Mountain Equipment im Nachhaltigkeitsportrait

31. März 2021

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Dass Briten gern verreisen und harte Knochen sind, hat sich seit den Tagen des Empire in aller Welt herumgesprochen. Dieses Erbe erklärt vielleicht auch das Rätsel, wie eine Insel fernab aller Hochgebirge Spitzenbergsteiger am Fließband hervorbringt. Einige von diesen verwegenen Gesellen haben Firmen gegründet, durch die sie wohl eher ihr eigenes Material optimieren als Märkte und Umsätze erschließen wollten. So wie Pete Hutchinson, der ab 1961 in einem ehemaligen Hühnerstall Daunenschlafsäcke, Daunenbekleidung und Kletterhaken herstellte und seine neue Firma äußerst nüchtern „Mountain Equipment“ nannte.

Die Verwurzelung des Firmengründers in der britischen Kletterszene war und ist seitdem ein wichtiger Erfolgsfaktor, denn dadurch fließt ein Maximum an Know-how und Erfahrung in die Produktentwicklung. Auch wenn die Zusammenarbeit heute nicht mehr hobbymäßig unter alten Kletterkumpels wie z.B. Don Whilans, Doug Scott, Chris Bonington abläuft, sondern professionalisiert durch Sponsoring internationaler Top-Athleten und Organisationen wie dem Expeditionskader des Deutschen Alpenvereins.

Die Nachhaltigkeitsstrategie

Mountain Equipment setzt auf nachhaltig produzierte Daunen.

Der größte Teil des Mountain-Equipment-Sortiments besteht aus hochwertigen Daunenprodukten, die wiederum zum großen Teil den Anforderungen extremer Bergtouren und Expeditionen entsprechen. Dieser hohe Qualitätsanspruch wird am besten durch nachhaltig produzierte Daunen erfüllt, die auf Dauer nur in artgerechter und umweltfreundlicher Tierhaltung entstehen können. Deshalb ist die Nachhaltigkeit schon aus rationalen Überlegungen heraus ein wichtiger Stützpfeiler der Mountain-Equipment-Philosophie. Was aber nicht heißt, dass ethische Prinzipien und Naturverbundenheit keine Rolle spielten – im Gegenteil, sie sind ebenfalls wichtige Motive.

Umweltmaßnahmen

Da die Daunen das Herzstück der Produktion sind, drehen sich logischerweise auch die Umweltmaßnahmen hauptsächlich um sie.

Nachhaltigkeits-Herzstück: Down Codex

Das Herzstück der Umweltmaßnahmen ist wiederum der Down Codex, ein von Mountain Equipment in Zusammenarbeit mit einer englischen Tierschutz-Organisation selbst entworfenes Prüfsiegel für nachhaltige Daunenproduktion. Das mag auf den ersten Blick aussehen wie eine Firma, die sich ihre Qualitätsmedaille selbst umhängt. Doch auf den zweiten Blick ist der Down Codex ein ambitionierter Anforderungskatalog an alle Beteiligten, der transparent gestaltet und durchaus überprüfbar ist.

Der Down-Codex bildet das Herzstück der Umweltmaßnahmen.

Der Down Codex soll sicherstellen, dass ausschließlich Daune aus artgerechter Aufzucht und Haltung in Mountain-Equipment-Produkten landet. Jedes Daunenprodukt erhält dabei einen eigenen Code, über den die gesamte Wertschöpfungskette auf der Webseite www.thedowncodex.de nachvollzogen werden kann. Diese Herstellungs-und-Lieferkette wird auch durch das International Down and Feather Laboratory (IDFL) mithilfe regelmäßiger, auch unangekündigter Kontrollen der Betriebe überwacht.

Die Lieferanten müssen jede Art von Tierquälerei ausschließen und folgende Richtlinien konsequent erfüllen: kein Lebendrupf, keine Zwangsmast, artgerechte Haltung und humane Schlachtung der Tiere. Die Richtlinien werden laut Mountain Equipment „seit 2010 auf unseren Farmen, in den Schlachthäusern und bei den weiterverarbeitenden Betrieben eingehalten.“

Auf der Seite Thedowncodex.de können Kunden den Code ihres Produktes eingeben und so die Herkunft der Daune bis zur Tieraufzucht nachvollziehen. Wer kein Produkt zur Hand hat, kann sich auf der Seite einen Beispielcode anschauen.

Die Herkunft der einzelnen Daunenarten kann man hier auf dieser Unterseite einsehen, inklusive Angabe des zuletzt erfolgten Audits in den jeweiligen Betrieben. Im anschließenden Tierschutz-Report gibt es unter anderem detaillierte Infos zu den Auditverfahren.

Durch die enge Zusammenarbeit mit dem unabhängigen, international tätigen Daunen- & Federn-Testlabor war Mountain Equipment nach eigener Auskunft „weltweit eine der ersten Firmen, die vor Ort in den Farmen, Schlachthäusern und weiterverarbeitenden Betrieben, Auditierungen vorgenommen hat. Dies steht im Gegensatz zu anderen Firmen, die sich auf Selbstzertifizierungen berufen oder auf schriftliche Garantien ihrer Zulieferer verlassen.“

Mountain Equipment hebt die umfassende Transparenz seines Reportings hervor. Es macht auch in der Tat einen transparenten und umfassenden Eindruck. Unter dem Menüpunkt „Ongoing Process“ findet ihr regelmäßige Aktualisierungen.

Der nächste Schritt: Down Cycle

Das Down Cycle Recyclingprojekt ist als nächster Schritt in Richtung Nachhaltigkeit gedacht. Glücklicherweise lässt sich Daune so gut recyceln, dass es sehr viel ökologischer ist, als neue Daune zu gewinnen. Der Hauptgrund dafür ist weniger der entstehende „Daunenmüll“, sondern vor allem der hohe Wasser- und Ressourcenverbrauch bei der Gewinnung. Hier setzt die Recycling-Anlage der Mountain-Equipment-Produkte an, indem sie auf Solarenergie und Wassergewinnung aus der Wasserrecycling-Anlage setzt. Das Daunenrecycling in dieser Anlage spart 70% Wasser im Vergleich zur Gewinnung neuer Daune.

Diese Jacke (Triton Jacket) ist Teil der Downcycle-Serie.

Die Produkte aus der Down Cycle Serie werden aus 100% recycelter Daune und 100% recyceltem Innen- und Außenmaterial hergestellt. Das langfristige Ziel ist, „ein geschlossenes Recyclingsystem für Daunenbekleidung und Daunenausrüstung zu etablieren, damit gebrauchte Produkte wiederverwertet und nicht weggeworfen werden.“ Gebrauchte, nicht mehr zu reparierende Mountain Equipment Daunenprodukte sollen dann vollständig eingesammelt, recycelt und für die Produktion neuer Daunenprodukte verwendet werden. „In England haben wir schon damit begonnen, recycelte Daune aus gebrauchten Produkten, die nicht mehr zu reparieren sind, zu verwenden. In Deutschland gab es 2019 eine große Sammelaktion alter, nicht mehr benötigter Daunenprodukte. Auch einige Fachhändler unterstützen das Projekt mit Daunensammlungen in ihren Läden.

Beispiele aus der Downcycle-Serie sind:

Die erwähnte Aktion in Deutschland war eine Zusammenarbeit mit der Jugend des DAV. Zu deren Jubiläum “100 Jahre Jugendarbeit im Deutschen Alpenverein (DAV)” haben Jugendliche 100 Tage lang, von 23. März bis 30. Juni 2019, gebrauchte, nicht mehr benötigte Daunenprodukte gesammelt. Am Ende kamen fast drei Tonnen Daunen zusammen, die, statt in den Müll zu wandern, nun u.a. als Isolationsmaterial in JDAV-Daunenwesten wiederverwendet werden.

Wichtiger als einzelne Projekte ist jedoch die Zusammenarbeit mit dem französischen Unternehmen re:down, dass die Gewinnung von Daunen aus alten Produkten industriell betreibt. Die meist aus Decken, Kissen und Polstermöbeln gesammelten Daunen und Federn werden gewaschen, sterilisiert und sortiert. Nur ein sehr geringer Teil dieser Daunen ist qualitativ hochwertig genug, um in die Mountain-Equipment-Recyclingprodukte zu gelangen. Der größte Teil wird erneut für die Herstellung von Bettdecken verwendet. Bezugsmaterialen werden geschreddert und zu Dämmstoffen verarbeitet, aus Federbruch wird organischer Dünger hergestellt. Letztlich „entsorgt“ werden nur Knöpfe und Reißverschlüsse, die ca. 5% des Ausgangsgewichts darstellen.

Mehr Effizienz durch Beteiligung

Ein wichtiger Erfolgsfaktor für das Projekt Down Cycle ist die Kundschaft – denn nur wenn die Käufer ihre alten Daunenprodukte zum Recycling bringen statt in die Tonne zu werfen, kann der Kreislauf in Gang kommen. Mountain Equipment bietet eine Rücknahme seiner Produkte an.

Wie fast immer sind also alle „Mitspieler“ gefragt, wenn es um echte Nachhaltigkeit geht. Mountain Equipment will seinen Einsatz erhöhen, indem es den Anteil Down-Codex-zertifizierter Daune am Recyclingkreislauf kontinuierlich erhöht. Bislang ist es nicht möglich, die Daunenherkunft all der verschiedenen Ursprungsprodukte zu überprüfen. Was aber sicher gestellt ist: Bei der Gewinnung zertifizierter Daune musste kein Tier unnötig leiden.

Soziale Nachhaltigkeit: Fair Wear Foundation

Die Fair Wear Foundation kennen Basislager-Leser schon aus zahlreichen Firmen- und Nachhaltigkeitsportraits. Diese unabhängige und renommierte Non-Profit-Organisation arbeitet weltweit mit Marken, Händlern und Produzenten zusammen, um die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zu verbessern. Hauptinstrument sind regelmäßige Audits und Überprüfungen der Arbeitsbedingungen und Sozialstandards in Produktionsbetrieben. Dabei werden Mitarbeiter sowohl außerhalb der Produktionsstätte als auch am Arbeitsplatz ohne Anwesenheit des Managements befragt und über ihre Rechte informiert.

Mountain Equipment hat sich als Mitglied verpflichtet, „in allen Produktionsstätten den strengen Kodex (Code of Labour Practices) der FWF umzusetzen und damit höchste Standards für sozial gerechte Arbeitsbedingungen zu erfüllen.“ Dass dies sehr gut gelingt zeigt der „Leader Status“, den Mountain Equipment im Mai 2019 zum dritten Mal in Folge erhielt. Er ist die höchst mögliche unter den drei Mitgliederkategorien der FWF. „Um diesen Status zu erreichen, müssen Hersteller hohe Auflagen erfüllen und sich intensiv mit ihren Produktionsstätten auseinandersetzen.

Als „soziales Engagement“ könnte man die Mitgliedschaft von Mountain Equipment in der European Outdoor Conservation Association (EOCA) betrachten. Da sich der Einfluss von Mountain Equipment auf Tätigkeiten und Nachhaltigkeitseffekte der Organisation von hier aus nicht einschätzen lässt, soll sie hier nur am Rande erwähnt werden.

Mediales Feedback

Als reines Bergsportlabel ohne Ambitionen auf Lifestyle, Urban-Streetware und andere Massenmärkte ist Mountain Equipment nur in „Fachkreisen“ präsent. Und in ausgewählten Verbraucherportalen wie Utopia.de, wo die Briten mehrfache, überwiegend positive Erwähnung finden. So empfiehlt das Nachhaltigkeitsportal Mountain Equipment in einem Artikel als Bezugsquelle für Daunenjacken ohne Lebendrupf und Stopfmast. Dort wird auch erwähnt, dass alle Kleidungsstücke und Schlafsäcke der Firma den Down Codex erfüllen. Etwas kritischer berichtet Utopia in einem anderen, allerdings schon vier Jahre alten Artikel über die verschiedenen Daunenzertifizierungen. Deren Zahl war und ist durchaus beachtlich. Der Down Codex wird unter den firmeneigenen Standards erwähnt und kritisch beleuchtet:

Der Down Codex hat allerdings – neben der Tatsache, dass es keine unabhängige Prüfinstanz gibt, sondern die Kontrollinstanz IDFL und der Hersteller Mountain Equipment in einer Geschäftsbeziehung stehen – auch Schwächen. So werden die Vor-Ort-Inspektionen der Zulieferer derzeit angekündigt und lediglich alle 3 Jahre durchgeführt.

Als besonders vertrauenswürdige Siegel werden im Artikel der Global Traceable Down Standard (Global TDS) und der Responsible Down Standard (RDS) hervorgehoben.

In einem weiteren Artikel vom Juli dieses Jahres wird Mountain Equipment erneut als empfehlenswerte nachhaltige Marke für Schlafsäcke genannt. „Die Daunen von Mountain Equipment sind wie bei Patagonia zu 100 Prozent ein Nebenprodukt der Fleischherstellung und stehen unter dem firmeneigenem „Down Codex“.“

Das Bergmagazin Alpin hob Mountain Equipment in einem Rückblick auf die ISPO 2018 lobend als nachhaltigen Produzenten hervor:

Der Daunenspezialist Mountain Equipment bringt im Winter 2018 das „Earthrise Jacket“ auf den Markt. Die Jacke ist gefüllt mit 100% recycelter Daune, auch das Außernmaterial besteht aus wiederverwerteten Stoffen. Das „Earthrise Jacket“ bildet den Anfang der Produktreihe „Projekts Earthrise“.

Ebenfalls anerkennend berichtet im Mai dieses Jahres das Branchenportal SAZ-Sport über eine weitere, deutschlandweite Sammel- und Recyclinginitiative, diesmal in Zusammenarbeit mit einem Outdoor-Fachhändler.

Fazit: Wenn Mountain Equipment den eingeschlagenen Weg beibehält und die angekündigten weiteren Schritte umsetzt, kann man für den Bereich der Daunenprodukte von einem ambitionierten, ehrlichen und erfolgreichen Nachhaltigkeitskonzept sprechen. Zu den angekündigten Schritten zählt neben der erwähnten Intensivierung des Recyclingprogramms auch das Bestreben, die Lieferketten immer einfacher und übersichtlicher zu machen, um mögliche „Nachhaltigkeitslücken“ zu schließen.

Von Perfektion in Sachen Nachhaltigkeit kann dann allerdings noch keine Rede sein. Denn was die Nicht-Daunenprodukte wie Jacken, Isomatten und Rucksäcke angeht, lässt sich bislang noch kein nennenswerter Fokus auf Umwelt und Nachhaltigkeit feststellen. Dazu fällt mir ehrlich gesagt nicht viel ein. Außer vielleicht ein leicht abgewandeltes Zitat eines großen Menschheitsführers: wer perfekt nachhaltig und widerspruchsfrei lebt, der werfe den ersten Stein.

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