens -2 Grad kalt sein. Außerdem bedeutet die Errichtung von Speicherteichen und Rohrleitungen einen schwerwiegenden Eingriff in die Natur, der Erosion fördern kann. Kunstschnee bleibt zudem länger liegen. Die Regenerationszeit der Wiesenflächen wird dadurch verkürzt. Die Gefahr von Vegetationsschäden ist auf Kunstschneepisten deutlich höher als auf Naturschnee.

Nachhaltige Formen der Beschneiung sind noch rar. Die Schneewolke ist eine der neueren Methoden, die im Tiroler Skigebiet Obergurgel-Hochgurgel ausprobiert wurde. Dabei wird mit geringem Strom- und Wasserverbrauch eine Wolke simuliert, aus der es schneit. Einige Skigebiete nutzen auch Wasserkraftwerke, um Strom zu erzeugen.

2. Sanfter Tourismus mit Ökolabel und alternativer Anreise

Zwischen 70 und 80 Prozent des CO2-Ausstoßes verursachen Skifahrer bei der An- und Abreise sowie bei Fahrten während des Urlaubs mit dem Auto. Statt Tages- und Wochenendausflüge ins Skigebiet zu unternehmen, sollte man gleich mehrere Tagen wegfahren – und das im vollbesetzten Auto.

Wirklich nachhaltig wäre es aber, mit dem Zug ins Skigebiet zu fahren. Die Skiausrüstung kann mit der Bahn schon vorausgeschickt werden. Das erspart das lästige Schleppen der Skiausrüstung. Shuttlebusse, der örtliche Nahverkehr oder Elektroautos ermöglichen Mobilität im Ort. Die Deutsche Bahn bietet auch günstige Kombitickets in Skigebiete an, die den Skipass beinhalten. Um die Anreise möglichst kurz zu halten, wählt man Skigebiete in der Nähe aus. Auch wenn Fernziele wie Japan, Beaver Creek oder Kamtschatka verlockend sind, belastet die Anreise mit dem Flugzeug die Umwelt zusätzlich.

Auch die Auswahl der Unterkunft kann nachhaltig sein. Einige Gemeinden setzen ein ganzheitliches Nachhaltigkeitskonzept um, das Hotelanlagen, Transportsysteme und das Skigebiet mit einschließt. Über Internetportale, wie beispielsweise Alpine Pearls oder Bergsteigerdörfer, kann man sich konkret über Regionen im Alpenraum informieren, die aktiv ökologischen Tourismus fördern. Es muss nicht immer das riesige Luxushotel sein. Auch kleine Hotels oder Berggasthöfe stellen sich auf Skitouristen ein. Sie beziehen ihre Produkte von Höfen, Käsereien und Metzgern aus der Nähe. Damit unterstützt man die Wirtschaft vor Ort.

3. Kaufe nachhaltige Ausrüstung und Skikleidung

Diverse Labels und Zertifikate wie die Fair Wear Foundation, bluesign, Responsible Down Standard und der Zusatz „PFC-frei“ helfen bei der Auswahl von umwelt- und sozialverträglichen Produkten. Einige Marken verwenden auch recyceltes Material in der Produktion von Outdoorbekleidung und Ausrüstung. Zudem gibt es eine breite „Reuse“-Initiative: Anstatt sich eine neue Jacke zu kaufen, repariert man die alte. Gleiches gilt für die Ausrüstung. Schon beim Kauf sollte man auf bestmögliche Qualität achten, weil das auf Langlebigkeit der Produkte schließen lässt. Je länger man Material nutzen kann, umso besser ist dessen Ökobilanz

Wer nur einmal im Jahr in den Skiurlaub fährt oder nur sehr sporadisch auf die Piste geht, muss gar nicht erst eine komplette Ausrüstung kaufen. Ausrüstungsverleihe im Skiort haben meistens die aktuellsten Modelle im Angebot. Das ist eine kostengünstige und umweltschonende Alternative. Richtige Outdoormenschen scheuen auch nicht davor zurück, ihre Skijacke beim Einkaufen in der Stadt oder auf dem Weg zur Arbeit anzuziehen. Produkte mehrfach zu nutzen, hilft Ressourcen zu sparen.

4. Winterurlaub vielseitig gestalten: Das sind Alternativen zum Skifahren

Der Winterurlaub muss nicht nur aus Skifahren bestehen. Mehr Unabhängigkeit von schneesicheren Pisten erlangt man, indem man seinen Winterurlaub vielseitig gestaltet.

Winterwanderungen machen Spaß, wenn man sich eine abwechslungsreiche Route raussucht. Bei moderaten Steigungen und auf präparierten Wegen kann man mühelos mit festem Schuhwerk und Teleskopstöcken losmarschieren. Ein besonderes Schmankerl sind Wanderungen durch eine Klamm. Im Winter gefrieren die Wasserfälle zu spektakulären Eisgebilden und die Stromschnellen der wilden Bäche, die sich im Sommer noch tosend durch die Schluchten winden, blitzen nur zeitweise unter einer Eisschicht hervor.

Mitte Februar findet zum Beispiel die deutsche Meisterschaft im Hundeschlittenrennen in Wallgau im Karwendelgebirge  statt. Über 100 Gespanne mit rund 1000 Hunden rennen in verschiedenen Distanzen um den Sieg.

Einmal die Winterlandschaft aus der Vogelperspektive betrachten? Das geht im Winter bei einer Heißluftballonfahrt. Der Brenner, der den Ballon zum Steigen bringt, sondert viel Hitze ab und sorgt für eine wohlige Wärme an Bord. Ein besonderes Angebot ist die Alpenüberquerung im Ballon. Durch die besondere Wetterlage und Thermik ist die kalte Jahreszeit perfekt fürs Paragliding geeignet.

Außerdem bieten viele Wintersportgebiete Schneeschuhtouren, Ski-Langlauf auf natürlichen Loipen, Rodeln, Skitouren und Schlittschuhlaufen an. Um sportlich aktiv zu sein, muss es also nicht immer die künstlich beschneite Piste sein. Abseits der gesicherten Wege sollte man aber besonders vorsichtig sein. Sicherheitsausrüstung wie LVS-Gerät, Sonde und Schaufel sind bei Skitouren Pflicht. Ebenso ein Blick in den Lawinenlagebericht.

Microadventures – das Abenteuer vor der Haustüre

26. September 2018
Tipps und Tricks

Wer kennt das nicht, die Woche war stressig, auf der Arbeit hat es nicht so geklappt wie es sollte, dazu kamen noch ein Dutzend Privattermine und überhaupt reicht es gerade einfach allgemein. Doch nun ist ja zum Glück Wochenende und man kann den ganzen Stress hinter sich lassen, einfach mal was machen, was Cooles, was Spontanes, was in der Nähe ist und auch nicht viel kostet. Ja aber was denn eigentlich genau?

Die Antwort auf diese Frage lautet „Microadventures“.

Microadventures, was ist das denn?

Geprägt wurde der Begriff der Microadventures durch den britischen Abenteurer und Blogger Alastair Humphreys. Es geht hierbei im Wesentlichen darum, vergleichsweise kurze, günstige und einfach zu realisierende Aktivitäten zu finden. Also Kurzabenteuer vor der eigenen Haustüre. Hierbei sind der Kreativität beinahe keine Grenzen gesetzt. Ob ihr dabei zu Fuß, mit dem Rad oder vielleicht sogar mit dem Boot unterwegs seid, spielt keine Rolle. Wichtig ist lediglich, dass Ihr Spaß dabei habt und die Hektik des Alltags hinter euch lasst. Wie das genau aussehen kann und worauf ihr dabei achten solltet, erfahrt ihr im Folgenden.

Biwakieren und Sternegucken

Gerade in warmen Sommernächten ist ein Biwak im Freien eine gute Möglichkeit für eine Auszeit. Wenn man sich dann auch noch eine passende Location aussucht und das Biwakieren mit einem Picknick verbindet, wird die Unternehmung perfekt. Laut der Schätzung von Experten gibt es in Deutschland weit über 25.000 Burgen (die genaue Zahl ist derzeit noch nicht bekannt). Davon sind viele Ruinen, die irgendwo im Wald stehen und von touristischer Seite nur wenig Beachtung finden. Genau solche Burgen eignen sich jedoch optimal für unser Microadventure. Hier ist man in der Regel ungestört und läuft nicht Gefahr, jemand anderen zu belästigen. Außerdem sind alte Burgen ein großartiger Ort für eine Nacht im Freien.

Allerdings solltet ihr darauf achten, ob für die jeweilige Ruine besondere Ge- und Verbote gelten. Hier kann auch ein Blick in eine gute Wanderkarte nicht schaden. Führt ein beliebter Wanderweg direkt an der Burg vorbei, muss man damit rechnen, dass schon in den frühen Morgenstunden der eine oder andere Wandersmann vorbeischaut. Außerdem sollte man es tunlichst vermeiden, ein Zelt oder zu großes Lager aufzuschlagen, da Wildcampen in Deutschland nicht erlaubt ist.

Habt ihr die perfekte Burg gefunden und alle wichtigen Dinge im Gepäck, heißt es nichts wie raus! Wer außerdem Lust auf Sterne und Sternschnuppen gucken hat kann diesbezüglich auf Prognosen zurückgreifen, die voraussagen was, wann und wo zu sehen sein wird.

Tipp: Ist gerade keine Burg zur Verfügung eignen sich auch idyllisch gelegene Aussichtspunkte oder Schutzhütten. Letztere sind gerade auch mit kleineren Kindern eine gute Anlaufstelle.

Feuer machen

Feuer zu machen ist seit jeher eine Faszination und eigentlich mit Streichhölzern, Feuerzeug und Co. auch keine große Sache. Genau darin liegt jedoch bei unserem Microadventure Vorschlag Nummero 2 der Knackpunkt: Das Feuer soll ohne die üblichen Hilfsmittel entstehen. Der beste Ort hierfür ist ein offizieller Grillplatz. Am besten einer, den man nur mit einer Wanderung erreichen kann, denn hier ist man nicht selten ungestört. Außerdem seid ihr ja an einem Grillplatz und könnt nach getaner Arbeit den Tag bei ein paar Würstchen, Kartoffeln etc. gemütlich ausklingen lassen. Für mich war als Kind immer auch Stockbrot ein absolutes Highlight. Wie ihr das auch unterwegs selber machen könnt und wo dabei die Raffinessen liegen, wir im Blogbeitrag „Bannock-Brot – der Klassiker in der Outdoorküche“.

Nun aber zum Thema Feuer machen. Hier könnt Ihr euch langsam herantasten. Mit einem Feuerstahl geht das sicherlich ganz gut, wenn ihr es aber wirklich auf Steinzeitart (also Feuer bohren oder sägen) versucht, seid ihr sicherlich eine Weile beschäftigt.

Achtung: Gerade in heißen und trockenen Sommern herrscht eine erhöhte Brandgefahr. An solchen Tagen ist das Feuermachen auch an Grillplätzen absolut tabu. Für Deutschland gibt es hierzu zwei wichtige Indizes, den Waldbrand-Gefahrindex und den Grasland-Feuerindex. Beide Indizes sind in fünf Warnstufen unterteilt:

  • Warnstufe 1 sehr geringe Gefahr: Das Benutzen einer geeigneten Grillstelle ist mit den üblichen Sicherheitsvorkehrungen kein Problem.
  • Warnstufe 2 geringe Gefahr: Auch bei dieser Stufe ist das Feuermachen an einer geeigneten Grillstelle noch erlaubt, es ist jedoch erhöhte Achtsamkeit geboten.
  • Warnstufe 3 mittlere Gefahr: Ab dieser Warnstufe werden erste besonders gefährdete Grillstellen geschlossen. Wer bei dieser Gefährdungslage ein Feuer entfachen will, muss sich gut informieren ob bzw. wo dies möglich ist.
  • Warnstufe 4 hohe Gefahr: Der aktive Schutz des Waldes /der Grasflächen beginnt. Öffentliche Straßen und Wege sollten nicht verlassen werden. Besonders gefährdete Gebiete können außerdem von den Behörden gesperrt werden. Feuer ist absolut tabu.
  • Warnstufe 5 sehr hohe Gefahr: Maximaler Schutz von Wald und Grasflächen. Wälder werden zeitweilig gesperrt, betreten und befahren ist strengstens untersagt. An ein Lagerfeuer sollte nicht einmal gedacht werden.

Sammler werden

Gerade im Sommer und im Herbst bietet die Natur so einiges. Zahlreiche Früchte sind nun reif und warten auf die Ernte und je nach Wetterlage sprießen auch die Pilze (naja förmlich wie Pilze) aus dem Boden. Was bietet sich da besser an, als auf große Sammeltour zu gehen und daraus dann ein leckeres Essen zu zaubern. Wer sich ein wenig auskennt, kommt so schnell mit allerlei Leckerem wieder nach Hause.

Pilze

Ob Frühjahr, Sommer oder Herbst, essbare Pilze gibt es je nach Region eigentlich immer. Während die Speisemorchel beispielsweise vergleichsweise früh, in den Monaten April bis Juni zu finden ist, gibt es Steinpilze nicht selten bis Ende Oktober. Das Problem bei vielen Pilzsorten ist jedoch, dass sie nicht gerade leicht zu erkennen sind und dass es zu nahezu jedem essbaren Pilz einen giftigen Kollegen gibt. Wer sich hier also nicht auskennt, läuft Gefahr etwas Falsches zu erwischen. Fachliteratur, wie der Naturführer Pilze vom Kompass-Verlag, können bei der Bestimmung helfen. Außerdem gibt es zahlreiche Pilzvereine, die Seminare zu diesem Thema anbieten.

Nüsse

Ende September ist es so weit: die Hasel- und Walnüsse sind reif. Hier kann nach Herzenslust gesammelt werden. Reife Nüsse werden vom Baum bzw. Strauch abgeworfen und können bequem aufgesammelt werden. Vorsicht ist jedoch mit den grünen Schalen der unreifen Walnuss geboten. Schneidet man die Schalen auf, sondern sie eine Flüssigkeit ab, die hartnäckige braune Flecke auf der Kleidung hinterlassen kann.

Kastanien

Edelkastanien oder auch Esskastanien sind wie der Name schon sagt essbar und können wunderbar als Beilage zu deftigen Gerichten gereicht werden. Außerdem kann man sie als Maroni auch problemlos im Backofen rösten und zwischendurch als Snack verzehren.

Beeren

Himbeeren, Brombeeren, Heidelbeeren und Walderdbeeren lassen sich problemlos in den heimischen Wäldern pflücken. Heidelbeeren und Himbeeren kann man bereits ab Juni finden, Brombeeren kommen im August dazu. Ob als Dessert, Marmelade oder einfach als Frucht, Beeren sind eine super Ergänzung zum Speiseplan.

Kräuter und Grünzeug

Von Giersch bis Bärlauch unsere Wälder geben mehr her, als wir gemeinhin für möglich halten. Aus Bärlauch lässt sich so beispielsweise ein sehr aromatisches Pesto machen, Giersch eignet sich ideal als Ergänzung zu herkömmlichen Salatkräutern und aus Brennnesseln lässt sich mit dem nötigen Know-how problemlos eine leckere Suppe zaubern.

Die Heimatstadt umrunden

Hier mal ein Microadventure, das sich eher an die urbanen Bevölkerungsgruppen unter uns richtet. Denn bei diesem Microadventure geht es darum, einmal die Stadt in der man lebt mit dem Fahrrad zu umrunden.

Alle, die eine Kleinstadt ihre Heimat nennen, werden damit vergleichsweise schnell fertigt sein (ihr könnt es ja vielleicht mit dem Landkreis ausprobieren). Versucht man aber Städte wie beispielsweise Berlin zu umrunden, sollte man ein bisschen mehr Zeit einplanen. Auf rund 250 Kilometern führt hier ein beschilderter Radweg vorbei an geschichtsträchtigen Orten und durch beeindruckende Landstriche. Aber auch andere Städte lassen sich problemlos umrunden.

Wo es keinen ausgeschilderten Radweg gibt, braucht es allerdings eine gute Vorplanung für die Tour. Am besten bastelt ihr euch einen GPS-Track, sodass ihr diesem während der Tour folgen könnt. Legt dabei die Streckenführung so fest, dass ihr immer mal wieder an einem Bahnhof oder einer Haltestelle vorbeikommt. So habt ihr im Fall einer Panne, schlechtem Wetter oder konditionellen Problemen die Möglichkeit eure Tour problemlos abzubrechen.

Einen Gewaltmarsch machen

„Soweit die Füße tragen“, ist das Motto dieses Microadventures. Das Prinzip eines Gewaltmarsches ist eigentlich leicht erklärt: an einem Tag so weit Laufen, bis nichts mehr geht.

Nehmt euch hierzu eine vergleichsweise lange Wanderstrecke vor. 70 bis 100 Kilometer dürfen es schon sein. Wie viele Höhenmeter ihr dabei machen wollt, bleibt euch überlassen, jedoch sollte euch klar sein, dass sich weite Strecken und viele Höhenmeter nicht unbedingt gut vertragen. Wenn möglich legt eure Tour so an, dass ihr immer wieder die Chance zum problemlosen Abbruch der Tour habt, denn nur so könnt ihr in Sachen zurückgelegte Kilometer ans Limit gehen. Auch eignen sich Rundwanderwege, die oft eigentlich für mehrere Tage ausgelegt sind, perfekt für eine solche Unternehmung.

Sorgt dafür, dass ihr mit leichtem Gepäck unterwegs seid. Der große Trekkingrucksack kann hier getrost zu Hause bleiben. Ein kleiner Tagesrucksack mit Regenjacke, Getränk und Verpflegung reicht hier völlig aus.

Tipp: Es gib Tage, an denen wandert es sich besser, als an anderen. Wer beispielsweise am 1. Mai oder am Vatertag unterwegs ist, der kann seine Tour so planen, dass er an zahlreichen Festen und Veranstaltungen vorbeikommt. Da dort eigentlich immer für das leibliche Wohl gesorgt ist, kann man so problemlos auf die Brotzeit im Rucksack verzichten und spart damit nochmals an Gewicht. Gleichzeitig sind an solchen Tagen mehr Wanderer unterwegs und man trifft immer wieder auf Gleichgesinnte.

Höhenmeter-Challenge mit dem Rad

Bei der Höhenmeter-Challenge oder auch dem Everesting geht es darum an einem Tag eine vorgesehene Anzahl an Höhenmetern mit dem Rad zu fahren. Gleichzeitig ist damit ein spielerischer Ansatz verbunden, der für die nötige Motivation sorgt.

Als erstes solltet ihr euch überlegen, welches virtuelle Ziel ihr erklimmen wollt. Berge wie die Zugspitze (2962 m), den Säntis (2502 m) oder Watzmann (2713 m) eignen sich hierzu sehr gut. Einsteiger können sich beispielsweise auch Wolkenkratzer, wie den Burj Khalifa (828 m), vornehmen. Allen die es sich derber geben wollen sind selbstverständlich keine Grenzen nach oben gesetzt.

Nehmen wir also als Beispiel die Zugspitze: Mittels Fahrrad gilt es 2962 Höhenmeter zu erklimmen. Da diese mit mehreren Anstiegen erklommen werden müssen ergeben sich hierzu zwei Möglichkeiten.

  1. Man sucht sich einen Anstieg heraus, den man für geeignet hält und fährt diesen so oft bis die gewünschten Höhenmeter erreicht sind.

Beispiel: Im Schwarzwald ist gibt es eine beliebte Rennradstrecke, die auf den Kandel führt. Der gesamte Anstieg beträgt rund 1200 Höhenmeter. Also müsste man diese Strecke ca. zweieinhalbmal fahren um auf die virtuelle Höhe der Zugspitze zu kommen. Will man das gleiche an der Großen Kalmit machen, schlägt ein Anstieg mit 673 Höhenmetern zu Buche. Folglich müsste die Strecke also knapp viereinhalbmal gefahren werden.

  1. Man plant eine Radtour mit möglichst vielen unterschiedlichen Pässen. Die Kunst liegt hierbei darin, die Strecke zwischen den einzelnen Pässen so kurz wie möglich zu halten. Außerdem kann es durchaus knifflig sein, die verschiedenen Anstiege so auszusuchen, dass man möglichst genau auf die gewünschte Anzahl an Höhenmetern kommt.

Fazit

Ein kleines Abenteuer muss nicht immer von langer Hand geplant werden. Mit ein bisschen Kreativität gibt es bereits vor der eigenen Haustür zahlreiche Aktivitäten, die bestens als Flucht aus dem Alltag funktionieren. Plant ihr ein Microadventure aus unserer Liste auszuprobieren oder habt ihr bereits eines ausprobiert? Welche Microadventures habt ihr außerdem schon unternommen oder auch selbst ausgedacht? Lass es uns mal wissen, wir freuen uns über eure Kommentare!

Nachhaltigkeit: Problemfall Mikroplastik

3. Mai 2018
Die Bergfreunde

„Plaste und Elaste“ hieß es einst einprägsam in der DDR. Damals waren die Wundermaterialien auf Kohlenwasserstoff-Basis hüben wie drüben noch frisch auf ihrem Siegeszug. Mittlerweile hat dieser Komplex der Kunststoffe jede Menge Namen. In der Outdoorwelt weißen Bezeichnungen wie „Tex“, „Pro“ oder „Tech“ im Produktnamen darauf hin, dass hier wohl Kunststoff verarbeitet ist. Und seien wir ehrlich: Die Vorteile von Polyester, Polyamid, Polyethylen und Co. sind kaum von der Hand zu weisen. Aber seit einiger Zeit legt sich ein großer Schatten über die einst so heile Kunststoffwelt. Der Begriff Mikroplastik ist in aller Munde… und das leider nicht nur sprichwörtlich.

Das Problem

Leider hat das erdölbasierte Material neben den für uns nützlichen Funktionen auch gewisse unerfreuliche Eigenschaften. Diese Eigenschaften führen seinen Siegeszug sehr viel weiter, als man es beabsichtigte – nämlich bis in den letzten Winkel und die hinterste Pore unseres Heimatplaneten.

Der Grund ist, dass so gut wie alle Kunststoffe im Laufe ihrer (Ab)Nutzung in unzählige winzige Partikel zerfallen, die ihrerseits fast unzerstörbar sind. Im Falle der Outdoorprodukte sind es  Kunstfasertextilien, die beim Waschvorgang Kunststoffpartikel ins Abwasser abgeben. Am stärksten ist die Absonderung bei aufgerauten Fleece-Materialien, aber auch bei Windbreakern oder Wandersocken tritt sie auf. Aus dem Abwasser gelangen die Partikel dann in sämtliche Wasserkreisläufe und schließlich in alle Weltmeere.

Aufgrund ihrer Leichtigkeit sind die mini Kunststoffteilchen sehr „agil“ und beweglich. Da wundert es nicht, dass man diese Teilchen, die man mittlerweile Mikroplastik getauft hat, einfach überall wiederfindet – zu Lande und zu Wasser, in allen Ökosystemen weltweit. Selbst auf den abgelegensten Eilanden gibt es wohl keinen Strand mehr, wo man Mikroplastik nicht nachweisen könnte.

Die traurige Prognose: in den Ozeanen sollen nach Hochrechnungen bis 2050 mehr Plastikteile als Fische schwimmen. Doch nicht nur „außen“ zieht der Plastik seine Kreise, sondern auch „innen“. Denn selbstverständlich gelangt das Material auch in die Organismen sämtlicher Lebewesen, einschließlich des Menschen (wo es auch bereits nachgewiesen wurde).

Als visuelle Veranschaulichung haben wir hierfür noch ein Video (dieses ist zwar auf englisch, aber der Untertitel kann auf deutsch eingestellt werden):

Dringend benötigt: erste Gegenmaßnahmen

Dass solch ein Vorgang eine große Gefahr für Mensch und Umwelt darstellt, leuchtet ein. Neben der Verbreitung liegt das Problem von Mikroplastik vor allem darin, dass die Partikel wie ein Magnet für Giftstoffe wirken – und zwar aufgrund der Oberflächenbeschaffenheit. Dem will man natürlich nicht tatenlos zusehen.

Die zunehmende Erforschung des Problems macht natürlich Sinn, genauso wie es Sinn macht, dass nun auch die großen Player aus Politik und Industrie reagieren. Bis 2030 will die EU-Kommission alle Plastikbehälter in der EU wiederverwertbar machen. Eine löbliche Absicht, doch wie wir von „Klimazielen“ und anderen wohlmeinenden (Umwelt)Vorhaben wissen, klaffen in der großen Politik bisweilen gewisse Lücken zwischen Ankündigung und Umsetzung. Und zudem ist bis 2030 noch eine lange Zeit.

Auch der Sportartikelindustrie lässt es an guten Absichten nicht mangeln. So hat sich die europäische  Interessenvertretung EOG (European Outdoor Group) „ebenfalls zum Thema Mikroplastik Gedanken gemacht, und im Rahmen des EU-Plans Maßnahmen aufgesetzt“, wie es im Branchenjournal SAZSport heißt. Dabei geht es in allererster Linie um die Vermeidung der Partikelabsonderung beim Waschen von Outdoortextilien.

Bislang gibt es Übereinkünfte der EOG mit der europäische Vereinigung für Textilien und Bekleidung (EURATEX), der internationalen Vereinigung für Seifen, Waschmittel und Reinigungsprodukte (A.I.S.E.), der europäischen Kunstfaser-Vereinigung (CIRFS) und anderen. Die Partner wollen gemeinsame Maßnahmen definieren sowie sich dafür zu verpflichten, Wissen zu teilen und gemeinsam zu forschen. „Ein erster Vorschlag für bindende Maßnahmen soll der EU-Kommission Ende 2018 vorgelegt werden“ heißt es bei SAZSport.

Es soll allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass die Outdoor- und Bekleidungsindustrie nicht die Hauptverursacher der Mikroplastik-Schwemme sind. Verglichen mit den Hauptquellen, nämlich dem Abrieb von Reifen und dem Verlust von Pellets bei der Produktion von Kunststoffen, ist die Mikroplastikbelastung, die auf Bekleidung, aber auch Kosmetika entfällt, verschwindend gering und liegt laut Studien aus Norwegen und des Umweltbundesamts bei geringen einstelligen Prozentbeträgen. Freilich kein Grund, sich zurück zu lehnen und nichts zu tun…

Konkrete Lösungsansätze

Einzelne „übliche Verdächtige“ der Outdoorindustrie sind schon gut zwei Schritte weiter. Im November 2017 stellte man auf der Textil-Fachmesse Performance Days in München den ersten Fleecestoff vor, der kein Mikroplastik mehr abgeben soll. Der Grund für dieses scheinbar technische Wunder ist einfach: der Stoff, der auf den Namen Biopile hört und vom italienischen Produzenten Pontetorto hergestellt wird, besteht auf der angerauten Innenseite aus Naturfasern.

Das Material, das aus Holz gewonnen wird und hervorragende Funktionseigenschaften haben soll, gibt zwar ebenfalls Mikropartikel ab, doch diesse können sich im Meerwasser vollständig biologisch abbauen. Den Anstoß für die Entwicklung hat Vaude gegeben, jener deutsche Hersteller, der seit Jahren immer wieder zu den zuvor genannten „üblichen Verdächtigen“ zählt, wenn es um konkrete Maßnahmen in Sachen Nachhaltigkeit geht.

Diese Technologie ist also eine richtig gute Nachricht, die künftig auch die Verantwortung mehr in Richtung von uns „Outdoor-Endverbrauchern“ rückt. Denn dadurch ist die technische Lösung, die funktional UND umweltfreundlich ist, direkt verfügbar. Auch wenn das Gewebe vor allem in der Anfangszeit sicher nicht zu den Billigangeboten für die breite Masse zählen wird. Das liebe Geld ist ja leider häufig ein Problem bei wirklich nützlichen und wertvollen technischen Innovationen – am Anfang entscheidet vor allem die Kaufkraft.

In unserem Falle der Mikroplastik gibt es aber eine weitere gute Nachricht: der Entwicklungsweg lässt sich mit einer eleganten, sprich definitiv bezahlbaren und auch schon greifbaren Zwischenlösung abkürzen. Das Berliner Zwei-Mann-Startup namens „Guppy Friend“ hat sich nämlich etwas genial einfaches einfallen lassen: den Guppybag.

Der Guppybag, auch Guppyfriend genannt, ist ein 70 x 50 cm großer Waschbeutel, der die Kunstfaser-Bruchstücke daran hindert, ins Abwasser und damit in den Wasserkreislauf zu gelangen. Die Synthetikkleidung wird einfach in den Beutel gesteckt und dann ganz normal gewaschen. Der Guppybag fängt die Fasern nicht nur auf, sondern verhindert durch seine glatte Oberfläche teilweise auch deren Abbrechen. Damit wird ganz nebenbei noch die Lebensdauer der Outdoorkleidung verlängert. Die angesammelte Plastikwolle kann mit einfachen Handgriffen herausgelöst und in den Restmüll entsorgt werden. Meist ist dies jedoch erst nach mehreren Wäschen nötig. Der Beutel selber besteht aus hochqualitativen Polyamiden und kann am Ende seiner Nutzungszeit ebenfalls vollständig recycelt werden. Auch hier haben wir nochmal ein Video in petto:

Wirklich billig ist der Guppybag mit seinen 30 Euro zwar auch nicht, doch gemessen an dem, was er für die Umwelt und für seine Besitzer leistet, ist er wirklich preisgünstig. Der Preis trägt auch dem Guppy Friends Vorsatz der nachhaltigen Unternehmensführung Rechnung, „denn allein die Einrichtung einer Webmaschine für 2,5 Meter breiten Guppy-Friend-Stoff dauert etwa fünf Wochen, da 62.500 Fäden von Hand eingefädelt werden müssen. Zeit, die fair bezahlt werden soll und auch das abbaubare Material der Waschbeutel fordert seinen Preis.“

Da kann man als Berg- und Naturfreund nicht wirklich meckern – der Guppybag ist sicher kein weiterer grüngewaschener Luxuskonsum, sondern eine kleine Investition mit großer Wirkung. Dass ich den Guppybag als Zwischenlösung bezeichnet habe, ist übrigens keine Abwertung, denn gerade dessen Entwickler betonen, dass das Problem Mikroplastik noch viel umfassender angegangen werden muss.

  • Hier findet ihr noch mehr Infos zu Biopile und weiteren Vaude-Projekten gegen Mikroplastik in der Vaude Pressemitteilung vom 18.1.2018
  • Und hier gelangt hier zu weiteren Infos über das Berliner Unternehmen Guppy Friend und dessen Projekt Stop!Microwaste
  • Für einen tieferen Einblick in die Mikroplastiktragödie, gibt es auch von dem dänischen Umweltministerium eine interessante Studie

Kennt oder benutzt ihr den Guppybag schon? Oder welchen weiteren Tipp habt ihr um Mikroplastik in unserer (Outdoor-)Welt zu vermeiden? Wir freuen uns über eure Kommentare!

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