Bergfreunde

Lost in Translation oder: Nicht ohne meine Sicherungsmaschine!

28. März 2014

Sportart

Der Großvenediger im Sonnenschein

Unsere Kolumnistin Carolin auf dem Großvenediger

Wer klettert, der reist. Schon die Erfinder des Bergsportes mussten ihre flachen britischen Inseln verlassen, um sich in den Höhen der Schweizer Alpen austoben zu können. Heute trifft man Kletterbegeisterte aus aller Welt auch gerne in Thailand, der Türkei oder auf Kalymnos. Egal wo man ist, die Internationalität der Klettergemeinde ist nicht zu überhören. Es tönt der universelle Balkanruf „hajde! hajde!“ neben dem italienischen „vai!“, daneben schreit ein Franzose, es kann auch ein Schweizer sein, „allez, allez!“ Seitdem der Adam Ondra dem Chris Sharma seine La Dura Dura (5.15c) eingesackt hat, ist ein spanisches „venga, venga“ wohl den besonders Coolen vorbehalten. „Stick it!!! You got this!!“ hört man oft in den USA. Und was kommt von den Deutschen? „Sehr gut, vorwärts, Marsch?“ Ich gebe zu, ich weiss es nicht. Egal, was gebrüllt wird, man will seinen ausgepumpten Kletterpartner überreden, noch einmal alles zu geben.

Esperanto für Kletterer?

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Der sogenannte European Death Knot.

Gibt es eigentlich eine alpine Lingua Franca? Bergsport-und Kletterbegeisterte sind doch eine große Community, da sollte man sich doch einfach untereinander verständigen können. Von wegen. Ich habe Klettern in den USA gelernt. In meinem ersten Sommer in den Alpen kam ich mir vor wie ein Anfänger. Mir fehlte schlichtweg die Sprache. RopeSeil, ok, das bekam ich noch hin. Aber das ein anchor im Deutschen kein Anker sondern ein Standplatz ist, das musste ich erst einmal lernen. Und dann die Knoten! Kennt Ihr den EDK? European Death Knot! Das ist ein amerikanische Spitze gegen die Europäer, die es wagen, zwei Seile mit einem Sackstich zu verbinden.

Rosen, Tulpen, Mastwurf?

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Nelkenknoten, Sicherungsmaschine und dergleichen.

Ein HMS Karabiner ist im Englischen auch ein HMS carabiner. Aber den HMS nennt man dann doch lieber nach seinem Erfinder, und zwar einen munter hitch. Der Mastwurf wird im Englischen mit clove hitch bezeichnet. Rosen, Tulpen, Mastwurf – einleuchtend, der sieht ja eindeutig wie eine Nelke aus! Aber wenn die Deutschen aus dem bowline einen Bulin machen, ist das ja auch etwas provinziell. Übrigens, kein Amerikaner würde auf die Idee kommen, mit einem HMS zu sichern – womöglich noch in der Kletterhalle! Nur wer dusselig den Tuber (den Begriff habe ich übrigens zum ersten Mal in Deutschland gehört, hier sagen alle belay device), fallen lässt, dem bleibt vielleicht nichts anderes übrig. Aber zu Unterschiede in Klettertechniken komme ich ein anderes Mal.

Hast du keine eigene Kreide?

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Wer ungefragt in den Kreidesack „Bruno“ greift, wird gebissen!

Lieber zurück zum belay device: In einer Kletterhalle irgendwo in Mitteldeutschland überhörte ich mal einen Kletterlehrer, der sich spontan erklärte, zwei ausländische Anfänger auf Englisch zu unterrichten. Das ging auch so weit gut, bis er nach dem Wort für Sicherungsgerät suchte. “And then you take the…the…belaying machine and put the rope through.” Belaying machine! Ich musste mir das Lachen verkneifen. Klar –  liegt nahe! Belay device ist ja gar nicht so weit von der machine entfernt, aber das Ganze klang doch zu komisch. Das muss wohl auch einer meiner deutschen Kletterfreunde gedacht haben, als ich ihn neulich in der Kletterhalle höflich fragte, ob er nicht mal seine “eigene Kreide” mitbringen könne….

Do you abseil or rappel?

Englisch ist ja bekanntlich auch nicht gleich Englisch. Auf dem Weg nach unten zum Beispiel bevorzugen die Engländer to abseil (auch kurz: to ab or ab off), während die Amis es eher mit dem französischen rappel halten. Während der Engländer das belay auf der ersten Silbe betont („Could you give me a BE-lay?“ Klingt total süss.), fragt der Amerikaner nach einem be-LAY. Wer sich für mehr Kletterlingo interessiert, dem empfehle ich das Buch „The Climbing Dictionary“ von Matt Samet and Mike Tea. Da wird auch auf regionale Ausdrücke, Fremd- und Lehnwörter und Unterschiede im britischen und amerikanischen Englisch eingegangen.

Die Klettertour zu Babel

Auch die Routennamen im kroatischen Kletterparadies Paklenica sind multilingual.

„Franz, warum nicht do vrha?“ Ja, warum denn nicht zum Gipfel? Sprachwirrwarr im kroatischen Kletterparadies Paklenica.

Ob jetzt eine krümelige (?) Wand nach getaner Besteigung als chossy, manky oder mungy bezeichnet wird, ist das eine. Aber Kommunikationsschwierigkeiten beim Klettern können zu prekären Situationen führen. Eines schönen Sommers nahm ich mal eine Kletterstunde in Slowenien. Der Kletterlehrer sprach gut Deutsch. Thema der Stunde war anchor cleaning, Anker putzen, äh….Route abbauen, meine ich. Da hing ich also am Umlenker an einer Schlinge. „Das kleine Seil abmachen, Carolina, das KLEINE SEIL!“ schrie der Kletterlehrer herauf. Das kleine Seil? Der konnte ja nur die Schlinge meinen. „Ganz bestimmt nicht!“ schrie ich hinunter, darauf beharrend, dass es eine sehr dumme Idee sei, meine einzige Verbindung zum Standplatz zu lösen. So ging das eine Weile, bis sich der Kletterlehrer über einen Pfad zu mir nach oben begab. Von wegen „kleines Seil“ – was er meinte, war das Seilende (tail of the rope – Seilschwanz?), welches ich durch den Ring ziehen sollte. Fazit: Wer in multilingualen Teams klettert, sollte sich am besten VOR dem Klettern versichern, dass man sich präzise verständigen kann und sich am besten auf gemeinsame Kommandos einigen. Im Zweifel: zuerst denken, dann handeln.

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