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Klettern im Kängurustyle Teil 2: Grampians und Arapiles

6. September 2016

Sportart

Über den Eukalyptuswäldern

Über den Eukalyptuswäldern

Auf in die Grampians, einem der bekanntesten Kletter-Eldorados in Australien. Schon beim Blättern durch den Kletterführer ist klar, ob Sport oder Trad, hier findet jeder das Seine. Für den Anfang haben wir uns den Mount Rosea ausgesucht, mit seinen Trad- Linien in gemäßigten Schwierigkeitsgraden. „Auf den Fersen des Feuerteufels„, so könnten wir unseren Kletter-Road-Trip durch Australiens Süd-Westen nennen. In den Grampians hat es vor ein paar Jahren gebrannt. Die hellgrüne Blätterpracht leuchtet im Kontrast zu den verbrannten, schwarzen Baumstämmen. Beeindruckend, wie sich die Natur regeneriert, wie überall das neue Leben sprießt. An riesigen Grasbäumen vorbei, geht es durch lichten Eukalyptuswald auf schmalen Pfaden den steilen Hang empor, bis wir unter der grau-rosa eingefärbten Felswand stehen. Ihre Risse und Verschneidungen ziehen durch das grüne Blätterdach in den blauen Himmel hinauf. Wir haben die Qual der Wahl zwischen einem Duzend Routen, die alle verlockend aussehen. Uns schwebte ein entspannter Klettertag an gutem Fels und soliden Sicherungen vor und dafür sind wir hier genau richtig. Nach dem Motto „nimm zwei“ entscheiden wir uns für die als beste Route angepriesene Martin Eden (6) für den Anfang und The Jesus Factor (8-) obendrauf. Welch eindrucksvoller Auftakt für eine Woche Klettern in den Grampians!

Richtige Ausrüstung ist die halbe Miete

Das eigene Abenteuer!

Das eigene Abenteuer!

Am Mount Difficult verrät schon der Name, was zu erwarten ist. Wunderschöne bunte Wände, aber glatt und steil wie eine Festung mit einer Marmorfassade. Als Sicherungen gibt es nur rostige Carrot-Stifte, es winken nervenzerreibende Clipping-Zitterpartien wie in den Blue Mountains. Dabei wären in der rechten Wand wunderschöne, wasserzerfressene Strukturen, die genügend Möglichkeiten für mobile Sicherungen bieten. Wieso gibt es hier keine Routen?! Wir beschließen kurzerhand einen eigenen Weg durch diesen verlockenden Wandteil zu suchen – auf ins Abenteuer! Die Strukturen verschlingen unsere Friends und Keile, regelmäßig lässt sich einer der Felswulste mit einer Bandschlinge abbinden oder eine Sanduhr legen. Nach drei langen Seillängen stehen wir auf einem Felsen, der von der Seite aus betrachtet aussieht wie der Kopf eines Nilpferds. Er ist nur eine von vielen Gipfelzacken, die das etwa 100 Meter hohe Felsmassiv zieren. Zu beiden Seiten zieht sich unser Felsriegel soweit das Auge reicht, hinter uns erstreckt sich eine weite Hochebene voller Dickicht und Gestrüpp. In dieser wildromantischen Umgebung stört nur eine klitzekleine Nebensächlichkeit: wie kommen wir hier eigentlich wieder herunter? Irgendwo rechts müsste der Wanderweg sein… eine Stunde später schlagen wir uns immer noch durch das Gestrüpp, müssen immer wieder kleine Bäumchen erklimmen um uns zu orientieren. Es ist grotesk, denn vom Rand der Felswand können wir den Parkplatz sehen. Der nächste Baum am Rand der Schlucht wird kurzerhand zum Abseiler umfunktioniert. Ein glücklicher Zufall bringt uns zu einem weiteren Baum 50 Meter tiefer, von dem aus wir direkt auf dem Wanderweg unter der Wand landen. Na also, geht doch – es lebe unser 60 Meter Doppelseil!

Bissiger Taipan

Steile, überhängende Wände

Steile, überhängende Wände

Nach diesen Trad-Abenteuern ist zur Abwechslung wieder Sportklettern angesagt, an der berühmt-berüchtigten Taipan Wall. Benannt nach der hier lebenden Taipan Schlange, deren Gift genauso tödlich ist wie die Hakenabstände und die Schwierigkeit der Routen an dieser Wand. (So reime ich mir das zumindest zusammen!) Neurotoxisch sozusagen, für Kletterer daher magisch anziehend, auch für uns! Die 70 Meter hohe, überhängende Wand leuchtet schon von weitem Orange-Rot herüber, sie ist umrahmt von wasserzerfressenen, grauen Strukturen des soliden Sandsteins der Grampians. Der Traum eines jeden Kletterers. Zunächst wollen wir uns in einer der leichteren Routen einklettern, Tokyo Connection (6) ist fast die einzig leichte Linie rund herum, dafür aber ohne Haken. In Anbetracht einer so coolen Linie also doch wieder Trad. Ein Riss-System zieht in einem langen Bogen zu einem Dach hinauf, das (Yosemite-like) in einer langen Traverse umgangen wird. Da winken spannende Momente für den Vor- und Nachsteiger! In gebückter Stellung den schmalen Riss klemmend und auf der glatten Platte stehend, bleibt nur zu hoffen, dass keine Hand und kein Fuß wegrutscht, sonst droht ein laaanger Kiene-Swing. Wie so oft ist die Phantasie wilder als die Wirklichkeit, sodass wir diese fantastische Linie ohne extra Portion Adrenalin hinter uns bringen. Schon stehen wir weiter rechts unter den „ernsthafteren“ Routen. Die Schwierigkeiten fangen hier bei 7b gerade erst an, dementsprechend glatt und überhängend ist dieser Wandbereich. Der erste Bolt in unerreichbarer Höhe wird (wie in Australien üblich) mit einem Clip-Stick eingehängt. Der Puls ist trotzdem gleich auf 200: mickrige Griffe, lange Züge – keuchend, schwitzend, stöhnend geht es Zentimeterweise nach oben. Der erste Stand ist wie eine Erlösung, auf weniger als 30 Meter ist die komplette Kraft verpufft. Ja, es ist heiß wie im Backofen, aber wir wissen beide zu genau, dass die Temperaturen nur ein Vorwand für den Rückzug sind. Der Fels hat uns wieder einmal auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht.

Streicheltier-Zoo

Schon am frühen Nachmittag lungern wir also am Mount Stapylton Campground herum. Kreisförmig umschließen zahlreiche Zelte die runde Grasfläche in der Mitte, wo wir endlich Wallabys aus der Nähe erleben. „Schaue mal, wie süß, ein Junges…!“ Eingelullt in diese idyllische Szene hebe ich nichts ahnend eine Tasse vom Boden, da springt mir eine riesige Spinne entgegen! Ein faustgroßer Huntsman, auf Deutsch Riesenkrabbenspinne. Vogelspinnenartig mit dicken, behaarten Beinen – in weitem Bogen fliegt die Tasse über den Platz während ich kreischend einen riesen Satz nach Hinten mache. Das angriffslustige Viech verfolgt mich hüpfend wie ein Känguru einige Meter um das Zelt, bevor sie von mir ablässt. Ja spinne ich! Meine ungeplante „Einlage“ erheitert den ganzen Campingplatz. Vielleicht sollte ich in diesem elektrisierten Zustand noch einmal zur Taipan Wall hinauf gehen…

From twelve to three, sleep under a tree

Am frühen Morgen hoch hinaus

Am frühen Morgen hoch hinaus

Stefan Glowacz hängt lässig an einem Arm, natürlich seilfrei, am Eck eines ausladenden Daches. Unter ihm die Weite der australischen Savanne. Dieses beeindruckende Foto ging um die Welt, es ziert unter Anderem das Cover seines Buches „On the rocks„. Wo diese Route nur noch einen Katzensprung von uns entfernt ist, haben wir als deutsche Kletterer doch sozusagen die Pflicht, ihr einen Besuch abzustatten?! Ein paar Autostunden später erreichen wir den kleinen Zeltplatz am Arapiles, dem zweiten weltberühmten Klettergebiet im Bundesstaat Victoria. Kilometer über Kilometer fester Sandstein, die Routenanzahl könnte uns locker die nächsten paar Wochen beschäftigen. Wenn es nur nicht so heiß wäre! „From twelve to three, sleep under a tree„…besser gesagt, in der Hängematte abhängen bis die Lebensgeister wieder erwachen. Klettern ist nur früh morgens und Spätnachmittags möglich. Für heute begnügen wir uns mit einer kurzen Route an der Tiger Wall und der Drei-Sterne-Route The Bard (4) am Sektor Bard Buttress, um die Kühle des Abends zu nutzen. Der feste Sandstein ist rau und lässt sich perfekt absichern, das Klettern durch griffige Dächer und beste Strukturen ist wie eine Sucht. Kurz nach Sonnenaufgang sind wir schon an der berühmten Kachoong (7+), wo sich Georg athletisch durch das Dach schwingt. Glowacz-like nur mit Seil. Was für eine coole Linie! Kaum oben eilen wir schon wieder herunter, um die nächste Tour in Angriff zu nehmen. So geht das eine knappe Woche, in der wir die schönsten Routen am Arapiles klettern. Die Pausentage sammeln wir für später, wenn wir wieder Strecke machen müssen: auf dem Weg zum schönsten Klettergebiet Australiens – nach Tasmanien!

Mehr Fotos gibt’s auf www.d-on-r.de

Material

Tendon Master 7.8mm (Halbseile) und Tendon Hattrick 10.2mm (Einfachseil)

Onyx und Garnet, Helm Penta, Karabiner, Expressen

Totem Cams und Basic Totem Cams

Triop Tiger Kletterschuhe

Optimus Polaris Kocher (Benzin und Gas) mit Optimus Terra Lite HE Cook Set Töpfen

LEKI Micro Vario Carbon

ENO Doublenest Reisehängematte

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