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Klettern im Kängurustyle Teil 3: Tasmanien

15. September 2016

Sportart

Es gibt Fotos, die lassen dich nie wieder los. So ging es Georg, als er das Bild vom Totem Pole auf Tasmanien gesehen hat. Der Traum, diese dünne Nadel einmal zu klettern, blieb immer in seinem Kopf und letztendlich war sie der eigentliche Grund für unsere Australienreise. Jetzt, wo wir im Flugzeug in Richtung Tasmanien sitzen, ist sie wieder ganz präsent. Vielleicht wird dieser langersehnte Traum in ein paar Tagen erfüllt und Georgs Wunschliste um einen Gipfel kürzer?

Epic oder marvel

Orgeln zum Klettern

Orgeln zum Klettern

Über 1000 Kletterrouten gibt es allein in Launceston, doch uns zieht es aus vielerlei Gründen in Richtung Süden. Natürlich wegen dem Totem Pole, aber auch, weil es für unseren Geschmack zu viel Stadt, zu viele Menschen, zu viel Zivilisation ist. „Many climbs are only a 10 minute walk away from the city center and the weather is generally better here“ zu einfach und zu bequem, da suchen wir lieber das Abenteuer. Auf einer Insel, die fast nur aus unberührter Natur besteht macht das in unseren Augen mehr Sinn. Unsere erste Station heißt deshalb Ben Lomond: eine 30 Kilometer lange Dolerite Mauer, wie der Führer verspricht. „A place of epics and marvels“, das ist schon eher nach unserem Geschmack. Wie Orgelpfeifen stehen die Säulen dicht nebeneinander und bilden einen perfekten Riss neben dem anderen. Hunderte Linien von bis zu 200 Metern Höhe sind nur einen Katzensprung vom Parkplatz entfernt. Die einzige Unannehmlichkeit ist unsere Ausrüstung, denn wir haben nur wenige Friend-Größen doppelt dabei. In den nächsten Tagen geben wir uns deshalb fröhlichem Leap-froggen und wilder Seilführung hin, um wieder und wieder auf den Gipfel des Felsriegels zu klettern. Von der Local Loser buttress bis zu den Frew’s Flutes, wo wir in Routen wie Rajah, Barbe di Vendetta und Defender of the faith unsere Leidenschaft für Risse wiederentdecken. Und das in völliger Einsamkeit – wir sind nicht nur die einzigen Kletterer hier, sondern die einzigen Besucher weit und breit. In der „primitive camping area“ können wir es uns richtig gemütlich machen, in der Hängematte chillen und Wein schlürfen, den Abend verbringen wir philosophierend am Lagerfeuer. Könnte das Leben schöner sein?

Freycinet

Klippenklettern

Klippenklettern

Nicht der Sekt, sondern schneeweiße Strände vor türkis- und smaragdgrünem Meer. Die Ostküste Tasmaniens ist ein beliebte Urlaubsregion für Einheimische und Australier. Uns interessieren zudem die zahlreichen, kleinen Klettergebiete entlang der Küste. Vom Klippenklettern, bei dem man 30 bis 50 Meter zum Meer abseilen muss, bis zu kleinen Granitblöcken, die entlang der Felsküste verteilt sind. Orange leuchtende Flechten bilden einen einzigartigen Farbkontrast zu der wunderschönen Küste. Nur die kühle Brise und das unbeständige Wetter machen uns hier und da einen Strich durch unsere Rechnung, sodass es bei ein paar vereinzelten Routen hier und da bleibt. Nicht weiter schlimm, denn noch ist das unbeständige Wetter eine willkommene Abwechslung zur Hitze des australischen Festlandes und eigentlich sind wir ja nur auf der Durchreise in Richtung Süd-Osten, unterwegs zur Tasman Peninsula. Liebhaber von Traversen sollten aber eine Klettertour nicht auslassen: die zwei Kilometer lange Hazard Sea-level Traverse ist sicherlich ein Abenteuer für sich…

Klettern nach dem Mondkalender

Hinter den Eukalyptuswäldern

Hinter den Eukalyptuswäldern

Während auf „Mainland“ beim Autoverleih deutlich betont wurde, dass wir nicht auf ungeteerten Straßen fahren dürfen, gab es auf Tasmanien nur den kurzen Hinweis, dort bitte vorsichtig zu fahren. Der Grund ist bald klar, wer auf Tasmanien nur auf Teer unterwegs sein will, wird nicht weit kommen. Schon über Stunden brettern wir auf staubigen Schotterpisten dahin, immer tiefer hinein in die schattigen Eukalyptuswälder. Die Straße endet in der idyllischen Fortescue Bay, dem Ausgangspunkt für die hiesigen Sea-Stacks. Wie es scheint vor allem ein guter Platz zum Angeln, denn es wimmelt nur so von Fischern. Wanderer und Kletterer verirren sich zumindest zu dieser Jahreszeit vergleichsweise selten hierher. Wir reißen unsere Rucksäcke aus dem Auto und sind schon unterwegs in Richtung Cape Huay. Über Holzstege durch unberührte Natur erreichen wir keine Stunde später den Klippenrand und recken neugierig unsere Hälse in Richtung Abgrund. Noch nichts zu sehen. Ein schmaler Pfad führt durch die steile Böschung abwärts und in einer Querung um die Kante herüber zum Abseilstand. Erst hier kommt vom Klippenrand die dünne Felsnadel in Sicht: wie eine zerbrechliche Kerze aus Stein steht der Totem Pole zwischen den hohen Wänden von tasmanischer Küste und dem Nachbarfels des Candle Stick. Allein dieser Anblick war die ganze Reise wert, doch wir wollen mehr. Wir wollen hinauf und dazu müssen wir erst einmal hinunter zur Basis. Vom unteren Stand wollen wir einer nach dem anderen zwischen zwei Wellen zum Stand am Totem Pole überwechseln. Doch der Tidenhub ist gewaltig! Der Wasserspiegel steigt bei jeder Welle um mindestens 1,5 Meter und fegt uns fast vom Stand- keine Chance um da herüber zu kommen! Wir müssten zum Totem Pole schwimmen. Die ernüchternde Einsicht: ohne Ebbe-Phase geht hier gar nichts.

Übung macht den Meister

Finger of Blame

Finger of Blame

Der Totem Pole hat bei uns schon nach dieser kurzen Erkundungstour seine Spuren hinterlassen. Eingeschüchtert durch die Naturgewalten schleichen wir ins Camp zurück, in den Köpfen schwirren lauter Fragezeichen. Wie soll das gehen, auch bei der größten Ebbe schwappen uns doch die Wellen weg, und wie funktioniert die Tiroler Traverse ganz konkret?! Einstimmig ziehen wir uns in ein etwas gemäßigteres Übungsgelände zurück, am Cape Raoul gibt es eine Vielzahl kleinerer Nadeln die man trockenen Fußes erreichen kann. Dafür müssen wir allerdings eine lange Wanderung auf uns nehmen. Wie Orgelpfeifen stehen die dünnen Felsnadeln nebeneinander, dahinter leuchtet blau das Meer. Die Basaltsäule Finger of Blame passt irgendwie zu unserer Situation und ist mit drei Sternen bewertet. Zudem ist es die dünnste Nadel, ein bisschen Adrenalin muss sein. Aufgrund der angekündigten „terrible exit pitch“ fixieren wir beim Abseilen in die Schlucht eines unserer Halbseile, um später daran hinauf zu prusiken. Ab hier geht es also mit einem Strang weiter. Über eine lange Traverse erreichen wir seine benachbarte Felsnadel, wo uns eine drei Meter breite und 30 Meter tiefe Schlucht vom Finger of Blame trennt. Kein Problem für Georg, der beim Abseilen kurz herüber schwingt, aber jetzt soll ich folgen. „Nimm deine Sicherung heraus und spring!“ Mein Zeigefinger wandert zur Schläfe, das hat er doch nicht ernst gemeint, oder? Wir wollten doch die Tiroler Traverse üben?! Ich fixiere das Seilende und schwebe gesichert zu Georg herüber, der jetzt über die glatte Mauer zum Gipfel hinauf tanzen darf – eine schlappe 8-. Im Nachstieg schrubbt das 7.8 mm Tendon Master über die scharfe Kante des Gipfels. „Vielleicht solltest du das Seil nicht unbedingt zu sehr belasten“… Georg versteht es die Motivation beim Klettern aufrecht zu erhalten. Ein Blick in die Tiefe gibt mir die nötige Kraft um den winzigen Gipfel zu erreichen, von dem wir über unsere „Tyrolean“ elegant zum Ausgangspunkt herüber seilen. Genauso machen wir das am Totem Pole, auf zum Cape Hauy!

Klettern nach dem Mondkalender

Vier Jahreszeiten an einem Tag

Vier Jahreszeiten an einem Tag

Mondkalender sind nicht unbedingt unser Ding, weder beim Haareschneiden noch beim Blumengießen. Aber hier am Pole ist er das Ass im Ärmel. Es geht um Nippfluten und den Stand von Sonne, Mond und Erde. Ganz abgesehen von Windstärken und Hoch- und Tiefdruckgebieten, denn neben Tide ist das Wetter momentan unser größter Feind. „Four seasons a day is typical Tassie weather„, lacht der Ranger auf die Frage nach einem Wetterbericht. Gute Bedingungen am Pole sind unvorhersehbar, für uns wie ein Sechser im Lotto. Nach einigem Abwarten beschließen wir, es einfach zu versuchen. Wo ein Wille ist, da gibt es auch einen Weg…

 

Material

Tendon Master 7.8mm (Halbseile) und Tendon Hattrick 10.2mm (Einfachseil)

Singing Rock Onyx und Garnet, Helm Penta, Karabiner, Expressen und Risskletterhandschuhe Chocky

Totem Cams und Basic Totem Cams von Totem

Kletterschuhe Tenaya RA und Triop Tiger

Optimus Polaris Kocher (Benzin und Gas) mit Optimus Terra Lite HE Cook Set Töpfen

LEKI Micro Vario Carbon

ENO Doublenest Reisehängematte

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