Bergfreunde

Auf den Spuren der Lemuren – Klettern in Madagaskar

22. Januar 2016

Sportart

Klara und Georg vor dem Tsaranoro Be

Klara und Georg vor dem Tsaranoro Berg

Träume von Großem und wage es zu versagen – „dream big and dare to fail“. Seit Langem folgen Bergfreunde Klara und Georg dem Leitspruch des Abenteurers Vince Vaughan. Unter anderem als sie vor sieben Jahren nach Madagaskar aufbrachen, um ihre ersten Schritte im Bigwall-Klettern zu wagen.

Im Reich der Lemuren des einsamen Tsaranoro Gebirges, tief im Landesinneren der roten Insel, konnten sie ungestört alle „Erfahrungen“ sammeln, die man bei seiner ersten Bigwall so macht.

 

 

Bigwall – nie wieder?

Bei jedem Zug bröckelt mir ein Schwall Dreck ins Gesicht, als ich mit Haulbag im Schlepptau zu Georg hinauf jumare. Durch diesen senkrechten Dschungel geht es nicht anders, so wie in vielen anderen Seillängen, bei denen Verschneidungen und Kamine das Haulen zu einer größeren Schinderei machen, als nötig wäre. Dieser Drecksack. Augen und Mund voller Dreck bricht die pure Wut und Erschöpfung aus mir heraus-„für diesen Bigwall-Scheiß kannst du dir jemand anderen suchen, Georg!“ Kurz darauf erleben wir einen dieser unglaublich schönen Sonnenuntergänge und ich denke bei mir, das Leben könnte nicht schöner sein. Beim Bigwall-Klettern liegen Freude und Verzweiflung genauso nah beieinander wie Erfolg und Scheitern.

Ei des Tsaranoro

Wie so oft ist es ein Foto aus dem Netz, das uns ans andere Ende der Welt lockt. Durch Zufall stießen wir auf die fürs Abenteuerklettern bekannten Granitwände des Tsaranoro-Gebirges im wilden Herzen Madagaskars. Das war noch bevor das Gebiet dank Adam Ondra’s freier Begehung der Route „Tough Enough“ durch die Medien ging. Wir wollten die Route „Vazimba, 800m, 7a“ am Tsaranoro-Be wiederholen. Sie führt über ein riesiges, etwa 25qm großes Fels-Ei mitten in der Wand, welches als Biwakplatz für den Gipfelsturm dient. Eine Abenteuerroute und Herausforderung, wie für uns gemacht.

Madagaskar wir kommen

Putsch in Madagaskar – Schießereien in der Hauptstadt – mit etwas mulmigem Gefühl steigen wir in den Flieger. Beim nächtlichen Anflug auf Antananarivo, die Hauptstadt Madagaskars, zweifeln wir sogar an den Fähigkeiten des Piloten, denn aus dem Flugzeugfenster ist kaum ein Licht zu sehen. Ein paar Minuten später stehen wir tatsächlich auf der Landebahn, der gesamte Flughafen der Hauptstadt ist in etwa so groß wie der Flugplatz des Fliegerclubs in Königsdorf. Die Morgenstimmung ist einmalig – es hat gerade geregnet, Dunst steigt vom nassen Boden in den vom Morgenrot gefärbten Himmel. Ein exotischer Duft von Regenwald liegt in der Luft. Afrika ist nicht nur ein anderer Kontinent, sondern eine ganz andere Welt.

Tsara Taxi

Tsara Taxi

Jeep oder Ochsenkarren

So ruhig es gerade war, im kleinen Flughafengebäude herrscht munteres Chaos. Minibusse, Taxis, Mopeds – Gottseidank haben wir für die Anreise den Fahrdienst vom Tsara-Camp organisiert, sich hier zurecht finden braucht viel Geduld und Glück. So sitzen wir bald entspannt im Jeep und lassen die Landschaft an uns vorbei ziehen. Die dunkelrote Erde bildet einen wunderschönen Kontrast zur satt grünen Graslandschaft. Mosaike aus Reisfeldern, einfache Lehmhütten und Villen aus der Kolonialzeit rauschen einen ganzen Tag an uns vorbei, bevor wir im Dunkeln das Tsaranoro-Tal erreichen.

Liebe auf den ersten Blick

Der erste Blick aus dem Zelt am Morgen ist atemberaubend, fast kitschig. Rote Lehmhütten vor grünen Wiesen und dahinter ragen gelb-graue Wände in den blauen Himmel. All das gehört uns ganz allein, denn wir sind die einzigen Kletterer im Tal! „Welche Linie wollt ihr klettern“, interessiert sich brennend der Camp-Betreiber Gilles Gautier. Als der Name „Vazimba“ fällt, ist er sichtlich überrascht und erklärt unser Vorhaben mit einem verschmitzten Grinsen als „very ambitious“, sehr ehrgeizig. Die Route sei nach ihrer Erstbegehung vor 10 Jahren nicht wiederholt worden. Was es damit wohl auf sich hat?

Vazimba Platten

Vazimba Platten

Reifeprüfung

Zunächst wollen wir uns „Einklettern“, bei der großen Auswahl an Routen ist die Entscheidung gar nicht leicht. Unsere Wahl fällt auf „Pectorine, 6 Seillängen, 6b+“ am Karambony. „Sieht doch nett aus, eine schöne Nachmittagsbeschäftigung.“ Warum wir uns genau zur heißen Mittagszeit den steilen Grashang zum Einstieg hinauf kämpfen, fragen wir uns bald selbst. Bei jedem Schritt sinken wir bis zur Hüfte in tiefes Gras ein, es ist wie durch Tiefschnee waten bei 30°C im Schatten. WAS für eine schöne Nachmittagsbeschäftigung. Irgendwann erreichen wir die Wand und werden mit dem besten rauen Fels belohnt, den man sich wünschen kann. An schönen Strukturen führt die Linie über glatte Platten, die Sohlen haften auf den kleinsten Tritten.

Wir sind von der Route so eingenommen, dass wir völlig die Zeit vergessen. Wer denkt schon daran, dass es hier um 18 Uhr dunkel wird? Die Stirnlampen liegen natürlich im Zelt. Mit den Füßen tasten wir uns im Stockdunkeln zentimeterweise talwärts, denn ein unsäglicher Durst treibt uns hinunter. So etwa gegen 22 Uhr erreichen wir das Camp, wo Gilles sich über unsere Rückkehr wundert. „Ihr wärt nicht die Ersten, die auf dem Rückweg biwakieren“, erzählt er grinsend. Die erste Probe ist bestanden.

Wer rastet der rostet

Die folgenden Tage genießen wir Routen an verschiedenen Wänden der Umgebung, von „Croix du Sud“ bis „Out of Africa“ klettern wir die einmaligen Linien von Michel Piola und stellen fest: dieser Name steht für Qualität und Linienführung. Die große Anzahl an Routen könnte uns noch lange beschäftigen, gleichzeitig schwebt Vazimba wie ein Damoklesschwert über uns. Völlig unerwartet überrascht uns eines Nachmittags ein Gewitter. Die nächsten drei Tage entlädt ein Zyklon ungewöhnliche Wassermengen, riesige Wasserfälle stürzen die Wände hinab, unter anderem in unserer Bigwallroute. Was ist, wenn uns so ein Zyklon in der Wand erwischt?

Lemuren sind gekonnte Kletterer

Lemuren sind gekonnte Kletterer

Harte Schule

Tagelanges Warten macht mürbe, weshalb wir beim ersten Anzeichen von Wetterbesserung mit den Vorbereitungen für unsere Bigwall beginnen. Zunächst bedeutet das Materialtransport unter die Wand. Mit Wasser, Essen und Ausrüstung für fünf Tage pendeln wir zwischen Camp und Wand, bis wir ein gemütliches Basislager eingerichtet haben. Auch die ersten Seillängen über Plattengelände sind bald überwunden, obwohl sie uns aufgrund der spärlichen Absicherung vergleichsweise schwer fallen. Eine Horde frecher Lemuren zieht zwei Mal täglich an unserem Lager vorbei und zeigt uns, wie man es richtig macht. Völlig mühelos hüpfen sie über die Platten, nach dem Motto „wozu braucht es hier überhaupt Sicherungen“?

Der Charakter der Linie zeigt sich erst in den folgenden Längen, wo es durch grasdurchsetzte, bemooste Risse und Verschneidungen steil hinauf geht. Danach wartet ein riesiger Kamin und zwei Seillängen durch senkrechten Dschungel. Die abenteuerliche Linie erfordert nebenbei viel Kreativität bei der Absicherung und zwingt uns zu einem Zwischen-Biwak vor dem Fels-Ei. Mit bloßen Händen graben wir uns eine kleine Liegefläche in der steilen Wand. Bereits nach wenigen Tagen sind wir durch Erde und Schweiß gezeichnet. Vazimba hießen die Ureinwohner von Madagaskar, die man als kleinwüchsig, dunkelhäutig und wild bezeichnen könnte – die Route trägt ihren Namen zurecht, vor allem weil wir selbst zu Vazimba werden. Mit roher Gewalt ziehen und zerren wir den Haulbag durch dieses jumar-unfreundliche Gelände. Ganz schön harte Bigwall-Schule…

Das Schönste kommt nicht immer zum Schluss

Klara genießt die Aussicht von Fels-Ei

Klara genießt die Aussicht vom Fels-Ei

Endlich sind wir auf dem „phallic boulder“ – mit dem Fels-Ei erreichen wir unser erstes Ziel. Wie in einem Adlerhorst sitzen wir auf dem kleinen Plateau der riesigen Felskugel und genießen die gigantische Aussicht auf das Tal. In der Abendsonne erstrahlt die bunte Landschaft in ihren schönsten Farben, am Morgen schwappen nach Sonnenaufgang die Nebelschwaden über die kleineren Gipfel ins Tal. Hier oben erleben wir unvergessliche Momente, es ist ein magischer Ort. Der wirkliche Gipfel wird fast zur Nebensache. Von hier aus könnten wir ihn zwar in einem Tag anpacken, wenn nur die Schlüsselseillänge gelingt. Wie sich ein spärlich abgesicherter Kamin mit Bewertung 7a+/7b anfühlt, werden wir bald erfahren.

Blick nach unten auf die Schlüsselseillänge

Blick nach unten auf die Schlüsselseillänge

Über zwei Traversen und einen Handriss nähern wir uns der Schlüsselseillänge. Der senkrechte, bemooste Kamin sieht wirklich nicht einladend aus. Nach 20 Metern verengt er sich zu einem überhängenden „Offwidth“. Abgesehen von den kletter- und sicherungstechnischen Schwierigkeiten klaffen dabei 450 Meter Luft unter den Füßen. Die Schlüsselstelle ist eine moralische Prüfung. Eine Körperhälfte in den breiten Riss quetschend, mit der anderen Hälfte hinauf pressend kämpft sich Georg hinauf. Immer wieder dringt ein besorgniserregendes Keuchen und Stöhnen zu mir hinunter, das Seil läuft nur zaghaft durch meine Hände. Starr vor Anspannung stehe ich eine gefühlte Ewigkeit im Ungewissen, wage es nicht mir auszumalen, was bei einem Sturz passieren könnte, bis endlich der erlösende Jubelschrei die Stille bricht. Das Adrenalin dieser Seillänge trägt uns leicht die restlichen 200 Meter auf das Gipfelplateau, wo wir uns erlöst in die Arme fallen. Kaum zu glauben, wir haben es wirklich geschafft!

Bigwall? Gerne wieder

Nach vier Tagen in der Wand können wir endlich unsere Klettergurte ausziehen, einen Moment lang entspannen und rasten. Ein breites Lächeln zeichnet sich langsam in unsere Gesichter. Das Fazit unserer ersten Bigwall: es ist eine Schinderei, die jeden Tropfen Schweiß wert ist. Vor allem, wenn man oben beziehungsweise wieder unten steht und bei einem kühlen Bier zurück blicken kann. Klettern ist doch eine ganz wunderbare Art, die Welt zu entdecken.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. adrian Voegeli sagte am 13. Oktober 2016 um 18:13 Uhr

    Hallo zusammen,
    danke für den schönen Bericht! Wir planen, nächsten Sommer in die gleiche Ecke zu fahren….Da ich den Piolakletterführer nicht mehr auf dem Markt finden kann (vergriffen), wollte ich fragen, ob ihr ein brauchbares Topo gefunden habt oder vor Ort geschaut habt?
    Danke für die Infos und beste Grüsse aus dem Freiburgischen!

    Adrian

  2. Jörn sagte am 17. Oktober 2016 um 08:03 Uhr

    Hallo Adrian,

    in den Kommentaren findest du Klaras Hinweis auf die Topos :)

    Liebe Grüße,

    Jörn

  3. Klara sagte am 16. Oktober 2016 um 22:43 Uhr

    Genauere Informationen zu den Routen (Topos) findet ihr auf der Webseite von Camp Catta,
    unter http://www.campcatta.com/topo2.php

    Viele Grüße,
    Klara

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