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Alpenglühen: was es ist und wie es entsteht

5. September 2019
Tipps und Tricks

„Ja, ja, so blau, blau, blau blüht der Enzian, wenn beim Alpenglühn wir uns wiedersehn.“

Der gute Heino wusste, dass man mit einem romantischen Alpenglühn mehr anfangen kann, als nur ergriffen davor zu sitzen. Geschickt ein Tête-à-Tête in der Almhütte einfädeln zum Beispiel. Oder sich zu einem landauf landab geträllerten Kassen-Schlager inspirieren lassen. Allerdings ist der von Heino nicht mehr ganz so frisch und würde heute eher nicht mehr funktionieren. Selbst wenn man den Text ein wenig zeitgemäß anpasst:

„Boah wie krass blühen die blauen Blumen da, vor dieser abgefahrnen Optik von den Bergen da …“

Vielleicht hat auch Bergfreund Jörn ein Liedchen geträllert, als er kürzlich ein perfektes Alpenglühen erlebte. Er war jedenfalls tief beeindruckt, so tief, dass gleich mal der Auftrag an mich erging, alles über dieses Naturwunder herauszufinden. Hier die Ergebnisse.

Was genau ist Alpenglühen?

Nun, Alpenglühen ist, wenn die Berggipfel bei Sonnenauf- oder Untergang so aussehen, als ob sie glühen würden. Besonders intensiv und farbenprächtig ist das Ganze, wenn die Berghänge verschneit sind oder es kurz vor Sonnenuntergang geregnet hat, so dass die nassen Felshänge im Licht der untergehenden Sonne glänzen.

In aller Regel werden nur die Gipfelregionen eingefärbt und die tieferen Regionen liegen im Schatten. Das Phänomen kommt – Überraschung – nicht nur in den Alpen, sondern in allen Gebirgen der Welt vor. Dennoch wird es im internationalen Sprachgebrauch „Alpenglow“ genannt. Mit Sicherheit gibt es unzählige regionale Bezeichnungen in unzähligen Sprachen, doch Trekker, Wanderer und Bergsteiger sagen auch in den Anden oder im Himalaya: „Oh, look: Alpenglow!“

Was ist Alpenglühen nun genau und wie entsteht es? In einem Bergwelten-Artikel dazu steht an der Stelle, an der ich dachte, jetzt käme die detaillierte Erklärung, folgendes:
„Wer Zeuge des Schauspiels sein darf, sollte darum auch nicht weiter über die Ursachen und Erklärungen des Alpenglühens nachdenken – sondern vielmehr: es in vollen Zügen genießen.“

Kann man so sehen, doch dann könnte man sich eigentlich auch gleich einen Artikel zum Thema sparen. Im Moment des Erlebens muss ich ja wirklich nicht parallel wissenschaftliche Erklärungen abspulen. Aber hinterher am Schreibtisch muss genießen und Bescheid wissen nicht unbedingt ein Widerspruch sein. Also, hier die knochentrockene Wissenschaft:

Wie entsteht das Alpenglühen?

Welche Erklärung für den rätselhaften Farbenzauber gibt es? Bringt die im Laufe des Tages angesammelte Strahlungshitze die Gipfelregionen zum glühen? Rührt das Ganze von aus Flugzeugen versprühter Leuchtfarbe her? Ist eine veränderte Farbzusammensetzung der Atmosphäre infolge des Klimawandels schuld?

Nicht ganz, die Berge färben sich, weil sie von den Strahlen der tief stehenden Sonne gelblich, orange oder rötlich eingefärbt werden. Dabei gibt es häufig zwei unterscheidbare Phasen, die erste Färbung und die zweite Färbung.

Wenn die Sonne die Felsen und Schneeflächen der Gipfel vom Licht der tief stehenden Sonne erreicht werden, spricht man von der ersten Färbung. Die Gipfelbereiche „heben sich in dieser rot gefärbten Beleuchtung vom Vordergrund ab, der bereits oder noch im Dunkeln liegt.

Die zweite Färbung tritt auf, wenn die Sonne die Berggipfel nicht mehr (oder noch nicht) direkt beleuchtet. Das Sonnenlicht wird in dieser Phase „an Partikeln in der Atmosphäre (wie Eiskristallen, Staub etc.) gestreut, sodass es abgeschwächt auf die Gipfel fallen kann. Vor dem sich violett verfärbten Himmel erscheinen schneebedeckte und hellfelsige Gipfel dann weiterhin in einem schwachen, aber sehr deutlichen und gleichmäßigen Rot.

Der Streueffekt ist auch mitverantwortlich für den allgemeinen Farbwechsel des Sonnenlichts im Laufe des Tages. Er ist umso stärker, je länger der Weg der Lichtstrahlen durch die Atmosphäre ist. Mittags ist er am kürzesten, da die Strahlen die Atmosphäre im steilsten Winkel durchqueren und somit am wenigsten atmosphärische Partikel im Weg sind, die das Licht streuen könnten. Bei Sonnenauf- und Untergang ist der „Durchquerungswinkel“ flach und die Strecke am Längsten.

Durch diesen Mechanismus bekommt auch das Abend- und Morgenrot seine Färbung. Abend- und Morgenrot „unterstützen“ das Alpenglühen durch eine zusätzliche indirekte Beleuchtung des Bereichs direkt oberhalb der Schattengrenze.

„Dieses Licht fällt unter sehr flachem Winkel auf die Landschaft im Rücken des Beobachters. Es wird reflektiert und macht sich als Aufhellung oberhalb des Schattens bemerkbar. Die Effizienz dieser Reflexion nimmt bei steigendem Winkel schnell ab. Daher ergibt sich ein heller Streifen statt einer allgemeinen Aufhellung.“

Farben und Wellenlängen

Doch warum wird das bläulich-weißliche Licht stärker herausgefiltert als das Rötliche? Dazu muss man eine weitere Komponente betrachten: die verschiedene Wellenlängen des sichtbaren elektromagnetischen Spektrums. Sie reichen von den kürzeren Wellen des blau erscheinenden Lichts bis zu den längeren Wellen des rot erscheinenden Lichts. Das blaue Licht wird stärker aus der Atmosphäre „herausgestreut“, weil es mit seinen „kurzen Wellen“ wesentlich häufiger von Partikeln absorbiert und reflektiert wird.

Das rote Licht kommt „ungehinderter“ durch, weshalb sein Anteil mit wachsender Wegstrecke durch die Atmosphäre zunimmt. Soweit der Erklärungsversuch eines Nicht-Naturwissenschaftlers. Ich hoffe nicht nur, dass ich die Sache verständlich erklären konnte, sondern dass ich sie selbst überhaupt richtig kapiert habe ;-)

Wie reagiert unser Körper eigentlich auf Belastung?

3. September 2019
Tipps und Tricks

Nach einem anstrengenden Aufstieg bei bestem Bergwetter schaust du nach oben und hast fast schon den Gipfel erreicht, aber auf einmal fühlen sich die Beine wie Pudding an und jeder Schritt wird zu einer Herausforderung. Was ist da nur los? Vielleicht etwas zu schnell gegangen? Eigentlich sollte das Training in den vergangenen Wochen ja ausgereicht haben. Aber ob Klettern auch so viel für die Fitness beim Wandern bringt? Und vielleicht hätte ich bei der Pause auf der letzten Hütte doch nicht so viel auf einmal essen sollen.

Um die nächste Berg- und Klettertour nicht so enden zu lassen, wollen wir heute einmal auf die physiologischen Grundlagen beim Wandern, Bergsteigen, Klettern und Trailrunning eingehen und uns ansehen, was in unserem Körper da genau passiert.

So arbeitet deine Muskulatur beim Bergsport

Alle unsere Bewegungen beruhen auf dem Zusammenspiel aus Nervensystem und Muskulatur. Dabei ist es egal, ob du kletterst oder die Maus am Computer klickst. Die etwa 600 Skelettmuskeln unseres Körpers machen etwa 45 Prozent des gesamten Körpergewichts aus. Muskeln ziehen sich auf „Befehl“ der Nervenbahnen zusammen und entspannen anschließend wieder.

Jede Muskelgruppe hat zwei oder mehrere Ansatzpunkte an den zu bewegenden Knochen. Ein einfaches Beispiel ist der Unterarm. Winkeln wir ihn an, wird der große Bizepsmuskel am Oberarm angespannt. An seinen Enden läuft er in sogenannte Sehnen aus, die auf der einen Seite am Schulterknochen und auf der anderen Seite am Unterarmknochen verankert sind.

Kontrahiert (=anspannen) sich der Muskel, so bewegen sich diese Ansatzpunkte aufeinander zu, das dazwischen liegende Gelenk wird gebeugt. Gleichzeitig muss der entgegengesetzt arbeitende Streckmuskel, der Trizeps, entspannt werden. Dieses Prinzip nennt sich fachmedizinisch Agonist und Antagonist, im übertragenen Sinn sprechen wir von Spieler und Gegenspieler.

Die Muskeln brauchen Treibstoff

Damit ein Muskel sich an- und wieder entspannen kann, braucht er Energie. Durch eine exotherme Reaktion wird chemische in mechanische Energie umgewandelt. Die für die Muskelkontraktion benötigte Energie wird zum größten Teil durch die Hydrolyse (Wasseranlagerung) von Adenosintriphosphat (ATP) in Adenosindiphosphat (ADP) und Phosphat (Pi) zur Verfügung gestellt.

Das ATP ist quasi der Hauptversorger und primäre Energielieferant der Muskulatur. Da der Vorrat im menschlichen Körper jedoch begrenzt ist, muss die Muskulatur während des Wanderns oder Kletterns weiterhin ATP herstellen, um nicht vorzeitig zu ermüden. Die für den Wiederaufbau benötigte Energie wird durch Oxidation aus Kohlenhydraten, Fettsäuren und Eiweißen bzw. Aminosäuren gewonnen.

„Man isst und trinkt nicht am Berg, um Hunger und Durst zu stillen, sondern um die Leistungsfähigkeit zu erhalten!“ – Dieses Zitat stammt von einem Bergsteiger und gilt nach wie vor.

Energiebereitstellung – wann verbrennt der Körper was?

Entscheidend für die Energiebereitstellung im Muskel ist, ob diese mit ausreichender Sauerstoffaufnahme (aerob) oder unzureichender Sauerstoffaufnahme (anaerob) geschieht und ob dabei Laktat (Milchsäure) entsteht, welches sich in den Muskelfasern ansammelt.

Wer beim 2000 Meter Lauf Vollgas gibt, kann diese Anstrengung nur kurz durchhalten. Hierbei verbrennen die Muskeln nur Kohlenhydrate. Bei einer fünfstündigen Bergwanderung verbrennt der Organismus sowohl Kohlenhydrate als auch Fette. Dies hängt mit der deutlich niedrigeren Intensität zusammen. Das Problem ist, dass der Kohlenhydratspeicher des Körpers nicht sehr groß ist – ganz im Gegensatz zum Fettspeicher.

Umso besser der individuelle Fettstoffwechsel trainiert ist, desto weniger Glykogen (Kohlenhydratspeicher im Muskel) wird benötigt, um die Anstrengung aufrecht zu erhalten. Die Energiebereitstellung ist abhängig vom Trainingszustand und zu einem großen Teil auch von der Ernährung. Bei vielen Volksläufen findet am Abend vor dem Rennen häufig die sogenannte „Pasta Party“ statt, um die Glykogenspeicher in den Muskeln vor dem Wettkampf noch einmal aufzufüllen.

Die muskulären Glykogenreserven sind bei intensiver Belastung beim Bergsport je nach Trainingszustand nach etwa 60 bis 90 Minuten so gut wie verbraucht. Bei anhaltender Ausdauerbelastung ist der Muskelstoffwechsel nun auf eine vermehrte Fettverbrennung angewiesen. Die Energiebereitstellung durch Fette benötigt allerdings deutlich mehr Sauerstoff und erfolgt nur halb so schnell wie durch die Kohlenhydrate.

Wer schon einmal einen Marathon gelaufen ist, hat vielleicht schon vom berühmten „Mann mit dem Hammer“ gehört. Dieses Phänomen beschreibt die Erschöpfung der Kohlenhydrat-Speicher im Muskelgewebe. Durch die langsamere Freisetzung der Energie durch die Fette muss die Intensität deutlich verringert werden, um überhaupt noch weiterlaufen zu können. Intensität und Dauer der maximalen Leistung verhalten sich also gegenläufig zueinander. Je mehr ATP in den Zellen gebildet werden kann, desto höher ist auch die Leistung.

Wer beim Wandern oder Klettern zu schnell startet sorgt zudem dafür, dass sich Laktat in den Muskeln ansammelt. Wird die Intensität nicht verringert, ist irgendwann die sogenannte Laktatschwelle erreicht. Diese ist bei jedem Menschen anders und kann während einer Leistungsdiagnostik ermittelt werden. Beim überschreiten der anaeroben Schwelle „übersäuert“ der Muskel und kann nicht mehr richtig arbeiten. Der Muskel kann nicht mehr so viel Energie produzieren, um weiter den Berg hinauf gehen zu können. Die Intensität muss deutlich verringert werden, um die Bergtour überhaupt noch fortsetzen zu können.

Leistungslimitierende Faktoren am Berg

Allgemein lässt sich das Leistungslimit des Körpers dadurch definieren, dass die beanspruchten Muskeln nicht mehr in der Lage sind, eine für eine bestimmte Belastungsintensität geforderte Leistung zu erbringen, sie also zunehmend ermüden. Wie im Beispiel mit der körperlichen Erschöpfung kurz vor dem Gipfel in der Einleitung.

Die Ausdauerleistungsfähigkeit hängt somit von den physiologischen Prozessen ab, die eine Ermüdung der Muskeln herbeiführen. Es ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt, wie groß der Anteil verschiedener Prozesse an der individuellen Ausdauerleistungsfähigkeit ist. Aber folgende Faktoren haben auf jeden Fall einen großen Einfluss auf unser Leistungsvermögen:

  • VO2max (maximale Sauerstoffaufnahme)
  • Koordination (Trittsicherheit, Schwindelfreiheit)
  • Psychologische Aspekte (ausgesetztes Gelände, Höhenangst)
  • Muskelfaserzusammensetzung (Training)
  • Energiebereitstellung
  • Wärmeregulation (Hitze/Kälte)
  • Wasser- und Elektrolythaushalt
  • Orthopädische Beschwerden

Die Gefäßkapazität in den Muskeln könnte etwa das Vierfache der durch das Herz verfügbaren Blutmenge nutzen. Bei Ausdauersportarten wie dem Bergwandern, Bergsteigen und Trailrunning ist somit die Transportkapazität des Herz-Kreislauf-Systems leistungslimitierend. Jedoch sagt die maximale Durchflussrate in den Blutgefäßen noch nichts über die Effizienz der Sauerstoffversorgung der Muskeln beim Sport aus, die mit regelmäßigem Training gesteigert werden kann, damit die Muskeln beim nächsten Mal eben nicht kurz vor dem Gipfel „schlapp“ machen, sondern bis zum Rückweg am Parkplatz nach der Tour brav ihren Dienst erfüllen.

Die berühmte Ausdauer, von der man gar nicht genug haben kann

Als „Ausdauer“ bezeichnet man die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Organismus gegen Ermüdung und die rasche Regenerationsfähigkeit nach einer körperlichen Belastung wie Klettern oder Bergwandern. Ausdauer beschreibt aber auch die motorische Fähigkeit, eine bestimmte Intensität (zum Beispiel die Lauf- oder Aufstiegsgeschwindigkeit) über eine möglichst lange Zeit aufrechterhalten zu können, ohne vorzeitig körperlich zu ermüden. Ebenso beschreibt sie die Zeit, die nach einer Tour am Berg für die Regeneration benötigt wird.

Durch verbesserte Ausdauer (Training) ist von Beginn an eine höhere Intensität möglich und die zu Verfügung stehenden Energiespeicher des Körpers können deutlich effizienter genutzt werden. Die menschliche Ausdauer stellt neben Kraft, Schnelligkeit, Koordination und der auf Mobilität und Dehnfähigkeit beruhenden Beweglichkeit eine grundlegende motorische Fähigkeit unseres Körpers dar. Jede einzelne Sportart erfordert und trainiert diese Grundfertigkeiten in unterschiedlichen Maßen, deswegen muss im nächsten Abschnitt auch noch auf die unterschiedlichen Bergsportarten eingegangen werden.

Unterschiedliche Belastung bei verschiedenen Spielarten des Bergsports

Generell können die meisten Sportarten am Berg als Ausdauersportarten bezeichnet werden. Der limitierende Faktor, der eine Tour oft schneller scheitern lässt als geplant, ist die körperliche Fitness. Besonders beim Wandern und dem klassischen Bergsteigen gerät das Herz-Kreislauf-System bei einem steilen Aufstieg schnell an seine Grenzen und der Plus geht so steil nach oben wie der Wanderweg.

Ein weiterer Faktor ist die muskuläre Belastung, vor allem beim Abstieg. Bei einem Abstieg von 1000 Höhenmetern ins Tal müssen die Muskeln der Beine jeden Schritt nach unten quasi „auffangen“, indem sie sich anspannen und das Körpergewicht halten. Viele kennen bestimmt den berühmten Muskelkater, der am nächsten Tag nach der ersten Bergtour der Saison eintritt. Bei diesem Phänomen sind die Muskeln am Ende des Abstieges komplett überfordert und verweigern dann erstmal ein paar Tage ihren Dienst.

Beim Alpinklettern, auf Hochtouren und auf Klettersteigen kommen häufig psychische Belastungen durch Ausgesetztheit oder Höhenangst im alpinen Gelände hinzu. Das klassische Felsklettern in den Bergen hat sich durch die zunehmende Popularität von Kletterhallen im städtischen Bereich auch zu einer Indoor Sportart (Sportklettern, Bouldern) entwickelt.

Das Klettern ist in erster Linie durch eine kraftbetonte Belastung der oberen Extremität (Arme, Schultern, Rücken) gekennzeichnet, während der unteren Extremität (vor allem die Beine) meistens eine stützende und stabilisierende Funktion übernimmt.

Beim Sportklettern in der Halle dauert die Belastung oft nur wenige Minuten an, weil die Routen relativ kurz sind. Hier ist vor allem die Muskelausdauer der limitierende Faktor, wenn die gewünschte Route auch nach dem fünften Versuch immer noch nicht funktionieren will. Bei länger andauernden, alpinen Touren ist ein Kletterer oft mehrere Stunden unterwegs und die generelle körperliche Ausdauerfähigkeit steht auf jeden Fall im Vordergrund.

Anaerobe Belastungen (Energiebereitstellung ohne Sauerstoff), wie wir sie im Absatz über die Energiebereitstellung kennen gelernt haben, finden sich beim Bergsport im Bereich des Wettkampfkletterns und beim Bouldern. Hier werden oft kurze Routen in möglichst schneller Zeit bewältigt und die Kletterer kommen gar nicht erst in den „Ausdauerbereich“ der Energieversorgung des Körpers.

Beim Trailrunning ist der Großteil der physiologischen Belastung derselbe wie beim Laufen im flachen. Allerdings kommt besonders in technischem Gelände ein erhöhtes Maß an erforderlicher Koordination hinzu, wenn es darum geht, gekonnt über Steine oder Wurzeln zu tänzeln. Steile Auf- und Abstiege fordern die Muskulatur genauso, wenn nicht sogar noch mehr als das Bergwandern im gleichen Gelände. Regelmäßiges Lauftraining am Berg zahlt sich aus, um die Muskeln an das Laufen in den Bergen zu gewöhnen.

Fazit und weitere Artikel zum Thema

Abschließend bleibt zu sagen, dass unser menschlicher Körper sich insgesamt sehr gut anpassen und auf Veränderungen einstellen kann.

Auch wenn orthopädische Probleme, schwere Beine oder die leeren Energiespeicher die letzte Bergtour doch etwas länger haben werden lassen als ursprünglich geplant, heißt das nicht, dass es beim nächsten Mal wieder so kommen muss. Durch die richtige Vorbereitung, ein an die persönliche Fitness angepasstes Gehtempo und ausreichende Verpflegung wird die nächste Gipfelbesteigung garantiert zu einem vollen Erfolg!

Dieser Artikel über die physiologischen Grundlagen und die körperliche Belastung beim Bergsport ist der Auftakt zu einer kleinen Artikelserie im Basislager der Bergfreunde. Nachdem wir heute die Grundlagen geklärt haben, geht es nächstes Mal noch etwas spezifischer zur Sache und wir sprechen über die Ernährung beim Bergsteigen. Worauf gilt es in der Höhe besonders zu achten? Was sollte unbedingt in die Brotzeitdose und was bleibt lieber daheim?

Big Wall Light Teil 3 – Technik und Taktik

21. August 2019
Tipps und Tricks

Viele werden sagen, Bigwall-Klettern sei eine reine Materialschlacht, hätte wenig mit Klettern zu tun. Allerdings ist Bigwall-Klettern ein weites Feld. Es schließt selbstverständlich Freikletterei mit ein, und den Gedanken, sich leicht und schnell bewegen zu wollen. In meinem Beitrag geht es um einen eher minimalistischen Stil. Die hier beschriebene Herangehensweise eignet sich nicht für extreme Technorouten, dafür umso besser für Routen, in denen man immer wieder zwischen verschiedenen Kletterstilen und Sicherungstechniken wechseln muss.

Als Beispiele aus dem eigenen Tourenbuch könnte ich einen schnellen Durchstieg der Route „Il Grande Incubo“ (6b, A3, 32 SL, 1200 m) am Monte Brento nennen (in 1,5 Tagen). Oder eine Winterbegehung der Route „Weg durch den Fisch“ (6c, A3, 37 SL, 1220 m) in der Marmolada Südwand. Bei solchen und vielen anderen Projekten darf man nicht in starren Kategorien denken. Vielmehr muss man bereit sein, seine Technik und Taktik immer wieder aufs Neue an die Gegebenheiten anzupassen. Deshalb gibt’s hier auch kein Schema F, sondern eine Auswahl an Vorschlägen und Anregungen, mit Spielraum zum Mitdenken. Bitte auch die ersten beiden Beiträge dieser Serie lesen – sie enthalten wichtige Informationen!

Big Wall Light Teil 1 – Allgemeine Infos

Big Wall Light Teil 2 – Die Ausrüstung

Taktik – ein paar Grundsätze

Man klettert idealerweise in einer Zweier-Seilschaft. Alles andere macht die Sache recht kompliziert. Überschlagend klettern ist keine gute Idee – Blockvorstieg ist viel effizienter. Wer vor- und wer nachklettert und wann gewechselt wird, muss situativ entschieden werden. Klettert man mit leichtem Gepäck, ist man in der Regel schneller und somit weniger lang unterwegs. Also müssen auch weniger Wasser und Essen mit auf die Reise, was die Sache noch einmal verstärkt…

Alles Gepäck sollte ohne große Probleme auf einmal bewegt werden können. Und das nicht nur zum Wandfuß, sondern auch im einfachen Klettergelände. Gehen wir von einer Mehrtagestour aus, mit ein bis zwei Biwaks: Hier sollte man mit einem leichten Haulbag (ca. 50 l) sowie einem zusätzlichen kleinen Kletterrucksack (ca. 20 l) auskommen.

Das geht, wenn man sich beim Wasser und Biwakmaterial etwas zurücknimmt und darüber hinaus den Grundsatz „Kleinvieh macht auch Mist“ beherzigt!

Überschreitet man diese Gepäckmenge nicht, hat man viele Vorteile auf seiner Seite. So kann man sich im leichten Klettergelände, wo man niemals haulen würde, zügig und halbwegs sicher bewegen. Beispielsweise im Schrofen- oder Blockgelände, bei geneigten Platten oder an einem Gipfelgrat.

Ist das Gelände steil und schwierig, wird natürlich gehault. Der Nachsteiger kann den Rucksack bei sich behalten, dann hat er schnellen Zugriff auf den Inhalt. Ist Platz im Haulbag, kann er ihn alternativ dort verstauen. Einen dafür geeigneten Rucksack kann man auch mal unter den Haulbag clippen. Logischerweise wird auch das Haulen stark vereinfacht, wenn man mit leichtem Gepäck unterwegs ist. Es ist dann beispielsweise möglich, dass der Vorsteiger nachsichert und parallel hault. So lässt sich viel Zeit sparen (sofern der Nachsteiger klettert und nicht jümart).

Die Abläufe bei einer Bigwall-Begehung

Je nach Art der Kletterei können die Abläufe und damit verbundenen Techniken komplett unterschiedlich ausfallen. Will man eine Route frei klettern, hat man wahrscheinlich gar kein Material zum Technischen Klettern dabei. Bei einer Tagestour ist man möglicherweise ohne Haulbag unterwegs.

Hier bleibe ich aber beim Beispiel einer moderaten Mehrtagestour, bei der Teile der Route technisch geklettert werden. Wir gehen auch davon aus, dass die Route gleich mit steiler, schwieriger Kletterei beginnt. Also nicht mit einem einfachen Wandvorbau oder Ähnlichem.

Haulbag vorbereiten

  • Träger innen verstauen, Bauchgurt auch (falls man ihn überhaupt dabei hat).
  • Biwakzeug nach unten. Was man tagsüber brauchen könnte, eher nach oben.
  • Harte Gegenstände sollten nicht am Außenmaterial des Haulbags anliegen, sonst wird dieses dort möglicherweise durchgescheuert. Am besten mit einer Isomatte polstern.
  • Haulseil (ggf. auch Lower-Out-Line) mit Wirbel und Schrauber am Haulbag fixieren. Bei Bedarf schützt man den Knoten des Haulseils mit dem Flaschenhals einer PET-Flasche gegen Abrieb.

Vorbereitungen des Vorsteigers

  • Hardware am Gurt (ggf. auch an der Gearsling) sortieren.
  • Petzl Connect Adjust Selbstsicherungsschlinge und/oder Metolius Easy Daisy Positionierungsschlinge(n) am Gurt anbringen. Üblicherweise werden die Daisies durch Beinschlaufensteg und Bauchgurtöse mit Ankerstich eingeschlauft. Dabei zieht es allerdings Beinschlaufen und Bauchgurt zusammen, was unangenehm sein kann, wenn der Gurt eng sitzt. Alternativ kann eine Easy Daisy im Anseilring eingeschlauft werden. Bei der Verwendung von zwei Easy Daisies am besten beide in einem Ankerstich vereinen. Dann laufen sie aus einem Punkt heraus.
  • Im einfachen Aid-Gelände einzelne Leiter, die nicht mit der Easy-Daisy verbunden wird.

  • Im schwierigeren Aid-Gelände zwei Leitern. Bei schlechten Fixpunkten und Cliff-Zügen clippt man die Easy-Daisy-Schlingen mit deren Karabiner in die Karabiner der Leitern.
  • Bei Bedarf auch Fifi-Haken mit kleiner Bandschlinge am Klettergurt fixieren (mit Ankerstich). Entweder durch den Anseilring oder durch Beinschlaufensteg und Bauchgurtöse. Letzteres macht aber nur Sinn, wenn man auch die Easy Daisy(s) auf diese Weise am Gurt fixiert hat.
  • Haulseil vorbereiten: am Seilende Sackstichschlaufe knüpfen und leichten Schnapper einhängen. Seil in Klemme (Spoc/Micro Traxion) einlegen. Klemme mit Ovalkarabiner in eine der hinteren Materialschlaufen oder sofern vorhanden in die „Haul Loop“ des Klettergurts clippen.
  • zusätzlich Ropeman oder Ropeman 2 fürs Bodyhauling mitführen. Zum Greifen ein dünner Leinen Ropeman 2 + kleine Griffschlinge (s. u.).
  • Kletterseil mit Achterknoten einbinden: Je nach dem, wie man seine Schlingen und Fifi angeordnet hat, entweder mit ganz kleinem Auge in den Anseilring oder, wie allgemein empfohlen, direkt durch Beinschlaufensteg und Bauchgurtöse.

Vorstieg: Technisches Klettern mit zwei Leitern

Die Standard-Technik, die auch für heiklere Passagen geeignet ist. Ausgangsposition dieser Beschreibung: Start vom Boden.

  • Ersten Fixpunkt anbringen bzw. fixes Material clippen. Bei Haken clippt man in der Regel eine Exe. Ansonsten, z. B. bei Cams und Keilen, versucht man mit einem einzelnen Schnapper auszukommen (zumindest bei geradem Seilverlauf). Das Seil noch nicht clippen.
  • Erste Leiter einhängen. Bei Exen in den oberen Karabiner, bei Cams am besten direkt in die Drahtschlaufe des Stegs.
  • Fixpunkt testen (s. u.).
  • In der Leiter hochsteigen, bis man den nächsten Fixpunkt erreichen bzw. anbringen kann. Während des Hochsteigens, wenn die Hüfte auf Höhe des ersten Fixpunktes ist, ggf. Seil clippen.
  • Muss man im steilen Gelände einen Fixpunkt anbringen, hängt man sich am besten mit dem Fifi im letzten Fixpunkt ein und steigt in der Leiter möglichst hoch. So hat man die Hände frei zum Arbeiten. Hat man keinen Fifi, kann man beispielsweise mit einer Easy Daisy improvisieren.
  • Im geneigten Gelände kann man ohne sich zu fixieren in der Leiter stehen und bei Bedarf bis zur obersten Stufe hochsteigen. Dabei hält man sich zunächst an der Leiter fest und nützt später natürliche Griffe.
  • Zweiten Fixpunkt anbringen und die zweite Leiter einhängen.
  • Fixpunkt testen (s. u.).
  • In die zweite Leiter steigen.
  • Die erste Leiter aushängen und das Kletterseil in den ersten Fixpunkt clippen (sofern noch nicht geschehen) bzw. den Fixpunkt zusammen mit der Leiter entfernen, wenn er nicht als Sicherung benötigt wird.
  • In der zweiten Leiter hochsteigen, bis man den nächsten Fixpunkt erreichen bzw. anbringen kann.

Vorstieg: Technisches Klettern mit einer Leiter und einer Easy Daisy

So lassen sich einfache, kürzere Aid-Passagen unkompliziert überwinden. Voraussetzung ist, dass die Fixpunkte einem leichten Zug nach außen standhalten. Ausgangsposition dieser Beschreibung: Start vom Boden.

  • Ersten Fixpunkt anbringen bzw. fixes Material clippen.
  • Leiter einhängen.
  • In der Leiter hochsteigen, bis man den zweiten Fixpunkt erreichen bzw. anbringen kann. Während des Hochsteigens ggf. Seil clippen.
  • Zweiten Fixpunkt anbringen und die Easy Daisy einhängen.
  • Easy Daisy straffen und Gewicht auf die Easy Daisy übertragen.
  • Leiter am ersten Fixpunkt aushängen und Seil clippen (sofern noch nicht geschehen).
  • Leiter im zweiten Fixpunkt einhängen (neben der Easy Daisy).
  • In die Leiter stehen.
  • Easy Daisy wieder aushängen und verlängern.
  • In der Leiter hochsteigen, bis man den nächsten Fixpunkt erreichen bzw. anbringen kann.

Testen von Fixpunkten 

Das Testen von Fixpunkten mittels „Bounce Test“ wird bei zweifelhaften Fixpunkten angewandt, insbesondere wenn ein Ausbrechen des Fixpunktes zu einem gefährlichen Sturz führen könnte. Die Idee: Übersteht ein Fixpunkt den „Bounce Test“, wird er danach auch das Körpergewicht tragen. Bricht ein Fixpunkt beim Testen aus, soll der darunterliegende Fixpunkt einen Sturz ins Seil verhindern. Bei beiden hier beschriebenen Varianten beginnt man mit vorsichtigem Testen und steigert die Intensität dann langsam. Liegt ein Fixpunkt über dem Kopf und bricht beim Testen aus, kann es passieren, dass er im Gesicht landet. Also nicht hochschauen!

Variante 1 – Bounce Test mit Daisy Chain (oder ähnlichem): Man clippt die Daisy Chain in den zu prüfenden Fixpunkt und belastet diesen, indem man mit der Hüfte nach unten wippt. Für hartes Testen sind „Adjustable Daisies“ wie die empfohlene Metolius „Easy Daisy“ weniger geeignet. Allerdings zielen die hier beschriebenen Techniken auch nicht aufs extreme Techno-Klettern ab.

Variante 2 – Bounce Test mit Leiter: Man clippt die Leiter in den zu prüfenden Fixpunkt und belastet diesen, indem man mit einem Fuß schwungvoll in die Leiter tritt. Für diesen Test sind lange Leitern wichtig, sofern die Fixpunkte in einem größeren Abstand übereinander liegen. Mit kurzen Leitern wird man eher Variante 1 anwenden. Außer natürlich bei Querungen, wo die Fixpunkte nebeneinander liegen…

Backcleanen

Backcleanen bedeutet, dass der Vorsteiger von ihm angebrachte Sicherungen wieder entfernt. So kann er Material sparen und Seilreibung reduzieren. Dabei sollte klar sein, dass entscheidende Sicherungen in der Wand bleiben müssen! Die schnelle Variante: Anstatt das Seil in den letzten Punkt zu clippen, diesen direkt wieder entfernen. Dies bietet sich beispielsweise bei Cams in langen Rissen an. Die sichere Variante: Zunächst eine absolut sichere Zwischensicherung einrichten (ggf. mehrere Punkte verbinden). Daran wird der Vorsteiger ein Stück weit abgelassen. Beim Wiederaufstieg entfernt er dann das Material, welches unterhalb seiner letzten, absolut sicheren Zwischensicherung liegt.

Pendelquergänge

Die Technik, wenn es auf direktem Wege nicht mehr weiter geht: Der Vorsteiger wird über die letzte, hoffentlich solide Zwischensicherung ein Stück weit abgelassen. Nun pendelt er hin und her, um die nächste kletterbare Struktur zu erreichen. An dieser klettert er weiter – zunächst allerdings, ohne das Seil zu clippen! Nur so bleibt der Seilzug im grünen Bereich und der Nachsteiger kann die Passage ohne Schwierigkeiten „cleanen“.

Standplatz einrichten

Wir bleiben bei der Annahme, dass der Nachsteiger jümart und dass gehault wird. Der Standplatz sollte so aufgebaut werden, dass nicht alles an einem Zentralpunkt hängt. Stattdessen sollten die Aufhängungen fürs Haulseil und fürs Seil, das zum Nachsteiger führt, mit etwas Abstand nebeneinander liegen.

Bei schweren Haulbags wird der Punkt an dem gehault wird, stärker belastet als der Punkt, an dem das Seil fürs Jümarn fixiert ist. Allerdings sind wir mit leichtem Gepäck unterwegs und wählen deshalb einen etwas anderen, vereinfachten Aufbau, der nicht dem typischen Bigwall-Standplatz entspricht!

Das Ganze in Schritten:

  1. Man fixiert sich mittels Selbstsicherungsschlinge oder Positionierungsschlinge in einer guten Arbeitsposition (sofern man nicht zufällig auf einem breiten Band steht).
  2. Einen soliden Zentralpunkt einrichten. Es gelten im Wesentlichen die gleichen Kriterien wie beim Alpinklettern. Allerdings sollte man daran denken, dass sich manche Knoten in dünnen Bandschlingen bzw. Reepschnüren extrem zuziehen, wenn daran gejümart wird. Also Techniken bzw. Materialien verwenden, die sich wieder gut lösen lassen.
  3. Kletterseil im Zentralpunkt mittels Mastwurf fixieren als „lange Selbstsicherung“, die einem noch genug Spielraum zum Arbeiten lässt. Man hängt am Standplatz also nicht im Kletterseil, sondern in der Selbstsicherungsschlinge oder Positionierungsschlinge.

Die weiteren Abläufe

Die weiteren Abläufe sind variabel und müssen vorher im Team abgesprochen werden, damit es in der Wand keine Unklarheiten und kein unnötiges Geschrei gibt. So muss beispielsweise folgende Reihenfolge klar definiert werden: Zuerst wird das Kletterseil so fixiert, dass daran gejümart werden kann, und erst dann wird der Haulbag nachgezogen. So kann man genaugenommen ohne weitere Seilkommandos auskommen – ein großes Plus bei starkem Wind!

Variante 1: Seilkommando: „Stand, Seil fix!“ Der Vorsteiger beginnt mit dem Haulen. Sobald der Haulbag am Haulseil hängt, baut der Nachsteiger den Stand ab und beginnt zu jümarn. Vorteil: Die simpelste und sicherste Variante. Nachteil: Der Nachsteiger muss das ganze Seil mitführen.

Variante 2: Seilkommando: „Stand!“ Der Vorsteiger zieht das Restseil ein und fixiert das Seil, das zum Nachsteiger führt, mit einem weiteren Mastwurf und einem weiteren Schrauber im Zentralpunkt. Seilkommando: „Seil fix!“ Dann beginnt der Vorsteiger mit dem Haulen. Sobald der Haulbag am Haulseil hängt, baut der Nachsteiger den Stand ab und beginnt zu jümarn. Vorteil: Der Nachsteiger muss nicht unnötig viel Seil mitführen. Nachteil: etwas kompliziertere Abläufe. Evtl. fehlt dem Nachsteiger Seil für einen „Lower out“ (s. u.).

Haulen

Zentrales Teil des Aufbaus ist ein Gerät wie Petzl Micro Traxion oder Edelrid Spoc, das Seilrolle und Seilklemme vereint. Dargestellt ist hier der Spoc, weshalb ich in der folgenden Beschreibung auch diesen Begriff verwende, stellvertretend für alle Geräte dieser Art.

Das Ganze in Schritten:

  1. Der Vorsteiger wählt/baut eine zuverlässige Aufhängung für den Spoc – am besten seitlich des Zentralpunkts – und hängt das Gerät dort ein.
  2. Der Vorsteiger fixiert das Ende des Haulseils am Stand und zieht das überschüssige Haulseil durch den Spoc (Haulseil ggf. in Schlingen am Stand anhängen).
  3. Der Nachsteiger löst den Schleifknoten, der den Haulbag bis dahin hielt (s. u.), und hält den Haulbag in der HMS.
  4. Der Vorsteiger strafft das Seil und baut Zug auf (zunächst von Hand).
  5. Der Nachsteiger überträgt die Last aufs Haulseil. Bei schrägem Seilverlauf gibt er langsam weiter Seil aus, um ein Pendeln des Sacks zu vermeiden.
  6. Gleichzeitig zieht der Vorsteiger den Haulbag auf.

So wird am Haulseil gezogen (Haulbag hängt bereits am Spoc):

  • Leichter Haulbag, griffiges Haulseil: einfach per Hand ziehen.
  • Leichter Haulbag mit Rapline als Haul-Line: Ropeman 2 mit Griffschlinge ins „Lastseil“ einlegen. Mit einer Hand durch die Griffschlinge fahren, so dass diese am Handgelenk liegt. Der Zug erfolgt nun hauptsächlich über diese Konstruktion. Gleichzeitig zieht die andere Hand am „unbelasteten Seil“, welches aus dem Spoc ausläuft.
  • Schwerer Haulbag: „Body-Hauling“. Dafür Ropeman ins „unbelastete Seil“ einlegen, welches aus dem Spoc ausläuft, und in die Anseilschlaufe des Gurts clippen. Nun wird mit der Hüfte gezogen.

Wenn der Haulbag am Stand angekommen ist:

  1. Einige cm Seil zwischen Spoc und dem Knoten der Haulbag-Aufhängung lassen.
  2. Haulbag mit HMS und Schleifknoten neben dem Zentralpunkt fixieren. Dafür nimmt man, je nach Setup, das restliche Haulseil, welches von der Aufhängung des Haulbags nach unten hängt, oder die Lower-Out-Line des Haulbags.
  3. Last vom Spoc auf die neue Aufhängung übertragen. Dafür Zähne des Spoc wegklappen. Das gelingt, in dem man den Haulbag ein kleines Stück (es reicht 1 cm) weiter hault und gleichzeitig die Zähne des Spoc wegklappt und arretiert.
  4. Spoc ausbauen, am Ende des Haulseils wieder einbauen und an den Klettergurt des Vorsteigers clippen, für den Vorstieg der nächsten Länge.

Nachstieg

Es kommen verschieden Varianten in Frage:

  1. Der Nachsteiger klettert alles. Diese Variante eignet sich für eher einfaches Gelände mit viel Freikletterei oder auch für komplett eingerichtete „Hakenleitern“. Die Seilschaft braucht in diesem Fall kein Jümar-Kit dabei zu haben und die Abläufe sind unkompliziert. Ggf. muss improvisiert werden, z. B. wenn der Vorsteiger zur Fortbewegung benötigte Fixpunkte wieder entfernt hat („Backcleaning“ oder Fortbewegung an Cliffs).
  2. Der Nachsteiger jümart alles. Diese Variante eignet sich am besten für schwieriges Techno-Gelände. Der Nachsteiger kann bequeme Schuhe tragen und sich beim „Cleanen“ eigenständig in die jeweils beste Arbeitsposition bringen. Der Vorsteiger kann in Ruhe haulen, ohne sich um den Nachsteiger kümmern zu müssen.
  3. Der Nachsteiger wechselt je nach Gelände zwischen der 1. und 2. Variante – wenn nötig auch innerhalb einer Seillänge.

Jümarn

Für den Aufstieg am Seil gibt es unzählige Techniken, Varianten und persönliche Vorlieben. Ich beschreibe hier ein modulares System, das sich ganz einfach anpassen, erweitern und auch abwandeln lässt. Es kommen zwei Handsteigklemmen zum Einsatz, eine für links und eine für rechts (unterschiedliche Ausführungen!). Für das hier beschriebene Setup ist es wichtig, dass unterm Griff der Klemmen jeweils zwei Karabiner eingeclippt werden können. In vielen Fällen geht das nicht, weil ein Loch zu klein bzw. der verwendete Karabiner zu massiv ist. Also das erst mal checken!

Achtung: Eine Handsteigklemme darf nicht als vollwertige Sicherung verstanden werden. Man muss immer an mindestens zwei Klemmen gesichert sein. Also müssen auch die Verbindungen der Klemmen zum Klettergurt sicher sein. Ist das nicht der Fall, z. B. weil man Easy Daisies o. Ä. einsetzt, braucht man zusätzlich ein Backup-System. Gleiches gilt fürs „Cleanen“, wo man die obere Klemme immer wieder vom Seil nimmt (s. u.).

Basis-Setup: Dieser simple Aufbau ist gut geeignet für senkrechtes und überhängendes Gelände und ermöglicht ein motorisch einfaches Aufsteigen am Seil.

  • Rechte Klemme oben, Verbindung zum Klettergurt am besten mit Petzl Adjust Schlinge.
  • Rechter Arm leicht angewinkelt beim Hängen im Gurt.
  • Linke Klemme darunter, Verbindung zum Klettergurt z. B. mit 60-cm-Dyneema-Bandschlinge und Schrauber.
  • Trittschlinge in die linke Klemme.

Erweiterung mit zweiter Trittschlinge: So kann man im geneigten Gelände schnell und effizient Aufsteigen. Motorisch schwieriger, besonders, bis man voll im Seil hängt.

  • Last primär in den Trittschlingen, Füße bewegen sich wie beim Treppensteigen höher.
  • Kein Absitzen in den Klettergurt, außer bei Pausen.
  • Position der Klemmen am Seil ist tiefer, die Arme sind stärker angewinkelt.

Erweiterung mit Backup-System Variante T-Bloc: Diese Technik verwende ich für heikle Jümar-Passagen (z. B. Fixseile durch Dächer) oder wenn die Verbindung zu den Handsteigklemmen nicht sicher ist oder auch beim Cleanen. Ein großer Vorteil dieses Backup-Systems ist, dass es sehr gut am Seil mitläuft.

  • T-Bloc der ersten Generation gleitet bei dicken Seilen besser nach oben. Bei dünnen Seilen eignet sich das T-Bloc der zweiten Generation besser.
  • Einen Ovalkarabiner mit möglichst rundem Profil verwenden.
  • Als Verbindung zum Klettergurt eine 30-cm-Dyneema-Bandschlinge verwenden, damit man etwas Spiel hat.
  • Bei Verwendung eines T-Bloc der ersten Generation ist es in dieser Anwendung nach meinen Erfahrungen besser, den T-Bloc so einzuhängen, dass das Seil außerhalb des Karabiners liegt.

Cleanen

Beim Bigwall-Klettern bedeutet cleanen, dass der Nachsteiger die Zwischensicherungen entfernt und mitbringt. Folgende Technik hat sich dabei bewährt (wobei sie im stark überhängenden Gelände auch an ihre Grenzen stößt): Erreicht der Nachsteiger eine Zwischensicherung, verlagert er die Last auf die untere Klemme, hängt die obere Klemme aus und hängt sie oberhalb Zwischensicherung wieder ins Seil. Nun hängt sich der Nachsteiger in die obere Klemme und entfernt die Zwischensicherung.

Während des Umhängens der oberen Klemme hängt man also nur noch in der unteren Klemme. Wie bereits erwähnt, ist deshalb ein Backup-System notwendig. Üblich ist, das lockere Seil in großen Schlaufen an den Anseilring des Gurtes zu hängen (mittels locker geknüpfter Sackstichschlaufe und Schrauber). So wird die mögliche Sturzstrecke reduziert, sollte(n) die Klemme(n) aus irgendeinem Grund versagen. Mit solchen Seilschlaufen als Backup sind allerdings immer noch weite Stürze möglich.

Kleine Seilschlaufen bringen wiederum den Nachteil mit sich, dass das nötige Seilgewicht unter den Klemmen fehlt, um diese mitschieben zu können. Das Hochschieben der unteren (linken) Klemme ohne Zuhilfenahme der rechten Hand ist dann gar nicht so einfach (der Trick ist, die Zähne der Klemme mit dem Daumen etwas wegzuklappen). Zum gleichen negativen Effekt führt ein Grigri, das von manchen als (zusätzliches) Backup am Seil mitgeführt wird. Mein Ansatz ist deshalb die Verwendung des zuvor beschriebenen Backup-Systems mit T-Bloc. Unabhängig vom Backup-System sollten die Seilschlaufen nicht allzu weit herunterhängen, da sie sich beispielsweise an Felsschuppen verhängen können. Insbesondere bei starkem Wind!

Ergänzung: Es besteht auch die Möglichkeit, zu cleanen ohne im Seil eingebunden zu sein. Dies erleichtert den Aufstieg am Seil und ist beispielsweise in einem Gelände vorteilhaft, wo das Mitziehen der Seilschlaufen nicht praktikabel wäre. Nach dem Cleanen einer Länge wird das Seil dann nachgezogen und der Nachsteiger bindet sich wieder ein. Für eine sichere Anwendung muss ein Backup-System mit zusätzlicher Seilklemme (T-Bloc) und Stopp-Knoten (Sackstichschlaufe) unter der Klemme gewährleistet sein. Achtung: Wegen des vorübergehenden Ausbindens ist diese Variante potenziell fehleranfällig!

Lower out: Diese Technik ist wichtig, um Quergänge mit größeren Abständen zwischen den Zwischensicherungen bzw. Pendelquergänge zu cleanen. Prinzip dieser Technik: Der Nachsteiger lässt sich mittels einer großen Schlaufe des Restseils an einem Fixpunkt ab, der in der Wand belassen wird. So wird ein unkontrolliertes Pendeln vermieden. Eine ausführliche Beschreibung gibt’s in diesem Clip von Supertopo.

Cleanen von Dächern und Quergängen mit vielen Zwischensicherungen: Für solche Passagen, die sich mit Jümarn (wie oben beschrieben) nur schlecht cleanen lassen, gibt es folgende Alternativen:

  1. Der Nachsteiger klettert.

  2. Jümarn mit Grigri. Bei dieser Technik handelt es sich um eine Mischform aus der klassischen Jümar-Technik und einem Selbstflaschenzug. Der Nachsteiger hängt dabei im Grigri (mit Safelock-Karabiner!). Das auslaufende, lockere Seil wird an der linken Handsteigklemme umgelenkt (es wird nur eine Klemme verwendet). Außerdem wird eine Trittschlinge an der Handsteigklemme eingehängt. Mit welchem Fuß man in die Trittschlinge geht, spielt bei diesem Aufbau keine entscheidende Rolle. Beim Aufstieg hat man die linke Hand an der Klemme und zieht mit der rechten Hand am lockeren Seil nach unten.

Hinweis: Alle Anleitungen, Beschreibungen und Empfehlungen in den Beiträgen dieser Serie erfolgen selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen. Dennoch sollte klar sein: Vieles liegt im großen Graubereich zwischen Sicherheit und Effizienz. Manches entspricht wohl nicht den Herstellervorgaben zum Einsatz der Ausrüstung. Jeder Anwender muss für sich entscheiden, welche Techniken er überblicken und verantworten kann. Weder der Autor noch Bergfreunde.de können haftbar gemacht werden für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den Informationen der Beiträge dieser Serie resultieren.

Big Wall Light Teil 2 – die wichtigste Ausrüstung

19. August 2019
Ausrüstung

Im ersten Teil dieser Serie wird der Titel „Big Wall Light“ erklärt und es finden sich dort ein paar wichtige Hinweise – also bitte lesen! Hier im zweiten Teil geht es um die entscheidenden Ausrüstungsteile. Um den Rahmen nicht zu sprengen, versuche ich mich kurz zu fassen. Auf allgemeine, eher unspezifische Themen wie z. B. Kleidung, Verpflegung oder Notfallausrüstung gehe ich deshalb nicht ein. Auf mobile Sicherungsmittel usw. nur ganz am Rande. Zu all diesen Themen sind viele gute Informationen verfügbar bzw. wird der Leser auf seine eigenen Erfahrungen setzen.

Persönliche Ausrüstung

Handschuhe

Zum Schutz der Hände leichte Lederhandschuhe mit freien Fingerkuppen. Mit solchen Handschuhen kann man noch ganz gut Freiklettern und hat genug Fingerspitzengefühl beim Materialhandling. Man kann sie ggf. selbst herstellen, indem man gutsitzende Arbeitshandschuhe zurechtstutzt und mit Tape verstärkt. Je nach Route zusätzlich oder alternativ auch Risskletterhandschuhe. Außerdem dünne Lederhandschuhe für Zu- und Abstiege und das Abseilen. Alte Fixseile, Granitsand, Nässe usw. zerstören ansonsten schnell die Haut an den Händen.

Schuhwerk

Für die meisten Aktionen eignen sich klettertaugliche Approachschuhe mit einer eher harten Sohle. Mit solchen kann man auch mal länger in der Leiter stehen. Für einfache Zu- und Abstiege sind Trailrunningschuhe ideal (weil sehr leicht). Für grobe Einsätze bzw. hochalpines Gelände nimmt man am besten bedingt steigeisenfeste Leichtbergstiefel.

Kletterschuhe

Auch wenn überwiegend technische Kletterei erwartet wird: Oft lässt sich viel mehr frei bzw. AO klettern, als man denkt – sofern man Kletterschuhe trägt! Diese sollten so bequem sein, dass man sie an den Standplätzen nicht ausziehen muss (spart Zeit und Nerven). Wichtig ist auch eine harte Sohle, um schmerzfrei in der Leiter stehen zu können. Für schwerere Freiklettereien gelten natürlich andere Ansprüche. Hier sind präzise Schuhe mit Klettverschlüssen vorteilhaft (am Stand Ferse raus und Klettverschluss gleich wieder schließen, damit der Schuh nicht verloren geht).

Klettergurt

Ein bequemer Allround-Hüftgurt mit stabilen(!) Materialschlaufen funktioniert super. Es braucht kein spezieller Bigwall-Gurt zu sein, denn ein solcher wäre hier schon wieder zu viel des Guten. Am Gurt: Reverso (o. Ä.), Kurzprusik, 5 m Kevlar-Reepschnur, kleines Seilmesser.

Verstellbare Selbstsicherungsschlinge

Anstelle von klassischen Daisy Chains empfehle ich die Verwendung von längenverstellbaren Schlingen. Die Connect Adjust von Petzl ist in vielen Situationen top, beispielsweise beim Arbeiten im Hängestand, als Selbstsicherung beim Abseilen oder als Verbindung zu den Steigklemmen beim Jümarn. Das Original-Seil ist für meinen Geschmack allerdings zu dick und zu schwergängig (und je nach Einsatz auch zu kurz). Ich verwende deshalb ein etwas dünneres Seil, welches ich mit einem Achterknoten am Gurt einbinde (möglichst eng durch Beinschlaufensteg und Bauchgurtöse). Als Karabiner nimmt man am besten einen leichten Keylock-Schrauber. Den mitgelieferten Gummi-Puffer mit etwas Tape am Karabiner fixieren, sonst verrutscht er. Nachteil des Petzl-Systems: Es lässt sich nicht so einfach verlängern. Wenn man nicht aufpasst, kann man sich beim technischen Klettern damit quasi blockieren (gilt übrigens genauso für die Variante „Evolv Adjust“).

Positionierungsschlinge

Deshalb für längere Aid-Passagen (zusätzlich) eine Metolius Easy Daisy, bzw. für schwierige Routen zwei. Diese stufenlos verstellbaren Schlingen sind perfekt fürs technische Klettern (mehr dazu im nächsten Teil). Allerdings dürfen sie nicht als Selbstsicherungsschlingen verstanden werden. Vermutlich um dies klar zu machen, gibt Metolius die Bruchlast mit 1,3 kN an. Auch wenn diese tatsächlich wohl deutlich höher liegt, muss jederzeit eine von diesen Schlingen unabhängige Sicherung gewährleistet sein!

Trittleiter

Für einfache Routen reicht oft eine einzelne Leiter pro Person, in Kombination mit der zuvor beschriebenen Schlinge von Metolius. In den meisten Fällen wird der Vorsteiger aber mit zwei Leitern klettern wollen. Kann der Nachsteiger alles Jümarn bzw. ohne Leitern klettern, braucht er nicht zwingend welche mitzunehmen. Am besten sind symmetrische Bandleitern, die oben mit einer Alusprosse o. Ä. offengehalten werden.

Es gibt solche z. B. von Cassin (Ladder Aider – die leichte Variante) oder Yates (Speed Wall Ladder – die komfortable Variante). Asymmetrische Bandleitern verdrehen sich häufig. Dafür sind meist leichter und kleiner im Packmaß. Ich verwende relativ kurze Leitern. Je länger, desto größer ihr Packmaß und desto eher können sie sich irgendwo verhaken. Meine Speed Wall Ladders habe ich beispielsweise um eine Sprosse gekürzt. Jede Leiter wird mit einem soliden Keylock-Schnapper ausgestattet. Damit clippt man sie in Fixpunkte bzw. zum Transport an den Gurt. Das früher übliche System mit Fifihaken und Fangschnur zum Nachziehen der Leiter wird beim modernen Techno-Klettern nicht mehr angewandt.

Gearsling

Hat man viel Hardware dabei, kommt man kaum um eine solche Materialschlinge herum. Ansonsten ist es Geschmacksache, wie man sein Material organisiert. Eher große, kräftige Kletterer können mit einer 60-cm-Bandschlinge improvisieren. Für kleine Kletterer ist eine solche evtl. zu lang – das Material hinge dann zu tief. Dann besser eine längenverstellbare Gearsling verwenden oder selbst etwas basteln.

Hardware für die Seilschaft

Grigri

Fürs Sichern des Vorsteigers vom Körper empfiehlt sich ein Petzl Grigri. Es funktioniert bestens in Kombination mit einem mitteldicken (s. u.), leicht pelzigen Einfachseil. Und es ist, sagen wir einmal, recht fehlertolerant. Die Realität ist: Vorstiege in Bigwall-Routen können lange dauern und der Sicherer muss schon einmal dies oder das nebenher erledigen… Am besten kombiniert man das Grigri mit einem leichten Ballock-Karabiner.

Fifi

Einen Fifi-Haken braucht man zwar nicht zwingend, allerdings ist er empfehlenswert für Routen mit längeren, anspruchsvollen Aid-Passagen. Der Vorsteiger verbindet den Fifi mittels kleiner Bandschlinge am Klettergurt (einschlaufen mit Ankerstich). Der Fifi lässt sich während des Vorstiegs dann schnell in Fixpunkte ein- und aushängen – z. B. um den nächsten Fixpunkt aus einer kraftsparenden Position anzubringen.

Jümar-Kit

In den meisten Fällen reicht ein Satz Handsteigklemmen pro Seilschaft, also eine Klemme für links und eine für rechts. Zusätzlich empfehle ich ein Backup-System, welches aus einem Tibloc mit Ovalkarabiner (Schrauber) und einer 30-cm-Dyneemabandschlinge besteht. Dazu noch längenverstellbare Trittschlingen, die in die Handsteigklemmen eingeclippt werden. Eine Trittschlinge reicht in vielen Routen aus. Für lange Strecken in geneigtem Gelände besser zwei.

Zum Haulen

Als Rücklaufsperre fürs Haulseil eine Petzl Micro Traxion oder den neuen Spoc von Edelrid (noch leichter und noch bissiger).

Fürs Bodyhauling bei schwereren Säcken zusätzlich einen Wild Country Ropeman oder für dünne Leinen besser einen Ropeman 2.

Außerdem noch einen Haulbagwirbel. Eingebaut zwischen Sack und Haulseil verhindert dieser ein Verdrehen des Seils. Für leichte Säcke gibt es mit dem Grivel Rotor einen ganz leichten Wirbel mit integriertem Karabiner.

Exen, Bandschlingen, Normalkarabiner

Beim Technischen Klettern braucht man meist viel mehr Schnapper als gedacht. Insbesondere, wenn man sich lange Risspuren mit Klemmkeilen und/oder Beaks (mit Schlinge ausgestattet) hocharbeitet. Erlaubt es die Seilführung, clippt man diese nämlich mit einem einzelnen Schnapper ins Seil. Hierfür wären Ovalkarabiner angenehm. Aber da diese zu schwer sind und man ja wahrscheinlich eh keine besitzt, muss es mit normalen Schnappern gehen! Cams clippt man, sofern es der Seilverlauf erlaubt, ebenfalls mit nur einem Schnapper ins Seil. So lassen sich viele Exen einsparen! Für Haken, oder immer, wenn ein Fixpunkt verlängert werden muss, verwendet man wie gewohnt Exen oder Bandschlingen. Zum Abbinden von Haken sollte man auch ein paar kurze, dünne Dyneema-Bandschlingen dabeihaben (oder Ähnliches aus Kevlar-Reepschnur).

Klemmkeile, Cams usw.

Ein weites Feld… Hier kurz und knapp zu schreiben, erscheint mir kaum sinnvoll, zumal es bereits viele gute Infos gibt! Einen Beitrag zum Thema Cams gibt’s z. B. hier im Basislager-Blog.

Hammer und Haken

Viele Routen gehen ganz ohne Hammer und Haken oder man braucht sie nur, falls fixes Material ausgebrochen ist. Man kann das Zeug dann auch im Haulbag transportieren und erst bei Bedarf auspacken. Ansonsten trägt man den Hammer am besten in einem Ice-Clipper (Kunststoff-Materialkarabiner) am Klettergurt. Meist reicht ein leichter Kletterhammer. Gut ist beispielsweise das Modell von Climbing Technology (Thunder).

Wird viel gehämmert, ist ein schwerer Bigwall-Hammer empfehlenswert. Das Modell von Edelrid (Hudson) hat das beste Preis-Leistungsverhältnis und funktioniert perfekt. Die beschriebenen Modelle (und andere) werden sinnvollerweise mit elastischen Fangschnüren ausgeliefert. Bei meinen alten Modellen habe ich mit einer stabilen Gummischnur improvisiert. Zum Entfernen von Haken empfiehlt sich dann auch ein „Funkness Device“ – ein Stück Stahlseil mit Ösen, das zwischen Hammer und Haken geclippt wird. Achtung: Die hier eingesetzten Karabiner werden u. U. schwer beschädigt und dürfen nicht mehr zum Sichern verwendet werden!

Seile und Hilfsleinen

Kletterseil („Lead Rope“)

Ich verwende meist ein eher weiches Sportkletterseil mit 9,8 mm Durchmesser. Spezielle Bigwall-Seile haben einen etwas größeren Durchmesser oder sind straffer geflochten. Damit ist ihre Lebensdauer höher und die Gefahr von Mantelschäden reduziert. Für meine Einsätze sind mir aber weichere und leichtere Seile eindeutig lieber – nicht zuletzt, weil sie beim Nachsichern mittels „Plate“ viel besser funktionieren!

Haulseil („Haul Line“)

Am liebsten nehme ich ein ausgemustertes Halb- oder Zwillingsseil. Zumindest bei eher leichten Haulbags hat man damit die meisten Vorteile auf seiner Seite. Für ein ganz leichtes Setup machen „Raplines“ bzw. „Tag Lines“ Sinn. Wer auf solche Leinen setzt, sollte sich zunächst mit deren Eigenheiten beim Abseilen vertraut machen. Schließlich müssen sie bei Bedarf auch als Abseilleinen herhalten.  Mit Blick aufs Haulen muss man weitere Punkte beachten: Je nach Konstruktion kann der Mantel anfällig sein für Verschleiß und kleinere Schäden. Außerdem lassen sich dünne, glatte Leinen schlecht greifen. Es empfiehlt sich, bei Haulseil und Kletterseil die gleiche Länge zu wählen.

„Lower-Out-Line“

Mit einer solchen Reepschnur kann man den Haulbag kontrolliert herauslassen, sofern sich der nächste Standplatz seitlich versetzt befindet. Grundsätzlich geht das auch mit dem Restseil des Haulseils. Aber natürlich nur, wenn man ausreichend Restseil hat. Ob man eine „Lower-Out-Line“ braucht und wie lang sie sein muss, hängt vom Routenverlauf sowie der Länge der Seillängen und des Haulseils ab. Und davon, was man dem Haulbag zumuten will, wenn man ihn unkontrolliert herausschwingen lässt. Es gibt also leider überhaupt keine pauschal sinnvolle Längenempfehlung. Sorry! Beinhaltet eine Route einen langen Quergang, kann man eine zusätzlich mitgeführte „Lower-Out-Line“ auch ans Restseil des Haulseils anstückeln und danach wieder wegpacken. Eine gute Materialstärke ist 6 mm. Damit ist man nicht nur leicht unterwegs, sondern kann mit einer solchen Reepschnur im Falle eines Rückzuges auch solide Abseilstellen einrichten. Für den sporadischen Einsatz bei leichten Lasten geht auch eine 5-mm-Reepschnur.

Rucksäcke und Haulbags

Rucksack

Je nach Begehungsstil und Gelände kann ein Rucksack besser geeignet sein als ein Haulbag. Es ist gut, wenn man auf eine größere Auswahl von Kletterrucksäcken zurückgreifen kann. Wichtig ist eine zuverlässige Schlaufe, an welcher der Rucksack angehängt werden kann. Traut man der vorhandenen Trageschlaufe nicht, muss man sie irgendwie verstärken! Zum schnellen Anhängen am Standplatz fixiere ich daran eine kleine Schlinge mit Karabiner. Etwas kräftigere Materialien machen bei einem Rucksack für Bigwalls allemal Sinn. Insbesondere, wenn man sich durch Körperrisse oder Kamine kämpfen muss (dabei den Rucksack am besten abnehmen und mit einer längeren Schlinge an die Anseilschlaufe des Gurts hängen). Bei kleineren Modellen ist es sinnvoll, womöglich vorhandene Rahmen oder sonstige Verstärkungen des Rückenteils zu entnehmen. Dann kann man den Rucksack bei Bedarf besser im Haulbag verstauen. Außerdem unnötigen Schnickschnack entfernen. Irgendwann sollte man wissen, welche Ausstattung man braucht – und den Rest dann entsorgen. Bei Mini-Rucksäcken (Bereich 12 l) am besten auch den Bauchgurt abtrennen. Bei größeren Modellen die störenden Hüftflossen entfernen. Ein dünner Bauchgurt reicht aus!

Haulbag

Für Aktionen mit wenig Gepäck verwende ich den sehr leichten 55-l-Haulbag von Edelrid. Für Tagestouren wäre ein kleinerer zwar besser, allerdings sind die verfügbaren kleineren Modelle meist sogar schwerer als das beschriebene von Edelrid. Für schwerere Lasten ist der 70-l-Haulbag von Black Diamond top. Man kann auch einen robusten Kletterrucksack zum Haulbag umbauen. Ein solches System kann ideal sein für Einsätze, bei denen der Sack viel auf dem Rücken getragen wird und nur ab und zu nachgezogen wird (und dabei weitestgehend frei hängt). Für die Aufhängung zum Haulen braucht der Rucksack mindestens zwei stabile Punkte.

Biwaks und Wasserversorgung

Biwakmaterial

Für sommerliche Touren ist folgendes Setup ideal: Daunenjacke + 2/3-langer Schlafsack oder Daunenjacke + Primaloft-Shorts + leichte Daunensocken + leichter, atmungsaktiver Biwaksack. Dazu eine dünne, gekürzte Schaummatte. An der Matte bringt man eine Aufhängung an, um diese gegen Verlust zu sichern (ein mit Tape verstärktes Loch). Auch gut ist natürlich ein leichter Daunenschlafsack. Vorteil der Variante mit der Daunenjacke: die hält einen auch warm, während man sein Lager auf- und abbaut. Außerdem kann man sie beim Sichern oder Abseilen schnell mal überziehen.

Kocher und Gas

Zum Schneeschmelzen bzw. für warme Mahlzeiten ist ein leichtes Jetboil-Kochsystem gut. Kocher und Topf werden hier mit einem Bajonettverschluss verbunden. Ich habe das Blech am Kocher leicht verformt, damit die Verbindung etwas klemmt und sich nicht mehr ungewollt lösen kann.

Außerdem habe ich am Topf mittels kräftiger Kabelbinder kleine Reepschnur-Schlaufen angebracht. Daran kann man das ganze System anhängen oder sichern. Die passenden Schraubkartuschen gibt es in folgenden Standardgrößen (Nettogewicht): 100 g, 230 g, 450 g.

Empfohlene Gasmengen für eine Zweier-Seilschaft (eigene Erfahrungswerte)

  • Einzelnes Biwak ohne Schneeschmelzen: 100 g – es wird noch etwas übrigbleiben.
  • Zwei Biwaks ohne Schneeschmelzen: 100 g – sparsam kochen!
  • Einzelnes Biwak mit Schneeschmelzen: 230 g – es wird noch etwas übrigbleiben.
  • Zwei Biwaks mit Schneeschmelzen: 230 g – sparsam kochen oder zusätzliche 100 g mitnehmen.

Wasserflaschen

Bei sommerlichen Bedingungen sind PET-Einwegflaschen gut. Man muss nur darauf achten, dass man welche mit stabilem Schraubdeckel bekommt. Sind sie leer, macht man sie platt und schafft damit Platz im Haulbag/Rucksack. Es ist sinnvoll, kleine Reepschnurschlaufen zum Anhängen anzubringen. Eine 500-ml-Flasche kann man so auch beim Klettern am Gurt transportieren. Trinksysteme sind leider sehr anfällig für Beschädigungen, gammeln schnell und im Trinkschlauch verheddern sich gerne Schlingen. Bei einer schnellen Begehung ohne Haulbag können sie dennoch gut sein. Die Last sitzt dann direkt am Rücken und man kann jederzeit trinken. Zumindest, bis sie kaputt gehen… Ist man mit Kocher unterwegs und kann/muss Schnee schmelzen, macht auch eine Nalgene-Flasche mit großer Öffnung Sinn.

Empfohlene Wassermengen pro Person und Tag (eigene Erfahrungswerte)

Man wird dabei etwas dehydrieren, sollte aber nicht leiden müssen:

  • Tagestour bei kaltem Wetter: 1 l
  • Tagestour bei gemäßigten Bedingungen (eher kühl/schattig): 1,5 l
  • Tagestour bei warmem Wetter und viel Sonne: 2,5 l
  • Mehrtagestour bei kaltem Wetter: 1,5 l bzw. bei längeren Aktionen 2 l
  • Mehrtagestour bei gemäßigten Bedingungen (eher kühl/schattig): 2 l bzw. bei längeren Aktionen 2,5 l
  • Mehrtagestour bei warmem Wetter und viel Sonne: 3 l

Hinweis: Alle Anleitungen, Beschreibungen und Empfehlungen in den Beiträgen dieser Serie erfolgen selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen. Dennoch sollte klar sein: Vieles liegt im großen Graubereich zwischen Sicherheit und Effizienz. Manches entspricht wohl nicht den Herstellervorgaben zum Einsatz der Ausrüstung. Jeder Anwender muss für sich entscheiden, welche Techniken er überblicken und verantworten kann. Weder der Autor noch Bergfreunde.de können haftbar gemacht werden für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den Informationen der Beiträge dieser Serie resultieren.

Big Wall Light Teil 1 – los geht’s!

19. August 2019
Tipps und Tricks

Fasziniert vom Klettern in großen, schwierigen Wänden, wollte ich schon lange etwas zu diesem Thema schreiben. Aber keinen Erlebnisbericht oder Ähnliches, sondern einen Fachbeitrag mit ausgewählten Techniken, Tipps und Tricks, die sich bei meinen Touren bewährt haben. Die allermeisten Kletterer werden bisher noch keinen Kontakt zum Bigwall-Klettern gehabt haben. Wer sich aber fürs ambitionierte Alpinklettern interessiert, wen die Ausgesetztheit steiler Wände reizt und wer von den großen Routen des El Capitan träumt, der ist hier richtig.

Wenn ich mein Zeug packe für eine Bigwall-Route, gibt es in meinem Kopf eine klare Struktur. Über dieses komplexe, äußerst umfangreiche Thema zu schreiben, ist für mich hingegen viel schwieriger. Deshalb grenze ich es erst mal ein. „Big Wall Light“ – das klingt vielleicht bescheuert, aber es passt als Titel für diesen Beitrag ganz gut. Denn ich will einen leichten, reduzierten Stil beschreiben, der zwischen dem klassischen Alpinklettern und dem, nennen wir es „amerikanischen Bigwall-Klettern“ angesiedelt ist.

Mit dem „amerikanischen Bigwall-Klettern“ ist ein üppigerer Stil gemeint, der sicher für manche Routen erforderlich ist. Er ist aber auch mit einer gewissen Trägheit verbunden. Darüber hinaus soll ein einfacher Zugang zum Bigwall-Klettern vermittelt werden, ohne allzu große Hürden. Soll heißen: Man braucht nicht gleich ein Portaledge, es muss auch nicht zwingend alles Ersparte in dubiose Spezial-Hardware investiert werden, die am Ende dann doch kaum mehr hält als ihr Eigengewicht. Für die „Nose“ zum Beispiel hatten Flo und ich nur einen 16-l-Rucksack dabei und waren pünktlich zum Abendessen wieder zurück am Campingplatz.

Okay, ganz so einfach ist es dann vielleicht doch nicht. Dieser Beitrag ist für Leute gedacht, die sich bereits beim Alpinklettern bewährt haben und die sich – zumindest gedanklich – schon einmal mit dem Thema beschäftigt haben. Die gängigen Sicherungstechniken, der Umgang mit Seilklemmen usw. müssen sitzen, bevor man in große Wände einsteigt.

Ein gewisses handwerkliches Geschick kann auch nicht schaden. Außerdem sollte man sich dem Thema „Behelfsmäßige Bergrettung Fels“ widmen. Dabei entwickelt sich ein gutes Verständnis für kompliziertere Seiltechniken und man lernt zu improvisieren, wenn es einmal klemmt.

Mein persönlicher Zugang zum Bigwall-Klettern erfolgte in ganz kleinen, nicht immer zielführenden Schritten. Die meisten Techniken haben Lukas und ich uns in jungen Jahren irgendwie selbst erarbeitet. Erst später erhielten wir als Mitglieder des DAV Expeditionskaders eine halbwegs seriöse Bigwall-Ausbildung. Allerdings standen für mich damals immer andere Themen – klassischer Alpinismus, Eisklettern, die Bergführerausbildung – im Vordergrund. Nach jeder Bigwall-Aktion hatte ich erst einmal die Schnauze voll vom Schleppen schwerer Säcke, dem Kuddelmuddel mit dem ganzen Material und dem langsamen vorankommen. Es lief nicht rund. Wir waren damals zwar stark, aber technisch und taktisch einfach nicht gut genug.

Mittlerweile läuft es deutlich besser. Bigwall-Klettern steht in meiner Wahrnehmung nicht mehr für Schinderei, sondern für eine große Spielwiese. Darüber hinaus ist es für mich ein entscheidendes Puzzleteil beim Erfüllen von Bergträumen. Entscheidend für diese Entwicklung war nicht zuletzt, dass es mir Freude bereitet hat, mein System über viele Jahre hinweg immer weiter zu optimieren. Klar, es ist noch nicht perfekt und das wird es auch nie sein. Aber ich denke, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt guten Gewissens ein paar Erfahrungen teilen kann.

Mein Beitrag soll in vier Teilen erscheinen. Nach dieser Einführung wird es im zweiten Teil konkreter: Es geht dort um die Zusammenstellung der wichtigsten Ausrüstung. Teil Drei trägt den Titel „Technik und Taktik“. Hier wird es spannend (hoffe ich). Im vierten Teil – „Gebiete, Ziele, Routenempfehlungen“ – beschreibe ich ein paar ausgewählte Gebiete in den Alpen (und darüber hinaus). Parallel empfehle ich folgende Literatur:

  • How to Big Wall Climb, Chris McNamara, Supertopo Verlag (englischsprachig)
  • DAV Alpin Lehrplan 5 – Klettern – Sicherung und Ausrüstung, Chris Semmel, blv Verlag

Gute allgemeine Informationen finden sich auch in folgenden beiden Lehrschriften:

  • Alpinklettern, Peter Albert, Bruckmann Verlag
  • Handbuch Ausbildung des Deutschen Alpenvereins

Hinweis: Alle Anleitungen, Beschreibungen und Empfehlungen in den Beiträgen dieser Serie erfolgen selbstverständlich nach bestem Wissen und Gewissen. Dennoch sollte klar sein: Vieles liegt im großen Graubereich zwischen Sicherheit und Effizienz. Manches entspricht wohl nicht den Herstellervorgaben zum Einsatz der Ausrüstung. Jeder Anwender muss für sich entscheiden, welche Techniken er überblicken und verantworten kann. Weder der Autor noch Bergfreunde.de können haftbar gemacht werden für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den Informationen der Beiträge dieser Serie resultieren.

Basislager-beitrag-calc-your-climb

Alt, unfit, ahnungslos? Dann auf zum Klettern!

19. Juni 2019
Tipps und Tricks

Schaut man sich in der großstädtischen Kletterhalle um, dominiert schon irgendwie der Typus jung und gut gebaut. Doch es gibt immer auch genügend Leute jenseits aller Fitness-, Alters- oder Schönheitsnormen. Und das ist gut so, denn die Vorzüge und Freuden des Kletterns sollen ja allen zugänglich sein. Deshalb gilt: wenn man es will, dann kann und darf man auch mit Hüftumfängen jenseits der 100 Zentimeter und Alterszahlen jenseits der Fuffziger hier mitspielen!

Doch wie macht man das, wenn es sich quasi unmöglich anfühlt? Der folgende kleine Leitfaden trägt hoffentlich dazu bei, die Frage zu beantworten und den Einstieg in die ersten gelungenen Klettermeter leichter zu machen.

Wer „darf“ mit klettern anfangen?

JedeR kann und darf mit klettern anfangen. Es gibt keine Regel, die irgendjemanden ausschließt, auch wenn es immer irgendwelche Gralshüter gibt, die Unsinn erzählen, um den Anschein von Wichtigkeit zu erwecken.

Ein scheinbares Hindernis ist das etwas überzogene Image des Kletterns. Nach wie vor hat es den Ruf, schwierig und gefährlich zu sein. Vor dreißig Jahren gab es tatsächlich viele Hindernisse und man brauchte eine Prise Glück, um eine Kletterlaufbahn ohne größere Blessuren aufzuziehen. Heute sind die Risiken und Einstiegshürden so weit heruntergeschraubt, dass Klettern in den Fitnessstudios zwischen Spinning und Aerobic läuft. Deshalb ist der Zugang zum Klettern auch für Menschen möglich, die auf den ersten Blick keine guten Voraussetzungen haben.

Zu alt?

Klettern ist entgegen der landläufigen Vorstellung ein „altenfreundlicher“ Sport. Es ist für den Körper eine zwar anstrengende, doch völlig natürliche Bewegungsform. Man kann sehr viele Kletterrouten in langsamen und geschmeidigen Bewegungen bewältigen und Kraft kann häufig durch gute Technik ersetzt werden. Ganz anders sieht es bei Ballsportarten oder Leichtathletik aus, wo häufige ruckartige Bewegungen für reichlich Verschleiß und Verletzungen sorgen.

Manche ältere Kletterer wie der Sportreferent Rainer Öhrle sind gar der Meinung, das Klettern „wie gemacht für Ältere“ ist. Öhrle bietet im Haus 44 der Evangelischen Jugend Stuttgart Kletterkurse für die Generation 50+ an. Solche Kurse und Gruppen für Ältere gibt es auch in immer mehr Sektionen des Alpenvereins. In den Sektionen Ulm und Neu-Ulm lassen die Alten mit ihrem Niveau viele Jungspunde hinter sich.

Es ist sogar nicht nur möglich, in fortgeschrittenem Alter ins Klettern einzusteigen, sondern auch, auf höchstem Niveau zu klettern. Letzteres zeigen Spitzenkletterer wie Stevie Haston, dem im Alter von 52 Jahren seine erste 9a(!) Route gelang. Dieses Niveau wird man natürlich nicht mit einem späten Einstieg erreichen, doch das Beispiel zeigt, dass vieles möglich ist.
Eine weitere erfreuliche Entwicklung für Ältere: In modernen Kletterhallen sind Griffe und Routen so beschaffen und geschraubt, dass ungünstige und extreme Belastungen für Gelenke, Sehnen und Bänder eher selten sind.

Die einzige wirkliche „Einschränkung“ der Älteren ist, dass sie dem Körper mehr Zeit zum Regenerieren geben müssen.

Zu viel auf den Rippen?

Übergewicht macht die Sache sprichwörtlich schwerer, aber nicht unmöglich. Ein paar Extrakilo sind überhaupt kein Grund, sich vom Klettereinstieg abhalten zu lassen. Bei massivem Übergewicht sollte man aber das Klettern in ein Gesamtkonzept zum Abnehmen und fitter werden einbetten. Ob klettern beim Abnehmen hilft, ist umstritten. Im Zusammenspiel mit einer Ernährungsverbesserung und einem „kreislaufbetonten Ausgleichssport“ wie Radfahren, Schwimmen oder Nordic Walking hilft es mit Sicherheit.

Beim Querlesen durch Foren und Frage-Antwort-Seiten zum Thema „klettern anfangen mit Übergewicht“ kam mir der Eindruck, dass die Angst vor schiefen Blicken und Gelächter ein größeres Hindernis ist als die physischen Anstrengungen. Hier kann man natürlich aufmunternd einwenden, dass bei den Kletterern auf einen Idioten mindestens ein bis zwei freundliche und aufgeschlossene Leute kommen (wer das für eine schlechte Quote hält: Kletterer sind halt auch nur ein Spiegel der Gesellschaft ;-)).

Noch besser wäre es, mal eingehend darüber nachzudenken, ob Reaktionen und „Meinungen“ von teils völlig fremden Leuten wirklich Einfluss auf die eigenen Handlungen haben sollten. Vor allem, wenn diese Menschen mit ihrer Herablassung in erster Linie nur zeigen, wie eng ihr eigener geistiger Horizont ist. Also, nochmal: soll man wirklich irgendwelchen Wichteln Macht über das eigene Leben geben, indem man sich von ihnen abhalten lässt, Dinge durchzuziehen und Spaß zu haben?

Last but not least: es gibt auch definitiv übergewichtige UND gute Kletterer. Mit dem Briten John Dunne gab es in den Neunzigern sogar einen schweren Jungen in der obersten Kletterliga. Doch leider mangelt es nach wie vor an inspirierenden Erfahrungsberichten, sodass die Klettertipps für Übergewichtige meist von Leuten stammen, die selbst keine Probleme mit den Pfunden haben.

Partner oder allein? Do-it-yourself oder „betreut“? Draußen oder Halle?

Der Einstieg ins Klettern und Bouldern ist mit Partner(n) meist einfacher und macht so auch mehr Spaß. Man kann sich aber nicht immer einfach Partner backen. Wer keine Partner findet, sollte erst einmal bouldern gehen (am besten in der Boulderhalle), oder direkt mit einem Kletterkurs in der nächsten Kletterhalle beginnen. Bouldern ist in Bezug auf den Aufwand die „risikoloseste“ Alternative, wenn man erst einmal herausfinden will, ob einem die Bewegungen des Kletterns überhaupt Spaß machen und zusagen. Es ist auch immer eine gute Idee, das Hallenpersonal im Falle von Fragen oder Problemen freundlich anzusprechen. Die Leute sind nämlich nicht nur fürs Kassieren des Eintritts dort, sondern auch fürs Informieren.

Egal wie man anfängt, es kommen immer erstmal eine Menge neuer Informationen und Eindrücke. Der Anfängerkurs in der Halle ist die beste Methode, um diese Menge zeitlich und inhaltlich richtig zu portionieren. Er ist auch für kleinere Geldbeutel finanzierbar und bietet die erfolgversprechendste Möglichkeit, künftige Kletterpartner zu treffen. Man macht am besten zunächst „nur“ den Topropekurs (für das Klettern mit Seilsicherung von oben), und erst wenn das Ganze „sitzt“, kommt der Vorstiegskurs hinzu.

Damit werden Überforderung und Frustration vermieden. Andererseits ist es natürlich toll, wenn man gleich „Blut leckt“ und es gar nicht schnell genug gehen kann. Doch hier lauern – besonders wenn man keine Sportskanone oder keine zwanzig mehr ist – gewisse Fallstricke wie mögliche Verletzungen und Überlastungen.

Ein Verzeichnis von Kletterhallen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es beim Bergsteiger-Magazin.

Wer „rein privat“ mit erfahrenen Freunden lernt, weiß nie genau, ob er wirklich den richtigen Input auf dem neuesten Stand bekommt. Insofern sind Kurse, insbesondere die des Deutschen Alpenvereins, die einzige Einstiegsmethode, die man guten Gewissens „offiziell“ empfehlen kann. Das bis vor etwa 20 Jahren übliche bzw. oft auch alternativlose draußen am Naturfels anfangen birgt zudem geringe, aber nicht auszuschließende Risiken wie Griff- oder Hakenausbruch. Man sollte sich zwar auch das Klettern draußen am Naturfels nicht entgehen lassen, doch besser erst als dritten Schritt in der Abfolge:

  1. Halle-Toprope
  2. Halle-Vorstieg
  3. Naturfels

Notwendiges Equipment: leihen oder kaufen?

Zur richtigen Strategie bei der Kletterausrüstung gibt das Bergsteiger-Magazin in diesem Artikel gute Hinweise. Für die allerersten Versuche in der Halle braucht man keinerlei Anschaffungen zu tätigen. Erst wenn man weiß, dass man am Klettern dranbleiben will, sind eigene Schuhe, ein eigener Klettergurt, ein eigener Chalkbeutel mit Chalk sowie ein eigenes Sicherungsgerät ratsam. Ein eigenes Seil und einen eigenen Helm braucht man erst, wenn man regelmäßig im Vorstieg und draußen klettern möchte. Die persönlichen Gegenstände kann man zunächst im unteren Preissegment kaufen. Ein Seil kann man sich mit regelmäßigen, verlässlichen Partnern auch teilen.

Technik und Taktik: am Anfang zweitrangig

Einige der Einsteiger-Artikel, die ich hier für die Recherche gelesen habe, geben gleich eine Reihe Tipps für die Klettertechnik oder gar die Taktik. Da wird dann den blutigen Anfängern suggeriert, dass sie „schwierige Stellen“ am besten „schon vom Boden aus analysieren“ sollen. Diese Punkte sind aber Feinheiten, die man als Einsteiger gar nicht beherrschen kann und die erst nach den ersten Kletterversuchen relevant werden. Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Weg zu den ersten Routen, die natürlich so leicht und kurz gewählt sein sollten, dass es keine Wahnsinnsfinessen braucht, um hochkommen.

Ziemlich unsinnig wird es, wenn man schon vor dem allerersten Mal Gedanken um die sportliche „Wertigkeit“ hineinbringt und Anfänger mit Konzepten wie „sauberer Durchstieg ohne Hängen“ oder gar „Rotpunkt“ und „Onsight“ behelligt. Wenn man bei den ersten Kletterversuchen nicht weiterkommt, einfach ins Seil setzen, Armmuskeln lockern, versuchen eine machbare Griff- und Trittfolge für die nächsten Meter zu finden und nochmal probieren. Fertig. Wobei das „ins Seil setzen“ beim ersten Mal „gar nicht so ohne“ ist und deshalb zuerst in Bodennähe geübt werden sollte. So kann sich Vertrauen ins Material und die Abläufe entwickeln.

Techniktipps bringen wenig, wenn man noch nicht einmal weiß, wie sich klettern überhaupt grundsätzlich anfühlt. Das ist dann nur Informationsüberfrachtung, die eher hindert als hilft. Deshalb: erstmal ran an die Wand und die ersten Meter machen. Das wird man im Idealfall sowieso unter Anleitung und Aufsicht erfahrener Kursleiter oder Mentoren, die einem dann schon die angemessenen Tipps geben. Wenn man ein paar Bewegungserfahrungen gesammelt und Lust auf mehr hat, kann man sich mit Technik, Taktik und Training beschäftigen.

Dranbleiben, weil …

Besonders beim Klettern gilt: wenn man einmal in die Gänge kommt, fängt die Sache an, richtig Spaß zu machen. Umgekehrt können Unterbrechungen schnell frustrieren, da man die einmal gelernten Kletterfertigkeiten, anders als beim Fahrradfahren oder Schwimmen, nicht „ein für alle man drauf hat“ und auch nicht „sofort wieder hochholen“ kann. Nach einer längeren Pause kann es Monate dauern, bis man wieder das vorherige Niveau hat. Und leider geht bei langen Unterbrechungen nicht nur Kraft verloren, sondern auch Technik und Theoriekenntnisse. Das ändert sich erst, wenn all diese Dinge nach vielen Jahren wirklich in Fleisch und Blut übergegangen sind …

Motivation und Wille nutzen

Ohne ein grundlegendes Interesse und einen gewissen Willen trifft niemand die Entscheidung, dieses Klettern mal zu probieren. Selbst wenn man von Freunden „überredet“ wird, ist es letztlich die eigene Entscheidung. Es ist also von vornherein eine gewisse Grundmotivation da. Und diese Motivation kann man vergrößern, indem man sie mit konkreten positiven Bildern und Vorstellungen unterfüttert. Diese Bilder kann man dann bei Bedarf aufrufen und sich auch noch detaillierter ausmalen. Ein simples aber gutes Beispiel ist das Bild, wie man selbst voller Dynamik, Fitness und Lebensfreunde durch eine sonnige Felswand turnt. Wahlweise bärenstark mit Kraft oder elegant mit Leichtigkeit.

Die Realität bei den ersten Versuchen wird dann nicht ganz so aussehen, doch die positiven Assoziationen heben die Wahrscheinlichkeit, dass man Spaß hat und für weitere Kletterversuche motiviert bleibt. Nach ein paar Klettererfahrungen kann man sich auch konkrete, überschaubare Zwischenziele setzen, die für noch mehr „Zug“ hinter der Sache sorgen. Spiel und Spaß sollten aber im Vordergrund bleiben, sonst schlägt der motivierende Zug ganz schnell in Druck und Stress um.

Soweit die Tipps zum Klettereinstieg auch unter „schlechten“ Voraussetzungen. Weitere Tipps zum Kletter-Einstieg und Ausrüstungstipps von Bergfreund Sascha findet ihr auf unserem Youtubekanal.

Badezimmer, W-Lan, Daunenduvets: ein Plädoyer gegen die Hotel-Hütten

12. Juni 2019
Die Bergfreunde

Folgendes liest man mittlerweile in allen Medien: Wir müssen Ressourcen schonen und Energie effizienter nutzen. Wir müssen „nachhaltig“ und „ganzheitlich“ denken und wir müssen „achtsamer“ mit „Mutter Erde“ umgehen. Wir müssen unseren Müll reduzieren und unsere Konsumgewohnheiten ändern.

Dann liest man aber auch Folgendes: Wir müssen die Hütten der Alpen mit Hotelkomfort ausstatten. Ja gut, vielleicht werden dadurch ein bisschen mehr Energie und Ressourcen verbraucht, mehr Müll und Abwasser erzeugt, das konsumistische Anspruchsdenken im Bergtourismus bestärkt und vermutlich auch für mehr Verkehrsaufkommen in den Alpen gesorgt. Aber wir müssen nun mal auf veränderte Bedürfnisse reagieren und dürfen uns nicht starrsinnig dem Lauf der Zeit verschließen.

Die Menschen benötigen heute ein eigenes Zimmer, eine durchgängig erhältliche Speisekarte, Duschen, jederzeit warmes Wasser und einwandfreies Internet. Wir dürfen schon aus gesundheitlichen Gründen niemandem mehr diese unhygienischen Filzdecken zumuten und müssen sie durch kuschelige Daunenduvets ersetzen, die für jeden Gast gewechselt und gewaschen werden. Kurz und gut: dass wir erneuern und ausbauen bis die Schwarte kracht und dabei natürlich auch das Preisniveau der Hütten an den Hotelstandard anpassen ist alternativlos.

Was ist besser an den neuen Hütten?

Nun, die frisch geduschten und vom glutenfreien Menü gestärkten Influencer können jetzt endlich ohne Zeitverlust den wartenden Followern ihre neuesten Berg-Selfies servieren. Und ihren schon mit den Hufen scharrenden Bloglesern diese Supergeheimtipp-Insidertour quasi live vor Ort posten.

Okay, okay, das war natürlich nur die polemische Zuspitzung eines Nörglers. Die Gäste brauchen den Luxus und die Netzabdeckung allein schon aus Sicherheitsgründen. Der Wetterbericht muss geprüft, die Lawinenlage sondiert und die Tour geplant werden. So etwas ist heute wegen Zeitmangels nicht mehr vom Tal oder von zuhause aus möglich. Abgesehen davon, dass solche „Steinzeitmethoden“ unpräzise und unverantwortlich waren: es kommt am Berg auf Meter, auf Minuten, auf Echtzeit und auf Milliliter pro Quadratmeter an. Ach so, und die nächste Hütte muss ja auch noch gebucht werden. Das geht bald nämlich auch nur noch online. Willkommen im Hochgebirge 2.0!

Wo liegt das Problem mit den neuen Hütten?

So, das Intro ist vermutlich doch wieder polemischer geraten als erlaubt. Ich verspreche aber, dass ab jetzt seriöse Sachlichkeit waltet. Also, ganz sachlich, worin sehe ich das Problem der schönen neuen Hüttenwelt? Mir scheint es weniger in der wohl eher überschaubaren Umweltmehrbelastung zu liegen. Dass die Monte Rosa Hütte ihre steigenden Abwassermengen einfach in die Natur ableitet, wird nicht zur Katastrophe führen. Und mit etwas „grüner Technologie“ wird man das auch sicher schnell in den Griff kriegen.

Das Problem dürfte eher die Denke hinter diesem neuen Luxusimperativ sein: die ist nämlich von einem ständigen Steigerungs-, Update- und Optimierungseifer beherrscht, der mittlerweile zum Selbstzweck geworden scheint und nicht mehr weit weg ist von diesem alten Eroberungs- und Kontrolleifer. Und das Bequem-konsumieren-wollen der Berge ist ziemlich nah dran an diesem früheren Herrschen-wollen über sie. Hier kommen Dinge wieder hoch, die man längst meinte abgelegt zu haben. Klingt vielleicht nach steiler These, doch es wird gleich noch mit Beispielen untermauert.

Jedenfalls ist die aktuelle Hüttenentwicklung nicht so innovativ, wie sie gern dargestellt wird. Im Gegenteil, gerade umgekehrt wäre es mal etwas wirklich Neues: eine freiwillige Selbstbeschränkung nämlich, die zur Abwechslung mal nicht dem Machbarkeitsdrang nachgibt. Aus Respekt gegenüber den Bergen. Das hieße, man belässt es bei einfacheren Hütten mit geringerem Komfortstandard und möglichst wenig Stahl und Beton. Solche Hütten lassen nämlich einen Rest von direktem Kontakt mit der Natur und vermitteln so auch mehr Respekt.

Die „neuen Hütten“ verstärken eher die Entfremdung und bauen den Respekt weiter ab. Vor allem bei den jungen Menschen, die mangels Vergleich zu früheren Zeiten gar nicht wissen können, was ihnen entgeht. Ihnen nimmt man damit auch eine weitere Möglichkeit, mal unkonfektionierte Erfahrungen und Erlebnisse zu haben. Anschließend wundert man sich, dass sie den Wert von unverbauter Natur nicht erkennen können …

Die vollvernetzte Zivilisationsblase, in der alles reguliert, nummeriert, planbar und vorhersagbar ist – die schiebt man mit den Hüttenhotels weiter in die Alpen hinein. Man muss mittlerweile schon wirklich gut recherchieren oder sehr weit laufen, um noch „wilde Erlebnisräume“ zu finden. Nicht mehr lange und man wird „wilde Hütten“ nur noch mit aktiver Recherche und speziellen Führern wie dem von Mountain Wilderness finden.

Dass in diesem Führer gerade einmal 20 Stück unter den vielen Hundert Alpenvereinshütten vorgestellt sind, dürfte übrigens ein indirekter Hinweis sein, dass die Modernisierungswelle nicht punktuell, nicht geplant und nicht sinnvoll abgestuft über die Alpen rollt, sondern einfach vollgas und auf Teufel komm raus. (Oder weiß jemand etwas von einem Plan oder Konzept dahinter? Ich konnte bei der Artikelrecherche nichts entsprechendes finden).

Wie denken die „Fortschrittsfreunde“?

Ein extremes, aber vielleicht gar nicht so seltenes Beispiel für „Touristikerdenke“ dürfte Thomas Auer, Wirt der zum Hotel upgedateten Höllentalangerhütte, sein. Auer ist der Meinung, die Berge seien „dafür da, dass sie dem Menschen dienen.“ Das klingt aber statt nach Fortschritt eher nach Altem Testament. Auch da war die Natur idealerweise des Menschen Untertan.

Allerdings kann man den Hüttenwirten die Befürwortung der Modernisierung am wenigsten vorwerfen. Sie können mit dem aktuellen Finanzierungsmodell nichts an den bloßen Übernachtungen der Gäste verdienen und sind so quasi gezwungen, möglichst viel touristisches Programm zu veranstalten, wenn sie von der Hüttenbewirtschaftung leben wollen.

Es gibt aber auch Fortschrittfans, für die jeder, der die Entwicklung nicht bejubelt, ein spießiger „Giebeldachtraditionalist“ und „Geranienromantiker“ ist. So geschrieben hier in der Süddeutschen in einer Hymne auf das neue Seethalerhaus am Dachstein. Der Artikel preist dessen überlegene Technik und kanzelt die verfallene alte, kleine und einfache Vorgängerhütte als unzulänglich, kümmerlich und erbärmlich ab. Man feiert die „Umweltfreundlichkeit“ der hochkomplexen neuen Hüttentechnologie mit Miniblockheizkraftwerk, Brauchwasser-Tanklagern und Photovoltaikanlagen und vergisst dabei, dass der ganze Hightech-Aufwand ohne die konsumistische Anspruchshaltung gar nicht nötig wäre. Es passt zu diesem „Ökotempel“, dass sein Unterboden als Antwort auf den schwindenden Permafrost mit Beton verschlossen wurde.

Auch wenn er jetzt in grün daherkommt, hat der Technozentrismus nach wie vor die alte Neigung zu Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. Und ist nicht gerade diese Technikeuphorie irgendwie „von vorgestern“? Hat nicht gerade sie die Umweltprobleme mit verursacht, die man jetzt mit all dem Aufwand zu lösen meint?

Bitte das nun nicht als Technikfeindlichkeit verstehen. Technologie hat ihren sehr berechtigten Platz in vielen Bereichen und sollte auch stets weiterentwickelt werden. Aber eben nicht überall. Es müssen nicht die hintersten Winkel der Berge als Bühne für Großtaten von Ingenieuren und Architekten dienen. Dafür ist doch im „zivilisierten“ Rest der Welt genug Platz.

Die „neuen Bedürfnisse der Gäste“: Woher kommen die eigentlich?

Wenn der „Hotelausbau“ begründet wird, ist von einem „veränderten Anspruchsprofil der Gäste“, dem man „gerecht werden muss“ die Rede. Es ist das Hauptargument in dieser Sache. Es ist aber alles andere als neu: mit „unabwendbaren“ Bedürfnissen und Entwicklungen wurden Erschließungs- und Bauprojekte in den Alpen seit eh und je begründet. Neu ist nur, dass in der Hüttencausa auch die Alpenvereine in den Chor einstimmen. Beim Schweizer Alpenclub beruft man sich auf Umfragen, nach denen sich 57 Prozent der Wanderer wünschen, auch in der SAC-Hütte im Internet surfen zu können.

Das sind zwar Viele, aber die absolute Mehrheit ist das bei weitem nicht. Außerdem sollten wir doch als Kinder gelernt haben, dass nicht jeder Wunsch immer erfüllt werden kann oder muss.

Es sind auch keineswegs alle Hüttenwirte begeistert von den neuen Hotelhütten. Susanne Brand, Hüttenwartin der Gaulihütte im Berner Oberland, ist im Interview mit dem Schweizer SRF der Meinung, die Hütten des Schweizer Alpenclubs böten „heute einen Service, welcher die Gäste anspruchsvoller – und eben auch egoistischer machen würde.

Man achte auf das Wörtchen machen. Es widerspricht der herrschenden These, die neuen Hüttengäste seien a priori anspruchsvoller und man müsse sich dem eben anpassen. Erweist sich diese Alternativlosigkeit am Ende noch als Eigenkreation? Ist es gar erst der Ausbau der Hüttenstruktur, der die Gäste anspruchsvoller macht und eine zunehmend verwöhnte Klientel in die Berge lockt? Beim SRF scheint man das jedenfalls so zu sehen:

Mit der Modernisierung der Hütteninfrastrukturen verändert sich auch die Gästestruktur. Immer mehr Wandergruppen wählen gut erreichbare Hütten als Endziel ihrer Tour und lassen den Abend gemütlich ausklingen.

Moralische Trümpfe: das Sicherheitsargument und die Demokratisierung der Berge

Doch keine Sorge, selbst wenn sich die gottgegebene Nachfrageänderung als Luftnummer erweist, bleiben immer noch die „Sicherheit“ als Argument. Sie wird vor allem dann bemüht, wenn Wege betoniert und verdrahtet oder spektakuläre Hängebrücken quer über schmelzende Gletscherzungen gezogen werden. Denn wegen der schmelzenden Gletscher und dem tauenden Permafrost ist das Berggelände an vielen Stellen schwieriger und gefährlicher geworden. Ganz richtig, doch ist das ein Argument dafür, dieses Berggelände im Sinne tourismusgerechter Sicherheit umzugestalten? Der Mensch könnte sich doch auch an die Veränderungen des Gebirges anpassen, anstatt das Gebirge mit Stahl und Beton anzupassen. Dann gäbe es in manchen Gebieten eben ein paar weniger Hütten. Es würden dann trotzdem immer noch genügend Orte übrig bleiben, an denen anspruchsvollere Gäste die Bergwelt ohne zu große Anstrengungen und „Entbehrungen“ genießen könnten.

Die ständigen Ausbauten hingegen ziehen, vor allem durch spektakuläre Facebook- und Instagramfotos, weitere Menschenmassen in Berggelände, welches unverbaut ein gewisses Maß an Erfahrung und Können erfordern würde. Weitere „notwendige“ Verbauungen sind da nur eine Frage der Zeit. Und jetzt kommt die Moral-Trumpfkarte: wer kann denn bitte schön gegen die Sicherheit von Bergtouristen sein?

Bergromantiker, Mountain Wilderness und andere Spaßbremsen

Schauen wir noch kurz auf die (wenigen?) Gegner der schönen neuen Hüttenwelt. Sind diese „Bergromantiker“ nicht naive Traumtänzer von vorgestern? Oder elitäre Eigenbrötler, die die Berge exklusiv für sich haben wollen? Was ist sie denn wirklich, diese ominöse Bergromantik?

Genau weiß ich das auch nicht, aber meiner Meinung nach ist sie eine Stimmung, die in den Bergen aus der Schönheit und einem gewissen Gefühl von Abgeschiedenheit entsteht. Es ist das Gefühl von Abenteuer und von „aus der Zeit herausgehoben sein“. Sie kann allerdings nur entstehen, wenn Alltag und Zivilisation in eine gewisse Entfernung gerückt sind.

Auf den Hütten entsteht durch sie auch ein gewisses Gemeinschaftsgefühl, eine gegenseitige Rücksichtnahme und eine besondere Atmosphäre, in der man schnell ins Gespräch kommen kann. Diese Dinge gehen mit dem Konsumismus und der Fixierung aufs Smartphone ganz sicher „flöten“. Einfach weil die Hüttengäste „dank“ gewohntem Komfort und gewohntem Aktivitätsmuster in der Zivilisationsblase mit ihrem mentalen Alltagszustand bleiben.

So in etwa scheint das auch Gotlind Blechschmidt vom Verein Mountain Wilderness zu sehen:

Wir wollen in den Bergen abseits leben vom Normalen. Das Normale haben wir ja zu Hause. Wir haben Duschen, wir haben alles. Aber die Entspannung und wirklichen Urlaub, das empfindet man nur, wenn man anders lebt.

„Entspannung“ und „Urlaub“ wären demnach nicht unbedingt mit „Full Service rund um die Uhr“ gleichzusetzen …

Ein Kompromiss?

Es ist nichts prinzipiell gegen komfortable Urlaubsmöglichkeiten in den Bergen einzuwenden. Es ist aber falsch, die vom Tal gewohnte Bequemlichkeit flächendeckend bis in die oberen Etagen des Hochgebirges einzuführen. Auch wenn man das mit edlen Motiven wie Umweltschutz, Sicherheit oder „Demokratisierung“ des Bergerlebnisses begründet.

Man sollte den Ausbau auf Hütten beschränken, die sich in den stärker frequentierten und erschlossenen Gebieten befinden. Sonst zieht der flächendeckende Ausbau eine weniger bergaffine, dafür aber zahlungskräftigere Klientel in immer abgelegenere und höhere Naturräume. Man sollte vielleicht auch das Bezahlmodell der Hüttenwirte überdenken.

Oder gleich die Problemlösung

Wie gesagt sollen ja die Hüttengäste von heute wie selbstverständlich davon ausgehen, dass hoch oben am Berg das gleiche Komfortniveau herrscht wie im Tal. Doch wenn es eher umgekehrt wäre und das Anspruchsdenken erst mit dem immer luxuriöseren Infrastrukturausbau samt dessen ständiger Promotion erst so richtig hochgezüchtet wird? Dann könnte man doch mit etwas  realitätsbezogener Gegenaufklärung an Ort und Stelle des Geschehens relativ einfach gegensteuern.  Man bräuchte nur große, signalfarbene Warnschilder an den Seilbahntalstationen und Parkplätzen aufzustellen.

War das jetzt schon wieder polemisch? Gut, vielleicht ein bisschen. Aber es gibt ja auch Schilder, die vor dem Betreten von Gletschern mit High Heels oder vor Absturzgefahr bei Selfies warnen. Da denkt man doch auch erstmal, das sei Satire …

Das Nachhaltigkeitskonzept von Prana

31. Mai 2019
Ausrüstung

Die Marke Prana entstand 1992 in Südkalifornien und steht für bequeme und stylische Kletter-, Yoga- und Strandklamotten. Nachhaltigkeit hat für die Firma nach eigener Aussage von Anfang an eine Hauptrolle in allen Produktionsschritten gespielt und wird es auch in Zukunft tun. Man sieht sich dabei inspiriert durch die Yoga-Philosophie, die Umweltbewegung der amerikanischen Westküste und die Kletterszene der 90er Jahre.

Nachhaltigkeitskonzepte im Sinne von Umweltschutz und sozialer Verantwortung wurden bislang auch durchaus überzeugend umgesetzt. Auffallend an der Prana-Strategie sind die wiederholten Appelle an die Kundschaft, auch ihren Beitrag zu leisten und ebenfalls Verantwortung für die Umsetzung von Nachhaltigkeit zu übernehmen. Das klingt dann meist in etwa wie folgt:

„From the farm to the factory to our closets, we all have an opportunity to reduce our impact on the environment. Start asking questions about your clothes in the same way you ask about the food you eat, and you can help fundamentally change the way clothing is made.“

Kurz: JedeR kann überall ansetzen und auch mit kleinen Schritten etwas bewirken.

Prana investiert vorwiegend in Partner, die neue Wege in der Produktion von Kleidung gehen und gehört Organisationen wie Fair Trade, bluesign, Textile Exchange, Responsible Down Standard und vielen mehr an. Unter den US-Unternehmen war man einer der ersten bluesign-Systempartner und der erste große Bekleidungshersteller mit einer Fair Trade USA-Zertifizierung. Zudem steigt die Zahl der Fair Trade-Produkte von Saison zu Saison. Gleiches gilt für Produkte aus Bio-Baumwolle, Naturfasern und recycelten Stoffen. Schauen wir uns nun die Maßnahmen im Detail an.

Umweltaspekte der Nachhaltigkeit

Da Prana kaum technische Outdoorkleidung herstellt, gibt es den ansonsten in der Outdoorbranche sehr ausgeprägten Konflikt zwischen technischer Funktionalität und Umweltfreundlichkeit nicht in dem Maße. Bleibt natürlich immer noch der Rentabilitätskonflikt, mit dem nicht nur Outdoorfirmen, sondern alle Unternehmen zu tun haben. Doch dieser hindert Prana nicht daran, Umweltschutzmaßnahmen konsequent umzusetzen.

Kennzeichnung nachhaltiger Produkte

Prana macht durch das Liefern von guten Argumenten und die vorwegnehmende Beantwortung von Fragen und möglichen Einwänden immer wieder „Werbung“ für Bluesign – und andere Nachhaltigkeitsinitiativen.

Als Gründe werden die Wassereinsparung, die Vermeidung giftiger Chemikalien und die Vertrauenswürdigkeit des Labels genannt. An Fragen wird unter anderem Folgende beantwortet: „Wird die Leistungsfähigkeit der Kleidung durch den reduzierten Einsatz von Chemie beeinflusst?“

Antwort: „Nein, wir können die grundlegende Leistung und Qualität, die wir beabsichtigen, ohne die chemischen Methoden erreichen.“

Bio-Baumwolle, recycelte Wolle und Hanf

Seit 2018 sind 100% der Baumwoll-Produkte von Prana aus Bio-Baumwolle gefertigt. Daneben erweitert Prana laut Angaben der PR-Agentur KGK auch die Verwendung von Hanf und recycelter Wolle. Dafür werden in Italien Altkleider und Schnittreste zu Fasern zurück verarbeitet, um dann in neuen Produkten zum Einsatz zu kommen. Hanf wird wegen seiner Robustheit gern genutzt: weder im Anbau, noch bei der Ernte oder in der Verarbeitung benötigt er Pestizide oder Düngemittel.

Auch bei Biobaumwolle und recycelter Wolle liefert die Prana-Homepage die Argumente gleich mit:

  • Landwirte und ihre Familien sind keinen schädlichen Chemikalien mehr ausgesetzt.
  • Leben und Biodiversität im Boden erholen sich.
  • Mit jedem T-Shirt aus Bio-Baumwolle werden 115 Liter Wasser im Vergleich zu herkömmlicher Baumwolle eingespart.

Im FAQ-Bereich wird jedoch nicht ausschließlich gelobt, sondern auch auf eingegangene Kompromisse und Verbesserungspotentiale hingewiesen.

Gleiches gilt für die recycelte Wolle, deren Verwendung Ressourcen und Energie spart, Abfälle und Abwässer vermeidet, den Flächenverbrauch der Landnutzung verringert und das Tierwohl achtet. Auch ist der notwendige Aufwand zur Aufbereitung der Fasern (z. B. der Färbung) deutlich geringer. All diese Vorzüge werden laut Prana ohne Abstriche in Sachen Leistungsfähigkeit und Funktionalität des Endprodukts erreicht.

Recyceltes Polyester

Seit 2016 verwendet Prana recyceltes Polyester, das in der Regel aus PET-Flaschen stammt. Der Anteil der Produkte mit recyceltem Polyester wird seitdem ausgebaut, vor allem bei Bademode wie Boardshorts, Neopren-Teilen und Bikinis.

Responsible Down Standard (RDS)

Der RDS ist ein freiwilliger weltweiter Standard. Wenn Marken sich für diese Zertifizierung ihrer Produkte entscheiden, halten sie sich strikt an die „fünf Tierfreiheiten“, die da wären:

  1. Freiheit von Hunger und Durst
  2. Freiheit von Unbehagen
  3. Freiheit von Schmerzen, Verletzungen oder Krankheiten
  4. Die Freiheit, normales Verhalten auszudrücken
  5. Freiheit von Angst und Leid

Mehr über den RDS und dessen Vertrauenswürdigkeit erfahrt ihr in diesem Bergfreunde Artikel.

Umweltschutz am Unternehmensstandort

Auch das gehört zum Prana-Nachhaltigkeitskonzept: Recycling, Kompostieren, Energie sparen und Müll vermeiden am eigenen Standort. Die bislang auffälligste Aktion ist wohl die Umstellung von Plastik auf Papier: seit 2011 verzichten die Kalifornier weitestgehend darauf, Produkte in Plastik-Verpackungen zu verschicken. Stattdessen greift man auf Tüten aus 100% Altpapier zurück. Bis 2017 sollen so an die 11 Millionen Plastiktüten eingespart worden sein, deren Gewicht dem von 25 Blauwalen entsprechen sollen.

Soziale Aspekte

Die Maßnahmen im sozialen Bereich beziehen sich – wie bei anderen Outdoorlabels auch – auf die Arbeitsbedingungen bei den Partnern und Zulieferern in den sogenannten Entwicklungsländern. Prana macht deren Erfolg sogar an konkreten Zahlen fest, ohne allerdings deren Herkunft genauer zu spezifizieren: „Since prAna became the first North American apparel brand to produce Fair Trade Certified clothing, we have given back $400,000+ to 33,000+ workers worldwide.“

Außerdem werden auf der Firmenhomepage demokratische Entscheidungsfindungen hinsichtlich der Verwendung von Geldern und die kommunale Entwicklung für die Familien der Landwirte und Fabrikarbeiter erwähnt.

Die wichtigsten „messbaren“ Maßnahmen sind die Teilnahme am Fair-Trade-Certified-Programm und die Mitgliedschaft in der Fair Labor Association. Prana weist auf den Unterschied zwischen der  Fair Trade Zertifizierung einzelner Fabriken (Fair Trade Factory) und der vollständigen Zertifizierung für das „Gesamtpaket“ (also über die ganze Produktionskette bis zu den Ausgangsmaterialien hinweg) hin. Bei Prana sind die Fair Trade Produkte, deren Anteil von Saison zu Saison zunimmt, als Ganzes zertifiziert.

Die Mitgliedschaft in der Fair Labor Association (FLA) besteht seit 2010, seit 2015 läuft das Social Responsibility Programm der Kalifornier offiziell mit Unterstützung der FLA.

Mitarbeiter und Kunden

Den Einbezug von Mitarbeitern und Kunden kann man als sozialen Aspekt der Nachhaltigkeitsbestrebungen betrachten. Prana erwartet von jedem einzelnen Mitarbeiter verantwortungsbewusste und umweltbewusste Praktiken, sei es beim Umgang mit Chemikalien oder bei der Müllentsorgung im Alltag. Die Kunden werden aktiv aufgerufen, sich für nachhaltige(re) Kleidung zu entscheiden.

Ökonomische Aspekte

Seit 2014 gehört prAna zu den Marken der Columbia Sportswear Company (COLM), die in erster Linie Wachstumsziele verfolgt und für Investoren interessant sein möchte.

Was sagen die Kritiker?

In Massenmedien und bei Verbraucherportalen ist Prana zurzeit noch nicht präsent, sodass es von dieser Seite keine Bewertungen gibt. Vereinzelte Berichte von Bloggern und Branchenmagazinen äußern sich bezüglich Nachhaltigkeit überzeugt und positiv.

Fazit

Da Kleidung und Accessoires von Prana viel über die Ansprache von Gefühlen und als Lifestyleprodukte verkauft werden, lässt sich natürlich vortrefflich diskutieren, ob wirklich jedes dieser schönen neuen Yogashirts und Kletter-Hoodies auch wirklich benötigt wird, oder ob nicht auch „unnötiger“ Luxuskonsum dabei herauskommt. Sagen wir mal so: wenn das Prana-Teil anstatt eines kurzlebigen Discounter- oder Großkonzernprodukts gekauft wird, ist das sicherlich ein Nachhaltigkeitsgewinn.

Zuletzt kann man immer noch einwenden, das ganze Nachhaltigkeitsgerede sei nur Eigenwerbung und diene letztlich doch nur dem Zweck der Umsatzsteigerung. Könnte stimmen, doch warum sollte man eigentlich immer den „niedersten“ Beweggrund annehmen? Man kann genauso gut annehmen, dass Prana sich tatsächlich für Biobaumwolle, recycelte Materialien und fairen Handel einsetzt. Letztlich ist es gar nicht so wichtig, denn zumindest kann man als potentieller Käufer bei Prana sehr detailliert nachvollziehen, warum sich die Entscheidung für die nachhaltige Alternative lohnt.

Warum ist dynamisches Sichern so wichtig?

3. Juni 2019
Tipps und Tricks

„Ei, ei, ei, Vorstieg ist echt nicht ohne“, dachte ich, als ich die Kletterschuhe auszog, um den schmerzenden Zehen und Knöcheln etwas Luft zu gönnen. Kurz zuvor war ich mit zugelaufenen Unterarmen aus der Route gekippt und durch den Sturz waren die Füße hart gegen den Fels geprallt. Ich wusste zwar schon, dass zwischen Topropeklettern (also Seilsicherung über einen Umlenker von oben) und Vorstieg (Seilsicherung ohne Umlenker von unten) ein Unterschied besteht, doch dass er so groß ist, hat mich dann doch etwas irritiert. Allerdings war er vor allem deshalb so groß, weil wir nicht wirklich Ahnung von dem hatten, was wir machten.

Diese Ahnungslosigkeit lag zum Teil auch daran, dass „damals“ (so um 2001 herum) fundiertes Kletterwissen noch nicht überall und jederzeit abrufbar war. Ich erfuhr jedenfalls erst später und eher zufällig, dass unser „statisches Sichern“ ziemlich suboptimal war und dass es stattdessen „dynamisch zu sichern“ gilt.

Etwas erstaunt hat mich, dass nach Ansicht der Experten von Bergundsteigen heute nach wie vor viele Kletterer ähnlich ahnungslos herumfuhrwerkeln. So heißt es im Bergundsteigen-Artikel zum Thema Sichern: „Dynamisches Sichern – der sagenumwobene heilige Gral der Hallenumkleidekabine. Viele reden davon, die meisten wissen nicht was gemeint ist und wenige können es.“

Wenn dem so ist, schadet es bestimmt nicht, dass wir hier die Grundlagen rund um das Thema (dynamisches) Sichern nochmal möglichst anschaulich und übersichtlich zusammenfassen. Während die meisten Artikel sich vorrangig mit der ständig wachsenden Zahl an neuartigen Sicherungsgeräten befassen, soll hier der Fokus zunächst auf den grundlegenden Mechanismen liegen – denn ohne deren Verständnis kann man die vielen verschiedenen Geräte mit ihren Vor- und Nachteilen nicht wirklich einschätzen.

Vorweg noch eine wichtige Anmerkung als „Disclaimer“:

Ich hoffe, dass die theoretischen Prinzipien und Zusammenhänge hier einigermaßen verständlich vermittelt sind. Doch selbst wenn das gelungen ist, kann kein Artikel der Welt das richtige Gefühl und das richtige Maß an Kraft beim Umgang mit Kletter- und Sicherheitsausrüstung vermitteln. Das geht einzig und allein durch praktische Übung! Diese Praxis holt man sich am besten in Kletterkursen und/oder unter der Anleitung und Aufsicht von verlässlichen und erfahrenen Mentoren. Es gibt heute keine Ausreden mehr, um mit gefährlichem Halbwissen an den Fels zu gehen.

Grundposition und -Haltung beim Sichern vom Boden aus

Die Grundposition des Sichernden am Boden ist eine stets reaktionsbereite, leichte Schrittstellung in Richtung des Zugseils, das zum Kletterer führt. Die Führungshand gibt das Seil zum Kletternden aus, während die Bremshand das Bremsseil unter dem Sicherungsgerät den Bewegungen der Führungshand folgt und das Seil jederzeit umschlossen hält. Beide Hände geben dem Kletternden dann in fließenden Bewegungen das Seil aus.

An Zwischensicherungen wird zum Einhängen meist mehr Seil benötigt, das schneller ausgegeben werden muss. Dazu beschleunigt der Sichernde das Seilausgeben durch einen Schritt nach vorn auf die Wand zu. Anschließend verlagert er sein Gewicht wieder auf das hintere Bein und wiederholt falls nötig den Schritt nach vorn.

Die Führungshand bemerkt starken Zug am Seil schon bevor ein eventueller Sturz das Seil durch das Sicherungsgerät zieht. Bremshand und Zughand drücken dann reflexartig zu und blockieren das Seil. Bei der dann folgenden Zugbelastung auf den Sichernden hilft die Führungshand dabei, den Körper richtig zur Wand hin zu drehen und den Aufprall an der Wand zu kontrollieren.

Warum statisches Sichern (meistens) falsch ist

Mein eingangs beschriebener, Füße malträtierender Sturz war übrigens etwa eineinhalb Meter weit, der Bohrhaken befand sich auf Schienbeinhöhe. „Harhar, was ein niedliches Stürzchen“, höre ich die Fachleserschaft schon feixen. Stimmt auch, doch wenn dein Sicherungspartner etwa 20 Kilo mehr wiegt und knallhart „zumacht“, weil er vom dynamischen Sichern auch nicht mehr weiß als du, dann bildet deine von der Seite betrachtete Flugbahn einen ziemlich ungünstigen Halbkreis.

Der Aufprall erfolgt dann fast frontal, im 90 Grad Winkel zum Fels, da dein Seil – anders als bei einem „weichen“, dynamisch abgebremsten Sturz – nicht durch die zuletzt eingehängte Zwischensicherung gleitet (kein „Seilschlupf“). Dein Sturz wird allein durch etwas Seildehnung und den Aufprall am Fels aufgefangen. Ziemlich statisch, das Ganze…

Prinzip des dynamischen Sicherns

Völlig statisch ist ein Sturz mit einem Kletterseil allerdings nie, da dessen Elastizität immer einen Teil der Sturzenergie automatisch aufnimmt (Fangstoßdehnung). Dennoch ist das harte „Zumachen“ des Sicherers, sobald der Vorsteiger seinen Abflug andeutet, meist eine völlig kontraproduktive Lösung. Bei einem weiten Sturz ist sie aufgrund der hohen Belastungsspitzen sogar extrem gefährlich.

Es gibt allerdings Ausnahmen: einmal in Bodennähe, wo bei zu weicher Sicherung ein „Grounder“ droht, und einmal in gestuftem oder stark strukturiertem Fels, wo es viele Vorsprünge gibt. Das ist meistens in leichterem und alpinem Gelände der Fall – Gefilde, in denen man am besten niemals und never ever stürzt. Dieses Niemals kann man möglich machen, indem man vorher so viel übt, dass man das „leichte Alpingelände“ absolut souverän beherrscht.

Manchmal befindet sich aber auch in bestens gesicherten Sportkletterrouten unter dem Vorsteiger ein Vorsprung oder Sims. Ein eventueller Sturz sollte dann besser nicht so lang geraten, dass er daran aufschlagen könnte. In dem Falle kann ein straff und „statisch“ aufgefangener, harter aber kurzer Sturz das kleinere Übel im Vergleich zum Felskontakt während eines längeren dynamischen Vorbeiflugs sein.

Wie wird die Sturzenergie abgebaut?

Dynamisches Sichern besteht also darin, den Sturz nicht abrupt abzufangen. Einen Teil dieser Aufgabe übernimmt ganz automatisch schon die Seildehnung. Deren Effekt hängt natürlich von der Länge der ausgegebenen Seilstrecke ab: ist der Kletterer beim Sturz schon weit vom Stand weggeklettert und hat viele Zwischensicherungen eingehängt, ist viel Seil ausgegeben und die Dehnung hat einen großen Effekt. Ist der Kletterer noch nah beim Stand, ist die Länge der Seildehnung ebenfalls gering und hat daher wenig Effekt.

Es muss also je nach Situation zusätzlich für eine gewisse „Gleitstrecke“ des Seils gesorgt werden. Diese Gleitstrecke und das mit ihr verbundene sanftere Auffangen der Sturzenergie kommt auf mehrere Arten zustande:

  • durch „Schlappseil“ und dessen Straffung während der Sturzbelastung.
  • durch die Seilführung (über Kanten, Ecken, Dächer).
  • durch eine dem sturzbedingten Seilzug nachgebende Bewegung des Seils durch das Sicherungsgerät („gerätedynamisches Sichern“).
  • indem der Sichernde seinen Körper kontrolliert in Richtung des sturzbedingten Seilzugs mitbewegt („körperdynamisches Sichern“).

Körperdynamisch und gerätedynamisch

Das gerätedynamische Sichern ist am schwierigsten zu beherrschen und sollte nur zum Einsatz kommen, wenn, statt über den Körper, über einen Fixpunkt gesichert wird und/oder wenn der Sichernde wesentlich schwerer ist als der Kletterer und sein Körper durch den Seilzug allein nicht bewegt wird. Die Bremshand wird dabei mit gestrecktem Arm vom Sicherungsgerät weggehalten und beim Sturz zum Gerät hingezogen.

Bei halbautomatischen Sicherungsgeräten funktioniert gerätedynamisches Sichern nicht, da sie schlagartig blockieren. Vorsicht: Bei manuellen Sicherungsgeräten ohne Blockierhilfe besteht immer die Gefahr, dass zu viel/zu schnell Seil durchläuft, zu viel Reibungshitze zwischen Seil und Bremshand entsteht, das Seil reflexhaft losgelassen wird und der Sturz außer Kontrolle gerät. Das gilt insbesondere bei dünnen und glatten Seilen!

Das Gezogen-werden des Körpers beim körperdynamischen Sichern geschieht normalerweise automatisch und es muss „nur“ der Widerstand gegen den Zugimpuls richtig dosiert werden. Widerstand wird durch Abstützen mit den Beinen gegen Wurzeln oder gegen die Felswand aufgebaut, während das Nachgeben beim Sturzzug durch kleine Trippelschritte oder einen Hopser die Wand hinauf erfolgt.

Stolpert man beim körperdynamischen Sichern oder verliert das Gleichgewicht, besteht die Gefahr, dass die Bremshand das Seil loslässt. Das bedeutet bei manuellen Sicherungsgeräten ohne Bremsautomatik in der Regel den Komplettabsturz des Kletternden. Deshalb muss der Sichernde stets vorausschauend antizipieren und für sicheren Stand und freie Bahn am Sicherungsplatz sorgen! „Freie Bahn“ bedeutet übrigens nicht, dass man mehrere Meter von der Wand weg stehen soll, auch wenn solch bequeme Positionierung oft zu beobachten ist. Man sollte nicht weiter als einen Meter von der Wand weg stehen. Auf den ersten Metern sollte man zudem seitlich zur Falllinie des Kletterers stehen, da ein Bodensturz trotz bester Vorkehrungen (wie z.B. straffem, fast statischem Sichern) nicht immer auszuschließen ist.

Richtig dosiert ist das Ganze, wenn der gestürzte Kletterer weich „landet“, ohne weiter als nötig zu „fliegen“.

„Richtig stürzen“

Auch der Kletterer selbst kann einiges für einen weicheren und risikoärmeren Sturz tun. So gibt es beispielsweise die Möglichkeit, durch richtig dosiertes Abspringen unbeschadet an eventuellen Vorsprüngen vorbeizufliegen. Doch das muss man 1) können und 2) läuft nicht jeder Sturz so kontrolliert ab, als dass man derart eingreifen könnte. Vor allem beim Wegrutschen von Tritten segelt man bisweilen mit wenig Abstand zum Fels abwärts. Doch solche Situationen kann man zum Glück mit einer soliden Fußtechnik sehr unwahrscheinlich machen.

Außerdem kann man mit systematischem Sturztraining einen Großteil der oft unnötigen Sturzangst abbauen und die Reaktionsfähigkeit und Kontrolle stark verbessern. Eine ausführliche Anleitung für solch ein Training gibt es bereits hier im Basislagerblog.

Sichern am Fixpunkt oder sichern „über Körper“?

Die meisten der in den letzten 10-20 Jahren auf den Markt gebrachten Sicherungsgeräte sind auf Körpersicherung ausgelegt. Sie sind überwiegend für den Einsatz in Kletterhallen und Klettergärten konzipiert, wo so gut wie immer die Körpersicherung zum Einsatz kommt. Hier sind Seilverlauf und Handbewegungen anders als bei der Fixpunktsicherung – weshalb die meisten der „neuen“ Sicherungsgeräte für Letztere nicht geeignet sind.

Jene Fixpunktsicherung kommt eher für Mehrseillängentouren und alpine Touren im Hochgebirge infrage. Bei ihr befindet sich der Reibungspunkt, der den Vorstiegssturz (plus den nun auch möglichen Nachstiegssturz!) bremst, nicht am Gurt des Sichernden, sondern an Bohrhaken, Wurzeln, Sanduhren und anderen Sicherungspunkten in der Felswand. Und statt der Sicherungsgeräte kommt hier meistens noch der „gute alte“ HMS-Knoten als Bremse zum Einsatz.

Diese Methode bietet einerseits den höchsten Schutz vor Absturz, andererseits besteht die größere Gefahr einer abrupten Sturzbelastung von Seil und Vorsteiger. Die Stärke des oft sehr soliden Fixpunkts kann zur Schwäche werden, wenn er alle Sturzenergie schlagartig auffängt, ohne dabei in irgendeiner Weise „nachzugeben“. Wird hingegen „über Körper“ gesichert, leistet der Körper des Sichernden dieses Nachgeben indem er beim Sturzzug nach vorne bzw. oben gezogen wird.

Beim Sichern über Körper sollte allerdings kein zu großer Gewichtsunterschied in der Seilschaft bestehen, vor allem wenn hauptsächlich der Schwerere vorsteigt. Gerade die klassische Pärchenkonstellation („sie“ wiegt etwa 60 kg und „er“ etwa 80 kg) kann problematisch werden, wenn „er“ stürzt und „sie“ kräftig aus dem Stand gerissen wird. Abhilfe schaffen (abgesehen von der Fixpunktsicherung) die in jeder(?) Kletterhalle verfügbaren Gewichtssäcke, welche sich die leichteren Sicherer an den Gurt klinken können.

Eine elegantere Umgehung des Problems bietet ein cleveres Gerät namens Ohm, das in den ersten Haken eingeklinkt wird. Das Ohm ist demnach kein Sicherungsgerät im engeren Sinne, sondern eine Art Expressschlinge mit eingebauter Bremse. Es nimmt im „Fall des Falles“ einen Teil der Sturzenergie des Vorsteigers auf. Der Sichernde kann den Sturz somit trotz seines geringeren Gewichts mit wenig Handkraft auffangen.

Wer öfter mit Partnern aus anderen „Gewichtsklassen“ unterwegs ist, sollte sich natürlich näher mit diesem Thema befassen – zum Beispiel mit dem entsprechenden Sicherheitsreport des DAV.

Der Gewichtsunterschied ist auch nur einer von vielen Aspekten, die bei der Entscheidung „Körper- oder Fixpunktsicherung“ abgewogen werden sollten. Auf alle diese Aspekte einzeln einzugehen, erfordert einen eigenen, umfassenden Artikel. Deshalb sei hier nur beispielhaft erwähnt, dass die Position, Größe und unmittelbare Umgebung des Standplatzes ebenso eine Rolle spielt wie die Qualität der Sicherungen oder die Frage nach der Handlungsfähigkeit bei einem eventuell nötigen Rettungsmanöver. Deshalb hier

einmal mehr der Verweis auf das Infomaterial des DAV, das eine gute Grundlage für qualifizierte Entscheidungen bietet.

Zwischenfazit

Ausgehend von diesen Grundlagen schauen wir uns im nächsten Artikel die verschiedenen Kletterdisziplinen mit ihren unterschiedlichen Anforderungen an das Sichern an. Daran wird deutlich, welche Sicherungsgeräte am besten für welche Disziplinen geeignet sind.

Testbericht: Mountain Equipment Gandiva

21. Mai 2019
Ausrüstung

Hope for the best, prepare for the worst – ein Sprichwort, welches nicht nur im Bergsport seine Berechtigung hat. Es trifft gleichermaßen auf die Gandiva Jacket aus dem Hause Mountain Equipment zu. Warum? Das erfahrt ihr in unserem Kurztest. Bergfreund Jan konnte seine Hände natürlich kaum von der ultraleichten Gore-Tex Paclite Plus Jacke lassen und kommt zu einem überaus positiven Fazit.

Hands on: Material und Funktion

Wie schon erwähnt: Bei der Gandiva Jacket kommt Gore’s ultraleichtes Paclite Plus zum Einsatz. Und das spürt man in jeder Hinsicht. Das Material ist richtig leicht. Zwar raschelt es, was dem einen oder anderen Leisetreter missfallen wird, dafür wiegt die ganze Jacke gerade einmal 240 Gramm. So zumindest die offizielle Angabe. Ich hab‘ die Jacke also in Größe M erst einmal auf die Küchenwaage gelegt. Das Ergebnis: 245 Gramm. Man kann dem Hersteller zunächst einmal glauben. Doch hält das Material auch, was es verspricht? Gore-Tex „garantiert dauerhaften Schutz vor Regen, Wind und mehr – in einer extrem atmungsaktiven Jacke, die ultraleicht und sehr klein packbar ist.“

Zumindest die letzten beiden Punkte kann ich bis hierher abhaken. Zusammengerollt kaum größer als eine durchschnittliche Honigmelone, passt sie für den Notfall in so ziemlich jeden Wander- oder Tourenrucksack. Soweit so gut. Was einem darüber hinaus auffällt: getapte Nähte, stark wasserabweisende AquaGuard-Reißverschlüsse (sowohl am Front-RV als auch den beiden Taschen, dazu jedoch später mehr) sowie eine großzügige, da helmtaugliche (und verstellbare) Kapuze. Hinzu kommt ein zweiteiliger Saumzug, um die Jacke vor dem Eindringen von Wind zu schützen.

Doch kommen wir zur eigentlichen Kernkompetenz der 2,5-lagigen Gandiva Jacket: sie ist absolut wind- und wasserdicht (mit einer Wassersäule von mind. 28.000 mm). Wer einmal einen früh-sommerlichen Regenschauer mit ihr Überstanden hat, wird wissen: Mountain Equipment hat seine Hausaufgaben gemacht. Die Atmungsaktivität der Jacke lässt sich dabei mit einem RET-Wert < 4,5 als schlichtweg hervorragend bezeichnen. Die Membran wird dazu direkt mit dem Außenmaterial verbunden. Die Innenseite ist Carbon-beschichtet und verleiht dem Laminat seine Stabilität. High-Tech in seiner minimalistischsten Form.

Zum Thema Wasserdichtigkeit der Taschen: Auch wenn das Material selbst uneingeschränkt als wasserdicht zu bezeichnen ist, Reißverschlüsse sind dies nie. Darauf weist der Hersteller mit einem Papiereinleger auch explizit hin. In der sogenannten Pocket Advice steht geschrieben, dass es trotz der Verwendung fortschrittlichster Technologien unmöglich ist, jegliches Restrisiko des Eindringens von Wasser vollständig zu reduzieren. Wer beispielsweise Elektronik zu 100% vor Wasser schützen möchte, sollte dies durch die Verwendung eines separaten, wasserdichten Packsackes tun. Und dies gilt bis zum heutigen Tage (im Mai 2019) für jede mir bekannte Jackenkonstruktion.

Einsatzbereich und Fazit

Man mag es zwischen den Zeilen bereits herausgelesen haben: Ich habe eine neue Lieblingsjacke! Und das nicht nur für den feuchtfröhlichen (Wander-)Notfall; denn um ihr Dasein einzig und allein im Rucksack zu fristen, ist die Jacke in ihrer schlichten Eleganz viel zu schade. Dennoch: Wer ein Backup für Bergtouren sucht, ist mit der Gandiva Jacket bestens bedient. Wer Wert auf technische Features, wie die helmtaugliche Kapuze legt, kommt hier genauso auf seine Kosten wie Ultraleicht-Fans.

Doch ganz gleich, ob Hüttenwanderung oder im Alltag, für mich hat Mountain Equipment einen würdigen Ersatz für meine altgediente Firefox Jacket (mit Gore-Tex Active Shell) auf den Markt gebracht. Dabei sollte man stets bedenken, dass sich 2,5-lagige Jacken generell nur bedingt zum Tragen schwererer Rucksäcke eignen. Konkret heißt das: ein 25 Liter-Rucksack mit maximal 7 kg Zuladung geht in Ordnung. Anderenfalls ist es schnell vorbei mit der Glückseligkeit, denn sind die Schultern einmal von den Gurten durchgeschubbert, war es das mit der Wasserdichtigkeit. Abgesehen davon bekommt man hier ein starkes Stück Funktionsbekleidung mit hoher Atmungsaktivität für durchaus wärmere früh- oder spätsommerliche Temperaturen mit erhöhtem Regenrisiko.

Polygiene: Wie funktioniert der Mief-Blocker und ist er nachhaltig?

9. Mai 2019
Ausrüstung

(Vorsicht, folgende Einleitung könnte Spuren von Ironie enthalten)

Angeblich soll es in den Bergen noch den rückständigen Brauch geben, nach dem Schwitzen nicht sofort zu duschen und die Klamotten zu wechseln. Igitt, wie eklig und vor allem auch rücksichtslos gegenüber den Mitmenschen. Schuld an diesem Missstand sind vor allem Bergunterkünfte, die keine Duschen und noch nicht mal heißes Wasser rund um die Uhr haben. Dort weht dann in den viel zu engen Massenlagern ein Aroma, das in der Großstadt wohl ABC-Alarm auslösen würde. Wann schafft die EU endlich Gesetze, dass solche Stinkehütten klimatisiert zu sein und  Raumduftsysteme vorzuhalten haben?

Solange die Bergwelt noch lückenhaft reguliert ist, müssen wir uns mit Provisorien behelfen. Eine Möglichkeit wäre, die körperlichen Anstrengungen soweit zu reduzieren, dass kein Schweiß mehr die Poren verlässt. Hier ist man mit vielen neuen Seilbahn- und Straßenbauprojekten schon auf einem guten Weg. Doch was tun, wenn das Schwitzen partout nicht vermieden werden kann und der nächste hochalpinen Sanitärbereich noch in der Planungsphase ist?

Wie kommt der Mief in die Klamotten?

Dann schlägt die Stunde von Technologien wie Polygiene. Polygiene bietet – ab jetzt ohne Ironie –  nicht nur optionalen Luxus wie Parfüm und Deo, sondern wirklich nützliche Vorteile. Warum das so ist, versteht man am besten nach einem genaueren Blick auf den schlechten Schweißgeruch sowie seine Entstehung und Auswirkungen. Obwohl man hier eigentlich nicht viel falsch verstehen kann, denn wie Schweiß entsteht und welche Funktion er hat, dürfte jeder Mensch wissen, der schon einmal selbst geschwitzt hat. Bei Erhitzung des Körpers wird das „Körperwasser“ aus den bis zu 2,6 Millionen Schweißdrüsen herausgepresst, um für kühlende Verdunstung auf der Haut zu sorgen. Diese Kühlung ist lebenswichtig, der Körper braucht sie so, wie ein Verbrennungsmotor Kühlwasser braucht.

Was vielleicht nicht jeder weiß: der Schweiß an sich hat keinerlei Eigengeruch. Er enthält aber Proteine und Fettsäuren, die wiederum als Nährstoffe für Bakterien und andere Mikroorganismen dienen, die sich auf der Haut befinden. Die Mikroorganismen bauen die Stoffe ab, was – analog zur menschlichen Verdauung – zu geruchsintensiven Abfallprodukten führt. Im warmfeuchten Klima sammeln sich diese Hinterlassenschaften zusammen mit den sich prächtig vermehrenden Mikroorganismen auf der Haut und in der Kleidung an.

Das stinkt dann nicht nur, sondern greift auch das textile Gewebe an, da die Abbauprodukte Säuren und Salze enthalten, die der Kleidung chemisch und mechanisch zusetzen können.

Was ist Polygiene?

Kurz und knapp: Polygiene ist ein in Textilien eingearbeitetes Silbersalz aus recyceltem Industriesilber. Zugleich ist es der Name der Herstellerfirma mit Sitz im schwedischen Malmö.

Es gibt mehrere Arten von Silbersalzen. Für Polygiene wird, wie zumeist bei Outdoorkleidung, Silberchlorid verwendet, da es wasserunlöslich ist und nicht aus der Kleidung ausgewaschen wird. Durch die Abnutzung der Fasern und den Ionen-Austausch mit Schwefelverbindungen können zwar minimale Mengen an Silberionen beim Waschen freigesetzt werden, doch diese schädigen im Falle von Polygiene weder Organismen noch Abwassersysteme (dazu mehr im Abschnitt Nachhaltigkeit).

Polygiene basiert auf Silberchlorid aus 100 % recyceltem Silber von photochemischen und industriellen Rückständen. Eine Vermischung mit Silber aus dem Bergbau ist ausgeschlossen. Es wird ähnlich wie Farbe in die Textilfasern eingearbeitet. Dabei wird nur eine sehr geringe Menge Silber verbraucht: die Menge, die in einem Fingerring steckt, reicht für etwa 5000 mit Polygiene ausgerüstete Kleidungsstücke.

Die Silberbehandlung von Polygiene bleibt nach Angaben des Herstellers über die komplette Lebensdauer der Kleidungsstücke erhalten und wäscht sich auch nicht in der Waschmaschine aus. Es handelt sich bei Polygiene auch nicht um Nanosilber, welches aus Silberionen im Größenbereich von Nanometern (10-9 Metern) besteht und im Verdacht steht, sich aus der Kleidung zu lösen und durch die Haut in den Körper zu gelangen. Die für Polygiene verwendeten Silberionen sind mehr als 100mal größer und damit zu groß, um in die Haut einzudringen.

Zudem versichert Polygiene, dass die eigenen Silbersalze sich auch nach längerem Gebrauch nicht von den Textilien lösen. Sie sind zudem nur auf der Außenseite des textilen Trägermaterials aktiv und beeinträchtigen weder die Transpiration noch die natürliche Bakterienflora der Haut. Dementsprechend haben mit Polygiene ausgerüstete Stoffe in Europa die medizinische Zulassung der Kategorie 1, die auch Verbandsmaterial für den direkten Kontakt mit offenen Wunden umfasst.

Polygiene wird zumeist fertig eingearbeitet in Funktionswäsche angeboten, kann jedoch auch als Spray oder Waschzusatz nachträglich aufgebracht werden.

Wie funktioniert es?

Die winzigen Silberpartikel wirken ähnlich wie ein Antibiotikum: sie töten mikrobisches Leben auf breiter Front und verhindern so dessen Wachstum. Als „unverdauliche Brocken“ legen sie den Stoffwechsel der Mikroben lahm.

Die Frage ist aber nicht nur, wie es funktioniert, sondern auch, wie lange und wie gut es funktioniert. Das Outdoor-Magazin hat dazu einen Test über satte 14 Tage gemacht und kam zu folgendem Ergebnis.

Zum testen haben wir ein das Baselayer-Shirt Capilene Thermal Weight von Patagonia und ein Paar Wandersocken von SaferSox zur Verfügung gestellt bekommen. Polygiene empfahl uns das Shirt 8 Tage lang zu testen. Wir sollten Sport machen, das Shirt richtig vollschwitzen und dann lediglich zum Trocknen aufhängen. Zwischendrin durfte das Shirt nicht gewaschen werden.

Für unseren Test sind wir noch einen Schritt weitergegangen. Unser Tester hat das Patagonia-Shirt insgesamt 14 Tage lang getragen. Das Ergebnis: Es bleibt kein Schweißgeruch im Baselayer zurück.

Es blieben zwar andere Gerüche wie Essen oder Deo zurück, doch die Zahl derjenigen Bergfreunde, die sich auch davon beeinträchtigt fühlen und von ihrer Funktionskleidung eine entsprechende Lösung erwarten, dürfte sich zum Glück in Grenzen halten.

Welche Vorteile bringt die Geruchshemmung?

Die direkten Vorteile des Nicht-Stinkens dürften auf der Hand liegen. Sie liegen nicht nur in besserem Wohlgefühl und angenehmerer sozialer Interaktion auf engem Raum, sondern auch in besserer Hygiene. Die Abwesenheit von Bakterien und Pilzen bedeuten auch weniger potentielle Hautirritationen und andere gesundheitliche Probleme.

Hinzu kommen indirekte Vorteile, die daraus resultieren, dass Polygiene-Textilien weniger oft gewechselt und gewaschen werden müssen. Man kann mit deutlich weniger (Wechsel)Wäsche auskommen und dadurch das Rucksack- oder Reisegepäck reduzieren. Auch der Lebenszyklus der Produkte verlängert sich dadurch deutlich, da sowohl Mikroben als auch Waschgänge die Fasern schädigen und das Material abnutzen. Es wird weniger weggeworfen und nachgekauft, was nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geldbeutel schont. Damit sind wir auch schon mitten im Thema Nachhaltigkeit.

Warum Polygiene nachhaltig ist

Es dürfte schon aus den bisherigen Zeilen hervorgegangen sein, dass Polygiene eine ziemlich nachhaltige Angelegenheit ist. Doch sie ist nicht nur ein bisschen nachhaltig, sondern rundherum und vollkommen. Warum? Weil nicht nur Material und Technologie selbst nachhaltig sind, sondern auch ihre direkten und indirekten Effekte. Das wird auch von Umweltorganisationen und Regulierungsbehörden anerkannt. So ist die permanente Textilbehandlung bluesign-zertifiziert und erfüllt strenge, unabhängige Umwelt- und Produktlebenszyklusstandards wie die EU Umwelt- und Abfallgesetze und den ISO 14001 Standard. Zudem befindet sich Polygiene auf der Öko-Tex-Liste (I-IV) von unabhängig geprüften und zertifizierten Produkten.

Gesundheit

Die Zertifizierungen schaffen eine hohe Verbrauchersicherheit, da mit steigenden Umweltstandards für Ausgangsstoffe und Herstellungsverfahren die Belastungen für die menschliche Gesundheit sinken. So wird beispielsweise die Reinheit des Silbers durchgehend kontrolliert, um Spuren anderer Metalle sicher auszuschließen. Auch eventuelle Wechselwirkungen des Silbers mit der Haut werden gründlich untersucht. So wurde in einer Studie des National Center for Biotechnology Information in den USA überprüft, ob das antimikrobielle Silber das Bakteriengleichgewicht auf der Haut stört. Die Forscher konnten dabei keinen Effekt von antibakterieller Kleidung auf die Mikroflora von gesunder Haut nachweisen. Sicher, Ergebnisse von Studien sind manches mal mit Vorsicht zu genießen, doch im Fall von Polygiene kann man schon aufgrund der Konstruktion von minimierten Risiken ausgehen.

Ressourcenverbrauch

Dieser Bereich dürfte der effektivste Nachhaltigkeitshebel von Polygiene sein, denn der Ressourcenverbrauch wird in allen Phasen des Produktlebenszyklus minimiert. Der Rohstoff Silber wird wie erwähnt aus recyceltem Material (Elektronikschrott) gewonnen und in sehr geringen Konzentrationen verwendet. Zudem kann die Polygiene-Behandlung in einem Arbeitsgang mit anderen Ausrüstungen aufgebracht werden und erfordert dadurch keinen zusätzlichen Wasser- und Energieeinsatz. Ein Bindemittel für die Fixierung der Polygiene-Moleküle am Stoff ist ebenfalls nicht nötig.

Die größte Ressourceneinsparung findet während der Verwendung der Polygiene-Bekleidung statt, denn sie wird deutlich weniger gewaschen als herkömmliche Sportkleidung. Letztere wandert teilweise nach jedem einzelnen Einsatz in die Waschmaschine. Mit Polygiene ist das nicht nötig, denn die unhygienischen Bakterien und Gerüche entstehen gar nicht erst. Wenn der Schweiß verdunstet und das Gewebe getrocknet ist, ist die Wäsche auch tatsächlich noch sauber genug, um  weiter getragen zu werden – natürlich nicht unbegrenzt, aber definitiv um ein mehrfaches länger als unbehandeltes Kunstfaser- oder Baumwollmaterial. Die „Bevor-es-eklig-wird-Tragedauer“ einer Polygiene-Unterwäschegarnitur kann man in etwa mit der von Merinowolle gleichsetzen.

Die Polygiene-Wäsche kann nicht nur seltener, sondern auch bei niedrigerer Temperatur gewaschen werden. Das trägt ebenfalls zu reduziertem Energieverbrauch und längerer Produktlebensdauer bei. Und wenn diese schließlich doch irgendwann ihr Ende erreicht hat, kann die Kleidung inklusive der Polygiene-Ausrüstung recycelt werden.

Aus all dem ergibt sich eine einfache aber wirkungsvolle Nachhaltigkeitsformel:

Weniger waschen = weniger Wasserverbrauch, weniger Reinigungsmittel, weniger Energieverbrauch + längere Produktlebensdauer + mehr freie Zeit + gespartes Geld!

Auf der Polygiene-Homepage ist das Ganze mit diversen Zahlen angereichert. Sogar für die Geld- und Zeiteinsparung sind Zahlen angegeben: so geht man pro Waschmaschinenladung von 28 Minuten Zeitaufwand und 1,34 US$ Kosten aus. Insgesamt geht man davon aus, dass der „ökologische Fußabdruck“ (Wasser- und Energieverbrauch; Wasser-, Boden- und Luftverschmutzung) eines Kleidungsstücks zu etwa zwei Dritteln aus dem Waschen und Trocknen resultiert.

Zwar können durch die Abnutzung der Fasern und den Ionen-Austausch mit Schwefelverbindungen irgendwann doch minimale Mengen an Silberionen beim Waschen freigesetzt werden, doch diese verbinden sich laut Patagonia rasch mit Sulfiden in der Umwelt zu chemisch stabilem, nicht löslichem Silbersulfid, welches lebende Organismen nicht beeinträchtigt. Die Silberionen werden also deaktiviert, sobald sie in einen natürlichen Wasserlauf gelangen. „Auf gleiche Weise werden sie auch im Wasser einer Kläranlage deaktiviert, sodass sie weder die bakteriellen und Bio-Stufen der Anlagen belasten noch das gereinigte Wasser oder den Klärschlamm.“ Ohnehin sind geringe Mengen an Silberchlorid und Silbersulfid auch auf natürliche Weise im Trinkwasser, Meerwasser und im Boden vorhanden.

Fazit

Polygiene ist ein Paradebeispiel für Outdoor-Technologie, die funktionalen Nutzen mit  Nachhaltigkeit vereint. Die Behandlung sorgt dafür, dass man sich in Sport- und Outdoorklamotten deutlich länger wohlfühlen kann. Das wiederum kann helfen, den Reinlichkeitsdrang des urbanen Lifestyles samt seiner teils absurden Komfortansprüche unten im Tal zu lassen, statt immer tiefer in die Berge einzuschleppen. In dem Falle würde Polygiene womöglich gar zu einer Eindämmung des Erschließungswahns beitragen, der ja manchmal ganz ähnlich wie die fiesen kleinen Stinkebazillen wuchert …

S.Café – Kaffee zum Anziehen

2. Mai 2019
Ausrüstung

Kaffee wird hier langsam aber sicher zum Kernthema. Zuerst gab es den langen Artikel über gepflegten Kaffeekonsum in der wilden Natur, dann kam die revolutionäre Schuh-Innovation zur Lösung des leidigen Problems der Kaffee-to-go-Flecken auf Sportschuhen. Und jetzt kommt auch noch ein Gewebe aus Kaffeesatz um die Ecke.

Aus Kaffeesatz? Ja, das ist technisch möglich und schafft sogar zusätzliche natürliche Funktionalitätsaspekte bei den so produzierten Klamotten. Da kommen natürlich Fragen auf: Kann man aus dem Zeug bei drohendem Bergtod durch Übermüdung noch ein rettendes Käffchen brühen? Lässt sich in S.Café Klamotten die Zukunft lesen? Nein, diese Funktionen bietet die Kaffeekleidung nicht. Was sie wirklich bietet, dazu gleich mehr, zunächst schauen wir uns die Idee und die Entstehung der Marke S.Café an.

Die Idee stammt natürlich aus Kalifornien oder Skandinavien, wie immer, wenn es um Funktionsklamotten geht. Oder etwa nicht? Nein, diesmal kommt die nerdige Outdoor-Innovation aus dem fernen Osten, genauer aus Taiwans Hauptstadt Taipeh.

Die Idee hinter dem Kaffeesatz-Material

Dass Kaffeesatz und etwa nicht Bananenschalen oder Teebeutel als neuer Textilschlager entdeckt wurde, lag wohl daran, dass Jason Chen, Geschäftsführer der Firma Singtex, und seine Frau Mei-hui ihren Geistesblitz in einer Kaffeebar hatten. Verwundert hatten sie eine ältere Dame beobachtet, die den Barista um den Kaffeesatz bat. Auf den fragenden Blick des Ehepaars hin erklärte der Barista, das Kaffeesatz gut sei, um Gerüche aus dem Kühlschrank zu entfernen. Die geruchshemmende Eigenschaft von Kaffeesatz war also schon bekannt.

Chens Frau soll daraufhin scherzhaft vorgeschlagen haben, dass er doch Kaffeereste in seine Textilien einbauen möge, um den Schweißgeruch nach seinen häufigen Marathon-Trainingseinlagen loszuwerden. Der Legende nach dachte Jason dann kurz nach, wandte sich an seine Frau und rief laut aus: „GOOD IDEA!“ Es war also Mei-huis Idee und Jasons Umsetzung, die hier geboren wurde.

Die Idee kam wie gerufen und wurde patentiert, bevor Chen überhaupt wusste, wie er den Kaffee ins Textil bringen will. Schon zuvor hatte Singtex öfter neue Verfahren und Fasern erfunden, wurde jedoch meist zügig von der Konkurrenz auf dem chinesischen Festland kopiert und preislich unterboten. Deshalb stand man kurz vor der Pleite und wollte diesen Fehler nun nicht mehr wiederholen.

Entstehungsgeschichte und Entwicklung

Chen trommelte eine Gruppe von Partnern zusammen und man begann, die Möglichkeiten der Einarbeitung von Kaffeesatz in Garn zu erforschen. Die Umsetzung der scheinbar einfachen Idee nahm vier Jahre Forschung und harte Arbeit in Anspruch. Im Jahr 2009 war es dann soweit und die Erfindung konnte unter dem Markennamen S.Café präsentiert werden.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten und die Nachfrage nach S.Café stieg schnell. In Taipeh entstand ein ganzes Netz an Partnerschaften mit Starbucks und lokalen Cafés, um den gebrauchten Kaffeesatz systematisch einzusammeln. Mittlerweile ist ständig ein Tross von Fahrzeugen unterwegs, um tagtäglich etwa eine halbe Tonne Kaffeesatz im Großraum Taipeh einzusammeln. Der andere Rohstoff für das Textilmaterial – Polyester – wird ebenfalls aus in einem nachhaltigen Kreislauf aus größtenteils lokal eingesammelten Abfällen gewonnen: aus recycelten PET Flaschen.

Weitere Entwicklungen

Recht bald nach der Einführung 2009 hat Singtex Unterwäsche, Bettwäsche, Schuhe und eine wachsende Palette weiterer Produkte aus S.Café entwickelt. Hinzu kommen Modifikationen des Materials selbst, die unter Namen wie P4Dry und Mylithe mit neuen Konfigurationen von Polymeren und Kaffeeresten weitere spezielle Funktionen erreichen. So soll Mylithe durch eine “Luftstruktur”-Methode ein baumwollartiges Tragegefühl vermitteln, ohne die ursprünglichen Eigenschaften von S.Café einzubüßen.

Da Jason Chen ein findiger und umtriebiger Firmenpräsident ist, sollen natürlich auch weiterhin neue Anwendungsmöglichkeiten und Geschäftsfelder erschlossen werden. Die wachsende Verbreitung von S.Café wird dank ständig erweiterter, weltweiter Kooperationen mit immer mehr führenden Textilunternehmen wie Timberland, American Eagle, North Face und Puma zielstrebig vorangetrieben. Auf Kosten der Umwelt soll dieses Wachstum aber auch künftig nicht gehen, weshalb Singtex auch weiterhin hohe Standards garantierende Zertifizierungen wie Bluesign, Oekotex und Cradle-to-Cradle anstrebt.

Herstellung

Die ersten Herstellungsschritte finden in den Röstereien und Kaffeebars statt. Die Bohne muss nämlich nicht nur bei Temperaturen zwischen 160 und 220°C geröstet, sondern auch pulverisiert und gebrüht werden, um zusammen mit den Polymeren der alten PET-Flaschen den textilen Stoff zu formen.

Beim Rösten schwillt die Kaffeebohne an, was bedeutet, dass ihr Innenraum größer wird. Beim Brühen entfernt dann das heiße Wasser Materialien aus den so entstandenen Hohlräumen. Aus dem so „präparierten“ Kaffeesatzpulver wird dann der Extrakt gewonnen, der, bei niedrigen Temperaturen und hohem Druck in die Kunststoff-Filamente eingearbeitet und zu einem Garn geformt, die Eigenschaften der Ausgangsmaterialien verbindet.

Es bleiben zwar pro Filterportion nur etwa 2% nutzbarer Kaffee-Extrakt übrig, doch alles in allem klingt die Sache gar nicht mal so unergiebig. So reichen die Rückstände aus einer Tasse Kaffee laut Chen für etwa zwei bis drei T-Shirts.

Materialeigenschaften

Vor allem die Eigenschaften des Ausgangsmaterials Kaffeesatz kommen im Endprodukt gut zur Geltung. Die eben erwähnten Mikroporen absorbieren Gerüche, reflektieren die UV-Strahlung und trocknen doppelt so schnell wie Baumwolle. Feuchtigkeit wird bei S.Café-Gewebe kontinuierlich von der Haut auf die Außenseite transportiert, wo es sich über die Oberfläche verteilt und schnell verdunsten kann. Die Verdunstung trägt dazu bei, dass die Hauttemperatur im Vergleich zu herkömmlichen Stoffen um 1 bis 2°C abgekühlt wird – ein durchaus spürbarer Effekt.

Diese Eigenschaften im Zusammenspiel bewirken ein im Vergleich zu herkömmlichen Kunstfasern angenehmeres, natürlicheres Tragegefühl.

Da sich die Kaffeebestandteile im inneren der S. Café-Fasern befinden, braucht man sich um ein Nachlassen der Funktionalität nicht zu sorgen. Sie übersteht normale Maschinenwäsche problemlos und hält nicht weniger lang vor als andere funktionale Textileigenschaften.

All das macht S.Café nicht nur für Outdoor- und Sportbekleidung interessant, sondern auch für viele weitere Verwendungsbereiche bis hin zu alltäglichen Haushaltsartikeln.

Nachhaltigkeit

Natürlich hat Singtex um sein Vorzeigeprodukt eine Nachhaltigkeitsphilosophie gestrickt. Die ist allerdings kein künstliches PR-Produkt, sondern ein natürlicher Ausdruck des praktizierten Handelns. Der nachhaltige Kreislauf ist klar erkennbar: die eigentlich unnachhaltigen Auswirkungen der Kaffeetrinkkultur werden hier (teilweise) in einen nachhaltigen Kreislauf überführt. Aus den Abfällen eines globalen städtischen Lifestyles mit ständig wachsendem Kaffeekonsum wird ein nützliches Produkt gewonnen. Und es stellt sich heraus, dass in diesem Kreislauf noch viele weitere verborgene Produkte und Technologien auf ihre Entschlüsselung warten.

Zu diesem genial einfachen Konzept passt es bestens, dass Kleidungsstücke aus S.Café am Ende ihres Lebens kompostiert werden können. Wenn ihre Rückstände dann zum Anbau von Kaffee verwendet werden, wäre ein Lebenszyklus abgeschlossen.

Fazit

Die griffige Kurzformel für die Vermarktung von S.Café lautet: „Drink it, wear it“. Das ist einprägsam und fasst die Firmenphilosophie gut zusammen. Die Begeisterung fürs Kaffeetrinken ist hier auch verständlich, denn ohne all die fleißigen Trinker wäre der Kaffeesatz kein recycelter Abfall, sondern ein teurer Rohstoff.

Dennoch sollte man die Ermunterung zu (noch mehr) Kaffeekonsum vielleicht nicht allzu wörtlich nehmen. Auch so schon dürfte die „Leistungsgesellschaft“ mehr als genug vom Kaffee (an)getrieben sein und Singtex muss sicher keinen Mangel an Nachschub befürchten. Außerdem geht unsere persönliche Leistungskurve mit Koffein auf Dauer eher runter als rauf. Also, ruhig lieber öfter mal ein Schläfchen halten statt den nächsten doppelten Espresso zu kippen. Klar, leichter gesagt als getan, denn wir haben ja alle keine Zeit und sich einfach auszuruhen ist schon fast ein subversiver Akt. Aber ich schweife wohl gerade ab und bin nicht mehr beim Thema. Obwohl, es geht doch irgendwie um Kaffee, oder?

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