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Lawinen – Vom Untier zum Naturphänomen

2. März 2017

Sportart

Bruce Hendricks weiß, dass er keine Chance hat: „Ich höre das tiefe Grummeln, mit dem eine lange gefrorene Kreatur aus Eis zum Leben erwacht… Knietief im Schnee wühlend, schaue ich nach oben… Mit beängstigender Geschwindigkeit schießt eine weiße Welle in Sicht, eckige, durch die Luft schleudernde Eisbrocken leuchten wunderschön im warmen Licht der Morgensonne… Der erste gewalttätige Treffer presst die Luft aus meinen Lungen und wirbelt mich herum. Kreischende Eismeteore schlagen auf meinen Rucksack und meine zerbrechlichen Glieder ein. In einem Adrenalinrausch verliere ich jedes Gefühl – ein letzter, süßer Rausch vor dem Nichts. Selbst mit aller Kraft und allem Willen gelingt es mir nicht, meinen Brustkorb auszudehnen. Finsternis – totale Finsternis. Das ist also das Ende.“

Bruce Hendricks, nordamerikanischer Bergsteiger und Autor dieser Zeilen, hat diese Lawine aus Eis und Schnee überlebt, sogar ohne größere Verletzungen. Die meisten, die in eine Lawine geraten, haben nicht so viel Glück: Jedes Jahr sterben weltweit durchschnittlich 200 Menschen in einer Lawine, davon rund 100 in den Alpen. Allein 25 Opfer gibt es jährlich in der Schweiz.

Inhaltsverzeichnis

Es gibt aber auch ganz andere Dimensionen des eisigen Grauens: Die weltweit größte Zahl von Opfern forderte eine Lawinenkatastrophe im Jahre 1970 am 6763 Meter hohen Huascaran in Peru, dem zweithöchsten Gipfel Südamerikas. Dort löste sich nach einem Erdbeben ein Teil der Gipfeleiskappe, donnerte innerhalb von 15 Minuten 4000 Höhenmeter hinab und schoss durch ein 16 Kilometer langes Tal.

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Bei schlechter Sicht und Nebel sollte die Tour abgebrochen werden.

Mehrere Dörfer wurden dabei unter einer kilometerdicken Schicht aus Geröll, Schlamm und Eis begraben, 18.000 Menschen starben. Eine der schlimmsten Katastrophen im Alpenraum ereignete sich nach vorausgegangenen enormen Schneefällen vom 2. bis 4. Februar 1689 im österreichischen Montafon: Laut Lawinen-Chronik starben in sieben Dörfern 120 Menschen, 326 Rinder und 584 Schafe in den Schneemassen. 119 Häuser, selbst solche, die 300 Jahre ohne Lawinenschaden überstanden hatten, wurden zerstört, ferner 692 Speicher und Ställe.

Laut Chronik müssen Elend und Not unbeschreiblich gewesen sein: Viele Menschen hatten keine Unterkunft und keine Kleider mehr und verkrochen sich in halb zerstörten Kellern und Löchern. „Die Nacht hörte man die armen Verwundeten auf den Lawinen, oder halb verschüttet von diesen, um Hilfe rufen. Oft konnte man nicht helfen wegen zu großen Schneemengen oder größter Lawinengefahr. Grausam war es auch, wie man hernach die Menschen aufgesucht und ausgegraben hat, zum Teil erst nach sechs, acht und zehn Wochen, blutig und schrecklich zugerichtet, manchen Arme und Beine weggerissen und der Leib greulich zerschunden.“

Der weiße Tod

Seit Menschen die Hochgebirgstäler besiedeln oder auf Reisen Gebirgspässe überqueren müssen, fürchten sie die katastrophale Macht der Lawinen, die alles mit sich reißen, was sich in ihrem Weg befindet. Lange Zeit galten Lawinen als Geißel der Bergbevölkerung. Der „weiße Tod“ war einst mindestens ebenso gefürchtet wie der „schwarze Tod“, die Pest. Wie bei der Pest glaubten viele, bei Lawinen handle es sich um eine Strafe Gottes, da niemand erklären konnte, warum die Schnee- und Eismassen in manchen Jahren plötzlich von den Bergen herabrauschen, in anderen nicht. Warum sie manche Häuser mit sich reißen und andere, gleich daneben, verschonen. Und warum Verschüttete manchmal auf wundersame Weise gerettet werden, obwohl sonst alle starben.

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Der Winter hat viele faszinierende Seiten für Outdoorfans. Eine davon sind mehrtägige Skitouren mit Zelt.

Es gibt sehr frühe Zeugnisse von Lawinenunglücken. Eines der ersten stammt vom Chronisten Italicus, der bei Hannibals Alpenüberquerung im Jahre 218 vor Christus berichtet, dass losgelöster Schnee die Männer in den Abgrund ziehe und Schnee, der von den hohen Gipfeln stürze, die lebende Mannschaft verschlinge. Der Schriftsteller und Geograph Strabo beschrieb noch vor Christi Geburt aufgrund eigener Beobachtungen auf Reisen in den Alpen und im Kaukasus Lawinen als übereinander liegende Schneeschichten, die abgleiten. Fast zwei Jahrtausende sollten vergehen, bis Strabos Beobachtungen als richtig erkannt und naturwissenschaftlich begründet wurden.

In all den Jahrhunderten dazwischen gab es Erklärungsversuche für die Verderben bringenden Schneemassen, die meist dem jeweiligen Zeitgeist entsprachen. So glaubte die Bergbevölkerung jahrhundertelang, dass Hexen, Dämonen und böse Geister Lawinen auslösten. Noch 1652 wurde eine Frau auf dem Scheiterhaufen verbrannt, der man vorwarf, sie hätte durch ihre Hexenkünste Lawinen ins Tal geschickt. Eine andere Form von Aberglauben zeigte sich darin, dass Lawinen als wilde Untiere beschrieben wurden, die nur mit dem Läuten der Kirchenglocken oder durch im Schnee versteckte, mit Kreuzen bezeichneten Eiern aufgehalten werden könnten. Und in anderen Regionen der Alpen glaubte man, dass Lawinen riesige Schneekugeln sind, die beim Hinabkollern Häuser, Bäume und Menschen in sich einschließen.

Lawinen als Naturphänomen

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Lawinen als Naturphänomen betrachtet und wissenschaftlich erforscht. Doch schon viel früher, zu Beginn des 17. Jahrhunderts, befassten sich berühmte Forscher mit Schneekristallen. Dazu gehörten der deutsche Astronom und Mathematiker Johannes Kepler, der französische Philosoph René Descartes und der englische Forscher Robert Hooke.

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Eine Staublawine im Abgang. Mit den abwärts rasenden Schneemassen entsteht eine hohe Druckwelle. Ist gefährlicher als man denkt.

Kepler entdeckte, dass jeder Schneekristall ein Hexagon ist, und der Brite Hooke erkannte als erster mit seinem Mikroskop, dass sich die Ästchen der Schneesterne immer in einem Winkel von 60 Grad verzweigen. Auch der Schweizer Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer, der vor allem deswegen heutzutage noch bekannt ist, weil seine 1723 erschienene Abhandlung über die Naturerscheinungen in den Alpen auch eine Liste der dort hausenden Drachen- und Lindwurmarten enthält, erwies sich hinsichtlich der Lawinen als aufmerksamer Naturbeobachter, der seiner Zeit weit voraus war: Scheuchzer unterschied in seinem 1706 erschienen Buch „Beschreibung der Natur-Geschichten des Schweizerlands“ bereits zwischen „Wind- und Grundlawinen“, was gemäß seiner Beschreibungen den heute als Staub- und Grund- oder Fließlawine bezeichneten Lawinenarten entspricht. Er beschrieb ferner ihre Ursachen und empfahl dichte Wälder als Schutz für Gebäude und Siedlungen.

Nachdem in früheren Zeiten die Lawinenopfer fast ausschließlich unter der Bergbevölkerung oder Händlern zu beklagen waren, hat sich dies durch den Winter- und Sommertourismus in den Alpen völlig verändert.

Lawinenopfer heute

Heute handelt es sich bei den Opfern vorwiegend um Ski- und Snowboardfahrer, die den geschützten und überwachten Pistenbereich verlassen; ferner natürlich um Skitourengeher, Bergsteiger oder Frühsommer-Bergwanderer, die von Lawinen erfasst und verschüttet werden. Die Statistik zeigt, dass nur vier von zehn Verschütteten überleben. Sie zeigt auch, dass rund 90 Prozent aller Verschütteten überleben, wenn sie innerhalb der ersten 15 Minuten nach dem Unfall geborgen werden. Anschließend sinken die Chancen ganz drastisch und nach 45 Minuten lebt nur noch ein Viertel.

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Die Verschüttetensuche mit LVS-Gerät und Sonde sollte immer zum Auftakt der Saison geübt werden – vor allem die Suche nach mehreren Verschütteten.

Wird jemand nach einer Stunde noch lebend geborgen, grenzt das an ein Wunder. Doch Wunder gibt es immer wieder: Den unfreiwilligen Langzeitrekord unter den Lawinenverschütteten halten drei Frauen aus dem Piemont, die 1775 – durch einen zusammengebrochenen Stall vor direktem Schneekontakt geschützt – 37 Tage lang unter den Schneemassen ausharrten, bis sie gerettet wurden. Schier unglaublich ist auch die Rettung eines 13-jährigen aus St. Anton, der im Winter 1807 verschüttet worden war und direkt im Schnee lag. Er wurde nach 52 Stunden fast unversehrt gefunden – seine Eltern hatten bereits einen Sarg anfertigen lassen. Im Januar 2017 ging der Fall in den Abruzzen durch die Medien, wo das Hotel Rigopiano samt 40 Gästen von einer Lawine verschüttet worden war. 29 Personen konnten nur noch tot geborgen werden.

Lawinenforschungsinstitutionen

Schon 1931 wurde in Bern die Schweizerische Lawinenforschungskommission gegründet. Ein Team aus Technikern, Kristallographen, Geologen und Meteorologen nahm die Arbeit zunächst in Davos auf, bezog aber dann Quartier auf dem 2662 Meter hohen Weissfluhjoch im Nordwesten des Dorfes. Dort, wo sich auch heute noch ein kleiner Bereich des Schnee- und Lawinenforschungsinstituts befindet. 1939 erschien das lange Zeit im In- und Ausland als Standardwerk der Lawinenforschung geltende Buch „Der Schnee und seine Metamorphosen“.

Während des 2. Weltkrieges wurde zur Beratung der Schweizer Armee das Eidgenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) gegründet, das noch heute in der Lawinenforschung weltweit zu den führenden Institutionen zählt. Das Institut gibt unter anderem im Winter täglich das Lawinenbulletin heraus, das alle Regionen der Schweizer Alpen berücksichtigt und zuerst die allgemeine Lawinenlage beschreibt, dann den Schneedeckenaufbau analysiert, schließlich in allen Regionen die Gefahrenstufe nach der fünfteiligen Skala beurteilt und auch die Tendenz für die Entwicklung in den folgenden Tagen angibt. Seit 1993 wird die Lawinengefahr in ganz Europa einheitlich nach dieser fünfstufigen Skala beschrieben

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Wenn der Powder lockt …

Doch bis dahin war es ein langer Weg: Im Jahre 1966 rief die Redaktion von „Alpinismus“, eine ehemalige deutsche Zeitschrift für Bergsteiger, Wanderer und Skifahrer in ihrer Januar-Ausgabe noch zum Boykott der deutschen Skigebiete auf, weil es dort noch keinen Lawinenwarndienst gab. Und das in einem Land, in dem acht Millionen Skifahrer leben, wetterte die Redaktion. Obwohl die österreichischen Bundesländer Salzburg, Tirol und Vorarlberg damals ihre eigenen Lawinenwarndienste hatten und allein das SLF auf dem Weißfluhjoch 40 Wissenschaftler beschäftigte, waren die deutschen Skigebiete damals noch völlig ohne Kontrolle – außer dem Zugspitzgebiet, das an den Vorarlberger Lawinenwarndienst angeschlossen war.

Dies aber auch erst nach der Lawinenkatastrophe mit zehn Todesopfern, die sich an der Zugspitze im Jahr zuvor Mitte Mai ereignet hatte. Heute hat der Bayerische Lawinenwarndienst einen ausgezeichneten Ruf und gibt im Winter für alle Bergregionen täglich den Lawinenbericht heraus. Längst kann ein detaillierter Lawinenlagebericht über die verschiedenen deutschen Alpengebiete per Internet oder Smartphone abgefragt werden. Zudem kann man sich am Telefon hinsichtlich seiner Tourenziele persönlich beraten lassen.

Lawinen in der Wissenschaft

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Wechten am Kamm sind Hinweise auf Verfrachtungen und Triebschnee im Hang darunter. Bei der Abfahrt wird ein Sicherheitsabstand eingehalten.

Viel hat sich inzwischen getan im Kampf gegen den „weißen Tod“. Wissenschaftler haben die Metamorphosen des Schneekristalls verfolgt – vom hexagonalen Stern, Prisma, Stäbchen, Plättchen oder Becherkristall bis hin zur Staublawine, zum Schneebrett, zur Grund- oder Eislawine. Das Spiel der verschiedenen Kräfte in der Schneedecke wurde untersucht, die Bedeutung von Sonne, Kälte, Regen, Wind und Schneeuntergrund für die Lawinengefahr sind genauso bekannt wie die Folgen einer guten oder schlechten Verbindung zwischen den einzelnen Schneeschichten. Man weiß, dass Staublawinen – jene „wunderschön anzusehenden Wolken von enormer Zerstörungskraft“ – eine Geschwindigkeit von bis zu 350 Stundenkilometern erreichen können. Und dass allein ihr Luftdruck ganze Wälder niedermähen und Eisenbahnzüge umzukippen vermag.

Man weiß, dass ein Schneebrett durch Belastung mit einem lauten Knall in einer scharf verlaufenden Kante anreißt, auf einer darunterliegenden schwachen Schicht abgleitet wie auf einer Rutschbahn und dann mit bis zu 80 Stundenkilometern talwärts rauscht. Man weiß auch, dass Eislawinen eine Folge der Gletscherbewegungen sind, und dass es sich bei den meisten Lawinen um Mischformen handelt.

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Ein kritischer Rundblick in der Umgebung zeigt, in welcher Exposition und bei welcher Hangneigung Schneerutsche erkennbar sind.

Im Laufe der Zeit wurden Lawinen-Verschütteten-Suchgeräte (LVS-Geräte/Piepser) entwickelt und perfektioniert, mit denen Skitourengeher unterwegs Signale aussenden, im Falle eines Lawinenunglückes damit aber auch die Signale von Verschütteten orten können. Diese kleinen, wunderbaren Begleiter können inzwischen sogar mehrere Verschüttete gleichzeitig orten. Das vereinfacht und beschleunigt die Suche und das Ausgraben durch die Helfer vor Ort.

Es gibt den ABS-Rettungsballon im Rucksack, der sich im Notfall durch Betätigen einer Reißleine aufbläht und dafür sorgt, dass man durch den Ballonauftrieb an der Oberfläche der Lawine bleibt und nicht verschüttet wird.

Werner Munters 3×3 Reduktionsmethode zeigt, wie man das Risiko in kritischen Situationen sogar berechnen kann, um zwischen Stop und Go zu entscheiden. Wie die Methode genau funktioniert kannst Du mit unserem Online-Rechner ausprobieren und lernen. Mit der von den beiden staatlich geprüften Berg- und Skiführern Martin Engler und Jan Mersch entwickelten Snowcard, die unter anderem auf Munters Reduktionsmethode aufbaut, wird den Skitourengehern und Freeridern ein sehr anschauliches Mittel für ihr Risikomanagement an die Hand gegeben. Und dies in drei Beurteilungslevels von der Basiseinschätzung A bis hin zum Beurteilungslevel C für Experten.

Die Entscheidung darüber, welches Risiko die Freunde von Pulver & Co danach bereit sind, einzugehen, bleibt ihnen selbst überlassen. Sie wissen dann aber (hoffentlich), was sie tun.

Wissenschaftliches Schutzschild oder unberechenbarer Faktor Mensch

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Gut zu erkennen: eine Schneedecke besteht aus unterschiedlichen Schichten und ist plastisch. Ob und wie gut die Schichten miteinander verbunden sind, kann man testen beim Graben eines Schneeprofils oder Rutschkeils. Die Ergebnisse sind Hinweise auf die allgemeine Lage.

All dies sind grandiose Fortschritte. Doch selbst die Experten des Eidgenössischen Instituts für Lawinenforschung in Davos oder der Bayerischen und Österreichischen Lawinenwarndienste müssen bekennen, dass nach wie vor nicht genau vorhersagbar ist, ob überhaupt und wenn ja, wann sich bei kritischen bis katastrophalen Verhältnissen eine Lawine oder ein Schneebrett in einem Hang löst.

Abgesehen von den aktuellen Naturkatastrophen, die sich in ihrem schrecklichen Ausmaß jedem rationalen Erklärungsversuch verweigern und bei denen oft nur noch auf historisch tradierte Katastrophen verwiesen wird, die sich vor mehr als 100 oder 200 Jahren an derselben Stelle ereignet haben, gibt es die anderen Lawinenunfälle, deren Ursache vor 80 Jahren dieselbe war wie heutzutage: Als Beispiel dafür eine Stelle aus Leo Maduschka’s Buch „Junger Mensch im Gebirg“, wo Maduschka, ein in den 1930er Jahren bekannter Bergsteiger und Autor, von einer Skitour erzählt, die er mit dem ebenfalls bekannten Bergsteiger und Lawinenexperten Dr. Willo Welzenbach am Gletscher Ducan in der Schweiz unternommen hatte: „Wir rochen förmlich die Gefahr unter den Steilhängen. Sechs Stunden geht alles gut, in der siebten aber, 30 Meter unter der Spitze, reißt plötzlich, wenige Zentimeter hinter mir, dem ersten von uns, der jähe Gipfelhang. Willo, knapp mir auf dem Fuß, kann herausschwimmen, die zwei anderen stecken im Geschiebe der Schollen …“

Das größte Problem im Umgang mit der Lawinengefahr ist das menschliche Verhalten. Sehr deutlich drückt dies die Überschrift eines Zeitungsartikels über Lawinen aus, der in diesem Zusammenhang öfter zitiert wird: „Lockt der Pulverschnee, bockt der Verstand!

Tipps zur Tourenplanung:

Sie beginnt bereits Tage zuvor daheim mit dem Check des Lawinenberichts und der Wetterprognose. Wahl der Region und der Tour nach Schneeverhältnissen, Kondition, Zeitplanung etc.

Routencheck der gewählten Tour anhand des Lawinenlagerberichts nach Höhenlage, Exposition der Hänge, Steilheit der Hänge, potenzielle Lawinengefahr von weiter oben. Check.

Anspruch der Tour: sind alle Teilnehmer den technischen Schwierigkeiten und konditionell der Länge und Steilheit der Route gewachsen?

Bei Skitouren im Gletscherbereich: Wer von der Gruppe beherrscht Spaltenbergung – möglichst einer am Anfang und einer am Ende der Seilschaft.

Briefing der Teilnehmer bezüglich Ausrüstung.

100 Prozent Sicherheit? Die gibt es nicht!

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In der Flanke sind Triebschneeansammlungen. Aufstieg daher direkt am Kamm.

Doch ist es wirklich so einfach? Kann man posthum allen Lawinentoten fahrlässiges Verhalten vorwerfen wegen ihrer Ja-Entscheidung beim Befahren eines Hangs, an dem sich dann ein Schneebrett löste? Das kann man nicht: Zum einen zeigt das die Statistik, die im Zusammenhang mit Verschütteten und Toten aufzeigt, dass der Großteil aller Verschütteten und Lawinentoten in den vergangen Jahren bei der Lawinenwarnstufe zwei (mäßig) erfolgte.

Außerdem sind unter den Lawinenopfern immer mal wieder Profis wie staatlich geprüfte Berg- und Skiführer, die sich teils jahrzehntelang professionell mit der Lawinengefahr befassten und sich bestens auskannten. Zudem sind das oft Gebietsexperten, die in der jeweiligen Region wohnen und den ganzen Winter über die Metamorphosen des Schnees mitverfolgten: starke Winde und dementsprechend starke Windverfrachtungen, selbst bei wenig Schnee im Gebiet. Experten, die in ihrem Gebiet ständig auf Skitour unterwegs sind und den Schneedeckenaufbau in allen Expositionen kennen.

Sie wissen, wenn es zu Reifbildung und der gefährlichen Schicht aus Becherkristallbildung kam oder wenn es labile, nicht miteinander verbundene Schichten im Schneedeckenaufbau gibt. Die Experten wussten, was es zu wissen galt und sie waren alles andere als Hasardeure, die ihr Leben und womöglich das Leben ihrer Schutzbefohlenen mutwillig aufs Spiel gesetzt hätten wegen eines Couloirs mit feinem Pulverschnee…

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Hinter einem Fels zeltet es sich gut, dort finden sich aber auch oft lockere Schneeansammlungen.

Selbst das Graben eines Schneeprofils an einem Hang ist nur ein Indiz hinsichtlich der Lawinengefahr – der Schichtaufbau kann in derselben Exposition am selben Hang nur wenige Meter daneben ein „Hot Spot“ sein und bei Belastung auslösen.

Die heute jedem Skitourengeher und Freerider zugänglichen wissenschaftlichen Erkenntnisse um die Lawinengefahr, die Arbeit der Lawinenwarndienste und die Einschätzung der Experten im Gelände vor Ort retten jeden Winter unzählige Menschenleben – doch das erfährt niemand. Dass es bei diesem starken Boom des Tourenskifahrens oder Freeriding in den letzten Jahren nicht viel mehr Lawinenverschüttete und Tote gibt, gilt zwar als Normalfall – ist es aber nicht.

Diese Tatsache ist der Arbeit der Lawinenwarndienste und der allgemein verständlichen Verbreitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Lawinenforschung zu verdanken. Sie sind ein starkes Schutzschild für jeden einzelnen Skitourengeher oder Freerider. Wissen hilft aber nur dann, wenn es in der Praxis auch angewandt und umgesetzt wird. Und das schon bei der Tourenplanung daheim.

Die europäische Lawinen-Gefahrenskala

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So sieht ein Lawinenbericht beim bayerischen Lawinenwarndienst aus

GefahrenstufeSchneedeckenstabilitätLawinen Auslösewahrscheinlichkeit
1 – geringDie
Schneedecke ist allgemein gut verfestigt und stabil.
Auslösung ist nur bei großer* Zusatzbelastung an sehr wenigen, extremen Steilhängen möglich.
2 – mäßigDie
Schneedecke ist an einigen Steilhängen** nur mäßig verfestigt, sonst aber gut
verfestigt.
Auslösung ist bei großer* Zusatzbelastung wahrscheinlich, vor allem an den im Lawinenlagebericht angegebenen Steilhängen. Größere Spontanauslösungen von Lawinen sind nicht zu erwarten.
3 – erheblichDie
Schneedecke ist an vielen Steilhängen** mäßig bis schwach verfestigt
Auslösung ist bei geringer* Zusatzbelastung wahrscheinlich, vor allem an den im Lawinenlagebericht benannten Steilhängen. Gegebenenfalls sind durch Spontanauslösung einige mittlere, vereinzelt auch große Lawinen möglich.
4 – großDie
Schneedecke ist an den meisten Steilhängen** schwach verfestigt.
Auslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung* an den meisten Steilhängen wahrscheinlich. Fallweise sind spontan viele mittlere, mehrfach auch große Lawinen zu erwarten.
5 sehr großDie
Schneedecke ist allgemein schwach verfestigt und weitgehend instabil.
Zahlreiche Spontanauslösungen von großen Lawinen sind zu erwarten. Auch im mäßig steilen Gelände.

Erklärungen

* Zusatzbelastungen:

  • groß = größere Gruppe ohne Abstände (Aufschaukeln der Schneedecke)
  • gering = einzelne Skifahrer, Wanderer

** wird im Lawinenlagebericht detailliert beschrieben: Höhenlage, Exposition (Himmelsrichtung), Geländeform etc. Steilhänge sind Hänge mit einer Neigung größer als 30 Grad. Oft sind sie felsdurchsetzt.

Grundsätzliche Regeln für Skitourengeher/Schneeschuhwanderer

  • Bei mäßiger Lawinengefahr (2) Verzicht auf steile Hänge mit mehr als 39°
  • Bei erheblicher Lawinengefahr (3) Verzicht auf steile Hänge mit mehr als 34°, kein felsdurchsetztes Steilgelände
  • Bei großer und sehr großer Lawinengefahr (Stufen 4 und 5) Verzicht auf Touren außerhalb kontrollierter Skipisten

Weiterführende Literatur

Allgemein über die Faszination von Schnee, Eis und Lawinen

  • Lawinen, hg. von Walter Ammann und Othmar Buser vom Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung, Davos, Birkhäuser Verlag, Basel 1997, ISBN3-7643-5246-9.
  • Schnee & Eis, Entdeckungsreisen im Reich der Kälte, Sylvia Strasser + Wolfgang Würker, Heyne Verlag, ISBN 3-453 – 14315 – 9

Lawinenkunde und Anwendung in der Praxis

  • Lawinenkunde, Harvey S., Rhyner H., Schweizer J., Bruckmann Verlag GmbH, 192 Seiten, München, 2012, ISBN 978-3-7654-5779-1
  • SnowCard, Lawinen-Risiko-Check mit Hangneigungsmesser, Martin Engler und Jan Mersch, hrsg. Deutscher Alpenverein, München
  • Lawine: Das Praxis-Handbuch von Rudi Mair und Patrick Nairz, Die entscheidenden Probleme und Gefahrenmuster erkennen, Tyrolia Verlag, Innsbruck
  • Skibergsteigen und Freeriding, Alpin-Lehrplan des Deutschen Alpenverein, Band 4, Jan Mersch, Peter Geyer, Chris Semmel, BLV-Verlag, 5. Auflage 2016
  • 3×3 Lawinen, Entscheiden in kritischen Situationen, Werner Munter, 5. Auflage 2013, Rother-Verlag, München

 

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