Nachhaltigkeitsportrait Arc’teryx

16. Juni 2020

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Die Heimatstadt der Outdoormarke bei Nacht: Vancouver, Kanada.

Wie heißt dieser Ort, an dem kulturreiche Millionenmetropole und Outdoorparadies zusammentreffen? München? Naja, nicht ganz, die Berge sind da schon noch ein Stück weg.

Vancouver? Richtig! Das ist die quirlige Großstadt, an deren Nordrand unvermittelt das Gebirge mit den Tourenmöglichkeiten beginnt. Und genau dort, in North Vancouver, hat die Firma Arc’teryx ihr Basislager. In den umgebenden Skigebieten und schroffen Bergmassiven mit ihren harten Wetterbedingungen finden die Tüftler der als Edelschmiede bekannten Marke ideale Testbedingungen. Und schaffen so den „Schmelztiegel, der innovative, zielgerichtete Outdoor-Designs hervorbringt.“

Im Unterschied zu den meisten Konkurrenten unterhält das Unternehmen tatsächlich eine große Produktion am Heimatstandort. Ein Unterschied, der laut eigener Aussage bei der Produktentwicklung eine sehr große Rolle spielt. Und der sicherlich auch einen Nachhaltigkeitseffekt hat.

Firmenkurzportrait

Symbol und Namensgeber ist der Archaeopteryx Lithographica, das vermutlich erste Lebewesen jenseits des Insektenreichs, das Flugfähigkeit erlangt hat. Damals sicher eine unkonventionelle Idee der Evolution. Und wie wir wissen, führen unkonventionelle Ideen auch heute noch zu wirklich neuen Lösungen. Bei Arc’teryx begann das mit den ersten Klettergurten und Rucksäcken, die 1989 in der Garage des Firmengründers Dave Lane gefertigt wurden. Die Gurte konnten durch innovatives 3D-Design in einem bis dato nicht für möglich gehaltenen Maß auf Polsterung verzichten und Gewicht einsparen.

Innovatives Design ist bis heute der Identitätskern der Marke. Und es sind bis heute Kletterer aus der Region, die im hauseigenen „Design Centre“ das Design, die Materialauswahl und die Produktentwicklung übernehmen.

Nachhaltigkeitsstrategie

Die Produkte sollen eine lange Lebensdauer haben. Das ist Arc´teryx´ Weg zur Nachhaltigkeit.

Innovatives Design ist für Arc’teryx allerdings nur in Verbindung mit einer sehr hohen Produktqualität und dementsprechend langer Lebensdauer vollständig: „Unsere Philosophie entspringt dem Glauben, dass Haltbarkeit der beste Weg zu mehr Nachhaltigkeit ist“.

Mit dieser Selbstauskunft wäre im Prinzip alles Wichtige über die Nachhaltigkeitsstrategie von Arc’teryx gesagt. Doch man begnügt sich natürlich nicht allein mit der hohen Haltbarkeit der Produkte. Im Gegenteil, das Thema Nachhaltigkeit wird auf der Firmenwebsite sehr umfangreich behandelt. Schauen wir uns nun die einzelnen Aspekte an.

Was sagt die Firma?

Zunächst einmal wirkt es sympathisch, dass man bei der Selbsteinschätzung durchaus ehrlich auftritt:

Obwohl wir immer eine perfekte Lösung anstreben, konnten wir diese in vielen Fällen noch nicht umsetzen – aber wir arbeiten daran. Wir sind motiviert, nicht nur nachhaltige Produkte herzustellen, sondern ein Unternehmen zu schaffen, das auf lange Sicht besteht und leistet.

Etwas weniger gefällt mir persönlich, dass daraufhin zwar jede Menge Text und Grafik zum Thema Nachhaltigkeit folgt, so manches davon sich aber als wohlklingender Allgemeinplatz entpuppt, den man gern auch etwas verschlanken könnte. Diese Aufgabe versuche ich folgend mal stellvertretend zu übernehmen. Wie bei allen Bergfreunde-Nachhaltigkeitsportraits wird das Ganze nach den Bereichen Umwelt und Soziales unterschieden.

Umweltaspekte der Nachhaltigkeit

Designs für eine lange Nutzungsdauer“ ist der erste auf der Firmenhomepage angesprochene Aspekt. Der entsprechende Absatz scheint mir allerdings wenig gehaltvoll.

Im nächsten Aspekt Produkte, Materialien, Technologien sieht es besser aus, dort findet sich auch das Eingangszitat mit der ehrlichen Selbsteinschätzung. Das Mehr an Gehalt und Aussagekraft zeigt sich auch in der Unterteilung nach folgenden Unteraspekten:

  • Produktlebenszyklus: Arc’teryx hat ein detailliertes „Monitoring“ über die Ökobilanz jedes Produktes eingerichtet. Es wird beispielhaft anhand der Alpha SV Jacke gezeigt. Bei der Erstellung der Ökobilanz „haben wir festgestellt, dass 65 % der durch eine unserer Jacken hervorgerufenen Umweltbelastungen bei der Produktion der Rohmaterialien und der Herstellung entstehen.“ Was man mit diesem Wissen konkret macht, ist (noch?) nicht nachzulesen.
  • Produktpflege und Reparatur: Arc’teryx weist auf seinen großen, weltweiten Reparaturservice hin. Allein in Vancouver hat man 2017 13.110 Produkte erfolgreich repariert.

Langlebigkeit ist groß geschrieben: So gibt es auch einen Reparaturservice für Ardc´teryx Produkte.

  • Materialauswahl: Arc’teryx ist Bluesign-Systempartner und hat dessen Liste eingeschränkt nutzbarer Produkte (Restricted Substances List, RSL) übernommen. Man arbeitet eng mit den Zulieferern zusammen, um die RSL-Standards über die gesamte Lieferkette einzuhalten. Das Bluesign-System soll über die bloße Kontrolle des Endprodukts hinaus die Auswahl nachhaltiger Rohmaterialien ermöglichen.
  • PFCs: Arc’teryx verwendet ausschließlich kurzkettige PFCs, die kein PFOA enthalten (Näheres zu PFC und PFOA in diesem Basislager-Artikel). Es bleibt jedoch die umweltbelastende Wirkung kurzkettiger PFCs und man weiß, dass deren Verwendung „keine perfekte Lösung darstellt. Während sie die Lebensdauer eines Produkts erhöhen, bestehen sie auch in der Umwelt“.
    Deshalb testet man neue PFC-freie DWRs (Durable Water Repellency) und arbeitet an der Entwicklung neuer wasserdichter Ausrüstungen wie Silikone und modifiziertes Paraffin (Wachs). Arc’teryx sagt, ein Durchbruch stehe in der Industrie insgesamt noch aus, doch das stimmt mittlerweile nicht mehr  ganz. So hat beispielsweise Vaude mit seinem „Eco Finish“ eine funktionierende, komplett PFC-freie Imprägnierung im Angebot.
  • Geruchshemmende Behandlung: Das hauseigene „Durable Anti-Odour“ (DAO) besteht aus einer Spurenkonzentration Silbersalze, „die in ein nicht-toxisches Polymer eingebunden und mit der Materialoberfläche verbunden werden“. Es werden nur minimale Mengen an Silbersalz und kein Nano-Silber benötigt. Die größeren Partikel werden nicht so leicht von Organismen aufgenommen. Arct’eryx verweist auf Studien, die zeigen, dass herausgelöste Silberkonzentrationen aus den Produkten keine bedeutenden Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit haben. Der entsprechende Link führt allerdings nur auf die Startseite einer großen Studien-Datenbank.
  • Tierschutz: Arc’teryx verwendet nur RDS-zertifizierte Daunen (Responsible Down Standard), die von der Allied Feather and Down facility in Kalifornien weiterverarbeitet wurden. Allied ist ebenfalls Bluesign-Partner. Die verwendete Wolle stammt von Zulieferern, die entweder nach dem ZQ Merino Standard oder dem National Wool Declaration Integrity Program arbeiten und kein Mulesing betreiben (eine tierquälerische Praxis, um Larvenbefall einzudämmen). Die Lederlieferanten „halten sich an die Liste eingeschränkt nutzbarer Produkte (RSL) und verwenden nur Leder, das aus Tierhäuten gefertigt wurde, die als Abfallprodukt der Fleischindustrie entstehen. In Zusammenarbeit mit unseren Zulieferern stellen wir sicher, dass das Leder von Leather Working Group konformen Gerbereien stammt, die Umweltmaßnahmen durchführen.
  • Mikroplastik: In einem Forschungsprojekt des Ocean Pollution Research Programs werden bei 30 unterschiedlichen Stoffproben von Arc’teryx „Fingerabdrücke“ erstellt und der Materialabrieb gemessen. Die Daten werden in eine globale Datenbank eingespeist, die dabei hilft, die Quelle, den Transport und den Ort der Verschmutzung mit Mikroplastik in den Ozeanen besser zu verstehen. Das Ziel ist, „zu lösungsorientierten Designs, Praktiken und Produkten beizutragen.“

Die Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Projekten soll die Marke im Klimaschutz voranbringen.

Als nächster Umweltaspekt folgt der Klimaschutz. Man ist dabei, „klimawissenschaftlich unterstützte Emissionsziele zu entwickeln“. Dafür will man die Effizienz der Lieferkette deutlich steigern und viele weitere Dinge tun, die ausführlich und sehr ambitioniert beschrieben werden, bislang aber noch den Status von Absichtserklärungen haben. Man hat die United Nations Fashion Climate Charter unterzeichnet und sich mit einer kanadischen Denkfabrik für Klimapolitik und Forschung zusammengeschlossen.

Eine tatsächlich konkrete Maßnahme wird eigenartigerweise auf der Firmenhomepage nicht bzw. nur sehr versteckt erwähnt: das Used Gear Rückkaufprogramm 2019. Über dieses berichtet stattdessen der Blog Gearjunkie. Arc’teryx kauft Ausrüstung in leicht getragenem bis ausgezeichnetem Zustand zurück, solange das Innenetikett noch angebracht ist. Man gibt dafür einen Gutschein im Wert von 20 Prozent des ursprünglichen UVP aus. Funktionsfähige Artikel, die nicht weiterverkauft werden können, gehen an Schulen und gemeinnützige Einrichtungen.

Analyse der eigenen Umweltauswirkungen

Arc’teryx hat bereits 2014 den sogenannten Higg Index eingeführt, ein freiwilliges Instrument, das von der Sustainable Apparel Coalition (SAC) entwickelt wurde. Der Name Higg geht auf das Higgs-Teilchen zurück, mit dem die Physik das Verständnis vom Universum vertiefen will. Der Higg Index sucht analog „nach dem Teil innerhalb der Wertschöpfungskette, der die Nachhaltigkeit verändert“. Die Produktionsstätte in Vancouver hat man demgemäß mit Geräten zur Steigerung der Energieeffizienz ausgestattet: Bewegungsmelder, Zeitschaltuhren für die Beleuchtung und programmierbare Thermostate. Zudem begrüßt man die in British Columbia erhobene Kohlenstoffsteuer als Anreiz für weitere Maßnahmen.

Soziale Nachhaltigkeit und Mitarbeiterführung

Global unterwegs: Arc´teryx produziert mittlerweile in neun Ländern.

Wie eingangs erwähnt hat Arc’teryx einen relativ hohen Anteil an Eigenproduktion vor Ort, den man weiter ausbauen will. Dort gelten selbstverständlich hohe Arbeits- und Sozialstandards – die allerdings auch mit einem hohen Anforderungsniveau an Qualifikation und Kompetenz auf Seiten der Belegschaft einhergehen.

Globale Fertigung

Da das Volumen der Arc’teryx-Produktion die Kapazitäten der Heimatregion vor allem in Bezug auf fähige Arbeitskräfte bei weitem übersteigt, wird mittlerweile global produziert. Man arbeitet „mit den besten technischen Textilfabriken in neun Ländern zusammen“.

Fertigung in Kanada

Trotz Kapazitätsgrenzen und gegenläufigem Allgemeintrend gelingt es Arc’teryx, die Produktion des kanadischen Standorts ARC’One zu steigern. Das gelingt vor allem durch Investitionen in die Qualifizierung neuer Mitarbeiter, die in einem „Trainingscenter“ mithilfe lokaler Organisationen die technischen Fähigkeiten des Handwerks erlernen.

Dazu als persönliche Einschätzung: Wenn qualifizierte Arbeitsplätze in einem regional verwurzelten Unternehmen für mehr Bildung, Qualifikation und Wohlstand in der Umgebung sorgen, ist das eine pragmatische, effektive und ergo gelungene Art von sozialer Nachhaltigkeit.

Fertigung in anderen Ländern

Das Arc’teryx-Netzwerk besteht aus 19 Produktionsstätten in China, Vietnam, Bangladesch, Myanmar, den Philippinen, Indonesien, Kambodscha, El Salvador und Rumänien, die „unsere Produktions- und Qualitätsstandards“ einhalten, „unsere klaren und stringenten Arbeitspraktiken“ beachten und sich „zur Verringerung der Umweltauswirkungen“ verpflichten.

Arbeits- und Menschenrechte

Arc’teryx hat ein umfangreiches soziales Audit- und Überwachungsprogramm in allen Produktionsstätten eingeführt, um ethische Arbeitsbedingungen zu schaffen. Man vertraut dabei „der langjährigen Erfahrung unserer Muttergesellschaft AMER Sports, die für die Koordination unseres Audit-Programms verantwortlich ist“. Das Programm entspricht den Standards der Fair Labour Association und der Social Accountability International.

Gemeinschafts-Partnerschaften sind eine weitere Maßnahme auf der sozialen Ebene, durch die Arc’teryx Projekte und Partner unterstützt. Eine wichtige ist der Do right Day, an dem der Verkaufserlös gespendet wird.

Was sagen Beobachter und Kritiker?

Keine Outdoormarke kann es sich mehr leisten, über das Thema Nachhaltigkeit hinwegzuschauen. Demnach werden wir sicherlich auch von der kanadischen Marke in Zukunft noch einiges hören.

Das ISPO-Magazin stellt General Manager Jon Hoerauf im Interview eine kritische Frage:

Viele sehen auch einen Innovationsschub in der Entwicklung nachhaltiger Kollektionen. Warum haben wir bisher nicht viel über Arc’teryx und Nachhaltigkeit gehört?

JH: „Sie werden bald immer mehr hören – wenn wir bereit sind. Im Grunde sind wir seit mehr als 25 Jahren auf Nachhaltigkeit fokussiert wenn man bedenkt, dass wir versuchen, Produkte zu bauen, die länger halten als alle anderen.

Damit fasst er zusammen, was – wie hier eingangs erwähnt – eine wichtige Säule der Nachhaltigkeit ist, ohne explizit mit diesem Label benannt zu sein: die hohe Qualität und Haltbarkeit der Produkte.

Ansonsten ist das Echo in den Medien und bei Nachhaltigkeitsportalen bislang sehr gering – was daran liegen dürfte, dass die Marke Arc’teryx im Vergleich zu Platzhirschen wie Jack Wolfskin oder Salewa etwas kleinere Kundenkreise anspricht und weniger massentaugliche Ware anbietet. Da man aber in Zukunft mehr in den Bereich Mode gehen möchte, könnte es sein, dass die mediale Aufmerksamkeit steigt.

Fazit

Auch wegen dieses geringen Medienechos musste ich hier größtenteils auf die firmeneigenen Infos zurückgreifen. Die „externen“ Artikel und Berichte klingen auffallend unisono und decken sich sehr mit den Inhalten der Firmenwebsite, weshalb sie womöglich „nur dort abgeschrieben“ sind. Was ich jedoch nicht weiter verwerflich finde, da man der Firma die Naturverbundenheit durchaus „abkaufen“ kann. Mir erscheinen die Selbstauskünfte von Arc’teryx zumindest als gesunde Mischung von PR und ehrlich-transparenter Information. Wenn hier und da nicht alles Gold ist was glänzt, wird das offen angesprochen. Als Gesamtbild zeigt sich eine Firma, die ambitioniert und konsequent am bestmöglichen Einklang von Funktionalität und Nachhaltigkeit arbeitet.

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