Made in China – inzwischen ein Qualitätsmerkmal?

17. Februar 2021

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Es ist noch nicht lang her, dass „Made in China“ für Plastik- und Elektronikkrempel stand, der nach einer handvoll Verwendungen reif für die Tonne war. Es gibt sie immer noch, die Imitate und den Schrott, doch deren Anteil wird immer geringer und durch immer wertigere und langlebigere Produkte ersetzt. Zudem produzieren die Chinesen immer mehr für ihren eigenen Bedarf. Das gilt nicht nur für Huawei-Handys und Magnetschwebebahnen, sondern auch für digitale Produkte. So hat China mit Alibaba sein eigenes Amazon und mit Weibo sein eigenes Twitter und Instagram.

Dieser Wandel ist auch in den Bereichen Textil und Outdoor zu beobachten. China ist auch hier nicht länger die Werkbank der Welt für eilig zusammengeschusterte Massenprodukte, sondern wird zum Produzenten für komplexe Hightech-Produkte. Und auch hier steigen Qualität und Funktionalität. Und auch hier fragen die Chinesen die Produkte zunehmend selbst nach. Längst gibt es eine Outdoor-Bewegung, die nicht mehr nur in großen Massen zu touristischen Pilgerzielen wandert, sondern auch individuell in der Natur und den Bergen unterwegs ist.

Das kann man auch an den Umsatzzahlen von Herstellern sehen, die hauptsächlich für den Binnenmarkt produzieren. So fertigt beispielsweise der Hersteller Kailas große Mengen an Seilen, Karabinern, Klettergurten und Hightech-Bekleidung für chinesische Bergfreunde. Hinzu kommen Zelte, Schlafsäcke, Matten und komplette Outdoor-Kollektionen für Frauen und Männer.

Teilweise kehren sich die einstigen Kräfteverhältnisse auch um, denn ein Siegel wie „Fabrics China“ steht heute nicht mehr für Preisdumping, sondern für Qualitätsstandards, auf die sich weiterverarbeitende Firmen voll verlassen können. Das Outdoor-Branchenmagazin ISPO schreibt dazu:

Während der Sportbereich in China wächst, steigt auch die Nachfrage nach leistungsfähigen Stoffen von anerkannter Qualität. Vor diesem Hintergrund stellen die schnellen Tests im China Textile Information Center (CTIC) sicher, dass Funktionsstoffe das Zertifikat „Fabrics China“ erhalten.

Mehr als zweihundert Hersteller sind Mitglied im CTIC, welches wiederum zum China Textiles Development Service gehört, einer Körperschaft für beschleunigte Tests und Akkreditierungen von verschiedenen textilen Leistungseigenschaften wie pflegeleicht, temperierend, schnelltrocknend oder UV-abschirmend. Erfolgreich akkreditierte Produkte werden mit dem Hängeetikett „Fabrics Chinaversehen.

Angesichts dieser Entwicklungen ist nachvollziehbar, dass viele „westliche“ Firmen längst nicht mehr nur wegen der niedrigen Preise in China produzieren (lassen).

China als Hotspot und Innovationstreiber in Sachen Textil

Während man China bislang eher Geschick beim Ideenklau als im Kreieren eigener Ideen nachsagte, sprudeln Letztere jetzt reichlich. Das liegt vermutlich an der ausgeprägten Wissbegier und dem hohem Bildungseifer – die wiederum mit straffer politischer Führung und eher geringen persönlichen Freiheiten zu tun haben dürften, denn harter Denksport ist in China vielleicht der einzige Weg zu mehr Selbstbestimmung.

Was auch immer die genauen Ursachen sind, die Früchte der Entwicklung sind im Bereich Textil und Outdoorequipment genauso zu sehen wie im Technologiesektor. Ein gutes Beispiel für chinesische Innovationskraft liefert das Biotechnologieunternehmen Cathay, dass die fossilen Ausgangsstoffe von Funktionstextilien durch Mais ersetzen will. Weitere Beispiele für Firmen aus dem Osten, die auch im Westen als innovativ und nachhaltig geschätzt werden, sind neben dem oben erwähnten Hardwareproduzenten Kailas die Brands TengFei und 361°. Mit der Yarn Expo Shanghai hat China auch eine riesige Textil- und Modemesse als Schaufenster vieler einheimischer Hersteller aus den Bereichen Mode und Sport.

China als großer Absatzmarkt für Textilien und auch Outdoor-Produkte

Die chinesische Marke 361 Degree. CC: 361° Europe BV

Ein weiteres überholtes(?) China-Bild ist die alleinige Rolle als „Werkbank der Welt“, die enorm viel produziert, aber kaum selbst konsumiert. Nein, mittlerweile gilt China mit seinen fast 1,4 Milliarden Einwohnern als „sicher einer der weltweit spannendsten Märkte für die Sportindustrie“. Die Investitionen sind nicht nur in Bereichen wie Fußball gigantisch, sondern auch beim für Outdoorhersteller interessanten Wintersport. Das Interesse westlicher Firmen am Absatzmarkt China ist groß, doch wegen der enormen kulturellen Unterschiede tun sich viele internationale Marken laut ISPO-Magazin schwer im Reich der Mitte. Da braucht es schon echte Kenner wie den Chef der Tecnica Group Remigio Brunelli, der anhand von 6 Ratschlägen erklärt, wie der Marktzugang gelingen kann.

China wird aber nicht nur zum Absatzmarkt der westlichen Outdoorhersteller, sondern dreht auch hier den Spieß um und expandiert mit der eigenen Industrie nach Europa. Und das nicht erst seit gestern, sondern mindestens seit 2015, als die Marke 361° im Westen Läden eröffnete. Zum Angebot von 361° gehören vor allem Lauf- und Trainingsschuhe, aber auch Wander- und Lifestyle-Schuhe sowie Bekleidung für Frauen und Männer zu überwiegend moderaten Preisen.

Europäische Verarbeiter und Fabriken in China

Remigio Brunelli lebt seit mehr als 15 Jahren in China. Er kam zu dem Zeitpunkt, als auch die Messe München mit ihrer ISPO erstmals in Peking auftrat. Seitdem ist der China-Chef der Tecnica Group zu einem der angesehensten Experten der internationalen Sportindustrie für das Reich der Mitte geworden. Die Marken der Tecnica Group machte er zu „Top-Performern“ im chinesischen Markt.

Dabei lösen Tecnica und viele andere Outdoorfirmen aus dem Westen auch die klassische „Arbeitsteilung“ auf – welche bekanntlich darin bestand, dass Stoffbahnen und andere einfache Ausgangsprodukte in Fernost hergestellt wurden, während das finale „Zusammenschneidern“ zu komplexen Produkten in der Heimat stattfand. Mittlerweile werden immer mehr Zwischenschritte bis zum finalen Feinschliff in China durchgeführt.

Die Marke Icebreaker lässt viele Verarbeitungsschritte in chinesischen Fabriken durchführen.

Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Icebreaker, der neuseeländische Merino-Spezialist. Icebreaker lässt auch die komplexen Verarbeitungsschritte in chinesischen Fabriken ausführen – und zwar nach eigenen Angaben auf hohem Nachhaltigkeitsniveau. Auf dem neuseeländischen Nachrichtenportal Scoop erschien dazu ein spannender weil kontroverser Mailaustausch zwischen Firmenchef Jeremy Moon und der Autorin Barbara Sumner Burstyn. Nach deren Vorwürfen, dass Moon und seine Firma eher Greenwashing denn echte Nachhaltigkeit betrieben, antwortet der „Angeklagte“ wie folgt (übersetzt mit DeepL.com):

Die 3 Fabriken, mit denen wir zusammenarbeiten, haben alle Wasserreinigungsanlagen, die Trinkwasserqualität ausgeben, zahlen 10-30% über dem Durchschnitt liegende Löhne, ernähren und beherbergen alle Mitarbeiter und haben null Schadstoffausstoß, da sie alle auf Strom basieren und extrem energieeffizient sind. Alle Lieferanten erfüllen den Umweltstandard ISO14001 (international höchster Standard) und die Stoffe entsprechen dem europäischen Umweltstandard ECOTEX1. Fast alles wird recycelt und wiederverwendet, wo es möglich ist. (…)

Ich stimme zu, dass es in China viel Schlechtes gibt, dasselbe wie in Neuseeland, wenn man danach sucht, aber in einem anderen Ausmaß, aber es gibt auch gute Sachen. Schauen Sie sich die Fabriken unter den neuen strengen Umweltgesetzen an, nicht nur die alten. Ich habe Zeit bei jedem unserer Zulieferer verbracht und die „saubersten“ sind in China. Was Sie sagen, stimmt also für das alte China, aber nicht für die Lieferanten von Icebreaker.

Indem Icebreaker nur das „neue“ China unterstützt, fördern wir einen positiven Wandel in einem Land, das ihn braucht. (…)

Klingt nicht schlecht, doch Sumner Burstyn kontert mit einem beeindruckend detaillierten und Quellen-unterlegtem Gegenbild. Hier nur beispielhaft ein Absatz aus der langen Antwort:

Ihr ’neues‘ China hat ein glänzendes, westliches PR-Gesicht, es macht umweltfreundliche Geräusche und einige kleine Anstrengungen, um das Gewissen von unruhigen Unternehmen wie Icebreaker zu beruhigen, aber unter dieser Fassade geht die Kontrolle, die Zensur, die schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen und die Zerstörung der natürlichen Welt, um unbegrenztes Wachstum (in einer endlichen Welt) anzuheizen, unaufhaltsam weiter. Darf ich vorschlagen, dass Sie das nächste Mal, wenn Sie in China sind, ein T-Shirt mit der Aufschrift ‚Support Fulong Gong‘ oder ‚Free Tibet‘ in chinesischen Schriftzeichen quer über die Brust tragen und sehen, wie das ’neue‘ China darauf reagiert.

Man staunt als Leser, wie weit die Wahrnehmungen auseinandergehen und wie schwer es offenbar ist, sich von außen ein wirklichkeitsgetreues Bild der Verhältnisse und Arbeitsbedingungen im Reich der Mitte zu machen. Hier steht wohl noch einiges an Entwicklung und Arbeit bevor, bis der Produktionsstandort China den Ruch der Undurchsichtigkeit ablegen kann (falls er es je tun wird oder überhaupt will …). Ein wichtiger Schritt dahin wären Zertifizierungen mit verlässlich-transparenten Siegeln wie Bluesign-Standard, Fair-Wear oder Responsible Down Standard.

China als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit?

Bisher konnten wir nicht alle, aber einige der eher negativ gefärbten China-Vorstellungen aufhellen. Ein letztes, wenig schmeichelhaftes Bild wäre noch, dass ein wesentlicher „Wettbewerbsvorteil“ Chinas bislang darin lag, dass Fabrikanten und Behörden kaum Rücksicht auf Umweltbelange und Gesundheitsaspekte nahmen. Und dass sie auf Abermillionen fleißige Arbeiter bauen konnten, die mit wenigen Rechte und geringen Ansprüchen ausgestattet waren.

Arc’teryx versucht durch Audits den Standard in den Produktionsstätten zu heben.

Hier sind vereinzelt große Fortschritte zu erkennen, aber längst nicht flächendeckend. Nach wie vor liegen beispielsweise von den weltweit am stärksten verschmutzten Millionenstädten die meisten in China. In der Outdoorbranche und der mit ihr verbundenen Textilindustrie sind die Anstrengungen schon aus Imagegründen sicher umfassender als in anderen Bereichen. So haben beispielsweise die meisten in China produzierenden westlichen Outdoorlabels Zertifizierungen und Audits eingeführt, mit denen die Standards vor Ort gehoben und gesichert werden sollen. Einige dieser Bemühungen haben wir hier im Basislager bei diversen Nachhaltigkeitsportraits schon näher beleuchtet (zuletzt beispielsweise bei Millet und Arc’teryx).

Wer konkrete Nachhaltigkeitsmaßnahmen und -Fortschritte der chinesischen Hersteller sehen will, wird auf den oben erwähnten Textilmessen in Shanghai fündig werden. Einige der dort gezeigten Beispiele finden sich im letztjährigen Bericht des Fashionnetworks:

Das Unternehmen Lily Textile entwickelte über das Projekt Green Defense einen leicht zu rezyklierenden antibakteriellen Polyester-Stoff, der die natürlichen Wirkstoffe von Mandeln und Zimt nutzt. Zu den Kunden von Hua Mao Nano-Tech zählen unter anderem Nike, Lee und Amer. Das Unternehmen verwendet Basalt, um das Wärmevermögen von Stoffen zu erhöhen und diese dennoch rezyklierbar zu machen. Denselben Weg schlug auch die Firma Nano Mintex aus Hongkong ein, die ihr antibakterielles Sortiment weiterentwickelte. Im gemeinsamen Pavillon EcoCosy präsentieren Zhonghuitex, Mingchen Textile, Heltin Textile und SF Fiber einen neuen Viskose-Stoff, der als nachhaltig angepriesen wird.

Der Recyclinggedanke und die Rücksicht auf begrenzte Ressourcen fassen demnach Fuß im Reich der Mitte. Bei den Arbeitsstandards gibt es sicher noch reichlich Nachholbedarf, doch wenn man den Vergleich zu vergangenen Billig- und Werkbank-Tagen zieht, ist auch hier viel positive Veränderung angestoßen worden. Von einer Vorreiterrolle zu sprechen, wäre jedoch fürs Erste noch ein wenig zu viel des Guten …

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