Mein bester Bergfreund

Mein bester Bergfreund: Im Land der Träume

6. Oktober 2016

Sportart

Es ist irgendwann mitten in der Nacht im Brandner Tal auf dem Parkplatz einer Seilbahn, deren Namen ich nicht kenne. Ich liege wach, Regentropfen fallen in mein Gesicht. Zum Glück bin ich warm in Schlaf- und Biwaksack eingehüllt. Ich taste nach meinem Zeug das unter dem Auto liegt. Sehr schön, immer noch trocken. Neben mir schnurrt mein bester Bergfreund Chris wie eine Katze. Ich beneide ihn, dass er schläft. Krampfhaft versuche ich meine Augen zu schließen. Soll ich Schafe zählen oder Regentropfen? Schwupp, bin ich im Land der Träume ….

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Mein Traum trägt mich ein paar Jahre zurück in meine wilde Studentenzeit ins ferne Saastal. Mittlerweile ist es Nacht geworden auf der Almageller Hütte am Fuße des Weißmies’. Der Wecker klingelt früh, daher ist „Ins Bett Geh Zeit“. Wir befinden uns bereits am Ende der Hochtourensaison. Auf der gemütlichen Berghütte ist kaum mehr Wasser vorhanden. Deswegen sind die Klos in der Hütte gesperrt und für das zu verrichtendes Geschäft müssen Chris und ich die Plumpsklos außerhalb der Hütte benutzen. Nach kurzem Fußmarsch sind diese erreicht. Hinter uns im Zwielicht der sternenklaren Nacht grüßt bereits der Weißmies. Am nächsten Tag soll das mein erster Viertausender werden. Es weht ein kräftiger Wind. Die zwei Loki liegen direkt nebeneinander. Meine Türe lässt sich verschließen, Chris’ Türe leider nicht und so zieht er sie nur zu.

Plötzlich und unvermittelt weht eine heftige Böe über die Plumpsklohäuschen hinweg. Chris’ Türe schwingt auf, prallt gegen die Meine. Deren Schloss springt auf und auch meine Tür steht offen. So begibt es sich, dass Chris und ich, im gemeinsamen Geschäft verbunden, jeder in seinem Plumpsklohäuschen sitzend, mit freiem Blick in die sternklare Nacht hinaus blicken. Im Dämmerlicht grüßt die Mischabelkette auf der anderen Talseite zu uns herüber. Tausende Sterne funkeln am Firmament. Wir sitzen auf unseren Thronen und genießen diesen erhabenen Moment voller Mystik. Am nächsten Tag schließlich genieße ich mit Chris einen der schönsten Momente in meinem Leben – das erste Mal über der magischen 4.000 Meter Grenze. Da erinnere ich mich zurück an unser abendliches Geschäft und denke mir, dass es diese gemeinsamen Erlebnisse sind, die einen unweigerlich zusammenschweißen; und letztendlich unbedingtes Vertrauen, sonst könnte man Defäkieren bei offener Türe wohl nicht genießen und gemeinsam hohe Berge bezwingen.

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Irgendwo fährt ein Nachtschwärmer durch’s Brandner Tal, stört die Stille aus Regen und Wind und reißt mich aus dem Land der Träume. Ich bin wieder im Hier und Jetzt. Chris schlummert immer noch vor sich hin. Ich dreh mich mal auf die andere Seite. Ich gähne ausgiebig und lande wieder in Morpheus Armen ….

Der Gott der Träume bringt mich wieder ein paar Jahre zurück. Meine wilde Studentenzeit ist vorbei, ich bin verheiratet. Und Chris steht kurz vor seiner Hochzeit. Es ist ca. 2:30 Uhr am morgen, irgendwo in Untertürkheim. Ani, die Verlobte, ist zum Glück vorgewarnt, dass heute mitten in der Nacht die Türklingel schreit. Bevor Chris erwachsen und weise wird, muss er mit mir noch mal was Blödsinniges machen. Ich habe die letzten Tage die Wetterberichte durchforstet und geprüft was als Tagestour machbar und spannend ist. Meine Wahl fiel auf den Säntis. Chris schaut mich etwas skeptisch und unglaublich verschlafen an, als ich in der Türschwelle stehe und ihm sage: „Pack dein Zeug, wir machen eine anspruchsvolle Tageswanderung in den Alpen.“ Begleitet von einigem „Hmmm“ und „Oh Gott, oh Gott“ hat er ratzfatz sein Zeug zusammen und es kann losgehen. Chris hat noch keine Ahnung wohin es geht. Spätestens in Kreuzlingen dämmert es ihm aber und die Vorfreude steigt. Super, so soll’s doch sein an seinem Junggesellenabschied. Chris in rosa Hasenkostüm auf der Stuttgarter Königsstraße könnte ich mir auch nicht vorstellen – wobei, er würde bestimmt auch da ne gute Figur machen. Blödsinn, da passt eine gemeinsame Bergtour doch viel besser.

bergfreund_-5Der Tag am Berg ist toll, würzig und durchaus anspruchsvoll. Vom Säntis geht’s zum Altmann. Am Gipfel des Altmanns sitzen wir und genießen die Aussicht. Hier stellt sich eines der Phänomene ein, die ich mit Chris so sehr zu schätzen weiß. Wir können nebeneinander am Gipfel sitzen, still, schweigend, genießend – und doch fühlen wir uns so verbunden und vertraut. Schweigen ist Gold und nicht peinlich. Es sind diese Momente, die eine tief verbundene Bergfreundschaft ausmachen, auch wenn sie nur wenige Sekunden oder Minuten dauern. Der Tag wird schließlich gekrönt von einem gemeinsamen Bad in voller Montur im Bodensee – die Tour war ernst und wir müssen ja noch was Blödsinniges machen – Check.

Direkt vom Bodensee komme ich wieder in der Gegenwart an. Morpheus hat mich aus seiner Umarmung entlassen. Einen Wecker brauche ich heute nicht. Die Regentropfen reißen mich wie so oft in dieser Nacht aus dem Schlaf. Zum Glück – es dämmert. Auch Chris nestelt inzwischen in seinem Schlafsack rum. Kann der Kerl eigentlich überall schlafen? Eine der zahlreichen positiven Eigenschaften, die ich an ihm bewundere. Aufstehen, packen, Frühstücken, Abfahrt zum Parkplatz.
Wir haben wieder einmal eine gemeinsame Bergtour vor uns, ein rundum gelungenes Wochenende. Es stellt sich dieses wohlige Gefühl der Verbundenheit zwischen zwei Bergfreunden ein – egal ob im regnerischen Matsch runter vom Gafalljoch, am einfachen und vor allem ganz einsamen Gipfelkreuz auf dem Schafgafall, auf der Schesaplana, die eher einem Ameisenhaufen gleicht an diesem sonnigen Tag, oder beim „Gute Nacht“-Sagen im Matratzenlager.

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Ich kann hier gar nicht alle Anekdoten aus unserem gemeinsamen Bergleben erzählen. Da gäbe es noch so viel zu berichten. Mir kommen da nicht nur Bohrstockweitwurf, Kniekrankele oder Monstertrotti in den Sinn. Wer mehr darüber wissen möchte, kann mich gerne anhauen. Oder schnappt sich, wie ich, seinen besten Bergfreund und erlebt wunderbare gemeinsame Stunden in den Bergen.

In diesem Sinne danke ich Dir Chris und wünsche mir noch viele gemeinsame, spannende Touren mit einer gewissen Würze Blödsinnigkeit und Albernheit.

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