Tipps und Tricks

Leichter klettern = besser klettern?

23. Juni 2014

Sportart

Was bleibt da, was geht mit?

Was bleibt da, was geht mit?

In der Outdoorbranche wird es langsam eng mit Innovationen. Die Jacken sind wasserdicht, atmen aber trotzdem und die Schuhe gleichen Hightech-Bollwerken an den Füßen, die trotzdem bequem sind. In Schlafsäcken kann man sich drehen und wenden und liegt trotzdem in der richtigen Temperatur Zone – und in schicken Farben gibt es die ganzen Sachen auch noch. Was sollen sich die Hersteller also noch ausdenken, wenn es schon alles gibt?

Eine Möglichkeit ist natürlich die bestehenden Produkte zu verbessern und in ihrer Funktion zu optimieren, eine andere ist, sie immer leichter zu machen. Denn obwohl wir Sportler sind und unser Sport, welche Disziplin auch immer, auf Bewegung basiert, viel tragen wollen wir nicht und wir möchten es gerne möglichst einfach und leicht haben.

Aber macht das auch Sinn? Ist leichter auch immer gleich besser? Vor allem beim Klettern, wo die eigene Gesundheit ganz wesentlich von der Belastbarkeit des Materials abhängt, sollte man sich diese Frage vielleicht hin und wieder stellen. Oder sinkt das Gewicht gar nicht auf Kosten der Sicherheit, sondern in erster Linie auf Kosten des Geldbeutels? Ich habe mich etwas umgeschaut.

Je nach Typ ist man geneigt, nach unterschiedlichen Kriterien sein Material auszuwählen. Dem einen ist sehr daran gelegen, seine Sachen möglichst lange zu haben, ein anderer steht auf den neusten Schrei und der nächste möchte bei aller Funktion auf jeden Fall schick aussehen. Seien wir froh, dass es diese unterschiedlichen Typen gibt, denn die Alternative wäre, dass wir alle gleich aussehen, die Hersteller alle das gleiche produzieren und Erbse hätte nichts worüber er zeichnen könnte.

Ich habe mir meine Ausrüstung angeschaut. Ich zähle mich zu den fortgeschrittenen Sportkletterern, kletter seit zehn Jahren viel in der Halle, regelmäßig aber auch draußen am Fels. Da aber das Bouldern meine eigentliche Leidenschaft ist, liegt mein Schwerpunkt bei Kletterausrüstung in der Haltbarkeit, denn dann kann ich häufiger neue Sachen fürs Bouldern kaufen. Ich bin also eine erfahrene Kletterequipmenteinkäuferin, die viel Wert auf Haltbarkeit legt und Funktion über Design oder Innovation stellt. Außerdem verwende ich meine Sachen auch noch für Sportarten wie Hochtouren, Baumklettern, Big Swings etc.

Ich werde meine Ausrüstung nehmen um einen Vergleich zu den Superleichtgewichten herzustellen. Mal schauen, was am Ende dabei raus kommt. Ich bin gespannt.

Kletterhelm

bringt gerade mal 186 g auf die Waage. De Vapor von Black Diamond

bringt gerade mal 186 g auf die Waage. De Vapor von Black Diamond

Ein Muss. Den lässt man nicht weg, auch wenn man damit ziemlich doof aussieht.

Kletterhelme gibt es inzwischen in extrem leicht, wie den Petzl Sirocco (145 g /S) und den Black Diamond Vapor (186 g /S/M). Da ich meinen Helm nicht ausschließlich zum Sportklettern nehme, sondern auch für Hochtouren verwenden möchte, brauche ich aber einen Hartschalenhelm der besser gegen Steinschlag hilft und im Gebraucht etwas robuster ist, daher habe ich den Petzl Elia auf meiner Packliste.

Macht leicht Sinn?

Ja, wenn man Sportklettert oder sehr lange unterwegs ist. Einen schweren Helm auf dem Kopf zu haben, kann auf die Dauer anstrengend sein, vor allem wenn man viel nach oben schaut. Wie leicht man es braucht, ist hingegen Geschmackssache. Mein Helm sitzt gut und mir reicht er. Außerdem kann ich ihn auch mal etwas fester ablegen ohne dass er gleich Schrammen oder Dellen bekommt.

Sicherheit

Sicher sind die genannten Helme alle, denn sie haben alle die CE und die UIAA Zertifizierung. Man sollte sich aber vorher überlegen, wofür man den Helm braucht und was er mitmachen soll.

Klettergurt

Oh, hier kommt es ganz entscheidend darauf an, was man mit seinem Gurt machen möchte. Bei Mehrseillängen-Touren oder dem Tradclimbing braucht man viele Materialschlaufen. Wenn man Eisklettert, braucht man noch Schlaufen für Ice Clipper und für viel Material.

220 g wiegt der L 220 von Arc´teryx

220 g wiegt der L 220 von Arc’teryx

Ich brauche einen Gurt bei dem ich die Beinschlaufen verstellen kann, damit er auch auf der Hochtour passt, daher verwende ich den Black Diamond Momentum DS. Außerdem bin ich eine Frau, deshalb müssen die Gummibänder auf der Rückseite leicht aushängbar sein und ich mag es, wenn die Hüftschlaufe zwei Schnallen hat und ich sie so gut einstellen kann.

Ultraleichte Gurte haben solche Features meistens nicht, da sie für das krasse Sport- bzw. Wettkampfklettern gemacht sind.

Macht leicht Sinn?

Ja, wenn man in der Halle klettert und kein Material in der Wand braucht oder Wettkampfklettern betreibt. Sobald etwas mehr Material ins Spiel kommt, sind die ultraleichten Gurte Quatsch.

Sicherheit

Bei der Sicherheit macht man hier rein theoretisch keine Abstriche, da die Gurte alle getestet und zertifiziert sind. Anders sieht es natürlich aus, wenn man zu wenige Material in eine Route mit nimmt, weil die Materialschlaufen nicht mehr zulassen oder das Umbauen am Stand kompliziert wird, weil man nicht eine Anseilschlaufe hat sondern zwei wie beim Edelrid – Loopo.

Die verminderte Sicherheit liegt dann aber nicht am Produkt, sondern eher an der verminderten Zurechnungsfähigkeit des Kletterers.

Express-Sets

Jetzt wirds spannend. Bei Expressen scheiden sich die Geister. Manche schwören auf schön leicht, andere legen großen Wert auf sehr robust und breite Schlinge, damit man besser anpacken kann. Andere wiederum legen Wert auf eine große Schnapperöffnung, weil das Klippen dann einfacher ist (z.B. wenn man große Hände hat).

Aber hier gibt es zum Glück Zahlen, die wir direkt vergleichen können: Gewicht, Bruchlastwerte, Schnapperöffnung. Damit der Vergleich aber einigermaßen fair ist, werde ich nur Drahtschnapper miteinander vergleichen. (Siehe Grafik). Da ich keine eigenen Exen besitze, habe ich eingetragen, welche Exen ich mir kaufen würde, hätte ich nicht diese Kooperation mit meinen Kletterpartnern: Ich das Seil, sie die Exen.

Ein Übersicht über die Exen

Eine Übersicht über die Exen

Macht leicht Sinn?

Auf den ersten Blick sehen 37 g Unterschied nicht so wild aus, allerdings schleppt man ja meist zwischen 8-12 Exen mit hoch (zumindest beim Sportklettern), da werden dann auch 37 g ganz schnell 444 g also schon fast ein halbes Kilo.

Sicherheit

Alle Exen entsprechen den Normanforderungen für Express-Sets und sind damit sicher. Wenn man sehr breite Finger hat, kann eine Schnapperöffnung von 17 mm allerdings schon recht schmal sein. Da sollte man vorher ausprobieren, ob einem das liegt. Sehr leichte Exen neigen außerdem dazu, nicht so selbstverständlich am Gurt herunter zu hängen, was stören kann. Allerdings sind das alles Sachen, die mehr so unter „persönlicher Geschmack“ laufen.

Kletterseil

Auch hier wird das Rechnen spannend, denn immerhin ist das Seil der größte Gewichtsfaktor in der Ausrüstung. Bei 70 m können schon sehr unterschiedliche Werte herauskommen. Allerdings darf man hier nicht ausschließlich nach dem Gewicht gehen, sondern bei der Auswahl des Seil auch Dinge berücksichtigen wie Normstürze, Mantelanteil, Seildehnung, Durchmesser etc. (dazu am besten den Artikel im Basislager zu Kletterseilen lesen).

Eine Übersicht zu Seilen

Eine Übersicht zu Seilen

Macht leicht Sinn?

Ich denke bis zu einem gewissen Maß schon. Mein Seil, das Edelrid Heron, wiegt bei 70 m 4340 g und ist damit sage und schreibe 700 g schwerer als das Mammut Serenity mit 3640 g bei 70m. Das Beal Apollo II ist mit seinen 11 mm noch wesentliche schwerer. Bei 70 m bringt es pralle 5250 g auf die Waage.

Wer braucht was? Hier verhält es sich ähnlich wie beim Gurt. Es gibt große Unterschiede bei Kletterseilen, man sollte sehr genau schauen, wofür man das Seil braucht. Fährt man immer mit dem Auto in die Halle, klettert dort viel Toprope und will ausgiebig Sturztraining betreiben, ist das schwere Apollo II ein passendes Seil. Will man draußen schwere Überhangsrouten onsighten, könnte man in Richtung eines dünnen Seiles schauen.

Sicherheit

Die Seile sind auch wieder alle zertifiziert und erfüllen die Normanforderungen. Was man aber auch jeden Fall beachten muss: Die leichten Seile sind immer sehr dünn und damit nicht für alle Sicherungsgeräte geeignet. Auch bedarf es Erfahrung und Übung mit so dünnen Seilen zu Klettern. Das ist nichts für Anfänger! Und bitte bitte nie auf so Ideen kommen, wie ein Zwillingsseil im Einfachstrang zum Sportklettern nehmen, weil es so schön leicht ist!!!

Fazit

Nicht gerade ultra leicht

Nicht gerade ultra leicht

Meine Ausrüstung ist zusammengenommen rund 1,5 kg schwerer, als eine Zusammenstellung der leichtesten Produkte bei uns im Shop. Ich gebe zu, dass mich die Zahl überrascht hat, als ich sie las. 1,5 kg sind schon ein Wort.

Was mich aber noch mehr überrascht hat, ist die Tatsache, dass meine Ausrüstung gerade mal ca. 250€ günstiger ist als die hightech Ausrüstung. Da hätte ich wiederum gedacht, dass der Unterschied größer ist.

Und macht leicht jetzt so viel Sinn? Ich würde sagen jein und ich würde sagen es ist Geschmackssache. Ein Einfachseil mit 8,9 mm halte ich persönlich für den Durchschnittskletterer für übertrieben, aber für Profis kann das schon Sinn machen und deshalb gibt es sie. Ich will aber auch nicht mit einem 11 mm Strick raus an den Fels und die 5 kg hoch an den Wandfuß schleppen.

Und zu dem Thema fällt mir eine Geschichte ein. Ein Kollege von mir plante eine Wintertour in ultraleicht. Am Mittagstisch berichtete er stolz, dass er sich inzwischen 8 kg „Isolation“ angefuttert hat. Das erlaubte ihm weniger Kleidung und damit Gewicht mitzunehmen. Eine sehr gute Daunenjacke wiegt so um die 2 kg.

Einen anderen Aspekt sollte man aber nicht vernachlässigen: den Spaß. Manchen Leuten (mich einbegriffen) macht es irre viel Spaß sich mit Klettermaterial zu beschäftigen. Modelle vergleichen, Neuigkeiten kennenlernen und neue Sachen ausprobieren. Und warum auch nicht? Wenn man es sich leisten kann, warum sollten wir nicht Spaß mit unserem Sport und den dazugehörigen Produkten haben?  Aber besser klettern tut man deshalb glaub doch nicht ;-).

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