Finale Ligure – Klettern, Pizza und Mee(h)r

27. September 2018

Finale Ligure ist ein Must-Go auf fast jeder To-Do-Liste eines Kletterers. Normalerweise sind solche Must-Gos oft nicht ganz so reizvoll, wie sie angepriesen werden und Finale Ligure ist nicht unbedingt der nächste Weg, wenn man in Deutschland wohnt und sich ein neues Kletterziel sucht.

Die Autorin klettert in Finale Ligure.

Marianne beim Klettern einer der vielen „Schmankerln“ in Finale Ligure.

Jedoch nimmt man die etwas weitere Anfahrt gerne in Kauf, wenn man weiß, was das Klettererherz hier erwartet. Neben absolut bockharten Touren sind auch viele Schmankerl für Anfänger, die erstmals an den Felsen gehen, dabei. Und zudem bietet sich neben den steilen Wänden meistens ein atemberaubender Ausblick über grüne, bewaldete Täler oder den weiten Ozean.

Wir hatten uns vorgenommen Silvester in Italien zu feiern und da zu dieser Zeit in Finale Ligure nach wie vor perfekte Bedingungen zum Klettern und Bouldern herrschen, ist es für uns das perfekte Ziel. Doch auch im Herbst und Frühling sind die Temperaturen dort optimal um so richtig Gas zu geben. Falls man das Ganze allerdings mit einem Badeurlaub verbinden möchte, sollte man besser den Herbst wählen, da dann das Meer auch noch nicht ganz so kalt ist.

Außerdem gibt es hier auch die Möglichkeit, die kleinen Orte und das Umland mit dem Mountainbike zu erleben. So kommt man auch bequem zu manchem Felsen und kann sich an seinem „Restday“ sportlich vergnügen. Wer also ein großes Auto hat, sollte den Drahtesel einpacken und satteln.

Finale Ligure ist ein kleines, charmantes, italienisches Städtchen.

Der Charme der kleinen, italienischen Stadt.

Im Ort Finale Ligure selbst gibt es zahlreiche Möglichkeiten, in kleinen Appartements oder Ferienwohnungen unterzukommen und wenn man mit einer größeren Gruppe unterwegs ist, lohnt es sich auf jeden Fall auch das Umland in Betracht zu ziehen. Hier sind einige Zufahrten zu den Häusern vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, da es meist steil hinauf geht, doch wann hat sich ein Kletterer schon mal vor der Vertikalen gefürchtet?

Wenn man die zahlreichen Kletterführer von Finale Ligure durchwälzt, merkt man auf jeden Fall sofort, dass man mindestens ein ganzes Jahr hier bleiben müsste, um wirklich alles gesehen zu haben. Daher kann ich hier natürlich nur eine kleine, aber umso feinere Auswahl an Spots geben.

Bric Reseghe bei Calvisio

Das erste Ziel unseres virtuellen Kletter-Trips ist das Gebiet „Bric Reseghe“ oberhalb der Ortschaft Calvisio. Fährt man noch etwas weiter, nach Chiesa di San Cipriano bis zur kleinen Kirche, hinauf, kann man dort direkt parken. Den restlichen Weg ins Dorf Calvisio Vecchia geht man zu Fuß.

Währenddessen durchquert man riesige Obstgärten und hat einen tollen Ausblick bis zum Meer und Finale Ligure. Der Weg führt einen durch zwei alte Torbögen, sowie durch weitere Bereiche des alten Dörfchens. Sobald man die Kreuzung mit der Ruine erreicht hat, biegt man nach rechts ab und folgt einer Trockenmauer. Der Zustieg ist durchwegs mit roten Rechtecken und blauen Punkten markiert, so ist die Wegfindung durchaus leicht und bildet insgesamt einen gemütlichen Spaziergang.

Durch sein breites Spektrum eignet sich der Bric Reseghe für jeden.

Der Bric Reseghe hat mit seinem breiten Spektrum für jeden etwas zu bieten.

Früher bestand das Gebiet aus gerade einmal 11 Routen; heute ist es auf etwa 70 Routen angewachsen. Nach dem Zustieg erreicht man direkt den ersten Sektor, der die Kletterer mit leichten und mittelschweren Routen anlockt. Quert man nach rechts, gelangt man in das restliche Gebiet, in dem auch die schwierigen Routen auf uns warten.

Insgesamt gibt es hier fünf Sektoren. Das windgeschützte Klettergebiet umfasst Routen von 3c bis 8a, was für Finale ziemlich einmalig ist, ein so breites Spektrum an Schwierigkeitsgraden zu bekommen.

Alle Routen sind hervorragend abgesichert und am Wandfuß lässt es sich bequem sichern. Von delikaten Platten bis hin zu abdrängenden Überhängen ist hier alles vorhanden. Jedoch muss man darauf achten, dass das Gebiet vom 1. Januar bis 31. Juli wegen Vogelbrut gesperrt ist.

Da „Bric Reseghe“ auch ideal für Familien ist und der Zustieg gerade einmal 15 Minuten dauert, kann es schon einmal zu einem kleinen Andrang (vor allem in den leichteren Routen) kommen. Falls die Lieblingstour gerade nicht frei ist, gibt es aber zahlreiche lohnende Ausweichziele sowie die schöne Aussicht, die man in der Zwischenzeit genießen kann.

Valle Rian Cornei mit zahlreichen Klettergärten

Vom Meer geht es nun ins Landesinnere und damit zum nächsten Klettergarten. „Falesia del Silenzio Inferiore“ im Tal Rian Cornei ist unser Ziel und ich kann jetzt schon sagen, dass der Klettergarten genauso abenteuerlich ist, wie sein Name es schon ankündigt.

Die zwischenmenschlichen Begegnungen sind am Falesia del Silenzio Inferiore besonders schön.

Am Falesia del Silenzio Inferiore trifft man Menschen aus den unterschiedlichsten Nationen.

Erneut parkt man bei der zuvor genannten Kirche – nur diesmal von Orco. Von dort folgt man den Markierungen mit den zwei senkrechten Linien und dem roten Dreieck. Danach geht man die Schotterstraße bergauf und orientiert sich an den Holzwegweisern, die uns kurz nach einer markanten Felsrinne etwas flacher zu einer Grotte führen. Anhand roter Markierungen kann man den Weg kaum verfehlen und geht einen mit Drahtseil versicherten Steig und ein paar Stufen zum Ziel.

Der erste Blick auf „Falesia del Silenzio Inferiore“ ist beeindruckend und fast einschüchternd. Wir stehen direkt unter einer ausladenden, überhängenden Wand aus gelben Fels. Kein Wunder, dass sich hier quasi nur die Profis tummeln, denn in diesem Abschnitt findet man kaum etwas unter 6c. Auch wenn es hier „nur“ zum Projektieren reicht, ist es eine Freude, den anderen zuzusehen und mit anzufeuern. Schön ist auch, dass hier fast jede Nation vertreten ist.

Insgesamt umfasst dieser Abschnitt nicht weniger als 40 Routen. Von technisch anspruchsvollen Platten bis hin zu athletischen Überhängen ist alles dabei. Aber auch entspanntere Routen finden ihren Platz im linken Bereich des Sektors.

Für Familien ist dieses Gebiet jedoch nur bedingt geeignet, da der Zustieg teilweise ausgesetzt und sehr steil ist. Abgesehen davon ist jedoch die Absicherung sehr gut. Und zudem hat man von hier aus einen weitreichenden Blick in das bewaldete Valle Rian Cornei.

Rocca di Corno – groß, hoch, offensichtlich lohnenswert

Wenn man das Umland von Finale Ligure etwas durchquert, sticht immer wieder ein großer freistehender Felsblock ins Auge (man wäre wohl kein richtiger Kletterer wenn man da nicht hinschauen würde): der„Rocca di Corno“.

Wir können uns dem Felsbrocken auf jeden Fall nicht entziehen und nehmen ihn uns als nächstes Ziel vor. Gesagt getan und wir fahren durch die Ortschaft Calvisio nach Verzi. Die Straße ist dort sehr schmal und mündet in eine Schotterstraße. Am Ende dieser Straße gibt es einen Parkplatz, der leider schnell überfüllt ist. Es gilt also: Der frühe Vogel fängt den Wurm, oder in diesem Fall eben den Parkplatz.

Vom Parkplatz aus ist es ein Katzensprung zum Felsen. Man überquert den Bach und folgt dem Pfad, der einen direkt zum Sektor Sud führt. Auf dem Pfad kann man natürlich auch schon vorher in die anderen der vier Sektoren abzweigen, oder eben am Wandfuß entlang den Standort wechseln. Besonders lohnenswert sind die Sektoren Sud und Zona Rossa. Zum Einen hat man hier den besten Ausblick auf Finale und das Meer und zum Anderen sind hier die längsten und beeindruckendsten Routen zu finden. Die ambitionierten Kletterer toben sich hier im mächtigen Überhang aus, aber auch für Anfänger und Genusskletterer ist etwas dabei. Selbst ein paar Mehrseillängentouren (in den unteren Schwierigkeitsgraden) können hier absolviert werden.

Der Rocca di Corno ist für Kletterer unübersehbar.

Der Rocca di Corno wird wohl jedem Kletterer ins Auge stechen!

Für kleinere Kinder ist dieses Gebiet nicht empfehlenswert. Das liegt vor allem daran, dass der Wandfuß relativ abschüssig ist. Aber auch für die Älteren kann dieser Felsbrocken ungünstig sein, da die Hakenabstände etwas weiter voneinander sind und der Übergang damit für den Ein oder Anderen mehr Überwindung kostet.

Trotzdem bleibt der Klettertag am „Rocca di Corno“ absolut unvergesslich und kann als beeindruckende Klettererfahrung eingeordnet werden.

Da es im Winter ziemlich schnell dunkel wird, konnte wir auch noch einen Blick auf Finale Ligure bei Nacht ergattern.

Klein aber oho – die Grotta dell’Edera

Ein richtiger Finale Ligure Kletterurlaub ist nicht komplett ohne einmal in der „Grotta dell’Edera“ Fels geschnuppert zu haben. Von außen erkennt man die markante Grotte nicht im Geringsten. Wüsste man also nicht wo sie sich befindet, würde der Schatz für immer verborgen bleiben.

Die Grotta dell'edera sollte jeder einmal gesehen haben.

Nicht nur für Kletterer ist die Grotta dell’edera ein Must-Have auf der Reiseliste.

Peilt man die Grotte an, muss man erst einmal der Contrada Valle folgen, bis man den Parkplatz Scimarco erreicht (der ist übrigens immer gut besucht). Das Auto geparkt, geht es zu Fuß eine kurze Strecke an der Straße zurück. Nachdem man an eine kleine Siedlung gelangt, durchquert man die engen Gassen und folgt der Beschilderung. Es geht leicht bergan, bis man schließlich kleinere Felsen erreicht. Von dort kann man nun auch den Eingang der Grotte sehen.

Die Höhle selber ist unten etwas weitläufiger. Der Weg führt über große Felsstufen aufwärts. Danach kommt ein enger, versicherter Steig. Die Stirnlampe ist hier absolut notwendig und durch die kleine Öffnung zur Grotte passt man besser ohne Rucksack durch. Das bedeutet jetzt allerdings nicht, dass ihr den Rucksack zurücklassen müsst; er kann einfach vom Seilpartner nachgereicht werden.

Da es in der Höhle immer feucht ist, sollte man festes Schuhwerk tragen und das Wegstück mit erhöhter Aufmerksamkeit zurücklegen. Doch kaum schlüpft man aus dem engen Gang fällt einem förmlich die Kinnlade herunter, denn eine zylinderförmige Grotte mit großem Dachfenster, Löchern und Sintern sieht man dann doch nicht so häufig.

Überhang-Freaks kommen hier auf jeden Fall nicht zu kurz. Trotzdem ist es von Vorteil wenn man den 7. Schwierigkeitsgrad solide beherrscht, um ein wenig Spaß zu haben. Doch auch wenn man nur zum „Gucken“ kommt, ist diese Grotte absolut einen Ausflug wert und der innere Abenteurer zufrieden gestellt.

Familien mit kleineren Kindern ist der Besuch dennoch abgeraten, denn der Zustieg kann durchaus heikel werden.

Fazit

Obwohl die Grotte ein ziemliches Highlight ist, ist sie nicht das einzige, was im Gedächtnis bleibt. Final Ligure ist bei Sportlern und vor allem bei Kletterern durchaus bekannt, aber der kompakte, vielseitige Fels und die schöne Aussicht packt einen einfach immer wieder. Von der Pizza und dem guten Wein natürlich ganz zu schweigen.

Nicht nur bei Tag, sondern auch bei Nacht ist Final Ligure schön.

Auch schön: Final Ligure bei Nacht.

Ein anderes Highlight dieses Trips war für mich aber auf jeden Fall noch die Silvester-Feier, zu der wir von unseren schon etwas betagteren Vermietern eingeladen wurden. Wir hatten verstanden, dass das gesamte Dorf zusammen feiern würde und wanderten daraufhin motiviert vom Ferienhaus in die Siedlung hinunter. Als uns allerdings keine Menschenseele begegnete und alles verdammt ruhig war, wurde uns klar, dass wir das wohl falsch verstanden haben. Zu diesem Zeitpunkt haben wir uns dann doch gewünscht ein wenig italienisch sprechen zu können.

An der besagten Adresse angekommen, fanden wir jedoch den „Ältestenrat“ des Dorfes sowie unsere Vermieter, mit denen wir uns verabredet hatten. Die Rentner blieben also zum Feiern im Dorf, während sich die Jugend am Meer versammelt.

Mit der Runde genossen wir ein selbstgekochtes Fünf-Gänge Menü, mit jeder Menge Wein und erlebten alten italienischen Schlager. Das große Feuerwerk blieb aus, denn im Dorf selbst wurden nur genau zwei Raketen abgefeuert. Wir haben unseren Silvester-Abend aber definitiv nicht bereut! Für uns war Finale damit nicht nur ein außergewöhnlicher Kletter-Trip mit tollen Spots, sondern auch eine schöne zwischenmenschliche Erfahrung, mit so viel Gastfreundschaft, so dass es auch genügt hat, dass wir auf alles nur mit „Sì“ geantwortet haben.

Wenn ihr also mal Lust habt Finale Ligure auf eine besondere Art und Weise kennen zulernen, dann zögert nicht davor auch mal über die Feiertage dort hinzugehen. Ich kann es euch nur wärmstens empfehlen!

Ein paar Fakten zur Orientierung

Fakten „Bric Reseghe“

  • Ausgangspunkt: Parkplatz Lacrema bei der Kirche
  • Zustieg: 15 Minuten
  • Ausrichtung: Süden, Osten
  • Charakter: Platten-, Wand-, Überhangkletterei
  • 5 Sektoren mit etwa 70 Routen insgesamt
  • Schwierigkeit: 3c bis 8a
  • Ausrüstung: Sportklettern, 60 Meter Seil
  • Familienfreundlich und sehr gut abgesichert

Fakten „Falesia del Silenzio Inferiore“

  • Ausgangspunkt: Parkplatz Ordo bei der Kirche
  • Zustieg: 30 Minuten (teilweise versicherter Steig und sehr steil)
  • Ausrichtung: Südwesten
  • Charakter: Platten-, Überhangkletterei
  • Großer Sektor im Valle Rian Cornei mit etwa 40 Routen insgesamt
  • Schwierigkeit: 5c bis 7c+
  • Ausrüstung: Sportklettern, 60 Meter Seil, feste Schuh für Zustieg
  • Sehr gute Absicherung aber nur bedingt familienfreundlich

 Fakten „Rocca di Corno“

  • Ausgangspunkt: Parkplatz Corno am Ende der Schotterstraße bei Verdi
  • Zustieg: 15 Minuten
  • Ausrichtung: Süden
  • Charakter: Überhang-, Wandkletterei
  • 4 Sektoren mit etwa 100 Routen insgesamt
  • Schwierigkeit: 4a bis 7c
  • Ausrüstung: Sportklettern, Mehrseillängentouren, 70 Meter Seil
  • Gute Absicherung aber nur bedingt familienfreundlich

Fakten „Grotta dell’Edera“

  • Ausgangspunkt: Parkplatz Scimarco
  • Zustieg: 20 Minuten
  • Ausrichtung: Norden, Süden, Osten, Westen
  • Charakter: Sinter-, Loch-, Überhangkletterei
  • Zylinderförmige Grotte mit 15 Routen
  • Schwierigkeit: 6b bis 8a+
  • Ausrüstung: Sportklettern, 70 Meter Seil, Stirnlampe!
  • Sehr gute Absicherung, nicht familienfreundlich

 

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Simone sagte am 20. November 2018 um 12:50 Uhr

    Spätestens nach dem lesen dieses Artikels möchte man am liebsten seine Tasche packen und los fahren!
    Alle Fakten und Zahlen kompakt zusammengefasst.
    Besser geht es nicht!
    Vielen Dank! :-)

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