Badezimmer, W-Lan, Daunenduvets: ein Plädoyer gegen die Hotel-Hütten

12. Juni 2019

Folgendes liest man mittlerweile in allen Medien: Wir müssen Ressourcen schonen und Energie effizienter nutzen. Wir müssen „nachhaltig“ und „ganzheitlich“ denken und wir müssen „achtsamer“ mit „Mutter Erde“ umgehen. Wir müssen unseren Müll reduzieren und unsere Konsumgewohnheiten ändern.

Dann liest man aber auch Folgendes: Wir müssen die Hütten der Alpen mit Hotelkomfort ausstatten. Ja gut, vielleicht werden dadurch ein bisschen mehr Energie und Ressourcen verbraucht, mehr Müll und Abwasser erzeugt, das konsumistische Anspruchsdenken im Bergtourismus bestärkt und vermutlich auch für mehr Verkehrsaufkommen in den Alpen gesorgt. Aber wir müssen nun mal auf veränderte Bedürfnisse reagieren und dürfen uns nicht starrsinnig dem Lauf der Zeit verschließen.

Die Menschen benötigen heute ein eigenes Zimmer, eine durchgängig erhältliche Speisekarte, Duschen, jederzeit warmes Wasser und einwandfreies Internet. Wir dürfen schon aus gesundheitlichen Gründen niemandem mehr diese unhygienischen Filzdecken zumuten und müssen sie durch kuschelige Daunenduvets ersetzen, die für jeden Gast gewechselt und gewaschen werden. Kurz und gut: dass wir erneuern und ausbauen bis die Schwarte kracht und dabei natürlich auch das Preisniveau der Hütten an den Hotelstandard anpassen ist alternativlos.

Was ist besser an den neuen Hütten?

Was müssen Berghütte heute bieten oder auch nicht bieten?

Nun, die frisch geduschten und vom glutenfreien Menü gestärkten Influencer können jetzt endlich ohne Zeitverlust den wartenden Followern ihre neuesten Berg-Selfies servieren. Und ihren schon mit den Hufen scharrenden Bloglesern diese Supergeheimtipp-Insidertour quasi live vor Ort posten.

Okay, okay, das war natürlich nur die polemische Zuspitzung eines Nörglers. Die Gäste brauchen den Luxus und die Netzabdeckung allein schon aus Sicherheitsgründen. Der Wetterbericht muss geprüft, die Lawinenlage sondiert und die Tour geplant werden. So etwas ist heute wegen Zeitmangels nicht mehr vom Tal oder von zuhause aus möglich. Abgesehen davon, dass solche „Steinzeitmethoden“ unpräzise und unverantwortlich waren: es kommt am Berg auf Meter, auf Minuten, auf Echtzeit und auf Milliliter pro Quadratmeter an. Ach so, und die nächste Hütte muss ja auch noch gebucht werden. Das geht bald nämlich auch nur noch online. Willkommen im Hochgebirge 2.0!

Wo liegt das Problem mit den neuen Hütten?

So, das Intro ist vermutlich doch wieder polemischer geraten als erlaubt. Ich verspreche aber, dass ab jetzt seriöse Sachlichkeit waltet. Also, ganz sachlich, worin sehe ich das Problem der schönen neuen Hüttenwelt? Mir scheint es weniger in der wohl eher überschaubaren Umweltmehrbelastung zu liegen. Dass die Monte Rosa Hütte ihre steigenden Abwassermengen einfach in die Natur ableitet, wird nicht zur Katastrophe führen. Und mit etwas „grüner Technologie“ wird man das auch sicher schnell in den Griff kriegen.

Das Problem dürfte eher die Denke hinter diesem neuen Luxusimperativ sein: die ist nämlich von einem ständigen Steigerungs-, Update- und Optimierungseifer beherrscht, der mittlerweile zum Selbstzweck geworden scheint und nicht mehr weit weg ist von diesem alten Eroberungs- und Kontrolleifer. Und das Bequem-konsumieren-wollen der Berge ist ziemlich nah dran an diesem früheren Herrschen-wollen über sie. Hier kommen Dinge wieder hoch, die man längst meinte abgelegt zu haben. Klingt vielleicht nach steiler These, doch es wird gleich noch mit Beispielen untermauert.

Jedenfalls ist die aktuelle Hüttenentwicklung nicht so innovativ, wie sie gern dargestellt wird. Im Gegenteil, gerade umgekehrt wäre es mal etwas wirklich Neues: eine freiwillige Selbstbeschränkung nämlich, die zur Abwechslung mal nicht dem Machbarkeitsdrang nachgibt. Aus Respekt gegenüber den Bergen. Das hieße, man belässt es bei einfacheren Hütten mit geringerem Komfortstandard und möglichst wenig Stahl und Beton. Solche Hütten lassen nämlich einen Rest von direktem Kontakt mit der Natur und vermitteln so auch mehr Respekt.

Die „neuen Hütten“ verstärken eher die Entfremdung und bauen den Respekt weiter ab. Vor allem bei den jungen Menschen, die mangels Vergleich zu früheren Zeiten gar nicht wissen können, was ihnen entgeht. Ihnen nimmt man damit auch eine weitere Möglichkeit, mal unkonfektionierte Erfahrungen und Erlebnisse zu haben. Anschließend wundert man sich, dass sie den Wert von unverbauter Natur nicht erkennen können …

Sind „einfache“ Berghütten bald ein Relikt der Vergangenheit?

Die vollvernetzte Zivilisationsblase, in der alles reguliert, nummeriert, planbar und vorhersagbar ist – die schiebt man mit den Hüttenhotels weiter in die Alpen hinein. Man muss mittlerweile schon wirklich gut recherchieren oder sehr weit laufen, um noch „wilde Erlebnisräume“ zu finden. Nicht mehr lange und man wird „wilde Hütten“ nur noch mit aktiver Recherche und speziellen Führern wie dem von Mountain Wilderness finden.

Dass in diesem Führer gerade einmal 20 Stück unter den vielen Hundert Alpenvereinshütten vorgestellt sind, dürfte übrigens ein indirekter Hinweis sein, dass die Modernisierungswelle nicht punktuell, nicht geplant und nicht sinnvoll abgestuft über die Alpen rollt, sondern einfach vollgas und auf Teufel komm raus. (Oder weiß jemand etwas von einem Plan oder Konzept dahinter? Ich konnte bei der Artikelrecherche nichts entsprechendes finden).

Wie denken die „Fortschrittsfreunde“?

Ein extremes, aber vielleicht gar nicht so seltenes Beispiel für „Touristikerdenke“ dürfte Thomas Auer, Wirt der zum Hotel upgedateten Höllentalangerhütte, sein. Auer ist der Meinung, die Berge seien „dafür da, dass sie dem Menschen dienen.“ Das klingt aber statt nach Fortschritt eher nach Altem Testament. Auch da war die Natur idealerweise des Menschen Untertan.

Allerdings kann man den Hüttenwirten die Befürwortung der Modernisierung am wenigsten vorwerfen. Sie können mit dem aktuellen Finanzierungsmodell nichts an den bloßen Übernachtungen der Gäste verdienen und sind so quasi gezwungen, möglichst viel touristisches Programm zu veranstalten, wenn sie von der Hüttenbewirtschaftung leben wollen.

Es gibt aber auch Fortschrittfans, für die jeder, der die Entwicklung nicht bejubelt, ein spießiger „Giebeldachtraditionalist“ und „Geranienromantiker“ ist. So geschrieben hier in der Süddeutschen in einer Hymne auf das neue Seethalerhaus am Dachstein. Der Artikel preist dessen überlegene Technik und kanzelt die verfallene alte, kleine und einfache Vorgängerhütte als unzulänglich, kümmerlich und erbärmlich ab. Man feiert die „Umweltfreundlichkeit“ der hochkomplexen neuen Hüttentechnologie mit Miniblockheizkraftwerk, Brauchwasser-Tanklagern und Photovoltaikanlagen und vergisst dabei, dass der ganze Hightech-Aufwand ohne die konsumistische Anspruchshaltung gar nicht nötig wäre. Es passt zu diesem „Ökotempel“, dass sein Unterboden als Antwort auf den schwindenden Permafrost mit Beton verschlossen wurde.

Auch wenn er jetzt in grün daherkommt, hat der Technozentrismus nach wie vor die alte Neigung zu Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. Und ist nicht gerade diese Technikeuphorie irgendwie „von vorgestern“? Hat nicht gerade sie die Umweltprobleme mit verursacht, die man jetzt mit all dem Aufwand zu lösen meint?

Bitte das nun nicht als Technikfeindlichkeit verstehen. Technologie hat ihren sehr berechtigten Platz in vielen Bereichen und sollte auch stets weiterentwickelt werden. Aber eben nicht überall. Es müssen nicht die hintersten Winkel der Berge als Bühne für Großtaten von Ingenieuren und Architekten dienen. Dafür ist doch im „zivilisierten“ Rest der Welt genug Platz.

Die „neuen Bedürfnisse der Gäste“: Woher kommen die eigentlich?

Gegen den sinnvollen Einsatz von Technik hat sicher niemand etwas.

Wenn der „Hotelausbau“ begründet wird, ist von einem „veränderten Anspruchsprofil der Gäste“, dem man „gerecht werden muss“ die Rede. Es ist das Hauptargument in dieser Sache. Es ist aber alles andere als neu: mit „unabwendbaren“ Bedürfnissen und Entwicklungen wurden Erschließungs- und Bauprojekte in den Alpen seit eh und je begründet. Neu ist nur, dass in der Hüttencausa auch die Alpenvereine in den Chor einstimmen. Beim Schweizer Alpenclub beruft man sich auf Umfragen, nach denen sich 57 Prozent der Wanderer wünschen, auch in der SAC-Hütte im Internet surfen zu können.

Das sind zwar Viele, aber die absolute Mehrheit ist das bei weitem nicht. Außerdem sollten wir doch als Kinder gelernt haben, dass nicht jeder Wunsch immer erfüllt werden kann oder muss.

Es sind auch keineswegs alle Hüttenwirte begeistert von den neuen Hotelhütten. Susanne Brand, Hüttenwartin der Gaulihütte im Berner Oberland, ist im Interview mit dem Schweizer SRF der Meinung, die Hütten des Schweizer Alpenclubs böten „heute einen Service, welcher die Gäste anspruchsvoller – und eben auch egoistischer machen würde.

Man achte auf das Wörtchen machen. Es widerspricht der herrschenden These, die neuen Hüttengäste seien a priori anspruchsvoller und man müsse sich dem eben anpassen. Erweist sich diese Alternativlosigkeit am Ende noch als Eigenkreation? Ist es gar erst der Ausbau der Hüttenstruktur, der die Gäste anspruchsvoller macht und eine zunehmend verwöhnte Klientel in die Berge lockt? Beim SRF scheint man das jedenfalls so zu sehen:

Mit der Modernisierung der Hütteninfrastrukturen verändert sich auch die Gästestruktur. Immer mehr Wandergruppen wählen gut erreichbare Hütten als Endziel ihrer Tour und lassen den Abend gemütlich ausklingen.

Moralische Trümpfe: das Sicherheitsargument und die Demokratisierung der Berge

Doch keine Sorge, selbst wenn sich die gottgegebene Nachfrageänderung als Luftnummer erweist, bleiben immer noch die „Sicherheit“ als Argument. Sie wird vor allem dann bemüht, wenn Wege betoniert und verdrahtet oder spektakuläre Hängebrücken quer über schmelzende Gletscherzungen gezogen werden. Denn wegen der schmelzenden Gletscher und dem tauenden Permafrost ist das Berggelände an vielen Stellen schwieriger und gefährlicher geworden. Ganz richtig, doch ist das ein Argument dafür, dieses Berggelände im Sinne tourismusgerechter Sicherheit umzugestalten? Der Mensch könnte sich doch auch an die Veränderungen des Gebirges anpassen, anstatt das Gebirge mit Stahl und Beton anzupassen. Dann gäbe es in manchen Gebieten eben ein paar weniger Hütten. Es würden dann trotzdem immer noch genügend Orte übrig bleiben, an denen anspruchsvollere Gäste die Bergwelt ohne zu große Anstrengungen und „Entbehrungen“ genießen könnten.

Die ständigen Ausbauten hingegen ziehen, vor allem durch spektakuläre Facebook- und Instagramfotos, weitere Menschenmassen in Berggelände, welches unverbaut ein gewisses Maß an Erfahrung und Können erfordern würde. Weitere „notwendige“ Verbauungen sind da nur eine Frage der Zeit. Und jetzt kommt die Moral-Trumpfkarte: wer kann denn bitte schön gegen die Sicherheit von Bergtouristen sein?

Bergromantiker, Mountain Wilderness und andere Spaßbremsen

Schauen wir noch kurz auf die (wenigen?) Gegner der schönen neuen Hüttenwelt. Sind diese „Bergromantiker“ nicht naive Traumtänzer von vorgestern? Oder elitäre Eigenbrötler, die die Berge exklusiv für sich haben wollen? Was ist sie denn wirklich, diese ominöse Bergromantik?

Genau weiß ich das auch nicht, aber meiner Meinung nach ist sie eine Stimmung, die in den Bergen aus der Schönheit und einem gewissen Gefühl von Abgeschiedenheit entsteht. Es ist das Gefühl von Abenteuer und von „aus der Zeit herausgehoben sein“. Sie kann allerdings nur entstehen, wenn Alltag und Zivilisation in eine gewisse Entfernung gerückt sind.

Auf den Hütten entsteht durch sie auch ein gewisses Gemeinschaftsgefühl, eine gegenseitige Rücksichtnahme und eine besondere Atmosphäre, in der man schnell ins Gespräch kommen kann. Diese Dinge gehen mit dem Konsumismus und der Fixierung aufs Smartphone ganz sicher „flöten“. Einfach weil die Hüttengäste „dank“ gewohntem Komfort und gewohntem Aktivitätsmuster in der Zivilisationsblase mit ihrem mentalen Alltagszustand bleiben.

So in etwa scheint das auch Gotlind Blechschmidt vom Verein Mountain Wilderness zu sehen:

Full-Service rund um die Uhr oder Hüttenruhe?

Wir wollen in den Bergen abseits leben vom Normalen. Das Normale haben wir ja zu Hause. Wir haben Duschen, wir haben alles. Aber die Entspannung und wirklichen Urlaub, das empfindet man nur, wenn man anders lebt.

„Entspannung“ und „Urlaub“ wären demnach nicht unbedingt mit „Full Service rund um die Uhr“ gleichzusetzen …

Ein Kompromiss?

Es ist nichts prinzipiell gegen komfortable Urlaubsmöglichkeiten in den Bergen einzuwenden. Es ist aber falsch, die vom Tal gewohnte Bequemlichkeit flächendeckend bis in die oberen Etagen des Hochgebirges einzuführen. Auch wenn man das mit edlen Motiven wie Umweltschutz, Sicherheit oder „Demokratisierung“ des Bergerlebnisses begründet.

Man sollte den Ausbau auf Hütten beschränken, die sich in den stärker frequentierten und erschlossenen Gebieten befinden. Sonst zieht der flächendeckende Ausbau eine weniger bergaffine, dafür aber zahlungskräftigere Klientel in immer abgelegenere und höhere Naturräume. Man sollte vielleicht auch das Bezahlmodell der Hüttenwirte überdenken.

Oder gleich die Problemlösung

Wie gesagt sollen ja die Hüttengäste von heute wie selbstverständlich davon ausgehen, dass hoch oben am Berg das gleiche Komfortniveau herrscht wie im Tal. Doch wenn es eher umgekehrt wäre und das Anspruchsdenken erst mit dem immer luxuriöseren Infrastrukturausbau samt dessen ständiger Promotion erst so richtig hochgezüchtet wird? Dann könnte man doch mit etwas  realitätsbezogener Gegenaufklärung an Ort und Stelle des Geschehens relativ einfach gegensteuern.  Man bräuchte nur große, signalfarbene Warnschilder an den Seilbahntalstationen und Parkplätzen aufzustellen.

War das jetzt schon wieder polemisch? Gut, vielleicht ein bisschen. Aber es gibt ja auch Schilder, die vor dem Betreten von Gletschern mit High Heels oder vor Absturzgefahr bei Selfies warnen. Da denkt man doch auch erstmal, das sei Satire …

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Bergschnecke sagte am 12. Juni 2019 um 15:48 Uhr

    Ich lese ähnliche Kommentare immer wieder und sie haben eine gewisse Berechtigung.
    Gleichzeitig treiben die Hütten da selbst das Anspruchsdenken gerade beim WLan voran.
    Kaum eine Hütte kann man per Telefon vorab reservieren. Also in der einen Hütte die nächste für den Folgetag.
    Alle nur noch über ein Internetbuchungsportal und dafür braucht es eben Internet.

  2. Jörn sagte am 13. Juni 2019 um 09:57 Uhr

    Klar – diesen Punkt darf man natürlich auch nicht außer acht lassen. Man gewöhnt sich schnell an einen Standard und die Hüttenwirte müssen natürlich auch sehen, wie sie ihre Brötchen verdienen. Vielleicht schafft es unser Beitrag ja, dass vielleicht der eine oder andere etwas umdenkt und wir nicht in Zukunft im Whirlpool auf 2500 m die Bergwelt genießen.

    LG und danke für deine Meinung,

    Jörn

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